Das dritte Gesicht

11.

Carelis hatte sich seine Suppe wieder herangezogen und den Löffel aufgenommen, um seine Finger zu beschäftigen, weil sein weißhaariger Freund so gefährlich nah vor ihm saß. Er warf einen kleinen Blick zur Treppe. /Das Pfeifen vom Intercom muss doch zu hören sein? Rad, mach schon!/ "Das ist gut. Dann will ich hoffen, dass ich das Vertrauen wert bin, dass du in mich setzt."

Er aß einige Löffel, dann sah er noch mal auf. "Ich weiß auch, dass es nicht so einfach ist zu vertrauen, wenn man abhängig ist, Fíonán. Aber glaub mir, der Preis, den dieses Zimmer für ein paar Tage kostet, ist bestimmt kein Problem oder Hindernis für mich. Es gibt wenig Daryller, die so arm wären, dass es sie kümmern würde. Und ich bin reich genug, dass ich keine Gedanken um Preise verschwende, wenn es um Freunde geht. Wenn es um einen Handel geht, ist das natürlich etwas gänzlich anderes." Er grinste. "Dafür sind wir ja auch bekannt, nicht?"

Fíonán lachte leise auf. Er würde heute Nacht sehr gut schlafen, auch wenn er sich kaum von der Stelle gerührt hatte. Das dauernde Hoch und Tief der Gefühle, in das er dank Care immer wieder geriet, würde schon dafür sorgen, dass er vollkommen erschöpft umfallen würde. /Sogar mehrere Tage will er dann bleiben! Oh, das wäre wunderschön. Dafür warte ich auch fünf Jahre./

Er strich sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht und sah den Daryller dankbar an. "Du bist wirklich sehr geduldig mit mir. Ich wünschte, ich könnte dir irgendwie wieder etwas zurückgeben." Er legte einen Finger an die Lippen und musterte Care nachdenklich. "Du bist verspannt, um die Schultern. Das sieht man daran, wie du den Kopf hältst und wie du dich bewegst. Soll ich dich nach dem Essen massieren? Das würde unser Geschäft auch nicht verletzen, weil ich dann ja dich und nicht du mich berührst", schlug er mit einem verschmitzten Lächeln vor und spürte seine gute Laune zurückkommen. /Er wird wiederkommen. Ich glaube ihm. Ich will ihm glauben./

"Du gibst mir etwas zurück, Fíonán. Du hörst mir zu, schaust mich an, hast keine Angst vor Rachaet, vertraust mir." Carelis lächelte ihn an, aber schüttelte dann den Kopf. "Solange Rachaet schläft, gibt es nur einen Weg von mir, ihm jemanden oder etwas zu zeigen, um seine Meinung zu erfragen. Ich berühre es, rieche daran, oder ich schmecke es. Das kommt auf die Sache oder Person an. Dann weiß er, dass da etwas existiert. Ich... will nicht wirklich, dass er von dir erfährt, weil..." Carelis senkte den Kopf. "Ich wollte, dass du mein Freund bist... rücksichtslos gegen Rachaet, aber nur eine Vorsichtsmaßnahme. Solange er nicht von dir weiß, bist du es auch, nur mein Freund."

Er runzelte die Stirn, dann hob er eine Hand und umschrieb vor Fíonáns Gesicht einen kleinen Kreis. "Ich habe deine Haare berührt, mehr darf ich nicht. Sobald unsere Haut in Kontakt kommt, gibt mein Körper die Informationen über dein Aussehen an Rachaet weiter." Er strich mit den Fingerspitzen durch eine feine Haarsträhne und seufzte. "Nur die Haare... auch wenn ich das schon sehr schön finde. Danke für dein Angebot, aber deine bloße Anwesenheit finde ich schon angenehm genug."

"Oh." Erschrocken erwiderte Fíonán seinen Blick. "Das wusste ich nicht. Wenn ich dich jetzt aus Versehen berührt hätte? Als ich dir die Tasche gereicht habe, zum Beispiel. Das ist schade." Dann lächelte er weich. "Aber es ist schön, dass du es magst, wenn ich einfach da bin. Ich höre dir gerne zu. Ich mag es, wenn du erzählst. Deine Stimme... sie ist sehr angenehm."

