Der Liebesapfelzwischenfall

2.

"Hör auf, dir Sorgen zu machen!" Klara hielt sich an der dritten Tasse Kaffee fest und wärmte ihre steifen Finger. Wenn möglich war es noch einmal kälter geworden. Ihr Atem bildete selbst mit beiden Heizlüftern auf vollen Touren noch Wölkchen, wenn sie etwas zu weit weg davon standen. "Was kann passieren?"

"Er kann Nein sagen", zählte Jann auf. "Er kann mich auslachen. Er kann wütend werden. Er kann sich umdrehen und gehen. Und er kann aufhören, jeden Tag hierher zu kommen."

"Und er kann dir den Kopf noch mehr zu verdrehen. Ehrlich, Jann." Klara verdrehte die Augen. "Ich frage mich gerade, wer von euch beiden der Schüchterne ist. So wird das nie was. Ja, das alles könnte er. Aber wie wahrscheinlich ist das? Hm? Er redet mit dir. Er bringt dir Schnuckes mit. Er kauft seinen Glühwein ausschließlich bei dir. Und weißt du was? Er trinkt ihn nicht einmal!"

"Was?" Verblüfft sah er sie an.

"Ist dir mal die Pfütze hinter der Bude aufgefallen? Dort, wo er immer steht? Hübsch rot und glasklar gefroren. Okay, momentan unter einer neuen Schicht Schnee verdeckt. Aber schau mal dahin, wenn er nachher wieder geflohen ist." Sie lachte auf, als er sie zweifelnd ansah. "Ich schwöre, ich nehme dich nicht hopp! Wenn da keine rote Eisfläche ist, lade ich dich zum Essen ein. Ansonsten", sie grinste, "bist du schon wieder dran."

Jann blieb eine Antwort ersparrt, denn der Mittelpunkt all seiner Träume und Hoffnungen trat an den Stand, dort wo laut Klara die Glühweineisfläche war.

"Auf geht's", flüsterte Klara ihm zu und löste eine Hand von ihrer Tasse, um ihm einen kleinen Stups zu geben. "Du kannst das, Großer. Ich glaube an dich."

Jann glaubte nur zur Hälfte an sich, als er zu Soeren trat und sich so auf dem Tresen abstützte, dass er ihm ein wenig entgegen kommen konnte. "Pünktlich wie die Uhr. Was willst du heute genießen?" Oder laut Klara wegschütten.

"Punsch. Der ist lecker." Soeren lächelte irgendwie unsicher zu ihm empor und wandte gleich darauf den Blick ab, als er das Geld bereits abgezählt vor Jann legte.

'Frag ihn!', sagte Janns Mut mit Klaras Stimme in seinem Hinterkopf. 'Ist ganz einfach. Und dann hast du Klarheit. Dann weißt du zumindest mal, ob er dich jenseits des Standes sehen will. Ohne die Sicherheit einer Theke zwischen euch.'

'Gleich. Noch drei Minuten. Gib ihm erst mal seinen Punsch', antwortete seine Vorsicht, und die hatte eindeutig eine Jann-Stimme.

Jann füllte den Becher und schob ihn Soeren hin. Sein Mund war trocken, seine Kehle auch. Er hätte sich auch einen Kaffee nehmen sollen. 'Vielleicht noch abwarten, ob er wieder was dabei hat. Vielleicht war's die letzten Tage Zufall.'

"Danke." Soeren warf ihm einen kurzen Blick zu und zog seinen Wein an sich.

"Alles in Ordnung? Du schaust ein wenig blass aus." Jann legte den Kopf schief. 'Blass und müde.' Der Mann hatte Schatten unter den Augen, und die Linien seines energischen Gesichts schienen tiefer eingegraben zu sein. Umgehend machte Jann sich Sorgen.

"Was? Klar!" Soeren grinste zu ihm hoch, aber das verwischte den Eindruck nicht, sondern unterstrich ihn höchstens noch. "Die Nacht war nicht so lang, das ist alles. Uhm. Ja."

Eifersucht stieg in Jann empor und verflüchtigte sich wieder, weil Soeren nicht so aussah, als sei es eine angenehm kurze Nacht gewesen.

