Das dritte Gesicht

13.

Es war warm und feucht, ein Ideales Klima. Waren sie vielleicht Zuhause? Nein, der Geruch der Pflanzen fehlte, der Geruch der Freunde. Beinahe hätte er es mit der Heimat verwechselt. Eine leichte Drehung, ein federndes Abstoßen, dann war Rachaet von der Decke und den Armen des anderen befreit.

Er schloss seine Augen und schob eine raue Klaue durch die farblosen Haare, die noch immer feucht an der Wange des Elfen klebten. Dies war der Dritte, wieso fühlte er ihn nicht? Wieso war das Prickeln fort, das ihn sonst jetzt hätte fühlen lassen, wie weit er gehen durfte, ohne ihn zu verletzen? Er wollte den Dritten kennen lernen, wollte ihn schmecken, fühlen, wollte die Vibrationen der Stimme fühlen... dieser Stimme.

Er roch so verschieden von den anderen zwei, denen, die zuvor schon einmal bei ihm und seinem Zweiten gelebt hatte. Dies war immerhin das dritte Mal, dass er sich mit einem Zweiten verbunden hatte. Er war ein erfahrener Lemar. Stolz darauf war er auch. Er überlebte. Doch dieses Wesen war zu taub für ihn. Er konnte nichts fühlen.

Frustriert zerfetzte Rachaet die Decke, die den Elf umhüllte... noch immer nichts, kein Gefühl. Er brummte unzufrieden. Dann warf er die zusammengedrehten Haare, die seinen Kopf zum Teil wie einen festen Helm umgaben, aus seinem Gesicht und sprang in einem Salto rückwärts vom Bett, um in einer Ecke des Zimmers zu hocken und den anderen anzustarren.

Der Zweite, Carelis, war ein Träumer, ungewöhnlich schwach gewesen. Er hatte länger gebraucht, um den Partner zu finden, hatte zugelassen, dass zwei mögliche Wesen davon kamen, flüchten konnten. Wirklich zufrieden war Rachaet nicht. Andererseits erinnerte er sich an die Hitze zwischen dem Elf und seinem zweiten Gesicht. Diese Hitze hatten seine vorhergehenden Beziehungen nicht aufzubauen vermocht. Die Hitze hatte ihn geweckt.

Gelangweilt zog er mit den Daumenkrallen feine Rillen in den kühlen Stein, während die Quelle von Wärme und Leben, von Blut vor allem, im Bett vor ihm lag und süß duftete, nach lebendiger Feuchtigkeit.

Die Tarnmuster umgaben ihn so hell wie nie zuvor. Der Raum war jedoch zu hell, zu unfarbig, als dass er sich hier hätte gut verstecken können. Rachaet begann, sich ausgeliefert zu fühlen. Er würde sich nicht wieder einschläfern lassen, auch wenn er es mit einem Mal wünschte. Dies war nicht die Situation, in der er hatte erwachen wollte.

Er wollte erwachen, den anderen spüren, das Prickeln, das Brennen der Gefühle für den Zweiten. Dann hätte er sich auf den Dritten gestürzt und hätte ihn kennen gelernt, hätte herausgefunden, wie diese Rasse funktionierte, hätte seinen Körper erforscht, all dessen Geheimnisse. Das konnte er gut. Er hätte das Blut vorsichtig gekostet und wäre die Verbindung endgültig eingegangen. Rachaet hob den Kopf. Das Blut!

Fröstelnd rollte Fíonán sich zusammen, als er erwachte. Es war kühl um ihn, niemand lehnte gegen ihn, er war nicht einmal zugedeckt. Mit geschlossenen Augen tastete er nach der Decke, fand etwas und zog es an sich, nur um festzustellen, dass es lediglich ein kleiner Teil war, ein Stück Stoff.

Müde blinzelnd sah er auf. Wo war Care? Er war doch an ihn geschmiegt eingeschlafen? Er vermisste die starken Arme, die sich haltend um ihn schlangen, den Herzschlag des anderen Mannes an seinem Ohr, seinen Atem. War es real gewesen? Hatten sie wirklich miteinander geschlafen? Hatte Care ihm wirklich gesagt, dass er ihn liebte? Dass nichts sie mehr trennen würde? Oder war es nur einer seiner Träume gewesen?

