Das dritte Gesicht

16.

Carelis konnte die Furcht spüren, die seinen Gefährten lähmte, als dieser zurücktrat und ihm den Weg freigab. Er lächelte ein wenig und umfasste Fíonáns leicht bebenden Schultern, um ihn mit sich in den Raum zu nehmen.

Gelassen ließ er den Blick über die beiden Diener der Herrin schweifen, sie und die Frau entsprachen seinen Vorstellungen. "Guten Morgen. Es freut mich zu sehen, dass Sie so rasch genesen sind." Er ging mit einem raschen Schritt auf sie zu und nickte einmal kurz, bevor er sich vorstellte. "Carelis Rachaet Fíonán, ich bin natürlich in geschäftlichen Interessen zu Ihnen gekommen."

"Natürlich", sagte sie mit kühler Höflichkeit. Fíonán beobachtete, wie sich ihre schmalen, goldenen Brauen kurz überrascht hoben, als sie den Daryller bei der Nennung seines vollen Namens musterte. Mit einer anmutigen Bewegung warf sie ihre goldenen Locken in den Nacken, einstudiert und zu ihr gehörig wie ihr puppenhaftes Gesicht mit der blassen Haut und den roten Lippen. Dann ließ sie ihren Blick zu ihm schweifen, während sie für Carelis eine kleine, graziöse Geste in Richtung eines Sessels machte. Schmale Silberringe blitzten an ihren schlanken Fingern auf. "Setzen Sie sich doch."

Fíonán konnte die Herrin nicht lange direkt ansehen. Nervös senkte er die Augen, um dann an ihr vorbei zu den regungslosen Tamar'hi zu schauen. Für einen Moment huschte die Überlegung durch seinen Kopf, wer wohl überlegen sein würde, wenn die Herrin es schaffte, Care genug zu reizen, um Rachaet zu wecken. Nachdenklich musterte er die schlanken Arme und Beine, die ebenso schlanken, hinter blaugrauen Tuniken verborgenen Körper der beiden Diener, ihre unberührten, maskenhaft schönen Gesichter, die von glattem, blaugrauem Haar umspielt wurden, das in dem kaum wahrnehmbaren Luftzug leicht wehte. Die beiden menschlichen Maschinen oder der Lemar?

Allein der Gedanke überraschte ihn, hatte er bis vor kurzem die Tamar'hi noch für absolut unüberwindlich gehalten. Jetzt jedoch war er sich da nicht mehr sicher. /Warum mache ich mir überhaupt Gedanken darüber?/ Fast wie von allein legte sich seine linke Hand über die seines Geliebten, die noch immer auf seiner Schulter ruhte. /Weil ich weiß, dass er mich beschützen würde. Dass sie mich beschützen würden. Jeder auf seine Art. Carelis und Rachaet./

Es war ein wundervolles Gefühl, das ihn mit einem Mal erfüllte, eine neue, fremde Sicherheit, geliebt und geborgen zu sein, sich seinem Gefährten vollkommen anvertrauen zu können, ohne Angst vor Enttäuschung, ohne Furcht, verletzt zu werden.

"Ach nein, das ist nett, aber zu setzen lohnt es sich nicht, bei der Kleinigkeit, die ich mit Ihnen bereden möchte... Wie war doch gleich Ihr Name?" Carelis zog sein Intercom hervor, bereit den Preis, den er erwartete, einzugeben, um ihn gegen den üblichen Preis abzugleichen, um die Verhandlungen zu beginnen.

Fíonán sah den blauen Augen der Herrin an, dass sie irritiert und ärgerlich war, und er konnte ein kleines Schmunzeln kaum unterdrücken. Sie war es nicht gewohnt, dass man so mit ihr sprach und sie regelrecht... ignorierte.

"Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit", sagte sie trotzdem, und nur wenn man sie kannte, wusste man, dass ihre Stimme noch ein wenig kühler geworden war. "Mein Name ist Keamondis. Was kann ich für Sie tun, da Sie es so eilig haben?"

