Buch I: Der Weg des Tanzes

4. Die Bande der Brüderschaft

Wenn alles zerfällt, bleibt doch immer der Tanz.

Aus: "Betrachtung über den Tanz" von Suddhansu,
Sohn des Ujesh

 

Ihre verschwitzte, staubige Kleidung war entfernt worden, stattdessen lagen weite Hosen aus grober Seide für sie bereit. Diese waren mit Bändern zu schließen, damit entfiel das mühsame Wickeln der Schärpen.

Angezogen kehrten sie in ihren Raum zurück, wo der Tisch bereits für sie gedeckt war. Auf einer heißen Platte lagen in Blättern eingerollte Fleisch- und Fischstücke, dazu gab es Brot, dessen Duft die Nasen der beiden kitzelte. Auch frisches Obst und Gemüse standen in Schalen zum Verzehr bereit. Neben den Tellern befanden sich Kelche und eine Karaffe mit Wein. Andraj merkte erst beim Anblick der Speisen, wie riesig das Loch in seinem Magen war. Er zog seinen Bruder zu den beiden Sitzkissen und ließ sich fallen.

"Das ist ein Essen nach meinem Geschmack", erklärte Andraj mit glänzenden Augen, bevor er sich eine Blattrolle mit Fisch schnappte. Der Fisch war zart, saftig und mit Kräutern gefüllt. Es folgte Brot, ebenfalls würzig und weich. Dem Wein schenkte er einen eher beunruhigten Blick; zwar hatte er Durst, aber Wein bedeutete immer, dass alles verwischte. Er blickte sich nach etwas anderem zu trinken um.

Ein wenig ungelenk schenkte Yash ihm ein, ehe er seinen vollen Becher nahm. Dann widmete auch er sich erst einmal dem Essen, das wirklich ausgezeichnet war.

"Deutlich besser als in der Akademie", sagte er genießerisch und zupfte ein paar gekühlte Trauben aus einer der Schalen. "Allein für die Bewirtung könnte man schon fast öfter den Schwertschwur ablegen. Probier mal den Wein, der ist wirklich delikat." Er grinste. "Du musst heute nicht mehr tanzen, und hier bin nur ich, der dich sehen kann, wenn du betrunken bist. Behaupte nicht, du würdest dich vor mir schämen."

Andererseits hatte er Andraj genauso wenig mit einem Schwips erlebt, wie er Mayur in mehr als knöcheltiefem Wasser gesehen hatte.

Mit einem vagen Grinsen nahm Andraj den Kelch an. Der Wein roch erdig und schwer; ungefähr das Gegenteil von dem, was er bei Yash eingeatmet hatte.

"Wenn du drauf bestehst...", murmelte Andraj und nippte an dem tiefroten Getränk. Der Wein harmonierte perfekt mit dem Geschmack des Fisches. Mit einem leichten Grinsen hob er den Kelch zu einem Trinkspruch. "Auf uns, die einzigen Schwertbrüder, die eigentlich schon Brüder sind."

"Auf uns."

Yash stieß mit Andraj an, um dann einen tiefen Schluck zu nehmen. "Ich bin froh, wenn es morgen offiziell ist. Und ich freue mich, dass ich dich endlich meinen Eltern vorstellen kann. Vater ist sehr neugierig auf dich und deine Tanzkunst."

"Deinen Vater zu treffen, ist eine Ehre für mich. Ich kann es kaum erwarten, ihn tanzen zu sehen, nach all dem, was du erzählt hast."

Manchmal beneidete Andraj Yash um seinen Vater, vor allem in den Momenten, in denen er sich allein auf der Welt vorkam. Die meiste Zeit hindurch war er begierig darauf, von den Tricks und Kniffen zu hören, die Yash noch lernen wollte, die sein Vater aber schon gemeistert hatte.

Seine eigene Schwertkunst hatte Andraj bei verschiedenen Meistern erlernt, die ein unbekannter Gönner für ihn bezahlt hatte. Sein erster Meister war zwar ein formvollendeter Tänzer gewesen, der in keinem Kreis der Ehre jemals einen falschen Schritt gemacht hatte, aber er kannte keine Kniffe oder auch nur Abweichungen von den traditionellen Grundmustern.

'Die Vier Brüder werden mit diesen Schritten geehrt. Wer bist du, dass du sie durch deine Anmaßung entweihen willst?', hallte die Stimme seines Meisters durch seine Erinnerung, und dabei hatte Andraj nebenbei den Kelch geleert.