Sein Lächeln vertiefte sich, und er schüttelte den Kopf. "Dann war der Handel doch nicht so einseitig. Du wolltest mich nicht berühren, weil ich es nicht wollte, sondern weil du nicht wolltest, dass Rachaet von mir erfährt." Er kicherte. "Wenn du jetzt verstanden hast, was ich sagen will. Und ich habe dafür Geschichten erzählt bekommen." Sein Blick glitt das erste Mal bewusst über den Esstisch, dann nahm er sich ein Stück Brot und ebenfalls etwas von der Suppe. "Jetzt habe ich Hunger."

"Guten Appetit, Fíoní... äh Fíonán." Carelis war einfach zu sehr in dem süßen Lächeln, in der aufrichtigen Anteilnahme und dem nachdenklich überlegenden Gesicht gefangen gewesen, er hatte nicht aufgepasst. Nachdem er seinen Blick, ein wenig über diesen Fehltritt verärgert, gesenkt hatte, blickte er doch wieder mit Freude auf den mit dicken Backen kauenden Elf vor sich. "Du bist kein Vollelf, oder? Woher stammst du, Fíonán?"

Fíonán schüttelte den Kopf. "Ich bin Halbelf. Mein Vater war Mensch, meine Mutter Elfe. Ich weiß nicht, wie weit mein Heimatplanet von der Erde entfernt ist, ich weiß nicht mal, wie er heißt. Irgendetwas mit Tjalmaach oder Tjalmanar oder so. Als ich dort weg bin, war ich in einem Alter, in dem mich das nicht wirklich interessiert hat." Für einen Moment wurde sein Gesicht verschlossen, doch dann lächelte er wieder. "Es ist lange her."

Carelis sprang auf. Das war die Chance! "Ich schau schnell mal nach dem Planeten, bin gleich wieder da! Das interessiert mich jetzt!" Er lief, rannte fast die Treppe runter und trug sein Intercom wieder mit sich in das Schlafzimmer, wo der Elf ihn fassungslos, wie es ihm schien, anstarrte. "Tajalmanar? Hm..."

Carelis tippte die Worte ein, die es sein konnten. Er wartete kurz und bekam prompt die Antwort auf den Schirm. "Tjamaanar, Tjachallahm, Taresajall? Das klingt verflucht ähnlich. Auf Tjachallahm gibt es Elfen, die haben goldene Augen und silberne Haare..." Er sah auf und blickte Fíonán in die Augen. "Deine Augen sind silbern und deine Haare weiß, das könnte durch den menschlichen Anteil sein. Muss ein hübscher Planet sein. Sieht so aus, als handelten sie mit Gold und anderen Erzen. Da sollte ich mal hinfahren, intelligentes Metall ist noch nicht bekannt, die Preise entsprechend höher." Er lachte leicht auf. Ein Geschäft war immer eine gute Sache. Aber erst nach dem Urlaub natürlich.

Amüsiert schüttelte Fíonán den Kopf. "Du denkst auch nur an zwei Sachen. Die erste ist die Suche nach dem dritten Gesicht und direkt danach kommt der Handel. Alles, was nicht in eine der beiden Kategorien passt, ist uninteressant, hm?" Cares Aufspringen hatte ihn für einen Moment erschreckt, aber er war ihm dankbar, dass er nicht weiter nachgefragt hatte. "Meine Mutter hatte auch weiße Haare und helle Augen. Nicht golden." Dessen war er sich sicher, wenn ihr Gesicht auch im Nebel seiner Erinnerung verschwunden war. "Und auf dem Planeten lebten nicht nur Elfen. Es war eine große Stadt, in der ich gelebt habe. Aber es ist nicht wirklich interessant oder wichtig." Er lächelte. "Ohne dieses Gerät kannst du auch nicht leben, oder? Es ist wohl ein Wunder, dass du es gestern Abend nicht mit ins Bett genommen hast."

Carelis lachte verlegen und legte das Intercom neben dem Bett auf den Fußboden. "Entschuldige, ist schon weg! Ich bin manchmal ein wenig hastig. Du hast aber Recht. Die Daryller sind nun einmal ein eher langweiliges Volk, auch wenn jeder andere im All gern das Gegenteil behauptet."