"Frau Keamondis, sehr angenehm. Sie könnten mir einen kleinen Gefallen tun. Ich möchte diesen Key hier auszahlen und heute noch mit ihm abreisen. Es ist nichts gegen die Annehmlichkeiten in Ihrem Palast. Nur kann ich leider nicht länger bleiben."

Sie gab einen kleinen, unwilligen Laut von sich, als sie Fíonán wieder ansah und ihn von oben bis unten musterte wie ein nettes Möbelstück. "Ich würde ihn nur ungern hergeben. Er hat seine Arbeit immer zu vollster Zufriedenheit getan, und die Kunden waren grundsätzlich sehr von ihm angetan. Ich würde viel durch ihn verlieren. Aber es ist wie immer alles eine Frage des Preises. Wie viel wären Sie zu zahlen bereit?" Ein kleines, wie abgemessenes Lächeln erschien auf ihrem Puppengesicht.

"Wie viel haben Sie denn für ihn angelegt, Verehrteste?" Carelis rief die Preise der Keys im Palast auf seinen Bildschirm und verglich sie mit dem Gesicht, das die Frau vor ihm zog. "Sagen wir in... Gold. Das ist langweilig, aber damit kommen die meisten sehr gut zurecht."

"Da wäre natürlich erst einmal der Ankauf. Dazu kommt seine Ausbildung..."

Fíonán hörte nicht weiter auf das, was sie sagte. Mit den Preisen konnte er ohnehin nichts anfangen, er hatte es nicht gelernt, irgendwie mit Geld umzugehen, egal in welcher Währung. Ihm fehlten allein schon die Vergleichsmöglichkeiten. Und dass von ihm geredet wurde, als sei er nicht vorhanden, war er auch gewohnt.

Sacht berührte er den Reif an seinem Arm, fuhr gedankenverloren die verschlungene Form nach und lächelte. Aber als die Herrin nach einer langen Reihe der Aufzählung seiner Vorzüge endlich einen Preis nannte, sah er doch ein wenig unsicher zu seinem Geliebten hin. Es war eine hohe Zahl, und er wusste nicht im geringsten, ob sie übertrieben oder gerechtfertigt war.

Carelis lächelte, dann erklärte er "Seine Ausbildung aber ist für mich von keinerlei Wert."

"Das ist der Wert, den ich verliere."

"Ein Torwächter, meine Verehrte?"

"Ein Top-Key."

"In der Funktion als Key interessiere ich mich nicht für ihn."

"Das ist aber, was Sie kaufen."

"Na gut, gehen wir also davon aus."

Carelis tippte einige Daten in sein Intercom ein. "Er hatte schon länger keinen festen Herrn mehr, das heißt doch, dass er schon länger keinen zahlenden Kunden mehr für Sie zufrieden gestellt hat. Nicht direkt jedenfalls. Und selbst zu mir ist er nur per Zufall geraten." Carelis betrachtete seinen Bildschirm und verkündete "Fünfundzwanzig Prozent nachlassen müssen Sie schon noch."

"Fünfundzwanzig? Ich muss Ersatz für ihn stellen, allein dadurch verliere ich enorm. Zudem gibt es einige Kunden, die sich hier nur einmieten, um dem Windkey hin und wieder einen Besuch abstatten zu können. Das muss ich auch in die Liste meiner Verluste einkalkulieren. Ich kann Ihnen höchsten fünf Prozent geben!" Sie machte eine kleine Geste in Richtung ihrer Tamar'hi, worauf der eine der beiden einen halben Schritt nach vorne trat, hinter ihrem Sessel ein paar Handgriffe erledigte und ihr kurz darauf ein goldgrünes, perlendes Getränk in einem langstieligen Glas reichte.

