Buch I: Der Weg des Tanzes

7. Zwischen Ablehnung und Verlangen

In allem ist Licht, in allem ist Schatten – so auch in dir und in allen Dingen.

Nach Yashodhara, Sohn von Yuvarai


Seltsamerweise erwartete Andraj fast, das Mosaik an der Decke seines Kinderzimmers vorzufinden, als er langsam erwachte. Er hatte so tief und ruhig geschlafen, dass es fast unwirklich war. Irgendwie beschlich ihn das unangenehme Gefühl, dass er die Nacht in seinen Sachen verbracht hatte. Schnell öffnete er die Augen und setzte sich auf. Neben ihm murmelte Yash etwas Unverständliches und drehte sich um. Andraj griff sich an die Stirn und versuchte, sich genauer zu erinnern, was am Abend zuvor eigentlich vorgefallen war.

Erst war dieser komische Kerl aufgetaucht und dann hatte er Bier getrunken, was keine gute Idee gewesen war. Schnell hatte sich alles in dieses verwaschene Geschehen verwandelt, wie immer, wenn er Alkohol trank. Aber Yash war bei ihm gewesen und... er war geblieben.

Er erinnerte sich an den Moment, als sich ihre Lippen berührt hatten. Andraj keuchte kurz, doch die Erinnerung blieb. Zögernd streckte er seine Hand aus und weckte seinen Schwertbruder.

"Yash, wach auf..."

Das Erste, was Yash mitbekam, war Andrajs dunkle, irgendwie unsichere Stimme direkt bei sich. Dann spürte er die Verspannung in den Schultern und im Nacken, als habe er die Nacht über nicht wirklich gut gelegen, und den leicht schalen Geschmack von Alkohol auf der Zunge. Er grollte leise, wollte noch nicht aufwachen, aber die Erinnerung holte ihn ein, noch vom Schleier der Müdigkeit unscharf und nur langsam klarer werdend.

Küsse.

Und er lag ohne Grund außer dem Wunsch nach Nähe bei Andraj im Bett. 'Vier und eins... ich hoffe, dass ich den Tag überlebe.'

Dennoch öffnete er die Augen, statt sich in seine Müdigkeit zu flüchten, die zudem ohnehin mehr und mehr verschwand. Andrajs Blick erwiderte seinen, und für einen Moment war vergessen, dass sein Bruder nichts von Männern halten wollte, dass sie gestern nur betrunken gewesen waren... 'Ich war nicht sehr beschwipst.'

"Guten Morgen. Was macht dein Kopf?"

Andraj runzelte seine Stirn. "Der spielt nun wirklich keine Rolle. Tut mir leid, wenn ich gestern etwas gesagt oder getan habe, was unehrenhaft war."

Yash richtete sich auf und strich sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht, die sich während der Nacht aus dem Lederband gelöst hatten. Er versuchte, gelassen zu bleiben, auch wenn sein Magen sich unbehaglich zusammenzog.

"Schön, dann musst du dich nicht entschuldigen, es gab nichts Unehrenhaftes." Er zögerte und beschloss, auf Konfrontation zu gehen. Das, was am Vorabend zwischen ihnen geschehen war, wollte er nicht wie einen Fehler dastehen lassen. "Oder behauptest du, dass du gestern nicht die Wahrheit gesagt hast?"

"Dir gegenüber würde ich niemals die Unwahrheit sagen, Yash. Niemals. Glaubst du, das könnte ich?" Fast wurde Andraj wütend, weil Yash ihm so etwas vorwarf. Doch dann schüttelte er den Kopf über sich selbst. Er betrachtete den verschlafenen Mann mit den fragenden Augen, seinen Bruder und den Mann, den er geküsst hatte. "Ich habe alles so gemeint, wie ich es gesagt habe. Ich weiß nur nicht, ob es ein Fehler war."

Beschämt senkte Yash den Kopf. "Es tut mir leid. Du lügst nicht, erst recht nicht mir gegenüber. Ich hatte nur... Angst, dass du es als falsch ansehen würdest."

Dann schaute er wieder auf und Andraj ernst in die Augen, während er nach seiner Hand griff und sie festhielt. "Du bedeutest mir mehr als jeder andere Mensch auf dieser Welt, Andraj. Nichts, was zwischen uns geschieht, so lange es ehrlich ist und von Herzen kommt, kann ein Fehler sein."

Erleichtert atmete Andraj auf und grinste.

