Das dritte Gesicht

10.

Carelis begann sich abzutrocknen, als er die Tür klappen hörte. Er hatte das Essen, über die Arbeit und die Atmosphäre, in der Musik eingehüllt, schlicht vergessen, und sein Magen knurrte nun deutlich.

Aus dem Nachbarzimmer vernahm er Geschirr klappern und Gläser leise klirren und lächelte. Fíonán gab sich trotz der Umstände wirklich Mühe mit ihm. Er versuchte, alles schön zu machen. Das Bett war am Abend ordentlich gerichtet gewesen, Carelis Kleidung wurde gnadenlos gelegt und in den Schrank verstaut.

/Hoffentlich vertraut er mir weiterhin, dass ich ihm nichts tun kann./ Fíonáns unschuldig schlafendes Gesicht kam ihm wieder in die Erinnerung.

Die Lippen leicht geöffnet, einige Haarsträhnen um ihn her dekoriert; und ungebeten erschienen gleich darauf die Bilder von dem unbekleideten, lachenden Elfen, der über die Treppe lief. Wirbelnden Haare, genau die sorglosen Lebensfreude, die Carelis an sich selber oft genug vermisste, um die er Fíonán auch gleich beneidet hatte. Gleich darauf hatte er selber sie zerstören müssen.

Zum ersten Mal erschien ihm seine Suche nach einem dritten Gesicht nicht nur wie eine Last, sondern ein Fluch, außerdem empfand er sich mit einem Mal als rücksichtslos. Fíonán hatte nichts anderes im Leben als Einsamkeit; und er beschwerte sich hier, dass er einsam war? /Wie taktlos ich heute war. Wie grausam dumm von mir!/

Als er jedoch in den Wohnraum trat, in dem goldenes Licht von einigen Kerzen auf dem Tisch die Weichheit des Raumes und die Schönheit des Elfen noch weiter betonte, blieb Carelis atemlos stehen, die Entschuldigung, die er auf den Lippen hatte, war vergessen.

Er starrte den Elf an, der neben dem Tisch stand und ihm entgegen blickte, einige Blumen, die als Dekoration für die Speisen gedacht waren, noch in den Fingern. /Hingehen. Ihn umarmen. Festhalten. Immer, nicht mehr loslassen! Ihn berühren. Diese Haare, diese Hände, seine Lippen.../ Wie in einer Trance hob Carelis eine Hand und ging dann mit schnellen Schritten auf Fíonán zu. Er war fast bei ihm, als sein Intercom pfiff und er zusammenzuckte und erwachte.

Irritiert ließ er seine Hand fallen und murmelte "Entschuldige, ich bin gleich bei dir. Kannst du mir schon ein wenig Tee einschenken?" Mit müden Schritten ging er auf das Gerät zu und nahm ungelenkig, schmerzlich steif auf der Couch davor Platz.

Fíonáns Herz hatte hart und schnell zu schlagen begonnen. Den Ausdruck in dem dunklen Gesicht kannte er von anderen Herren. Doch bei Care war es mehr, war es eigenartig anders. Er spürte keine Angst vor ihm, die Angst galt etwas anderem.

/Ich will, dass er mich berührt/, stellte er erschrocken fest. /Ich will, dass er seine Arme um mich legt, dass er mich an sich drückt, dass er mich einfach festhält./

Fíonán senkte den Blick und biss sich auf die Unterlippe, um sie am Zittern zu hindern. "Ja, natürlich", antwortete er leise auf die Frage des anderen Mannes hin. Gleich würde er wieder in die Sauna gehen und sich einsperren dürfen. Seine Hände bebten, als er grünen Tee in eines der kleinen Tässchen goss. /Ich bin so dumm. Warum denke ich so etwas? Warum wünsche ich es mir so sehr? Es hat doch keinen Sinn./

Carelis zögerte und wollte den Knopf nicht berühren. Seine Finger schwebten über den Tasten, doch dann gab er mit der gewohnten Routine den Code ein, und das Bild schwebte leicht flackernd vor ihm. Es war nicht der Vermittler, und Carelis' Erleichterung war einzigartig. Er atmete betont durch, als er seinen Cousin Radmaen sah und lächelte.

Rasch hob er den Kopf und rief zu Fíonán hinüber "Das ist mein Cousin, ist er nicht besonders attraktiv? Obwohl, er ist auch nur einen Meter neunzig groß." Er begann die Übertragung und musste grinsen, weil Rad mal wieder die übliche, geschäftsmäßige Kühle ausstrahlte.

