Buch II: Der Weg der Rache

2. Ein Zwist vor dem Darjah

Ein wohlgestalteter Schwertgriff darf dich nicht von dem Gift an der Klinge ablenken.

Nach Rishi, Sohn von Ravi


Hina machte ihre Drohung direkt am nächsten Tag wahr und begann mit Andraj den Unterricht in Etikette.

Yash nutzte diese Zeit, um endlich mit seinem kleinen Bruder zu tanzen. Er kannte Choyens Sehnsucht nach Anerkennung; als zweiter Sohn würde dieser das Gut nicht erben, weswegen er stets daran erinnert wurde, dass er besser als Yash sein musste, um sein eigenes Leben zu ertanzen. Freunde und Bekannte verglichen ihn mit dem Bruder, der bereits in so jungen Jahren Schwerttänzer geworden war. Daher lobte Yash ihn auch für die kleinen Fortschritte, die er in der kurzen Zeit seiner Turnierreise gemacht hatte. Choyen freute sich unbändig; diese Worte waren der ersehnte Lohn für all die Mühe.

Gegen Mittag kam dann der Schneider. Hina bestand darauf, dass nicht nur Andrajs Alltagsgarderobe aufgestockt wurde. Auch für den Fall, dass die Prinzessin ihre Einladung bestätigte, forderte sie ein angemessen festliches Gewand an.

Nachdem der Schneider wieder gegangen war, blieb Yash und Andraj noch genügend Zeit, um miteinander zu üben, ehe Yovan zurückkam und sie für seinen Unterricht einforderte.

Am nächsten Mittag kamen bereits die ersten Hemden und Hosen, was für Andraj mit seiner beschränkten Kleiderauswahl hilfreich war. Er musste sich nicht mehr in zu enge Kleidung zwängen oder sich für das schäbige Hemd schämen. Yash fragte sich, ob er sich nun dafür schämte, dass er nicht genug Geld hatte, um es selber zu bezahlen, aber da Andraj nichts erwähnte, ließ er das Thema lieber unangetastet.

Hina war sehr zufrieden mit Andrajs Fortschritten. Das einzige, was ihm überhaupt nicht lag, war es, Konversation zu machen und über Belangloses zu plaudern. Er war offen, ehrlich und kurz angebunden. Zum Glück würde Yash bei ihm sein, der sogar über die Farbe des Regens zwei Stunden ohne Pause reden konnte, wenn es sein musste.

Unerwartet, während die Schwertbrüder gerade im Hof übten, erschien ein Bote aus dem Palast am Tor. Da weder Yovan noch Hina anwesend waren, überbrachte ein Diener Yash die Nachricht, dass der Kurier im Empfangszimmer auf ihn wartete. Nachdem die beiden Schwerttänzer sich kurz erfrischt hatten, betraten sie den hellen Raum, wo dem Boten schon Tee und Gebäck serviert worden war. Der Mann war in die offizielle schwarze Uniform des Palastes gekleidet, die am Ärmel als Stickerei die Symbole des Darjahs trug.

Yash neigte zur Begrüßung den Kopf, als der Bote aufstand und sich vor ihnen verbeugte. Nachrichten aus dem Palast waren nichts Ungewöhnliches. Yash kannte viele der Kuriere mittlerweile persönlich, da er Yovan oft genug als Gastgeber in dessen Abwesenheit vertreten hatte. "Es ehrt uns, Kunde aus dem Kreise des Darjahs zu erhalten. Willkommen."

"Ich bin erfreut, dass Ihr mich selbst empfangt, ehrenhafter Yash. Ich wurde gesandt, um Euch und Eurem Schwertbruder eine Einladung zu überbringen. Könntet Ihr nach ihm schicken lassen?" Der Bote sah Yash erwartungsvoll an und ignorierte dabei vollkommen den fremdländisch aussehenden Mann an dessen Seite.

"Eine Einladung für uns?", fragte Andraj, dabei ahnte er schon Schlimmes.

Ungläubig sah der Bote zwischen Yash und Andraj hin und her. Schließlich blieb sein Blick an Yash hängen. "Jener Mann ist Euer Schwertbruder?"

Yashs Haltung versteifte sich. "Ja, das ist er. Euch stünde ein wenig mehr Beherrschung und Anstand gut zu Gesicht."

"Verzeiht mir." Verlegen und mit vor Scham geröteten Wangen blickte der Kurier zu Boden, bevor er sich wieder fasste und mit einer tiefen Verbeugung Yash einen schweren Brief mit dem Siegel des Darjahs überreichte. "Die ehrenwerten Schwertbrüder sind eingeladen zur Audienz des Darjahs, am Feuertag dieser Woche. Bitte begebt euch in das Audienzzimmer im Südflügel, pünktlich zur zweiten Ramesh-Stunde."

Da Andraj es gewohnt war, dass sein Aussehen zu Ablehnung und Gereiztheit führte, ignorierte er das Verhalten, bis er den Inhalt der Nachricht verstanden hatte. "Beim Darjah?" Seine Stimme klang gepresst, und so fühlte er sich auch. "Das ist eine... unverdiente Ehre."

