Buch II: Der Weg der Rache

3. Zerbrechliche Stränge

Jedes Begehren bietet eine gute Angriffsfläche.

Aus der Transkription der Brüder-Rollen durch Yashodhara, Sohn von Yuvaraj


Viel Zeit verlor die Prinzessin jedoch nicht. Die Einladung auf Seidenpapier wurde ihnen am nächsten Tag überbracht, dieses Mal von einem deutlich höflicheren Boten. Hina und Yovan waren sehr erfreut, dass die beiden jungen Männer so viel Aufmerksamkeit von Seiten des Hofes erhielten, und Hina bestellte den Schneider erneut aufs Gut.

Nachdem sie ihren Planungen für weitere angemessene Kleidung entronnen und auf einem Ausritt über die weiten Ländereien waren, versuchte Yash, seinen Schwertbruder aufzumuntern. "Du hast die Audienz beim Darjah überlebt. Das hier wird wesentlich weniger formell."

Andraj nickte bedauernd. "Das ist es ja. Bei der Audienz war alles vorgeschrieben, und es konnte keiner bemerken, dass ich absolut nichts zu sagen habe."

Leider war das kein Argument, um eine Einladung abzulehnen, und so wurden sie auf ein Essen mit der Prinzessin vorbereitet.

 

Am Tag der Einladung, dem Wassertag, war bereits am Mittag ein großes Programm für die beiden jungen Tänzer angesetzt. Der Barbier kam und beschloss, Andrajs Haaren einen Schnitt zu geben, wie er im Palast gerade modern war, weil er ansonsten mit der widerspenstigen, rotbraunen Wolle nicht zurechtkam. Danach wurde Andraj zum Einkleiden geschickt, während Yash seine Haare richten ließ.

Als sie sich endlich wiedertrafen, trug Andraj ein dunkelblaues Oberteil mit kleinem Stehkragen aus nachtblauer Seide, das eine Goldborte zierte. Die ungewöhnlich enge Hose war aus schwarzem Stoff. Dazu hatte man ihm schwarze Lederstiefel angezogen.

Yash sah seinen Freund eine lange Zeit stumm an, weil er ihn noch nie so elegant gesehen hatte. Und er sah einfach nur unwiderstehlich aus. Die Farbe des Oberteils ließ seine Augen tiefer wirken und hob den ohnehin schon ungewöhnlichen Ton seiner Haare hervor. Wie immer hatte seine Mutter einen hervorragenden Geschmack bewiesen.

"Du siehst umwerfend aus. So gut, dass ich dich am liebsten gleich wieder ausziehen möchte", sagte er leise, aber mit einem breiten Grinsen.

Nun fügte sich noch ein tiefes Rot auf Andrajs Gesicht harmonisch in die Farbauswahl ein. "Yash...", wisperte er, peinlich berührt, aber auch erregt und sah sich um; dabei hoffte er, dass niemand sie gehört hatte. Schnell griff er seinen Bruder und zog ihn in den leeren Flur. "Küss mich schnell, bevor ich einfach fliehe."

Yash zog Andraj an sich und nahm seinen Mund nur zu gerne ein, während er seinen Liebsten besitzergreifend umschlang und gegen die Wand drängte. Es war wahr, was er gesagt hatte; sein Schwertbruder war endlos verlockend. Gerade auch, weil sie seit der Audienz beim Darjah nicht einmal zwischen den Laken getanzt hatten. Dennoch war leider keine Zeit für mehr gegeben, und so beendete Yash ihren Zungentanz aus Atemlosigkeit, nicht weil er genug davon gehabt hätte.

"Fühlst du dich jetzt besser?", flüsterte er.

Andraj schüttelte seinen Kopf. "Das liegt aber nicht an dir", versicherte er und lächelte Yash dankbar an. "Sondern an allem anderen."

Zusammen kehrten sie zu den Leuten zurück, die auf sie warteten: Barbier, Schneider und natürlich Yashs kleine, energische Mutter. Auch für Yash war es nun an der Zeit, dass er sich umzog und Andraj ging schnell noch mal alle Regeln mit Hina durch.

"Denk an die Etikette, als sei sie ein komplizierter Schautanz", versuchte sie Andraj zu beruhigen. Dafür war er sehr dankbar, dennoch blieb er nervös.

Als Yash wieder aus den Klauen des Schneiders zurückkam, war er äußerlich das Gegenteil von Andraj, ganz in Rot und Weiß gekleidet. Seine braunen Augen funkelten warm, fast golden im Sonnenlicht, so dass Andraj kaum seinen Blick abwenden konnte. Sein Bruder war wirklich schön, wirkte so ehrenvoll und elegant in seinem Ausgehstaat, fast wie ein Mann, der schon einen Platz im Rat hatte.

Yash spürte den Blick seines Schwertbruders, als würde dieser ihn berühren. Er lächelte ihm zu, und für einen Moment lang sahen sie sich nur an, sahen sich in die Augen und die Welt schien vergessen. Hina brach den Zauber, als sie zufrieden bemerkte, dass sich die Jungs so sehen lassen konnten.