"Den Vier sei Dank! Ich wollte schon bereuen, dass wir Schwertbrüderschaft geschlossen haben, wenn dieser Schritt alles zwischen uns verändert."

Er drückte Yashs Hand kurz, bevor er aus dem Bett stieg und an seiner verknitterten Erscheinung herabsah. Mit einem belustigten Schnauben zog er sein Hemd aus. "Was hältst du davon: Frühstück, Übungen, Bad?", schlug er vor.

Yash fragte sich, ob das nun eine gute Grundlage war, auf der man aufbauen konnte, oder ob Andraj jetzt alles für erledigt erklärt hatte. Nach einem Moment des Nachdenkens entschied er, dass die Zeit es zeigen würde und nickte. "Klingt gut."

Er streckte sich, spürte schmerzhaft seine Schultern und hoffte, dass ein ordentliches Morgentraining die Muskeln wieder lockern würde. Rasch kleidete auch er sich um, selbst wenn er das lieber frisch gewaschen getan hätte, aber in diesem Zustand würde er keinen Fuß vor das Zimmer setzen, wenn es sich vermeiden ließ.

Andraj lockerte seine Hand, indem er das vertraute Gewicht seines Schwertes aus dem Gelenk rotieren ließ und musste lachen, als er Yashs angeekeltes Gesicht sah.

"Wenn man viel unterwegs ist, gewöhnt man sich daran, dass nicht immer ein Bad zu finden ist. Komm, Grundübungen wirst du auch so machen können, und die Wirtin roch schlimmer als wir beide zusammen." Er zwinkerte Yash zu, aber hielt ein, als er sah, wie sein Freund die Haare kurz mit seinen Fingern kämmte und in das Lederband zwang. Seine Finger kribbelten danach, es Yash nachzutun. 'Was ist passiert? Was hat sich verändert? Warum ist das alles plötzlich so?', fragte er sich, als er sich wie von selbst seinem Bruder näherte.

"Soll ich?", bot er an.

Yash sah ihn an, dann ließ er die Hände sinken und musste lächeln, als ihn ein wohliges Glücksgefühl durchströmte, weil sich seine Frage so schnell beantwortet hatte. Andraj würde Zeit brauchen, das war unvermeidlich, aber er war sich sicher, dass noch andere Bande als die Schwertbrüderschaft zwischen ihnen bestanden.
"Danke. Gerne."


#


Ausfallschritt linker Fuß, Schwert vor.

Andraj fühlte, wie seine Muskeln sich entspannten und anspannten. Der Brunnenhof des Gasthauses hatte bestimmt schon anderen Tänzern als Übungsplatz gedient.

Mit dem rechten Fuß nachsetzen, blockieren.

Neben ihm führte Yash haargenau dieselben Bewegungen in völligem Gleichklang aus. Jeder lernte sie von dem Tag an, an dem er zu einem Schwertschüler wurde. Dennoch war es sehr angenehm, Yash neben sich zu haben, zu hören, wann er einatmete und wann er seinen Atem dazu gebrauchte, mehr Kraft in den Schlag zu legen.

Schwert über dem Kopf in die andere Richtung drehen, dabei die Hüfte zum Schwungholen nutzen, Attacke auf Brusthöhe des Gegners.

Das Frühstück war reichlich gewesen, aber er hatte sich zurückgehalten. Zuviel Essen behinderte seine Geschicklichkeit.

Nun unter einer Gegenattacke wegtauchen, Schritt vor und wieder wenden, um den Rücken nicht offen zu lassen, blockieren, dann angreifen.

Yashs Haare zu binden war wirklich intimer gewesen, als er gedacht hatte. Yash hatte seine Augen geschlossen und sich zurückgelehnt, dabei sah er so zufrieden aus wie eine schnurrende Katze in der Sonne. Einen Moment war Andraj auch versucht gewesen, die feinen Härchen im Nacken seines Bruders zu berühren, ein Ort, an dem Yash so sanft und unkämpferisch aussah, dass es fast wie eine Illusion schien. Aber er hatte sich zurückgehalten.

Jeder seiner Lehrer hatte die körperliche Liebe unter Männern als unehrenhaft bezeichnet, hingegen die Bruderliebe der Vier gepriesen. Eben jene Zuneigung, die Schwertbrüder verband – makellos.

Yashs Auffassung dieser Gebote war anders, seine Reigen zwischen den Laken machten keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern. Für Yash stellte der Kuss kein Problem dar, so sollte er sich auch keine Gedanken darüber machen. Sicher würden Die Vier es übersehen, solange es nicht wieder vorkam.