"Möchten Sie auch etwas trinken?", fragte sie an Carelis gewandt, mit der Art höflichem Desinteresse, die mit einer Absage rechnete. "Wein? Tee? Etwas anderes?"

Canperisirup, gemischt mit Sekt, erkannte Fíonán. Er hatte es nur einmal getrunken; es war ihm so sehr zu Kopf gestiegen, dass er seitdem einen großen Bogen darum machte. Er wandte den Blick von der Herrin ab und sah zu Carelis hin. Unwillkürlich musste er lächeln. Auch in dieser Situation machte seinem Geliebten das Handeln Spaß. In den grünen Augen lag ein gewisses Funkeln, seine ganze Haltung schien sich einen Tick verändert zu haben. Trotzdem wünschte sich Fíonán, dass es nicht zu lange dauern würde. Er wollte weg, weg von dieser Frau. Doch er versuchte, es irgendwie vor Care zu verstecken, wollte ihm nicht den Spaß verderben.

Carelis wehrte mit einer leichten Handbewegung ab und betrachtete die Frau vor sich. "Fünf Prozent... nein, nein. Er ist zwar erstklassig, und sicherlich stellt sein Ausscheiden aus Ihrem Betrieb einen Verlust dar, aber Fíonán ist auch schon sehr lange hier, wie ich erfahren habe. Sagen wir... neunzehn, meine Liebe. Neunzehn Prozent, dann werde ich der Vermittlerfirma, die den Monat hier für mich bezahlt, auch erst in einem Monat Bescheid geben, dass ich gar nicht so lange hier verweilt habe. Was sagen Sie?" Gewinnend lächelte er in die Fassade, die bei der Herrin das Gesicht ersetzte.

Bereits in Gedanken an die Rückreiseroute verstrickt, schob Carelis seine Finger unter Fíonáns Haare und kraulte ihn im Nacken ein wenig. Es fühlte sich nett an, dass jemand ihm so sehr vertraute, ihm so gern nahe war.

"Gerade seine Erfahrung macht ihn so wertvoll. Dadurch, dass er auch nur sehr langsam altert, ist das ein Plus, kein Minus", erklärte sie regungslos. "Wenn Sie auf fünfzehn heruntergehen und den Monat beibehalten, können wir ins Geschäft kommen."

Fíonán lehnte sich ein wenig zurück, um der streichelnden Hand näher zu sein. Cares Gegenwart ließ ihn sich wohl fühlen, selbst hier in diesem Zimmer bei dieser Frau. Nicht so wohl, wie wenn er mit ihm allein war, aber sehr viel mehr als normalerweise mit ihr. Und sie schien ihn tatsächlich verkaufen zu wollen. 'Du bist für mich unbezahlbar, aber wenn diese Frau fragt, dann weißt du doch in deinem Inneren, wie viel du ihr wert bist, nicht, Fíoní?' Unwillkürlich kam dieser Satz in sein Gedächtnis zurück, und jetzt konnte er ihn ohne zu zögern beantworten. Er war ihr rein gar nichts wert. Nicht er, nur der Gegenstand, den er für sie darstellte. Aber für Care... für Care war er alles. Und wenn das hier vorbei war, würde niemals wieder jemand um ihn feilschen, niemals wieder. Erneut lächelte er kaum merklich.

Carelis lächelte auch und nickte leicht. "Einverstanden. Wir rechnen also mit seinem Gewicht in Gold, verdreifacht und weniger der ausgehandelten fünfzehn Prozent. Es ist ein Vergnügen, mit Ihnen Geschäfte zu machen, Frau Keamondis. Wenn es weiter nichts zu bereden gibt, dann würde ich mich gern verabschieden. Die Reise wird noch weit sein." Carelis schob seine Finger in eine der kleinen Taschen an seiner förmlichen, schwarzen Jacke und ließ ein kleines Stück intelligentes Metall darüber wandern. Er zog es vorsichtig hervor und formte es mit seinem Willen in den entsprechenden Scheck für die Herrin des Palastes.