Fíonán sah nicht auf, sparte sich eine Antwort. Carelis hätte es vermutlich eh nicht bemerkt. Akkurat richtete er die Blumen aus, schob ein Messer zurecht, Handgriffe, auf die er nicht mehr achten musste, weil sie automatisch kamen, eingearbeitet waren. /Sein Cousin, nicht der Vermittler./ Er hatte keine Ahnung, ob das besser oder schlechter war. /Fíonán, warum musst du Fehler immer und immer wiederholen? Hat dir das eine Mal nicht gereicht? Man verliebt sich nicht in Herren./

Er konnte seine eigene Stimme hören, als er seinem Freund Amaiis, der ebenfalls Schlüssel im Palast der Winde gewesen war, eindringlich erklärt hatte, niemals zu vergessen, dass der Mann, der mit ihm Bett und Zimmer teilte, sein Herr war. Doch der Mann hatte ihn mitgenommen, und Fíonán konnte nur hoffen, dass Amaiis glücklich war. /Eine Ausnahme. Du hast zu oft das Gegenteil erlebt, als dass du dich solchen Träumen hingeben solltest./ Mit einem Mal begann er sich brennend zu wünschen, dass der Vermittler recht bald wieder anrufen würde, mit einer Erfolgsnachricht. Bevor es noch mehr weh tun würde, Carelis zu verlieren.

"Care, Rad hier. Wir haben uns ja verbunden, mein drittes Gesicht und ich, deswegen wird es eine Feier geben. Wie du weißt, muss ich erst die Waren liefern und komme dann mit Syr zu euch; deine Eltern haben gesagt, dass wir dann zusammen feiern werden, weil es bei dir auch nicht mehr lange dauert."

Er wendete den Kopf, in der Projektion schlecht zu erkennen, dann rief er "Schatz, komm doch mal her, ich will dich meinem Cousin zeigen!" Ein blasses Gesicht, deutlich geschminkt, aber sowohl sehr attraktiv, als auch ebenso deutlich männlich erschien neben Rad und dieser nickte zum Bildschirm. "Das ist Syr, haben uns per Zufall in einem statischen Nebel getroffen. Ich bin froh, weil der Vermittler hatte mir eine Heulsuse von einem verdorbenen Gör gesucht und teurer wäre die Ehe auch gewesen. Manchmal hat man auch per Zufall Glück, vielleicht du dann ja auch!"

Rad drückte den ein wenig mucksch aussehenden jungen Mann mit den schwarzen Rüschen um Gesicht und Hals leicht an sich und küsste ihn auf die Schläfe. "Telarianer, was soll man erwarten", erklärte er grinsend in die Kamera. Dann nickte er noch einmal und sagte "Wir treffen uns bei deinen Eltern. Mit Glück zu viert, ich bete dafür."

Carelis starrte den grauen Fleck nach Beendigung der Übertragung fassungslos an. /Ein Zufallstreffen, mit Glück... ein junger Mann, den er.../ Ein Raubtierblick begann sein Gesicht dem von Rachaet näher zu bringen, während er zu Fíonán hinübersah.

Abschätzend tastete er den am Tisch wartenden Elf mit den Augen ab und verzog den Mund. Dann bildete sich ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen. "Fíonán? Wäre es dir vielleicht auch recht, wenn wir das Essen mit nach oben nehmen? In den Schlafraum? Könntest du die Teller und Gläser vielleicht hochtragen? Ich sorge dafür, dass die schweren Schalen gleich nachkommen, will nur meinem Cousin antworten, wann ich bei meinen Eltern eintreffe."

Fíonán verbeugte sich halb, lächelte ein wenig nichts sagend, was Carelis irritierte, er aber nicht ändern konnte, dann stellte der Elf die Teller und Gläser mit leichten, vorsichtigen Bewegungen auf das Tablett und machte sich damit auf den Weg über die Treppe nach oben.

Fíonáns Magen begann zu schmerzen. /Er hat versprochen, er berührt mich nicht, wenn ich es nicht will./ Doch der Daryller hatte ihn schon wieder so angesehen, und Essen im Schlafraum hatte bis jetzt immer zu einem geführt. /Aber er hat es doch versprochen!/

Er kniete auf dem Bett nieder, betätigte mechanisch einen Knopf, der einen frei schwenkbaren Arm mit Tischplatte aus Wand fahren ließ, und stellte das Tablett darauf ab. /Ja, er hat es versprochen, und du hast den Fehler begangen, einem Herrn zu glauben./