"Und noch dazu passend zueinander", sagte Yash leise zu Andraj gewandt. "Der Feuerbruder in dem Blau seines Wasserbruders und umgekehrt."

Als sie schließlich in die Kutsche stiegen, schickte Yash ein stummes Gebet zu den Vier Brüdern empor, dass alles gut und glatt gehen mochte. In jeder Hinsicht. Auch, dass die Prinzessin kein zu großes Interesse an Andraj als Mann entwickeln würde. Das war es, was ihn trotz aller Vorsätze und trotz Andrajs Versicherung am meisten beunruhigte.

Auch Andraj war nervös, wieder war er versucht, sich durch die Haare zu fahren und kurz davor, einfach die Kutschentür zu öffnen und zu türmen. Er blieb, weil Yash neben ihm saß, warm war, ihm Sicherheit und Liebe schenkte. Zudem wollte er seinen Freund nicht sitzen lassen, und er war eingeladen zu einem sehr ehrenvollen Abendessen. Zumindest hoffte er, dass es ehrenvoll sein würde.

 

Diesmal hielt die Kutsche nicht am ersten Innenhof, sondern fuhr außen um den Palast herum, bevor sie vor einem kleinen Eingang zum Stillstand kam. Die Tür wurde geöffnet, und eine höfliche, neutrale Stimme erreichte die beiden Schwertbrüder.

"Ehrenwerte Tänzer, ich stehe zu Euren Diensten, um Euch zu führen."

Sie folgten dem Diener durch die leeren Flure des Inneren Palastes, die nur gedämpft beleuchtet waren. Es erschien fast unheimlich gegen die Geschäftigkeit, die sie in den öffentlichen Bereichen kennengelernt hatten.

Vor einer Tür, hinter der Musik und Stimmen zu hören waren, hielt der Diener schließlich an. "Tretet ein, ehrenwerte Tänzer."

Damit zog er die Türen auf, so dass Yash und Andraj von dem goldenen Licht, das aus dem Raum strömte, geradezu geblendet wurden.

Der Raum war groß und von zahllosen Lampen und Kerzen in bunten Glasgefäßen erhellt. An einer langen Tafel hatten es sich die herausgeputzten Gäste auf Sitzkissen und kleinen Hockern bequem gemacht, während an ihrem Kopfende Tänzerinnen zu dem Klang der Trommeln und Zimbeln verführerische Tänze darboten. Dort saßen auch die geladenen Mitglieder des Rates, von denen einige den jungen Frauen gierige Blicke zuwarfen. Unter den Geruch der Gewürze mischten sich frische Düfte aus im Raum verteilten Schalen, in denen Blumen schwammen.

Noch völlig überwältigt merkte Andraj nicht, dass die Prinzessin zu ihm und Yash getreten war.

"Ich freue mich, dass Ihr erschienen seid, Tänzer", begrüßte sie die beiden Freunde. Ihre funkelnden, dunklen Augen verrieten ihre Freude mehr noch als ihre Worte. Sie war herrlich in dem rubinroten Sari mit der ausladenden Schleppe. Die Farbe unterstrich den Honigton ihrer Haut ebenso wie die Goldreife an ihren Armen; ein filigraner Kopfschmuck bändigte die Flut ihres nachtschwarzen Haares.

Andraj wollte zurückweichen, doch nahm sich zusammen und vollführte eine perfekte Verbeugung.

"Nicht einmal Die Vier selbst hätten uns davon abhalten können, Euch wiederzusehen, Prinzessin", sagte er leichthin.

Mit einem süßen Lachen und einer zierlichen Geste tat Dharabai das als Übertreibung ab.

Yash gefiel das Kompliment auch nicht besonders. Aber er schob die unangenehmen Gefühle rasch in den Hintergrund, als er sich ebenfalls vor der Prinzessin verneigte und sie begrüßte. Dass die geladene Gesellschaft größer war, als er gedacht hatte, empfand er als angenehm. So würde sich die Aufmerksamkeit Dharabais schon allein aus Höflichkeit nicht ausschließlich auf Andraj richten können.

Noch ehe die Prinzessin ihnen ihre Plätze zeigen konnte, kamen bereits die nächsten Gäste und mussten begrüßt werden. Eine Dienerin brachte die beiden Tänzer bis fast zum Kopfende der Tafel, wo auch die Prinzessin sitzen würde.

Zu seinem Leidwesen entdeckte Yash, dass ausgerechnet Minister Rajavel nicht nur anwesend war, sondern ihnen genau gegenüber saß. Er schäkerte mit einem hübschen Jungen herum, der ihm eine Platte mit Obst reichte.

"Rajavel", flüsterte Yash seinem Schwertbruder zu, während sie sich setzten. "Zum Glück ist nicht auch noch Gandaki da. Sonst würde sich die Szene beim Darjah mit Sicherheit wiederholen. Ich glaube, die beiden können nicht im selben Raum stehen, ohne das als Provokation zu empfinden."