"Hoffentlich keine schlimmen Nachrichten?", fragte er besorgt.

"Nein! Auf keinen Fall!" Eilig winkte Soeren ab. "Ist wirklich nichts."

Jann zweifelte daran, aber es war offensichtlich, dass Soeren nicht darüber reden wollte. Nur ob jetzt der passende Zeitpunkt war, ihn einzuladen? 'Wann, wenn nicht jetzt? Vielleicht sogar ein perfekter Zeitpunkt. Du kannst ihn aufheitern oder ablenken. Mach!'

Er öffnete gerade den Mund, als Soeren etwas auf den Tresen legte. Jann schloss den Mund wieder. Es war keine Schokolade, keine Nüsse oder sonstiger Kram. Hübsch in Celophan verpackt lag ein rot glasierter Apfel an einem Holzstäbchen vor ihm.

Janns Mund wurde noch trockener, während Hitze in seine Wangen stieg und sein Herz sich auf den nächsten Marathon vorzubereiten begann. Viel deutlicher konnte Soeren kaum werden. Gott verdammt. Er grinste und sein Herz sprintete los. Ein Liebesapfel!

"Das ist... unerwartet", sagte er atemlos.

Im gleichen Moment rief Klara: "Sorry, Jann, ich brauch Hilfe!"

Hastig drehte Jann sich um und fluchte stumm. Das, was sich mit einem Schlag um den Stand versammelt hatte, waren bestimmt zwei Busladungen Touristen.

"Soeren, ich... Moment", sagte er hektisch und stand schon an der Hauptseite der Theke, um Glühwein, Punsch und Glögg im Rekordtempo abzurechnen.

Er war nicht schnell genug. Als er sich wieder umdrehte, war Soeren weg und mit ihm der Apfel.

 

Jann schaffte es, seine gute Laune trotzdem über den gesamten Tag, die Nacht und den nächsten Morgen zu retten. Liebesapfel. Er würde Soeren aber sowas von nach einem Date fragen! Klara amüsierte sich glucksend über seine Aufgeregtheit und stichelte auch nur ganz wenig, dass er dieses Mal schneller sein musste, um seinen flüchtigen Schwarm festzuhalten.

"Darauf kannst du wetten!" Jann lachte, und nichts und niemand konnte seine Laune dämpfen, nicht einmal der Kunde, der sich lallend beschwerte, dass sie nur Wasser mit Farbstoff verkauften.

Außer Soeren selbst.

Jann fieberte dem üblichen Zeitpunkt entgegen, doch Soeren kam nicht. Die Digitaluhr des Handys zeigte abgehackt Minute um Minute, die verstrichen, ohne dass sich der große Mann blicken ließ. Schließlich wurde es voll, und Jann hatte keine Zeit mehr, sich wieder und wieder und noch einmal nach ihm umzusehen.

"Er kommt morgen", sagte Klara fest, als seine Schicht endete und Lars ihn für den Schluss ablöste.

Jann winkte ab. Er hoffte es, aber irgendwie konnte er nicht so recht daran glauben. Warum hatte Soeren nicht auf ihn gewartet? Hatte er mit einer anderen Reaktion gerechnet? Oder war ihm da erst klar geworden, was der Liebesapfel... Unfug! Er war unsicher gewesen, natürlich wusste er es!

Die Hände tief in den Taschen seiner Daunenjacke vergraben, den Schal bis über die Nase gezogen, stapfte er in Richtung Bushaltestelle durch den mittlerweile grau gewordenen Schnee, der sich rechts und links des Weges zu Dünen türmte. Verdammt, verdammt, verdammt! Was, wenn Soeren gar nicht mehr wiederkam? Wie sollte er ihn finden? 'Soeren, dunkelblond, Hammeraugen' stand in keinem Telefonbuch und half auch bei einer Suche im Internet nicht weiter. Er wusste noch viel zu wenig von dem Mann!

