Buch I: Der Weg des Tanzes

3. Im Tempel der Vier

Der Weg ergibt sich mit jedem Schritt.
Denke nie, du könntest sein Ende sehen.

Nach Yashodhara, Sohn von Yuvarai


Mayur war schnell gefunden. Nach einem gegenseitigen, freudigen Beglückwünschen verabschiedeten sie sich bis zum nächsten Tag. Dann verließen Yash und Andraj das Lager, um in Richtung des Tempels zu wandern. Yash empfand es als angenehm, die quirlige Aufgedrehtheit der vergangenen Tage hinter sich zu lassen und nur mit seinem Bruder der Straße durch die ruhigen, sonnenbeschienenen Hügel zu folgen. Sie sprachen wenig, doch es war ein vertrautes Schweigen, das sie erst brachen, als sie Sankait erreichten.

Über eine schattige Straße, die von hohen, alten Bäumen gesäumt war, erreichten sie schließlich die Tempelanlage. Wie alle Heiligtümer war auch dieses nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet, die den Vier Brüdern geweiht waren. Stetig brannte das Feuer auf dem südlichen Turm, leise Töne drangen vom östlichen zu ihnen, hervorgerufen durch die Glockenspiele, die im leichten Wind schwankten. Im Norden rauschte ein kleiner Wasserfall einen künstlichen Berg hinab, während sich im Westen die Strahlen der untergehenden Sonne in den zahllosen Kristallen fingen, die den massiven Turm schmückten.

Durch ein mit Reliefs geschmücktes Tor betraten sie die innere Anlage. Andraj fühlte Ehrfurcht in sich aufsteigen und schenkte Yash ein schüchternes Lächeln.

"Wunderschön hier", murmelte er tief bewegt. Auch Yash war beeindruckt. Gemeinsam gingen sie durch einen symmetrisch angelegten Garten auf das vierstöckige Gebäude in der Mitte der Türme zu, betraten dieses und wurden sofort von kühler Luft umfangen, die leicht nach Sandelholz und Zimt roch. Auf einem Kissen neben dem Eingang saß ein betagter Mönch. Er blickte auf, als die jungen Männer sich umsahen.

"Die Vier zum Gruß, ehrwürdiger Bruder. Ich bin Yash, Sohn von Yovan, und mein Gefährte ist Andraj", stellte Yash sie mit einer Verneigung vor.

"Ich heiße Euch im Tempel Der Vier willkommen", begrüßte der Alte sie freundlich, dann erhob er sich. Seine Figur und seine Geschmeidigkeit ließen darauf schließen, dass er einst viel getanzt hatte. "Ihr seid hier, um die Gnade Der Vier zu empfangen für den Bund, den ihr eingehen wollt."

Wortlos nickten sie.

"Dann folgt mir." Der Mann wies ans andere Ende des Raumes und ging gleich darauf vorweg, ohne sich noch einmal umzudrehen. Er führte sie durch die Eingangshalle und einen langen, hohen Gang entlang, dessen Fenster Glasmalereien mit Motiven der Vier aufwiesen, vorbei an dem mit einer Kuppel überdachten Haupttempel, in den sie nur einen kurzen Blick durch eine offene Doppelflügeltür werfen konnten.

Er brachte sie in den hinteren Teil des Tempels, in dem sich die Räumlichkeiten der Priester befanden. In einem runden Gemeinschaftsraum lagen um niedrige Tische Sitzkissen auf dem Boden; zahlreiche Pflanzeninseln mit Springbrunnen und Feuer in steinernen Schalen schmückten ihn. Vier Durchgänge führten zu den angrenzenden Kulträumen, die den einzelnen Brüdern geweiht waren.

Der erste Blick fiel auf den in einem tiefen Braun umrahmten Türbogen Dheemants, in den Kristalle eingelassen waren. Er wanderte weiter zum roten Türbogen Rameshs, den eine goldene Sonne krönte. Der Eingang Keirs war durch taubenblaues Organza verhängt, das in einem leichten Wind tanzte, und ein voller Mond wachte über den Zutritt zu Lahiris blaugrünem Reich.

Yash war bereits einige Male in großen Tempeln Der Vier gewesen, und jedes Mal umfing ihn erneut tiefe Ehrfurcht. Eine friedliche Ruhe lag über dem Ort, die alles Weltliche verbannte und nur Raum für die Konzentration auf das ließ, was wichtig war. Yash mochte dieses Gefühl; aus den Augenwinkeln sah er zu Andraj hin, der sich staunend umsah, und musste lächeln.