Andraj studierte den Minister kurz. Seine Haare waren mit Klammern hochgesteckt, beinahe wie bei einer Frau, ebenso schmückte ein kostbares Ornament aus Gold mit blauen Steinen seine Stirn. Sein Gewand bestand aus orange-blau changierender Seide und seine Augen waren mit Kohle nachgezogen. Erneut hatte Andraj den Eindruck, dass seine offensichtliche Harmlosigkeit nur Maskerade war. Rajavels Augen wirkten stets sehr aufmerksam, auch wenn seine Haltung eine gewisse Weltverachtung zum Ausdruck brachte.

Da Rajavel dennoch ein Minister war und Hina es ihm beigebracht hatte, senkte Andraj seinen Kopf, als der Mann zu ihnen sah.

Das Ratsmitglied lachte nur. "Wir sind hier unter uns – Männer wie Ihr brauchen das Gesicht nicht abzuwenden. Dass auch Ihr hier eingeladen seid, überrascht mich. Willkommen in unserer kleinen Runde, Andraj"

Andraj wunderte sich über die Betonung, die der Minister auf seinen Namen legte und beobachtete, wie Rajavel ihn einen Augenblick lang ausführlich musterte.

"Es ist kaum zu glauben...", murmelte der Minister und nahm einen Schluck aus seinem verzierten Kelch. Anschließend gab er einem der Diener einen Wink, damit dieser Andraj Wein einschenkte.

Verdutzt sah Andraj mit an, wie sein Becher gefüllt wurde, sein Herz schlug heftiger. 'Ausgerechnet Wein!' Er versuchte einen Blickkontakt mit Yash herzustellen, aber die Stimme von Rajavel machte es ihm unmöglich.

"Stoßt mit mir an, Andraj. Auf neue Freunde und den Tod unserer Feinde."

Hilflos hob Andraj den goldenen Becher und nahm nach dem Anstoßen einen Schluck des köstlichen Weines.

Yash war daran gewöhnt, dass Rajavel ihn gerne ignorierte oder gut platzierte Gemeinheiten von sich gab. Er hatte auch kein besonderes Bedürfnis nach Gesprächen mit diesem Mann. Die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit und war zumindest von Rajavels Seite aus auf Yovans Einfluss im Rat zurückzuführen. Dass der Minister jedoch versuchte, seinen Schwertbruder für sich einzunehmen, war genauso unerwartet wie unverschämt.

Dennoch wartete Yash lange genug, bis Andraj seinen Kelch abgestellt hatte, um ihm dann einen Becher mit frisch-säuerlicher Zitronenmilch zu reichen. "Hier, du solltest das versuchen. Sie ist nirgends so gut wie bei Hofe." Zudem trank Yash in unsicherer Gesellschaft wie dieser hier selbst lieber Getränke, die ihn nicht berauschten, umso mehr musste sich Andraj danach sehnen.

Rajavel lachte höhnisch. "So etwas ist für Kinder."

Andraj hingegen klammerte sich an den Becher, bevor jemand ihn wieder wegnehmen konnte. Leise wisperte er Yash einen Dank zu. Eine weitere Ablenkung erschien in Gestalt von Dharabai, die sich neben ihm niederließ.

"Zu guter Letzt finde ich Zeit für Euch, Andraj", seufzte sie, und Andraj fand sich sofort wieder in ihrem berauschenden Duft gefangen.

Dharabai berührte seine Hand vertraulich, was Andraj eine Gänsehaut den Rücken hinunterjagte. "Ich habe von Eurem Unfall im Kreis gehört. Auch, was man sich seitdem über Euch und Euren Schwertbruder erzählt. Ich kann kaum glauben, dass der Sohn von Yovan einen solchen Fehler begehen konnte."

"Es war nicht seine Schuld", protestierte Andraj ruhig, doch innerlich war er angespannt. Hinas Worte über den Schautanz kamen ihm in den Sinn. "Es war nur ein Unfall. Wir waren alle beide unvorsichtig und hätten nicht tanzen dürfen."

"Sehr nobel, Euren Geliebten so in Schutz zu nehmen." Dharabai sah ihn bedächtig an.

Wortlos starrte Andraj zurück. Die Gerüchte über ihn und seinen Freund waren also immer noch Gesprächsstoff im Palast, so wie Yash es vermutet hatte. Er überlegte, ob er nicht protestieren sollte und erklären, dass Yash sein Schwertbruder war und sie verbunden durch den Weg des Tanzes. Yash aber empfand mehr als reine Bruderliebe, also stimmte diese Aussage nur bedingt. Er hob leicht die Schultern, bevor er schnell sein Gesicht hinter dem Schutz des Bechers verbarg.

Yash versteckte ein Lächeln. Sein Schwertbruder hatte schnell gelernt, wie man mit unliebsamen Gerüchten umging. Man musste sie ignorieren oder zu den eigenen Zwecken wenden, aber niemals den Regeln folgen. Er entschied, dass Andrajs Wahl, es zu ignorieren, das Beste war, allein um Andraj weitere Peinlichkeiten zu ersparen. "Es gibt Dinge, die sind nur für zwei Personen von Interesse und andere, die bewegen die gesamte Welt. Prinzessin, man hört im ganzen Land, dass Batur einen Einfall in Gwalimea plant. Was meint Ihr, was dieses Land nach der langen Zeit des Friedens dazu bewegt, nun plötzlich seine Haltung zu ändern?"

