Buch I: Der Weg des Tanzes

6. Ein erster Kuss

Wir sind Brüder nur im Geiste.

Nach Ujesh, Sohn des Pariket



Sie erreichten die Stadt erst nach Sonnenuntergang. Ihre späte Ankunft führte dazu, dass sie länger am Tor aufgehalten wurden, bevor sie passieren durften. Die billigeren Herbergen waren bereits alle überfüllt, was sie vor die Wahl stellte, sich entweder zu dritt ein kleines Zimmerchen mit zwei Betten zu teilen, oder eine teurere Unterkunft zu suchen. Es brauchte eine Weile, ehe Yash Mayur davon überzeugt hatte, dass er gerne das zusätzliche Geld für eine Übernachtung dort bezahlte. Inzwischen konnte Mayur – im Gegensatz zum Beginn ihrer Freundschaft – finanzielle Großzügigkeit häufiger akzeptieren.

Nach einem gemeinsamen, reichhaltigen Frühstück trennten sich am nächsten Morgen ihre Wege. Andraj und Yash versprachen Mayur, ihn später in seinem Heimatdorf Anwar nahe der Grenze zu Chinkud zu besuchen. Ihr Freund wollte natürlich seiner Familie von dem Erfolg in Sankait berichten und diesen noch einmal kräftig feiern.

In der noch frischen Luft des jungen Morgens ließen Yash und Andraj schließlich Dhaupur hinter sich. Andraj empfand es als ein wenig seltsam, dass er bald nach Dvaraka zurückkehren würde, die Stadt, in der er geboren worden war. Es war, als ob sich ein Kreis schließen würde. Er war gegangen, um den Tod seines Vaters zu rächen, indem er den Mörder fand. Nun kehrte er zurück, ein Schwerttänzer zwar, aber sonst hatte er keine Fortschritte gemacht. Vielleicht hatte ja Yashs Vater wertvolle Hinweise für ihn. Ein Lächeln glitt über sein Gesicht.

"Ich freue mich auf deine Familie", erklärte er seinem Bruder, der schweigend mit kraftvollen Schritten neben ihm ging. Es war neu und doch so vertraut, jemanden an seiner Seite zu haben. "Aber zusammen mit dir zu reisen ist fast noch besser. Es ist schön, alles teilen zu können, alle Erfahrungen gemeinsam zu machen."

Yash sah zu ihm hin und erwiderte das Lächeln. "Ich habe mich lange danach gesehnt. Danach, dass wir allen unsere Brüderschaft bewiesen haben und endlich beisammen sein können, dorthin reisen, wohin der Wind uns trägt. Ohne Pflichten anderen gegenüber, und nicht nur über eine so kurze Zeit wie ein Turnier oder ein Trainingslager. Ohne die Tage zu zählen, nach denen wir wieder getrennt werden. Ich habe dich jedes Mal vermisst."

Andraj wusste sehr wohl, wie es war, wenn er sich nach einer gemeinsamen Zeit mit Yash zur Seite drehte und etwas zu ihm sagen wollte, doch der andere war nicht dort. Es war, als wäre ein Teil seines Selbst nicht da. Mit einem erleichterten Grinsen freute er sich, dass es Yash auch so erging. Beschwingten Schrittes näherte er sich seinem Freund und rempelte ihn mit seiner Hüfte an, so als ob er sagen wollte: 'Ich dich auch'.

Dem grinsenden Gesicht seines Bruders präsentierte er ein herausforderndes Heben der Augenbrauen. Yash wollte ihn als Erwiderung mit der Schulter anstoßen, doch Andraj ging einfach ein wenig schneller. Das ließ sich Yash nicht gefallen und holte auf, aber Andraj beschleunigte noch mehr, so dass Yash ihn schließlich rennend verfolgte. Mit einem heroischen Sprung griff er nach Andrajs Arm und zusammen rollten sie lachend in das Gras neben der Straße.

Wie Jungen balgten sie, johlend, fluchend und voller Zuneigung.