Der rechte der beiden Tamar'hi ging auf einen leichten Wink der goldblonden Frau an ihr vorbei zu dem Daryller hin, um den Scheck mit einer kleinen Verneigung entgegen zu nehmen. Wie so oft bewunderte Fíonán die Anmut in den Bewegungen des Mannes, der eigentlich eine Maschine war, und fragte sich einmal mehr, wie etwas Künstliches so geschmeidig und schön wirken konnte, während etwas Lebendiges wie die Herrin so puppenhaft und unnatürlich war. Er beobachtete, wie der Tamar'hi zu ihr zurückkehrte und ihr das kleine Stück Metall überreichte, wie sie es kurz prüfte und dann nickte.

Der Tamar'hi nahm etwas hinter dem Sessel auf, eine schwarze Mappe, die durch eine schmale Silberborte edel wirkte, ohne ihre Schlichtheit zu verlieren; dann kam er zurück und überreichte sie dem Daryller.

"Alle Papier, die zu dem Windkey gehören", erläuterte die Herrin mit ihrer kühlen Stimme. "Er gehört Ihnen."

"Uns", verbesserte Carelis freundlich und neigte seinen Kopf einmal in einem Abschiedsgruß, während er die schwarze Mappe unter den einen und den zittrigen Elfen unter den anderen Arm klemmte. "Sonnige Tage weiterhin", wünschte er zum Abschied und verließ den Raum mit raschen, energischen Schritten, denen Fíonán benommen, wie es ihm erschien, folgte.

Fíonán achtete nicht auf die Worte, die Carelis erwiderte, er spürte nur die kräftige Hand, die sich ein wenig fester auf seine Schulter legte und ihn sanft, aber bestimmt aus dem Raum schob, ohne dass ihm die Möglichkeit blieb, sich auch nur halbwegs ordnungsgemäß zu verneigen. 'Er gehört Ihnen.' Diese drei Worte ließen ihn fast schwindlig werden. /Ich bin kein Schlüssel mehr... Ich gehöre zu Carelis und Rachaet. Jetzt ganz und gar. Vollkommen. Und sie gehören zu mir... Ich bin frei...?/

Als die Tür leise ins Schloss fiel, löste sich seine Erstarrung in einem Beben auf, das ihn nicht mehr verlassen zu wollen schien. Sein gesamter Körper zitterte wie Espenlaub. Haltsuchend schlang er die Arme um seinen Geliebten, ohne darauf zu achten, ob und wer sich noch in diesem Korridor befand, und schmiegte sich an ihn.

"Care...", wisperte er. "Bitte Care, sag mir, dass es kein Traum ist... Ich bin kein Schlüssel mehr? Ich gehöre nur noch zu euch?"

"Du gehörst nun zu uns, und bei uns bist du frei. Deine Papiere, Liebling. Soll ich sie verwahren?" Carelis warf einen Blick auf die Urkunde, die er erhalten hatte. "Du wirst im daryllischen System von den Lemar natürlich ohnehin bemerkt werden, von da an spielen diese Dinge keine Rolle mehr. Oh, hier steht, dass du erst zweiundfünfzig Jahre alt bist. Niedlich, so einen jungen Gefährten habe ich!" Übermütig küsste Carelis Fíonán auf den Mund, bevor er erklärte "Die Androiden sind schon im Windzimmer, wir können gleich aufbrechen. An Bord meiner Schiffe wird es dir gefallen, keine Sorge."

"Ja. Ja, bewahre sie auf für mich." Der Gedanke an seine Freiheit, daran, dass er immer bei Care sein würde, dass er bald mehr von der Welt sehen würde als nur den Palast, und nicht zuletzt der Kuss ließen Fíonán fast überhören, was sein Gefährte sagte. Doch dann lachte er. "Zweiundfünfzig? Du musst in der Zeile verrutscht sein. Ich bin nicht so alt. Ich bin erst siebenundzwanzig, Liebster."

