Buch II: Der Weg der Rache

1. Unerklärte Erwartungen

Dein Blick mag zurückfallen, doch der Weg strebt stets voran.

Aus: "Die Wege der Vier" von Ishwar, Sohn des Kavi


Als die Schwertbrüder endlich beim heimatlichen Gut ankamen, hatte Andraj das Gefühl, es wären Wochen vergangen, seit sie zum Palast aufgebrochen waren. Der Morgen schien so weit entfernt und damit die Zeit, in der seine einzigen Probleme Yashs Werben und seine Rache gewesen waren. Er war müde im Herzen; und sein Kopf war immer noch damit beschäftigt, die einzelnen Ereignisse auseinander zu sortieren – die Begegnung mit Prinzessin Dharabai, der Streit und Yashs Verletzung im Kreis.

Yash verließ vor ihm die Droschke und entlohnte den Kutscher, während Andraj ebenfalls ausstieg. Als sie die Eingangshalle erreichten, blieb Yash stehen. "Ich brauche Zeit für mich, um nachzudenken. Es tut mir leid, was im Palast geschehen ist, aber meine Gedanken und Gefühle sind derart wirr, dass ich sie dir nicht erklären kann. Findest du dich mittlerweile allein hier zurecht?"

"Sicher", versuchte Andraj einigermaßen optimistisch herauszubekommen und sah zu, wie Yash sich abwandte und dann durch eine der Türen verschwand.

Allein wanderte Andraj durch das gewaltige Haus, dabei wusste er nicht so genau, was er tun sollte. Er entschloss sich, in sein Gästezimmer zu gehen und ein neues Hemd anzuziehen. Es war das einzige, das er nun noch hatte,geflickt und alt, ihm an den Armen zu kurz. Dazu war die eigentlich dunkelblaue Farbe total verwaschen, aber Andraj zog es dennoch an.

So konnte er nicht im Palast auftreten, stellte er nach einem Blick in den Spiegel fest. Was hatte er dort auch verloren?

 

Ursprünglich hatte Yash vorgehabt, sich in seinem Zimmer zu vergraben. Aber er hatte es noch nicht richtig betreten, als er schon wusste, dass es ihm zu eng war. Rasch kleidete er sich um und verließ den Raum dann auch schon wieder. Ohne Umwege ging er in die Ställe und ließ sich seinen Braunen satteln, um in gestrecktem Galopp bis zum See zu reiten.

Noch bevor das Pferd zum Stehen kam, zerrte er sich bereits das Hemd vom Körper. Kaum war er aus dem Sattel, folgte der Rest seiner Kleidung; das Schwert legte er sorgsam auf den Haufen aus Stoff, ehe er ins Wasser sprang. Erst, als er sich den Frust aus den Gliedern geschwommen hatte und sich im warmen Gras trocknen ließ, wurden seine Gedanken klarer.

'Was für ein fürchterliches Hoch und Tief heute! Und dann diese Eifersucht! Verdammt.' Die Prinzessin war schon seit Jahren versprochen, die Stellung als offizieller Gemahl war damit jedem Mann verwehrt. Aber als Geliebter käme Andraj durchaus in Frage. Ein begabter, attraktiver Tänzer von altem Blut. 'Altes Blut, was hat sie damit gemeint? Er kommt aus keiner der Alten Familien.'

Wie verzückt Andraj den Blick der Prinzessin erwidert hatte, wie sprachlos er gewesen war, auf eine regelrecht verzauberte Art. Erneut spürte Yash den brennenden Stich der Eifersucht. Es war die Hilflosigkeit, die ihn so fühlen ließ. Wenn Andraj sich wirklich in eine Frau verliebte und sich mit ihr vermählen wollte, gab es nichts, was Yash dagegen tun konnte. Weil Andraj zwar begriffen hatte, dass sein Bruder ihn liebte, aber noch immer der Meinung war, dass diese Liebe nicht den Geboten Der Vier entsprach. 'Ich dachte, die Zeit arbeitet für mich. Dass er es irgendwann sehen wird. Aber das tut sie nicht. Je länger er braucht, umso wahrscheinlicher wird es, dass er eine nette Frau findet.'

 

Lange lag Yash da und starrte in den blauen Himmel. Er hatte Angst, ein Gefühl, das ihm nicht sonderlich vertraut war. Ob Andraj diese Furcht verstehen konnte, ihn an eine Frau zu verlieren? Ob er es ihm auf eine Weise erklären konnte, die es nicht zum Vorwurf werden ließ?

Schließlich kleidete er sich wieder an und ritt langsam zum Gutshof zurück. Er überließ das Pferd einem Stalljungen und ging direkt zu dem Gästezimmer. Energisch klopfte er an.