 

Zu seinem Entsetzen bewahrheitete sich sein Pessimismus. Soeren tauchte weder am nächsten Tag am Stand auf, noch ließ er sich an den folgenden Tagen blicken. Frustriert instruierte Jann Klara, dass sie Soeren sofort anfallen sollte, wenn der Mann ausgerechnet an seinem letzten freien Tag vor Weihnachten wiederkommen sollte. Das Fest war immerhin nur noch vier Tage hin, das bedeutete ein Ende des Weihnachtsmarkts in drei Tagen. Und danach war jede Chance auf ein Wiedersehen so gut wie ausgeschlossen.

Jann hatte es sich in den vergangenen Wochen angewöhnt, reichlich auszuschlafen. Als das Telefon klingelte, riss es ihn aus dem Schlaf, obwohl der Wecker bereits kurz nach zehn zeigte. Müde angelte er nach dem Handy. Es war eine unbekannte Nummer, also meldete er sich vorsichtshalber mit seinem vollen Namen. Gleich darauf dankte er allen Göttern und guten Geistern, dass er überhaupt abgehoben hatte, als sich eine nette Männerstimme als Personaler einer der Firmen vorstellte, bei denen er sich beworben hatte. Im nächsten Moment entschuldigte der Mann sich bereits dafür, mit der Tür ins Haus zu fallen.

"Ich weiß, es ist knapp, aber nachdem wir jetzt auch noch einen Krankheitsausfall für ein paar Wochen haben, wird es dringend. Arbeitsanfang wäre dementsprechend schon der 2. Januar. Ginge das? Hast du Zeit, dich gleich heute vorzustellen?"

"Das passt, ich habe heute frei. Wann soll ich kommen?" Jann grinste, der unkomplizierte Umgangston gefiel ihm schon jetzt. Das hatte er auch bei seiner letzten Firma so gemocht. Klein und fein, nur leider pleite.

"15:30 Uhr, dann ist Mark, das ist der Cheffe, wieder zurück in der Firma."

Jann notierte die Uhrzeit direkt nach dem Gespräch, obwohl er sie aus mehreren Gründen wohl kaum vergessen würde. Die Adresse war in der Nähe vom Weihnachtsmarkt, er konnte um drei selbst noch mal schauen, ob sein stummer Schwarm vielleicht wieder auftauchen wollte.

Die Kleiderfrage war eine komplizierte. Nach Janns Erfahrungen waren Vorstellungsgespräche in kleinen IT-Firmen eher locker, aber in Bluejeans und Turnschuhen aufzutauchen, kam trotzdem nicht in Frage. Es wurde eine legerere dunkle Stoffhose zu einem grünen Hemd. Dafür blieb die dicke Daunenjacke in der Garderobe, sie wurde durch den schwarzen Wollmantel ersetzt.

Die Kälte merkte er durch die dünnen Schuhe schon, als er kurz vor drei beim Stand auftauchte. Klara unterhielt sich mit der anderen Studentin, weil es gähnend leer war. Inklusive Soeren-leer.

"Hey, ihr beiden! Sieht nicht gerade aus, als müsstet ihr euch die Füße wund laufen. Habt ihr einen Tee für mich?"

"Jann, verdammt! Hättest du nicht fünf Minuten eher kommen können?" Klara beugte sich über den Tresen und gab ihm einen Klaps auf die blaue Wollmütze. "Soeren ist heute früher da gewesen!"

"Er war da? Mist, verdammt!" Jann hätte sich am liebsten in den Allerwertesten gebissen. So kurz verpasst! Und trotzdem - Glück sprudelte in ihm empor wie warmer Sonnenschein - er war wieder gekommen! Vielleicht war er ja einfach krank oder verreist gewesen und ihm gar nicht ausgewichen. "Hast du ihn überfallen? Hast du seine Nummer? Oder zumindest seinen Nachnamen?" Er wippte auf den Fußballen auf und ab.

"Nein. Aber Jann, ich schwöre, du musst dich mehr reinknien. Der Mann ist die Schüchternheit in Person - so lange du da bist. Er hat nach dir gefragt, war enttäuscht, weil du frei hast und hat versprochen, dass er morgen wiederkommt. Und danach haben wir uns total entspannt für ein paar Minuten unterhalten. Er hat gelacht, ehrlich!"