Carelis las einige Zeilen weiter unten und murrte "Und du bist auch nicht Telarianer, den Geschmack hätte ich wiedererkannt. Außerdem bist du..." Er drehte sich um und klopfte an die Tür, um dann einzutreten, ohne abzuwarten, was die Herrin sagen mochte.

"Dies sind die Papiere zu dem Windkey, den ich gekauft habe? Sind Sie sich sicher, dass es alles seine Richtigkeit hat mit Ihrer Buchführung, meine Liebe?" Er klatschte die Mappe auf den Tisch vor die Herrin zurück und bemerkte "Es gibt zwei Möglichkeiten. Zum einen wollen Sie mich betrügen und haben mir die Papiere eines anderen Keys gegeben, der für mich nicht von Interesse ist. Ich kann aber nicht sehen, wo darin Ihr Vorteil liegt. Die andere Vermutung ist, dass Sie Fíonán einfach so schlampig erfasst haben, dass die Hälfte der Angaben in der Mappe nicht stimmen. Das fände ich fast noch schlimmer."

Sie war aufgestanden, eine schlanke, schöne Gestalt, deren goldblonde Locken wie ein warmes Licht in dem blaugrauen Zimmer wirkten. Die Tür am anderen Ende des Raumes war bereits geöffnet, hätte er sich nur etwas mehr Zeit gelassen, wäre sie nicht mehr da gewesen.

Jetzt drehte sie sich langsam in einer perfekten Bewegung um und sah ihn einfach nur kalt an, wartend, bis er ausgesprochen hatte. Dann warf sie einen kurzen Blick auf die Akte, schien etwas zu suchen und zu finden. "Sie wollten den Schlüssel des Windzimmers kaufen, Sie haben ihn bekommen. Das ist die Akte des Schneewindschlüssels. Es ist der Name, unter dem Fíonáns Papiere nach wie vor laufen, wenn er auch nur noch als der Windschlüssel bekannt war. Wo liegt das Problem?"

Carelis hob eine Augenbraue und betrachtete sie kurz, dann stellte er fest "Diese Karte, die ich Ihnen gegeben habe, kann auch gern im nächsten Augenblick nur das Abbild der Karte sein, wertlos für Sie, sowie dies hier wertlos ist für mich. Entweder Sie geben mir die Urkunden zu dem Key, den ich zu erwerben wünschte, oder ich bezahle nur den Preis, der so aussieht, für den Key, der nur so aussieht. Das erscheint mir fast angemessen, wenn man bedenkt, dass ich nun eine Verspätung hinnehmen muss, ihretwegen."

Ihre goldenen Brauen zogen sich minimal zusammen, das einzige Anzeichen dafür, dass sie verärgert zu sein schien. Ihre blauen Augen blieben kalt und unberührt wie zuvor. "Sie wollten einen Schneewindschlüssel, Sie haben einen Schneewindschlüssel. Aber wenn Ihnen diese unbedeutende Kleinigkeit derart wichtig ist, werde ich mein Möglichstes tun. Wollten Sie direkt von hier aus den Palast verlassen oder noch einmal in das Zimmer zurückkehren? Ich werde Sorge tragen, dass Sie die Urkunden am Tor mit der kleinstmöglichen Verzögerung in Empfang nehmen können."

"Sie wollen doch nicht andeuten, dass die Wünsche Ihrer Gäste unbedeutend sind? Nein, das hatte ich auch nicht angenommen. Wir werden die Urkunden am Tor in Empfang nehmen. In genau einer halben Stunde Ihrer Zeit." Er wendete sich ab und ging mit Fíonán zu dem Zimmer zurück, wo die zwei Androiden mit ihrem Gepäck bereits warteten.

