Das dritte Gesicht

15.

Carelis senkte den Kopf, dann nahm er Fíonán langsam die Tasse fort. "Alles, was du wissen musst, kannst du nicht sehen. Es ist nur hier..." Er legte seine Hand auf Fíonáns Brust. "Und hier... und hier." Leicht legte er seine Hand auf die Stirn des Elfen, dann ließ er sie zu seinem Bauch gleiten. "Du kannst es nicht wissen, aber fühlen. Der Preis, das Wissen um den Preis, ist auch hier. In dem Moment, in dem deine Herrin ihren Preis nennen wird, wirst du wissen, dass er, nur in diesem Fall, er ist immer verschieden, das weißt du ja, dass er zu hoch ist, oder zu niedrig. Glaubst du mir das?"

Verwirrt sah Fíonán ihn an, um dann seinem Blick doch auszuweichen. "Ich verstehe nicht", murmelte er verlegen und spürte, wie seine Wangen heiß wurden.

Carelis seufzte einmal, dann atmete er durch und murrte "Und ich bin so schlecht darin, uns zu erklären. Es tut mir leid." /Wenn nur Rachaet hier sein könnte. Ob ich ihn rufen soll? Aber dann geht er vielleicht erst übermorgen wieder fort, und vermutlich will er Fíoní kennen lernen, von Kopf bis Fuß, das ist anstrengend. Ich werde übermüdet sein./

"Rachaet kann es dir erklären. Besser als ich. Er kann es dir zeigen. Du könntest es verstehen." Er kniff seine Augen zusammen und nickte. "Aber ich versuche es noch einmal. Es ist so, dass du einen Preis hast. Aber er ist immer anders. Für mich ist er anders als für den letzten Herrn, als für den ersten, als für den Herrn, dem du folgen wolltest. Manchmal ist es ein Preis, den du nur fühlst, von dem du nur weißt, dass er richtig ist, wenn du ihn hörst."

"Du bist bereit, einen anderen Preis für mich zu zahlen als der Herr vor dir, zum Beispiel?", fragte Fíonán vorsichtig nach. "Meinst du das? Das jeder bereit ist, einen anderen Preis für mich zu zahlen? Dass ich manchem mehr und manchen weniger wert bin?"

"Nein!" heulte Carelis auf und schüttelte den Kopf. "Es geht nicht um den Preis, den ich für dich zahlen will, sondern den du für mich wert bist, von dir aus. Verstehst du das wirklich nicht? Soll ich Rachaet wecken?"

Erschrocken zog Fíonán den Kopf zwischen die Schultern und duckte sich fast. "Es tut mir leid... Es tut mir leid, Care!" Seine Kehle schien sich plötzlich zu verengen, er spürte Angst durch seinen Magen kriechen. /Ich mache was falsch. Was ist es? Was mache ich falsch? Ich will nichts falsch machen... Ich will es doch verstehen!/ "Wenn ich... wenn ich jetzt denke, dass ich in deinen Augen nichts wert bin, ist es genauso wahr, wie wenn ich glaube, dass ich unbezahlbar bin?", versuchte er es erneut.

Carelis nickte und hob mit einer Hand das Kinn seines Lieblings an. "Sch... du hast es erfasst. Es ist der Preis, den du für jeden von dir denkst. Du bist für mich unbezahlbar, aber wenn diese Frau fragt, dann weißt du doch in deinem Inneren, wie viel du ihr wert bist, nicht, Fíoní?" Er küsste die leicht zitternde Unterlippe seines Gefährten vorsichtig und raunte dann eine Spur zu dessen Ohr verfolgend. "Du hast nichts falsch gemacht, Liebling. Und im Moment bist du nicht nur unbezahlbar, sondern auch unwiderstehlich für mich." Zärtlich streichelte er über den Bauch und die Beine seines Dritten und suchte mit den Lippen erneut nach dessen Mund.