Wie eine Wolke legte sich der Alkohol über die Wirklichkeit, und er fühlte sich noch entkräfteter als schon zuvor im Dampfbad. Sein Kopf nahm unproportional an Gewicht zu, und er fand, dass die Kurve von Yashs Nacken wie ein verlockender Ruheort aussah. Sowieso war es reizvoll zu beobachten, wie das Licht des Feuers golden auf der Haut seines Bruders spielte. Sie wurde geradezu erleuchtet.

"Du siehst so warm aus...", murmelte Andraj, bevor er leise kicherte. "Warm und einladend."

Yash musste grinsen, als er seinen Bruder ansah, dessen Wangen sich vom Alkohol gerötet hatten. Kein Wunder, dass Andraj sonst keinen Wein trank. Gleichzeitig ließen seine Worte die Wärme, von der Andraj gesprochen hatte, in seinem Magen empor perlen. Es war beinahe, als würde er mit ihm tanzen, allein, nur sie beide ohne Zuschauer. Oder wie in der Nacht ihres heimlichen Schwurs. Zwar fühlte Yash die Wirkung des Weines längst nicht so stark, sie bewirkte aber, dass er die Gedanken zuließ, die er sich sonst verbot. "Willst du dich anlehnen?", fragte er ohne zu zögern.

Zwischen Andrajs Lippen kam nur ein zustimmendes Brummen hervor, fast war es, als würde seine von Yashs Haut angezogen. Er lehnte seine Stirn in die Beuge und seufzte tief. Etwas störend war nur der Duft des Öls, das Yash benutzt hatte. Es milderte Yashs eigenen Wohlgeruch. Er fühlte sich so behaglich wie ein großer Kater am Feuer und schmiegte sich enger an seinen Bruder. Irgendwo hörte er seine eigene Stimme, die auf ihn einredete, aber er wollte gar nicht zuhören.

"Danke", murmelte er zufrieden, dann kräuselte sich seine Stirn. "Wollen wir jetzt schlafen?"

Yash befand, dass es eine gute Idee gewesen war, Andraj zu einem Becher Wein zu überreden. Seine Nervosität vor dem engen Bett war offensichtlich vollkommen verschwunden. Für einen Moment gab er dem Wein ebenfalls nach und lehnte seinen Kopf gegen den seines Freundes, roch die Seife, mit der sie sich die Haare gewaschen hatten, das Öl und darunter ihn. Die Stellen, an denen ihre nackte Haut sich berührte, prickelten von einer Hitze, die es vorher in ihrem Zusammensein nicht gegeben hatte.

'Ob es wieder aufhört, wenn ich mich an seine Nähe gewöhnt habe? Wir waren so lange getrennt.' Doch noch ehe er den Gedanken wirklich beendet hatte, wusste er, dass es sich nicht ändern würde.

"Ja, sollten wir wohl besser. Morgen wecken uns die Priester, und ich will sie nicht vollkommen erschöpft begrüßen."

Vorsichtig berührte er für einen Augenblick den Scheitel mit den Lippen und seufzte leise, dann schob er Andraj sachte von sich, stand auf und zog ihn mit sich hoch.

Nachdem sie die Kerzen gelöscht hatten, versuchten sie, eine einigermaßen bequeme Lage zum Schlafen zu finden. Das führte schließlich dazu, dass Yash mit seiner Brust an Andrajs Schultern zu liegen kam, den gebundenen Arm um ihn geschlungen. Yash konnte nicht anders, als selig zu lächeln.

Mit einem Seufzer sank Andraj in das wartende Dunkel, warm, sicher und behaglich; der Wein machte ihn angenehm müde, und sein Bruder war eine warme Präsenz hinter ihm. Alles war vollkommen und gut. Dann wurde es kühler, und eine Art Nebel verschleierte seinen Blick.

Er hob den Kopf und sah etwas auf dem Boden liegen. Ein erschrecktes Keuchen entkam seiner Kehle, als er einen völlig ausgeweideten Körper erblickte. Darüber lungerte ein schnaufender Mann, ein blutiges Schwert in der Hand. Vorsichtig und kampfbereit griff Andraj hinter sich, um Yash zu wecken, doch dann erkannte er, dass sein Bruder hinter dem Mörder stand und entsetzt die Hand gegen seinen Mund presste. Er wollte ihm zu Hilfe eilen, aber dann wurde er auf die Augen des Täters aufmerksam. Ein wahnsinniges Blau. Er war es selbst.

