Buch I: Der Weg des Tanzes

5. Kampf mit den Göttern

Ehre dein Schwert. Es ist die Seele eines jeden Mannes.
Ohne die Klinge bist du nichts.

Aus: "Schwerter" von Rishi,
Sohn von Ravi



Nachdem sie bis über den Kopf in das Wasser getaucht waren und die Becken wieder verließen, warteten bereits zwei Priester auf sie. Sie reinigten die Freunde mit ölgetränktem Sand, der an ihren nassen Körpern kleben blieb. Dann wurden sie in der Sauna mit Hitze, danach von den Priestern mit dem schweren Rauch verbrennender Dufthölzer geläutert, und anschließend erneut mit Wasser gewaschen, das Sand und Schweiß davon spülte.

"Mann, so sauber war ich sicher noch nie", murmelte Andraj mit einem schiefen Grinsen, das Yash nur flüchtig erwiderte. Anschließend wurden ihnen wieder schlichte Hosen und sehr einfache Wickelhemden gebracht, beides aus Rohseide gefertigt und völlig ungefärbt. Als letztes reichte der junge Novize, den sie schon kannten, ihnen Schärpen, für Yash in Blau, für Andraj in Rot. Mit geübten Fingern legten sie auch diese um.

"Folgt mir, Tänzer." Mit einer kleinen Verneigung ging der Junge ihnen voraus. Eilig folgten die Freunde ihm. Immer tiefer drangen sie in den Tempel vor, bis sie schließlich einen offenen Platz erreichten, dessen Mitte von einem ungewöhnlich großen Kreis gebildet wurde. An den Scheitelpunkten der Himmelrichtungen erhoben sich Ehrfurcht gebietend die Statuen der Vier Brüder, die in ihren Händen jeder eine Schale trugen, in der sich ihr Element befand.

Als erstes bemerkten Yash und Andraj, dass Mayur schon da war. Ungewöhnlich andächtig stand er neben dem Priester. Der alte Mann winkte die Freunde heran.

"Vor Den Vieren und diesem Zeugen sollt ihr eure Brüderschaft beweisen."

Er klatschte einmal in die Hände, worauf zwei Männer aus den überdachten Säulengängen hervor traten, die den Hof umgaben. Mit einer Verneigung boten sie ihnen schweigend ihre eigenen Schwerter dar.

"Nehmt sie und werdet eins mit ihnen, so wie ihr eins miteinander werden wollt", forderte der Priester sie auf.

Yash und Andraj lächelten erleichtert, als sie endlich wieder das vertraute Gewicht ihrer Waffen verspürten. Der Priester wartete, bis sie ihm erneut ihre Aufmerksamkeit schenkten, dann deutete er auf die Mitte des runden Hofes. "Tretet in den Kreis als Freunde und verlasst ihn als Brüder."

Gemeinsam betraten sie nach einem Gruß gegen jede der vier Himmelsrichtungen den Kreis. Natürlich hatte Andraj schon mal davon gehört, dass Schwertbrüder im Kampf Rücken an Rücken gegen die Götter zusammengeschweißt wurden, konnte sich aber nicht wirklich ein Bild davon machen.

Bewusst atmete Yash gegen seine Nervosität an. Das war etwas anderes als ihr Schwur im Wald, etwas anderes als jeder Tanz im Turnier. Beinahe wäre er zusammengezuckt, als unvermittelt dumpfer, langsamer Trommelschlag einsetzte. Er schien von überall und nirgendwo zu kommen und vibrierte in seinem Körper wider.

Eine Weile geschah nichts, dann traten hinter den vier Statuen vier maskierte Männer hervor. Sie waren wie Schwerttänzer gekleidet, jedoch vollkommen in der Farbe des Gottes, für den sie tanzten.

Ramesh in flammendem Rot, Lahiri in fließendem Grünblau, Dheemant in dem Schwarz und Braun der Erde und Keir in wehendem Graublau. Auf ihren gesichtslosen Masken fanden sich die Symbole der Götter wieder. Perücken wie Flammen, Wasser, Erde und Wind ließen ihr Haar unkenntlich werden. Handschuhe verbargen selbst ihre Hände.

Mit jedem Trommelschlag machten sie einen Schritt, schienen sich nicht um das Freundespaar in der Mitte des Kreises zu kümmern, als sie diesen langsam umschritten, bis sie wieder an ihren Ausgangspositionen angekommen waren. Sie wandten sich dem Kreis zu, und mit einem letzten Schlag verstummten die Trommeln.

Yashs Mund war trocken, während er die blicklosen Augen der Götter auf sich spürte. Das scharfe Singen, als sie in perfektem Einklang ihre Schwerter zogen, füllte die Luft. Die Götter neigten die Köpfe sachte vor den Freunden, kaum wahrnehmbar nur, dann betraten sie den Kreis.

