Das dritte Gesicht

9.

Carelis hatte schon lange nichts mehr so weh getan wie das falsche, leere Lächeln, mit dem Fíonán ihn bedachte. /Rachaet, du stehst für so viel Gutes in meinem Leben, meine Fähigkeiten, meinen Mut. Aber du bist auch das Symbol für so viel Einsamkeit./ Missmutig starrte er den Blutstropfen an. Dann sah er zum Frühstückstisch und seufzte. Jetzt würden sie dort sitzen, Saft und Tee und Milch trinken, lachen vielleicht. Fíonán würde den Blick nicht von seinem Gesicht wenden, würde ihm etwas erzählen... alles vorbei? Gleich?

Carelis schloss die Augen und dippte seinen Finger in das Blut. Dann leckte er daran, es schmeckte süß, wie immer eigentlich. Er verabscheute das. Ihm wurde übel und er wartete. Wie immer. Nach einer halben Minute spätestens würde es beginnen, das Kribbeln, das Sehnen, das Wollen, die wilden Instinkte würden erwachen, und Rachaet würde ihm für einige Momente die Kontrolle nehmen, würde sich umsehen und dann... Es passierte nichts. Carelis hieb auf den Knopf und rieb sich die Augen.

Während er noch verfluchte, dass er solch ein Pechvogel war, pfiff das Intercom leise und zeigte ihm die zweite Nachricht.

"Care, mein Schatz. Wir haben dich lange nicht hier gesehen. Wollten dir nur erzählen, dass Radmaen hier war, mit seinem Gefährten, ein sehr exzentrischer junger Mann, sie haben schon Nachkommen auf den Planeten gebracht, wie stolz die beiden waren, wir hoffen nun auch für dich und beten jeden Tag."

Seine Mutter, so herzlich, sanft und besorgt. Care packte leises Heimweh; mal wieder in die Urwälder, mal wieder zu den Stränden mit perlmuttfarbenem Sand, mit fischreichen Riffs. Sobald er die Augen schloss, sah er seine Bucht, sah die Wellen weich heranrollen, sah die Fische wieder, die tropischen Früchte. Nur Daryller lebten hier, denn die Lemar duldeten niemanden sonst als die Daryller und ihre Gefährten. Mit einem Mal, wie einen kleinen Blitz, sah er weiße, wallende Haare aufwehen, um eine Ecke, hinter einigen roten Felsen verschwinden.

Carelis zuckte zusammen und schloss das Intercom mit einem Klack. Dann ging er zur Sauna und blieb vor der Tür stehen. "Entschuldige, Fíonán. Es war - wie immer - blinder Alarm. Ich habe nie Glück, werde niemals meine dritte Seele finden. Wollen wir frühstücken?"

Er hatte kaum Hunger und ihm war nach Arbeit, ablenkender Arbeit zumute. Sachte klopfte er dennoch an die Tür, weil es still blieb. "Komm ruhig raus, es tut mir leid. Ich kann nichts für diese Vorsicht. Ich will nur nicht, dass dir etwas passiert."

Fíonán konnte sich nicht rühren, als er das leise Klopfen und die dunkle Stimme vernahm. Die Erleichterung, dass es noch immer Carelis war, dass er nicht gehen würde, war so tief, dass es schmerzte. Doch die Angst deswegen lähmte ihn regelrecht, schnürte ihm die Kehle zu. /Das kann nicht gut gehen. Das geht nie gut. Herren und Schlüssel können keine Freunde sein. Er wird gehen. Dann wird er eine Gefährtin haben. Und immer, wenn er mich sehen möchte, würde er mich mieten müssen. Wer tut das schon? Es ist unmöglich.../ Er hatte das Gefühl zu ersticken.

Irgendwie gelang es ihm dennoch, sich aufzurappeln und mit zitternden Händen den Riegel zurückzuschieben. Aber es dauerte noch länger, ehe er genug Mut aufbrachte, um die Tür zu öffnen. Starr sah er zu Boden, auf die nackten Füße des Daryllers, die sich rötlich und dunkel von dem hellen Sandstein abhoben.

"Es tut mir leid. Ich wollte nicht, dass du auch nur der geringen Chance ausgesetzt wirst. Ich bekomme eigentlich fast täglich solche Nachrichten und Anfragen. Mittlerweile glaube ich schon nicht mehr daran, dass ich jemanden finden werde, der zu mir passt." Mit schwerem Herzen blickte Carelis auf den hellen Schopf vor sich. Die Trauer, die der Elf empfand, schien sich in seiner Umgebung zu zeigen. Die Federn hingen nur noch, die Hose hatte einige Falten an den Knien und ließ ihn mit einem Mal wie ein Kind aussehen.