Andraj sah ein wenig skeptisch zur Tür, in seinen Händen Schwert und Schleifstein. Unwillig hatte er Yashs Blut von der Klinge gewischt und angefangen, die Schneide zu schärfen und zu begradigen. Niemals zuvor hatte er ein schlechtes Gewissen beim Schwertputzen gehabt.

Als es nun klopfte, konnte er fast die Präsenz seines Freundes durch die Tür hindurch spüren. Dennoch zögerte er einen Augenblick, dann legte er das Schwert beiseite und öffnete.

"Yash", begrüßte er ihn, leise und klar. Sein Bruder sah ungekämmt und ein wenig zerknittert aus, doch auf dem schmalen Gesicht leuchtete Entschlossenheit.

"Störe ich?", fragte Yash. Nach Andrajs Kopfschütteln folgte er seinem Bruder in das Zimmer, um die Tür hinter sich zu schließen. Sein Blick fiel auf das Schwert, das auf dem Tisch nahe dem Fenster lag. "Es tut mir leid, dass ich so unaufmerksam war. Mir ist bewusst geworden, wie schnell ich dich verlieren kann."

Mit einer Handbewegung deutete Andraj auf das Bett, und sie setzten sich nebeneinander. Ein fast wütender Unterton klang in Andrajs Stimme mit, als er dann fragte: "Musste dir das mitten im Tanz einfallen? Ich habe schon gedacht, ich schlage deinen Arm ab und beende dein Tänzerdasein. Vier und Eins, ich war kurz davor!" Er hielt inne und schüttelte das Bild von Yashs Verletzung ab. Als er sich ruhiger fühlte, konnte er ergründen, was sein Freund ihm sagen wollte. "Wie meinst du das? Du kannst mich verlieren? Wobei? Beim Duell mit dem Mörder meines Vaters?" Er hob die Hand in einer sich ergebenden Geste. "Ja, das kannst du."

Yash schüttelte den Kopf. "Nein, das war nicht, was ich meinte. Das ist mir bewusst, seit ich dich kenne. Es waren die Blicke, die du der Prinzessin zugeworfen hast. Diese Verzauberung in deinen Augen. Das ist es, wovor ich Angst habe. Dass ich dich an eine Frau verlieren kann."

Andraj starrte einen Augenblick lang Yash ungläubig an, dann begann er leise zu kichern, und schließlich lachte er, dass Tränen in seine Augen stiegen. Er riss sich zusammen und begann zu erklären.

"Ich war nicht verzaubert, ich war in ihrem Parfum gefangen. Ihre Augen waren sehr schön, das ist wahr. Aber als sie mich berühren wollte und ich von dir gehört habe, dass sie auch noch eine Prinzessin ist, da wusste ich nicht, was ich machen sollte. Es war mir ganz schön peinlich. Und wenn ich daran denke, dass wir zu dieser Einladung müssen, dann wird meine Schneide stumpf." Er lachte noch einmal, kurz und weniger ehrlich. "Wie kommst du darauf, dass eine Prinzessin sich mit einem Schwerttänzer, der einen entehrten Vater hat, einlassen würde? Gold habe ich keins, Land habe ich keins – alles, was ich besitze, ist hier. Sie würde sich niemals mit mir abgeben, Yash. Sie nicht und keine andere Frau, die etwas Ehre im Blut hat."

"Du bist ein attraktiver Mann und ein hervorragender Schwerttänzer. Du kannst eine große Karriere vor dir haben, wenn du nicht Sharvaars Ehre wegen stirbst. Und die Liebe hat sich noch nie um Ehre und ähnliches geschert." Andrajs Reaktion hatte Yash das Blut in die Wangen getrieben, er fühlte sich dumm. Dennoch erleichterte es ihn, dass sein Freund seine Befürchtungen für derart absurd hielt, dass er so darüber lachte. "Aber es ändert nicht viel, Andraj. Wenn du eine Frau findest, die du lieben kannst oder die du nur sehr gern hast... Ich habe Angst vor deinem strengen Glauben, der dir sagt, dass du besser mit ihr als mit mir zusammen sein solltest."

Schlaff ließ sich Andraj zu Boden sinken, kniete vor seinem Freund, stützte seine Hände auf Yashs Oberschenkel und blickte zu ihm hoch. "Ich habe mich vor Den Vier verdammt. Sie haben sich abgewandt, und ich habe mein Feuer verloren. Nicht einmal Ramesh kann ich um Hilfe bitten, wenn ich mich so schuldig gemacht habe, aber ich habe es dennoch getan. Ich tanze mit dir zwischen den Laken, Yash, und mit keinem anderen Menschen in ganz Gwalimea." Nachdenklich wurden seine Augen leer, und er ging in sich, bevor er sich erhob und Yash eine Hand reichte. "Komm, ich zeige dir etwas."

Verwundert ließ Yash sich mitziehen, bis Andraj ihn vor den Ankleidespiegel geführt hatte. "Sieh hin, was siehst du?"

