Der Liebesapfelzwischenfall

1.

'Du bist verrückt, weißt du das?'

Jann musste lachen, als die Nachricht per PN in seinem liebsten Living History Forum eintraf. Möglich, dass DerAchteZwerg recht hatte. Vier Wochen auf dem Weihnachtsmarkt auszuhelfen, entsprach auch nicht gerade Janns Vorstellung einer besinnlichen Adventszeit. Aber er wollte sich nicht beschweren. Die kleine IT-Firma, in der er gearbeitet hatte, hatte Mitte November Insolvenz angemeldet, und seitdem war er 'arbeitssuchend'. Unbesehen hatte er daher zugestimmt, als sein Kumpel Lars ihn um Hilfe mit seiner Glühweinbude gebeten hatte. Eine der Aushilfen war am Vortag abgesprungen.

Er sah zum Fenster hin, während er einen großen Schluck Kaffee nahm. Dicke Flocken fielen von einem dunkelgrauen Himmel und schluckten das Tageslicht fast vollkommen. Die Temperaturen versprachen für alle Händler, die heiße Getränke gleich welcher Art verkauften, bereits vorab ein gutes Geschäft.

'Na, besinnlich wird es bei dir auch nicht gerade, hast du erzählt', tippte er zurück. 'Lauter verrückte Touris, die deine Führungen durch eure altertümlichen Gässchen stürmen und dich verschlingen.'

'Jupp, deswegen werde ich hier in nächster Zeit kürzer treten. Die Voranmeldungen sprengen jeden Rahmen. Verrückt, sage ich dir. Muss auch gleich weg. Wir besprechen nachher die Choreographie des Wahnsinns. Das kann länger dauern. Zum Glück öffnet der Weihnachtsmarkt erst morgen, sonst wäre im Anschluss wohl ein Besuch dort fällig. Grausam! Markt und Glühwein sind nichts für Zwerge. Viel Spaß und einen guten Start morgen!'

'Dir auch.' Jann schickte noch einen winkenden Smiley hinterher.

Er freute sich auf den Arbeitsbeginn. Gühweinverkauf ließ sich kaum mit seinem Job als Programmierer vergleichen, und in dieser Branche würde er schnell genug wieder eine Stelle finden. Sollte es tatsächlich die Katastrophe werden, die der Zwerg befürchtete, nun gut, es war in vier Wochen vorbei.

 

Für den ersten Arbeitstag hatte sich Jann mit grüner Daunenjacke, schwarzem Wollschal und einer passenden Mütze über seinen braunen Strubbelhaaren gerüstet. Die Temperaturen, die direkt aus dem tiefsten Sibirien eingewandert waren, rechtfertigten jede Vorsichtsmaßnahme. Scheibenkratzende Autobesitzer weckte ihn morgens schon seit Tagen für ein paar Minuten, weil alle in der Straße fast zur gleichen Zeit damit begannen, und der Räum- und Streudienst schob Überstunden, um den ungewöhnlichen Schneemassen Herr zu werden.

Zu seinem Glück gab es nicht nur drei Heizpilze am Stand - "Dreckschleudern", sagte Lars, während er schwungvoll das Tagesangebot mit Kreide auf die Tafel über den Glühweintöpfen schrieb, "aber gut fürs Geschäft." - sondern auch zwei im Inneren strategisch günstig platzierte Heizlüfter. Glühwein war tabu, aber Lars hatte für ausreichend Kaffee und Tee gesorgt. Alles in allem war Jann zufrieden, das ließ sich aushalten.

Der Anfang verlief schleppend und war perfekt, um Jann und den drei aushelfenden Studentinnen Zeit zu lassen, sich einzufinden. Zum ersten Tag waren alle da, ab dem Folgetag würden sie sich in Zweierteams abwechseln.

Doch kaum sank die Dunkelheit über den Markt, mit der die vielen Lichterketten, Leuchten und Sterne funkelnd hervortraten, brach die vom Zwerg prophezeite Hölle über sie herein. Jann hatte keine Vorstellung davon gehabt, wie stressig es hinter einem Verkaufstresen werden konnte. Klar, vor den Glühweinständen stapelten sich grundsätzlich Trauben an Menschen, und das potenzierte sich noch einmal, da sie guten Wein verkauften, nicht die Plörre aus dem Tetrapack. Der war zwar etwas teurer, aber im Endeffekt ging die Rechnung auf.