Schließlich gewann Andraj die Oberhand und rollte Yash auf den Rücken, um sich dann auf seine Oberschenkel zu setzen. Triumphierend sah er hinunter auf seinen Bruder, dessen sonst immer so tadellose Haare sich aus dem Zopf gelöst hatten und wild auf seinem Gesicht lagen. Aus für ihn unerfindlichen Gründen verspürte er den Drang, die Haare beiseite zu streichen, doch er verdrängte das Bild seiner Finger, die nahe an Yashs Lippen vorbei glitten.

"Habe ich gewonnen?", fragte er stattdessen heiser.

Schwer atmend erwiderte Yash den Blick der dunkler gewordenen Augen und spürte sein Herz schneller schlagen, als die Rangelei es hätte hervorrufen dürfen. Andrajs raue Stimme und sein Gewicht auf den Hüften schickten heiße Schauer durch ihn hindurch, und nur die unbequeme Lage, die durch den verrutschten Rucksack kam, verhinderte, dass er sich vollkommen in dem Moment verlor.

Er versuchte, sich noch einmal zu wehren, doch die Bewegung bewirkte, dass er sich gegen Andraj rieb. Das in ihm aufsteigende Kribbeln ließ ihn sich schwach fühlen. Mühsam unterdrückte er seine Erregung. 'Bei Den Vieren, das sollte nicht sein...'

Er nickte und grinste schief. "Ja, ich gebe mich geschlagen."

"Oh..." Auch Andrajs Grinsen scheiterte auf halber Strecke. Es war viel zu heiß, Yash war viel zu nah, und eigentlich waren sie erwachsene Schwerttänzer. Der Laut, der sich seiner Kehle entrang, war kein Lachen, eher ein Keuchen, bevor er aufstand. Seine Bewegungen wirkten, als hätte er den Kampf eben unehrenhaft verloren, matt und unsicher. Er streckte eine Hand aus und bot Yash an: "Komm, ich helfe dir auf."

Yash ergriff sie und ließ sich hochziehen. Er war sich des warmen, festen Griffes, dem er sich jederzeit vollkommen anvertrauen würde, nur zu deutlich bewusst. "Danke", murmelte er und rückte den Rucksack zurecht.

Es dauerte eine Weile, bis sich die angespannte Stimmung wieder gelöst hatte. Unmerklich kehrte auch die gewohnte Vertrautheit zurück. Sie redeten über die vergangenen Jahre in dem Bemühen, alles zu erfahren, was den anderen bewegt hatte.

Am Abend erreichten sie eine kleine Ortschaft, in der sie ein gemütliches Gasthaus vorfanden. Sie bekamen ein Zimmer mit zwei Betten, wo sie erst einmal ihr Gepäck ablegten. Danach besuchten sie das öffentliche Bad, um anschließend sauber zum Gasthaus zurückzukehren. Zusammen ließen sie sich ein gehaltvolles Abendessen kommen und beobachteten, wie sich die Gaststube langsam füllte. Hübsche Mädchen tanzten zu den wilden Melodien von Trommeln und Flöten für die Gäste, Bier wurde serviert, welches Andraj geflissentlich beiseite stellte. Alle Aufmerksamkeit schien von den Tänzerinnen beansprucht zu werden, doch fühlte er, wie jemand sie beobachtete.

"Yash, da starrt uns einer an", brummte er seinem Bruder zu.

Yashs Blick folgte dem seines Freundes, um unvermittelt in dunkle Augen zu sehen. Ein schmaler, schöner Mund verzog sich zu einem kleinen Lächeln, dann zwinkerte der Fremde ihm zu. Unwillkürlich musste auch Yash lächeln.

"Er mag entweder dich oder mich oder uns beide", erklärte er und grinste Andraj an.

Andrajs Augenbrauen zogen sich zusammen, schließlich schmunzelte er ein wenig gequält. "Mag uns? Meinst du damit, er findet uns... begehrenswert?"