Yash betrachtete das Bild, das sich ihm bot. Andraj trug ein zerschlissenes Hemd, das nicht wirklich passte und ihn dunkel daran erinnerte, dass sie vor der Einladung der Prinzessin dringend andere Kleidung für ihn besorgen mussten. Er selber war unordentlich gekleidet, da durch den Ritt die ohnehin nur nachlässig geschlungene Schärpe verrutscht war. Seine nassen, unordentlichen Haare waren noch nicht einmal wie sonst in einem Zopf zusammengefasst. "Uns."

"Ja, du siehst, was alle sehen, wenn sie hinschauen. Was du nicht sehen kannst, macht uns besonders. Wir sind Freunde, verbunden. Wir treiben es miteinander. Wir streiten und wir versuchen, den Weg des Tanzes gemeinsam zu gehen." Leicht zupfte er an Yashs Ärmel. "Küss mich."

Yash kam sich weiterhin dumm vor und fragte sich, ob er wirklich Probleme sah, wo es keine gab. Nachdenklich betrachtete er sie erneut im Spiegel. Andraj hatte sich ihm zugewandt, sah ihn an, und er meinte, den violetten Schimmer in seinen Augen erkennen zu können. Sein Haar glänzte im Licht der schon tief stehenden Sonne in einem noch satteren Ton als gewöhnlich. 'Küss mich.' Langsam drehte er sich zu Andraj um und sah ihm direkt in die Augen. Sein Herz schlug schneller, und mit einem Mal schien es wirklich keine Fragen mehr zu geben. Sie gehörten zusammen, sie waren eins. Er hob die Hand an Andrajs Wange und küsste ihn zärtlich.

Auch wenn der Kuss verlockend war, trennte Andraj ihre Lippen nach kurzer Zeit und forderte: "Sieh wieder hin!"

Im Spiegel standen immer noch die beiden jungen Schwerttänzer. Yashs Augen waren ein wenig dunkler, Andrajs Lippen röter, aber sonst war ihr Spiegelbild gleich. "Das sind wir, Feuer und Wasser – Bruder und Bruder. Egal, wo ich bin, egal mit wem, eins ist für den Rest meines Lebens wahr: Unsere Seelen sind zusammen, Yash."

'Ja', dachte Yash und betrachtete ihre Reflektionen. 'Das habe ich auch nie bezweifelt. Aber ich will alles. Ich will dich berühren dürfen, küssen, mit dir schlafen, ohne Schuldgefühl, ohne Reue. Und vor allem will ich deine Liebe. Bin ich zu unverschämt? Warum ist mir der Schwertschwur nicht genug? Warum wäre mir eine Liebesbeziehung mit dir nicht genug? Warum muss ich alles wollen?'

Anscheinend verstand Yash nicht, was Andraj meinte, wie sehr er daran glaubte, dass es wichtiger als Liebe war, zusammen zu gehören, zu wissen, dass da jemand war. Nicht allein zu sein. Aber Yash kannte die spitzen Klauen und gleichgültigen Straßen der Einsamkeit nicht, er hatte sie niemals kennengelernt.

"Das reicht dir nicht, oder?", fragte er zögernd. "Was fehlt dir noch?"

"Es tut mir leid." Yashs Lippen fühlten sich spröde an, als wollten sie sich weigern, weiter darüber zu sprechen. "Ich wünschte, es wäre mir genug. Um dir zu genügen, um selber zur Ruhe zu kommen."

Und er wünschte sich, er hätte es nicht angesprochen. Vielleicht war es wahr, was Andraj immer wieder behauptete. Zwischen Feuer und Wasser konnte es kein wirkliches Verständnis geben. So nah, wie sie beieinander standen, so fern fühlte er sich ihm doch. Und das tat weh. 'Ich wünschte wirklich, es würde reichen. Du wärst glücklicher, und ich... wäre es vielleicht auch. Wenn auch leerer. Viel leerer.'

"Du hast alles, was ich geben kann." Andraj trennte sich von Yash und holte sein Schwert vom Tisch, betrachtete kurz den schimmernden Feueropal, der in den Knauf eingelassen war, dann steckte er es mit einer eleganten Bewegung zurück in die Scheide. Routine war gut und gab ihm Halt. In ihm kämpften Wut und der Wunsch miteinander, einfach nur Yash zuzustimmen, aber der Unmut gewann langsam, weil wütend sein das war, was seinem eigenen Feuer ähnelte.