Seine Hand schloss sich fester um den Fetzen der Decke... Fetzen? Erschrocken riss er die Augen auf und war mit einem Schlag hellwach. /Care... Rachaet?/

Mit messerscharfen Krallen besetzte Klauen gruben sich in den Teppich, der rote Körper erschien durch die hellen Tarnmustern fast sandfarben. Nur der mit dichten Strängen bedeckte Kopf war dunkelrot, die Augen düster, mit ovalen Pupillen, in denen ein violettes Licht glomm. Das Blut des anderen. Er musste es herausfinden. Rachaet stieß sich ab und landete in zwei Sätzen auf dem Bett, über der Gestalt des Elfen.

Der entsetzte Aufschrei blieb Fíonán in der Kehle stecken. Sein Herz hämmerte schmerzhaft in seiner Brust, und für einen Moment hatte er das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Bilder von Carelis schossen ihm durch den Kopf, verblassende Tarnmuster auf der rötlichen Haut, umgeben von der dunkelroten Mähne seines Haars, halb angezogen in der Tür des Abendhauch-Zimmers, hinter ihm zerfetzte Decken, zerbrochene Möbel, Krallenspuren in Boden und Wänden.

Die Bilder änderten sich; er konnte das von Leidenschaft erhitzte Gesicht Cares vor sich sehen, sein Lächeln, die Sorge in seinen Augen. /Aber das hier ist Rachaet. Und... Die Reifen! Wir haben die Reifen vergessen. Er wollte sie... wenn er aufwacht.../

Seine Hände klammerten sich in das Laken des Bettes unter ihm, während er den Lemar angstvoll anstarrte. /Care hat gesagt... er würde mich auch so mögen... ich wollte ihn sehen... kennen lernen... jetzt ist er da./ Mühsam atmete er tief durch, auch wenn sich seine Lungen zu wehren schienen. /Ich darf nicht... keine Angst... es ist Rachaet. Er ist ein Teil von Care... ein Teil des Mannes, den ich liebe. Care wird nicht zulassen, dass er mir etwas tut. Er hat gesagt, dass der Dritte wichtig ist, auch für Rachaet. Ich muss... vertrauen. Ihm vertrauen./

Als er bewusster zu Rachaet aufsah, konnte er in dem düsteren Gesicht über sich trotz aller Wildheit die Züge seines Geliebten erkennen, und das machte es leichter. Seine Angst verschwand nicht, aber sie wurde erträglich.

"Hallo Rachaet", sagte er leise und unsicher. /Er wird mir nichts tun, auch ohne Reifen nicht. Care hat es versprochen. Er hat versprochen, dass er nicht zulässt, dass mir Rachaet weh tut. Ich vertraue ihm... Vertrauen.../

Das Blut war alles, was Rachaet an dem Wesen unter ihm interessierte. Ohne dessen Blut würde er es nicht wissen. Doch dann vernahm er die Vibrationen der Stimme. Es war zu kurz, um etwas Genaues zu spüren, aber dies fühlte sich angenehm an, beruhigend. Unsicherer beugte er sich dichter, schob sein Gesicht über die Brust des anderen, lauschte auf den Herzschlag, nahm den Geruch der Haut wahr. /Keine Furcht./ Er verengte die Augen zu Schlitzen und betrachtete die wandernde Wärme des schlanken Körpers. Dann wendete er sich halb ab, bevor er unerwartet und präzise zuschlug, eine lange Schramme über die Brust des Wesens riss, aus der sofort Blut hervorquoll.

Es war nicht der Schmerz, der Fíonán aufjapsen ließ, es war der Schreck. Er hatte nicht damit gerechnet, nicht im geringsten. Fassungslos starrte er Rachaet an, dessen grüne Augen mit den violetten, geschlitzten Pupillen, die trotzdem an Care erinnerten, das düstere, wilde Gesicht, dessen Züge die seines Geliebten waren; dann wanderte sein Blick zu seiner eigenen, weißen Brust, über die sich eine rote Linie zog. /Blut.../ Es sammelte sich in kleinen Tröpfchen und begann träge, die helle Haut hinab zu laufen.