Angriff auf den Bauch, Standbein knicken, mit gerade gehaltenem Schwert vorschnellen.

Andraj warf einen Blick auf den Mann an seiner Seite. Yashs Haltung war perfekt, sein Gesicht vollkommen leer, vertieft in die Routine und Beständigkeit des Tanzes. Andraj lächelte. Wenn alles zerfiel, blieb doch immer der Tanz.


#


Schließlich hatten sie ihre Übungen absolviert und kehrten verschwitzt in ihr Zimmer zurück, um gegen einen kleinen Aufpreis ihr Bad zu bekommen. Yash stellte ein wenig verwirrt fest, dass er noch weitaus mehr auf die körperlichen Vorzüge seines Bruders achtete, seit sie sich am Vorabend näher gekommen waren.

Er gab sich Mühe, ihn nicht zu bewundernd oder gar verlangend anzusehen und hielt auch das gegenseitige Rückenschrubben so kurz wie immer. Aber er konnte sich dann doch nicht davon abhalten, im Anschluss noch einmal langsamer die Muskeln entlang zu streichen, um sie zu spüren.

Als sie schließlich aufbrachen und die Straße zur nächsten Stadt entlang liefen, war er in Gedanken versunken. Er fragte sich, wann seine Gefühle für Andraj begonnen hatten, sich von einfacher Freundschaft und von Brüderschaft hin zu Verliebtheit, ja, zu Liebe zu entwickeln. Nicht, dass er nicht immer noch sein bester Freund war, das hatte nicht aufgehört. Nicht, dass er nicht empfand, dass ihre Seelen und ihre Schwerter zusammen gehörten. Aber gleichzeitig begehrte er ihn, wollte ihm auch körperlich nahe sein.

Stumm seufzte Yash und sah aus den Augenwinkeln zu dem anderen Mann hin, der zum Glück ebenso schweigsam und nachdenklich war wie er. Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht, als er sich an den damals noch ein wenig ungeschickten Jungen erinnerte, den er gleich beim ersten Tanz derart für seine Kraft und den ausgeprägten Stil bewundert hatte.

'Von Anfang an war ich verliebt', gab er sich selbst die Antwort. 'Es gab kein Zuerst und kein Danach. Alles ist gleichzeitig gekommen. Nur habe ich nicht richtig hingesehen, vielleicht weil er immer so strikt alles abgelehnt hat, was mit Männerliebe zu tun hat.'

Normalerweise mochte Andraj es, wenn er neben Yash lief und sie gemeinsam schwiegen. Einfach nur, weil sie nicht immer reden mussten – ihre Stille war ebenso beredt wie jede Konversation. Aber nun war es seltsam, wenn Yash ihn anblickte. Als ob sie ihre Natürlichkeit verloren hätten und jetzt immer auf der Kante eines schmalen Grats wanderten. Es gefiel Andraj nicht und dennoch wusste er nicht, wie er es ändern konnte.

Außerdem wirkte die Begegnung mit Maddhu immer noch nach.

Natürlich war es nicht der erste Mann gewesen, der mit Andraj zwischen den Laken hatte tanzen wollen. Aber wenn er alleine war, hatte er ihnen immer mit einem tödlichen Blick zu verstehen gegeben, dass sie Bekanntschaft mit seinem Schwert machen würden, wenn sie sich ihm auch nur näherten. Das alles hatte niemals zu einer Konfrontation geführt, aber als Yash gestern dem arroganten Kerl zu verstehen gegeben hatte, dass er interessiert war, da hatte er es gemerkt. Da war etwas zwischen ihm und Yash im Gange.

Und dann... der Alkohol hatte ihn dazu gebracht, einen Mann zu küssen. Yash zwar, aber doch einen Mann.

'Es war so... innig...'

Lose wie Wrackteile in der Brandung trieben seine Gedanken – an den Kuss, an Yashs Freundschaft, an das Gefühl, bei ihm zu sein und schließlich landeten sie bei der Stimme seines ersten Schwertmeisters.

'Nichts entsteht daraus, wenn Männer sich begatten! Es ist, als würde man Dunkelheit zu Dunkelheit tun, oder Licht zu Licht. Brüder sind wir, im Kampf, im Herzen, aber nicht im Bett.'

Verwirrt hielt Andraj an.

