Das dritte Gesicht

14.

Carelis streckte seine Schultern und legte den Metallreif an seinen nun wieder vollkommen von den Mustern befreiten linken Arm.

Der Reif wurde kurz zur trägen Flüssigkeit, dann kroch er an Carelis' Arm hinauf und umgab den Oberarm in einem komplizierten Muster, das sich wieder und wieder änderte, bis die Formen perfekt an seinen Arm angepasst erstarrten. Carelis trat auf Fíonán zu und hob dessen Reifen vor ihre Gesichter. "Du musst dem Metall deinen Namen sagen, Fíonán. Wie lautet dein voller Name?"

Fíonán wandte seinen Blick von dem faszinierenden Spiel des Metalls auf Cares Arm ab und sah an dem anderen Reif vorbei seinen Geliebten an. "Fíonán", sagte er und verstummte wieder. Er konnte die leise Stimme seiner Mutter hören, erinnerte sich, wie sie ihn auf dem Schoß gehalten hatte in dem Laderaum des Raumschiffes, in dem sie mit so vielen anderen zusammen gesteckt worden waren, wie sie ihn an sich gedrückt hatte.

'Sage ihn niemals, deinen geheimen Namen, mein Schatz', hatte sie geflüstert. 'Niemals. Niemandem. Nur wenn du fühlst, dass es richtig ist, ganz tief in dir. Wenn auch nur der kleinste Zweifel besteht, dann verschweige ihn. Dann bist du nur Fíonán.' Sie hatte ihn auf die Stirn geküsst und wieder an sich gedrückt, und er hatte ihre Tränen auf seiner Schulter gespürt.

Er hatte ihn niemals laut ausgesprochen, hatte es nie gewagt aus Angst, irgendjemand könnte ihn hören. Doch jetzt lächelte er und erwiderte den Blick von Cares tiefen, strahlenden Augen. Er empfand nur Liebe, Vertrauen, ein wenig Nervosität, aber keine Zweifel. "Fíonán Aynir."

Carelis strahlte ihn an und nickte, dann hielt er das Metall an Fíonáns linken Arm und murmelte "Dann lautet dein Name von jetzt an: Fíonán Aynir Carelis Rachaet. Tut mir leid, dass es sich so umständlich spricht." Er beobachtete, wie das Metall um den weißen Arm seines Geliebten kroch und erklärte "Du wirst dich am Anfang daran gewöhnen müssen. Ich kenne das von den anderen meiner Rasse. Ich hoffe auch, dass du dich rasch einleben kannst. Es ist leider so, dass niemand mit uns etwas zu tun haben will. Für gewöhnlich fliehen alle, wenn ich komme. Ich hoffe, dass ich dich nicht enttäusche. Ich habe ab heute jedenfalls den Namen Carelis Rachaet Fíonán Aynir angenommen." Er küsste Fíoní leicht, dann lachte er leise und warnte ihn "Nenn bloß Rachaet zuerst, wenn du mit ihm zusammen bist. Er ist höllisch eingebildet und schrecklich eifersüchtig auf mich, weil ich dich zuerst entdeckt habe."

Fíonán kicherte und schmiegte sich an ihn. "Ich werde mich daran erinnern", versprach er und legte seine Hände auf  Cares Becken, um sie von dort über die Taille nach hinten wandern zu lassen und seinen Geliebten zu umarmen. Er lehnte den Kopf an seine Schulter und vergrub das Gesicht in dem so gut nach Carelis duftenden, glatten Haar. "Aber ich glaube nicht, dass es irgendetwas gibt, das mich bereuen lassen kann, dass ich mit dir zusammen sein darf. Wenn sie deswegen vor mir weglaufen, sollen sie es tun."

Das flüssige Metall auf seiner Haut brannte, er konnte die Form spüren, die es annahm, und er hatte das Gefühl, als würde es sich mit ihm verbinden, sich in sein Fleisch fressen, doch es schmerzte nicht wirklich. /Und Rachaet ist eifersüchtig? Ich weiß so wenig von ihm, noch weniger als von dir.../

Carelis beobachtete, wie Fíonán mit dem Brennen und Ziehen, mit dem Prickeln des Metalls fertig wurde. Es war unangenehm, das wusste er selber. Aber es ging nun einmal nicht ohne die Reifen. Zudem würde es gleich aufhören.