Entsetzt erwachte er, drehte sich aus der Umarmung und rüttelte seinen friedlich schlafenden Freund.

"Yash!", bettelte er. "Bitte, wach auf. Bitte!"

Erschrocken riss Yash die Augen auf, sah nur Schwärze und brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Sein Herzschlag verlangsamte sich wieder ein wenig, als er sich erinnerte, wo er war. Er streckte die Hand nach seinem Bruder aus, der über ihm kniete, eine Silhouette gegen den dunklen Raum, und spürte den unvertrauten Widerstand der Manschetten. "Ich bin wach. Was ist, Andraj?"

"Yash, wir können keine Brüder sein, hörst du?"

Panik und tiefste Sorge erfüllte Andrajs Stimme. Intensiv sah er seinen Freund an. "Ich werde dir keine Ehre machen. Ich kann nicht genau sagen, wie und wann, aber ich werde dich entehren. Das kann ich nicht ertragen. Wir können diese Fesseln lösen und Freunde bleiben. Dann wäre deine Ehre sicher."

Der Ausbruch verwirrte Yash und beunruhigte ihn mehr als die Worte. Andraj ließ sich nie so gehen, war immer beherrscht und gelassen, so dass man das schlummernde Feuer nur während des Tanzes in ihm sehen konnte. Er setzte sich auf, legte ihm die ungebundene Hand in den Nacken und hielt seinen Freund fest. "Du hast schlecht geträumt! Niemals würdest du mich entehren. Nicht du. Und voreinander haben wir es doch schon versprochen; wir sind bereits Brüder, wenn auch nicht offiziell, so doch in unseren Herzen. Ich vertraue dir. Mit meiner Ehre genauso wie mit meinem Leben."

"Ich fürchte um beides. Yash, du verdienst einen tadellosen Bruder, ebenso rein und barmherzig, wie du es bist. Noch weiß keiner, dass wir heimlich Brüderschaft geschworen haben, und es wäre keine Unehre, es uns jetzt zu überlegen."

Er senkte seinen Kopf. Natürlich wollte er Yash für immer bei sich haben; sein Herz lechzte geradezu danach. Aber er liebte ihn zu sehr, um seinen besten Freund mit seinen Pflichten und Unwägbarkeiten zu belasten. "Hast du nicht gehört, was der Priester gesagt hat? Das Leid des einen ist auch das Leid des anderen. Ich möchte aber nicht, dass du nur meinetwegen Leid erfährst. Ich wünsche mir für dich, dass du glücklich bist."

Yash zog ihn sachte, aber mit Nachdruck zu sich und lehnte seine Stirn gegen Andrajs. Von den Manschetten ein wenig behindert umfing er die Hand seines Freundes.

"Ich weiß, was der Bruderschwur bedeutet", sagte er leise und eindringlich. "Aber siehst du nicht, dass unsere Leben ohnehin schon miteinander verwoben sind? Wenn dich Leid trifft, trifft es mich ebenfalls. Bin ich voller Freude, bist du es auch. Doch wir sind nicht eines Blutes. Ich will dennoch für dich einstehen können, wenn es notwendig ist. Ich will, dass jeder sehen kann, dass wir Brüder sind. Du machst mich glücklich, und du machst mich stolz. Lass mich nicht allein, Andraj."

"Das würde ich nie und das weißt du", murmelte Andraj erstickt. "Doch du solltest einen Bruder haben, der deiner würdig ist. Jemand, der dir in nichts nachsteht. Ein perfekter Tänzer, voller Grazie und Schönheit, so wie du." Er seufzte und hoffte, dass Yash verstehen würde.

"Aber das bist du! Mit niemandem kann ich so gut tanzen wie mit dir. Dein Feuer ist es, was mich beflügelt. Wir haben uns beide die Möglichkeit ertanzt, in den Elitetruppen zu dienen, und ich war in mehr Kämpfe unterlegen als du. Immer, wenn ich dich tanzen sehe, bewundere ich deine Sicherheit, deine Kraft."

Yashs Herz schlug seinem Bruder entgegen, auch wenn er schier an ihm verzweifelte. Er hatte nicht gewusst, dass Andraj ihn so sah, und es war erschreckend, dass er den Mann, dem er mit allem, was er war, vertraute und den er so sehr liebte, so wenig zu kennen schien. "Unsere Leben sind untrennbar verbunden, unsere Herzen schlagen im selben Rhythmus, unsere Seelen sind eins, denn wir sind Brüder auf dem Weg des Tanzes... Wir haben es doch schon einander versprochen", flüsterte er.