"Richtig. Womit er bei dir ja leider keinen Tanz beginnen kann."

Yash bedauerte nicht wirklich, dass der Fremde keine Chance bei seinem Bruder hatte. Andererseits, wenn er an den Moment dachte, als Andraj auf ihm gesessen hatte, dieser Blick, der Ton seiner Stimme... Hastig verdrängte er die Bilder und sah wieder zu dem Fremden hin. Als dieser den Blick erwiderte, hob er mit einem Grinsen kurz seinen Krug. Der Unbekannte prostete zurück und gesellte sich dann zu den Schwertbrüdern.

"Mein Name ist Maddhu, Sohn von Shalin. Wie sind eure, Tänzer?", fragte er über die Musik hinweg. Seine Stimme war wie Samt über scharfem Stahl, gefährlich und sanft zugleich.

Andraj war plötzlich klar, dass der Mann an ihm interessiert war, so wie dieser seine langen, schwarzen Haare zurückwarf und ihm lasziv zuzwinkerte.

"A-Andraj", stammelte er, unsicher und seltsam in den Bann gezogen von den fast schwarzen Augen, die innerlich zu brennen schienen.

Der Mann legte seinen Kopf schief und lachte leise. "Ein schöner Name mit einem Gesicht, das dazu passt."

Andraj merkte, dass Wut wie Lava in ihm emporstieg. Er war doch kein Mädchen! Er atmete gegen seinen Ärger an, bis sein inneres Feuer ruhiger brannte und sein Gesicht emotionslos erschien. "Danke", sagte er kalt, ohne dem aufdringlichen Mann einen Blick zu schenken. Aus frustrierter Ratlosigkeit nahm er nun doch einen großen Schluck von seinem Bier.

Yash spürte, wie seine Laune, die sich gerade gebessert hatte, in die tiefsten Gründe von Lahiris Seen verschwand. Der Fremde fand Andraj interessant, nicht, dass er ihm das verdenken konnte. Aber nicht nur, dass ihm durch Maddhus Konzentration auf Andraj die Ablenkung von der erotischen Ausstrahlung seines Bruders genommen wurde – nein. Gänzlich unwillkommen musste er diesen zornigen Stachel spüren, der sich quer durch seinen Magen bohrte. Andrajs Unsicherheit und der faszinierte Blick zu dem Fremden hin waren ihm nicht entgangen, selbst wenn ihnen direkt Wut gefolgt war. Yash winkte einem der Mädchen und ließ sich ein weiteres Bier bringen.

"Darf ich mich zu euch setzen?", erkundigte sich Maddhu, nachdem er es schon getan hatte. Er rückte sehr nah neben Andraj, so dass ihre Oberschenkel sich berührten. Seine Augen richteten sich aber auf Yash. "Ihr nanntet Euren Namen nicht, Tänzer."

"Yash, Sohn von Yovan", entgegnete er mürrisch, noch eine Spur gereizter, als er bemerkte, dass Andraj das Bein nicht sofort wegzog. 'Großartig, du benimmst dich wie ein eifersüchtiger Trottel.' Das Entmutigende daran war, dass er genau das war. Noch vor wenigen Augenblicken hätte er gerne selbst mit Maddhu geschäkert, doch jetzt, wo dieser sich so offensichtlich für seinen Bruder interessierte, hätte er ihn lieber zum Kampf gefordert.

Andraj wusste nicht, ob er wegrücken oder verharren sollte. Irgendwie wollte er sich selbst beweisen, dass er diesem Maddhu gewachsen war; auf der anderen Seite war der Mann ihm unangenehm. In Yashs Stimme vernahm er eine gewisse Spannung, und er konnte es seinem Bruder nicht verübeln.