"Da gibt es noch etwas, das ich dir sagen muss." Er senkte verschämt den Kopf. "Entschuldige... Alles kommt mir nach und nach in den Sinn. Es ist nicht Absicht. Da gibt es noch einen Nachteil, den du hast. Jetzt sind wir zusammen... wir drei. Wenn ich schlafe, erwacht Rachaet. Alles, was er zum Leben benötigt, zieht er aus dem Sonnenlicht, aus Wasser und aus Blut. Es kann sehr gut sein, dass du also viel Zeit mit ihm verbringen musst. Er wird dich nicht wieder beißen oder kratzen oder in einer anderen Form verletzten, nie wieder. Aber... na ja." Carelis suchte in Fíonáns Gesicht nach Verstehen. "Er hat starke Beschützerinstinkte. Es kann sein, dass du nicht mehr allein sein kannst, solange er wach ist, aber auch mit niemanden sonst reden, wenn er es nicht zulässt. Die Lemar können sehr kletten, wenn sie wollen, und Rachaet will das bei dir bestimmt."

Fragend sah Fíonán ihn an. "Er ist da, sobald du einschläfst? Also, sobald du die Augen zumachst und sozusagen weg bist?" Mit einem leisen Lachen küsste er ihn auf die Nasenspitze. "Aber ich darf auch irgendwann schlafen, ja? Wenn erst der eine, dann der andere was von mir will." Wieder kicherte er. "Aber ich glaube, damit kann ich leben. Vielleicht wird er sich das ja später ein wenig abgewöhnen, das Kletten."

Er löste einen Arm von Care und strich ihm durch die Haare, drehte eine glatte, weiche Strähne um seinen Finger und spielte gedankenverloren damit. "Was bin ich für Rachaet, Care? Liebt er mich ebenso wie du?" Er dachte an den Lemar zurück und errötete. "Und... will er auch... ich meine..." /Sex mit einer Pflanze, die fast aussieht wie du und sich benimmt wie ein Schmusekater?/

"Was du für Rachaet bist, solltest du fühlen, wenn er wieder einmal wach ist. Demnächst. Und was den Sex angeht, er weiß nicht einmal, was das ist. Du kannst jederzeit schlafen, er wird dich nur bewachen wollen. Die Lemar haben sich über Ableger vermehrt. Diese Ableger verbinden sie noch heute mit den daryllischen Nachkommen, um uns zu vermehren."

Er zog die Brauen zusammen. Zum ersten Mal kroch ein Wissen in sein Bewusstsein. "Du bist männlich. Wie vermehrt ihr euch?" Es war normal, dass die Daryller sich mit männlichen Dritten aus den Reihen der Telarianer und einiger anderer Lebewesen würden vermehren können, aber dies war ein Elf. Irritiert starrte Carelis vor sich hin. Seine Gefühle waren zu stark. Es war perfekt. Rachaet hatte es auch abgesegnet, aber wenn sie nun keine Nachkommen würden haben können? Unsicherheit machte sich in ihm breit.

Es überraschte Fíonán, dass er Cares Unsicherheit spüren konnte. Es war nicht nur der Ausdruck in dem Gesicht seines Geliebten, nicht nur sein Blick, er konnte es fast greifen. Verwirrt sah er ihn an, als dieses Gefühl auch durch ihn hindurch zog und ihn ängstlich werden ließ. "Nun... Die Rasse Elfen, der ich angehöre, vermehrt sich wie Menschen. Wenn Mann und Frau miteinander schlafen..."

/Er will Kinder/, schoss es ihm durch den Kopf. /Seine Kinder. Eigene Kinder.../ Die Angst in ihm wuchs schlagartig an und ließ ihn unwillkürlich zurückweichen, von der Wärme des anderen Körpers weg. /Ich glaube nicht, dass ich ... dass wir.../ Er biss sich auf die Unterlippe und wandte den Blick zu Boden.

"Es tut mir leid", flüsterte er. /Was, wenn er jetzt... wenn er doch geht?/

Carelis seufzte und drückte Fíonán ein wenig an sich. "Das ist nicht deine Schuld. Ich hatte schon immer Probleme; in allem, das ich angefangen habe, musste ich kämpfen. Auch bei der Suche nach dir. Vor allem bei der Suche nach dir. Aber ich habe alles geschafft. Auch das schaffen wir!" Energisch ergriff er Fíonáns Hand und verkündete "Wir werden uns jetzt herrichten, damit die Verhandlungen beginnen können. Sag deiner Herrin, dass ich sie sprechen muss." Eisern hielt Carelis seine Sorgen unter Verschluss. Sein Dritter sollte geliebt werden, nicht von Forderungen überrascht. Alles andere hatte Zeit.