Schließlich erreichten sie am Ende eines Ganges ein kleines Zimmer, das nur ein schmales Bett mit einer Truhe am Kopfende, einen Waschtisch, zwei Sitzkissen und einen weiteren, niedrigen Tisch enthielt. Vor dem Fenster hing ein kristallenes Windspiel, das seine Farben über die weißgetünchten Wände huschen ließ.

Der Priester wies auf die Truhe. "Hier könnt ihr euer Gepäck verstauen. Dann entledigt euch eurer Hemden und Westen, damit ich eure Handgelenke zusammenbinden kann. Nach dem morgigen Tag werdet ihr Schwertbrüder sein. Ihr werdet sein wie ein Mann, und an diesem Abend und in dieser Nacht müsst ihr euch fragen, ob ihr es wirklich sein wollt."

Yash nickte. Für ihn gab es keinen Zweifel. Rasch stellte er den Rucksack neben der Truhe ab, dann zog er Weste und Hemd aus und legte sie auf den Truhendeckel.

Andraj tat es seinem Freund nach, aber immer wieder huschten seine Augen umher. Zusammenbinden? Da war nur ein Bett, was wohl bedeutete, dass sie dort gemeinsam schlafen würden. Irgendwo in Andrajs Hinterkopf hörte er die strenge Stimme seines ersten Meisters: 'Mit Männern tanzt man im Kreis der Ehre, im Bett nur mit Frauen.'

Fahrig schlüpfte er aus seinen Sachen, faltete sie schlampig zusammen und stapelte sie neben Yashs. Selten war er so nervös gewesen. Fast wünschte er, die private Zeremonie, die sie beide allein in dem kleinen Wäldchen abgehalten hatten, hätte genügt. Er biss auf seiner Unterlippe herum, was er nicht mehr getan hatte, seit er fünfzehn Jahre alt gewesen war.

Entschlossen drückte er allen Zweifel beiseite; wenn es nun einmal so Tradition war, sollten ihn solche Nichtigkeiten nicht stören. Immerhin gefiel es den Vier Brüdern so. Und er tat es für Yash. Mit einem unsicheren Lächeln wandte er sich an seinen Freund. "Sollen wir auch gemeinsam die Latrinen aufsuchen?"

Yash lachte nach einem Blick auf das amüsierte Schmunzeln des Priesters. "Ich fürchte, das gehört dazu. Ich werde mich brav abwenden – und mir die Nase zuhalten." Er zwinkerte ihm zu, doch ihm verging das Lachen, als der Priester die Hand ausstreckte und verlangte: "Eure Waffen."

Yash hatte sich kaum von seinem Schwert getrennt, seit er es bekommen hatte. Die Worte seines Vaters hallten in ihm wieder. 'Verlierst du dein Schwert, verlierst du deine Ehre und deine Männlichkeit. Das Schwert ist der wichtigste Besitz eines Mannes. Es ist seine Seele.'

Natürlich wusste er, dass der Schmied des Tempels die Parierstangen anpassen musste. An dem bis dahin ungeschmückten Ende würde eine Rune unter einem Edelstein verborgen bezeugen, dass er einen Schwertbruder hatte, ebenso wie auf der anderen Seite das Zeichen seiner Familie zu finden war. Dennoch fühlte er sich mit einem Mal nackter als ohne Kleidung.

"Sie stehen unter dem Schutz der Vier Brüder", sagte der Priester beschwichtigend, als er nach einem Blick in ihre unbehaglichen Gesichter die Schwerter entgegennahm und sie an einen Novizen weiterreichte. Der Junge ergriff sie ehrfürchtig und verschwand im Gang, sie vorsichtig wie dünnes Glas tragend.

Etwas verstört tauschte Andraj einen Blick mit Yash, doch der Priester ließ ihnen keine Zeit, sich mit dem Verlust vertraut zu machen.

"Stellt euch Schulter an Schulter", forderte der Mann.

Yash und Andraj stellten sich nebeneinander, so dass ihre Haut sich berührte, worauf der Priester ihnen ein Paar eng verbundener Manschetten zeigte. Auf dem hellen Leder waren die Symbole der Vier Brüder eingebrannt, Wellen für Wasser, eine einzelne Flamme für Feuer, eine Spirale für Luft und eine Raute für Erde.

"Diese Fesseln sind symbolisch. Falls es einer von euch nicht ertragen kann, an den anderen gebunden zu sein, kann er die Verbindung in dieser Nacht jederzeit trennen – danach nie wieder. Die Brüderschaft ist kein Bund, der nur Freude bringt. Des einen Bruders Leid ist auch das des anderen."