"Was ist, wenn ich mich nicht ändere, sogar wenn ich den Kampf überlebe? Was ist, wenn ich niemals werde, wie du es willst? Ich lebte noch, wäre aber weiter melancholisch, abweisend und ohne Ambitionen. Lebte nur von Tag zu Tag. Was ist dann?" Wut flammte hoch, und er kämpfte mit der Hitze und der Scham, seinem besten Freund und Liebhaber all das gesagt zu haben. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, bis sich die Fingernägel schmerzhaft in sein Fleisch schnitten, aber seine Augen funkelten Yash an. "Du sagst, du liebst mich, aber ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich ich bin, den du liebst, oder nur das Wunschbild, das du von mir gemacht hast." Er erschlaffte, senkte den Kopf und atmete tief durch. "Verzeih mir, ich war nicht gerecht."

Yash schüttelte den Kopf und sagte leise: "Warum ist es so schwierig, mich dir zu erklären? Ich fürchte mich davor, den sturen, melancholischen, abweisenden Trotzkopf zu verlieren, Andraj. Ich will nicht, dass du ständig lächelst und ausschließlich perfekte Tänze tanzt. Aber ich will, dass du lachen kannst, wenn dir danach ist. Dass du weißt, dass ich da bin. Dass ich dich liebe. Aber eben auch umgekehrt."

"Worte blockieren uns nur, anscheinend sprechen wir nicht dieselbe Sprache. Wir tanzen im Kreis, aber keiner wagt es, sich zu ergeben. Vielleicht entsteht der Reiz genau dadurch?" Andraj nahm sein Schwert wieder ab und stellte es auf den Boden, lockerte die Schärpe an seiner Hüfte; die rote Seide glitt zu Boden. Er streifte das alte, zerschlissene Hemd ab und ebenso seine Hose. Nackt ging er zu Yash, strich ihm zart über das zerzauste Haar. "Zeig mir, was du meinst."

Yash fragte sich, wie er sich ergeben konnte, ohne Andraj zu verlieren. Doch er fürchtete sich vor neuen Worten, die zu neuen Missverständnissen führen würden. Vielleicht war es tatsächlich so, dass sie sich nur wortlos verstanden. Wortlos zeigte Andraj ihm, dass er ihn liebte. Wortlos sollte er vielleicht auch antworten. Er umfing das schöne, ernste Gesicht mit beiden Händen und küsste die weichen Lippen, ehe er sich wieder von ihm löste und sein Schwert neben Andrajs stellte. Dann zog er sich rasch aus, um ihm auf gleicher Ebene begegnen zu können.

Schon ihre nächsten Küsse zeigten, was zwischen ihnen war: Hitze, Leidenschaft und Begehren. Andrajs Hände fanden selbstsicher ihren Weg über Yashs kupferschimmernde Haut, krallten sich in die Rückenmuskeln, als sein Geliebter berauscht jeden Zentimeter seines Körpers verschlang. Sie fielen aufs Bett, rollten herum, achteten nicht auf die Umwelt oder ob sie diese durch ihre Laute und kleinen Schreie störten. Sie teilten Feuer und Wasser miteinander, machten daraus eine Lustflut, die sie verbrannte.

Als sich Yash schließlich erschöpft an seinen Geliebten schmiegte, fühlte er sich wesentlich besser. Die wohlige Zufriedenheit, die ihn erfüllte, ließ ihn darüber nachdenken, dass die wortlose Sprache wirklich die beste war. Dann hörte er wieder auf zu grübeln, weil es einfach schön war, den kräftigen Körper bei sich zu spüren, dem noch immer heftigen Atem und dem rasch klopfenden Herz zu lauschen. Er lächelte ohne aufzusehen gegen die weiche Haut. "Du hast Recht, Andraj. Wie so oft."

"Stimmt gar nicht. Diesmal hatte ich Glück." Nach einem kleinen Kuss auf Yashs Haare setzte sich Andraj auf. "Ich gehe ins Bad, und danach muss ich noch jemanden finden, der mich über Hofetikette aufklärt. Bei Den Vier'n, dieses Treffen wird sicher eine Katastrophe."

Yash drehte sich auf den Rücken und sah zu seinem Freund auf, der verschwitzt umso attraktiver war. Es machte ihm Freude, ihn zu betrachten. "Wird es nicht. Wir werden dir vorher etwas Passendes zum Anziehen besorgen, und Mama kann dich lehren. Sie ist gut darin, etwas zu erklären. Sie ist sehr genau, vergisst nie die wichtigsten Punkte."

"Dann werde ich sie bitten, mich damit vertraut zu machen." Andraj schwang seine Beine aus dem Bett. Mit einem Lächeln dachte er daran, wie sehr Yash seine vorher streng auf das Tanzen ausgerichtete Lebensweise ruiniert hatte. Lustspiele am Tag, weniger Üben, viel gutes Essen und ein Leben im Luxus. 'Was mache ich mir vor? Ich bin schon lange nicht mehr der Schwerttänzer, der ich sein wollte.' Er schenkte Yash ein schiefes Grinsen. "Was ist, kommst du mit ins Bad?"