Trotzdem war Fíonáns überschwängliche Freude gedämpft, als er krampfhaft lächelte. "Ja... ja, mache ich." Er drückte Cares Hand, um sich ihm dann zu entziehen. "Oder wollen wir erst noch frühstücken?" Halb war er in Gedanken bei seinem Kleiderschrank, um auszusortieren, was Care wohl gefallen würde, halb machte er sich Vorwürfe und Sorgen. Er wollte ihn nicht enttäuschen, in keiner Weise. /Wie sehr will er Kinder? Wie kann man Kinder – eigene Kinder – sonst noch bekommen als Halbelfenmann mit einem Gefährten?/

Auf nackten Füßen tappte er zum Schrank und öffnete ihn, um dann blicklos hineinzustarren, während seine Hände durch die Kleidungsstücke glitten, einige hinauszogen, nur um sie wieder zurückzustecken. /Himmel, was mache ich hier eigentlich? Gestern war ich noch ein Key für alle, heute denke ich über Kinder nach!/ Ohne es zu merken, strich er über den unangenehmen Reifen an seinem Arm, zerrte an ihm, um ihn zu verschieben und wurde erst dann darauf aufmerksam, als es ihm nicht gelang. Mit einem leisen Seufzen ließ er davon ab und drehte den Kopf, um über die Schulter unsicher zu Care zu sehen. /Das ist wie ein bizarrer Traum./ Doch dann traf sein Blick den der tiefen grünen Augen, und er lächelte und wusste, dass er nichts anderes wollte. /Wenn ich ihn nur glücklich machen kann.../

Carelis blickte zu seinem geliebten Elfen und beobachtete dessen Gefühle, während dieser sich von ihm abwendete. Erstaunt fühlte er, wie er ihm näher kommen konnte, indem er sich auf den Reif konzentrierte. Es war fast so wie der Moment zwischen den Gestalten, wenn Rachaet und er sich unterhielten. Sie konnten sich fühlen, nicht deutlich, aber schon deutlich genug, so dass Care erfuhr, dass es nicht gereicht hatte, Fíoní von dem Gedanken an die Kinder abzubringen.

Nachdenklich und voller Freude und Zuneigung betrachtete er den schlanken und appetitlich nackten Körper seines Geliebten vor dem Schrank. Es war rasch entschieden. Er war mit wenigen lautlosen Schritten bei ihm und umarmte ihn von hinten, begann seinen Hals zu küssen, die Ohren und nahm zugleich die Haarfluten ein wenig zur Seite.

"Hm. Du schmeckst so lecker, wie du aussiehst, Fíoní", flüsterte er begehrlich und ließ eine Hand über die Brust des Elfen streichen, um ihn fester gegen sich zu ziehen. "Wie werde ich meine Hände nur von dir lassen können? Lass mich nie wieder allein. Versprichst du mir das? Versuch nie den Reif abzunehmen und geh nicht fort... bitte."

"Care..." Die Berührung seines Geliebten ließ ein Kribbeln wie von einer Schar Ameisen über Fíonáns Haut laufen. Er lehnte sich gegen ihn und schloss für einen Moment die Augen, spürte die Hände auf seinem Körper und die Lippen an seinem Hals. Mit einem wohligen Schaudern drehte er sich in seinen Armen um und erwiderte die Umarmung innig, während sein Mund den von Care fand. Er küsste ihn zärtlich, ehe er ihn wieder ansah, so nah bei ihm, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten.

"Ich liebe dich", wisperte er, unterbrach sich immer wieder, um ihn erneut zu küssen. "Ich kann dich nicht allein lassen, ich will es auch gar nicht. Ich bleibe bei dir, versprochen. Ich werde diesen Reifen immer tragen... immer... immer bei dir sein..." Sacht begannen seine Finger, Muster auf Cares nackten Rücken zu zeichnen, fuhren das Rückgrat entlang und die Rippenbögen nach, während er den Kuss vertiefte.