Jann sah sie an, als hätte sie sich in ein Alien verwandelt. "Entspannt. Unterhalten. Mit Lachen. Wir reden schon von Soeren?"

"Soeren. Dunkelblond. Hammeraugen, wenn ich dich zitieren darf." Sie grinste. "Hey, aber du bist so schick. Wo geht es hin? Sag nicht, du hast ein Date mit einem anderen."

Jann lachte. "Und ob. Gleich mit zweien. Wenn alles perfekt läuft, habe ich im neuen Jahr einen Job."

"Das sind ja mal Neuigkeiten, gratuliere! Pass auf, das wird dein Jahr. Neuer Freund, neuer Job. Perfekt." Sie umarmte ihn ein wenig ungelenk über den Tresen hinweg.

So wie sie das sagte, klang es tatsächlich perfekt. Und es schien, als hätte der Geist der Weihnacht beschlossen, Jann mit einem vorgezogenen Weihnachtsgeschenk zu versorgen. Das Vorstellungsgespräch nahm an die zwei Stunden in Anspruch. Cheffe Mark und der nette Personaler - "Naja, ist mehr so eine Art Ehrentitel", meinte der Mann grinsend. - machten ein Drittel des gesamten Personals aus, und sie schwangen auf einer derart ähnlichen Wellenlänge, dass er den Vertrag direkt am Anschluss unterschrieben mitnehmen konnte.

Die gute Nachricht wurde seinen Eltern sofort per Anruf und allen Freunden per Jubel-SMS mitgeteilt, noch während er auf dem Weg zur Bushaltestelle war und seine eisigen Füße mit purer Begeisterung warmzudenken versuchte.

"Ich bin durch Hexerey und Zauberey in diesen Weinkeller gelangt", sagte eine Männerstimme in künstlicher Höhe, um eine Frau nachzuahmen. Der Klang war vage vertraut, und Jann sah sich um. Nur einen Moment später machte sein Herz einen Olympia-reifen Sprung, als der Mann in normaler Tonlage fortfuhr: "Das war 1588 eine nicht ganz ungefährliche Aussage, aber man muss wohl mildernde Umstände geltend machen, da die gute Maria in der Gesellschaft von mehreren leeren Weinflaschen gefunden wurde. Ich bin bestimmt doppelt so schwer wie sie und vermutlich mehrere Köpfe größer. Aber mit der Menge Alkohol würde ich mich auch fühlen, als sei Hexerey und Zauberey möglich."

Gelächter erklang, dem Jann folgte. Direkt um die Ecke in einer Seitengasse stand eine Touristengruppe um einen Mann versammelt, der einen langen Stab mit einer Laterne hielt, in der eine echte Kerze brannte. Die Kapuze seines dunklen Umhangs tauchte sein Gesicht in Schatten, aber Jann brauchte keinen zweiten Blick, um Soeren wiederzuerkennen.

Waren das etwa seine Projektgruppen? Führungen durch die Altstadt? Hatte er gedacht, dass Jann ihn dafür auslachen oder nicht für voll nehmen würde? Jann zog die Mütze bis in die Augen und den blauen Schal bis über Mund und Nase empor, ehe er sich zu der Gruppe gesellte und hoffte, dass er nicht auffiel.

Es war faszinierend, Soeren als Stadtführer zu erleben. Von Scheu und Schüchternheit gab es keine Spur, er erzählte lebhaft und brachte die Gruppe immer wieder zum Lachen. Auch Jann unterdrückte mehrfach schallendes Gelächter, um ihn nicht auf sich aufmerksam zu machen. Soeren scherzte, neckte, ahmte gekonnt Stimmen nach und erweckte die Geschichte der Stadt zum Leben.

Jann verliebte sich gleich noch ein Stück mehr in ihn.

Schließlich löste sich die Gruppe auf, als sie wieder am Ausgangspunkt der Tour angekommen waren. Soeren unterhielt sich noch einige Augenblicke mit einem älteren Herrn, ehe auch dieser sich mit einem Winken verabschiedete.

"Sie haben ebenfalls Fragen an einen Nachtwächter, der viel gesehen und erlebt hat?"