Erleichtert lehnte sich Fíonán mit einem tiefen Seufzen gegen ihn. Seine Hände legten sich über die streichelnden seines Geliebten, folgten den Bahnen, die Care zog. Seine Lippen teilten sich für ihn, als er den Kuss innig mit geschlossenen Augen erwiderte. Langsam löste sich die Kälte in seinem Magen zu einem warmen Prickeln auf, als hätte sie nie existiert, und flüchtig fragte sich Fíonán, wie er überhaupt hatte Angst haben können.

Es schien ewig zu dauern, bis er sich wieder von ihm lösen konnte. Atemlos lächelte er ihn an, während Cares Worte noch immer in seinem Kopf herumwirbelten. /Unbezahlbar.../

"Aber... was ist, wenn sich mein Preis, den ich mir denke, sich bei mir plötzlich wandelt? Wenn ich mit einem Mal überzeugt davon bin, dass ich nichts mehr wert bin für dich? Gar nichts? Vielleicht, weil wir uns streiten? Heftig streiten...? Ist es dann auch so?"

Carelis lächelte und sah ihm in die Augen, dann flüsterte er leise "Du hast es nicht verstanden, aber vielleicht ist es ein wenig viel auf einmal, Liebling. Bist du noch hungrig oder können wir andere Pläne verfolgen?"

Fíonán hatte zwei kleine Schlucke heiße Schokolade gefrühstückt, mehr nicht, aber dieser Blick ließ ihn alles andere vergessen. Sein Herz begann schneller zu schlagen, als er sich mit einem Schlag jeder Stelle bewusst wurde, an der Care ihn berührte.

"Ich werde mich bemühen zu verstehen", antwortete er wispernd und schmiegte sich enger an seinen Geliebten, während seine Hände, die noch immer auf Cares ruhten, ihre Bahnen über seinen Körper wieder aufnahmen.

"Wir essen gleich weiter..." Carelis zog den Löffel mit ein wenig von dem Honig, der zum Süßen seines Tees gedacht war, aus dem Glas und leckte leicht daran, dann lächelte er und küsste Fíonán tief, während er sich bemühte für ihn zu denken. /Honig... das Sinnlichste, was die Lemar kennen. Fíoní, das Schönste./ Er strich mit der Zunge an den Mundwinkeln seines Geliebten entlang und schob seine Arme dann unter dessen Beine, um ihn hochzuheben.

Vorsichtig legte er Fíonán in dem Sonnenfleck auf dem Teppich nieder und streifte den Bademantel ab, bevor er sich neben ihn kniete. /Die Sonne... das Wichtigste für alles Leben, das die Lemar kennen, das Wärmste und Stärkste. Und die Verbindung.../ Er küsste Fíonán erneut. /... ist das Wertvollste./

Fíonán fühlte sich wieder in diesem wundervollen Traum gefangen, aus dem er seit dem Abend nicht mehr wirklich aufgewacht war und in den er tiefer und tiefer gezogen wurde. Er konnte Care spüren, seine Wärme, seine Liebe, seine zärtlichen Gedanken; sie umwoben ihn, streichelten ihn, fast noch mehr, inniger und intensiver als die Hände und Lippen seines Geliebten.

Er umschlang ihn mit den Armen und zog ihn an sich, während er den Kuss sehnsüchtig erwiderte. Er wollte ihm zurückgeben, was er geschenkt bekam, wollte ihm zeigen, dass er ihn ebenso sehr liebte, wie er geliebt wurde. /Es gibt nichts, was damit vergleichbar wäre. In deinen Armen zu liegen, dich zu halten... Ich glaube, ich verstehe, Care... diese Nähe... diese Liebe... unbezahlbar. Immer.../

Carelis lächelte erleichtert, bevor er aufhörte zu sprechen, aufhörte zu denken, um sich auf den Körper seines Gefährten zu konzentrieren. Es gab so vieles, das er noch nicht über ihn wusste, und er schärfte seine Sinne, um die Bedürfnisse besser erraten zu können, um ihn richtiger zu berühren, um seine Sorgen auszuschalten, während sie eins wurden.