Er trank von seinem Tee und fragte dann unvermittelt "Macht es dir sehr viel aus, mir zu erzählen, warum du am Tor arbeitest, wieso solch eine Kiste in deinem Schlafzimmer steht? Hast du etwas ausgefressen?" Das konnte er sich nicht vorstellen, aber andererseits, der Elf hatte bewiesen, dass er seinen Kopf schon hatte und den auch durchsetzten konnte, nur alles mit Vorsicht den Wünschen des Herrn gegenüber. Seine Neugierde nur schlecht verbergend, betrachtete Carelis das Gesicht seines Gegenübers. Die weißen Haare fielen dem Elf wieder vor die Augen, als dieser den Kopf senkte.

In Carelis erwachte das Bedürfnis, ihn zu berühren, immer mehr, so dass er sich fragte, wie lange noch er sich würde beherrschen und auf Rads Antwort warten können.

Fíonán schluckte. /Ich darf nein sagen. Bestimmt fragt er dann nicht weiter. Aber ist es wirklich so schlimm, es ihm zu erzählen?/ Haltsuchend griff er nach seinem Saftglas. /Es tut immer noch weh, daran zu denken. Aber ich tue es ja ohnehin dauernd. Vielleicht wird es besser, wenn ich es... teile. Er hat gefragt, es interessiert ihn./

Er nippte an seinem Saft, befeuchtete seine trockene Kehle, dann sah er entschlossen auf und Care ins Gesicht, in die beunruhigend tiefen Augen, die doch so viel Ruhe und Kraft ausstrahlten. "Ausgefressen. So kann man es nennen. Es ist schon eine Weile her. Ich hatte einen Herrn, der mir... sehr viel bedeutet hat. Und ich ihm auch... dachte ich. Er war sehr oft hier, und irgendwann habe ich ihm gesagt... dass ich mich einsam fühle ohne ihn. Dass ich gerne immer bei ihm wäre. Ich war... verliebt. Er hat mir versprochen, dass er mich kauft, dass er mich zu sich holt, und ich habe ihm vertraut. Dann ist er gegangen und nicht wiedergekommen. Ich habe gewartet und gewartet, bis ich erfahren habe, dass mein Schlüssel verkauft worden ist. Ich habe es nicht glauben können und versucht zu fliehen. Ich wollte zu ihm, ich hatte Angst, dass ihm etwas passiert ist. Sie haben mich erwischt, natürlich. Seitdem... bin ich... was ich bin. Ihn habe ich später noch einmal wiedergesehen. Es ging ihm gut." Fíonán biss sich auf die Lippe, als er das Bild wieder vor sich sah, blinzelte, um seine plötzlich verschwommene Sicht zu klären. "Er hatte eine Frau im Arm. Seine Frau. Und sie hatten einen anderen Schlüssel."

Carelis blinzelte fassungslos und senkte rasch den Kopf. /Lügen, Betrug./ An einem Wesen, das so sehr vertraute, so fröhlich und empfindsam war! /Wieso weiß ich das? Wieso denke ich, dass er mit Sicherheit nicht lügt... Weil meine Instinkte es mir... Idiot! Rachaet weiß nichts von ihm, du kannst keine Instinkte bei Fíoní haben!/ Carelis kämpfte mit sich, um eine Antwort auf die Frage zu finden, die sich ihm wieder und wieder stellte. /Was wäre wenn?/

Dann hob er den Kopf wieder und sah Fíonán an. "Du hast gelitten, weil er dein Vertrauen missbraucht hat." 'Ich war verliebt...' Carelis vernahm seine Stimme selber mit Verwunderung. Sie klang rau und flach. "Rachaet würde ihn zerreißen." Er musste ein Knurren schon fast unterdrücken; so nah wie in diesem Moment fühlte er sich seinem zweiten Gesicht nur sehr selten.

Carelis schüttelte den Kopf und fragte sich, wohin sein Verstand gegangen sein mochte. Er fühlte etwas, das ihm peinlich war, das er sich zugleich nicht so richtig eingestehen wollte. Brennende Eifersucht. "Entschuldige. Das war eine... keine Lösung. Zur Strafe musst du nun also am Tor arbeiten? Dafür darfst du ja auch aus dem Zimmer heraus, nicht?", lenkte er hastig ab.