Yash streckte sich ausgiebig, dann nickte er mit einem Lächeln. "Sicher. Ich bin irgendwie... ein wenig verschwitzt." Andraj zuzwinkernd stand er auf, um wieder in seine Hose zu schlüpfen und sich das Hemd lose überzuwerfen.

Gemeinsam gingen sie ins Bad und sprangen nur kurz in eines der Becken, um sich abzuspülen, bevor sie sich wieder ankleideten. Diener hatten ihnen frische Sachen gebracht, und da sie in Andrajs Schrank nicht fündig geworden waren, hatten sie sich an der Garderobe seines Schwertbruders bedient.

Mit einem resignierten Blick schlüpfte Andraj in Yashs Sachen. An den Schultern war er breiter als sein Liebhaber und dort spannte der Stoff ein wenig, aber seine Beine und Arme waren etwas kürzer, und er fühlte sich, als wäre er geschrumpft. Zudem waren die Hose in einem leuchtenden Goldgelb, das Hemd Orange und die Schärpe dazu in einem Weinrot. Er kam sich seltsam papageienhaft vor. Schnell dachte er an etwas anderes.

"Beinahe, als wäre ich wieder ein Junge – Etikette und Schwerttanz lernen. Mama hätte mir sicher mehr Umgangsformen beigebracht, wenn ich hätte bei ihr bleiben können. Ich erinnere mich, dass sie immer wollte, dass ich die Tänze lerne, die ohne Schwert getanzt werden. Damals habe ich mich gesträubt."

Schmunzelnd stellte Yash fest: "Und du tust es noch immer."

"Aber jetzt kann ich nicht mehr entkommen", brummte Andraj und ließ die Schultern kreisen, um mit der Kleidung einigermaßen zu einem Kompromiss zu finden.

Für Yash war klar, dass die Etikette nicht das einzige war, dem Andraj entkommen wollte. Die Körperhaltung seines Schwertbruders betrachtend, die geradezu herausschrie, wie eingeengt er sich fühlte, grinste er. "Ich schicke einen Boten zum Schneider."

"Besser ist es. Ich kann in diesem Hemd kaum ausholen."

 

Sie verließen das Bad und gingen ins Kaminzimmer, um die Wartezeit bis zu Yovans Rückkehr mit einer Partie Madri zu verkürzen.

Bald erschien ein Diener, um ihnen mitzuteilen, dass der Gutsherr bereits im Innenhof auf sie wartete. In Andrajs Magen kribbelte es, als sie ins Freie traten. Yovan hatte ein verschmitztes Grinsen auf dem Gesicht, das Andraj verdutzt einhalten ließ.

"Ist etwas geschehen?"

Yovan lachte leise. "Gerüchte. Du bist gleich bei deinem ersten Besuch im Palast der Prinzessin begegnet und hast sofort ihre Aufmerksamkeit erlangt. Das ist ein größerer Erfolg, als die meisten haben, die es darauf anlegen."

Andraj wurde rot. "Ich wollte das alles nicht, ehrlich", protestierte er verschämt, doch Yovan lachte nur. Auch Andraj kicherte leise mit. "Mir wäre es lieber gewesen, hätte ich die Bekanntschaft der Prinzessin nicht gemacht."

"Das glaube ich dir." Yovan nickte amüsiert. Andrajs Scham wäre wohl noch um einiges größer, hätte er die wahre Natur der Gerüchte gekannt. Der Hofstaat munkelte bereits vom heimlichen Liebhaber und von romantischen Treffen in Privatzimmern im Inneren Palast. Yovan kannte dieses Phänomen. Jede Begegnung der Prinzessin mit einem attraktiven Mann wurde zu einer leidenschaftlichen Liebe aufgebauscht.

"Sollen wir beginnen?" Den trivialen Zeitvertreib gelangweilter Höflinge beiseite schiebend wies er auf den Kreis, um ihn vor seinem neuen Schüler zu betreten. 'Welch Ironie, dass ausgerechnet ich ihm dabei helfe, besser zu tanzen.'

Andraj ging nach einem Gruß in die Grundstellung und wartete auf die ersten Angriffe, dabei konzentrierte er sich nur auf seine Klinge, nicht auf seinen Arm. Seine Kraft sollte in das Schwert fließen, er wollte eins mit seiner Waffe werden.

Yovans Angriffe kamen in der Manier der Lehrer des Tanzes. Angriff frontal, von oben und von unten. Sie waren alle leicht abzuwehren, aber Andraj hatte nicht das Gefühl, dass er und sein Schwert wirklich Partner waren. Es waren die drei grundlegenden Abwehrtechniken, die jeder Schüler als erstes lernte, sie waren Andraj schon lange in Fleisch und Blut übergegangen.