Sie griffen nicht sofort an, sondern näherten sich langsam wie Raubtiere ihrer Beute. Yash und Andraj tauschten einen kurzen Blick, der bedeutete 'Ich zwei, du zwei'.

Synchron wandten sie einander die Rücken zu, um sich gegenseitig Deckung zu geben. Yash sah sich dem Feuerbruder Ramesh und Luftgott Keir gegenüber, während Andraj sich Wassergott Lahiri und Erdbruder Dheemant stellen musste.

Durch die Kleidung und die Masken war es ihnen nicht möglich, Körpersprache, Mimik oder Augen ihrer Widersacher zu lesen. Das beunruhigte die beiden Tänzer, die sich sonst zusätzlich zu ihren Schwertkünsten auf ihre Beobachtungsgabe verließen. Jeder Muskel in Andrajs Körper war bis zum Zerreißen angespannt, sein Atem konzentriert, genau wie Yashs. Es schien, als ob ihre Herzen einheitlich schlugen, schnell und kraftvoll.

Gleich der erste Angriff der Götter war gnadenlos. Die beiden Freunde mussten all ihre Künste aufbieten, um sich zu verteidigen. Als hätten Die Vier wirklich die sterblichen Körper der Priester übernommen, umtanzten diese sie, elegant und machtvoll, ohne Müdigkeit und voller Harmonie. Immer wieder versuchten die Götter, sie abzulenken, um zu dem Ungeschützteren der beiden vorzustoßen. Das erste Mal in ihrem Leben mussten sie zusammen tanzen, füreinander im Kreis einstehen, sich gegenseitig helfen und schützen.

Unerwartet endeten die Attacken, und die Götter wichen zugleich von ihnen zurück, schweigend und ehrfurchtgebietend. Noch während Andraj und Yash Rücken an Rücken standen, misstrauisch auf einen neuen Angriff wartend, verneigten sich Die Vier und traten aus dem Kreis, ein jeder an seinen Platz.

Erneut setzten die Trommeln ein, leiser als zuvor, aber ebenso dumpf, während Yash der Schweiß an Rücken und Brust hinab lief und er sich fragte, ob es vorbei war. Dennoch wagten weder er noch Andraj sich wirklich zu entspannen, auch wenn sie die Schwerter sinken ließen. Yash hörte Andrajs schweren Atem hinter sich, doch er drehte sich nicht zu ihm um, als die vier Götterpriester die Klingen hoben und auf sie richteten.

"Ramesh erkennt euch als Brüder an. Eure Leidenschaft kommt aus demselben Ursprung. Lahiri erkennt euch als Brüder an. Euer Geschick kommt aus demselben Ursprung. Keir erkennt euch als Brüder an. Eure Schnelligkeit kommt aus demselben Ursprung. Dheemant erkennt euch als Brüder an. Eure Kraft kommt aus demselben Ursprung."

Der alte Priester trat hervor, gefolgt von Mayur, dessen ehrfürchtiger Miene Yash ansah, dass ihn der Tanz beeindruckt hatte. Es machte ihn stolz.

"Die Augen Der Vier ruhen mit Freude auf euch", intonierte der Priester und hob die Arme zum Segen. "Sie haben euch anerkannt, denn ihr habt getanzt wie Brüder, voll Vertrauen auf den anderen, füreinander, gegen jedes Unbill. So besiegelt den Schwur."

Yashs Herz schlug bis zum Hals, und das nicht nur von der Anstrengung, als er es endlich wagte, sich zu Andraj umzudrehen. Schweiß bedeckte auch das kantige Gesicht seines Freundes, doch seine Lippen umspielte ein Lächeln. Er hielt ihm den gebeugten Schwertarm hin, und Andraj hakte seinen ein, dann drückten sie ihre Waffen gegen die eigene Brust und sahen sich an. Yash konnte das Feuer seines Bruders in den blauen Augen sehen, die Hingabe, den gleichen Stolz und die gleiche Liebe, die auch er spürte.

Dies war einer der bedeutendsten Augenblicke im Leben eines Schwerttänzers, neben dem Erhalt seines Schwertes, dem Kampf, mit dem er ein Tänzer wurde und der Geburt des ersten Sohnes. So war es kaum verwunderlich, dass die Stimme von Andraj emotionsgeladen war, als sie endlich die Worte wiederholten, die sie schon vor drei Jahren einander dargeboten hatten.

Auch als Mayurs klare Stimme vom Rande des Kreises erklang, wandte Yash seinen Blick nicht von Andrajs Augen, welche die seinen festhielten.