Dabei sah er Yash stechend an, als ob er den jungen Schwerttänzer durchbohren wollte.

Yash schauderte unwillkürlich, als ob der Schnee der Berge ihn berührt hätte; er fragte sich, ob der Priester von Andrajs Rache wusste und dass er diese Schuld dann genauso würde tragen müssen. 'Aber das tue ich ohnehin schon. Wir sind bereits Brüder.' Es war nichts, was ihn davon abhalten konnte – im Gegenteil. Er wollte Andraj beistehen. Immer.

Der alte Tänzer band sie zusammen und verneigte sich anschließend vor ihnen. "Nun folgt dem Novizen zum Bad, reinigt euch von euren alten Bindungen. Und vom Dreck des Turniers. Danach kommt hierher zurück, und man wird euch etwas zu essen bringen."

Dankbar neigten Andraj und Yash die Köpfe, und der alte Mann verschwand lautlos. An seine Stelle trat ein weiterer Junge und bedeutete den beiden Gebundenen, ihm zu folgen. Schweigend gingen sie dem Knaben nach, der leichtfüßig voran eilte.

Andraj kam es ein wenig seltsam vor, dass er seinen linken Arm nicht so bewegen konnte, wie er es gewohnt war. Nicht unangenehm, nur befremdend. Einmal fing er Yashs Blick und versuchte ein Lächeln.

Die Bäder des Tempels grenzten an das Hauptgebäude und waren innen mit prächtigen Mosaiken verziert.

"Es steht euch alles zur freien Verfügung", sagte der Junge und deutete auf die Säulengänge, die in das Innere führten.

Die beiden Schwerttänzer traten ein und fanden sich kurz darauf in den Umkleideräumen wieder. Andraj begann mit seiner rechten Hand, die ja seine freie war, den Knoten seiner ockerfarbenen Schärpe zu lockern, doch so recht wollte es ihm nicht gelingen.

"Vier und eins!", fluchte er, nahm seine linke zur Hilfe und zog damit auch Yashs Arm zu sich.

Lachend ließ Yash es geschehen, während er mit seiner eigenen Schärpe kämpfte. Die Knoten – geschlungen, um ein Schwert sicher zu halten – waren mit einem Mal nicht mehr einfach zu lösen.

"Na, da haben wir ja ein paar interessante Stunden vor uns", meinte er amüsiert. "Stell dir mal vor, wir müssten auf die Art längere Zeit verbringen, nicht nur eine Nacht. Ich habe gehört, dass es vor ein paar Jahrhunderten noch selbstverständlich war, vier Wochen aneinander gebunden zu werden."

"Die Armen", murmelte Andraj, eigentlich mehr damit beschäftigt, Yashs Hand aus intimen Gegenden herauszuhalten. Als der Knoten gelöst war, zog er die Schärpe locker; zusammen mit seiner Hose glitt sie zu Boden.

"Das hätten wir!", bestätigte er erleichtert. Er wandte sich Yash zu und wartete, dass sein Arm mit Yashs zusammen den Knoten lockerte.

Mit der freien Verfügung beider Hände war Yash wesentlich schneller fertig. Ein wenig ungeschickt, da sie noch nicht daran gewöhnt waren, aneinander gebunden zu sein, hoben sie ihre Kleidung und die Schuhe auf und legten sie auf die seitlichen, niedrigen Bänke.

"Aber wenn wir nicht einmal das durchhalten, dann haben wir es wirklich nicht verdient, Brüder zu sein."

Yash zog seinen Freund in Richtung des dampfenden, runden Beckens, in dem man sich wusch, bevor man das eigentliche Bad nutzte.

Genießerisch atmete er durch, als sie die vier Stufen hinabstiegen und sich dann im warmen Wasser auf einen Vorsprung setzten. "Der arme Mayur. Dass ihm das kein Vergnügen bereitet, ist wirklich eine Schande."

Andraj nickte nur. Das heiße Wasser lockerte seine Muskeln, die er an diesem Tag nach den Kämpfen völlig vernachlässigt hatte. Überall in seinem Rücken und den Armen waren Knoten und Verspannungen. Seufzend reckte er sich neben seinem Bruder. Da sie so eng beieinander saßen, konnte er den Unterschied in ihren Hauttönen deutlich erkennen. Es faszinierte ihn, wie verschieden sie waren und wie sehr sich doch ihre Leidenschaften glichen. Der Schwerttanz, ihre Schwerter und ihre Freundschaft.

"Was auch immer geschieht, du sollst eines wissen – ich bin froh, dass ich dich getroffen habe", sagte er leise und errötete.