Yash war noch immer über die Unhöflichkeit des Boten verärgert. "Wir danken für die Nachricht; mögen die Vier Brüder über den Darjah wachen. Möge Euer Rückweg schnell und sicher sein."

Es war ein höflicher Rauswurf, der den Mann hoffentlich zum Nachdenken bringen würde. Yash hatte nicht vor, solch ein Verhalten gegenüber seinem Schwertbruder auf dem Gut seines Vaters zu dulden.

Kaum hatte sich die Tür hinter dem Boten geschlossen, schlug Yashs Verärgerung in aufgeregte Freude um. "Der Darjah, Andraj! Es ist eine große Ehre, dass er uns empfängt! Mach nicht so ein Gesicht." Lachend umarmte er seinen Freund. "Du brauchst noch ein Gewand für die Audienz; es ist genau vorgeschrieben, was man zu tragen hat, damit die Unterschiede zwischen den Begünstigten in den Hintergrund treten."

Der Boden unter Andrajs Füßen war auf einmal weich wie ein junger Käse. So ein Haufen hochwichtiger Schwertträger, dabei fühlte er sich ohnehin nicht wohl unter vielen Leuten. Das Blut wich ihm aus dem Gesicht, und er gab einen gequälten Laut von sich. "Muss... muss ich da unbedingt hin? Reicht es nicht, wenn du gehst?"

Yash lächelte. "Nein, tut es nicht. Der Bote hat deutlich gesagt, dass wir beide eingeladen sind. Damit kannst du dich nur entschuldigen lassen, wenn du mit einem Schwert im Bauch auf dem Sterbebett liegst. Andraj, sei dir doch dieser Ehre bewusst! Der Darjah hält uns für wichtig genug, dass wir eine Audienz gewährt bekommen!" Mit einem Seufzen sah er auf die bleichen Wangen seines Schwertbruders und versprach: "Ich werde, so gut es geht, für uns beide sprechen. Aber wenn er sich an dich wendet, kann ich es nicht."

"Wo bin ich da nur hineingeraten?", fragte sich Andraj laut. Er zog sich aus den Armen seines Freundes, fühlte sich nicht in der Lage dazu, Yashs Begeisterung zu teilen. Er begann im Kopf, schon einmal die höflichen Floskeln durchzugehen, die Hina ihm beigebracht hatte, dabei verließ er den Raum gedankenverloren. Wenn es Yash so viel bedeutete, dann sollte er sich besser anstrengen.

Hina war sehr überrascht, als Yash ihr von der Einladung erzählte. Vor allem bemerkte sie aber, dass ihr Sohn so klang, als ob nicht alles nach seinem Wunsch lief. "Diese Einladung ist natürlich eine große Ehre. Doch an deiner Nasenspitze sehe ich schon, dass irgendetwas nicht stimmt, oder?"

Yash schnitt theatralisch eine Grimasse und fragte sich, wieso seine Mutter ihm eigentlich alles ansehen musste. Sie war darin sogar noch besser als sein Vater, und das hieß eine ganze Menge. "Ich bin glücklich über die Audienz, aber... Andraj ist es nicht." Er sah ein wenig bedrückt zu seinem dem Hof so abgeneigten Schwertbruder hin.

Hina nickte langsam, bevor sie Yash aufmunternd anlächelte. "Als ich das erste Mal zu einem Treffen mit dem Darjah musste, war ich auch nervös und wäre am liebsten zu Hause geblieben. Andraj hat mir gesagt, er mag es nicht, wenn er mit vielen Menschen, die er nicht kennt, in einem Raum sein muss. Du bist so anders aufgewachsen als er, für dich ist das alles keine Herausforderung." Sie lachte zart, dann drückte sie kurz die Hand ihres Sohnes. "Aber er ist eine."

Yash seufzte leise, dann erwiderte er das Lächeln. "Ja, das ist er. Aber eine, die es wert ist. Ich liebe ihn, Mama. Mehr, als ich jemals zuvor geliebt habe."

"Wenn er es wert ist, dann vertrau Andraj und verlange nicht zu viel von ihm. Er tut sein Möglichstes und jeder Schritt fällt ihm schwer. Aber er versucht alles, nur um dich nicht zu enttäuschen. Dabei ist sein Herz furchtsam, weil er so viel verloren hat, was ihm unendlich kostbar war. Noch weiß er nicht, ob er es wagen kann, wieder mit Herz und Seele zu lieben. Zudem denkt er, dass er deine Erwartungen erfüllen muss. Aber wenn du ihn zu sehr bedrängst, kannst du nur verlieren, Yash." Obwohl ihre Stimme sanft war, schwang vielsagende Ernsthaftigkeit darin.

"Ich bestelle den Schneider für morgen noch einmal", erklärte sie nach einer kurzen Bedenkpause lauter, so dass Andraj es auch hören konnte und ließ die beiden allein.