Es war wie ein Rausch, der mit dem Höhepunkt noch lange nicht endete, und aus dem Fíonán nur langsam und Stück für Stück wieder empor tauchte. Alles, was Care tat, hielt ihn gefangen, ließ ihn antworten. Seine Liebkosungen, mit denen er das Liebesspiel ausklingen ließ. Die Zärtlichkeit, die er ihm schenkte.

Kleine Küsse am Frühstückstisch. Das gegenseitige Füttern. Herumalbern. Necken. Gemeinsam lachen. Kleinigkeiten, die für Care so selbstverständlich schienen und die Fíonán doch unendlich viel bedeuteten. Wenn er ihm die Haare aus dem Gesicht strich. Einen Tropfen Honig von seinem Kinn wischte und den Finger Fíonán überließ, der ihn ableckte, was zu neuen Küssen führte.

Berührungen, zufällig und absichtlich, als sie gemeinsam das Geschirr zusammen räumten und auf das Tablett zurückstellten. Liebevolle Blicke. Koseworte.

Es war eine eigene, kleine Welt, die an den Wänden des Zimmers endete und den Rest des Universums ausschloss. Fíonán verspürte keine Lust, sie zu verlassen, um der Herrin der Winde gegenüber zu treten, auch wenn es das letzte Mal sein würde.

Langsam kroch Nervosität in ihm empor. Er bekam mit, wie Care duschte und sich anzog, während er noch immer vor seinem Kleiderschrank stand und auszuwählen versuchte, was er tragen würde. Sein Gefährte mochte, was er am Tag davor getragen hatte, etwas, das seinen Körper betonte; doch er wünschte sich etwas, in dem er sich verstecken konnte und wollte gleichzeitig schön für ihn sein.

Als Care fertig aus dem Badezimmer kam, hatte er sich endlich für die gleiche Kleidung wie am Vortag entschieden und warf ihm nur einen entschuldigenden Blick für seine Langsamkeit zu, als er verlegen an ihm vorbei ins Bad huschte.

/Was ist, wenn sie mich nicht gehen lassen will?/, fragte er sich ängstlich, während er sein Haar hochsteckte, damit es beim Baden nicht nass wurde. /Wenn sie mich einfach nicht gehen lassen will, nur weil es ihr so gefällt? Es geschieht nicht oft, dass Keys gekauft werden. Es ist schon vorgekommen. Ja. Aber selten... und wenn sie... wenn sie ausgerechnet mich nicht gehen lassen will?/

Seine Gedanken drehten sich nur um diese eine Frage, während er kurz badete, sich abtrocknete, sich anzog. Er stellte sie sich mit jedem Bürstenstrich, während er die Zöpfchen flocht und die Federn feststeckte. Und als er endlich fertig war, war ihm fast schlecht vor Angst.

Carelis wartete, bis Fíonán sich zu Ende angezogen hatte und mit Federn geschmückt aus dem Bad kam. Er musste sich dabei sehr beherrschen, ihm nicht in den Raum zu folgen. Eigentlich wollte er ihn ab diesem Tag immer sehen und vermisste seinen Herzschlag, die weiche Haut, die wie Sahne aussah, die Haarfluten, die so herrlich schimmerten und wundervoll rochen. Eigentlich wollte er irgendwie versuchen, dass sie nie wieder getrennt sein mussten.

Als sein weißhaariger Gefährte erneut in seine Nähe trat, riss Carelis ihn sogleich wieder an sich, um sein Gesicht mit den Lippen entlang zu fahren, um sein Vermissen auszulöschen. "Leider müssen wir erst einmal zu der Herrin dieses Hauses. Ich habe meine Sachen schon gepackt, hast du Dinge, die du mitnehmen musst, wenn wir gehen?"

Fíonán wurde rot und schmiegte sich an ihn, um sein Gesicht in der Halsbeuge seines Geliebten zu verbergen. Die Nähe zu ihm genießend, atmete er den frischen, herben Geruch Cares ein, und wunderte sich, wie man jemanden in so kurzer Zeit so sehr vermissen konnte.