Die Prinzessin seufzte. "Ich denke, es ist wie immer: Die Verlockungen von Geld und Macht ziehen alle an, die niemals genug bekommen können. Batur ist wie Chinkud immer schon vom Zauber unseres kleinen Landes fasziniert worden." Dabei ließ sie ihre Fingerspitzen über die Innenseite von Andrajs Handgelenk streicheln, der nicht wagte, sich zu rühren. "Sie sind wie Schwerttänzer, die genug davon haben, am Rande des Kreises zu stehen. Sie möchten sich messen und, im Gegensatz zu unseren edlen Tänzern, kümmern sie sich nicht um Ehre oder Regeln."

"Aber Prinzessin, ich glaube kaum, dass Chinkud so etwas plant. Im Gegenteil, sie bieten ihre Unterstützung an", mischte sich Rajavel unerwartet in das Gespräch. "Wir sollten dem Schah dankbar sein, dass er uns in dieser Affäre beisteht."

Allmählich stellte Andraj fest, dass Rajavels Duft ebenso stark und betörend sein sollte wie der Dharabais, doch zusammen bekam er von den schweren Gerüchen Kopfschmerzen. Er entzog Dharabai seine Hand vorsichtig und klammerte sich wieder an seinen Becher. Er selbst fand, dass Fremdländer in ihrem ehrenvollen Land nichts zu suchen hatten.

"Rajavel, ich kann Euch da nicht zustimmen." Auch wenn die Stimme der Prinzessin gelassen war, erlaubte sie doch keinen Widerspruch. "Wir sind in der Lage, unsere Grenzen allein zu verteidigen. Sehr viel besser als mit der zweifelhaften Hilfe eines Landes, das schon immer eher an unseren Schätzen als an unserer Freundschaft interessiert war."

Das erste Mal erweckte sie damit Andrajs ehrliches Interesse und er sah sie an. Sie war überzeugt von dem, was sie sagte. Sie stand für ihre Meinung ein.

"Wir werden sehen, Prinzessin Dharabai." Der Minister lachte süffisant.

Wie eine Wolke zog ein Schatten über Dharabais Gesicht, sie wurde still und ihr Lächeln erlosch für einen Moment. Doch es erschien wieder und sie ergriff Andrajs Schulter. "Mit Tänzern wie ihm kämpft das alte Blut an unserer Seite, Rajavel. Und mit dem alten Blut kämpft das Herz Gwalimeas für seine Unabhängigkeit. Es verbindet uns mit diesem Land durch mehr als nur unsere Ehre. Vergesst nicht, dass auch Ihr dieses Blut teilt."

Trotz seines gemalten Lächelns schien der Minister getroffen. Sehr zu Andrajs Erleichterung wurde das Essen aufgetragen und sie wandten sich unpolitischen Themen zu. Darauf folgte ein leichtes Gespräch über die Köstlichkeiten, die feinen Gewürze und die talentierten Köche. Dabei konnte Andraj ohne Probleme mithalten und als am Ende Früchte folgten, war er fast gut gelaunt.

Yash erzählte farbenfroh über ihre Teilnahme am Turnier in Sankait und brachte damit alle Schwerttänzer dazu, sich in Nostalgie und alten Geschichten zu verlieren. Der Krieg schien vergessen.

Aber Yash konnte nicht verhindern, dass die Prinzessin auf Wein für Andraj bestand, der versuchte, möglichst wenig zu trinken. Doch sein Kopf war eh schon schwer durch die Düfte, und er war träge durch das viele Essen, so dass er alles wie in einem Traum erlebte.

"Im Palast gibt es einen Ort, an dem der Mond nachts die Mosaike so erleuchtet, dass man verborgene Bilder entdecken kann, die sonst unsichtbar sind. Möchtet Ihr sie sehen, Andraj?" Dharabais Stimme war wie Samt an seinem Ohr.

"Gerne", antwortete er wohlwollend.

Yash konnte sich nur im letzten Moment davon abhalten, sich aufzudrängen. Nachdem er sich an Rajavels Gegenwart einigermaßen gewöhnt hatte und ihn ebenso ignorieren konnte, wie er ignoriert wurde, war das Essen regelrecht angenehm verlaufen. Wenn Dharabai Andraj nicht ständig mit Aufmerksamkeiten bedacht hätte, wäre es sogar ausgesprochen unterhaltsam gewesen. So hatte ihn jedoch eine gewisse unterschwellige Anspannung nie verlassen, die mit einem Schlag wieder hervorkam.

'Vertraue deinem Schwertbruder. Vertraue deinem Geliebten', sagte er sich stumm vor und griff nach seinem Kelch, als wäre es ihm gleich, dass die beiden sich erhoben.

'Er hat gesagt, dass er nichts von ihr will.' Dennoch fiel es ihm schwer, ihnen nicht mit Blicken zu folgen, als sie den Raum verließen.

