Das dritte Gesicht

Epilog

Fíonán schmiegte sich an ihn und kuschelte sich in dem Nest zurecht, das Rachaet für ihn gemacht hatte. Die Wärme des Lemar war tröstlich, und es erleichterte ihn, dass er es so gut aufgenommen hatte. Andererseits jedoch war er enttäuscht, dass es wirklich keinen Weg zu geben schien. Irgendetwas in ihm hatte darauf gehofft, dass Rachaet eine Lösung für dieses Problem wissen würde; immerhin war er älter als jedes andere Wesen, das Fíonán bisher kennen gelernt hatte.

Er vergrub das Gesicht in dem dichten Filz von Rachaets Mähne und schlang die Arme um den starken, von Tarnmuster überzogenen Körper. Eine Träne rann sein Wange hinab. /Keine Kinder. Ich hoffe nur, dass Care nicht zu enttäuscht sein wird. Du hast zwar gesagt, es sei ihm egal, doch ich weiß, dass er sich Kinder gewünscht hat. Es tut mir leid... aber ich bin nun mal ein Mann./

Carelis setzte sich müde auf und spürte leichtes Ziehen in den Muskeln. Dann erblickte er seinen Sessel, der komplett zerfetzt einen wenig dekorativen Haufen Späne und Stoffstreifen unter dem Fenster bildete. "Hast du ihn geärgert, Liebling?" Carelis tastete nach Fíonáns Gefühlen, um ihm nach der Trennung durch Rachaet wieder nahe zu kommen.

Unauffällig wischte sich Fíonán über das Gesicht, um die feuchte Spur auf seiner Wange zu entfernen, und schalt sich gleich darauf einen Narren. Er konnte nicht viel vor Carelis verbergen, und im Grunde genommen wollte er es auch gar nicht.

Einige Sekunden lang schwieg er, betrachtete ebenfalls den zerfetzten Sessel und musste wieder Willen grinsen. "Eigentlich nicht wirklich. Und Rachaet hat es sogar erstaunlich gut aufgenommen. Ein Wunder, dass nicht mehr kaputt ist." Dann wurde seine Miene wieder unsicher, er schmiegte sich an seinen Gefährten an, körperlich wie seelisch. "Wir... wir haben über Kinder gesprochen. Er kennt auch keinen Weg. Aber er meinte, er hätte genügend." Es schmerzte ihn, das sagen zu müssen, und das letzte war auch kein wirklicher Trost. /Und was ist mit dir, mein Geliebter? Ist es dir wirklich... egal?/

"Nein. Egal ist es mir nicht. Ich hätte gern – sehr, sehr gern – Kinder gehabt. Aber nur, weil sie von uns gewesen wären. Von dir. Ich will sie nicht um jeden Preis, nicht, wenn du daran keinen Anteil haben kannst, Fíoní." Er küsste seinen schmalen Elfen auf die Wange. /Und ich möchte nicht, dass du weinst, weil du denkst, ich könnte enttäuscht sein./ Carelis stand langsam auf und streckte sich, dann öffnete er die Tür und rief einen Androiden herbei, der die Fetzen seines ehemaligen Sessels mit sich nahm.

"Wir werden bald auf dem Planeten ankommen, auf dem wir leben. Von dort fahren wir dann weiter, wenn Rachaet seine Familie begrüßt hat", erklärte er leise und blickte aus dem Fenster in den Farbschleier, der durch die schnelle Fahrt aus dem Sternlicht geworden war. "Du musst doch spüren, dass es mir nicht auf Kinder ankommt mit dir. Rachaet hat zwanzig Kinder und von den Enkeln sprechen wir besser nicht. Ich brauche keine. Wenn er dich akzeptiert, dann haben wir nichts zu befürchten, Fíoní."

"Ich hätte auch gerne Kinder mit dir gehabt... und wenn es einen Weg geben würde..." Wieder biss Fíonán sich auf die Unterlippe und sah auf den breiten Rücken seines Gefährten, auf das dunkle Haar, das so wunderschön rot schimmerte. /Wenn es irgendeinen Weg geben würde, würde ich ihn gehen. Es tut mir so leid.../

Er glitt aus dem Nest an Decken, das ohne die Wärme eines zweiten Körpers längst nicht mehr so gemütlich war, und trat zu Carelis, um ihn von hinten zu umarmen und den Kopf an seine Schulter zu lehnen. "Ich weiß, dass du nicht nur wegen Kindern mit mir zusammen bist. Ich spüre es, ja. Mit jedem Atemzug, in jedem Augenblick, den wir zusammen sind, wenn du mich hältst, mich berührst, mich ansiehst oder einfach nur an mich denkst. Und ich würde dich so gerne glücklich machen... vollkommen glücklich." /Aber es gibt Dinge, die sind unmöglich. Und ich, ich bin auch glücklich mit dir und Rachaet. So wie es ist. Ich liebe dich./