"Nein, noch nicht. Es tut mir leid", murmelte er verlegen. /Zu lange gebraucht. Ich versuche, Zeit zu schinden. Als ob es etwas ändern würde.../ Aber die Umarmung seines Gefährten war beruhigend und ließ Fíonáns Angst wieder zurück in einen Dämmerzustand sinken. Ihm war, als könnte Carelis alles möglich machen. Mit einem Seufzen presste er seine Lippen auf die weiche Haut des Halses und berührte ihn mit der Zunge, um ihn zu schmecken. Ein Lächeln zog über sein Gesicht.

"Du schmeckst so gut", murmelte er. "Was darf ich denn mitnehmen?" In dem Moment, in dem er fragte, wusste er, dass es dumm war. Care würde ihm nichts verbieten. "Verzeih mir..." Er schlang die Arme enger um ihn. "Ich werde mich daran gewöhnen."

Carelis lachte leise und streichelte über die Haare. "Du weißt doch, dass du alles mitnehmen darfst. Ich denke, dass du deine Musikinstrumente mitnehmen willst, nicht? Die lasse ich dann von den Androiden packen. Ich werde sie gleich einmal herrufen. Sie können sich beamen lassen, im Gegensatz zu mir."

"Danke." Fíonán lächelte wieder, ohne sich von Carelis' Schulter weg zu bewegen. Das leise Lachen seines Gefährten erfüllte ihn, und direkt an ihn gelehnt schien ihm dessen Stimme noch tiefer und voller zu sein. Fíonán fühlte sich unendlich geborgen in seinen Armen. "Die und etwas meiner Kleidung. Du hast bestimmt nichts passendes auf deinem Schiff für mich. Aber mehr brauche ich nicht." Er wollte weiter reden, wollte irgendetwas erzählen, damit sie sich nicht trennten, um zur Herrin zu gehen; er wollte den Moment festhalten, doch er schwieg, hoffend, dass noch viele solche Momente folgen würden.

"Fíoní, wir sollten uns auf den Weg machen. Sag einem Boten Bescheid, dass ich sie sehen will." Er strich ein letztes Mal über Fíonáns Haare und fügte leise an "Und hör auf damit, Angst zu haben. Du bist mit einem Daryller zusammen. Dein Pessimismus macht Rachaet nervös, Liebling." Carelis lächelte, als er Fíonán erröten sah. /Du bist mit roten Wangen fast noch schöner/, hauchte er in Gedanken und wendete sich ab, um die Taschen zusammen zu packen.

Fíonán spürte, wie sein Gesicht heißer wurde und drehte sich ebenfalls weg, um es zu verbergen. Dann fiel ihm ein, dass es nicht wirklich half, Care würde es immer wissen. Er konnte nichts vor ihm verstecken, seit dem Moment nicht mehr, seit dem sie diese Reifen trugen, und für einen Augenblick fühlte er sich unbehaglich. Doch die wärmende Liebe, die zu ihm übertragen wurde, die Carelis für ihn empfand, wischte das Gefühl sofort beiseite.

"Ich werde dich zu ihr führen", sagte er leise. "Dafür brauchen wir keinen Boten. Aber ankündigen lasse  ich dich."

Er atmete tief durch und schloss kurz die Augen, konzentrierte sich ganz auf Carelis, auf seine Liebe für ihn, um ruhig zu werden. /Es wird nicht schief gehen. Sie wird es nicht wagen, sich mit ihm anzulegen. Bestimmt nicht. Außerdem weiß er, wie man handelt. Er handelt doch um alles./ Der Gedanke ließ ihn lachen, was ihn sich endgültig besser fühlen ließ.

Nachdem er über die Kommunikationsanlage an der Tür Cares Wunsch eines Besuches durchgegeben hatte und erstaunlich schnell die Antwort für einen erstaunlich frühen Termin gesagt bekam, suchte er seine Lieblingskleidung zusammen und legte sie in Ermangelung eines Koffers über die Rückenlehne der Couch.

"Sie wird in einer Stunde für dich zu sprechen sein", erklärte er währenddessen Carelis. "Sie persönlich und so schnell, dass es fast schon an ein Wunder grenzt."