Yash blieb stehen und drehte sich zu ihm um. Er erkannte die Unsicherheit auf dem Gesicht seines Bruders und wusste wieder einmal, dass Andraj ihre veränderte Nähe längst nicht so einfach annehmen konnte wie er selbst. 'Wenn er doch nur nicht so viel von diesen rückständigen Meistern übernommen hätte!' Er rückte seinen Rucksack zurecht. "Es ist der Kuss gestern, nicht?"

Fast erstaunt, dass sein Freund so gut in ihm lesen konnte, sah Andraj auf. Aber warum auch nicht, es war schließlich Yash, und sein Schwertbruder konnte ihn durchschauen, hatte es immer gekonnt.

"Ja, zum Teil", gab Andraj schließlich zerknirscht zu, denn er wollte nicht, dass so etwas zwischen ihnen stehen konnte.

"Du bereust es aber nicht?", fragte Yash vorsichtig nach.

"Ich weiß, du siehst das anders, aber Männer gehören nicht zusammen in ein Bett. Ich bereue nicht, dass mein Schwertbruder und ich einen Kuss geteilt haben, aber es wäre besser, wenn es nicht passiert wäre. Mir gefällt nicht, wie es jetzt zwischen uns ist - als ob wir uns voneinander entfernen."

Damit hatte Yash nicht gerechnet, und für einen Moment entglitt ihm seine Miene. Er hatte es nicht so empfunden.

"Es ist ein wenig anders geworden, ja", gab er zögernd zu. "Aber nicht, als würden wir uns fremd werden. Nur anders. Vielleicht denkst du so, weil du anderes gelernt hast."

Mit einem Mal war er um Worte verlegen, was ihm selten passierte. Aber er wollte so sehr das Richtige sagen, dass er ganz angespannt war. "Warum sollen Männer nicht zusammen ein Bett teilen? Wer kann besser wissen, wie ein Mann fühlt, was ein Mann will, als ein anderer Mann?"

"Wenn ich an diesen Maddhu denke... Er hat mich behandelt wie ein Mädchen! Ich bin kein Mädchen, Yash! Das beweist mir nicht gerade, dass er gewusst haben kann, wie ich empfinde." Andraj schüttelte den Kopf, seine vollen Lippen hatten sich zu einer geraden Linie verzogen.

Unwillig schnaubte Yash. "Das war nun aber auch ein Mann der denkbar widerlichsten Sorte. Mehr Gutes, als dass er attraktiv war, kann man wirklich nicht von ihm sagen. Und nachdem ich mit ihm gesprochen habe, finde ich nicht einmal mehr das. Aber es gibt auch Frauen, die genauso sind. Es gibt immer zwei Seiten, Andraj. Und du und ich, wir sind nicht wie Dunkelheit und Dunkelheit oder Licht und Licht. Wir sind Feuer und Wasser."

"Unterschiedlicher geht es kaum, oder? Feuer und Wasser, die Unverträglichen." Andraj trat einen Schritt auf Yash zu, um ihm zu zeigen, dass er ihm immer noch vertraute. "Wir könnten uns zerstören und für was?"

Yash schüttelte den Kopf. "Unverträglich? Nein. Sicher kann Wasser das Feuer löschen. Sicher kann Feuer Wasser verdampfen lassen. Aber genauso gut kann Wasser dafür sorgen, dass Feuer nicht außer Kontrolle gerät, kann Feuer das Wasser beflügeln und es zu Dingen bringen, die ihm allein nicht gelingen würden. Versuche mal, eine Suppe ohne Hitze zu kochen." Er sagte es scherzhaft, doch es war ihm durchaus ernst.

Andraj musste grinsen, aber in seinem Inneren kam es nicht an. Er rückte seinen Rucksack zurecht und begann wieder zu laufen. Dann drehte er sich um und sah Yash lange an.

"Ich bin nicht das Feuer, das du brauchst", flüsterte er schmerzvoll, erinnerte sich wieder an Stockschläge und Gebete auf den Knien.

Yash holte auf, legte ihm eine Hand auf die Schulter und erwiderte seinen Blick offen. "Du bist das einzige Feuer, das es für mich gibt", sagte er leise, aber entschieden. 'Und mein Herz wird nicht von dir lassen, gleichgültig, was geschieht.'