 

Tatsächlich konnte Andraj im Mondlicht zierliche Vögel auf den Mosaiken erkennen, als ob sie mit Spinnenwebfäden gezeichnet wären. Doch Dharabai war nicht an einer Diskussion über die kunstvollen Bilder interessiert. Sie ergriff Andrajs Hand und holte ihn in den Schatten, wo das Mondlicht sie nicht erreichen konnte.

"Prinzessin?", rief Andraj erstaunt.

"Leise, oder wollt Ihr Aufmerksamkeit auf uns ziehen?" Die Prinzessin lächelte gewinnend, während sie Andraj an sich zog. "Endlich habe ich Euch ganz für mich alleine."

"Ja, da habt Ihr Recht, Hoheit", wisperte Andraj gepresst. Er wollte wieder weg, aber wusste, dass es mehr als unhöflich war – so konnte er sich Dharabai zum Feind machen. Wieder hörte er ihr helles Lachen, aber es war eine sinnliche Note darin.

"So ganz ohne Euren hübschen Begleiter gefallt Ihr mir noch viel besser." Mit spielerischer Leichtigkeit streckte sie sich zu Andraj empor und berührte seine Lippen mit ihren. Er erstarrte unter ihrem Kuss und überlegte wild, wie er reagieren sollte. Ihre Zunge suchte Einlass in seinen Mund, doch er zog sich vorsichtig zurück. Mit großen Augen sah sie ihn an.

"Verzeiht mir, Hoheit, aber ich darf nicht mit Euch auf diese Art tanzen." Andraj sah sie ernst an, er fühlte ihre Nähe, Wärme und die Zartheit ihres Körpers. Sie war wie eine Blüte, betörend und zerbrechlich.

"Meint Ihr, weil Ihr Euer Bett mit einem anderen teilt? Mich stört es nicht", erklärte sie überzeugt.

Andraj schüttelte den Kopf, seine Stimme war eher traurig denn empört. "Es wäre eine Lüge."

"Auch das stört mich nicht", widersprach sie.

"Euch vielleicht nicht, aber mich." Andraj löste ihre Arme und trat einen Schritt von ihr fort. "Nun lasst mich zu meinem Schwertbruder zurückkehren, damit er sich nicht sorgt." Er wandte sich ab und schlug den Weg ein, den sie gekommen waren. Nach ein paar Schritten drehte er sich noch einmal um. "Ihr seid schön und klug, was wollt ihr mit einem armseligen Tänzer wie mir?"

Er ließ sie zurück und betrat den Raum, wo die Musik immer noch spielte. Elend ließ er sich neben Yash fallen und starrte auf den Tisch.

Yash war überrascht, Andraj so schnell wiederzusehen, noch dazu ohne die Prinzessin. Einerseits erleichterte es ihn, andererseits beunruhigte es ihn jedoch, und er hoffte, dass sein Schwertbruder Dharabai nicht beleidigt hatte. Gleichzeitig machte ihm die undurchdringliche Miene Sorgen. Er neigte sich ihm ein wenig zu und fragte leise: "Wollen wir gehen?"

"Dürfen wir denn?", fragte Andraj hoffnungsvoll zurück.

"Ja, der offizielle Teil ist beendet, seit die Prinzessin den Raum verlassen hat." Yash erhob sich, er konnte das 'Nur weg hier' beinahe hören, so deutlich war es in den blauen Augen zu lesen. Sich in den Raum verneigend verabschiedete er sie bei den Ministern und Ratsmitgliedern.

Er war erleichtert, dass ihnen Dharabai an der Tür begegnete. Noch immer trug sie ihr hübsches Lächeln, doch es wirkte mehr wie gemalt als von Herzen kommend. Auch ihr sagte er mit netten Worten seinen Dank für die Ehre, während ihm war, als würde sie ihn mustern, um etwas zu suchen, was sie nicht finden konnte.

Als sie in die kühle Nachtluft traten und von einem Diener zurück zu ihrer Kutsche geführt wurden, fühlte Yash sich schon wieder sicherer. Doch das Schweigen brach er erst, als sie die Stadttore bereits hinter sich gelassen hatten.

"Ist alles in Ordnung mit dir?", fragte er besorgt, bewusst seine Frage allgemein formulierend, um Andraj nicht zu drängen.

Andraj nickte ein wenig. "Ja, sicher." Er wandte sich ab und schloss seine Augen; damit machte er klar, dass er nicht darüber reden wollte, ohne vorher gründlich nachgedacht zu haben.

Sie fuhren schweigend bis zum Gut, dort erst öffnete Andraj die Augen wieder und stieg wortlos aus. Er fühlte sich fast leer, als ob er sich irgendwo zurückgelassen hatte. Hatte er richtig gehandelt oder Yash enttäuscht, weil er nun seine Karriere am Hof verbaut hatte? Was hätte er sonst tun sollen? Er konnte sich keine dieser Fragen beantworten.