Carelis erwiderte die Küsse eine Zeitlang zärtlich und mochte seinen Elfen nicht loslassen, doch das Klopfen an der Tür unterbrach sie schließlich. "Liebling, das wird das Frühstück sein. Holst du es rein, dann kümmere ich mich um meine Haare." Carelis küsste Fíonán ein letztes Mal auf den Mund, dann schob er ihn von sich fort, auch wenn er es nur ungern tat und tätschelte ihn auf den Po. "Bin sofort wieder bei dir!" Rasch ging er in das Badezimmer fort.

Fíonán sah ihm verträumt nach, betrachtete den wunderschönen und verlockenden Körper seines Geliebten und wünschte, das Klopfen abstellen zu können. Er erinnerte sich an den Abend, an Carelis' fordernde Berührungen, seine Zärtlichkeit, und augenblicklich setzte das erregende Prickeln wieder ein. Mit einem Lächeln schüttelte er den Kopf und wandte sich um, der Tür zu.

Den Jungen, der das Essen brachte, irritierte es viel weniger, dass er nackt war, als die Kleidung, die er am Vortag getragen hatte, was Fíonán wieder schmunzeln ließ. So sehr hatten sie sich also schon an seine allgegenwärtige Tunika gewöhnt...

Im Bad, vor dem Spiegel, senkte Carelis den Kopf und versuchte Rachaets Wissen zu finden. Sein Zweiter schlief, aber er war um so viele Jahre älter als Carelis. Er wusste doch mit Sicherheit einen Ausweg, was die Frage nach Nachkommen anging. Würden sie verzichten müssen?

Rachaet antwortete nicht, schien stur zu schweigen. Carelis schüttelte schließlich den Kopf und bürstete die verbliebenen Zotteln aus den Haaren heraus. /Fíoní und wir gehören zusammen. Wir können alles schaffen. Rachaet wird einen Weg kennen/, versuchte er sich zu beruhigen. Endlich zog er sich einen Morgenmantel über und ging in den Wohnraum zum Esstisch zurück, von wo es freundlich nach Tee und frischem Brot duftete.

Fíonán hatte sich noch nichts angezogen, die Haare nur zu einem losen Zopf geflochten, der sich schon wieder aufzulösen begann. Er sah auf, als Care aus dem Bad kam und lächelte ihn an. Noch immer konnte er eine leichte Unsicherheit seines Geliebten spüren, aber es war so diffus, dass er sich nicht sicher war.

"Es gibt wieder Jasmintee", sagte er fröhlich, bemüht, ihn die Sorgen vergessen zu lassen. "Sie haben es sich gemerkt, wie gern du ihn hast."

"Hm... nichts gegen deinen Geschmack, Liebling!" Mit Schwung schnappte Carelis seinen Gefährten und zog ihn zu sich auf den Schoß. Neugierig sah er sich auf dem Tisch um, während er seinen Bademantel aufknüpfte, um einen Teil über Fíonáns schlanker Gestalt zusammen zu schlagen, damit dieser nicht frieren musste. Es war eigentlich warm im Zimmer, aber dieser Beschützerinstinkt trat bei ihm immer deutlicher hervor, und er spürte erneut, wie Rachaet, von den Gefühlen über die Reifen angelockt, begann sich zu rühren, zu lauschen.

"Was magst du gern essen? Du bist so dünn, das müssen wir doch mal ändern." Carelis lächelte in das Gesicht des andern und streichelte ihm einige der sich auflösenden Haarsträhnen von den Augen fort. "Erst warst du müde, traurig und dünn. Müde und traurig hab ich schon wegbekommen, dass du dünn bist, schaffen wir auch noch, nicht? Heiße Schokolade?"

Er zog den letzten Rest vom Bademantel unter Fíonáns Po fort und schlang den Stoff um ihn. Es fühlte sich besser an, wenn sich ihre Haut berühren konnte. Sicherer, als sei er wirklich da. Carelis hatte noch einige Probleme zu glauben, dass es passiert war, dass er wirklich...

"Oh, Himmel! Ich hab vergessen, es allen zu sagen!" Er sah Fíonán in die Augen. "Gleich nach dem Frühstück muss ich es meinen Eltern, meinem Bruder, meinen Cousins und meinem Vermittler sagen! Ha! Dann sollten wir ohnehin besser hier auschecken. Ich denke nicht, dass er noch für eine weitere Nacht bezahlt." Carelis lachte fröhlich auf. "Allein das war schon ein guter Handel, Fíoní!"