Verwirrt und erschrocken sah Fíonán ihn an. Erschrocken über die Heftigkeit, mit der der anderen reagierte. All die Gefühle, die plötzlich über Cares Gesicht gezogen waren, sich in seinen Augen wiedergespiegelt hatten! /Er ist wütend deswegen! Er... er kümmert sich. Er sorgt sich.../ Allein für dieses Gefühl, das ihn mit einem Mal erfüllte, diese Wärme, fast Geborgenheit, war es wert, das erzählt zu haben.

"Danke, Care", sagte er leise und lächelte. Seine Wangen röteten sich, und er konnte sich nur mit Mühe davon zurückhalten, seine Hand nicht über die des anderen Mannes zu legen, ihn nicht zu berühren. "Ja, die Arbeit am Tor ist meine Strafe. Dass ich für jeden da sein muss, der mich will. Aber wie du sagst, es hat den Vorteil, dass ich nicht nur auf dieses Zimmer beschränkt bin."

"WAS?!" Carelis ballte eine Hand zur Faust. Es war doch der Beruf dieses Elfen, wieso regte ihn das kleine Detail, der Satz eben so auf. 'Dass ich für jeden da sein muss, der mich will.' Ihm wurde schlecht. Dann dachte er an die Kiste und an die Angst, die er in dem Gesicht seines Freundes gesehen hatte. Ihm fielen die Gegenstände ein, die er nicht einmal auf den Sklavenschiffen seiner wilderen Artgenossen vermuten würde.

Langsam senkte er den Kopf wieder und murmelte "Das ist so... Was ist eigentlich dein Preis? Du hast gesagt kaufen, wie hoch liegt denn der Preis für dich, Fíoní?" Längst zuckte er nicht mehr zurück vor dieser Form des Namens.

/Fíoní? Es klingt so schön, so warm, wie du es sagst.../ "Ich weiß es nicht." Fíonán zuckte mit den Schultern und bedauerte noch mehr, dass er Care nicht anfassen durfte. Die geballte Faust durch Berührung dazu zu bringen, sich wieder zu entspannen. "Ich weiß nicht, ob meine Arbeit am Tor mich wertvoller durch mehr Erfahrung oder wertloser macht, weil mich so viele..." Er verschluckte die Worte, die ihm eigentlich auf der Zunge gelegen hatten. /...benutzt haben./ Es würde Care nur mehr aufregen. "...weil ich so viele Herren hatte. Bei einem normalen Schlüssel ist es mehr, als die Miete für ein Jahr kostet. Aber wie viel das ist, weiß ich auch nicht. Care." Er hörte, wie weich und sanft seine Stimme klang, als er dessen Namen aussprach, und musste lächeln. "Es ist egal. Reg dich nicht auf, bitte. Ich habe mich daran gewöhnt, und es gibt schöne Momente, die das alles wieder gut machen. Jetzt, zum Beispiel."

"Reg dich nicht auf?! Verdammt noch mal, das ist das Schlimmste, was ich je von einem Sklaven gehört habe! Einige meines Volkes handeln mit Sklaven, meistens mit Wesen, die sich etwas zu Schulden kommen lassen, die abarbeiten müssen, was sie an Schaden verursacht haben. Nicht ein einzelner war dabei, der die Selbstbestimmung so ganz und gar aufgegeben hat! Ich finde, dass es sehr wohl ein Grund ist, sich aufzuregen, ein guter sogar!"

Innerlich vor Wut kochend, versuchte ein Teil von ihm dennoch zu beruhigen. /Rachaet wird bestimmt gleich neugierig werden, warum sein erstes Gesicht sich so sehr aufreibt. Du bist doch sonst nicht so./ Carelis blickte in die aufgerissenen, hellgrauen Augen des Schlüssels. Dann tippte er mit den Fingern auf den Tisch. /Ich kaufe dich. Sofort am besten./ "Das ist ja nicht auszuhalten. Ich werde..."

Er wurde von einem Pfeifen unterbrochen und musste sich einen Moment lang besinnen, bevor sein Blick auf das Intercom fiel. "Oh. Gleich." Rasch griff er danach, schob zwei Teller zur Seite und öffnete den Deckel.