Die Gedanken an Mayur verschwammen, und Yash gab zu, dass es ohnehin Andrajs und seine Nacht war, an der keiner außer den Göttern noch Anteil haben sollte.

Er sah zu seinem Freund hin, während er den Arm in der Manschette verdrehte, um Andrajs Hand umfassen zu können und sie festzuhalten. Das Gefühl von Vertrauen und Vertrautheit wärmte ihn weit mehr, als es das Wasser konnte. "Dass Die Vier uns füreinander bestimmt haben, wusste ich von dem Moment an, als ich dich das erste Mal tanzen sah, Andraj. Unsere Leben, unsere Seelen sind untrennbar miteinander verbunden. Das hier ist nur noch das äußere Zeichen dafür."

Die dunklen Finger, an denen die Schwielen jahrelangen Schwertgebrauchs genauso stolz prangten wie an seinen eigenen, schienen mehr als nur Wärme auszusenden, denn Andraj fühlte, wie sein Mund sich zu einem glücklichen Grinsen formte. Dann erinnerte er sich an sein erstes Treffen mit Yash und lachte leise, einfach weil in ihm alles vor Glück geradezu glühte. "Da waren Die Vier und du aber sehr viel scharfäugiger als ich. Du musstest mich erst mit der Nase darauf stoßen."

Beide lachten kurz; dann nickte Andraj in Richtung der richtigen Bäder. "Lass uns nachsehen, ob die Priester hier tatsächlich dieses entspannende Öl haben."

Yash nickte ebenfalls, dann nahm er sich die Freiheit und Andrajs Arm in Besitz, um sich gründlich von den Finger- bis zu den Fußspitzen zu strecken. Nachdem er sich kurz abgerieben und auch Andraj genug Freiheit dafür gelassen hatte, verließen sie das kleine Becken.

In einem Nebenraum entdeckten sie ein ganzes Regal voller Öle in den verschiedensten Farben. Beinahe eifrig untersuchte Andraj die kunstvollen Flakons. Manche öffnete er und roch daran, hielt sie dann Yash unter die Nase, damit dieser auch etwas davon hatte. Sein Freund lachte nur und schüttelte den Kopf.

Ein ausnehmend schlanker Flakon war mit einem hellblauen Öl gefüllt, und als Andraj daran roch, erschrak er fast. Der Duft erinnerte ihn an Yash, an die Essenz seines Freundes, die er im Zelt unter all dem Staub und Schweiß wahrgenommen hatte. Klar, wild und frisch. Wie eine Droge stieg es ihm zu Kopfe, und schnell stopfte er den Stöpsel zurück in die Öffnung.

Er blinzelte ein paar Mal, um seinen Blick zu klären, dann zog er dringlich an der Fessel. "Gehen wir lieber baden."

"Das Öl sollten wir ohnehin besser nachher nehmen."

Verwirrt über die plötzliche Eile und die Röte, die Andrajs Wangen überzogen hatte, folgte Yash ihm ins Bad, dessen Deckenmosaik die Vier Götterbrüder zeigte, hier natürlich beim Bad. Hinter zwei Türen verbargen sich eine Dampfgrotte und eine Sauna, die Yash daheim sehr zu schätzen gelernt hatte. Mit einem freudigen Ausruf zeigte er auf die Tür zur Dampfgrotte. "Was hältst du davon?"

Drinnen war es zu heiß, um etwas anderes zu machen als zu schwitzen. Sie saßen schlaff nebeneinander, Andraj dämmerte müde vor sich hin. Die Mattigkeit wurde zudringlicher und er weniger wehrhaft.

"Wenn ich hier nicht gleich rauskomme, schlafe ich ein", murmelte er. "Und dann musst du die ganze Nacht hier mit mir in der Hitze liegen bleiben. Oder du trägst mich ins Bett."

"Mit den Manschetten könnte das schwierig werden, aber bevor ich zulasse, dass wir die Nacht hier verbringen, werde ich das selbstverständlich tun."

Yash fühlte sich zwar nicht wirklich so heroisch. Schon allein, sein eigenes Gewicht irgendwohin zu bewegen, erschien ihm im Moment sehr anstrengend, wohlig schlapp, wie er war. Aber andererseits fand er den Gedanken überraschend aufregend, Andraj nackt in seinen Armen zu halten. Rasch verbot er sich den Gedanken. "Allerdings wäre es jetzt am vernünftigsten, wenn wir uns abkühlen gehen."