Lars selbst machte den Springer für die Pausen, und denen fieberte Jann regelrecht entgegen. Durchatmen, ein paar Minuten sitzen, etwas trinken und keine Stimmen, die alle zur gleichen Zeit Glühwein in verschiedenen Sorten oder Pfandgeld von ihm verlangten.

Als Lars und er den Stand zu zweit um 22 Uhr schlossen, war er fix und alle.

"Künftig begegne ich jedem Verkäufer mit tiefstem Respekt! Und meine Ungeduld lasse ich auch daheim", verkündete er, als die Holzläden für die Nacht vorgeschoben und verschlossen worden waren.

Lars lachte und rüttelte noch einmal prüfend an dem letzten Laden. "Perfekt, dann habe ich eines meiner Ziele im Leben ja schon erreicht. Komm, dafür fahr ich dich auch nach Hause."

Was Jann richtig fertig gemacht hatte, war die ganze Zeit auf den Beinen. Jenseits der Pausen konnte man nicht einmal für zwei Minuten sitzen, weil es einfach keine Zeit zum Verschnaufen gab. Entweder gewöhnten sich seine Beine sehr schnell an das Stehen, oder er war an Heilig Abend mindestens zehn Zentimeter kürzer, weil sie so in sich zusammengestaucht waren.

Der zweite Tag verlief zu seiner Erleichterung schon deutlich routinierter. Seine Beine beschwerten sich zwar weiterhin sehr lautstark zu Feierabend, aber er hatte den Trick raus, gleichzeitig zu kassieren, die entsprechende Anzahl an Bechern zu füllen und dabei nicht den Überblick zu verlieren, wer als nächstes an die Reihe kam. Auch seine blondbezopfte Teamkollegin Klara, Studentin der Soziologie und Politologie, wurde sicherer, und so schafften sie es sogar, zwischendurch Scherze zu wechseln und Durchhalteparolen anzugeben.

  Jann gähnte, platzierte die Füße etwas dichter bei einem der summenden Heizlüfter und blinzelte auf den Stand gegenüber, leuchtend bunt glasierte Töpferware - Teller, Tassen, Butterdosen. Der erste Schwung der Mittagstrinker war vorbei, der nächste noch nicht eingetroffen, und er stellte fest, dass es ihm lieber war, wenn die Hütte brannte. Ohne etwas zu tun, schlich die Zeit nur tropfenweise dahin.

Klara machte eine außerplanmäßige Minipause, um rasch in der Marktgasse nebenan welche der handgenähten Mützen und Strampler für ihre Nichten zu kaufen. Jann wippte ein wenig auf dem Hocker hin und her und überlegte müßig, ob er ebenfalls noch einmal los sollte, wenn sie zurück war. Vom Stand mit den Steakbrötchen wehte ein Duft nach würzigem Fleisch zu ihm her, der ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ, aber eigentlich hatte er gut zu Mittag gegessen.

Er holte das Handy heraus und warf einen Blick auf die Zeit. Fünfzehn Uhr. Noch eine knappe Stunde mussten sie vertrödeln. Als er es zurück in die Jackentasche gleiten ließ, entdeckte er den großen Mann am Ende des Tresens direkt an der Rückwand. Überrascht blinzelte er. Stand der schon lange da?

"Hoppla, Entschuldigung. Ich wollte Sie nicht übersehen." Hastig stand Jann auf.

Jetzt, wo er den Mann bemerkt hatte, war ein Übersehen allerdings nur mit großer Anstrengung möglich. Der Mann war nicht nur fast einen Kopf größer als er selbst, er sah auch noch verdammt gut aus. Dunkelblondes Haar, das unter einer schwarzen Mütze hervorstruppte, ein Grübchen auf dem kantigen Kinn und ein Dreitagebart, der an ihm richtig heiß aussah. Janns Lächeln wurde einen Hauch breiter. "Was darf's denn sein?"

"Glühwein. Ein Becher, bitte", brummelte der Mann mit einer derart dunklen, warmen Stimme, dass sie Jann direkt in den Magen fuhr. Er wagte einen Blick in die Augen - graugrün - und nickte. "Gern, kommt sofort."

Der Mann nickte ebenfalls knapp und kramte in einem schlicht schwarzen Portemonnaie, dessen Form eindeutig der Form seines Hinterns angepasst war, nach dem Geld. Schweigend legte er einige Münzen auf den Tresen, während Jann den Becher füllte.