"Ja, das haben wir. Und ich habe es mit jeder Faser meines Selbst gemeint, Yash." Andraj lächelte müde. "Mir kommt es nur so vor, als ob die Last der Ehrenschuld meinem Vater gegenüber nicht auf deinen Schultern ruhen sollte. Ich bin schon so lange hinter dem Bastard her und noch keinen Deut weiter als am Anfang meiner Suche. Ich kann nicht einmal meinem Vater seine Ehre zurückgeben. Das tut weh." Er schluckte.

"Wir werden ihn finden, und wenn wir bis ans Ende der Welt gehen müssen", versprach Yash entschlossen. "Es liegt nicht an dir. Wann hättest du denn Zeit für die Suche gehabt? Du hast nur für den Tanz gelebt, um die Perfektion zu erreichen, dass du es mit diesem Schwertlosen aufnehmen kannst. Jetzt aber sind wir Tänzer, jetzt sind wir zusammen. Die Ehre Sharvaars ist nun unsere oberste Pflicht. Unsere, Andraj. Ich bin dein Freund, dein Bruder, und ich will immer für dich da sein."

Vom Beginn ihrer Freundschaft an war es so gewesen, dass Andraj versucht hatte, jedes Hindernis allein zu meistern, dass er Hilfe nur selten angenommen hatte, dass er Sorgen und Trauer in sich vergrub. Es hatte lange gebraucht, ehe er begriffen hatte, dass Yash genauso wie Mayur auch dann an seiner Seite standen, wenn die Welt nicht nur aus der Schönheit des Tanzes bestand. Aber Yash wusste, dass sein Freund noch immer viel vor ihnen verbarg, weil er nicht gewohnt war, seine Sorgen zu teilen und sich auf andere zu verlassen, selbst wenn er vor Einsamkeit zu zerbrechen drohte.

Eine Weile schwelgte Andraj in den Worten, den Versprechen und den Armen seines Freundes, dann nickte er langsam. "Es ist nur so ungewohnt, nicht mehr allein zu sein. Es waren drei Jahre, in denen ich ganz und gar auf mich gestellt war, Yash."

Dann lachte er heiser, weil ihm Gefühle die Luft raubten. "Leider muss ich dir sagen, dass ich außerdem zu den Latrinen muss. Wein vertrage ich einfach nicht."

Auch das war typisch Andraj, und es ließ Yash erleichtert auflachen. Er lenkte von Gefühlen ab, aber dieses Mal war es nicht der Kummer, den er zu verstecken versuchte, so gut kannte Yash ihn dann doch.

Noch einmal drückte er ihn rasch, dann ließ er ihn los und nickte. Um ihn noch weiter aufzuheitern, verkündete er: "Ich bin sogar ein derart guter Bruder, dass ich dich nicht einmal auf diesem schweren Weg allein lasse."

Andraj lachte befreiter. "Wirklich ein guter Bruder, auch wenn ich ehrlich gesagt auf diesem Weg ganz gern alleine wäre." Dann zwinkerte er Yash zu, und die beiden entwirrten sich soweit, dass sie zu den Aborten laufen konnten.

Andraj war froh, dass Yash geflissentlich in eine andere Richtung sah, während er sich erleichterte. Danach wanderten sie zurück in ihr Zimmer, legten sich wieder auf ihr schmales Bett und schliefen friedlich ein.


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Der Frieden währte, bis ein sanftes, aber unerbittlich anhaltendes Klopfen sie bei tiefster Dunkelheit daraus erweckte. Noch immer nicht ganz wach setzten sich die beiden Freunde auf und blinzelten verschlafen zur Tür hin, bis Yash sich dazu aufraffen konnte, die Erlaubnis zum Eintreten zu geben.

Der Novize, der sie am Vortag zu den Bädern geführt hatte, kam herein, entzündete die Kerzen auf dem Tisch und stellte ihnen ein Tablett mit dem Morgenmahl dazu.

"Die Priester werden kommen, wenn ihr fertig seid", erklärte er, dann verließ er sie mit einer kleinen Verneigung.

Sie standen auf und aßen nur wenig von der traditionellen Speise Der Vier. Brot für Dheemant, Fisch für Lahiri, das Feuer des Pfeffers, mit dem das weiße Fleisch gewürzt war, für Ramesh und die schaumig geschlagene Buttermilch für Keir.