"Dann rufe ich meine Schiffe her, damit die Androiden mit dem Packen beginnen können, Liebling." Mit einem Mal wollte Carelis dringend fort aus dem Palast. Er brannte darauf, seinem Gefährten die Heimat zu zeigen, die Strände, die Wälder, die Gemeinschaft der Lemar.

Er wollte ihm die vier Planeten vorstellen, die er sich im Laufe seiner Karriere gekauft hatte, damit Fíonán die Wahl treffen konnte, wo sie in Zukunft leben würden, und er wollte mit seinem Bruder zusammen feiern. Eine Hochstimmung begleitete seine Bewegungen, und als der Zeitpunkt näher rückte, um zu der Herrin zu gehen, wurde er immer ungeduldiger.

Zuvor jedoch traf sein Androide ein und begann mit dem Zusammenräumen und Packen von ihren Dingen. "Wir gehen jetzt zu ihr. Ich bin gern pünktlich, Fíoní. Einverstanden?"

Fíonán nickte, spürte wieder das Unwohlsein in seinem Magen, das er nicht vor Care geheim halten konnte. Er biss sich auf die Unterlippe und lächelte verkrampft. /Es ist das letzte Mal. Das allerletzte. Und Care ist bei mir./ Überrascht stellte er fest, dass sein Gedanke weiter ging. /Und Rachaet auch./ Er entspannte sich ein wenig und schob seine Hand in die des Daryller.

"Lass uns gehen." Dann zögerte er, sah ihn unsicher an. "Willst du... Stört es dich, wenn sie wissen... warum du mich kaufen willst?", fragte er leise und drückte seine Hand. /Ich meine, soll ich dich loslassen?/

"Loslassen?! Wie meinst du das denn?!" Entrüstet zog Carelis seinen Schatz dichter an sich und legte den Arm um die schmalen Schultern. "Ich werde dich ganz gewiss nie wieder loslassen, tsts..." Energisch ging er auf die Tür zu und verkündete "Ich habe den Weg vergessen, du hast mich zu sehr abgelenkt, also musst du vorweg gehen. Aber..." Er hob Fíonáns Kinn und küsste ihn einmal schnell "... keine Umwege, Liebling. Ich habe den Wunsch, schnell mit dir nach Hause zu fahren."

Fíonán kicherte ein wenig verlegen. "Ich bin durchschaut. Aber keine Angst, ich werde dich direkt hinführen. So viel Zeit ist nicht mehr." Er hoffte nur, dass nicht zu viele Leute zu offensichtlich die Flucht ergriffen. Dann atmete er tief durch und öffnete die Tür mit aller Entschlossenheit, die er aufbringen konnte. /Ein letztes Mal.../

Der Weg erschien ihm endlos lang und doch viel zu kurz, während er Care durch den Palast führte, die vertrauten Korridore entlang, über so bekannte Treppen und durch Hallen, die er schon tausendmal gesehen hatte. Stumm nahm er Abschied, spürte überrascht, dass er trotz allem ein wenig Wehmut empfand. Immerhin war der Palast über Jahre hinweg das einzige zu Hause gewesen, das er gekannt hatte.

Um die Zeit war es leider nicht so leer wie das letzte Mal, als er Care zu seinem Zimmer geführt hatte. Und da sie den Hauptweg nehmen musste, konnten sie niemandem ausweichen. Fíonán fühlte sich unbehaglich, als er bemerkte, wie viele den Rückzug antraten, ihnen auswichen, Angst im Blick. Er wollte nicht, dass sie Care fürchteten, doch er wusste, er würde sich daran gewöhnen müssen. Unwillkürlich schmiegte er sich enger an seinen Geliebten.