Soerens dunkle, freundliche Stimme, als sich der Mann an ihn wandte, schickte heiße Schauer durch Jann hindurch. Er sah zu ihm hoch; erst jetzt, wo sie direkt voreinander standen, fiel ihm auf, wie groß er tatsächlich war. Dass er ihn überragte, war ihm schon im Stand bewusst gewesen, aber das umgesetzt zu sehen, sobald sie sich mal auf gleicher Ebene befanden, war überraschend.

Soerens Augen weiteten sich. "Jann?"

Jann zerrte seinen Schal ein Stück weiter herunter, so dass sein Gesicht zu erkennen war. "Exakt." Er grinste.

"Uh... ich... hallo." Unsicher erwiderte Soeren das Grinsen. "Mit dir habe ich jetzt ja gar nicht gerechnet. Du warst am Anfang aber noch nicht... wo kommst du denn her?"

"Ich bin durch Zufall über die Führung gestolpert, weil ich deine Stimme erkannt habe. Es hat sich gelohnt. Wenn ich das früher gewusst hätte - du bist echt gut! Selten so gelacht." Jann lachte schon wieder. Mit einem Mal fühlte er sich, als wäre es Frühling. Aufgeregt und sprudelig.

"Uh, danke." Soeren grinste verlegen. "Ich war heute am Stand. Du warst nicht da. Ich wollte mich entschuldigen."

"Dafür, dass du tagelang nicht da warst, nachdem du mir den Apfel nicht geben wolltest?" Jann hob die Brauen. Wie konnte ein derart großer, breitschultriger Mann, der souverän genug für lockere Führungen voller Fachwissen war, nur so unsicher um ihn herum sein? Soeren sah zu Boden. "Ja. Nein! Für den Apfel. Ich wollte nicht..."

Jann hakte einen Finger in den Gürtel, den Soeren unter dem Umhang über einem dicken Wams trug, und zog ihn an sich heran, ehe er sich auf die Zehenspitzen stellte und dem Mann einen Kuss auf die stoppelige Wange drückte. Sein Herz stolperte. Der Kerl roch auch noch gut. "Ich fand die Geste süß. Warum bist du weggelaufen?"

Soeren erstarrte, starrte ihn an, und selbst im Licht der Laternen konnte Jann gut erkennen, dass seine Wangen dunkler wurden. "Du klangst nicht so begeistert, ich bin - Gott, deine Finger sind ja eiskalt!" Er hatte seine Hand im selben Moment über Janns gelegt. Sein Blick glitt einmal über ihn, dann schüttelte er den Kopf. "Bist du kein Eiszapfen? Die Schuhe sind für das Wetter gar nicht geeignet."

"Ich kam von einem Vorstellungsgespräch, ich hatte nicht vor, ewig im Schnee herumzustapfen." Jann spürte Wärme in seinem ganzen Körper, gleichgültig der Temperaturen, weil Soeren seine Finger umfasste. Die Hand schien ein ganz eigenes Feuer auszustrahlen. "Ich war überrascht! Ich war sprachlos vor Freude! Und dann läufst du mir davon." Er drehte die Hand und umfing Soerens Finger mit kräftigem Griff. "Da halte ich dich wohl besser mal fest. Hast du noch eine Führung?"

Soeren schüttelte den Kopf, und sein Grinsen machte der Sommersonne Konkurrenz. "Das war die letzte für heute. Hast du Zeit? Dann lass uns irgendwo einkehren. Eine Gasse weiter ist ein nettes Lokal, ich kenne den Besitzer, der ist das schon gewöhnt, wenn ich mit spinnerten Klamotten reinkomme. Ich lad dich ein. Als Entschuldigung, ja?"

"Wenn es da eine Heizung und heiße Getränken gibt, bin ich sofort dabei." Janns Füße waren kurz davor, dass er sie nicht mehr spürte, seine Beine waren eiskalt, seine Finger nur da warm, wo Soeren sie berührte - Soeren hatte ihn noch immer nicht losgelassen!