'Vertrauen. Ich vertraue ihm doch.' Yash sah seiner Mutter hinterher, bis sich die Tür hinter ihr schloss. Dann glitt sein Blick zu Andraj zurück, der im Licht der Kristalllampe gemütlich in den weichen Sitzkissen saß und kritisch in einer religiösen, mit zahlreichen Bildern versehenen Schrift Ishwars las. 'Verlange ich wirklich zu viel von ihm?'

Er grübelte noch immer über die Worte seiner Mutter nach, als Yovan den Raum betrat. Sein Vater wirkte müde, aber dennoch umspielte ein Lächeln seine Lippen, verratend, dass Yovan bereits von der Einladung wusste. Das kam nicht unerwartet, denn da er das volle Vertrauen des Darjahs genoss, erhielt Yovan Informationen, die anderen nicht zur Verfügung standen.

Yash stand auf und kam ihm entgegen. Yovan umarmte ihn herzlich, dann nickte er Andraj freundlich zu.

"Ich bin stolz auf euch", sagte er, und man hörte es auch in seiner Stimme mitschwingen. "Nicht viele bekommen in so jungen Jahren eine Audienz gewährt."

Andraj nickte und lachte trocken. "Scheint so", gab er zu. "Allerdings habe ich nichts getan, um eine solche Ehre zu verdienen, ich habe nur die Aufmerksamkeit der Prinzessin erregt."

Yovan schüttelte den Kopf. "Nun, Andraj, wenn es allein um das Interesse der Prinzessin an einem Mann ginge, hätte er vielleicht seine Berater gefragt. Doch du bist nun Teil meiner Familie. Als Stellvertreter der Klinge repräsentiere ich den Darjah im Kreis, und auch du stehst somit nun im Blick der Öffentlichkeit."

"Klinge und Kreis!" Entgeistert starrte Andraj ihn an. "Im Blick der Öffentlichkeit?"

Einen Moment lang betrachtete Yovan den jungen Schwerttänzer und fragte sich zum wiederholten Mal, ob die beiden Grünschnäbel sich aller Konsequenzen ihres Bruderschwurs bewusst gewesen waren. Natürlich hatte er mit seinem Sohn schon lange vor dem Aufbruch nach Sankait darüber gesprochen, was ein solcher Schritt für die gesamte Familie eines Mannes bedeutete. Aber Yash hatte sich Andraj so sehr in den Kopf gesetzt, dass er keinen rationalen Gründen zugänglich gewesen war. Mit Erleichterung hatte Yovan nach einigen Erkundigungen herausgefunden, dass Sharvaars Sohn einerseits seine eigene Familie nicht entehrte und zudem das Talent seines Vaters geerbt zu haben schien.

"Natürlich. Du bist jetzt mein Sohn. Aber die Aufmerksamkeit wird sich nach der ersten Aufregung wieder legen. Keine Sorge, du wirst nicht ständig Einladungen in den Palast erhalten." Yovan gab ihm noch ein paar Einblicke, wie eine solche Audienz normalerweise ablief, um Andraj die Angst ein wenig zu nehmen. Dann verließ er seine Söhne, damit er seine Frau begrüßen und den Arbeitstag hinter sich lassen konnte.

Als Yovan die Tür hinter sich geschlossen hatte, ließ sich Andraj genervt auf die Kissen fallen und starrte an die Decke. "So ein Empfang beim Darjah ist ja förmlicher als jeder Zeremonientanz in den Tempeln."

"So ist der offizielle Tanz bei Hof. Es haben sich sogar Gruppen gebildet, die diese Regeln als zu locker empfinden. Sie wollen jede Begegnung, jedes Wort und jede Geste ob nun offiziell oder privat einem noch verstaubteren Protokoll unterwerfen."

Yash dachte an Gandaki, der ein radikaler Verfechter dieser Idee war, aber lenkte seine Aufmerksamkeit dann wieder auf seinen Freund. "Macht es dir Angst?"

Andraj hob die Schultern. "So schön der Palast auch ist, so fremd kommt er mir vor. Ich habe es nur Yovan und dir zu verdanken, dass der Darjah auf mich aufmerksam wurde, auch wenn ich das nie wollte. Ich bin nichts Besonderes, nicht mehr oder weniger als Mayur. Aber der hat keine Beziehungen zu einer Alten Familie, also wird er sicherlich auch niemals den Darjah treffen. Er hat keinen Schwertbruder wie dich, und ich... Was wäre ich ohne dich?"

"Du wärest noch immer Andraj, und du wärest nach wie vor ein sehr guter Schwerttänzer. Mich hätte er auch nicht vor sich befohlen, wenn wir keine Brüderschaft geschlossen hätten." Yash dachte nicht oft darüber nach, wie es wäre, wenn er keiner der Alten Familien angehören würde. Immer wieder jedoch klaffte der Standesunterschied zwischen ihnen, obwohl es nicht sein sollte. Ohne diesen wäre alles einfacher.

Andraj glaubte fest daran, dass Yash irgendwann auf jeden Fall vor den Darjah gerufen worden wäre, doch widersprach nicht. Er seufzte und wechselte das Thema. "Ich werde langsam müde. Wollen wir ins Bett?"