Er wusste nicht genau, an was Andraj dachte, doch die Traurigkeit in den blauen Augen machte, dass er selbst traurig wurde. Er drückte ihn sacht, dann ließ er ihn los, um gemächlich ihren Weg wieder aufzunehmen, während er sich schwor, alles zu tun, damit sein Bruder bekam, was er bisher vermisst hatte, damit er glücklich werden konnte.

Andraj schüttelte den Kopf über die Beharrlichkeit seines Schwertbruders. 'Was im Namen Der Vier ist es nur, was ihn dazu bewegt, so hartnäckig zu sein?', fragte er sich.


#


Andraj und Yash hatten sich zwischendurch nur kurz niedergelassen, um etwas Fladenbrot mit Trockenfleisch und Käse zu essen, Proviant, den sie vom Gasthaus mitgenommen hatten. Sie waren ohne viele Worte den Tag über gegangen, als ihnen eine kleine Truppe von Soldaten auf einem Wagen begegnete.

Yash und Andraj hielten ihre Hände kurz hoch, zum Gruß der anderen Kämpfer, und neigten ihre Köpfe. Unerwartet hielt der Wagen an.

"Seid gegrüßt, Tänzer!", rief eine kräftige Stimme. Ein großer, muskulöser Schwerttänzer sprang vom Fuhrwerk und kam auf die beiden Freunde zu. Gegen den Fremden, der die Brüder anerkennend musterte, war Andraj eine Bohnenstange.

"Seid ihr schon bei den Truppen?", erkundigte sich der Mann.

Besorgt musterte Yash den Wagen, während ihm zu Bewusstsein kam, dass er über die Schwertbrüderschaft und Andraj die Bedrohung durch einen möglichen Krieg vollkommen vergessen hatte. Zu weit weg und zu unwirklich war es ihm erschienen. Schließlich lebten sie schon seit Jahrzehnten in Frieden mit den Nachbarreichen, was nicht zuletzt daran lag, dass Gwalimea so gut wie uneinnehmbar war, geschützt durch hohe Bergketten und die See.

"Wir haben auf dem Turnier zu Sankait getanzt. Gerade sind wir auf dem Weg nach Hause. Sind die Gerüchte über die Bedrohung durch Batur ernst zu nehmen?"

"Ah, Sankait! Ihr seid aufgenommen worden? Ein schlechter Zeitpunkt, um Neulinge einzuweisen, aber auch ein guter, um mehr zu lernen als in Friedenszeiten." Der Schwerttänzer grinste, dann zuckte er mit den Schultern. "Ihr werdet nicht viel Ruhe haben. Richtet euch darauf ein, dass ihr schneller zurückbeordert werden könntet, als euch lieb ist."

Andraj hob eine Augenbraue. "Seid Ihr auf dem Weg an die Grenze?"

"Ja, so ist es. Wir verstärken die Grenztruppen. Es gibt sogar schon Gerüchte, dass der Darjah fremde Hilfstruppen akzeptieren will. Chinkuds Schah hat seine Hilfe gegen die Bedrohung durch Batur angeboten."

Yash und Andraj waren verblüfft.

"Vierverdammt! Fremdländer bei den Truppen", keuchte Andraj. Das war im Grunde eine Unmöglichkeit, in Gwalimea mit seinem Glauben an die Vier Brüder und die Zwei-Die-Eins-Sind, seinen Schwerttänzern und seiner Ehre. Der fehlende Glaube in diese Werte machte Fremdländer zu Feinden. Schon immer war das kleine Land durch seine Lage von den Nachbarländern isoliert gewesen und hatte seine ganz eigene Kultur hervorgebracht, die durch die wirtschaftliche Unabhängigkeit noch gefestigt wurde.

Gwalimea brauchte keine anderen Länder.

Dennoch war die feine, kunstvoll gewebte Seide aus den Bergen, der berühmte rosa Reis und die Schwertschmiedekunst sehr bekannt, und viele begehrten, was das kleine Land sein Eigen nannte. Zusätzlich waren da noch die langlebigen Bewohner, leicht zu erkennen an ihrer Haut, die einen rotgoldenen Schimmer hatte. Es war das Gerücht aufgekommen, dass die Gwalimee unsterblich seien, was nicht ganz der Wahrheit entsprach. Mit einer Lebensdauer von meist über zweihundert Jahren wurden die Gwalimee mehr als doppelt so alt wie die Menschen der anderen Reiche. Oft genug hatten Fremdländer deswegen versucht, Frauen aus den Grenzgebieten zu rauben, um die Langlebigkeit auch in ihre Ahnenreihe zu bringen.