Nach dem spielerischen Aufwärmen ging Yovan dazu über, kompliziertere Schläge auszuprobieren, bei denen er antäuschte und mehr Kraft einsetzte. Andraj wehrte auch diese relativ behände ab. Yovan griff mit vielen kleinen, schnellen Schlägen an, die schwer genug waren, um weniger erfahrene Tänzer zum Aufgeben zu bringen.

Andraj merkte, wie das Hemd über seinen Schultern spannte, wie seine Handgelenke den Druck der Schläge abfingen, aber ansonsten war er wie in einem Traumzustand. Er bewegte sich fast schwerelos.

Yovan testete Andraj aus, versuchte, wie weit er gehen konnte, was der Junge wusste und wo er Mängel hatte. Alle Grundkenntnisse waren solide, Andraj schien sie im Schlaf zu beherrschen. Auch ausgefallenere Manöver parierte er spielend. Die fehlende Geschwindigkeit glich er durch ein sicheres Gespür und zum Teil simple Kraft aus, was durchaus wirkungsvoll in dieser Kombination war.

In einer Hinsicht war Andraj jedoch ein vollkommen ungeschliffenes Schwert. Alle Tanzfertigkeiten, die nicht in den Ujesh-Rollen standen, waren ihm fremd. Schon seit den ersten Aufzeichnungen der Tanzregeln existierte der Streit um die Ehrbarkeit mancher Schritt- und Schlagkombinationen. Die Meister, die den Auslegungen nach Ishwar folgten, lehrten auch die Techniken, die zwar erlaubt, aber nicht in den Ursprungsrollen erwähnt waren. Die Anhänger der Ujeshrollen hingegen sprachen ihnen die Ehrhaftigkeit ab und praktizierten sie niemals. In Yovans Augen war diese Beschränkung auf die Tanzregeln nach Ujesh Andrajs größte Schwäche.

Yovan unterbrach den Tanz, indem er einen Schritt zurücktrat, die Klinge mit der linken Hand umfasste und sie vor die Brust hob. Als Andraj der Geste folgte, zählte er ihm auf, was er festgestellt hatte und erklärte dann: "Für einen Kampf auf Leben und Tod bist du nicht bereit. Jeder Tänzer, der Ujesh nicht als einzige Richtung ehrt und der dir halbwegs ebenbürtig ist, wird in einem solchen Kampf siegen. Kannst du Abweichungen von diesen Regeln akzeptieren? Dich Ishwar zuwenden und vielleicht sogar darüber hinausgehen?"

Andraj nickte, aber schluckte auch. Er konnte sterben, das war ihm jederzeit bewusst gewesen. Dennoch wollte er niemals auf die Genugtuung verzichten, seine Klinge mit der des Mörders von Sharvaar zu messen. Sogar die Vorschriften des Tanzes war er bereit zu brechen, wenn er bloß eine Aussicht auf den Sieg hatte.

Ernst musterte Yovan den jungen Mann. Die Zerrissenheit war ihm anzusehen, die der Konflikt zwischen dem Wunsch nach Rache und dem Brechen der in ihm verankerten Regeln mit sich brachte. Yovan fragte sich, ob Andraj diesen unbekannten Weg mit seinem Glauben und seinem Gewissen würde vereinbaren können. Dennoch war es unerlässlich für Andrajs Überleben, diese Beschränkungen hinter sich zu lassen. Und dabei war es Yovan vielleicht vergönnt, sich noch etwas Zeit zu erkaufen.

Zuerst zeigte er Andraj eine Folge von Schlägen, die nur leicht von den normalen Schrittfolgen abwich. Dann ließ er Andraj sie wiederholen. Ihn langsam an das Ungewohnte heranzuführen und nicht gleich alle Grenzen auf einmal sprengen zu wollen, war der Weg, der den größten Erfolg versprach.

Die Änderung war nicht schwerwiegend, und Andraj vollführte sie glatt. Yovan verbesserte ein paar Feinheiten, während er eindringlich erklärte, wie wichtig es war, dem Gegner niemals zu zeigen, was man plante. Nachdem Andraj die Technik zu seiner Zufriedenheit gemeistert hatte, zeigte er ihm eine Folge von Abwehrschlägen und Blockaden, die sein Schüler üben sollte.

"Vielen Dank, Yovan", sagte Andraj schließlich und verbeugte sich tief. Dieses Muster war er gewohnt. Üben und Gehorchen.

Ein Schwertmeister, der ihm Unterricht gab, war mit dem gebührenden Respekt zu behandeln. Sogar wenn es sein Vater gewesen wäre, hätte das nichts geändert. Schon als Sharvaar noch am Leben gewesen war, hatte er das Andraj gelehrt: Respektiere deinen Schwertmeister; glaube nie, du kennst alle seine Schritte, denn er könnte auch deinen Feind ausgebildet haben.