Yash nickte ein wenig unzufrieden, auch wenn er gerne weiter über die Vorteile dieser Einladung diskutiert hätte. Seine Mutter hatte von Geduld gesprochen, aber bei all den Dingen, die seine Eltern ihm bei seiner Geburt mit auf den Weg gegeben hatten, schien gerade diese ziemlich kurz gekommen zu sein. Beinahe konnte er seinen Vater lächeln sehen. 'Sie kommt mit der Zeit von ganz allein, mein Sohn.' Er seufzte. Doch bis dahin musste er mit der auskommen, die er hatte.

 

Seitdem Andraj mit den Lektionen in Etikette und Konversation angefangen hatte, waren die Nächte in Yashs Bett sehr ruhig geblieben. Der Gedanke an die einflussreichen und wohlhabenden Leute, denen Andraj im Palast begegnen würde, vertrieb ihm jeden Gedanken an Yashs Lippen oder den Hunger nach einem Liebesspiel. Er fühlte sich so angespannt und untauglich, dass er nur daran arbeitete, Yash und seine Familie bloß nicht in Verlegenheit zu bringen. Während Yash schlief, lag er wach so auch in dieser Nacht.

Leise stand er auf und ging in das Kaminzimmer, um im Licht einer Kristalllampe Papier zum Zeichnen auszubreiten, auf dem er mit Graphit seine Gedanken schweifen ließ. Zuerst entstanden leere Formen, bis er darin den von Rhododendron-Büschen gesäumten Weg zum See erkennen konnte.

Mit einem Lächeln legte er die Zeichnung zur Seite. Als nächstes entstand unter seinen müden, aber nicht schlafwilligen Augen das Antlitz des Mannes, den er schlummernd zurückgelassen hatte. Yashs Gesicht wirkte ernst auf dieser Zeichnung, beinahe wütend. Die Augen schimmerten voller Unmut, um die Lippen spielte kein Lächeln.

Andraj biss sich auf die Unterlippe und legte die Graphitkreide weg. Immer kam alles zurück zu Yash. Er zog seine Beine zum Körper und umarmte die Knie, zwischen denen er sein Gesicht verbarg.

 

Am Feuertag war Andraj schon morgens beim Aufwachen nervös. Die letzten Tage hatten ihm nur bewusst gemacht, wie sehr er sich weit weg wünschte, auch wenn Hina ihm die ganze Zeit Mut zugesprochen hatte.

Als er im Bad stand, begann sein Magen Purzelbäume zu schlagen, und beim Frühstück wurde ihm fast schlecht, während Hina darauf bestand, dass auch Yash die Kleidung anzog, die der Schneider neu angefertigt hatte. Zum Glück konnten sie sich davor noch schnell in den Hof stehlen und Schwertübungen machen, die wenigstens etwas Balance in Andrajs Kopf brachten.

"Ich bin sehr nervös", gestand er, während er und Yash in perfekter Harmonie einen Ausfallschritt noch vorne machten.

"Musst du nicht sein. Du beherrschst die meisten Umgangsformen mittlerweile im Schlaf." Yash lächelte ermutigend, während sie die Bewegungen der morgendlichen Übungen ohne nachzudenken fließend vollzogen. Er war längst nicht so ruhig, wie er sich gab, denn immerhin handelte es sich um eine Audienz beim Darjah. Auch er spürte ein aufgeregtes, ängstliches Flimmern im Bauch. Aber er wollte Andraj nicht noch mehr beunruhigen. "Und im Zweifelsfall bin ich ja da."

Dennoch war für Andraj der Gedanke an all die feinen Leute und das ganze steife Getue angsteinflößend. Und als der Barbier kam, um seine Haare zu zähmen, schlug sein Herz heftig in seiner Brust, und er hatte schweißfeuchte Hände. Anschließend kam der Schneider und brachte die Audienzkleidung.

Andraj musste lange ruhig stehen, während alles noch einmal begutachtet wurde. Yash war nirgendwo zu sehen, denn mittlerweile war er in den Händen des Barbiers. Schließlich trat Andraj frisch frisiert und angezogen vor seinen Freund.

Fast wie bei der Brüderschaftszeremonie im Tempel trug er eine schlichte graue Hose, darüber ein Hemd aus ebenso grauer Seide, das ihm fast bis zu den Knien ging. Der einzige Farbtupfen war die rotgold-changierende Schärpe, die seine Hüfte betonte und in der sein Schwert steckte. Als er Yash unbehaglich ansah, schien der Stoff auch die blauen Augen ergraut zu haben. "Was meinst du?"

Die formelle Kleidung machte Yash erst richtig bewusst, dass sie vor den Darjah geladen waren. Dennoch versuchte er für Andraj, seine eigene Unsicherheit nicht zu sehr durchscheinen zu lassen. Unbewusst rückte er das Schwert in seiner blaumelierten Schärpe zurecht, während er seinen Schwertbruder musterte und dann aufmunternd grinste.