"Schau dich gut um. Nicht, dass du etwas vergessen hast, mein Liebling", riet Carelis seinem Gefährten, als sie den Raum betraten, der so hell, beruhigend und unpersönlich aussah wie immer. Fast fühlte Carelis sich versucht nachzusehen, ob sie die Kiste am Fußende des Bettes in der Zeit ihrer Abwesenheit bereits ersetzt hatten.

Fíonán lächelte und schüttelte den Kopf. "Wenn meine Instrumente auf deinem Schiff sind, ist alles, was mir wichtig ist, von hier weg." Doch dann fiel ihm etwas ein, was er fast vergessen hätte. Er ging zu einer der Kommoden, um die oberste Schublade aufzuziehen und holte einen kleinen Amethyst hervor, der unter Tüchern versteckt gewesen war. Klein, eher unscheinbar und nicht sehr wertvoll, doch er erinnerte ihn an den ehemaligen Whispering-Wind-Schlüssel, den einzigen Freund, den er hier noch gehabt hatte, nachdem er erst einmal der Windschlüssel geworden war. Amaiis hatte ihm den kleinen Stein zum Abschied geschenkt, und die Augen, deren Farbe die gleiche war wie die des Amethystes, waren voller Tränen gewesen.

/Amaiis, wo auch immer du bist, ich hoffe, du bist glücklich mit deinem Geliebten/, dachte er ein wenig wehmütig. Zart strich er über die glatte Oberfläche, ehe er ihn in seine Hosentasche gleiten ließ und sich wieder zu seinem Gefährten umwandte. "Erinnerung an einen Freund", erklärte er verlegen und lächelte schüchtern. "Aber jetzt bin ich wirklich fertig."

Carelis betrachtete Fíonán und nickte dann leicht. /Amaiis... Das ist auch ein elfischer Name, nicht?/ Er schickte die Androiden vorweg und hielt Fíonán seine Hand hin. "Dann wollen wir mal, Fíoní. Meine Eltern und mein Bruder freuen sich schon auf dich, da bin ich mir sicher."

Am Tor wartete bereits ein unauffälliger, junger Mann in der grünen Livree der Dienstboten auf sie. Er wirkte nervös, und je näher sie kamen, um so nervöser schien er zu werden. Fíonán schob einen Arm um Cares Taille und schmiegte sich enger an ihn, während er den jungen Mann, den er nur flüchtig vom Sehen her kannte, aufmunternd anlächelte. /Warum haben immer alle so viel Angst? Ich hatte sie auch... Aber es sind doch nur Gerüchte. Meist ist es überflüssig. Kann man da nichts dagegen tun?/

Als der Dienstbote ihm den schmalen, schwarzen Ordner entgegen hielt, bemerkte Fíonán das leichte Zittern seiner Hände und seufzte lautlos. /Zumindest kann man es nicht so schnell/, dachte er ein wenig traurig. /Sieht er nicht, dass ich keine Angst habe? Dass ich lebe und es mir gut geht?/ Er warf einen kurzen Blick in die Akte, die er noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Geburtsdatum, Beschreibung, Rasse... Es stimmte, es war seine, dieses Mal.

"Ich wünsche eine angenehme Reise." Der junge Mann verneigte sich kurz und zog sich dann sichtlich erleichtert wieder zurück. Fíonán biss sich auf die Unterlippe und schwieg. Er würde sich daran gewöhnen... wenn er es überhaupt musste. Schließlich würden sie auf Cares Heimatplanet leben.

Als sie den Palast verließen, fühlte er sich eigenartig und fast ein wenig ängstlich. Die ersten Schritte fielen ihm schwer, führten sie ihn doch von allem weg, was er kannte, was ihm vertraut war. Er schmiegte sich enger an seinen Gefährten und war dankbar, dass er ihm Halt und Kraft gab. Doch mit jedem Schritt wurde es leichter, bis er sich fühlte, als würde er schweben. Er war frei. Frei und bei dem Mann, den er mehr liebte als jemals irgendwen zuvor.


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