Langsam streckte Carelis die Hand aus, um Fíonán über die Haare zu streicheln, die ihm ins Gesicht hingen, doch im letzten Moment gelang es ihm, sich zusammenzunehmen. Stattdessen erklärte er leise "Ich wollte dich nicht einsperren, war das schlimm? Bist du hier im Zimmer eingesperrt? Ist es das?"

Er drehte sich um und ging langsam zum Tisch zurück, um eine Tasse mit heißer Schokolade zu füllen und dem Elf auf seinen Sitzplatz zu stellen. Er nahm dieses Mal nicht gegenüber Platz, sondern ließ sich auf einem Sessel nieder, den er gleich neben den von Fíonán gezogen hatte. "Ich wollte nicht, dass du traurig bist, Fíonán. Kann ich das irgendwie wieder gutmachen? Gibt es eine Chance?"

Fíonán war hinter ihm her geschlichen, jetzt setzte er sich in den Sessel, faltete sich so klein wie möglich zusammen. Seine Haare fielen nach vorne, vor sein Gesicht, vor seinen Körper. Ihm war gar nicht mehr nach Federn und Veränderung, er wünschte sich, seine Tunika angezogen zu haben, die zwar zu dünn war, um ihn wirklich zu verbergen, aber die doch irgendwie immer wie ein Versteck gewesen war, lose fallend, nichts wirklich offenbarend. Er wünschte sich, niemals auf das Du eingegangen zu sein, doch noch vor ein paar Minuten war so glücklich, so euphorisch gewesen, dass er gedacht hatte, die Welt hätte sich irgendwie gedreht, verändert.

"Nein. Es war nicht das Einsperren", sagte er leise. "Ich kann... normalerweise... fast durch den ganzen Palast." Wenn auch nicht weiter. Exakt an dessen Toren war Schluss. So nah und doch unerreichbar fern. Er schwieg, schlang fröstelnd die Arme um den Körper. Die Sonne hatte an Intensität verloren. "Es kann nicht gut gehen", murmelte er schließlich ohne aufzusehen. "Es tut mir leid, ..." Gerade noch gelang es ihm, das 'Herr' zu unterdrücken.

/'Es kann nicht gut gehen' ist kein Satz, der mich irgendwie beruhigt./ Carelis seufzte und blickte auf den zusammengesunkenen jungen Mann. Er war dennoch erleichtert. Erleichtert weil der andere ehrlich war, nicht hinter der lächelnden Maske verschwand. Er seufzte und rührte unnötigerweise in seiner Tasse, dann murmelte er "Doch, es kann, wenn man sich stark genug fühlt. Ich verlange zu viel, das tut mir leid."

Der Stimmungswechsel vom Lachen, von der Fröhlichkeit fort zu dem Häufchen Elend auf dem irgendwie größer wirkenden Sessel faszinierte Carelis. Man konnte Fíonán schon an der Haltung des Kopfes ansehen, an der Art, wie er seine Finger um den Oberkörper legte, sich umarmte, was er wirklich brauchte... Was er eigentlich hätte haben sollen, sein Leben lang.

Die Kiste kam Carelis wieder in den Sinn. Die Freude, die das Wegwerfen dieser Gegenstände hervorgerufen hatte. Er betrachtete das blasse Gesicht des anderen erneut, nutzte aus, dass dieser in seine eigenen Gedanken versunken nicht reagierte. /Was hat er alles schon durchgemacht? Vermutlich erwarte ich wirklich zu viel. Eins nach dem anderen./

"Ich muss mich heute noch ein wenig mit dem Metall beschäftigen, Fíonán. Wollen wir uns später, heute Nachmittag wieder, ein wenig unterhalten? Willst du noch mit mir reden?" Carelis' Stimme schwankte leicht. Sorge machte sich in ihm breit, die Sorge, dass Fíonán sich nur mit ihm beschäftigte, weil er musste, weil er ein Sklave war, weil er keine Wahl hatte. /Ziehst du die Kiste mir vor? Diese schwarzen, harten Sachen findest du weniger schlimm als mich? Ist es das?/ Wie unfair so zu denken und wie schmerzhaft. Nun war es an Carelis, den Kopf zu senken, während seine Finger den Rand der Tasse entlang fuhren.