"Das reicht nicht ganz." Jann versuchte es mit einem zweiten Lächeln. "Vier Euro sind Pfand, sonst sind wir unsere Becher los. Die Besucher mögen die Tontöpfchen mit der Prägung vom Weihnachtsmarkt zu gern."

"Jo. Tschuldige." Der Mann nickte erneut und kramte zwei weitere Münzen hervor, ohne Jann auch nur anzusehen.

"Danke." Jann hob eine Braue, als er das Geld in die Kasse einsortierte. Kürzer konnte man sich kaum fassen.

Der Gast trank schweigend, sehr langsam und gemütlich, und beobachtete von seinem Platz aus die anderen Gäste, die nach und nach eintrudelten. Als Jann das nächste Mal schaute, war er weg. Nur sein Becher stand noch unbeachtet dort.

 

Der schweigsame Fremde kam auch am Folgetag um Punkt fünfzehn Uhr, trank einen Glühwein und ging wieder, ohne seinen Pfand einzulösen. Am Tag darauf wiederholte sich das Spiel.

Am nächsten Tag wartete Jann bereits auf ihn. Dieses Mal sah er ihn kommen und hob bereits die Hand zum Gruß, noch ehe er da war. Der Mann hatte ihm zwar keinen auch noch so kleinen Grund gegeben, daran zu glauben, dass er ein Gespräch irgendeiner Art wünschte, aber Jann konnte es sich nicht verkneifen.

Die graugrünen Augen und der energische, sinnliche Mund begannen, ihn zu verfolgen, ganz besonders abends, wenn er im Bett lag und in der Dunkelheit nichts hatte, um sich abzulenken. 'Jo' und 'Hallo' wurden zu regelrecht erotischen Wörtern, die ihn bis in den Schlaf verfolgten.

Jann stellte den Glühwein bereits hin, noch ehe der Mann den Mund geöffnet hatte, auch wenn er sich damit um den Genuss von mindestens drei Wörtern brachte.

"Hey, schön, dass Sie wieder den Weg hergefunden haben. Das hier geht aufs Haus, Treuerabatt." Er zwinkerte frech und grinste

Zu seiner vollkommenen Überraschung grinste der Mann zurück. Es war fatal und hatte einen ähnlichen Effekt, wie Jann sich Gute-Laune-Drogen vorstellte. Sein Blutdruck stieg an, er konnte die Hitze in seinen Wangen und Ohren spüren. Sein Herz bereitete sich auf Kampf oder Flucht vor und nahm an Tempo auf.

"Treuerabatt, hm? Alle sechs Tage oder alle fünf Becher einen aufs Haus?", brummelte der Mann, und seine dunkle Stimme stellte seltsame Dinge mit Janns Magen an.

"Keine festen Regeln", antwortete er ein wenig zu atemlos und hoffte, dass es nicht auffiel. "Sonst können wir uns vor Rabattjägern nicht retten."

"Mh." Der Mann nickte und nippte an seinem Wein.

Jann verfolgte die Bewegung mit den Augen und spürte, wie die Hitze zu neuer Höhe aufloderte, als sich der Kerl die Lippen ableckte. Das gehörte verboten! Wie nur konnte er mit ihm ins Gespräch kommen?

"Sie haben vergessen, die letzten Male ihren Pfand einzusammeln", brachte er das erste heraus, was ihm einfiel und das nicht nach 'Oh Gott, bist du süß!' klang.

"Stimmt." Die graugrünen Augen huschten einmal zu Jann, dann wieder zurück zu seinen großen, kräftigen Händen, die den Becher hielten. Nach einem langen Moment fügte er hinzu: "Macht nichts. Ab morgen denke ich dran."

"Morgen. Schlagen Sie hier die Zeit zwischen Terminen tot?" Dankbar ging Jann auf die Vorlage ein. Irgendetwas musste er doch aus ihm herauskriegen. Das ging gar nicht, dass alles, was er von ihm kannte, sein Aussehen und seine herrliche Stimme waren.

Der Mann nickte. "Ich habe Pause zwischen der Zeit im Büro und den Projektgruppen. Und ist nett hier. Machen Sie", seine Geste umfasste den Stand und den Markt in einem, "das hauptberuflich?"

"Nein, gar nicht! Ich helfe einem Freund aus und er mir." Jann lachte. "Eigentlich bin ich Informatiker. Spezialabteilung Programmierung von Spielen."