/Hör auf damit, Fíoní! Es liegt nicht an dir, dass du männlich bist. Ich bin es auch, herrjeh!/ Carelis spürte, wie die hellen Finger auf seiner Brust ein wenig zuckten, weil er in Gedanken so harsch gewesen war. Rasch drehte er sich um und umfing Fíonáns Gesicht mit beiden Händen. "Ich liebe dich doch auch, genau so, wie du bist. Habe ich bereits im ersten Augenblick, schon in dem Tor habe ich das. Das wird nie aufhören, egal was andere sagen mögen. Der Einzige, den ich noch habe fragen müssen, ist Rachaet."

Er küsste seinen Geliebten einige Male sanft und schloss seine Arme dann enger um ihn. /Und Rachaet fühlt sich wohl mit dir und er liebt und behütet dich auch. Also ist alles in Ordnung. Über den Gedanken, dass es schöner wäre, werden wir zwar noch stolpern, aber mehr auch nicht, oder?/

Er lächelte Fíonán leicht an. "Wollen wir jetzt lieber noch einmal üben, wie man einen Gleiter vor Klippen landet, damit du damit keine Probleme mehr hast oder bist du sehr müde, Liebling?"

"Oh, ich habe ein wenig bei Rachaet gedöst, ich bin wach." Fíonán erwiderte das Lächeln erleichtert und küsste Carelis seinerseits. "Und irgendwann muss ich das mit den Klippen ja mal lernen, nicht wahr? Ich kann mich ja nicht nur kutschieren lassen." Mit einem bedauernden Seufzen löste er sich aus den Armen seines Gefährten, griff aber gleich nach seiner Hand. "Zeigst du es mir noch einmal?"

 

Sie fuhren nur noch zwei weitere Tage mit voller Geschwindigkeit, dann nahm Carelis den Schub zurück, und sie flogen in das daryllische System ein. Carelis machte es Freude, seinem Gefährten die einzelnen Monde und Planeten vorzustellen, ihm die Geschichte der Lemar näher zu bringen und die der Daryller.

Endlich konnten sie in einem sanften Bogen auf dem ausladenden Parkplatz niedersinken und von dem Schiff auf einen kleinen Gleiter umsteigen, während die Androiden mit den Wartungsarbeiten begannen. Carelis richtete den Blick auf die grünen Säume der Wälder, während er entspannt mit einer Hand lenkte, die Finger der anderen Hand locker durch die weißen Haare seines Gefährten gleiten ließ. Nicht mehr ganz so tropisch wie die Hauptplaneten, war es doch stets warm und sonnig auf seinem Lieblingsmond Rasham, auf dem auch sein Haus stand. Die Wälder waren von Lemar zwar durchsetzt, aber eher in Nestern, nicht überall, wie auf den Hauptplaneten der Daryller.

Rund um Carelis' Haus jedoch konnte man eindrucksvolle und alte Lemar bewundern, die ihre Fangarme, Reißblätter und die Schlingwurzeln um sich verteilten, auf Beute warteten. Carelis verfolgte die Schneise, die in dem Wald offen gehalten wurde, damit er mit dem Gleiter nicht zu hoch fliegen musste, bis er an seinem Haus ankam. Der flache, helle Bau direkt am türkisfarbenen Meer mit einem eigenen Sandstrand kam gerade in Sichtweite, als Carelis schon spürte, dass Rachaet sich auflehnte gegen ihn.

"Liebling, ich bin gleich erst einmal für eine Weile fort. Das Haus ist nun unser Heim, dein Heim. Deine Sachen werden bald gebracht, und du kannst auch gern an den Strand oder sogar baden gehen. Außer uns ist hier zur Zeit niemand. Geh noch nicht so weit in den Wald hinein, du kennst dich ja nicht genug aus hier. Auch wenn Rachaet dich immer wiederfindet, musst du dich ja nicht unbedingt gleich als erstes verlaufen, hm? Ich werde vermutlich einige Tage fortbleiben, so sehr es mir auch leid tut, mein Schatz. Rachaet hat Verwandte überall auf diesem Planeten, und er wird ihnen allen von dir erzählen wollen."

Carelis parkte den Gleiter auf dem vorgesehenen Platz und küsste Fíonán noch einmal, dann stieg er rechtzeitig aus, bevor er sich schon zu verwandeln begann. Wenig später warf Rachaet Fíonán mit einer heftigen Umarmung um und hielt ihn an den Boden gedrückt fest.