Der Hof lag in Dunkelheit gehüllt, und nur der alte Diener empfing sie, als sie das Haus betraten. Yash bedankte sich, dass er gewartet hatte, schickte ihn dann aber schlafen. Stumm ging er vorweg, während sich seine Gedanken noch immer darum drehten, was zwischen seinem Schwertbruder und der Prinzessin vorgefallen war. Für Eifersucht hatte er keinen Grund, dessen war er sicher. Warum war Andraj so düster und schweigsam? Doch er wollte nicht in ihn dringen. Andraj musste nun einmal Dinge immer erst mit sich selber abmachen.

Als sie die Tür zu seinem Zimmer erreichten, blieb Yash stehen. "Kommst du mit mir oder willst du lieber deine Ruhe haben?", fragte er leise.

Andraj seufzte. "Du kannst meinen Körper benutzen, wenn du möchtest."

Die eigene Lust war ihm vergangen, als er begriffen hatte, wie wenig Ehre im Theater der Begierde eine Rolle spielte. Er spürte kein Verlangen nach Yashs wirklich attraktivem Körper oder seinen Küssen. Es war, als wäre er kuriert von einer Idee und einem Zustand. Da war der Traum einer Frau gewesen und er hatte sie abgewiesen.

Ihm hatte die Aussicht auf Macht tief in die Augen gesehen, aber er hatte sie nicht ergriffen. Er war kein guter Tänzer – nicht einmal im Kreis der Ehre, aber erst recht nicht im Reigen der Intrigen.

Ein kalter Schauder lief durch Yash hindurch, und er unterdrückte die wütende, verletzte Antwort, die ihm auf der Zunge lag. 'Wie abwertend er das sagt! Verdammt! Ich benutze ihn nicht!' Angespannt erwiderte er: "Ich habe nicht von Lust gesprochen. Nur von Nähe."

Langsam nickte Andraj. "Auch sie wollte Nähe. Und sie wollte die Lust – du und deine Gefühle waren ihr dabei egal. Hätte ich beides geben sollen?"

Kurz dachte Yash, dass es wohl das gewesen war, was die Prinzessin bei ihrem Abschied gesucht hatte – den Grund, warum Andraj sie abgelehnt hatte, nicht jedoch seinen Schwertbruder. Aber immerhin hatte Andraj sie abgelehnt. Trotzdem rebellierte Yashs Herz, weil Andraj ihn und Dharabai gleich setzte. Offensichtlich war es für ihn keine Frage der Gefühle, sondern von Pflicht und Ehre, ob er Nähe teilte oder nicht.

'Du weißt doch, wie er ist! Yash, hör auf!', beschimpfte er sich verärgert. Bemüht, jeden Zorn und jede Enttäuschung, aber auch jede Hoffnung und alle Sehnsucht aus seiner Stimme herauszuhalten, antwortete er: "Es ist deine Entscheidung. Wenn du es bereust, nicht mit ihr geschlafen zu haben, war es wohl die falsche." Er zögerte und fügte dann doch fast mürrisch hinzu "Aber mich macht es froh."

"Nein, macht es nicht. Nichts macht dich noch froh, weil ich dir nicht gebe, was du dir erhoffst. Ihr kann ich es auch nicht geben. Ihr beide wollt viel, aber in mir ist es so leer." Andraj grinste ohne Freude. "Irgendwie ähnelt ihr euch etwas, Dharabai und du."

Es traf genau den Punkt, an dem Yash so schrecklich empfindlich war. Wie er es hasste, von Andraj mit anderen verglichen zu werden!

"Wer, glaubst du, gibt dir das Recht, zu entscheiden, ob mich etwas froh macht oder nicht?" Nun war er wirklich wütend. "Und wenn wir uns so ähneln, kannst du ja in Zukunft mit ihr ins Bett springen. Dann wirst du wohl kaum einen Unterschied feststellen. Kannst deine Nähe bei ihr suchen. Da du ja offensichtlich entscheiden kannst, dass mich etwas froh oder nicht froh macht, musst du keine weiteren Gedanken mehr daran verschwenden. Ich wünsche dir eine gute Nacht."

Er wandte sich ab, betrat sein Zimmer und zog die Tür eine Spur zu heftig hinter sich zu. Gleich darauf ließ er sich gegen das Holz sinken und presste das Gesicht in die Hände. 'Warum muss er immer so Dinge sagen? Als ob es ihm Vergnügen bereitet, mich zu verletzen.' Und es tat weh. Weitaus mehr als die Wunde, die Andraj ihm im Kreis zugefügt hatte. Aber genauso weh tat es, ihn so ungerecht angefaucht zu haben. Er wollte zu ihm gehen, sich entschuldigen, aber konnte sich nicht bewegen.

Andraj zog die Sachen aus, die eigentlich nicht ihm gehörten, sah sich in dem Zimmer um, in dem er Gast war. Ja, er war nur ein Gast. Die verbalen Splitter, die Yash ihm in die Haut gestochen hatte, taten weh, aber andererseits machte es ihn wütend. Das erste Mal kam es ihm so vor, als ob er seine Zeit verschwendete, hier auf diesem Gut.

"Was mache ich eigentlich hier?", fragte er sich selbst leise.