Sie verließen die Grotte, tauschten einen wilden Blick, als das kalte Becken in Sichtweite war, und stießen einen Kampfschrei aus, bevor sie zusammen losrannten und ins Wasser sprangen. Als sie wieder auftauchten, paddelten sie in erstaunlicher Harmonie. Nachdem sie ein wenig abgekühlt waren, machte sich der Hunger bemerkbar.

"Was hältst du davon: abtrocknen, ölen, essen, Bett?", schlug Andraj vor.

Yash grinste breit. "Ich weiß schon, warum ich dich als Bruder will. Der Plan ist so perfekt, dass er von mir sein könnte."

Lachend rangelten sie einen Moment, ohne dass einer den Sieg davongetragen hätte, dann stiegen sie aus dem Becken und gingen zu den geheizten Bänken am Rand des Bades, wo warme Handtücher auf sie warteten. Aus den Augenwinkeln betrachtete Yash seinen Freund, dessen von der Nässe glänzende Haut seine Muskeln betonte. Warum fiel ihm nur gerade in den letzten Tagen mehr und mehr auf, wie attraktiv der andere Mann war? Sie würden Brüder werden, und Andraj würde niemals in Betracht ziehen, mit einem Mann...

Er verdrängte seine aufkommenden Phantasien und griff nach einem der Handtücher.

"Schon in Ordnung, trockne du dich zuerst ab", sagte Andraj und lachte, als sein Arm mit zu Yashs Gesicht gezogen wurde. Yash grinste ihn unverschämt an, mit einem Funkeln in den Augen, das verdächtig nach Hunger aussah. Andrajs Herz machte eine fast schmerzhafte Kapriole bei diesem Blick, doch ebenso schnell beruhigte es sich wieder. Yash war fast fertig, aber an seinen Rücken kam er nicht heran.

"Lass mich das machen", bestimmte Andraj. "Wenn du einfach ein wenig in die Knie gehst, dann kann ich unsere Arme über deinen Kopf heben und stehe hinter dir."

Das klang nach einer vernünftigen Idee, und so machten sie es. Danach war Andraj dran, und wieder vollführten sie die seltsame Schrittfolge, die fast einer Schwerttanz-Übung glich. Oder einer Umarmung, wie Andraj mit trockenem Mund feststellte. 'Vier und Eins, was ist denn bloß mit mir los? Das ist doch nur Yash.'

Wahrscheinlich waren es einfach zu viele emotionale Ereignisse hintereinander gewesen. Die lange Reise, die Tänze, die Aufnahme in die Elitetruppe und nun auch noch die offizielle Brüderschaft, das konnte einen schon verunsichern. Dabei gab ihm die geistige und körperliche Nähe seines Bruders doch die Sicherheit, die er schon so lange nicht mehr gefunden hatte. 'Schlaf! Ich brauche bestimmt Schlaf. Danach bin ich wieder klarer im Kopf.'

Zum Glück war Yash auch fertig, und sie konnten sich aus der verwickelten Position lösen.

Yash hatte es gerne gemocht, den Arm seines Freundes um sich zu spüren, ebenso wie ihn zu umfangen. Auch genoss er es, als sie sich noch einmal in dem Raum mit den Ölen umgesehen hatten, Andraj beim Einölen des Rückens behilflich zu sein. Es fühlte sich gut an, fast zu gut sogar. Die Haut war warm und geschmeidig; er konnte jede Bewegung spüren, wenn Andraj atmete. Yash ließ sich Zeit. Er folgte den Bahnen seiner Finger mit Blicken, entdeckte ein Muttermal nahe dem Grübchen am Hintern und lächelte. Kurz gab er sich der Vorstellung hin, ihn dort mit den Lippen zu berühren, aber lenkte sich hastig ab. Was würde sein Freund sagen, wenn er von diesen für ihn unpassenden und unziemlichen Gedanken ihm gegenüber wüsste?

Er erinnerte sich an den direkten Blick des Priesters, als dieser von Leid gesprochen hatte, und fragte sich, ob es damit zusammen hing. Dennoch war seine Antwort gültig, auch wenn er sie nur in Gedanken gegeben hatte. Es gab keinen Grund, aus dem er Andraj verlassen würde, auch den nicht, ihn ohne Hoffnung auf Erfüllung zu begehren.

Denn dass er das tat, merkte er umso deutlicher, als Andraj begann, ihn einzuölen. 'Und außerdem verbindet uns mehr, als bloßes Begehren es jemals könnte. Unsere Seelen sind eins, wie wir einander geschworen haben.' Niemals konnte er ihn im Stich lassen, das würde Verrat gleich kommen.


© by Nika & Pandorah