"Ich bezeuge bei meiner Ehre, dass ich am Kreis stand, als diese beiden, Andraj unter der Herrschaft des Feuers und Yash unter der Herrschaft des Wassers, von Freunden zu Brüdern wurden. Keine weltliche Macht soll jemals dieses Band durchtrennen."

Die Trommeln begannen wieder zu spielen, schneller diesmal, dazu stimmten Sitar und Flöten eine heitere Melodie an, die zum Tanzen und Singen einlud.

Der alte Priester trat zu den beiden jungen Tänzern in den Kreis. "Vereinigt sind Feuer und Wasser als Brüder nun, zusammengeschlossen, um den Weg des Tanzes zu gehen. Erinnert euch stets, Tänzer, der Weg hat kein Ziel, außer ihn zu gehen, nur für euch wird er niemals eine einsame Straße sein." Anschließend an seine feierlichen Worte schob er Andraj und Yash mit Nachdruck aus dem Kreis. "Und nun ist es an der Zeit zu feiern, meine Freunde!"

Die Götterdarsteller nahmen die Masken und Perücken ab, so dass man die Männer darunter erkennen konnte. Auch sie kamen zu ihnen, um ihnen zu gratulieren. Der Tänzer, der als Lahiri gekämpft hatte, trat zu Yash, und als er ihn umarmte, flüsterte er ihm ins Ohr: "Einen hübschen Bruder hast du da. Werden seine Augen violett, wenn er erregt ist?"

Yash konnte nicht anders, als leise zu lachen. "In der Leidenschaft des Tanzes siehst du Ramesh in ihnen, alles andere werden wohl nur Frauen jemals erfahren." Er zwinkerte ihm zu, und der andere seufzte bedauernd.

Doch dann wurde der Göttertänzer unwichtig, als Mayur, Keir alle Ehre erweisend, zu ihnen wirbelte, um sie beide gleichzeitig zu umarmen. "Ihr wart großartig! Ihr habt euch nicht einmal behindert, es war, als hättet ihr den Tanz schon immer gekannt. Ich gratuliere euch von Herzen!"

Überwältigt von den Ereignissen und Gefühlen, die auf ihn einstürmten, drängte sich Andraj nur an seinen Freund und genoss den Augenblick. Den makellosen Moment, in dem die Welt und er so waren, wie er es erhofft hatte.

"Danke!", brachte er rau heraus. Als Mayur sie losließ und mit einem glückstrahlenden Lächeln bedachte, fiel Andraj auf, dass er immer noch sein Schwert in der Hand hielt. Er wollte es in die Scheide zurückstecken, als er bemerkte, wie seine Parierstange verändert worden war. An der bis dahin leeren Seite prangte ein roter Zirkon, unter dem Runen zu erkennen waren. Das Namenszeichen seines Schwertbruders kombiniert mit der Wasserrune, verflochten mit seinen eigenen Symbolen. Damit war Yash offiziell sein Bruder geworden, für jeden ersichtlich, offen, frei und völlig selbstverständlich. Stolz zeigte er die Ergänzung an der Waffe seinen Freunden.

Erst jetzt widmete auch Yash seinem Schwert einen genaueren Blick, um das entgegengesetzte Zeichen zu Andrajs zu finden. Er hielt die Klinge neben die des Mannes, der nun endlich sein Bruder war und fühlte den gleichen Stolz und die gleiche Liebe wie in jener Nacht, die nur ihnen gehört hatte.

Schließlich folgten sie den Priestern gut gelaunt in den Gemeinschaftsraum, in dem erlesene Speisen angeboten wurden. Zusammen sanken sie auf einige Sitzkissen, wo sie sogleich von den jüngsten Novizen im Tempel bedient wurden.

Das Fest zog sich über ausgelassene Stunden hin, begleitet von lustigen Tänzen, spaßhaften Nachahmungen des Brüdertanzes und lebhafter Musik. Nach der Ernsthaftigkeit des Rituals genossen sie es, auch die lichten Seiten des Bruderschwurs zu spüren. Gleichzeitig bot sich endlich die Gelegenheit, zu dritt das Ende ihrer Lehrjahre und den erfolgreichen Ausgang des Turniers zu feiern.


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Am Abend verabschiedete sich Mayur, um seine Herberge aufzusuchen, während Andraj und Yash noch für die Nacht im Tempel blieben. Sie teilten zwar nach wie vor ein Zimmer, doch dieses war mit zwei breiten Betten ausgestattet. Fast bedauerte Yash diesen Zustand, aber es war deutlich komfortabler, sich drehen und hinlegen zu können, wie er es mochte. In einer Truhe fanden sie auch ihre eigene Kleidung wieder, frisch gewaschen und ordentlich zusammengelegt.