"Du siehst aus, als wolltest du zu einer Audienz bei unserem Herrscher." Er wollte noch irgendetwas Lockeres hinzufügen, doch daraus wurde nur ein Seufzen. "Ich bin auch aufgeregt."

Andraj befeuchtete sich die Lippen und nickte dankbar. Nur wenig später bestiegen sie die wartende Kutsche. Während der Fahrt nestelte Andraj nervös an einer der Borten herum, bis er sich selbst dabei erwischte und zusammenriss.

'Vier und Eins, ich bin doch kein Junge mehr!', schimpfte er innerlich mit sich selbst. Also setzte er sich aufrecht hin und nahm Haltung an.

Diesmal erschien ihm Dvaraka wesentlich feindlicher und weniger faszinierend als bei seinem ersten Ausflug zum Palast, zeigte ihm die Stadt doch nur, dass sie dieser Audienz immer näher kamen. Eigentlich hatte er keine Angst mehr davor, er wollte nur noch, dass alles vorbei war. Mit einem Halblächeln sah er Yash an. "Wenn ich mich unmöglich benehme, erschlage mich bitte gleich."

Yash grinste. "Ehe ich dich erschlage, erschlage ich eher mich. Das solltest du spätestens seit unserem Schwur wissen. Vielleicht mache ich mich dann lieber zu einem Narren, um von dir abzulenken", schlug er vor und zwinkerte.

Andraj schnaubte und schüttelte den Kopf. "Glaubst du denn, ich könnte mit einem Narren als Bruder weiterleben?"

"Dass du aber auch immer so anspruchsvoll sein musst!" Yash lachte und merkte dabei, dass sich das Niveau seiner Scherze seiner Nervosität anpasste.

"Am besten tanzen wir ganz ruhig nach den Vorschriften und danach machen wir uns im Stillen zum Narren", sagte Andraj trocken.

Yash schnitt eine Grimasse. Während sie das von Wachen flankierte Haupttor passierten, wechselte er das Thema. "Jeder wird sehen, dass wir eine Audienz haben. Das ist man im Palast gewohnt, natürlich, aber es gibt dennoch neidische und bewundernde Blicke."

"Von mir aus tausche ich mit jedem die Kleidung, der es auch nur mit einem Blick andeutet." Andraj zwinkerte Yash zu, meinte es aber durchaus ernst. "Ist es denn gefährlich oder so? Sollte ich mich auf Angriffe vorbereiten?"

"Eher nicht." Yash lachte. "Ich wollte dich nur vorwarnen." Nicht, dass sein Schwertbruder die Aufmerksamkeit auf seine Fremdartigkeit bezog oder vermutete, dass er etwas falsch gemacht hatte.

Als sie wenig später ausstiegen, folgten ihnen dann auch tatsächlich einige Blicke.

Ein Palastdiener in schwarzer Livree empfing sie, um sie einen verschlungenen Weg zu geleiten, der sie durch einen der hinteren Innenhöfe führte. Diese hatte auch Yash bis jetzt nur wenige Male zu Gesicht bekommen, und selbst wenn er nicht offen starrte, so genoss er doch das exquisite Spiel aus Mosaiken in Grün und Gold, ziselierten Säulen, zierlichen Fenstergittern und seltenen Pflanzen.

Sie wurden in einen großen Raum mit zahlreichen Sitzkissen geleitet, in dem schon andere Männer auf ihre Audienz warteten. Sie alle trugen die offizielle Kleidung, ebenso grau wie Yash und Andraj, und nur die verschiedenen Schärpen brachten Farbtupfer. Als die beiden jungen Schwerttänzer eintraten, weilten die meisten Blicke zwar für ein paar Herzschläge auf ihnen, doch ebenso schnell erlosch das Interesse der anderen wieder. Beflissene Diener brachten Tee und Gebäck, sie wurden an einem Tisch platziert und eindringlich gebeten, genau dort zu verbleiben, bis sie hereingerufen würden.

Nachdem keiner mehr in direkter Hörweite war, wisperte Andraj: "Ich komme mir vor wie in der Akademie vor den Prüfungen. Da musste man auch immer warten, bis man aufgerufen wurde, allerdings war die Verpflegung schlechter."

Yash grinste und sah zu der großen, kunstvoll verzierten Wasseruhr in einer Zimmerecke hin, um abzuschätzen, wie viel Zeit sie noch hatten; dann begann er leise, Andraj die Anwesenden vorzustellen, die er kannte. Er erwartete nicht, dass sein Schwertbruder sich all die unbekannten Namen merkte, aber es lenkte sie ein wenig ab.

Die Zeit schien sich zu einer Ewigkeit zu dehnen, ehe sie an der Reihe waren, doch schließlich rief der Herold ihre Namen auf. Yash atmete einmal tief durch und schickte ein Stoßgebet an den Wasserbruder Lahiri, ehe er aufstand und mit Andraj zu der hohen Bogentür schritt. Sie wurden durch einen prachtvollen Gang geleitet, ehe sie das lichtdurchflutete Gemach betraten, in dem die Audienz gehalten wurde.