"Klingt spannend." Der Mann sah kurz auf, dann lehnte er sich wie üblich gegen Tresen und Rückwand und schaffte es damit, deutlich unauffälliger zu wirken. "Macht Ihnen der Job hier Spaß?"

"Auf jeden Fall." Jann stützte sich mit den Unterarmen auf den Tresen. "Ich hätte nicht gedacht, dass es so nett sein kann, direkten Kundenverkehr zu haben."

Der Mann sah ihm tatsächlich einmal direkt in die Augen, als er lächelte. "Ja. Ja, das kann ich mir vorstellen." Dann schweifte sein Blick an Jann vorbei. "Kundschaft."

Jann drehte den Kopf und sah eine Gruppe Studenten die Preise mustern. Ein schlaksiges Mädel mit Lockenkopf fing seinen Blick auf und winkte. Jann unterdrückte ein unwilliges Seufzen, aber aktivierte dann sein Lächeln. Die nächsten Minuten waren gefüllt von dem mittlerweile routinierten Füllen der Becher und abkassieren.

Nicht sonderlich überraschend war sein hübscher Gast bereits verschwunden, als er endlich fertig war. Frustriert fragte Jann sich, in was er sich da eigentlich gerade hinein steigerte.

Als er sich am Abend im Forum beim Zwerg ausheulen und den Kopf geraderücken lassen wollte, ging selbst das schief. Eine Nachricht wartete bereits im Postfach auf ihn. 'Melde mich nur kurz ab, bin bis über beide Ohren und knietief in Arbeit versunken. Keine Zeit für nichts. Melde mich nach Weihnachten wieder. Hab eine schöne Weihnachtszeit und ertrinke nicht in Glühwein.'

Grummelnd starrte Jann die kurzen Zeilen an und fühlte sich persönlich ungerecht behandelt. Wenn jemand Rat wusste, dann sein Zwerg. Der Mann war erstaunlich pragmatisch dafür, dass er ein so abgehobenes Hobby wie Living History hatte, und das beste war, er war auch schwul. Jann musste sich keine Gedanken machen, dass er ihm auf die Zehen trat. Leider wohnte er ewig weit weg, in einem Thread war das Siebengebirge erwähnt worden. Viel zu weit, um sich mal auf einen Kaffee zwischendurch zu treffen. Aber mal ganz abgesehen davon - vor Weihnachten konnte man das nun eh knicken.

"Mensch, Zwergi", schimpfte er. "Kannst mich doch jetzt nicht allein lassen."

Er erwog, sich bei Lars auszuheulen, dass er gerade dabei war, Dummheiten zu begehen, aber Lars war zu dicht dran. Am Ende würde er noch warten, um sich den Knaben, der Jann ohne viel Mühe den Kopf verdreht hatte, mal persönlich anzusehen.

 

Der Morgen begann so wenig zufriedenstellend, wie der Abend verlaufen war. Seine Waschmaschine verlor den Schlauch, und Janns ganzer Vormittag war damit gefüllt, die Sauerei wieder zu beheben. Darüber vergaß er sowohl zu frühstücken, wie auch sich etwas zum Mitnehmen einzupacken. Er war sogar dermaßen knapp am Stand, dass nicht einmal die Zeit blieb, sich etwas zu besorgen - reichlich Auswahl war ja vorhanden. Man musste sich nur zwischen Kirschwaffeln, Reibekuchen, Grillwürsten und anderen Köstlichkeiten entscheiden.

Entsprechend grummelig hielt er sich an einem Kaffee fest, nachdem er und Klara den Stand geöffnet und die erste Horde von Gästen versorgt hatten.

"Mein Ex ist so ein Arsch!" Klara wischte mit aggressiven Schwüngen ein paar Tropfen Glühwein von der Theke. "Er macht Schluss, wirft mich raus und will mich jetzt nicht mal sehen, um mir meine DVDs zurückzugeben. Ausgleich für den Stress, den er wegen mir hatte, sagt er! Das sind gut vierzig Stück, und drei Viertel davon mag er nicht einmal!"

"Mag er nicht einmal? Aber behalten will er sie?" Jann beobachtete den wütend wippenden Pferdeschwanz, der einen hübschen Bogen beschrieb, als sich Klara schwungvoll zu ihm umwandte.

"Klar will er! Die Neue beeindrucken. Arsch!" Zornig warf sie den Lappen ins Wasserbecken.

Zwischen vereinzelten Kunden diskutierten sie über den Arsch von Ex und wie das Problem mit den verlorenen DVDs am besten anzugehen war, bis Klara mitten im Satz verstummte und ihn anstieß.