/Ich sollte gehen, schnell, bevor ich zulasse, dass ich mich selber enttäusche. Es hat sich nur so richtig angefühlt mit ihm, so ruhig, so gelassen, so sehr, wie es sein sollte, dass ich... Hör endlich auf, du Träumer!/

"Ja... gerne", wisperte Fíonán. /Ich werde ihm dann erklären, warum es nicht funktionieren kann. Wenn ich jetzt damit beginne, fange ich bestimmt an zu weinen. Das ist nicht gut./ Blicklos sah er in die Tasse, die dampfend vor ihm stand, doch er rührte sie nicht an. Er hatte keinen Hunger mehr und keinen Durst. /Ich werde es ihm erklären, er wird es... Vielleicht wird er es verstehen. Kann er so etwas überhaupt verstehen?/

"Dir... hat meine Musik gestern gefallen. Soll ich wieder spielen, wenn du mit deinem Metall redest?", fragte er leise. /Nicht soll ich... Darf ich?/ Er sehnte sich danach, sehnte sich nach den Melodien und ihrer Leichtigkeit, nach dem Vergessen, nach der Unbeschwertheit. Nach der Klarheit in ihren Tönen.

"Aber immer doch, Fíonán. Alles, was du willst." Carelis erhob sich und ging zur Couch zurück, wo er noch immer auf dem Brot kauend begann, sich mit den Metallen auseinander zu setzen. Er klappte das Intercom wieder auf und begann mit leiser Stimme, um Fíonán nicht bei seiner Musik zu stören, in das Gerät zu diktieren, was er an der ersten Probe fand. Die Fähigkeiten, die Lagerung, die Intelligenz, die er noch testen musste. Schon bald versank er vollkommen in der Konzentration seiner Sinne darauf.

Fíonán sah ihm nach, beobachtete ihn eine Weile, seine geschmeidigen Bewegungen, seine Art zu laufen. Irgendwie schien es schwerfälliger zu sein als noch vor einer halben Stunde. /Ist es wegen mir? Nein, das kann nicht sein. Es ist, weil er immer noch keine Gefährtin hat. Er braucht sie. Ich bin ungerecht zu ihm./ Aber es tat trotzdem weh.

Er holte wieder die Harfe hervor, nicht aus einer Überlegung heraus, sondern weil sie groß war. Groß genug, um sich an sie zu lehnen, sich hinter ihr zu verstecken. Er zog den Hocker in die hinterste Ecke des Zimmers, stimmte nur minimal nach, ehe seine Finger zaghaft über die Saiten zu gleiten begannen. Er ließ all seine Hilflosigkeit in die Musik fließen, all seine Trauer, seine Angst, ließ sie mit den Tönen durch den Raum schweben und davon gleiten. Irgendwann begannen Tränen seine Wangen hinab zu fließen, doch er merkte es nicht. Sie trockneten wieder, und er spielte nur weiter und weiter.

Die Musik war Teil des Raumes geworden, Teil der Geschichte, die dieses Zimmer hatte, das spürte Carelis. Er verfluchte Rachaets Instinkte so viele Male, aber eines wusste sein zweites Gesicht besser, mit tief liegenden Gefühlen umzugehen. Dieser junge Mann, der so unfreiwillig und dennoch so passend sein Gastgeber geworden war, ging auf in der Musik, löste sich darin, versank komplett und verbrauchte seine Gefühle, die er anscheinend sonst nicht zeigen durfte.

Carelis spielte mit den Metallen, machte seine Tests, ließ sie lernen, versuchte sie zu trainieren, damit er sie bei einem Handel vorführen konnte. Der nächste Handel war noch lang hin. Sein Bruder hatte seine Geschäfte für die Zeit seiner Abwesenheit ja übernommen.

Als die Musik verstummte, bemerkte Carelis, wie dunkel es geworden war. Der Elf und er waren in ihren Gedanken versunken und hatten den Tag nicht vorbeieilen sehen.

Carelis stand langsam auf und ging auf die schattenhafte Gestalt hinter der Harfe zu, die Finger von Fíonán lagen noch auf den Seiten, die er zuletzt zögerlich, irgendwie müde angeschlagen hatte. Doch als Carelis näher kam, bemerkte er, dass Fíonán leicht lächelte. Sein helles Gesicht wirkte verheult und grau, müde. Aber er lächelte, die Musik schien seine Welt zu sein.