Fíonáns Hände vergruben sich tiefer in dem Bettlaken. Er spürte seinen Körper kaum, spürte nicht das Brennen, das der Riss verursachen musste.

"A-aber Care hat es mir doch versprochen...", stammelte er verstört. /Vielleicht hat er sich geirrt... vielleicht bin ich doch nicht der Dritte. Vielleicht war es nur Wunschdenken, ein Traum von ihm.... mein Traum. Aber er hat gesagt, er liebt mich... Ich will nicht sterben! Nicht jetzt./ Trotz allem hatte er nicht wirklich Angst. Sein Herz schlug schneller, vom Schreck, von der Enttäuschung, doch er fühlte sich fast fern von sich, sicher. "Du tust mir nichts", wisperte er. "Das darfst du nicht. Hörst du?"

Rachaet umfing die Gliedmaßen und hielt den Elf fest gegen die Matratze gepresst. Wieder das Vibrieren, dieses schöne Gefühl. Es ließ sich in seinem Bauch nieder. Übermütig schurrte er.

Ein Elf, das war sicher, sein Blut roch elfisch. So viele Elfen waren aus Gier nach dem Metall schon im daryllischen System gewesen, dass die Lemar sich mit vielen Rassen auskannten. Rachaet gurrte leise und dumpf, beruhigend gedacht, während er die Zunge über die Blutspur auf dem unter ihm so erregend zitternden Wesen gleiten ließ. Der Geschmack war richtig.

Rachaet streckte sich wohlig, rieb seinen Kopf gegen den Körper des anderen. Auch wenn er dessen Gefühle nicht wahrnahm, noch nicht, war der Geschmack richtig. Zudem hatte Carelis mit ihm geschlafen, das konnte er spüren, daran hatte er Erinnerungen, denn er hatte zugesehen, ein wenig. Das hätte sein Zweiter nie getan, wenn es nicht der Dritte für sie war. Sie waren wieder komplett, die Zeit des Wanderns, des Suchens und Hoffens war vorbei. Rachaet schnurrte und warb um Zuneigung. Er versenkte den Blick intensiv in die angstvoll aufgerissenen Augen und begann an der Blutspur zu nippen, mit der rauen Zunge zu necken. Der Geschmack machte ihm Spaß, auch wenn er spürte, dass Carelis ihn entsetzt und besorgt verdrängen wollte.

Fíonán biss sich auf die Unterlippe; er konnte dem starrenden Blick nicht ausweichen, wusste auch nicht, ob es eine gute Idee wäre. /Will er mich jetzt fressen? Spielt er erst mit mir?/ Seine Hände konnte er nicht bewegen, weglaufen konnte er auch nicht. Rachaet war schwer und drückte ihn mit seinem Gewicht auf das Bett. /Außerdem hätte ich keine Chance, selbst wenn ich versuchen würde, mich zu wehren.../ Doch bis jetzt war der Lemar verhältnismäßig friedlich. Vielleicht würde er das ja auch weiterhin bleiben?

"Du bist dir darüber im Klaren, dass Carelis nicht glücklich wäre, wenn du mir etwas tust, ja?", fragte er nervös und versuchte vorsichtig, einen Arm zu befreien. /Im Moment wirkt er wie eine große, zufriedene Katze. Ich hoffe, das bleibt so./ Ungebeten kam der Anblick des Abendhauch-Zimmers zurück und ließ ihn schaudern.

"Wir... verstehen uns." Rachaet blickte unnachgiebig in die grauen Augen vor ihm und nickte leicht, obwohl er wusste, dass die Sprache der Lemar nicht einfach war für ein Säugetier wie einen Elfen. Er lauschte ein wenig auf den Nachhall der schönen Stimme, der schönen Gefühle, die der Elf ihm schenkte.

"Du gehörst zu uns, deswegen verstehen wir uns jetzt. Dein Blut gehört uns." Er leckte noch einmal über die Wunde, die zu bluten aufhörte. Gelassen ließ er sich neben dem Elf nieder und streckte seine Pranken aus, ließ die Krallen mit der Matratze spielen, machte Löcher hinein, während er den süßen Geschmack genoss.