"Hey, dein Hübscher wartet auf dich." Sie grinste.

Janns Wangen füllten sich mit erwartungsvoller Wärme, als er sich umdrehte. Er hatte über das hitzige Gespräch vollkommen sowohl die Zeit, wie auch seinen knurrenden Magen vergessen. Tatsächlich stand der Dauergast bereits an seiner üblichen Stelle. Jann ignorierte Klaras Kichern, als er direkt zu ihm ging.

"Hups, war gerade in Diskussionen gefangen. Tut mir leid. Ich wollte Sie nicht warten lassen." Rasch nahm er einen frischen Tonbecher aus dem Korb unter dem Tresen und füllte ihn wie gewohnt mit Glühwein.

"Bin eben erst gekommen", brummte der Mann gemütlich und nahm den Wein gegen die passende Anzahl Münzen entgegen. "Alles in Ordnung?"

"Eh, klar. Und selbst?" Jann grinste, und im selben Moment betrog ihn sein Magen mit einem sehr lauten, unattraktiven Knurren.

Der Mann hob die Brauen und grinste ebenfalls. "Will mir das was sagen?"

"Ich habe vergessen zu frühstückten", gestand Jann mit einem Seufzen, aber erwähnte den unerotischen Rest vom Chaos mit der Waschmaschine nicht.

"Frühstück? Es ist nach drei." Abrupt stellte der Mann den Becher ab. "Bin gleich zurück."

Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte er sich um und ging mit weiten Schritten davon. Verdutzt sah Jann ihm hinterher. Wollte er etwa ... Der Satz, den sein Herz allein bei dem Gedanken machte, war schon nicht mehr normal. Als er sich umdrehte, starrte Klara ihn mit hochgezogenen Brauen an.

"Was war das?", verlangte sie zu wissen. "So schnell war er noch nie weg. Hast du ihn vertrieben?"

Jann lachte. "Ich glaube, er hat Angst, dass ich ihn auffresse, so wie mein Bauch gegrummelt hat."

"Oh Mann, hättest du noch mal was gesagt!" Sie sah ehrlich zerknirscht aus mit den sinkenden Schultern und den kleinen Kräuseln auf der Nase. "Da haben wir die ganze Zeit nur von mir geredet und ich wollte dir doch was von meinen Stullen abgeben."

"Ich hab's total vergessen. Fügung des Schicksals?", schlug Jann großzügig vor. "Ich habe das Gefühl, dass es gut war."

Er warf einen Blick die beinahe leere Gasse hinab. Hinter den Buden mit Tonwaren, Kochutensilien aus Olivenholz und Lebkuchenherzen konnte er vor der 'Grillhütte' die breiten Schultern des Mannes entdecken. Der Kerl sah viel zu gut aus, auch von hinten! Jann beobachtete, wie er bestellte und bekam gleich darauf einen Eifersuchtsstachel ab, als er ihn mit dem Verkäufer lachen sah.

"Mit mir lacht er nie!", beklagte er sich wehleidig bei Klara.

"Aber zu dir kommt er täglich. Wart's ab, er muss nur ein wenig auftauen", antwortete sie mit einem weisen Nicken.

"Er trinkt täglich Glühwein bei uns, er sollte schon längst aufgetaut sein." Unzufrieden starrte er die breiten Schultern an. Die schwarze Jacke endete genau perfekt, so dass man seinen knackigen Hintern anschmachten konnte, der in lange und vermutlich muskulöse Beine überging. Die Jeans versteckte etwas zu viel für Janns Geschmack.

Dann drehte sich der Kerl auch noch um, Jann starrte unvermittelt auf seinen Schritt und wandte sich hastig dem Vorspülen einiger Becher zu, während Klara erfolglos ihr glockenhelles Lachen zu unterdrücken versuchte.

Gleich darauf war der Mann wieder zurück, und auch wenn Jann ihn für mindestens zwei Minuten ignorieren wollte, gelang es ihm nicht. Als er ihn aus den Augenwinkeln an seinen üblichen Platz treten sah, hob er schon den Kopf.

Der Mann hielt ihm einen Pappteller mit einem saftigem Steak im Brötchen entgegen. "Hier. Sonst vertreibt das Bauchmonster noch eure Gäste."