Er war wegen Yash gekommen, und dann war er wegen Yash geblieben. Nun sah es anders aus. Mit einer tiefen Falte auf der Stirn packte er seine Sachen. Alles andere ließ er liegen, als er seinen Rucksack schulterte. Leise trat er aus seinem Zimmer. Ein wenig Wasser brauchte er auf jeden Fall noch, dann konnte er gehen.

Yash hatte es nicht in seinem Zimmer ausgehalten. Schlafen konnte er nicht, dazu war er zu aufgewühlt. Lediglich die teure Kleidung hatte er durch einfachere ersetzt, dann war er wieder nach draußen gegangen. Ein Ritt durch die kühle Nacht, verbunden vielleicht mit einem Bad im noch kühleren See, das war es, wonach ihm der Sinn stand. 'Das war so unnötig, verdammt! Warum macht es mich so wütend, wenn er mich mit anderen vergleicht? Und warum tut er das? Er weiß, dass ich es hasse.'

Er machte weder Licht, noch weckte er einen der Knechte, als er den Stall betrat und seinen Braunen holte. Nicht einmal nach Zaumzeug schaute er, er kam gut ohne aus. Doch als er wieder unter den sternenklaren Himmel trat, sah er die vertraute Gestalt, die sich mit geschultertem Rucksack zielstrebig vom Haus entfernte.

Yash zog die Brauen zusammen, während Wut und Angst erneut emporwallten. Andraj ging? Ohne ein Wort des Abschieds? Ohne einen Dank an seine Mutter, die mit ihm Etikette gelernt hatte, ohne ein Wort an seinen Vater, der ihm Unterricht im Tanz erteilte. Einfach so?

Mit einem geschmeidigen Satz war er auf dem Rücken des Pferdes und trieb es an, um den Mann einzuholen, mit dem er den Schwertschwur geleistet hatte. Kaum war er mit ihm auf einer Höhe, sprang er ab. "Seit wann läufst du davon, Andraj? Ich habe viele Seiten an dir kennengelernt, die mich überrascht haben, aber Feigheit war bis heute nicht dabei."

Andraj sah seinen Freund eine Zeit lang kalt und abweisend an, dann schnaubte er. "Feigheit? Wenn du willst, kannst du es so nennen. Dabei folge ich nur dem, was du mir gesagt hast – ich gehe. Da ich aber keine Lust habe, in andere Betten zu springen, gehe ich zurück auf den Weg des Tanzes. Was mich hier gehalten hat, warst du allein. Doch nun, da ich dir egal bin, hält mich nichts mehr." Er rückte sein Gepäck auf dem Rücken zurecht.

"Erstens. Du läufst weg, was soll das sonst sein? Zweitens. Wer bei Den Vieren hat gesagt, dass du mir egal bist? Ich mit Sicherheit nicht! Und drittens! Vier und Eins! Wenn du mir grollst, findest du das meinen Eltern gegenüber nicht ungerecht, die dich in die Familie aufgenommen haben?" Zornig starrte Yash in die Augen, die im Mondlicht schwarz wirkten. Er wollte nicht glauben, dass Andraj so etwas wirklich tat, aber hier stand er vor ihm, mit all seinen Besitztümern, mit seinem Schwert und offensichtlich entschlossen, dem Gut den Rücken zu kehren.

"Ich bin feige, das ist es. Bitte sie um Verzeihung, sage einfach, du hättest dich in mir getäuscht. Du kannst sagen, dass ich dich betrogen habe und niemals vorhatte, dich zu ehren." Andraj hob die Arme, zeigte Yash seine leeren Hände. "Es tut mir leid, leb wohl."

Er wollte sich abwenden, hinter sich lassen, was ihn von seinem Ziel abbringen konnte, aber dann funkelten seine Augen auf. Er spürte, wie die Wut in ihm überhand nahm. Yash wollte doch, dass er sich eine Stellung im Palast sicherte, oder? Yash war der mit dem Ehrgeiz, der Unzufriedenheit, der mehr wollte, als Andraj ihm geben konnte. "Wie kannst du nur behaupten, du wärst froh, wenn du aussiehst, als ob ein Schwert in deiner Brust steckt? Du siehst mich an, und ich erkenne Schmerz. Wir haben es nicht geschafft."

"Du willst das einfach so auf dir sitzen lassen? Ich glaube dir nicht!" Yash war zornig auf sich selbst, dass er sein Schwert im Haus gelassen hatte. Ihm war danach, seinen eigenen Bruder zu fordern. Nicht auf Leben und Tod natürlich, aber durchaus zu einem ernsthaften Duell. "Vier und Eins! Hör endlich auf, mir Dinge in den Mund zu legen! Ich habe gesagt, dass ich froh war, und ich habe es verdammt noch mal so gemeint! Das, was du vielleicht gesehen hast, war Sorge, weil du abweisend warst. Ich wollte dir helfen, aber nicht in dich dringen."

"Soll ich für dich eine Karriere im Palast anstreben? Soll ich deshalb mit einer Frau schlafen? Oder soll ich dir treu sein? Stört es dich? Oder ist es dir egal?" Andraj zog die Augenbraue zusammen. "Ist das klar genug?"