"Du bist jung. Schmeckst zart und leicht, fast wie..." Er rollte herum, fing eine der schmalen Hände und begann an den Fingern zu lecken, rieb seine Wange an der Handfläche entlang, dann über die Arme. "... wie eine Fíoní. Unser Zweiter nennt dich so." Rachaet schnurrte zufrieden. "Eine Blume. Unsere Blume. Frisch, neu..."

Fíonán entspannte sich langsam. Was der Lemar tat, war weder unangenehm, noch wirkte es wie eine Vorbereitung auf Unangenehmes. Er kicherte leise, die raue Zunge kitzelte ihn. "Gehöre ich doch zu Carelis? Und..."

Rachaet fuhr auf und riss den leichten Körper mit sich, rollte herum, bis er auf dem Boden aufkam, in dem Teppich, der Elf auf ihm landete. Glück sprudelte durch seine Adern. "Fíoní!" Rachaet wälzte sich herum und drückte den Elf ein wenig, dann knabberte er dessen Rücken entlang und versuchte ihn gurrend um Verzeihung zu bitten, weil er sein Blut gefordert hatte.

"Blume...", seufzte er endlich und rollte sich um den geliebten Körper in einem Sonnenfleck vor dem Fenster zusammen. Die Krallen ausgefahren, zur Verteidigung bereit und wachsam, auch wenn er einzuschlafen drohte.

Fíonán war so erschrocken gewesen, dass er sich nicht hatte wehren können. Doch es war nichts geschehen. Rachaet hatte ihn aufgefangen, selbst wenn der Sturz vom Bett kaum als solcher zu bezeichnen gewesen war, und jetzt... Er wartete, bis sich sein schnell schlagendes Herz etwas beruhigt hatte, dann veränderte er seine Lage vorsichtig, um den Lemar ansehen zu können. Irrte er sich, oder war das rötliche Gesicht nicht mehr so düster wie er gedacht hatte? Rachaet wirkte... zufrieden.

Unwillkürlich musste Fíonán lächeln. "Care hat Recht, nicht wahr? Du tust mir wirklich nichts. Himmel, ich weiß über dich noch viel weniger als über ihn." Zaghaft streckte er eine Hand aus und streichelte die Wange und den Hals des Lemar entlang. "Was bin ich für dich?"

Die Muster auf der rötlichen Haut passten sich an den Teppich an, erschienen nun eher grau bis hellbeige. Rachaet betrachtete den Dritten aus schmalen Augen und hob ebenfalls eine Klaue an, um ihm durch die Haare zu fahren. Vorsichtig, präzise, nichts an dessen Haut verletzend, teilte er die Haare in Strähnen und spielte damit, während seine Augen immer wieder zufielen. Am Ende schlief er langsam ein, die Arme fest um den Dritten geschlossen und die Krallen bis zum Beginn der Verwandlung ausgefahren.

Fíonáns Lächeln vertiefte sich. /Du bist wirklich wie eine große Katze./ Er kuschelte sich an ihn, hielt ihn ebenfalls fest, während er ihn langsam und gleichmäßig streichelte. "Beim nächsten Mal habe ich keine Angst mehr, das verspreche ich dir, Rachaet", flüsterte er kaum hörbar. /Ob wir die Reifen jetzt überhaupt noch brauchen? Er hat mir ja auch so nichts getan./

Carelis schreckte aus dem Schlaf auf und japste erschrocken nach Luft. "Fíoní!" Im nächsten Moment spürte er kühle schlanke Finger, die ihn streichelten. Er schüttelte die wirren Haare aus seinem Gesicht und nutzte den Übergang zwischen den Körpern, um sich zu erinnern. Aber vorher fiel sein Blick schon auf die rote Strieme, die sich düster von der weißen Brust des Elfen abhob.

"Rachaet? Hat er dich... hat er dir etwas... Oh nein! Er hat dich verletzt! Fíoní! Es tut mir so leid, es tut mir so sehr leid. Ich hätte diese verdammten Reifen früher holen sollen! Ich bin schuld... verzeih mir..."