/Ich kann ihn nicht stören, soll er doch noch ein wenig träumen, der Kleine./ Carelis wendete sich rasch wieder ab und ging zu der Sprechanlage, um nach einigen missglückten Versuchen den Kontakt herstellen zu können, um etwas zu Essen zu bestellen.

Er kam zunächst nicht dazu, weil eine Stimme leicht heiser zweimal nach seinem Namen fragte. Dann fragte jemand dezent und uninteressiert nach, was denn mit dem Key sei, ob dieser noch zu vollster Zufriedenheit funktionieren würde.

/Funktionieren?!/ Gereizt starrte Carelis die Sprechanlage an und stellte unterkühlt fest "Was in dieser Suite funktioniert und was nicht, ist nicht Ihr Problem. Was nicht funktioniert, ist anscheinend der Zimmerservice, ich habe eine Bestellung aufzugeben!" Im Folgenden wurden seine Wünsche übermäßig zuvorkommend und unterwürfig entgegengenommen.

Carelis schnaubte einmal, dann ging er durch den Raum auf den Schrank mit seinen Kleidern zu und wählte sich einige lehmfarbenen Sachen aus, nichts einengendes. Er wollte sich entspannt mit seinem neugewonnenen Freund unterhalten, etwas Wein oder Tee trinken und sich erholen. Von der Arbeit schmerzte sein Kopf, und sein Nacken war verspannt.

/Ein heißes Bad. Genau./ Carelis zog sich aus und legte die Hose für die Nacht auf eine der Treppenstufen, dann ging er ins Bad und ließ sich Wasser in die Wanne. Dieses Mal fand er ein Kräuteröl, das ihm zusagte und gab einige Tropfen hinein, bevor er sich in die Wanne versenkte und seufzend die Augen schloss.

Wie durch einen Schleier hatte Fíonán bemerkt, dass sein Herr aufgestanden war, dass er in seine Richtung gegangen und dann doch nicht gekommen war. Er war bei der Tür gewesen und hatte etwas bestellt, was eigentlich die Aufgabe seines Schlüssels war; ärgerlich hatte er geklungen. Dann war er im Bad verschwunden. /Nicht einfach Herr - Carelis, der Freundschaft will und nicht sieht, dass es nicht funktionieren kann./

Es war dunkel im Zimmer, nur aus der Tür zum Bad fiel ein warmer Schein. Fíonán spürte das mittlerweile an dieser Stelle körperwarme Holz der Harfe unter seiner Wange. /Ich habe den ganzen Tag gespielt... nichts anderes getan als gespielt. Von heute morgen bis jetzt. Er hat mich spielen lassen. Hat nichts gefordert, nichts gewollt./

Steif erhob er sich von dem Hocker, streckte sich erschöpft und spürte die Verspannung in seinen Schultern und seinem Rücken. /Wenn ich nur wüsste, was ich machen soll. Etwas geht schief. Ich weiß nicht, was es ist, aber etwas ist so falsch./ Er griff nach der Harfe und zuckte zusammen, als er plötzlich leichten Schmerz in den Fingerspitzen fühlte. Es entlockte ihm ein kopfschüttelndes, kaum sichtbares Lächeln. /Viel zu lange gespielt. Sie sind wund.../ Bedeutend vorsichtiger hob er das Instrument hoch, um es zurück an seinen Platz zu bringen.

Ohne das Licht anzuschalten, tappte er weiter zum nächsten Schrank, um dort aus seinen Sachen zu schlüpfen und sie ordentlich zusammengefaltet zurückzulegen. Als er sich die schlichte Tunika über den Kopf streifen konnte, fühlte er sich wieder mehr nach sich selber, unauffällig, angepasst. Auf dem Weg zum Bad löste er die Federn aus seinem Haar, sammelte die Spangen in einer Hand, während er mit der anderen die kleinen Zöpfchen zu öffnen begann, den leichten Schmerz seiner Finger dabei ignorierend.

In der Tür zum Bad blieb er stehen, blinzelnd im hellen Licht. Frischer, herber Kräuterduft hüllte ihn mit einer Wolke an warmer Feuchtigkeit ein. Automatisch flog sein Blick zu der Wanne und blieb an der großen, ausgestreckten Gestalt hängen, die fast reglos im heißen Wasser lag. Fíonán spürte wieder diesen kleinen, angenehmen Stich im Magen, als er Care betrachtete, ausnutzend, dass der andere Mann die Augen geschlossen hatte. Fast wünschte er sich, ein Talent fürs Zeichnen zu haben. Der dunkle Körper vor dem hellen Sandstein war ein schönes Bild.