Yash schnaubte. Er spürte das feuchte Gras unter seinen nackten Füßen, den leichten Wind, der ihn streifte. "Warum fragst du das nicht einfach? Oder lässt es bleiben, wenn du deine Geheimnisse für dich behalten willst. Aber hör auf, in meine Worte tiefere Botschaften hineinzudeuten. Ich meine, was ich sage. Und zwar genau so und nicht anders." Andraj wirkte fern, aber er würde ihn nicht gehen lassen. Und wenn er ihn festhalten musste. "Für mich sollst du gar nichts anstreben. Aber du sollst dir auch nicht die Möglichkeiten mit aller Gewalt verbauen. Deswegen musst du gewiss nicht mit jemandem anbandeln. Erst recht nicht für mich. Ja, es würde mich stören. Ja, besonders, wenn du denkst, es für mich tun zu müssen. Ja, ich freue mich über Treue. Nein, es ist mir nicht egal. Ist das klar genug?"

Andraj lachte, dann drehte er sich um und schüttelte über sich selbst den Kopf. "Ja." Mit einem müden Lächeln hob er die Schultern. "Und bei dir?"

"Nein. Ich habe Fragen beantwortet, jetzt bist du dran." Yash verschränkte die Arme vor der Brust, aber sein Zorn war schon wieder nahezu vollständig davon gespült. Und damit brandete eine gewisse Mutlosigkeit in ihm empor. "Findest du es wirklich so unerträglich hier, dass du so schnell wie möglich weg willst? Habe ich dich nun doch in eine Richtung gedrängt, in die du nicht gehen möchtest? Willst du..." Die Kehle wurde ihm eng, doch es gelang ihm, seine Frage zu stellen. "Willst du wirklich unsere Brüderschaft aufkündigen?"

Andraj seufzte, fuhr sich durch seine Haare und begann langsam zu antworten: "Auch wenn ich mich hier nicht wohl fühle, ist das nicht der Grund, warum ich gehen will. Ich suche den Mörder meines Vaters und keine Nähe bei irgendeiner Frau. Deine Familie und alles ist so perfekt und ich bin es nicht. Solange ich hier bin, fühle ich mich immerzu minderwertig." Er löste das Schwert von seiner Schärpe und drehte es so, dass der Griff auf Yash zeigte. Er ergab sich. "Mein Verstand sagt, ich sollte die Brüderschaft lösen. Um dich zu schützen. Doch mein Gefühl sagt nein."

Yash legte seine Hände über Andrajs, die das Schwert hielten und sah ihm in die dunklen Augen. "Es tut mir leid, dass du dich hier so unwohl fühlst. Ich wusste nicht, wie sehr. Wir wollten doch ohnehin nur einige Wochen bleiben. Wir können auch früher aufbrechen." Er trat näher zu Andraj, bis nur noch Raum für dessen Klinge zwischen ihnen war. "Komm mit mir zurück. Wir haben Vater noch nicht nach dem Schwert des Mörders gefragt. Lass uns das morgen machen und dann wieder losziehen. Gemeinsam. Wenn dir dein Gefühl sagt, dass ich dir noch zur Ehre gereiche, dann höre darauf."

Andraj lächelte kurz, sein Daumen fuhr über Yashs. "Ich möchte aber nicht, dass du meinetwegen auf deine Familie verzichten musst, deswegen habe ich nichts gesagt. Außerdem sind sie ja nett und alles ist unübertrefflich." Schwach konnte er Yashs frischen Duft wahrnehmen, der ihn, schon bevor sie zusammen in ein Bett gefallen waren, so bezaubert hatte. "Ich komme mit zurück."

"Danke." Yash flüsterte es nur, als er seine Stirn gegen Andrajs lehnte. Er empfand es fast wie ein Wunder, dass sie so schnell wieder zu einem ruhigen Ton, ja sogar einem tieferen Verständnis gefunden hatten, obwohl sie noch vor Momenten beide so zornig gewesen waren.

Dann schnaubte das Pferd und brach den Zauber. Yash lächelte, als sie sich trennten. "Ich bin froh, dass es dir nicht gelungen ist, dich fortzuschleichen", sagte er, während sie den Braunen zum Stall zurückbrachten. "Und ich möchte dich um Verzeihung bitten, dass ich dich feige genannt habe."

"Verziehen", erklärte Andraj bereitwillig.

Zusammen schlenderten sie zurück zum Gutshaus, wo sie erst vor ihren Zimmertüren stehen blieben. Andraj brachte sein Gepäck in das Gästezimmer, dann zupfte Yash ihn leicht am Ärmel und deutete mit seinem Kopf auf das Bett. Mit einem halben Lächeln stimmte Andraj zu. Im Bett stimmten sie ihre Positionen ab wie immer, halb nebeneinander, halb aufeinander. Bald würde es zu warm werden für solche Intimität, denn die Luft, die durch das offene Fenster hereinwehte, roch noch Sommer. Doch noch hinderte sie nichts daran, so einzuschlafen.


© by Nika & Pandorah