Fíonán war derart erschrocken über Cares Ausbruch, dass er den schrillen Signalton kaum mitbekam. "Es tut mir leid", stammelte er. "Ich wollte nichts sagen, was dich wütend macht. Aber es ist nun mal so, dass..." Er unterbrach sich, als Care das flache, anthrazitfarbene Gerät einschaltete und senkte beschämt den Blick. /Das hältst du von mir? Es tut mir leid. Was soll ich denn machen? Wenn ich mich wehre, wird es schlimmer. Du verstehst das nicht. Du kannst dich wehren. Du bist frei./ Sein Magen krampfte sich zusammen, ebenso wie sein Herz. /Jetzt kriegst du wieder Nachricht von deiner Vermittlerfirma. Bitte, lass es nicht passen. Noch nicht.../

Carelis vernahm sein 'tut mir leid' am Rande und seufzte auf. Doch dann flimmerte Rad vor ihm und die Sprechtaste erschien. /Was tue ich nur, wenn er sagt, dass... Ja, was eigentlich?/ Er betrachtete Fíoní über den Bildschirm hinweg und lächelte ihm zu. "Das ist nicht deine Schuld. Das weiß ich doch. Du bist reingeschlittert und ich sollte ruhiger bleiben, Aufregung ist nicht gut, eigentlich sogar schlecht."

Er betrachtete das neutrale Gesicht von seinem Cousin. "Ich werde mir diese Nachricht eben ansehen. Rad ist mit einem männlichen Dritten zusammen, das ist mir neu gewesen, und ich hab ihm dazu einige Fragen gestellt."

/Es ist nicht der Heiratsvermittler./ Schon wieder überkam Fíonán dieses dumme Gefühl der Erleichterung deswegen. /Und ein männlicher Dritter? Will er mir sagen, dass.../ Er unterdrückte die aufkommende Hoffnung, die so dumm und träumerisch war, derart schnell, dass er sie kaum selber registrieren konnte. Mit einem leichten Lächeln erhob er sich. "Danke, Care. Ich werde... Ich gehe mal eben ins Bad."

Rasch, ehe der Daryller etwas dagegen sagen konnte, stieg er vom Bett und eilte die Treppe hinab, wobei er sich fragte, ob er ihm die Ruhe geben wollte, eine private Nachricht allein zu hören oder ob er gar nicht wissen wollte, was dieser Cousin ihm sagen würde.

Carelis drückte die Taste und vernahm zunächst Rads verwunderte Frage "Wieso fragst du solche Sachen, Care? Hast du jemanden getroffen? Nun, es ist ja auch egal. Ich habe Syr per Zufall getroffen, er taumelte, von Alkohol benebelt und ich habe ihn... auch etwas betrunken, mit einem Arm gestützt. Dabei hat der Kontakt anscheinend ausgereicht. Kyretil ist am nächsten Morgen erwacht, nachdem wir am Abend zuvor die Reifen umgelegt und die Verhandlungen abgeschlossen hatten. Am Anfang war Syr nicht begeistert, aber ich muss sagen, er hat Kyretil und dessen grobe Art viel lieber als mich... Muss an seinem Blut liegen."

Rad zuckte mit den Achseln. "Ich hab es einfach gespürt. Noch nie zuvor habe ich jemanden berühren wollen. Bei ihm war es so, ich hab den Instinkt einfach lenken lassen." Er verbeugte sich angedeutet und das Bild erlosch.

/...berühren wollen. Ich verzehre mich ja bei Fíoní schon seit dem ersten Augenblick danach. Es darauf ankommen lassen. Kann ich das? Rachaet muss ihn sehen und akzeptieren und er ihn. Es geht nur so. Wenn er aber stirbt? Ich muss ihn fragen... Wie fragt man jemanden, der gewohnt ist zu gehorchen? Wie stelle ich das nur an?! Verdammt... verdammt./

Fíonán ließ sich Zeit, er wusste nicht, wie lang die Nachricht war und wollte nicht unpassend zurückkommen. Beim Händewaschen sah er in den Spiegel und stellte fest, dass er anders wirkte als sonst. Lebendiger irgendwie, mit glitzernden Augen und leicht geröteten Wangen. Er lächelte sich an und musste gleich darauf lachen.

Zögernd streckte er die Hand aus und berührte die kalten Fingerspitzen seines Spiegelbildes. "Das macht er, nicht wahr? Dass er sich um mich sorgt... Er hat mich Fíoní genannt." Wieder lachte er leise, erwiderte seinen eigenen Blick, während seine Hände eine Strähne von seiner Schläfe aufgriffen und sie flink zu flechten begannen.