Kurz erhaschte Yash einen Blick auf den Darjah, der nach der Sitte der Vier Brüder von vier seiner Minister umgeben war, ehe sich die beiden Schwertbrüder mit der rechten Hand auf der Brust tief verneigten. Zu Yashs Leidwesen hatte er ausgerechnet Gandaki und Rajavel erkannt, aber einer der beiden anderen war ein Freund seines Vaters. Er richtete sich erst wieder auf, als es ihnen die tiefe Stimme des Herrschers gestattete.

Darjah Barhin war eine beeindruckende Erscheinung, gekleidet in kostbare, schwarze Seidengewänder und gekrönt von einem goldenen Turban. Seiner geschmeidigen, kräftigen Gestalt sah man an, dass er es sehr wohl verstand, ein Schwert zu führen. Doch aufgrund seiner Position an der Spitze des Reiches war ihm natürlich ein Kreistanz verwehrt, bei dem es um Leben und Tod ging.

Als Yash jedoch das dunkle Gesicht des Darjahs sah, musste er seinen Schreck verbergen. Sonst hatte er den Darjah immer nur aus der Ferne gesehen, doch aus der Nähe wirkte das Antlitz müde, grau und eingefallen, und unter die dunklen Augen hatten sich Ringe gelegt, die auch Puder nicht verbergen konnte.

Im Gegensatz dazu hielt Andraj seinen Blick geradeaus gerichtet, fühlte sich plötzlich seltsam ruhig, als ob er im Auge eines Orkans stünde. Die Düfte der Räucherstäbchen kitzelten in seiner Nase und die Stimme des Herolds klang in seinen Ohren.

"Eure ehrwürdige Hoheit, das hier sind Yash aus dem Hause Yovans und Andraj aus dem Hause Chetans. Schwertbrüder seit dem Turnier zu Sankait."

Auf dem Gesicht des mächtigsten Mannes in Gwalimea breitete sich allmählich ein geistesabwesendes Lächeln aus, fast, als wäre er betrunken. Das beunruhigte Andraj, also wagte er, sich kurz umzusehen, allein schon um festzustellen, ob das niemandem auffiel. Alle Umstehenden waren gelangweilt und geradezu versteinert von Besorgnis keine Spur.

Ein Mann allerdings schien an ihm und Yash interessiert. Das Gesicht war auf künstlich erzeugte Art attraktiv und die mit Kohle umrandeten Augen wirkten hellwach und intelligent. Um seinen breiten Mund spielte ein angedeutetes Lächeln, abfällig und kalt. Obwohl seine Figur nicht so aussah, als ob er häufig in den Kreis trat, bekam Andraj doch das Gefühl, dass er gefährlich war. Abgelenkt wurde Andraj von der Stimme des Darjahs.

"Willkommen, Schwertbrüder. Ich freue mich, euch begrüßen zu können. Es gibt nicht mehr viele dieser Tage, die den Schwur tun. Erst recht nicht in so jungen Jahren." Der Darjah winkte ihnen, näher zu kommen. "Außerdem habt ihr euch bereits in die Elite hochgetanzt, hat man mir berichtet."

"Ja, Eure Ehrwürdige Hoheit." Yash betete und hoffte, dass er so sicher wirkte, wie seine Stimme klang, auch wenn er nervöser war als in Sankait oder bei jedem anderen Turnier.

"Werdet ihr gleich in meine Truppen eintreten?" Der Herrscher griff nach einem schlichten, goldenen Weinbecher, trank jedoch nicht, sondern ließ dessen Fuß nur wie gedankenverloren auf der Tischplatte kreisen.

"Ich habe vorher noch eine Ehrenschuld zu tilgen", antwortete Andraj, beeindruckt von Yashs ruhiger Stimme. "Wenn es Die Vier erlauben, werde ich danach in Euren Truppen dienen."

"Das ist gut. Beides. Gwalimea braucht ehrenvolle Männer wie euch." Der Darjah lächelte und nahm nun doch einen Schluck. "Meine Tochter Dharabai will euch Ehre erweisen und euch einladen. Sie wird die Erlaubnis erhalten."

Yash war sich sicher, dass ihre Audienz nun beendet war, doch dann sah er, wie sich Gandakis Brauen düster über dem energischen Gesicht zusammenzogen. Und wenn Gandaki etwas nicht gefiel, dann sagte er es gerade heraus. Yash musste nicht warten.

"Hoheit, bei allem Respekt, aber ich denke, die Ehre dieser beiden Männer muss einer strengeren Prüfung unterzogen werden. Mir ist zu Ohren gekommen, dass sie nicht unbedingt nach den Geboten Der Vier leben und sie ehren."

"So, so", mischte sich Rajavel ein. "Nur weil Ihr die Tempel mit so hohen Spenden beschenkt, dass die Obersten Brüder Euch ergeben sind, meint Ihr, entscheiden zu dürfen, was Den Vier gefällt und was nicht? Ich sage Euch, nur Die Vier selbst könnten über die Ehrenhaftigkeit dieser zwei Schwerttänzer ein Urteil abgeben. Ich kann sie aber hier nirgendwo sehen." Er schenkte dem anderen Minister ein zierliches, aber gemeines Grinsen.