Trotz der Gedanken waren seine Hände ruhig, als er das Geschirr auf dem Tisch ausrichtete und das Besteck ordentlich daneben legte. /Aber du willst doch, dass er dich berührt. - Nein, nicht wirklich. Oder doch... Nur nicht, wenn er schon plant, zurückzugehen. Es würde es nur schlimmer machen./ Aber das wäre auch nicht das Schlimmste. Das Schlimmste wäre das gebrochene Versprechen. /Er bricht es nicht. Oh bitte, Care... bitte, brich es nicht./

Kaum war der Elf außer Hörweite, als Carelis schon auf den Comknopf einschlug und dann hektisch, ohne einen Gruß in die Kamera fragte "Rad, Care hier... Wie hast du es gemerkt? Wie hast du es bei dem Jungen denn festgestellt, dass ihr passt? Oder hat Kyretil es dir gesagt? Hattest du nicht Angst, dass er den Dritten zerfetzt, wenn es ohne die Zeremonie läuft? Antworte so rasch du kannst, es ist mir wichtig zu wissen."

Dann erhob er sich und räumte die Schalen schon ein wenig zusammen, um sie gleich auf das Tablett stellen zu können, wenn Fíonán damit wiederkam. Eine Anspannung versteifte seine Schultern, seine Blicke huschte unstet immer wieder zum Intercom zurück, und er hoffte, dass Radmaen sich beeilen würde. Der konnte leider oft tagelang von seinem Schiff nicht senden.

/Solange ich es nicht weiß, kann ich Fíoní nicht gefährden./ Erschrocken bemerkte er, dass er die Verniedlichungsform der Lemar für ihre Blüten verwendete, wenn er an den Elf dachte. /Himmel und Stürme, es wird wirklich schlimmer, von Moment zu Moment. Wieso hat Rad mir nicht früher mal was erzählt?!/

Langsam kam Fíonán die Treppe hinunter, das Tablett gegen die Brust gedrückt wie ein Schutzschild. /Er ist mein Herr/, sagte er sich in Gedanken wieder und wieder vor. /Er ist mein Herr, und er wird gehen. Wenn er mich anfasst, ist das in Ordnung, es ist sein Recht. Ich gehöre ihm./ Doch dazwischen schlich sich immer wieder die hilflose Hoffnung, dass er es nicht tun würde. Das dumme Vertrauen darauf, dass Care sein Versprechen halten würde. Der Blick, den er dem Daryller zuwarf, war nur kurz, als er neben dem kleinen Tischchen niederkniete, um die Schalen auf das Tablett zu stellen.

"Fíonán, ich nehm das. Es ist mit Sicherheit zu schwer für dich", erklärte Carelis resoluter, als er sich fühlte und fügte an "Wenn du den Tee nimmst und die Gläser, dann können wir gleich essen."

Als er den Tisch, der aus dem Nichts über dem Bett entstanden war, entdeckte, lachte er. "Und ich hab mir schon Gedanken gemacht, dass die Kiste doch noch zu etwas gut gewesen wäre!" Er fühlte sich sprudelig, aufgekratzt, die Hoffnung vermehrte sich, seine Hoffnung. Jetzt bräuchte er nur Gewissheit. Er half Fíonán dabei, die Schalen zwischen den Tellern zu verteilen, dann setzte er sich auf der einen Seite im Schneidersitz in die Kissen und wartete, bis der verdächtig stille, erneut so schrecklich verhuschte Fíonán ebenfalls Platz nehmen würde.

"Übrigens mochte ich deine Kleidung vorhin sehr gern. Die Federn besonders. Es passt zu dir", stellte er nebenbei fest und lächelte.

"Danke", murmelte Fíonán unglücklich und kniete sich auf die andere Seite des Tisches, faltete die Hände verkrampft im Schoß. "Tut mir leid, dass ich es wieder ausgezogen habe." /Er ist so gut gelaunt. Haben sich seine Chancen wegen einer Gefährtin verbessert?/ Er hatte nicht darauf geachtet, was das Intercom und dieser Cousin vor sich hin geplappert hatten, zu sehr war er in seinen eigenen Gedanken versunken gewesen. /Jetzt sitzt er vor mir. Er hat Zeit. Los, sag ihm, warum Freundschaft nicht gut gehen kann. Er hat sich bestimmt noch keine Gedanken darüber gemacht./ Stattdessen griff er nach der Karaffe mit dem Saft und schenkte erst Care, dann sich ein. Seine Hände zitterten, und er beschimpfte sich dafür in Gedanken.