"Bleib im Nest. Ich will nicht, dass dir etwas passiert, während ich jage!" Er drückte sein Gesicht noch einmal rasch gegen das seines Gefährten, dann sprang er auf, zerfetzte die störende Kleidung; gleich darauf verschwand er mit geschmeidigen Sätzen im Dickicht hinter dem Parkplatz.

Fíonán setzte sich auf und sah ihm hinterher. Mit einem Mal fühlte er sich ziemlich allein. Seit Wochen war er nicht ohne Care und Rachaet gewesen, und plötzlich war niemand mehr da. Rachaet hatte nicht einmal genug Zeit gelassen, damit Carelis ihm das Haus zeigen konnte. Er wusste nichts, gar nichts, bis auf die paar Dinge, die Care ihm erzählt hatte. Für einen Moment war er ärgerlich, doch das Gefühl wich einem kleinen Schuldbewusstsein, als er daran dachte, dass für Rachaet die Zeit im Palast und im Raumschiff am Schwersten zu ertragen gewesen sein musste. Er hatte sich ja kaum bewegen, kaum austoben können.

/Sei nicht so selbstsüchtig, Fíonán!/, schalt er sich und stand auf. Flüchtig klopfte er Staub und Sand ab und sah wieder in die Richtung, in der Rachaet verschwunden war. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er sich auf den Lemar konzentrierte und ihn durch den Reif spüren konnte. /Allein? Nein, ich bin nicht allein. Niemals wieder. Ich wünsche dir viel Spaß, mein Liebling./

Dann atmete er tief durch, ließ seinen Blick noch einmal über den Gleiter, den Urwald und das Haus gleiten und machte sich auf, sein neues Heim zu erkunden.

 

Es dauerte fast zwei Tage, ehe er sich soweit eingerichtet hatte, dass seine Sachen verstaut waren, wie er es wollte, er für seine Instrumente die richtigen Plätze gefunden, und bis er jeden Winkel des Hauses und der näheren Umgebung erforscht hatte. Er hatte endlich mal wieder ausgiebig Zeit zu musizieren, was ihm auf dem Schiff zwar niemand untersagt hatte – eher hätte Care sich die Zunge abgebissen, vermutete er. Aber es hatte so viel anderes zu tun gegeben, lieber hatte er mit seinem Schatz geschmust und gealbert, als Stunden in seiner Musik zu versinken. Seit sein Gefährte da war, hatte er nicht mehr diese brennende Sehnsucht, in dieser ganz eigenen Welt zu versinken, auch wenn er die Musik nach wie vor liebte. Care und Rachaet füllten die Leere in ihm, die er damit nur zu oft zu betäuben versucht hatte.

Den Strand hatte er ebenfalls für sich entdeckt. Er liebte es, den weißen Sand unter seinen nackten Füßen zu spüren, stundenlang auf die heranrollenden Wellen zu sehen, zuzuschauen, wie sie sich in kleinen, weißen Schaumkronen brachen, den Strand empor leckten und seine Zehen benetzten. Doch zu baden wagte er nicht. Er konnte nicht schwimmen, und auch wenn er sich sicher war, dass Care oder Rachaet ihn gewarnt hätten, wenn es irgendetwas Bedrohliches in den blauen Tiefen geben würde, so war es ihm doch ein wenig unheimlich.

Das einzige, was ihm diese Tage noch schöner gemacht hätte, wären Carelis oder Rachaet an seiner Seite, um mit ihnen alles zu entdecken, auch wenn die beiden die Umgebung vermutlich genauso gut kannten wie die Innenseite ihrer Hände. Aber er bemühte sich, wenn auch nicht immer erfolgreich, wehmütige Gedanken zu unterdrücken. Schließlich sollte Rachaet die Zeit bei seiner Familie und seinen Freunden genießen. Doch trotz aller guter Vorsätze und aller Mühe konnte er nicht verhindern, dass er seinen Gefährten mehr und mehr schmerzlich vermisste, sich kalt und einsam fühlte ohne ihn.

Carelis war schlechter Laune, weil Rachaet sich natürlich sonstwo im Urwald einfach schlafen gelegt hatte und er einen recht weiten Weg zu seinem Zuhause gehabt hatte. Aber zur gleichen Zeit konnte er spüren, dass Fíonán sich nach ihm sehnte, und das machte es einfacher, durch den Urwald zu laufen.

Nach einigen Stunden kam er verschwitzt und ein wenig zerkratzt von der Tour hinter seinem Haus an und folgte seinem Gefühl, das ihn auf die Spur seines Gefährten brachte. Er hatte zwar geschlafen, aber die Trennung fühlte er dennoch und wollte, dass es aufhörte. Ein brennendes Verlangen, ein Hunger, den er unangenehm beißend spürte. Er verzehrte sich nach der Nähe seines Geliebten.