Umgehend löste sich Janns schlechte Laune in Wohlgefallen auf. Er lächelte breit, überließ Klara das restliche Spülen und nahm den Pappteller entgegen. Ihre Finger streiften sich, die Augen des Mannes weiteten sich für einen Wimpernschlag, dann wandte er den Blick ab.

"Gott, sind Sie.... nett! Danke!" Fast wäre Jann etwas sehr Unpassendes rausgerutscht. Niedlich, zum Beispiel. Oder süß. Oder...

Der Mann sah erneut auf, dann reichte er energisch seine Hand über den Tresen. "Soeren. Ich heiße Soeren."

"Jann." Mit einem Lächeln drückte er ihm die Hand. Sie war trotz der noch immer arktischen Temperaturen warm, der Druck war genau richtig, die Haut ein wenig rau und schwielig. Nur widerstrebend ließ Jann sie los.

"Guten Appetit, Jann." Mit einem zufriedenen Zug um dem Mund angelte Soeren nach seinem Becher und nippte an dem Wein.

Das würzige Fleisch war nicht nur unglaublich lecker - Jann hatte mittlerweile richtig Hunger und genoss jeden Bissen davon - er konnte es zudem für Smalltalk nutzen, ein wenig zumindest. "Du hättest dir auch was mitbringen sollen. Das ist echt gut, Soeren."

"Hab schon gegessen." Der Mann drehte den Becher in den Händen.

'Thema durch. Will er nicht reden? Wie soll man da eine Unterhaltung in Gang bringen?' Jann hatte das Bedürfnis mit dem Fuß aufzustampfen. "Heizt auch gut auf. Ist immer noch verdammt kalt, nicht?"

Soeren warf ihm einen kleinen Blick zu und nickte. "Eisig. Letztes Jahr war's wärmer um die Zeit."

"Immerhin werden wir vermutlich weiße Weihnacht haben." Jann weigerte sich, das Gespräch einschlafen zu lassen, auch wenn er hörte, dass Klara im Hintergrund zu rotieren begann. 'Noch drei Minuten!'

"Ja." Soeren trank einen winzigen Schluck, in der Bewegung sah er auf die Uhr. "Hoppla, schon so spät! Wir treffen uns heute früher. Schönen Tag noch!" Hastig schob er ihm den fast vollen Becher hin und ging.

Jann starrte ihm einen Moment hinterher, bewunderte erneut die attraktive Rückansicht, auch wenn es ihm schien, dass Soeren dieses Mal angespannt die Schultern hochgezogen hatte, dann seufzte er, schlang eilig die letzten Bissen hinunter und wandte sich den anderen Gästen zu, die mittlerweile grüppchenweise einzutrudeln begannen. Entweder war Soeren unerträglich schüchtern, in der Ausprobierphase und nicht sicher, ob er was wollte, oder generell nicht interessiert und tatsächlich einfach nur nett.

 

Den nächsten Tag hatte Jann frei. Einige müßige Momente überlegte er morgens im Bett, dennoch auf den Markt zu gehen, aber die Faulheit siegte - und die Vernunft unterstützte sie mit einigen deftigen Argumenten. Trotzdem vermisste Jann die wenigen Minuten, die er mit Soeren am Stand zusammen hatte.

Auch das Forum war nicht dasselbe ohne den AchtenZwerg, und die Gespräche mit ihm fehlten Jann. Sie kannten sich kaum zwei Monate, aber hatten sich seit den ersten Fragen, die Jann wegen seiner noch herzustellenden Gewandung an ihn gerichtet hatte, fast jeden Abend geschrieben.

'Alles in Ordnung, Zwerg? Ich hoffe, du kommst noch zum Luftholen. Sag mal, wo genau wohnst du eigentlich? Vielleicht schaffen wir es nächstes Jahr, uns auf einem Markt irgendwo in der Mitte zwischen dir und mir zu treffen. Oder schreib bei Gelegenheit mal, welche Märkte du generell besucht, dann schaue ich, ob ich es hinschaffe. Du fehlst hier. Das Forum ist ruhig geworden ohne dich. Langweilig, will ich fast sagen.' Jann zögerte, ehe er die Nachricht dann doch abschickte.

Bis zum Abend kam keine Antwort. In seinem Frust reaktivierte Jann seinen Kampfgeist fürs Fitnessstudio, das er seit Ewigkeiten zahlte, aber nie besuchte. Er hatte sich angemeldet, um dem ewigen Sitzen etwas entgegen zu halten, aber es dann doch nicht genutzt, und jetzt brauchte er es nicht wirklich. Auf den Beinen war er wahrhaftig genug.