Soeren hielt seinen Blick fest, und einen Moment standen sie einfach nur da, inmitten des einsetzenden leichten Schneefalls und sahen sich an, dann lachte Soeren, drückte Janns Finger und zog ihn mit sich. "Komm, bevor ich dich mit Erfrierungen ins Krankenhaus befördern muss."

Das Lokal empfing sie mit köstlicher Wärme, dem Duft nach deftigem Essen und Stimmengewirr. Zielsicher steuerte Soeren an rustikalen, gut besetzten Tischen auf der einen und einer wuchtigen Theke auf der anderen Seite des Raums vorbei in den hinteren Teil des Gastraums. Blicke folgten ihnen, und Jann konnte es den Gästen nicht verdenken. Zwei Meter Nachtwächter waren einfach nicht zu übersehen. Er grinste.

Soeren lehnte seinen Stab in einer Nische, die ein Vier-Personen-Tisch mit braun gepolsterten Sitzbänken einnahm, gegen die Wand. Dann half er Jann aus seinem Mantel, ehe er sich seines Umhangs entledigte und beides locker zusammengelegt in die Ecke der Sitzbank schob.

"Du siehst sogar erfroren aus." Er runzelte die Stirn und drehte sich einmal suchend, ehe er der Bedienung winkte.

Eine rundliche Frau in schwarzem Rock mit weißer Schürze winkte zurück. "Bin gleich bei dir, Soeren!"

Jann konnte sich vorstellen, dass er wie eine Leiche wirkte - blasse Haut, blaue Lippen. Der Mantel war warm, aber mit nur einem Hemd nicht warm genug. Trotzdem fand er, dass er es perfekt hinbekommen hatte, schick genug für ein Date, aber nicht übertrieben schick wie nach einem regulären Vorstellungsgesprächen in Anzug und Krawatte. Dankbar rutschte er direkt bis an die Heizung durch. Seine Hände erwachten prickelnd zu neuem Leben, während die Füße sich noch Zeit ließen.

"Glühwein wäre jetzt toll", sagte er mit einem Seufzen und genoss, wie die Wärme langsam in seinen Körper zurückehrte. "Wir hätten noch einen kleinen Abstecher zum Weihnachtsmarkt machen können."

Verlegen rieb Soeren sich über das Gesicht und nahm ihm gegenüber Platz. "Du kannst Glühwein bestellen, garantiert. Aber vom Weihnachtsmarkt habe ich jetzt erst mal genug. Ist eigentlich so gar nicht mein Fall."

Jann lachte auf. "Dafür warst du ganz schön oft da." Der Gedanke machte ihn kribbelig. Soeren war nur wegen ihm gekommen, wieder und wieder.

"Ich mag auch keinen Glühwein." Die Röte in Soerens Gesicht konnte sowohl von der Wärme des Gastraums wie auch von Verlegenheit kommen.

Jann riss die Augen auf, aber bevor er fragen konnte, war die rundliche Frau bereits bei ihnen, reichte ihnen die Karten und zündete die Kerze in der Mitte des Tischs an. "Du warst ja schon ewig nicht mehr hier, Soeren. Was machen die Geister der Stadt?"

Soeren lachte und stellte sie und Jann einander vor. "Keine Geister heute, Anna. Heute waren es Hexengeschichten, die erfreulicherweise nicht alle auf dem Scheiterhaufen endeten."

Jann entschied sich tatsächlich für einen Glühwein, Soeren wählte Tee mit Schuss. Während Anna und Soeren noch ein paar Sätze tauschten, hatte er sich auch schon für die scharfe Ochsenschwanzsuppe entschieden.

"Die ist gut, die nehme ich auch." Soeren reichte Anna die Karte zurück, ohne auch nur reingeschaut zu haben.

"Keinen Glühwein", echote Jann, kaum dass die Frau den Tisch wieder verlassen hatte. "Wie bist du überhaupt auf den Markt gekommen, wenn du gar keinen Grund hattest?"

Unsicher verzog Soeren den Mund. "Ich hatte einen Grund. Ich hatte jede Menge Grund. Der Grund geht mir in etwa bis hier", er deutete einen Höhe knapp über seinem Kinn an, "hat braune Augen und sitzt mir gegenüber."