/Nicht einfach ein schönes Bild. Er ist es, der es schön macht. Er ist schön/, huschte es ihm durch den Kopf. Die langen, ebenmäßigen Gliedmaßen, die so perfekt definierten Muskeln. Der flache, durchtrainierte Bauch und die breiten Schultern. Das lange Haar war vom Wasser fast schwarz, nur oben hatte es noch seine ursprüngliche, dunkelrote Farbe. Die dunkle, rötliche Haut schien bis auf den Schoß vollkommen glatt und unbehaart zu sein. Unwillkürlich fragte er sich, ob sie so weich war, wie sie aussah.

Fíonáns Blick glitt zu dem schlanken Gesicht zurück, folgte der Linie des ausgeprägten Kieferknochens zu dem markanten Kinn, von dort aus zu dem schmalen Mund, der etwas angespannt wirkte. Die Nase war gerade, fast schon klassisch zu nennen. Über den geschlossenen, leicht schrägen Augen wölbten sich feine Augenbrauen, die ein wenig zusammen gezogen eine kaum sichtbare Falte auf die Stirn zeichneten. Das erste Mal nahm Fíonán die beiden kleinen, goldenen Ohrringe im rechten Ohrläppchen wahr, was seine Aufmerksamkeit auf die Ohren lenkte. Selbst diese waren schön in seinen Augen, nahezu perfekt, wie alles an ihm.

/Ich starre ihn an./ Der Gedanke ließ ihn den Blick senken. Lautlos huschte er zum Waschbecken, wo er die Spangen in eine Nische zu Bürsten und Kämmen legte. Das Gesicht, was ihm aus dem Spiegel entgegensah, war unnatürlich blass gegen den dunklen Farbton von Carelis, und Fíonán fand sich mit einem Mal ziemlich unansehnlich. Tränen hatten ihre Spuren auf seinen Wangen hinterlassen, die Augen waren noch gerötet. /Manchmal frage ich mich wirklich, wieso mich überhaupt jemand ansieht, geschweige denn mit mir ins Bett will./ Er schnitt sich eine Grimasse und drehte den Hahn auf, um sich eine Hand voll kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. /Hoffentlich störe ich ihn nicht./

Als er von draußen das Klopfen hörte, trocknete er sich hastig ab und rannte fast, um zur Tür zu kommen. Ihm fiel ein, dass er noch nicht einmal den Frühstückstisch abgedeckt hatte, als er öffnete, um den kleinen Wagen entgegen zu nehmen, auf dem das Essen dieses Mal gebracht worden war. Der Bote war jung, fast noch ein Kind, und Fíonán bemerkte, wie er neugierig an ihm vorbei in das dunkle Zimmer schielte, als wollte er einen Blick auf den Daryller erhaschen.

Fíonáns Gesicht verdüsterte sich, als er ihm die Tür vor der Nase zuschlug. "Das ist doch kein Zoo", murmelte er ärgerlich, als er das Licht jetzt doch einschaltete, um zu sehen, was er tat. Während er den Tisch ab und neu deckte, glitten seine Gedanken fast von allein wieder zu Care zurück.

/Ich will nicht, dass er geht. Ich will nicht, dass er eine Gefährtin findet. Ich bin unfair... Aber ich habe Angst, dass er nicht wiederkommt. Und das wird er nicht, wenn er erst einmal weg ist. Ich weiß doch, wie das geht. Er wird es in Erwägung ziehen, dann werden Termine dazwischen kommen. Er wird mir vielleicht schreiben, dass es sich verschiebt - wenn überhaupt. Dann wird wieder etwas dazwischen kommen. Und schließlich ist so viel Zeit vergangen, dass man getrost behaupten kann, dass es jetzt wohl nichts mehr bringen würde. Aber er braucht eine Gefährtin. Wenn ich das richtig verstanden habe, wird sie Rachaet beruhigen. Also wird er gehen./ Es begann schon wieder weh zu tun, und es half nicht im Geringsten, dass er sich einen verträumten Dummkopf nannte, der Wirklichkeit und Wunschdenken nicht voneinander trennen konnte. /Es kann einfach nicht gut gehen./


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