"Rajavel, Ihr vergreift Euch im Ton", erklärte Gandaki scharf. "Versucht nicht, Euer Schwert als das einzige zu handeln."

Rajavel wollte offensichtlich antworten, doch der Darjah hob nur die Hand. Es war eine kleine Geste mit durchschlagender Wirkung. Die beiden verstummten, verneigten sich und traten ein wenig zurück.

"Ich habe meine Entscheidung gefällt, und solcherlei gehört nicht vor zwei junge Tänzer." Ohne lauter geworden zu sein, hatte die Stimme des Darjahs an Kraft gewonnen und tadelte beide Minister zugleich.

Yash fühlte sich eingeschüchtert, als habe er mitgestritten, doch das Lächeln, das ihn und Andraj traf, war freundlich. "Ich bin mir sicher, dass ich nicht das letzte Mal von euch gehört habe, Schwerttänzer. Mögen Die Vier über euch wachen."

Andraj und Yash verneigten sich tief und erwiderten den Gruß, ehe sie von dem Herold hinausgeleitet wurden. Ein Diener empfing sie, der sie in ein kleines Räumchen führte, wo bereits heißer Tee auf sie wartete. Er verneigte sich und verschwand, und Yash erklärte ohne darüber nachzudenken: "Hier können wir uns von der Aufregung und der Ehre erholen, dem Darjah persönlich gegenüber gestanden zu haben. Und bei Den Vieren, das habe ich nötig!"

Andraj lachte kurz und schenkte Yash Tee aus der zarten, weißen Porzellankanne ein, die mit lindgrünen Teesymbolen geschmückt war. "Ich fand es weniger schlimm als erwartet. Im Grunde habe ich bedauert, dass der Darjah die beiden Minister unterbrochen hat. Es klang, als wären sie kurz davor, ihre Klingen zu entblößen."

Yash schnitt eine Grimasse und setzte sich auf ein kobaltblaues Kissen mit goldenen Stickereien. Er griff nach dem zierlichen Schälchen und trank einen Schluck, ehe er sagte: "Du weißt aber, auf was Gandaki angespielt hat, oder?" Es verwunderte ihn, dass ausgerechnet Andraj es so ruhig sah.

"Sicher. Er meinte damit, dass wir beide ein Bett teilen und das nicht aus Platznot. Das ist natürlich unangenehm, aber der andere schien doch genauso vehement Gandaki Paroli bieten zu wollen. Als der Darjah die Hand erhob und die beiden schwiegen, kamen sie mir vor wie unhöfliche Kinder. Ich denke, das heißt auch, dass alle wissen, was wir miteinander machen..." Andraj seufzte und die Ruhe verschwand aus ihm. "Ändern kann ich es nicht mehr."

"Nein." Yash trank erneut von dem Tee und erfreute sich an dem zarten Geschmack, natürlich auch dieser nur vom Edelsten. "Es ist kein Wissen, es sind Gerüchte, die bald wieder verrauchen sollten. Durch die Aufmerksamkeit, welche die Einladung der Prinzessin mit sich bringt, halten sie sich vielleicht etwas länger. Aber sehr bald werden sie durch etwas abgelöst, was aktueller ist. So ist das Leben bei Hofe."

"Hmhm", brummte Andraj unbestimmt. Nach wie vor konnte er diesem Leben nichts abgewinnen, wollte Yash aber auch nicht wieder reizen. Dann fiel ihm etwas ein, das er aufgrund des Streites der beiden Minister schon wieder vergessen hatte. "Oh nein, jetzt kann die Prinzessin uns zu diesem Essen einladen!" Endgültig geschlagen stützte er die Stirn in seine Handflächen und schüttelte den Kopf. "Die Vier sollen sie zu sich holen, den Palast am besten gleich mit."

Yash lachte auf, er konnte einfach nicht anders. Er stellte das Schälchen ab und stützte sich auf den Tisch. Aus dieser Bewegung beugte er sich nach vorne, um Andraj sacht ins Ohrläppchen zu beißen, ehe er sich wieder zurück auf sein Kissen sinken ließ.

"Auf diese Art verzweifelt bist du einfach unwiderstehlich, mein Feuerbruder", sagte er und lächelte. "Lass uns nach Hause gehen, hm?"

Andraj versteifte sich unter der intimen Berührung. "Ja, wir sollten zum Gut zurück." Als sie gemeinsam die Gänge entlang liefen, diesmal ohne Führung, weil alle wohl davon ausgingen, dass sie alleine wieder zum Ausgang fänden, bemerkte Andraj trocken: "Wenn du in aller Öffentlichkeit an deinem Bruder knabberst, werden die Gerüchte über unsere Beziehung schnell zu Tatsachenberichten."