"Er hat gesagt, er mochte die Federn", murmelte er, als er das Ende mit einer Klammer verschloss und sich einer Strähne auf der anderen Seite widmete. "Ich bin ein Dummkopf, weil ich ihm gefallen will." Er seufzte, doch sein Lächeln erlosch nicht, als er auch dieses Zöpfchen mit einem Federklips versah.

Carelis hatte seine Gedanken geordnet, sich versucht zu beruhigen; endlich konnte er ein wenig durchatmen und begann den Tisch abzuräumen, ließ nur die Gläser mit Saft und dem leichten Wein neben dem Bett auf dem Fußboden stehen und brachte den Rest zum Tisch hinunter.

Nachdenklich hob er seine Schlafanzughose auf und nickte dann leicht. /Er... Ich überlasse es ihm./ Er ging die Treppe rasch hinauf und zog sich um. Nach ein wenig Gefummel hatte er den Tisch wieder verschwinden lassen, dann setzte er sich auf das Bett und schlug die Beine im Schneidersitz unter. Er war nervös wie nie. Es kam auf das Urteil eines anderen an, er fühlte sich leicht ausgeliefert.

Schließlich streckte Fíonán sich, atmete tief durch und versuchte sich einzureden, dass es ihn wirklich nicht interessierte, was der Cousin erzählt hatte. Trotzdem war er aufgeregt, als er die Treppe empor stieg. Ein wenig überrascht stellte er fest, dass Care abgeräumt und den Tisch hatte verschwinden lassen. Zögernd blieb er stehen. /Wieso tut er das? Dafür bin doch ich da. Aber er sieht mich ja nicht nur als Schlüssel./

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, jedoch verschwand es schnell wieder, als er merkte, wie angespannt der Daryller war. Er kletterte auf das Bett, kuschelte sich in eine Ecke und zog die Beine in den Schneidersitz. Aufmerksam musterte er Care. "Hat es dir weitergeholfen?"

"Ja, ja, er hat mir geholfen." Unsicher sah Carelis Fíonán an. Das Gefühl... Er hatte es doch schon von Anfang an gehabt. Sollte er nun dieses Risiko eingehen? Sollte er wirklich fragen? Der Weg der Vermittler war ein leichterer. Ein einfaches Probieren, die Person war nicht in der Nähe, nicht in Gefahr. Rachaet erwachte nicht einmal im Geringsten. Eine Idee begann sich in Carelis Kopf zu formen, während er den Elf aufmunternd ansah.

In Fíonáns Magen machte sich ein flaues Gefühl breit, doch er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. "Das freut mich", sagte er ein wenig zaghaft, während seine Finger etwas nervös begannen, mit den Enden eines Zöpfchens zu spielen.

"Du musst keine Angst haben, ich hab beschlossen... dir eine Wahl zu überlassen. Willst du? Wenn nicht, dann schlafen wir darüber, ja?" Carelis hob sein Weinglas auf und fragte über seine Schulter zurück "Wein oder Saft, Fíoní?"

"Wein", antwortete Fíonán leise und folgte den geschmeidigen Bewegungen des Daryllers verwirrt mit dem Blick. "Wahl weswegen?"

"Ach so, ja. Die Getränkewahl meinte ich nicht, stimmt." Carelis füllte Fíonáns Glas mit dem goldenen Wein und reichte es ihm, zog es dann wieder zurück und betrachtete die ausgestreckten Finger. "Es ist so, dass Radmaen mir gesagt hat, dass er den Dritten aus Versehen berührt hat und es dann langsam zu spüren begonnen hat. Sie haben sogar noch eine Nacht geschlafen, waren beide vermutlich betrunken, wie ich Rad kenne, bevor Kyretil, sein zweites Gesicht erwacht ist. Der Dritte und er hatten genügend Zeit, um die Reifen anzulegen, aus intelligentem Metall, darauf trainiert, die Gefühle zum Zweiten zu tragen, ihn zu kontrollieren."

Er hielt das Glas zwischen den Fingern und blickte in die Flüssigkeit, die sachte perlte und frisch duftete. "Meine Frage an dich wäre: Würdest du das Risiko eingehen? Ich fühle etwas, kann aber keine Garantie abgeben, würdest du es wagen?" Vorsichtig streckte er den Arm erneut zu Fíoní hinüber und hielt ihm das Glas hin.


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