Um seine Hände zu beschäftigen, trank er mehr Bier, doch das führte nur dazu, dass alles wässriger und schwerer zu erfassen wurde. Seine Wangen begannen wärmer zu werden, und sein Blut trug die Wärme auch in seine Gliedmaßen. Er versuchte, den Blick seines Bruders zu lesen, aber dessen Augen waren dunkel und verschlossen, fast als würde Yash mit einem Gegner tanzen. Maddhu hingegen schien die Spannung zwischen den beiden Freunden zu amüsieren.

"Zwei schöne Gesichter, was für ein Glück ich heute Abend habe", sagte er mit seiner Samtstimme. "Die Vier selbst haben euch geschickt. Lasst uns zusammen trinken und dann... könnten wir uns vielleicht auf euer Zimmer zurückziehen?"

"Ihr könnt Eure Nacht gerne in den Feuern von Ramesh verbringen", erklärte Yash liebenswürdig, während in seinem Magen der Zorn Blasen zu schlagen schien. Gerade einen betrunkenen Andraj wollte er nicht teilen, erst recht nicht mit diesem übermäßig von sich selbst überzeugten Mann, und Andraj trank außergewöhnlich viel an diesem Abend.

Maddhu verzog seinen sinnlichen Mund zu einem anrüchigen Lächeln, dann bemerkte er mit rauer Stimme: "Euer Freund fühlt sich fast genau so warm wie Feuer an." Dabei glitt seine Hand gegen die Innenseite von Andrajs Oberschenkel. Das war der Moment, in dem sich Finger stahlhart um sein Handgelenk schlossen.

"Verschwinde!", murmelte Andraj eiskalt, sein Blick aber war voller Feuer. "Und zwar schnell!"

Maddhus Knochen wurden schmerzhaft zusammengedrückt.

"Verstehe, ihr wollt unter euch sein", klagte er. "Ich gehe ja schon!"
Bei den Worten ließ Andraj den Mann los und kümmerte sich nicht weiter um dessen Verbleib. Er sah Yash lange an, bevor er kicherte. "Was für ein vierverlassener Blödmann."

Yash schnaubte, während sich sein Puls langsam wieder beruhigte, als der Mann zwischen den anderen Gästen verschwand. "Ich kann ihm sein Interesse an dir ja nicht verdenken, aber Vier und Eins! Mit dem hätte ich nicht mal tanzen wollen!"

Geschweige denn, dass er noch Lust auf einen anderen Tanz in den Laken gehabt hätte, nachdem sie erst einmal ein paar Worte gewechselt hatten. Doch Andrajs Kichern heiterte ihn wieder auf. Er grinste und wies mit einer Kopfbewegung zu der Treppe im hinteren Teil des Raums. "Was hältst du davon, wenn wir uns jetzt zurückziehen?"

Andraj nickte und hoffte verschwommen, dass er überhaupt laufen konnte. Er erhob sich, aber die Bank schien ihn festzuhalten, und so sank er gleich wieder darauf zurück. Ohne dass er genau wusste, wo dieser hergekommen war, tauchte plötzlich Yash an seiner Seite auf, schlang einen Arm um seine Hüfte und half ihm auf.

"Danke", murmelte er und stöhnte auf, als eine Welle von Schwindel ihn überrollte. Zum Glück hatte Yash sie schon ein paar Schritte in Richtung Treppe gelenkt. Er schloss seine Augen und lehnte die Stirn gegen Yashs kantige Schulter. "Tut mir leid. Ich vertrage Alkohol nicht sehr gut. Das, meine helle Haut und die roten Haare habe ich von meiner Mutter. Sie verträgt sogar noch weniger als ich. Vier und Eins!"

Yash konnte für den Moment nicht entscheiden, ob diese Nähe nun gut oder schlecht für ihn war, auf jeden Fall aber zeugte sie von dem Vertrauen, das Andraj in ihn hatte.

"Ich weiß es. Beim nächsten Mal bleiben wir beide bei Wasser." Er lachte und schwankte ein wenig unter dem Gewicht seines Freundes, als er ihn die Treppe hinauf zog.