"Schhh..." Fíonán legte ihm einen Finger auf den Mund und lächelte ihn an. "Mach dir keine Sorgen. Es ist nichts passiert. Ich hatte ein wenig Angst, aber Rachaet war lieb, ein richtiger Schmusekater nachher." Er runzelte die Stirn, grübelte und kicherte dann leise. "Er hat mich mal eben gekostet. Es ist nicht schlimm, wirklich. Nur ein Kratzer; ich hab schon schlimmeres erlebt. Es heilt schnell." Er strich sacht über Cares weichen Lippen und konnte dann nicht widerstehen, sie zu küssen und zu schmecken. Sein Lächeln vertiefte sich. "Ich verstehe ihn. Ich will dich auch immerzu schmecken."

Carelis umfasste Fíonán mit einem Arm und zog ihn über sich. Seine Erleichterung schlug über ihm zusammen wie eine stürmische Brandung und nahm ihm die Luft. Voller Dankbarkeit küsste er den Träger seiner dritten Seele eine Weile lang und genoss dessen bloßes Dasein. Schließlich löste er sich aus der Umarmung, stand er langsam auf und zog ihn mit sich hoch. "Die Reifen", erklärte er mit ruhigem Gesichtsausdruck, der seine Gefühle beherrschen sollte, sie drohten ihn mitzureißen. "Es wird wirklich Zeit dafür. Komm mit."

Fíonán schob seine Hand in die seines Geliebten und ließ seine Finger zwischen die des anderen Mannes gleiten. "Wenn du das sagst... Es hat doch auch ohne funktioniert. Wieso sind sie so wichtig?" Care hatte von Gefühlen geredet, die zum Zweiten transportiert wurden, die ihn kontrollieren sollten, doch Rachaet hatte ihm nichts getan. Forschend sah er seinen Gefährten an, er konnte hinter dem ruhigen Gesicht etwas sehen, in seinen grünen Augen etwas erkennen, das nicht Ruhe war, doch was es war, wusste er nicht. Mit der freien Hand strich er ihm ein paar Strähnen aus dem Gesicht und spürte mit einem Mal eine Welle an Liebe, die ihn einhüllte. "Care", flüsterte er atemlos. /Alles, was du willst.../

Carelis hob seinen Gefährten kurzerhand hoch und ging zur Treppe. "Diese Reifen sind so wichtig, weil... Zum Einen sind sie ein Symbol, dass ich dich nicht wieder hergebe." Bezeichnend drückte er den Elf kurz fester an sich, was diesen glücklich zum Lächeln brachte. "Zum Anderen sind sie dafür da, dass du Rachaet und die anderen Lemar verstehst. Ich nehme mal an, dass du ihn nicht verstehen konntest, er aber mit dir gesprochen hat. Er hat dir sogar geschmeichelt, denn daran kann ich mich erinnern."

Carelis blickte in die weichen, silbernen Augen seines Geliebten und küsste ihn zart. "Er hat dich seine Blume genannt, das ist süß von ihm. Fíoní, das ist die zarte erste Blüte, wenn ein Lemar etwas über fünfzig Jahre alt ist und zum ersten Mal Ausschau nach einem Partner hält. Lemar leben in Partnerschaften, wenn sie blühen. Es war ein Kompliment, dass er sich durch dich daran erinnert fühlte."

Carelis erreichte das Fußende der Treppe und setze den Elf ab, den er mühelos getragen hatte. Verträumt streichelte er durch die weißen Haare und über den hellen Hals seines Geliebten. "Die ersten Blüten der Lemar sind weiß. Sie werden so verrückt nach dir sein, Liebling."

Fíonáns Wangen färbten sich zart rot, er lächelte schüchtern. Die sanfte Berührung kribbelte auf seiner Haut. /Liebling.../ Wieder spürte er dieses angenehme Ziehen im Magen, fast wie Schmerz und doch willkommen, während sich sein Herzschlag erneut beschleunigte, als er den dunklen, liebenden Blick erwiderte. /Und Rachaet mag mich auch. Ich bin seine Blume? Wie süß. Ja, ich will ihn verstehen. Schließlich... gehört er dazu. Zu uns. Er ist ein Teil von dir... ein Teil von mir?/

Er beugte sich vor und berührte Cares Lippen kurz mit den seinen, konnte einfach nicht widerstehen. "Ich wusste nicht, dass er versucht, mit mir zu sprechen. Aber wenn die Reife machen, dass ich ihn verstehe, dann sind sie wirklich wichtig." Und ihre symbolische Bedeutung? /Ja/, dachte er glücklich. Wenn er jemandem gehören wollte, dann diesem Mann. /Nicht gehören. Zu ihm gehören... und er gehört zu mir./

Carelis wendete sich ab und grub die Reifen aus seiner Tasche. Intelligentes Metall. Sie waren schlicht, bewegten sich sachte in seinen Fingern, freuten sich auf die Aufgabe, die sie in der Langeweile ihres Daseins erwartet hatte.