"Danke." Carelis stocherte mit dem Löffel in der Suppe herum, die er sich bestellt hatte, dann hob er entschlossen den Kopf. "Erzähl mir von dir, oder hast du noch Fragen von unserem letzten Gespräch?" Die leicht verkrampften Finger des Elfen lagen so dicht vor seinen... /Wenn ich ihn nun eben... aus Versehen... Es brächte Gewissheit.../ Carelis biss sich auf die Zunge und schüttelte leicht den Kopf, dann begann er die Suppe zu löffeln, nahm den Geschmack nicht wahr.

"Ja, ich habe eine Frage", sagte Fíonán leise und sah auf. Es war schwer, sehr schwer, angesichts Cares Augen die Maske nicht wieder über sein Gesicht gleiten zu lassen und damit seine Gefühle zu verstecken, die Angst, die Verwirrung, die Verzweiflung, die Hilflosigkeit. Ihn verließ der Mut, er wollte etwas anderes fragen, etwas Belangloses, doch es waren auch diese Augen, die das nicht zuließen, die Ehrlichkeit forderten und ihm seltsamerweise Kraft gaben.

"Wie stellst du dir Freundschaft mit einem Schlüssel vor, Care? Ich meine, jenseits dieses Aufenthalts. Du wirst gehen, sobald du eine passende Gefährtin gefunden hast. Das kann in ein paar Wochen, das kann aber auch schon in ein paar Stunden sein. Und dann? Dann wirst du auf Hochzeitsreise fahren. Danach hast du dringende Geschäfte. Eines wird zum anderen führen und ein Jahr ist vergangen, ehe du es gemerkt hast. Dann noch eins. Und noch eins. Ich kann hier nicht weg, um dich zu besuchen. Und wenn du mich sehen willst, musst du dafür bezahlen. Hast du darüber mal nachgedacht?" Er merkte, wie anklagend er plötzlich klang und senkte nun doch beschämt den Kopf. "Es tut mir leid... Ich will dir keine Vorwürfe machen... es ist nur..." Seine Stimme wurde leiser und endete in einem kaum noch zu verstehenden Flüstern. "Ich habe Angst... und es tut weh..."

Carelis nickte einige Male, dann legte er den Löffel nieder und schob den Teller ein wenig von sich fort. "Ich habe geahnt, dass du hier nicht gern bist. Das ist auch so, nicht? Du hasst es hier, oder?" Die Frage hatte ihn nicht so sehr verstört, denn es war nur natürlich, dass jemand, der darauf angewiesen war, dass er dem anderen vertrauen musste, dies nicht tat. Vor allem bei einem Daryller war das so.

Fíonán schüttelte den Kopf, sah aber nicht auf. "Das ist es nicht. Ich... ich mag den Tordienst nicht, auch wenn er viele Vorteile hat. Immerhin bin ich so nicht nur auf mein Zimmer beschränkt, nicht? Und ich langweile mich selten, im Gegensatz zu anderen Schlüsseln. Und wenn ich einen Herrn oder eine Herrin nicht mag, weiß ich, dass am nächsten Tag jemand anderer da sein wird."

Er schluckte und griff nach seinem Saftglas, um irgendetwas zu haben, an dem er sich festhalten konnte. Es hatte Vorteile... wenn sie auch die Nachteile bei weitem nicht aufwogen. "Außerdem wüsste ich gar nicht, was ich draußen machen sollte. Ich kann nichts." /Darum geht es doch gar nicht. Willst du nicht antworten? Du hast nicht darüber nachgedacht. Und du willst es auch nicht.../ Enttäuschung machte sich in ihm breit; es war schwer, sie nicht überhand nehmen zu lassen.

"Aber das hat nichts... hat nichts mit meiner Frage zu tun... bitte...", versuchte er es trotzdem noch einmal, unsicherer und leiser noch als zuvor, die kleine Stimme ignorierend, die ihm unablässig zuflüsterte, dass es ohnehin vergeblich war. Er wollte ihm so gerne glauben, er wollte ihm so gerne vertrauen...

"Du hast nicht allzu oft einen 'festen' Besuch wie mich, nicht wahr? Es ist mir schon aufgefallen, dass es dir merkwürdig vorkam, dass ich länger bleiben will. Zu deiner anderen Behauptung: Wer so wunderschön Musik spielt, so mitreißend, der kann mehr als ganze Völker da draußen."