"Wegen mir?" Verblüfft sah Jann ihn an. Das machte keinen Sinn! Dann weiteten sich seine Augen. Kein Glühwein, keine Weihnachtsmärkte, Führungen in Gewandung. "DerAchteZwerg? Nicht wahr, oder?" Als Soeren tiefer errötete und nickte, schüttelte er ungläubig den Kopf. "Aber ich dachte, du wohnst im Siebengebirge!"

"Ich wohne im Siebengebirgsweg. Das ist irgendwie ein Selbstläufer geworden." Soeren rieb sich wieder über das Gesicht. "Es ... es tut mir leid, dass ich dir das nicht direkt gesagt habe."

"Aber warum?" Jann war noch immer viel zu perplex, um verärgert oder belustigt oder vielleicht auch beides zu sein. Er war nur dankbar, dass er sich nicht beim Zwerg über Soeren ausgeheult hatte. Überhaupt - Zwerg! Der Mann musste sich in Türen nur knapp nicht ducken.

Anna kam mit ihren Getränken an den Tisch, und deutlich dankbar für die Unterbrechung nahm Soeren sie ihr ab. Er schob den Glühwein direkt vor Jann und warf drei Stück Zucker in seinen Tee.

"Ich ... hab dich im Forum schon so gern gemocht", murmelte er und rührte seinen Tee um. "Und dann hast du mehr oder minder verraten, wo ich dich finden kann. Ich wollte zwischen Büro und Führung einfach mal vorbei kommen und Hallo sagen." Er atmete tief durch und hob den Blick. Seine Wangen glühten nun regelrecht. "Ich kann ... ich kann mit allen und jedem reden. Gar kein Problem, wildfremde Menschen anzusprechen. Aber wehe, ich finde einen Mann attraktiv. Ich meine, richtig attraktiv. Da setzt mein Kopf aus. Ich hab dich gesehen und hab den Mund nicht mehr aufbekommen."

"Oh Gott, du bist süß!" Jann lachte und griff über den Tisch, um ihm einmal durch die Haare zu zausen. "Deswegen warst du auch nicht mehr im Forum?"

Soeren schnitt eine Grimasse und nickte. "Ich hatte ein schlechtes Gewissen, dass ich nichts gesagt habe. Ich hatte Angst, dass du mir von dem komischen Kerl erzählst, der am Stand war. Ich hatte Angst, mich zu verraten, bevor ich es dir sagen konnte."

"Aber das lässt irgendwann nach?", fragte Jann grinsend. "Ich meine, wenn wir uns jetzt regelmäßig sehen?"

"Regelmäßig." Soeren atmete durch, dann grinste auch er und seine Wangen entfärbten sich wieder auf ein beinahe normales Maß. "Regelmäßig klingt gut. Das ist die beste Therapie dagegen. Pass nur auf, dass du dich nicht ganz schnell nach dem schweigsamen Mann am Glühweinstand zurücksehnst."

"Ach, mir hat der redsame Stadtführer gut gefallen", gestand Jann und lächelte. "Der Mann am Stand war wirklich arg ruhig. Aber er hat mir trotzdem den Kopf verdreht."

Soerens Strahlen war rekordverdächtig. Er reichte über den Tisch, drückte Janns Hand und ließ sie nicht mehr los, bis ihre Suppe in voluminösen Schalen zusammen mit einem Korb frischem Baguette kamen.

"Und wie bist du ausgerechnet auf den Nickname DerAchteZwerg gekommen?" Jann tunkte eine Scheibe Brot in seine Suppe und biss genussvoll ab.

"Der Siebengebirgsweg. Der ist auch daran Schuld." Soeren gluckste in sich hinein. "Ich hab mal gesagt, dass ich hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen wohne. Worauf mein Kumpel meinte, dass ich wohl kaum als Schneewittchen durchgehe. Ich müsste wohl der achte Zwerg sein, die Familienschande wegen meiner Größe, die man gut versteckt und die deswegen auch nicht im Märchen auftaucht."

Jann musste schon wieder lachen.