Die Bewegung tat erstaunlich gut, auch wenn sie nicht gegen die Enttäuschung half, dass der Zwerg weiterhin schwieg.

 

Soeren hingegen enttäuschte ihn nicht in seiner Zuverlässigkeit, und Janns Herz machte einen sehr ausgefallenen Salto, der warme Wellen durch seinen Körper schickte, als der Mann auftauchte.

"Hey." Soeren lächelte ihn schon an, ehe Jann auch nur gegrüßt hatte, und verstärkte damit die Wellen noch. "Heute keinen Glühwein, wenn du den Becher nicht schon gefüllt hast. Ich will mal euren Kinderpunsch probieren."

"Habe ich, macht aber nichts." Jann reichte den Wein an Klara weiter, die ihn direkt einem weiteren Kunden übergab. "Wir haben auch andere Sorten, falls dir der reguläre Glühwein über wird."

Soeren schüttelte den Kopf. "Nee, passt schon. Den Punsch, bitte."

Jann schob einen Becher davon zu Soeren hin.

Soeren schloss seine großen Hände um den Becher, aber sah zu Jann auf, ohne zu trinken. "Du warst gestern nicht da. Hast du den freien Tag genossen?"

"Ich war fleißig, endlich mal wieder beim Sport." Jann wischte einmal über die Theke, um seine Finger zu beschäftigen, und stellte sich vor, wie es wohl wäre, einmal nicht den Tresen zwischen ihnen zu haben. Immer nur sah er auf Soeren hinab, dabei war der Mann deutlich größer als er. "Du siehst aus, als machst du reichlich Sport. Liege ich richtig?"

Mit einem verlegenen Grinsen hob Soeren die Schultern. "'n Büschen. Magst du keinen Sport?"

"Ach, ich hab nicht direkt etwas dagegen." Jann lachte und kämpfte die Bilder von einem verschwitzen, spärlich gekleideten Soeren erfolgreich nieder. "Ich habe nur irgendwie meistens anderes in meiner Freizeit vor. Ist alles eine Frage der Prioritäten."

"Was machst du sonst so?" Soeren sah ihn derart interessiert an, dass Jann sich wie der Mittelpunkt der Welt zu fühlen begann.

Während sie über Hobbys sprachen, allen voran seine neu entdeckte Faszination für Living History - Jann redete, Soeren hörte zu und stellte Fragen - kramte Soeren in seiner Tasche und holte ein Päckchen gebrannte Mandeln heraus. Stumm bot er Jann davon an, und er ging erst wieder, als es so voll wurde, dass Klara nicht mehr allein hinterher kam.

Hastig stürzte sich Jann in die Arbeit. "Klara, ich schulde dir! Wie kannst du nur so geduldig sein, wenn hier die Hütte brennt und ich mit Scheuklappen in der Ecke stehe?"

"Ich fördere junge Liebe", sagte sie mit einem Oberlehrerblick.

Dann mussten sie beide lachen. Klara war sechs Jahre jünger als Jann.

"Aber du darfst mich gern jederzeit zum Essen einladen, wenn du dich danach fühlst." Entwaffnend grinste sie ihn an. "Ich nehme auch Selbstgekochtes. Nur Nüsse vertrage ich nicht."

"Deal. Wann hast du noch mal frei?"

 

An den darauffolgenden Tagen brachte Soeren erst Lebkuchen, danach eine Papiertüte voller Lakritze mit. Seit den gebrannten Mandeln schaffte er es unnachahmlich, Jann in ein Gespräch zu verwickeln, in dem Jann die meiste Zeit redete. Viel Zeit hatten sie ohnehin nicht. Mal zehn, mal fünfzehn Minuten, und Jann grübelte darüber nach, ob er nicht einfach nach einem Treffen jenseits von Arbeit fragen sollte. Soeren wagte sich offensichtlich nicht weiter.

Auch der Zwerg hatte sich zwischenzeitlich mit einer kurzen Nachricht gemeldet. 'Markt klingt gut, wenn du nach dem Weihnachtsmarkt nicht von allen Märkten die Nase voll hast. Lass uns das nach Weihnachten mal genauer besprechen. Vermisse das Forum auch.'

Trübe starrte Jann die Zeilen an. DerAchteZwerg war fast so knapp geworden wie Soeren, auch wenn den kaum einer toppen konnte. Als Jann sich eine Unterhaltung zwischen den beiden vorstellte, musste er laut auflachen.