Yash hatte den Unterricht fasziniert verfolgt, unterschied er sich doch grundsätzlich von dem, den Choyen und er von seinem Vater erhielten. Dieses Mal war Yovan nur der Lehrmeister gewesen. Das Herumalbern, das sich bei ihnen oft einschlich, hatte gefehlt. Natürlich musste sich auch sein Vater erst an den neuen Sohn gewöhnen. Herausfinden, wie weit er bei Andraj gehen konnte, was dieser erwartete und was er brauchte. Er kannte Andraj eben nicht von Kindesbeinen an wie seine eigenen Kinder und die meisten ihrer Freunde.

Als sein Vater den Kreis verließ, sprang Yash auf, um seinen Platz einzunehmen. Er wollte nach dem konzentrierten Üben noch eine Runde locker mit Andraj tanzen. Es war anders als am Vortag, und Yash erinnerte sich mit Reue daran, dass er am Mittag so unaufmerksam gewesen war. Bestimmt hatte sein Bruder Angst, ihn zu verletzen.

Sie tanzten, als wären sie Fremde. Andraj hielt sich zu sehr zurück und Yash versuchte, ihn in die Offensive zu locken. Immer wieder tauchten vor Andrajs innerem Auge die Bilder von Yash auf, der sich den Arm hielt und zusammensackte.

Irgendwann hielt Andraj sein Schwert hoch, als Zeichen, dass er sich ergab. "Ich glaube, ich kann heute nicht mit dir tanzen, Yash. Zumindest nicht hier im Kreis."

Yash seufzte enttäuscht, aber widersprach nicht. Es war seine eigene Schuld. Jedoch musste er schmunzeln, als ihm auffiel, dass Andraj ausdrücklich den Tanz im Kreis betont hatte.

 

Zusammen betraten sie das Haus, und Yash steuerte sie in die Küche, um etwas zu trinken zu holen und vielleicht ein Stück frischen Kuchens zu klauen. Außerdem wollte Andraj ja immer noch Hina um Unterricht in Umgangsformen bitten und die Küche war der Ort, wo er sie bis jetzt fast immer angetroffen hatte. Tatsächlich war Hina dort und redete gerade mit Choyen.

Überrascht fiel Yash auf, dass er in den Tagen, die er nun wieder zu Hause war, noch nicht einmal mit seinem kleinen Bruder getanzt hatte. Während er seine Mutter von hinten umarmte und Choyen zugrinste, nahm er sich fest vor, das am nächsten Tag zu ändern.

"Mama? Hast du ein winziges bisschen Zeit für deinen Ältesten und seinen Schwertbruder?"

Hina lachte. "Wenn du schon so anfängst, dann hast du sicher eine Bitte an mich, habe ich Recht?" Yash nickte grinsend, und sie drehte sich zu ihm. "Also, was kann ich für euch beide tun?"

"Hm, ich weiß nicht, ob Vater es schon erwähnt hat, aber wir sind heute Prinzessin Dharabai begegnet. Sie war so von Andraj angetan, dass sie uns eingeladen hat. Ich kann mich zwar benehmen, dafür hast du gesorgt", Yash zwinkerte seiner Mutter zu, "aber ich fürchte, ich würde beim Erklären die Hälfte vergessen. Magst du nicht Andraj Unterricht in Etikette geben?"

Hina blickte den eher schüchtern wirkenden jungen Mann mit den kastanienroten Haaren an. Sie konnte ihrem Sohn keine Bitte abschlagen, wenn er sie mit solchem Charme vortrug, das war ihr bewusst.

"Sicher mache ich es." Sie wandte sich an Andraj, der ein wenig wirkte, als ob er im Boden versinken wollte. "Aber wenn ihr bei der Prinzessin eingeladen seid, dann kann ich euch nicht so gehen lassen. Eure Haare müssen gerichtet werden, und die Kleidung muss angemessen sein. Andraj, wenn du Zeit hast, kann ich dir morgen nach dem Frühstück die ersten Lektionen erteilen. Nach dem Mittag wird der Schneider kommen, wenn ich ihm heute einen Boten schicke. Also werdet ihr erst abends wieder Zeit für Eure Schwerter haben." Auch wenn sie lächelte, war jedem der drei Männer klar, dass es sich um Befehle handelte.

Choyen grinste und flüsterte Yash laut genug zu, dass Hina es hören musste: "Bin ich froh, dass ich nicht zur Prinzessin muss. Viel Spaß mit Mamas tyrannischer Ader."

Lachend flüchtete er aus der Küche, während Yash erfolglos versuchte, seiner Mutter zu erklären, dass er genügend und auch passende Kleidung besaß. Ebenso versagte der Plan, sich mit Kuchen einzudecken. Sie wurden mit Obst und dem Verweis auf das bald folgende Abendessen in den Garten geschickt.