Erleichtert schloss er die Tür mit einem Tritt hinter ihnen und brachte Andraj zu seinem Bett. Er drückte ihn leicht an sich, ehe er ihn beim Aufsetzen stützte. Auf seinen Bruder hinabblickend, konnte er sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen. "Soll ich dir mit den Schuhen helfen?"

Benommen nickte Andraj, ließ sich zurückfallen und hielt Yash seine Füße entgegen. Während sein Bruder mit den Schuhen beschäftigt war, dachte Andraj an seine Mutter mit ihrem wachen Verstand, der hellen Haut und den wasserklaren Augen, die ihn so einsam angesehen hatten, als er vor Regenfällen des Lahiri dort gewesen war. Und an seinen Schwertvater Chetan, der so viel über Krieg und Waffen geredet hatte.

"Sie liebt ihn nicht", murmelte er. "Ich glaube, dass sie auch Vater nicht geliebt hat. Er hat sie ertanzt, aber sie hat keiner gefragt. Glaubst du, dass es Liebe überhaupt gibt?"

Yash ließ die Schuhe neben das Bett fallen und setzte sich zu Andraj, sah ihm in das energische, jetzt so weiche und wieder melancholische Gesicht. Er wollte ihm über die Stirn streicheln, die Falten wegwischen, wollte seinen Mund berühren und ihn zum Lächeln bringen. Doch er legte nur eine Hand über Andrajs und drückte sie sacht. "Natürlich gibt es Liebe, in tausend Varianten. Meine Eltern haben Glück gehabt. Vater hat um Mutter getanzt, aber es war nur noch, um die Förmlichkeiten zu erfüllen, da sie sich schon lange versprochen waren. Sie haben am Anfang beide gedacht, dass es eine Pflichtehe werden wird, doch sie haben sich lieben gelernt. Und ich liebe dich, das ist sicher."

Andraj blinzelte ein paar Mal, doch er glaubte wirklich gehört zu haben, dass Yash ihn liebte. "Du... liebst mich?", fragte er sehr kleinlaut. Irgendwie fürchtete er die Antwort und andererseits hoffte er, dass es so war. 'Hätte ich doch bloß nichts getrunken!', schwirrte es durch seinen verwirrten Kopf.

Gerade hatte er sich aber auch an etwas viel stärkerem als Bier berauscht: Yashs Empfindungen. Die Matratze schien unter ihm nachzugeben, während er auf die Antwort wartete, die keinen Herzschlag später kam.

"Ja, natürlich. Von ganzem Herzen", antwortete Yash ohne zu zögern, bevor ihm aufging, dass Andraj offensichtlich von einer anderen Art von Liebe ausging, als er gemeint hatte. Zumindest, als er gedacht hatte zuzugeben.

Er hatte von Bruderliebe sprechen wollen, doch letztendlich lief es auf dasselbe hinaus; er erkannte es in diesem Moment so klar und deutlich, als hätte jemand einen Schwertgriff danach gestaltet. Er liebte den Schwertbruder genauso wie den Mann, und doch fürchtete er, dass dieses wahre Missverständnis einen Keil zwischen sie getrieben hatte.

Andraj rollte die Worte in seinem Kopf herum, betrachtete sie von allen Seiten und dann seufzte er. "Ich denke, ich liebe dich auch, aber ich verstehe nicht sehr viel davon." Bitter lachte er auf. "Ich weiß nicht, wie sich Liebe anfühlt." Er hob die Schultern, und es schien, als wäre all seine Einsamkeit in seinen Augen zu einer dunklen Wolke geworden. "Ich verstehe mehr von Rache und Schwertern als von Liebe."

Yash wusste nicht, ob er ohne das Bier den Mut dazu aufgebracht hätte, aber diese Worte und das beinahe schmerzhafte Lachen ließen ihn seine Vorbehalte vergessen. Sacht strich er seinem Schwertbruder die Haare aus der Stirn und legte ihm eine Hand an die Wange; dann beugte er sich vor und berührte Andrajs Mund mit den Lippen, kurz nur, um ihm dann, während sich ihre Nasen noch fast berührten, in die Augen zu sehen, die groß und aufgerissen waren.