Carelis lehnte sich ein wenig zurück in die Kissen und betrachtete den erneut so ängstlich wirkenden Elf vor sich. "Also, ich haben einen Freund. Sein Name lautet Gerinef, er lautete für zweihundert Jahre Gerinef Jashave. Sein zweites Gesicht ist verstorben, bevor er den Dritten finden konnte. Jashave ist melancholisch geworden und hat sich getötet, Gerinef hat er allein zurück gelassen. Wenn unser zweites Gesicht stirbt, dann sterben all unsere Instinkte und Gefühle. Gerinef hat keine Chance mehr, im Leben jemals einen Partner zu finden. Er lebt auf einem kleinen Mond und betreibt den Warnturm. Kennst du diese Leuchttürme, Fíon...án?" /Himmel, fast hätte ich nun doch Fíoní gesagt... Zusammenreißen, ganz vorsichtig. Egal, was deine Instinkte dir sagen, es kann falsch sein, Care!/

/Er antwortet nicht./ Resignierend sah Fíonán in den goldgelben Saft und versuchte, den Schmerz zu ignorieren. /Er erklärt mir, warum dritte Gesichter wichtig sind. Ich habe doch schon längst verstanden, dass er eine Gefährtin braucht. Ich verlange doch gar nicht... dass er... dass er mehr von mir will. Ich wäre doch glücklich, wenn er mein Freund sein und das bleiben könnte... aber er antwortet nicht./

Er nahm einen Schluck, ohne auch nur das Geringste zu schmecken. /Keine Gefühle mehr. Dieser Gerinef ist zu beneiden./ Es war nicht wahr, und er wusste es. /Hör auf, dich zu bemitleiden, Fíonán. Nimm, was er gibt, sei froh, dass er da ist. Es ist mehr, als du lange Zeit hattest. Du bist nur ein Schlüssel. Care ist wirklich... großzügig... Du verlangst zu viel./ Auch wenn er sich gerne dahinter versteckt hätte, lächelte er nicht; stattdessen sah er auf. "Nein, kenne ich nicht. Was ist das?"

"Ein Turm, allein auf einem Mond, der an einer gefährlichen Stelle im All steht und meistens von einem Androiden betrieben wird. Ich bin in der Nähe des Turmes gestrandet, Getriebeschaden, und Gerinef, der erkaltete und vollkommen starre, einsame Daryller, den die Lemar nicht mehr beachten, den sie zerreißen würden, weil er einen der ihren in das Unglück gestürzt hat, musste mich abschleppen." Er trank einen Schluck Tee und betrachtete das deprimierte, starre Gesicht von Fíonán vor sich. Das hatte ihn vermutlich erst an Gerinef erinnert, dieselbe Einsamkeit, dieselbe schmerzstillende Starre.

"Ich bin sein Freund geworden. Und obwohl Rachaet es nicht erfahren darf, dass ich überhaupt mit ihm rede, weil er mir sonst sehr bittere Vorwürfe machen würde wegen des Kontaktes zu einem Ausgestoßenen, bin ich einmal in fünf Jahren zu Besuch bei ihm und erzähle ihm von meinem Leben, lasse ihn von seinen Erlebnissen erzählen. Das ist meine Auffassung von Freundschaft. Soll ich dich nun also betrügen, der du an einem weitaus angenehmeren Ort lebst, den ich weitaus leichter erreichen kann, Fíonán? Wenn es nicht das ist, was du erwartest von diesem Wort, dann tut es mir sehr leid, dann sollten wir uns doch wieder siezen." Er rieb sich einmal über die Stirn und fügte leiser an "Das will ich nicht. Willst du das?"

/Will ich das?/ Die Frage war für Fíonán einfach zu beantworten. "Nein, ich will das nicht. Wenn du nur wiederkommst, dann bin ich... glücklich." Er lächelte zaghaft und fühlte sich schon wieder ein winziges bisschen besser, auch wenn es nicht wirklich das war, was er gerne wollte. Aber das, von dem er träumte, wenn er an Freundschaft dachte, war ohnehin für einen Schlüssel unerreichbar und nur eine verschwommene Mischung aus Gelesenem, Erzähltem und verwaschenen, unklaren Erinnerungen.

"Es tut mir leid, dass ich so viel zweifle. Dass ich... dass ich ständig versuche, überall nur das Schlechte zu sehen. Zu Freundschaft gehört Vertrauen, nicht wahr? Das ist nichts, was mir... was mir leicht fällt. Vergib mir. Ich kenne dich seit gestern. Ich bin nicht gut im Einschätzen. Ich habe Leuten vertraut, die ich länger kannte... und es ist.... nicht so gut gegangen." /Warum erzähle ich das? Es interessiert ihn bestimmt nicht. Aber ich will, dass er versteht. Dass er nicht... dass er nicht so schnell die Geduld verliert und denkt, ich bin es nicht wert./ "Ich will es versuchen, wirklich."


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