Carelis legte seine Strategie zurecht und entschloss sich dazu, die Fairness nicht unbedingt in den Vordergrund zu stellen. Er lächelte und streichelte Fíonán ein wenig, als ihm auffiel, wie dieser unter dem Zurückweichen der anderen Menschen litt. /Bald sind wir Zuhause, Liebling./

/Zu Hause... ein wirkliches Zuhause.../ Fíonán seufzte leise, und das Lächeln kehrte in sein Gesicht zurück. Es wich auch nicht mehr von seinen Lippen, bis sie den Teil des Palastes erreicht hatten, in dem sich die Gemächer der Herrin der Winde befanden. Doch auch wenn er sich wieder etwas unwohler zu fühlen begann, so konnte er sich doch die Wärme bewahren, die Care ihm schenkte. Es gab nichts, was sie würde trennen können. Nichts und niemanden. Nicht einmal die Herrin der Winde.

Als sie vor dem Empfangsraum standen, den er genannt bekommen hatte, hielt er inne und atmete noch einmal tief durch. Ein wenig unsicher, aber nicht voller Angst, wie er es sonst immer gewesen war, sah er Carelis an. "Lass mich raten, dir würde es nicht gefallen, wenn ich vor ihr auf die Knie sinke?", fragte er nervös.

"Du kannst tun, was dich glücklich macht oder was es dir hier erleichtert. Aber ich würde es vorziehen, wenn du dich einfach hier neben mir hältst und die Verhandlung mir überlässt. Willst du uns ankündigen?"

Fíonán nickte und löste sich widerstrebend aus Cares Armen. "Danke...", sagte er leise und zögerte, dann gab er seinem Geliebten einen schnellen Kuss auf die Wange, lächelte ihm noch einmal zu und klopfte an. Er wartete kurz und trat dann ein. Hinter sich schloss er die Tür wieder und sank auf die Knie, ohne auch nur aufgesehen zu haben.

Aber er musste auch nichts anschauen, um zu wissen, wie es aussah, so oft war er hier gewesen. Es war ein privates, kleineres Zimmer, nicht einer der Thronsäle, wie die Herrin sie normalerweise bevorzugte. Wahrscheinlich wusste sie, dass sie einen Daryller damit kaum beeindrucken konnte.

Wie in den meisten ihrer Räume herrschte kühles Blaugrau vor, auf dem weichen Teppich, der den Boden bedeckte genauso wie bei den dünnen Vorhängen, die in einem leichten Wind tanzten und zarte Schatten auf die hellen Wände warfen. Die Platte eines niedrigen Tisches wurde von einem Mosaik bedeckt, das vage an ein von Sturm aufgepeitschtes Meer erinnerte. Vier große, aber dennoch nahezu filigran wirkende Sessel waren darum gruppiert.

"Ja?" Ihre klare Stimme war kalt und emotionslos wie immer; Fíonán spürte, wie ihm ein kleiner Schauer den Rücken hinablief. Vorsichtig sah er durch den Schleier seiner Haare, die ihm vor das Gesicht geglitten waren, zu ihr hin.

Wie er erwartet hatte, saß sie in dem Sessel, welcher der Tür zugewandt war, hinter ihr stumm und regungslos zwei ihrer Tamar'hi. Die Herrin war in ein schlichtes, figurbetonendes Kleid aus fließendem, mattblauem Stoff gekleidet, das ihre blauen Augen um so strahlender erscheinen ließ. Goldblondes Haar umfloss in weichen Locken ihr attraktives, aber puppenhaftes Gesicht mit dem sinnlichen Schmollmund. Fíonán wusste, dass viele Männer und auch Frauen sie schön fanden, doch er konnte es nicht mehr. Er kannte sie zu gut. "Carelis Rachaet ist hier, Herrin."

"Dann lass ihn herein", befahl sie kühl.

"Ja, Herrin." Gehorsam erhob er sich, froh, ihrer Kälte entkommen zu können, und öffnete wieder die Tür. Unsicher lächelte er Care an.

"Sie erwartet dich...", wisperte er und trat dann zur Seite, um ihn einzulassen. Fast hätte er sich aus reiner Gewohnheit vor ihm verneigt, doch es gelang ihm, es zu unterdrücken. Erleichtert atmete er auf, als die Wärme seines Gefährten ihn umfing, kaum dass dieser den Raum betreten hatte.


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