"Es ist warm im Bauch", flüsterte er. "Dein Herz flattert, als hättest du zu schnell getanzt. Hitze fließt durch deinen Körper, als hätte Ramesh dich berührt. Du kommst dir leer vor, wenn du allein bist. Und ein Lächeln kann in den düstersten Tag noch Sonnenschein bringen."

Andrajs Lippen brannten geradezu, aber es war ein Feuer, das er nicht löschen konnte. Während Yash sprach, spürte er jedes Wort auf seiner empfindlichen Haut. Sein Atem wurde schwerer, und er konnte den Mann über sich nur fixieren, die Lippen studieren, die gerade seine eigenen berührt hatten. Sein Kopf schien völlig freigeräumt zu sein, es gab nur noch Yash.

"Yash...", hauchte er, die Silbe zog er dabei in die Länge, als ob er den Namen kostete. Seine Zunge fuhr über die geküssten Lippen und schmeckte der Berührung nach. "Yash", wiederholte er; es klang kehlig.

Atemlos sah Yash auf seinen Bruder hinab, als dieser seinen Namen sagte wie niemals zuvor. Als wäre er ein Kosewort geworden, etwas unendlich Kostbares. Andraj liebte ihn. Aber ob er das am nächsten Tag auch noch wahrhaben wollte, wenn der Alkohol verflogen war? Doch dieser Moment gehörte ihm, und er wünschte sich nur, seinem Bruder zeigen zu können, was Liebe war.

Jetzt und für immer. Ihm all das zu geben, was er hatte vermissen müssen, ihm nahe zu sein, ihn zu halten, für ihn da zu sein. Er wisperte seinen Namen und küsste ihn erneut, länger dieses Mal und so weich und voller Liebe, wie er konnte.

Die Berührung war warm und nahm Andraj die Luft, die er aber gar nicht vermisste. Wie von selbst glitten seine Hände um den Brustkorb seines Partners und zogen ihn enger heran. Nach der Trennung des Kusses entkam Andraj ein kleines "Oh..." Auf seinem Gesicht breitete sich ein träges Lächeln aus, und er legte seinen Kopf schräg.

Yash erwiderte das Lächeln; die Welt um ihn herum hatte aufgehört zu existieren. Alles, was er noch wahrnahm, war die Wärme und die Kraft von Andrajs Armen, seine leuchtenden Augen, der Atem, der seine feuchten Lippen streifte und nach Bier roch. Er vergrub das Gesicht an Andrajs Schulter und sog dessen so vertrauten Geruch ein, ehe er direkt neben seinem Ohr leise sagte: "Was machst du nur mit mir? Andraj, mein Andraj..."

"Sch...", beruhigte Andraj sanft. Er zog den Menschen, der ihm am liebsten auf der Welt war, an sich und streichelte das glatte, rabenschwarze Haar. So verblieben sie, während der Lärm aus dem Gasthaus gedämpft zu ihnen heraufdrang. Andraj glitt langsam in einen tranceartigen Zustand völliger Entspannung, sein Atem wurde wieder ruhiger. Seine Lider schlossen sich, und er schlief ein, so voller Vertrauen wie seit seiner Kindheit nicht mehr.

Alles, zu dem sich Yash noch in der Lage fühlte, war, sich die Schuhe von den Füßen zu treten. Er konnte sich nicht von Andraj trennen, der ihm so unverhofft derart viel Nähe schenkte, auch wenn eine unsichere Stimme in seinem Hinterkopf überlegte, wie das Aufwachen werden sollte. Außerhalb des Kreises tanzte Andraj nicht mit Männern. 'Aber er hat sich küssen lassen. Oh, ihr Götter! Kann man so viel Glück verspüren?' Yash schmiegte sich dichter an seinen Bruder und schloss die Augen.


© by Nika & Pandorah