"Wenn du diesen Reif trägst, dann können die Daryller, die Lemar und die Fliehenden dich verstehen. Du wärst sonst zwar mit mir zusammen, aber weder Rachaet, noch die anderen Lemar würden dich wirklich kennen. Fremde Pflanzen würden dich auf meinem Heimatplaneten vielleicht zerfetzen. Deswegen ist es notwendig. Ja? Willst du es auch? Fíoní? Würdest du mit mir von hier fort, in meine Heimat reisen?"

"Das habe ich in dem Moment entschieden, als ich gestern deine Hand berührte", erwiderte Fíonán leise und sah ihn voller Liebe an. "Ich will es, mehr als alles andere, Care. Ich will bei dir sein, egal wo das ist. Hier oder in deiner Heimat, in einem Raumschiff oder sonst wo." Gedankenverloren berührte er die Schramme auf seiner Brust, wo vorher schon so viele andere gewesen waren, die man nicht mehr sehen konnte. "Ich wäre nicht traurig, hier weg zu kommen, wenn du dir deswegen Sorgen machst. Und ich will deine Heimat kennen lernen."

Er lachte leise und seine Augen leuchteten mit einem Mal voller Leben. "Ich will die Welt sehen, die jenseits der Mauern dieses Palastes liegt!" Doch von einem Moment zum nächsten wurde das helle Silbergrau von Dunkelheit überschattet. "Wenn ich nicht zu teuer bin. Ich koste viel, Care. Vielleicht mehr, als du zahlen kannst..."

/Oder mehr, als du zu zahlen bereit bist?/ Er wusste, dass es Unsinn war, so zu denken, doch er konnte sich nicht davon abhalten. /Care würde alles für mich zahlen... oder?/ Die Unsicherheit blieb.

Carelis sah seinen Gefährten verwundert an, dann grinste er. "Das will ich ja wohl hoffen! Ein so wunderschöner, junger, süßer und perfekter Gefährte wird einen anständigen Preis haben!" Seine Augen blitzten auf, er hob einen Finger, um begeistert zu rufen: "Ein Handel! Auch noch der wichtigste Handel in meinem Leben! Ich freue mich darauf, das kannst du glauben! Gleich morgen..." Er blickte zum Fenster. "Nein heute! Gleich jetzt werde ich zu dieser Frau gehen und den Preis festlegen. Es macht zwar mehr Spaß, wenn auch die anderen nur den Heiratspreis in dem Handel sehen, aber glaub mir, ich handele gut und gern und ich denke nicht, dass der Preis zu hoch sein kann! Nicht für den Wert. Ich mache in jedem Fall ein gutes Geschäft." Er betrachtete das zweifelnde Gesicht seines Elfen und lächelte. "Ich bin reicher, als du es dir vorstellen kannst, Fíonán. Die sieben Schiffe, die du gesehen hast bei meiner Ankunft... das sind nur meine Gleiter. Ich besitze vier Planeten."

Fíonáns Augen weiteten sich, mit offenem Mund sah er den Daryller an. "Oh", sagte er nur, mehr brachte er nicht hervor. /Vier ganze Planeten? Planeten? Das ist... Oh! So viel mehr als dieser Palast! Damit kann er alles kaufen, wenn er will!/ Ihm wurde fast schwindlig bei dem Gedanken. /Er nimmt mich mit sich. Und nichts kann ihn daran hindern. Kein Preis, keine Herrin./ Ein strahlendes Lächeln zog über sein Gesicht. Langsam, ganz langsam begann er zu glauben, dass das, was hier mit Care und ihm geschah, wirklich passierte, und es erfüllte ihn mit unsagbarem Glück.


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