 

"Was hast du eigentlich mit dem Liebesapfel gemacht?", fragte er, als sie bestimmt zwei Stunden später das Lokal verließen. Die Scheu hatte sein Freund in dieser Zeit fast vollkommen abgelegt, nur ab und an blitzte sie noch durch und ließ ihn erröten, was bei diesem Zwei-Meter-Mann in Janns Augen einfach nur unglaublich niedlich war.

"Der ist bei mir daheim." Soeren legte ganz selbstverständlich einen Arm samt Umhang um Janns Schultern, während sie gemächlich in Richtung der Bushaltestelle gingen. Der Schneefall hatte zugenommen und verbarg den Dreck des Tages unter einer frischen, weißen Schicht.

Jann war aufgedreht und glücklich, warm und voller Prickeln, während er überlegte, wie er Soeren zu sich einladen konnte, ohne dass es aufdringlich wirkte. Aber er wollte ihn nicht überrumpeln, nicht, dass sein Freund sich daran erinnerte, wie schüchtern er sein konnte.

"Du könntest ihn mir morgen noch mal vorbeibringen", schlug er grinsend vor. "Ich bin wieder am Stand." Er drehte sich ihm Schritt zu ihm um, so dass er vor ihm stand, und schob die Arme unter dem Umhang um seine Taille. "Was hältst du davon? Dann probieren wir das noch mal. Ich verspreche, ich mache dieses Mal auch keine missverständlichen Bemerkungen."

Soeren sah ihn an, ihm direkt in die Augen. Selbst in diesem eher düsteren Licht waren sie noch wunderschön. Jann vergaß, was er gefragt hatte, als sein Blick über den energischen Mund glitt, dann zurück zu den Augen.

Ohne zu antworten, legte Soeren auch noch den zweiten Arm um ihn, und Jann ignorierte, dass sich dabei der Nachtwächterstab ungemütlich in seinen Rücken drückte. Nach nur einem winzigen Zögern zog Soeren ihn fest gegen sich, beugte sich zu ihm hinab und küsste ihn.

Janns Lider drifteten zu; er reckte sich ihm entgegen und erwiderte den Kuss sehnsüchtig. Vergessen war die Kälte, der noch immer fallende Schnee, der sich auf ihren Jacken sammelte, vergessen die Passanten. Es war traumhaft, nun endlich das zu tun, was er sich so lange nur erträumt hatte. Soeren mochte unglaublich schüchtern sein, aber küssen konnte er wie ein junger Gott. Nur der dicke Wams und der Mantel zwischen ihnen störten. Trotzdem konnte Jann sich nicht von ihm lösen, er legte den Kopf leicht schief und öffnete den Mund. Als Soerens Zunge sacht über seine Lippen strich und dann seiner eigenen entgegen kam, seufzte er auf.

Er hatte keine Ahnung, wie lange sie so dort standen und sich wie Teenager küssten. Einfach so, mitten auf der Straße. Erst, als Jann die Kälte wieder unangenehm in die Füße und bis zu den Knöcheln hochkroch, gelang es ihm, sich von seinem Freund zu lösen.

"Eigentlich finde ich Paare, die sich in der Öffentlichkeit verschlingen, ziemlich schrecklich." Atemlos lachte er und ließ die Stirn gegen Soerens Schulter sinken.

"Ich auch." Soerens heisere Stimme schickte heiße Schauer durch ihn hindurch. Jann konnte ihm anhören, dass er ebenfalls grinste. Ein dunkles Glucksen lag in seinem Ton, das Jann noch kribbeliger machte. Ohne ihn loszulassen, atmete Soeren einmal tief durch. "Es gäbe eine Lösung dafür. Du könntest den Liebesapfel bereits heute schon abholen."

Jann hob den Kopf und wurde von einem Lächeln überrascht, das ihm die Gedanken verwirbelte. Er erwiderte es breit, das Glück sprudelte nur so durch ihn hindurch. Noch einmal reckte er sich zu Soeren empor, um ihn auf einen von diesen entzückenden Mundwinkeln zu küssen. "Dann zeig mir den Weg, mein Nachtwächter."

Auch Soeren lachte, und es war der wundervollste Laut.


Kommentare, Kritiken, Lob?
 
© Pandorah
Ende