Andraj fühlte sich so wohl wie lange nicht mehr, müde und glücklich. Er hockte sich auf sein Bett und sah verträumt zu, wie Yash sich mit der für ihn typischen geschmeidigen Grazie auszog. Yashs Koordination und die Gewichtsverlagerung konnte er sogar in seinem abgeschlagenen Zustand nur bewundern. Dann wand er sich aus seinen eigenen Sachen und rieb sich die Augen wie ein kleiner Junge.

"So ein kurzer Kampf und ich bin hundemüde", amüsierte er sich über sich selbst. "Gute Nacht, Bruder."

Er schlüpfte auf sein Bett und hielt noch einmal kurz inne, als ihm etwas einfiel. "Was hat der Lahiri-Tänzer heute Morgen eigentlich zu dir gesagt?"

Yash lachte auf und zog die leichte Decke bis zum Bauch hoch. Er stützte sich auf einen Ellbogen ab und sah zu Andraj hinüber. "Er hat mir ein Kompliment zu meinem attraktiven Bruder gemacht und gefragt, ob deine Augen violett werden, wenn du... du weißt schon." Er grinste amüsiert, als sich langsam Verstehen in Andrajs Gesicht ausbreitete. "Und, werden sie es?"

Mit heißen Wangen dachte Andraj darüber nach. "Ich weiß es nicht. Vielleicht sollte ich mal nachfragen. Sie haben nicht in meine Augen gesehen, denke ich." Er zog die Brauen zusammen. "Und ich nicht in ihre."

Und er hatte auch nie das Bedürfnis dazu verspürt. Alles war nur ein Tanz. Man ging miteinander ins Bett, tanzte nach den Regeln der körperlichen Lust und dann ging man seiner Wege. Vor allem, wenn man nicht an einem Ort bleiben konnte, so wie Andraj.

"Ich frag das nächste Mal nach." Dann kuschelte er sich ein, um zu schlafen.

Yash grinste und blies die Kerze am Kopfende seines Bettes aus, ehe auch er sich zurücklegte. 'Frag nicht, lass es mich prüfen.'


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Am nächsten Morgen erwachte Andraj zeitig und fragte sich, wo er war. Der Schwur fiel ihm ein, und er musste lächeln. Leise stand er auf und betrachtete den schlafenden Yash. Immer hatte Yash ihm gefallen, allein schon durch seine Präsenz und sein Charisma, doch er musste zugeben, dass sein Bruder sehr anziehend war. Er schüttelte den Kopf über diesen Gedanken und berührte leicht Yashs Schulter. "He Bruder, aufwachen!"

Yash blinzelte verschlafen.

"Die Sonne geht auf. Wir sollten schnell ein paar Übungen machen und uns dann waschen, damit wir noch heute loskommen."

Schnell waren sie aus dem Bett und angekleidet. Anschließend griffen sie nach ihren Schwertern und gingen zu den Kreisen des Tempels, wo schon ein paar Männer ihre morgendlichen Schrittfolgen absolvierten. Yash und Andraj lockerten sich zuerst, dann suchten sie sich einen freien Kreis und vollführten ein paar entspannte Schlagwechsel. Jeder konnte den anderen lesen und beantwortete alle Attacken mit der passenden Verteidigung. Bei ihnen war es ein selbstvergessener Tanz, voller Hingabe und Verzückung.

Der alte Priester gesellte sich zu den Beobachtern, die sich um den Kreis der Brüder eingefunden hatten. Nach der traditionellen Abschiedsverneigung trat der Priester zu ihnen und lobte ihre Schwertkunst. "Euch beide haben Die Vier wirklich als Brüder vorgesehen, daran besteht kein Zweifel."

Andraj und Yash wechselten einen glücklichen Blick und strahlten, als sie das vernahmen.

"Ich wünsche euch Kraft und erteile euch den Segen Der Vier für euren Weg."

Voller Dankbarkeit verbeugten sich die beiden und berührten mit vier Fingern ihre Stirn. Danach verliefen sich die Novizen und Priester, während Yash und Andraj sich schnell wuschen und ihre Sachen holten. Sie verabschiedeten sich, bedankten sich bei dem jungen Novizen, der sie bedient hatte, und verließen schließlich den Tempel.

Am Ausgang wartete bereits Mayur auf sie, wo er sich mit einem fremden Mann unterhielt. Die einfache Kleidung und die Farben der Bänder am Schwertgriff bekundeten, dass er als Bittsteller kam.

"Da seid ihr ja, Langschläfer", neckte Mayur, als sie zu ihm traten. Höflich verabschiedete er sich von dem Fremden und schloss sich seinen Freunden an.

Den ersten Tag wollten sie zusammen gehen, ehe sich in Dhaupur ihre Wege trennen würden. Die schon kräftige Sonne versprach wieder einen heißen Tag, als sie die Straße nach Nordwesten betraten.


© by Nika & Pandorah