'Jo.'

'Jupp.'

Schweigen.

Nun, immerhin würden sie sich nicht auf die Nerven fallen.

Für seine freien Tage - sogar zwei am Stück - verbannte Jann alle Gedanken an den Zwerg und den schweigsamen Soeren. Am ersten Tag traf er sich zum Kino mit zwei Kollegen aus der alten Firma, den nächsten lud er Klara ein.

"Ich habe die DVDs wieder", verkündete sie ihm triumphierend, nachdem sie sich zur Begrüßung umarmt hatten und er ihren Mantel an die Garderobe im Flur hängte. "Der Anruf der Freundin einer Freundin, die Jura studiert - kurz vorm ersten Staatsexamen - hat ihm Beine gemacht. Ha!"

"Gratuliere. - Sei so nett, zieh die Schuhe aus." Mit Hausschlappen an den Füßen bugsierte Jann sie nach einem Blick ins Wohnzimmer und einem Hinweis auf das Bad in seine kleine Küche und dort auf den Stuhl in der Ecke an seinem winzigen Zwei-Personen-Esstisch. "Manchmal kann schon eine ordentliche Drohung Wunder wirken."

"Er hat sogar freiwillig noch ein paar Bücher draufgelegt, von denen vergessen hatte, dass ich sie besitze, und den iPod, der eigentlich gar nicht mir gehört", erzählte sie gut gelaunt und stellte die Füße auf der Querstrebe des Stuhls ab. "Wahrscheinlich war er sich da nicht mehr so sicher, schließlich habe ich das Ding hauptsächlich benutzt. Aber sag an, wie geht es mit deinem Schwarm voran? Habt ihr endlich mal sowas wie Telefonnummern ausgetauscht? Ein Treffen ausgemacht? Lad' ihn doch mal ein, mit dir an deinem nächsten freien Tag ins Café zu gehen. Ganz unverfänglich, einfach mal auf eine Stunde quatschen, nicht immer nur für ein paar Minuten zwischen zwei anderen Kunden."

Jann stellte einen Pott Kaffee mit Milch und Zucker vor sie und raufte sich die Haare. "Klara, reden? Was stellst du dir vor? Ich rede, er schweigt. Das klappt so nicht. Ich krieg Gänsehaut, wenn er mich allein nur ansieht, und verwandle mich in einen plappernden Idioten, aber ob das eine Grundlage für eine Beziehung ist?"

"Immerhin geht er dir damit nicht auf die Nerven", antwortete sie pragmatisch. "Ich hatte gestern ein Date mit einem Kerl, der den Mund nicht zubekommen hat. Hach, wie toll ist er doch, wie viel Kohle er doch monatlich heimbringt, was für einen geilen Schlitten er doch fährt." Sie rollte mit den Augen.

"Vielleicht war er einfach nervös?" Jann schmeckte noch einmal die Zitronensoße ab, dann richtete er die Hähnchenbrust damit auf einer schlichten, weißen Platte an.

"Nervös? Ich weiß ja nicht." Der Zweifel war deutlich in ihrer Stimme zu hören. "Aber lenk nicht ab. Was gedenkst du, wegen Soeren zu unternehmen? Ich will Daten, Fakten, jetzt!"

"Keine Ahnung." Jann schnitt eine Grimasse und stellte die Platte zusammen mit der Schüssel Kartoffelspalten auf den Tisch, ehe er Klara Geschirr und Besteck anreichte.

"Gut, dann sage ich dir, was du machen wirst." Energisch richtete sie eine Gabel auf ihn. "Du fragst ihn morgen - und morgen wird er wieder da sein - ob ihr euch nicht mal privat treffen wollt. Bier, Kaffee, Essen gehen, Weihnachtsmarktbummel, Spaziergang im Wald, such's dir aus. Aber du fragst."

Jann lachte auf, schaltete das Radio ein und stellte es leise, ehe er ihr gegenüber Platz nahm. "Und was, wenn nicht?"

Sie hob die Brauen und lächelte zuckersüß. "Dann, mein Lieber, frag ich ihn für dich. Du hast drei Tage Zeit."

Jann verschluckte sich fast an seinem Saft. "Warte, das stand nicht im Vertrag!"

"Im Kleingedruckten. Und du hast mit Blut unterschrieben." Sie grinste und hob ihre Kaffeetasse. "Cheers. Auf die Liebe."


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