"Die Zeiten haben sich wirklich zum Schlechten gewendet", stimmte der Soldat zu. Er studierte noch einmal die beiden Freunde und grinste dann, traurig und anerkennend zugleich. "Ihr beide könntet mir in meiner Truppe gefallen. Ich bin Samant, Sohn des Falesh, und wir dienen in Vizakhar. Falls es Den Vieren und euch gefällt, könnten wir unser Land gemeinsam verteidigen."

"Wir sind Yash und Andraj, Söhne des Yovan", stellte Yash sie vor. "Es wäre uns eine Ehre."

Es war ein ungewohntes Gefühl für Andraj, mit einem Vatersnamen genannt zu werden, und es ließ sein Herz schneller schlagen.

"Mir auch." Samant schien es damit sehr ernst zu sein. Anschließend sprang er wieder auf den Wagen. "Gehabt euch wohl, Schwertbrüder. Mögen Die Vier euch wohlgesonnen sein."

"Euch auch!" Andraj verbeugte sich vor den Schwerttänzern und der Wagen rumpelte fort.

"Hilfstruppen aus Chinkud!" Yash schnaubte und schloss die Hand um den Griff seines Schwertes. Es kam beinahe einer Beleidigung gleich, dass der Darjah es auch nur in Erwägung gezogen hatte. "Als ob wir darauf angewiesen wären! Derart groß kann die Gefahr nicht sein. Wir konnten uns in den vergangenen Jahrhunderten sehr gut allein verteidigen. Niemand kennt die Berge so wie wir, jeder unserer einfachsten Schwerttänzer nimmt es mit mehreren Batur-Kämpfern auf! Das war bestimmt Gandakis Idee."

Er grollte. Minister Gandaki mochte ein brillanter Schwerttänzer sein, wofür er ihn aufrichtig bewunderte, aber sein religiöser Fanatismus, seine unnachgiebige Strenge und seine Vorliebe für Chinkud, sowie seine generelle Richtung in der Politik riefen bei Yash tiefe Ablehnung hervor.

"Wer ist dieser Gandaki?" Andraj hingegen war in der Politik unbewandert, da er selten mit Leuten zusammentraf, die einen Einblick in die komplizierten Verhältnisse zwischen dem Darjah, seinen Ministern und den Stellvertretern hatten. Yash war jemand aus dieser ihm fremden Welt.

"Anscheinend magst du ihn nicht sonderlich." Andraj lachte leicht, als sein Freund den Mund zu einer Schnute verzog. "Wird sicher sehr interessant, endlich mal einen kleinen Einblick in das Leben am Hofe des Darjahs zu bekommen. Und da ich ja jetzt in den Elitetruppen bin, wer weiß, vielleicht tanze ich mich bis zum Stellvertreter hoch?", scherzte er dann.

"Wenn jemand dafür geeignet ist, dann mit Sicherheit du", gab Yash offen zurück und lachte. "Wenn du noch ein wenig mehr Erfahrung hast, zumindest. Momentan könntest du noch nicht gegen Vater bestehen." Er dachte mit Stolz an den höchst ehrenvollen Tag zurück, an dem Yovan von der alten Klinge des Darjahs zu seinem Stellvertreter ernannt worden war. Natürlich war Gandaki dagegen gewesen, wie bei eigentlich allem, was Yovans Aufstieg betraf, aber er hatte zum Glück nicht viel zu sagen gehabt in dieser Hinsicht.

"Gandaki ist der Minister des Rates, der die Belange der Priester vertritt. Er verfocht seine Sicht des Glaubens derart hart, dass deine gläubigsten Lehrer offen und sinnenfreudig dagegen sind. Seiner Meinung nach verfällt das Land und ist dem Untergang geweiht, wenn die Gläubigen nicht alles bereuen und sich dem zukehren, was die strengsten der Priester sagen. Männer, die einander genießen, sollen am besten gleich hingerichtet werden; Frauen sind dumm, ihnen gehört jedes Recht entzogen außer dem zum Kinderkriegen, Kochen und Putzen." Yash schnitt eine Grimasse. "Allein das ist schon ein Grund, warum Vater und er nicht miteinander auskommen. Meine Mutter hat mehr Talent zum Handel in ihrem kleinen Finger als die meisten Männer jemals haben werden."