Yash schnaubte lachend. "Alle Öffentlichkeit? Wir waren allein. Aber weißt du, wenn es Tatsachen werden, werden sie auch langweilig. Besonders, wenn uns diese Tatsachen nur ein Achselzucken entlocken." Leider war er sich durchaus im Klaren darüber, dass sein Freund noch sehr weit davon entfernt war. Dann blieb er stehen und grinste breit. "Andraj, wir haben den Darjah gesehen und wir leben noch. War das wirklich unsere ganze Nervosität wert?"

"Weiß nicht. Zumindest war es kurz, das hat es schon mal leichter gemacht." Andraj hob seine Schultern und runzelte die Stirn, schließlich grinste er ebenfalls. "Zudem kann ich mir nicht vorstellen, dass du nur mit den Achseln zuckst, Yash. Du sprudelst los, wie eine frisch gegrabene Quelle ruhig bleiben ist nicht deine Natur."

Yash hatte sich gerade wieder gefangen, als er erneut von Andraj zum Lachen gebracht wurde. Er hatte vorher nicht gemerkt, wie angespannt er wirklich gewesen war. Am Liebsten hätte er seinen Freund umarmt und ihn in einen leidenschaftlichen Kuss gezogen, der zu einem noch leidenschaftlicheren Tanz zwischen den Laken hätte führen sollen.

"Ich will tanzen", erklärte er mit glitzernden Augen, "um dir zu zeigen, was mein Wasser so alles machen möchte. Jetzt kann ich ganz bestimmt nicht ruhig bleiben. Aber irgendwann werde auch ich mein Wasser so zähmen können wie Vater - ein breiter, ruhiger Fluss, den nichts aus der Balance bringt."

"Tanzen? Jetzt und hier? Erinnerst du dich noch, was das letzte Mal passiert ist?" Andraj wurde von den sprühenden Augen in den Bann gezogen. Er hob die Hände in einer beruhigenden Geste. "Meinetwegen, aber bitte lass dieses Mal alles außerhalb des Kreises, das dich dazu verlockt, deine Arme oder dein Leben zu verlieren."

Das erst erinnerte Yash daran, dass sie noch die zeremonielle Kleidung trugen, und er schüttelte bedauernd den Kopf. "So lassen sie uns gar nicht in den Kreis. Nicht gewandet für die Ehre, den Darjah zu sehen." Unzufrieden sah er an sich herab, er hatte keine Lust, erst noch die Heimfahrt ruhig zu verbringen, ehe er auf die eine oder andere Art tanzen durfte. Aber es führte kein Weg daran vorbei.

"Oh", wunderte sich Andraj unbestimmt. "Dann lass uns zurückfahren."

Yash schien damit sehr einverstanden zu sein, also suchten sie die Kutsche, stiegen ein und ließen sich auf die Sitze fallen. In ihnen kribbelte es immer noch ein wenig vor Aufregung und beim Gedanken an einen Tanz, um all diese Gefühle wieder loszuwerden.

 

Auf das Gut zurückgekehrt, streckten sich beide erst einmal und als Andraj seinen Bruder in der ernsthaften Kleidung betrachtete, die so gar nicht der üblichen, optimistischen Lebenseinstellung von Yash entsprach, musste er lächeln. "Möchtest du jetzt gleich tanzen?"

"Ja", erwiderte Yash aus tiefstem Herzen. "Aber lass uns schnell was anderes anziehen." Er zwinkerte Andraj zu. "Du möchtest dich nicht mit Mama anlegen, wenn sie uns in dieser Kleidung im Kreis erwischt. Da nützt dir all dein Talent mit dem Schwert nichts. Nicht mal mit deinem Schwertbruder zusammen."

Nachdem sie sich umgezogen hatten und sich im Innenhof wiedertrafen, fühlte Yash sich schon besser. Nach den ersten Schritten im Kreis, nach dem ersten Treffen ihrer Klingen legte sich seine Aufregung langsam. Er lächelte, sah in Andrajs blaue Augen und liebte das Gefühl der Harmonie, die zwischen ihnen im Kreis herrschte.

Der Verlauf ihres Tanzes spiegelte ihr Inneres wieder. Zuerst waren die Schläge hastig, voller überschäumender Energie, doch dann beruhigten sie sich langsam. Nach dem Tanz fühlten sich beide erfrischt, trotz des Schweißes auf ihrer Haut.

Nach einem kurzen Bad wurden sie von Hina in der Küche begrüßt und mussten natürlich haarklein berichten, wie das Treffen mit dem mächtigsten Mann Gwalimeas verlaufen war. Über die Auseinandersetzung der beiden Minister, die Yash erwähnte, schien sie sich auch nicht sehr zu wundern, sondern hob nur leicht die feinen Augenbrauen.

"Jetzt steht eurem Essen mit der Prinzessin nichts mehr im Wege", bemerkte sie, nachdem Yash seine Erzählung beendet hatte. Mit einem elenden Seufzer nickte Andraj.

"So ist es wohl...", murmelte er.

Yash lachte und stieß ihn freundschaftlich in die Seite. "Sie ist eine vielbeschäftigte Frau. Vielleicht hast du Glück und sie hat uns schon wieder vergessen."


© by Nika & Pandorah