Als sie die Küchentür hinter sich schlossen, erklärte Yash schmunzelnd: "Heute hast du gesehen, wer in dieser Familie eigentlich das Schwert führt. Glaube nicht, dass sich jemand ihr widersetzen kann, wenn sie ihren Willen auf irgendetwas ausgerichtet hat. Auch Vater nicht – erst recht nicht Vater."

Andraj lachte leise. "Dabei sieht sie so anmutig und ungefährlich aus. Man sollte sein Gegenüber eben tatsächlich niemals unterschätzen, auch nicht, wenn es eine Frau ist."

Zusammen setzten sie sich draußen auf eine der Bänke, die unter den dichtbelaubten Bäumen standen, und aßen Mangos und Melone. Die Sonne war schon dabei, sich orange zu verfärben und die Erde duftete nach Sommer. Alles war friedlich, so dass Andraj schließlich seufzte. "Das war vielleicht ein Tag..."

Yash nickte und nahm noch eine Traube vom Teller. "Ein einziges Auf und Ab. Über Langeweile kann ich mich wirklich nicht beklagen, seit du hier bist." Er stieß seinen Geliebten in die Seite, dann beugte er sich zu ihm und küsste ihn auf die Wange. "Und alles in allem bin ich eigentlich recht zufrieden damit."

"Hmm... Zweifel, eine Verletzung und tausend Missverständnisse und du bist zufrieden? Du erstaunst mich immer wieder." Andraj streckte sich und gähnte. "Ich bin vor allem müde. Der Tag morgen wird sicher auch wieder anstrengend." Er hielt ein. "Klinge und Kreis, ich habe kein Geld für einen Schneider!"

Yash zuckte nur mit den Schultern. "Er wird für mich ebenfalls neue Kleidung machen. Mama wird alles zusammen bezahlen. Und vielleicht hast du Glück. Die Prinzessin hat uns zwar eingeladen – oder eher dich – aber bevor keine schriftliche Bestätigung kommt, sind diese Worte nicht viel wert. Zudem wird sie erst noch die Erlaubnis ihres Vaters einholen müssen, und wenn wir ihm zu unwichtig erscheinen, kann sie nichts dagegen tun."

"Oh..." Andraj lachte. Innerlich war er erleichtert, dass es vielleicht niemals ein offizielles Treffen mit der Prinzessin geben würde. "Mir ist das alles so... fremd. Schneider, die ins Haus kommen, ein Barbier und höfische Umgangsformen. Ich wäre lieber einfach nur ein Tänzer, weißt du?" Er hob die Schultern. Dann lehnte er sich zurück und richtete seinen Blick auf den blassen Mond, der langsam sichtbar wurde.

Yash lehnte sich an seinen Freund. "Weißt du, man kann sich daran gewöhnen. Meistens ist es praktisch, Geld zu haben. Und meine Eltern sind eigentlich recht unkompliziert. In anderen Familien wird auch zu Hause auf strenge Einhaltung der Etikette geachtet. Da ist es üblich, Reisen nur per Kutsche zu unternehmen, und natürlich ausgerüstet mit dem nötigen Heer an Dienern, Bergen von Kochtöpfen und Stapeln von Seidenbettwäsche." Er lachte und zog zufrieden Andrajs Arm um sich. "Also sei gefälligst dankbar, dass du so einen pflegeleichten Schwertbruder abbekommen hast", neckte er.

Andraj verzog gequält sein Gesicht. "Dafür danke ich Den Vieren. Wie sollte das erst werden, wenn wir mit einer Horde Dienern unterwegs wären und nachts auf mit Seidenbettwäsche bezogenen Matten schlafen müssten?"

Ein Glockenschlag rief sie zum Essen.

Yash rührte sich noch einen Moment lang nicht, dann stand er auf, um Andraj auf die Beine zu ziehen. "Wahrscheinlich würdest du dich sehr schnell daran gewöhnen und die mitgeschleppten Federbetten vermissen, sobald du allein unterwegs wärst", grinste er.

"Noch ein Grund, es gar nicht so weit kommen zu lassen."

Nach dem Abendessen wünschten sie sich nur noch, ins Bett zu kommen. Der Tag war lang und anstrengend gewesen. Andraj rieb sich die erschöpften Augen, dabei ließ er sich von Yash an seinem Ärmel ziehen.

Sein Freund brachte sie beide in Yashs Zimmer und hielt erst vor dem Bett, wo Andraj die bunten Kleidungsstücke loswurde, ohne besonders verführerisch zu sein. Er wollte eigentlich nur schlafen und war froh, als Yash ihm ein Schlafhemd reichte. Erschöpft zog er es über und kippte ins Bett. Auch wenn seine Augen geschlossen waren, wartete er noch, dass Yash zu ihm kroch, dann nickte er einmal und schlief ein.


© by Nika & Pandorah