Andraj wurde ein wenig wehmütig. "Deine Mutter hat Glück. Meine muss leider unter dem strengen Glauben meines Schwertvaters leiden, wie schon zuvor unter dem meines Vaters. Ich wünschte mir, sie könnte frei entscheiden, was sie tun möchte. Dennoch, sie liebt meine kleine Schwester Yaya sehr. Yaya hat anscheinend ihren Willen zur Freiheit geerbt, denn sie will unbedingt Schwerttänzer werden. Stell dir vor, ein weiblicher Schwerttänzer!" Er legte den Kopf schräg und grinste breit, fast so wie nach ihrem Kuss, dabei schaute er Yash an. "Scheint ja nicht sehr sympathisch zu sein, dieser Gandaki. Hat er viel Macht?"

Bei dem Gedanken an eine Schwerttänzerin hatte Yash lachen müssen, während Andrajs offener Blick ihm Flausen in den Kopf setzte, doch die Erinnerung an Gandaki ließ ihn die Miene angewidert verziehen. "Der Darjah hört ihn gerne an und hält viel von seiner Weitsicht, wie er sagt. Zum Glück schätzt er auch Vater und seine Freunde im Rat, so dass sich die verschiedenen Strömungen einigermaßen die Waage halten. Aber Gandaki ist ein exzellenter Schwerttänzer, ich habe selten einen besseren gesehen. Sie haben noch nie miteinander getanzt, aber ich glaube, er könnte mit Vater mithalten." Zwar gab er das nur ungern zu, aber es entsprach der Wahrheit.

"So gut ist er? Unfassbar." Andraj versuchte, sich einen solchen Tänzer vorzustellen, aber es gelang ihm einfach nicht. "Dein Vater tanzt doch für den Darjah, ich kann nicht glauben, dass andere ebensolche Fähigkeiten haben könnten."

Als er Yash noch einmal ansah, fiel ihm als erstes das Funkeln der untergehenden Sonne in den Augen seines Schwertbruders auf, das die Iris mit einem Goldschimmer versah. Dann realisierte er, dass es dunkel wurde. "Wir schaffen es nicht mehr bis in ein Gasthaus, bevor die Nacht über uns hereinbricht. Sollen wir ein Lager aufschlagen? Ich denke, ich könnte Kaninchen jagen."

Das war der einzige Vorteil daran, immer allein unterwegs zu sein – er hatte gelernt, sich durchzuschlagen.

Yash nickte und wies ein Stück nach vorne, wo am Ufer des kleinen Flusses, dem sie schon eine Weile folgten, einige ausladende Bäume ein Dach bildeten und Büsche etwas Sichtschutz vor der Straße boten. "Das sieht mir gut aus. Gib mir dein Gepäck und geh jagen, ich richte derweil das Lager her."

Nachdem Andraj seinen Bogen und den Köcher gelöst und ihm den Rucksack gereicht hatte, gingen sie in verschiedene Richtungen davon. Der Boden der Stelle, die Yash gemeint hatte, war ein wenig uneben, und so war er erst einmal damit beschäftigt, Steine wegzuräumen, die er gleich nutzte, um sie zu einem Rund für den Feuerplatz zusammenzulegen. Danach begann er Holz für ein Feuer zu sammeln.

Andraj war mit dem Schwert unverhältnismäßig besser als mit Pfeil und Bogen, deswegen versuchte er einige Male vergeblich, sein Ziel zu treffen. Doch zum Glück tummelten sich die Kaninchen geradezu im warmen Abendlicht, und so gelang es ihm, zwei zu erlegen. Er schulterte seine Jagdbeute und versuchte, seinen Weg zurückzufinden. Anscheinend hatte sein Schwertbruder schon ein Feuer entzündet, und er brauchte nur dem Geruch von brennendem Holz zu folgen.

"Da bin ich wieder", verkündeter er in gedämpftem Ton, als er zu ihrer Lagerstätte kam. Yash hatte gute Arbeit geleistet und das Lager sah gemütlich aus.

Triumphierend wies Yash auf zwei Astgabeln, die er einander gegenüber am Rand der Feuerstelle in den Boden gerammt hatte, und auf einen angespitzten Stock, der als Bratspieß dienen würde.

"Gut, dass du erfolgreich warst. Ich arbeite nicht gerne umsonst", neckte er, während Andraj sich neben das kleine Feuer setzte, um die Kaninchen abzubalgen und auszuweiden. Aus den Augenwinkeln sah Yash zu seinem Bruder hin, dessen Hautton durch den Flammenschein noch wärmer war, die blauen Augen wirkten dunkel und geheimnisvoll. 'Mein Feuerbruder.'