Als Carelis am Strand ankam, atmete er einmal rasch ein und genoss den Untergang der einen Sonne, die ein orangenes Feuermeer unter sich ausbreitete. Ihr Verschwinden ließ eine angenehme Frische in der Luft entstehen.

Rasch lief Carelis in die sanft heranrollende See und schwamm einige Züge, wusch sich mit den Fingern durch die Haare, bevor er Fíonán deutlicher spürte und den Kopf hob. Da sah er die weißen Haare aufwehen, wie ein feines Tuch umgaben sie die Schultern seines Lieblings.

Fíonán trug nur seine leichte Tunika, und wie am ersten Tag konnte Carelis seine Gestalt im Gegenlicht deutlich sehen. Er stürzte, so schnell er konnte aus dem Wasser und auf Fíonán zu. Die hastigen Schritte halfen seinem Verlangen nicht, machten es nur brennender. Er sah, wie Fíonán zusammenzuckte und sich umsah. Er fühlte ihn auch. Gleich darauf lagen sie sich jedoch schon in den Armen und fielen in den Sand.

Carelis küsste seinen Geliebten, konnte sich nicht entscheiden, wo er ihn zuerst schmecken, berühren, wieder kennen lernen wollte. Sie sprachen nicht, dachten nicht einmal, berührten sich nur.

Ein Rausch, ein Traum geteilter Küsse, geteilter Sehnsucht, geteilten Verlangens. Der eine Wunsch, zusammen zu kommen und eins zu werden, war nach der Zeit der Trennung um so intensiver. Zärtliche Berührungen, sanfte Liebkosungen. Überall. Immer wieder.

Schließlich lagen sie eng umschlungen im weißen Sand, hielten sich einfach nur fest, sahen sich an, grundlos lächelnd, versunken im Blick des anderen. Nur manchmal unterbrachen sie kurz den Blickkontakt, um erneut kleine Küsse zu teilen.

Fíonán spürte die kräftigen Hände auf seinem Rücken, die ihn träge streichelten, liegen blieben, dann die gleichmäßige Bewegung wieder aufnahmen, als könnte Care nicht genug davon bekommen, seine Haut zu berühren. Und auch er konnte einfach nicht aufhören, die ausgeprägten Muskeln entlang zu fahren, ihre Form zu ertasten, das Rückgrat und die Rippenbögen nachzuzeichnen... ihn einfach immer wieder zu liebkosen.

"Ich habe dich so sehr vermisst", brach er schließlich wispernd die Stille. "Ich liebe dich so sehr, mein Care. Ich weiß gar nicht, wie ich die fünf Jahre hätte überleben sollen, die du mir versprochen hast, als wir noch von Freundschaft geredet haben. Die Tage jetzt waren schon so einsam ohne dich."

Carelis wurde durch die leise Stimme seines Gefährten aus dem Traumzustand gerissen, in den er eingetaucht war. Er hob den Kopf und lachte leicht auf. "Fünf Jahre... Du meine Güte. Mir kamen die wenigen Stunden auf dem Weg hierher wie Feuer vor."

Er erschrak ein wenig und rappelte sich auf. Mit Schwung hob er den leichten Elf hoch und warf ihn über seine Schulter. "Wie musst du es erst empfunden haben!" /Wie viele Tage war Rachaet fort?! Wie konnte er nur?!/

Entschlossen stapfte Carelis zum Haus zurück und bemerkte an seinen zappelnden Gefährten gewandt "Zwischen uns jetzt und der Nacht, die mir vorschwebt mit dir, liegt nur noch eine schnelle Dusche. Sobald ich das Salz abgespült habe, entkommst du mir nicht mehr, mein Schatz."

Rasch ging er durch die Wohnräume und den großen, offenen Schlafraum in das weitläufige Badezimmer, um sich dort mit Fíonán zusammen unter den künstlichen Wasserfall zu stellen, der als Dusche diente. Carelis setzte Fíonán vorsichtig ab und wählte von den Seifen jene aus, die nach den Blüten der Lemar dufteten. Wortlos begann er seinem Gefährten zu zeigen, wie sehr er ihn wollte.

Fíonán schmiegte sich eng an ihn, erwiderte seine stummen Liebkosungen und versuchte genauso wie er, die letzten Tage der Trennung wieder auszulöschen. Ein leichtes, glückliches Lächeln umspielte seine Lippen. /Wir entkommen einander ohnehin nie mehr.../


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© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig
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