Sie hatten das Mahl kaum beendet, als der klare, durchdringende Ton einer Glocke das Nahen der Priester ankündigte. Ohne weiteres Anklopfen betraten diese nur wenig später ihr Zimmer; es waren vier, darunter auch der alte Mann vom Abend zuvor.

Rasch erhoben sich Yash und Andraj und grüßten die Männer mit Ehrfurcht.

"Seid ihr immer noch sicher?", fragte der alte Priester, der die Glocke trug, in freundlichem Ton.

Andraj nickte. Jetzt war er sicher.

Auch Yash nickte. "Sicherer noch als jemals zuvor."


Der Priester ließ sich ihre Arme reichen und löste dann die Manschetten. So gerne Yash sich diesem Ritual auch unterzog, so sehr war er dennoch froh, dass er wieder Herr über seine Gliedmaßen war. Er rieb sich kurz über das Handgelenk, vermied es aber, sich zu strecken, selbst wenn ihm danach war. Es erschien ihm nicht angemessen.

"So werden wir eure Brüderschaft vollziehen, wenn ihr aus den Bädern zurück seid."

Nach einer angedeuteten Verbeugung verließ der Priester den Raum und mit ihm die restliche Gruppe, dabei läuteten sie die Glocke und summten eine althergebrachte Melodie.

Befreit von den Fesseln gingen Andraj und Yash mit großen Schritten zum Bad. Sie sprachen nicht darüber, aber sie wussten, dass jeder von ihnen versuchte, sich auf das endgültige Ritual vorzubereiten. Ein Bad schien wie ein guter Einstieg für eine solche Herausforderung.

Die Vorhallen waren ruhig, ebenso wie der ganze Tempel. Außer ihnen war niemand dort. Sie entledigten sich der Seidenhosen und gingen dann direkt zu den Waschräumen. Nachdem sie sich gewaschen hatten, liefen sie zu den Schwimmbecken, doch als sie um die Ecke bogen, erstarrte Andraj.

Auf den warmen Bänken lagen eng umschlungen zwei nackte Männer. Ihre Münder waren offen, damit die Zungen ihren frenetischen Tanz aufführen konnten, dazwischen stöhnten und keuchten sie. Obwohl Andraj das Liebesspiel der Fremden schon ein wenig betörte, wandte er schnell seinen Blick ab und wollte nur weg. Zwar wusste er, dass dieser Tempel der zwangloseren Glaubensrichtung angehörte, dennoch schockierte ihn dieses Verhalten. Es brachte Beklommenheit mit sich und eine vage Furcht vor Strafe.

Yash warf den Liebenden nur einen flüchtigen Blick zu; es war ihm schon öfter passiert, dass er in öffentlichen Bädern über mehr oder weniger versteckte Paare gestolpert war. Dennoch war es das erste, das ihn verärgerte. Sollten die Männer ihren Spaß haben, ihm war es egal. Nicht jedoch hier, da sie Andraj störten. An diesem Morgen wünschte er, dass alles perfekt wäre.

Als sich Andraj entschieden abwandte und dem Ausgang mit großen Schritten entgegen strebte, eilte er ihm hinterher und hielt ihn auf. Er grinste aufmunternd seinen Bruder an, fest entschlossen, auch durch dieses Ereignis ihr Ritual nicht zu unterbrechen. "He, sie stören uns doch nicht, sie sind abseits der Becken. Wir müssen uns reinigen, und das sollten wir nun tun."

Andraj nickte fassungslos. "Das Bad kommt mir nun nicht mehr sauber vor. Es ist falsch und gegen die Regeln Der Vier und des Tanzes", flüsterte er dann, damit Yash verstand, warum er geflohen war. In der Akademie, in der er aufgewachsen war, waren Tänzer nur Gefährten im Geiste. "Zudem sind die beiden wahrscheinlich noch Novizen. Kannst du das fassen?" Er wischte sich verunsichert über seine Stirn. "Beeilen wir uns lieber. Nachher warten alle noch auf uns."

Yash nickte nur, während er Andraj zurück zu den Becken zog. Ein anderes Mal war ein besserer Zeitpunkt, um über die verschiedenen Auslegungen der Rollen zu diskutieren. An diesem speziellen Tag wollte er nicht mit ihm streiten.


© by Nika & Pandorah