Fíonán fiel in das Lachen mit ein. "Dass du daran denkst, war klar." Übermütig gab er ihm einen kleinen Kuss auf die Nasenspitze. "Ohne Handel bist du nicht glücklich." Er spürte Cares Haut, die seine berührte, eine lose auf seinem Oberschenkel liegende Hand, deren Wärme durch den Stoff des Bademantels zu ihm durchdrang.

Die kleine Geste, dass Care ihn eingewickelt hatte, damit er nicht fror, so selbstverständlich, so fürsorglich, erfüllte ihn mit Glück. Mit Liebe umsorgt zu werden war etwas derart Besonderes, so kostbar und selten, dass er Angst hatte, es könnte zerplatzen wie eine Seifenblase, wenn er etwas falsches tat, sich falsch bewegte. Unwillkürlich hielt er die Luft an, als er wie in Zeitlupe eine Hand hob, um sie an Cares Wange zu legen, sich vorzubeugen und ihn hauchzart zu küssen.

Erst, als er mit einem tiefen Seufzer ausatmete, fiel es ihm auf, und er musste erneut lachen. /Ich bin albern. Und ich bin so glücklich.../ Kichernd wie ein Kind schüttelte er den Kopf. "Was hättest du nur gemacht, wenn ich kein Key gewesen wäre, sondern sagen wir mal, ein Waisenjunge ohne Geschwister und sonstige Verwandte? Mit wem hättest du dann gehandelt?"

Carelis nippte an dem Tee, bevor er ruhig und ernst entgegnete "Mit dir. Wenn du frei gewesen wärst, dann hätten wir deine Freiheit und deren Preis verhandelt."

Für einen Moment wurde Fíonáns Gesicht verschlossen, dann schüttelte er unsicher und verwirrt den Kopf. "Wie kann man darum verhandeln? Freiheit hat keinen Preis. Wenn ich frei wäre, würde ich sie nicht hergeben." Er beugte sich vor und schenkte sich eine Tasse heiße Schokolade ein, um etwas in den Händen halten zu können.

Carelis senkte die Hand mit der Tasse langsam, dann berührte er den Reif, der sich über den Oberarm seines Geliebten zog, mit zwei Fingern. "Du wirst es nie wieder sein, Fíonán. Das tut mir leid. Hätte ich den Reif fortlassen sollen, bis du Freiheit gespürt hast? Ich wusste nicht, dass sie dir soviel bedeutet, weil ich mich nur noch nach einem Ende der Freiheit in Einsamkeit gesehnt habe."

Fíonán nippte an seiner heißen Schokolade und genoss die cremige Süße auf seiner Zunge. Dann lehnte er sich zurück und legte seinen Kopf an Cares Schulter, sah seinen Gefährten an und lächelte. "Nein, so meinte ich das nicht. Mit dir bin ich frei. Ich will dich nicht mehr loslassen, nie mehr ohne dich sein. Aber Freiheit hat keinen Preis. Wie kannst du um Freiheit feilschen?" Er wandte ihm das Gesicht weiter zu und streifte kurz mit den Lippen seinen Kiefer. "Du schenkst mir die Freiheit. Aber würdest du deine Freiheit... verkaufen?"

Carelis betrachtete das Gesicht seines Gefährten, dann nickte er leicht. "Es ist besser, wenn man den Preis kennt, als wenn man sie einfach aufgibt. Meine Eltern haben den Preis mit Rachaet ausgehandelt, bevor sie zugelassen haben, dass wir uns verbinden. Das ist der Weg, den die Beziehungen gehen. Am Anfang fühlte es sich an, als sei ich eingesperrt. Er hat sich mir ständig in den Weg gestellt. Erst seit dreißig Jahren ungefähr kommen wir ganz gut aus."

"Es ist seltsam, dass ich weiß, dass ich dich liebe", sagte Fíonán leise. "Ich weiß fast nichts von dir und Rachaet. Du machst für alles einen Preis, wirklich für alles, kann das sein?" Er lächelte unsicher. "Auch für die Luft zum Atmen?" Wieder trank er einen Schluck. "Ich weiß nicht, wie ich mich in ein paar Tagen fühlen werde, jetzt ist es noch sehr schön. Dauert es auch bei den Reifen so lange wie bei dir und Rachaet, bis man sich daran gewöhnt?... Versteh mich nicht falsch, bitte... Aber... meine Gefühle zu teilen... sie gehörten bis vor ein paar Augenblicken noch allein mir. Und ich war... allein in mir."


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