Das Fleisch duftete gut, nachdem Andraj die Kaninchen mit ein paar Wildkräutern gefüllt hatte, die gleich in der Nähe wuchsen.

Der Mond stand schon hoch am Himmel, als der Braten endlich gar war. Nach dem Essen legten sie sich zufrieden auf ihre Decken und seufzten gemeinsam. Dann brachen beide in Lachen aus.

"Die ideale Art, einen Tag zu beenden", sinnierte Andraj. "Voller Bauch, ein gutes Feuer, die Sterne über uns und einen Freund an der Seite." Er drehte sich so, dass er Yash ansehen konnte. "Was meinst du?"

Yash schaute verträumt zum dunklen Himmel empor. Die Sterne, von denen Andraj gesprochen hatte, blinkten durch belaubte Äste. Eine Weile schwieg er und dachte darüber nach, dass nahezu alles perfekt war, selbst wenn er seinem Bruder gern näher gewesen wäre. Doch als er den Kopf zu ihm wandte, entschied er beim Anblick von Andrajs leichtem Lächeln, dass wirklich alles so war, wie es sein sollte.

Es schien Ewigkeiten zu dauern, die er brauchte, um seine Stimme wiederzufinden. Doch es war ihm nicht unangenehm, sondern machte ihn glücklich, da Andraj seinem Blick die ganze Zeit unverwandt begegnet war.

"Perfekt", sagte er schließlich. "Besser als in einem stickigen Herbergszimmer."

Andraj lachte sehr leise, dann nickte er und seine Nase kräuselte sich. "Ja, allemal. Auch wenn der Boden etwas weicher sein könnte."

Er studierte Yashs kleines Grinsen, dann stellte er sich vor, wie es wohl sein würde, wenn sein Bruder erst einmal ein Teil des Ministerrates war, oder sogar Die Klinge des Darjahs. Dann würde er nicht mehr so einfach im Freien übernachten können oder mit Andraj zusammen Gwalimea durchstreifen. "Aber diese Zeit kommt auch nie wieder, was macht da der Stein in meinem Rücken?"

Yash lachte ebenfalls und tastete nach seinem Mantel, der ihm als Kopfkissen diente, um ihn über das erlöschende Feuer nach Andraj zu werfen. "Du klingst schon wieder so melancholisch. Woran denkst du? Warum machst du dir Sorgen? He, wir sind hier, genau hier und genau jetzt."

Andraj fing den Mantel und warf ihn zurück. "Ich mache mir Sorgen darum, ob du auch besser werfen kannst als das!", neckte er, alle Melancholie verdrängend.

"Ich bin Schwerttänzer, kein Mantelwerfer!" Mit einem breiten Grinsen warf Yash ihn dennoch erneut, um dann gleich aufzuspringen, zu Andraj zu hechten und ihn mitsamt dem Mantel am Boden zu halten, was nicht einfach war.

Überrascht keuchte Andraj unter dem unerwarteten Gewicht seines Freundes auf, der sogleich seine Handgelenke ergriff und zu Boden drückte. Er versuchte, dagegen zu stemmen, aber er war diesmal in der eindeutig unterlegenen Position. Es war befremdend, den warmen Körper so nah bei sich zu spüren, aber nicht wirklich erkennen zu können, was Yash dachte oder vorhatte. Er versuchte, seinen Schwertbruder auf den Rücken zu drehen, aber der drängte ihn zurück. Sie balgten, ohne ein Wort zu verlieren, und worum es dabei ging, wurde immer unklarer.

Der Mantel ging ihnen im Laufe der Rangelei verloren, und irgendwann wurde ihr Kampf weniger heftig, als wären Sieg und Niederlage unwichtig geworden. Es war keine Absicht dahinter gewesen, als er ihn herausgefordert hatte, doch Yash konnte nicht anders, als den kräftigen Körper, der sich unter ihm bewegte, mehr und mehr wahrzunehmen, in einer Art, die nichts mehr mit Brüdern und Freunden zu tun hatte.

Schließlich blieben sie ruhig liegen, Andraj noch immer unter Yash, sich an den Händen haltend, atemlos und rot im Gesicht, und sahen sich nur an. Yash verlor die Fähigkeit, klar zu denken, als er in den im Glutschein dunkelviolett schimmernden Augen versank, die Hitze fühlte, die von seinem Freund ausging, seinen Atem, der sein feuchtes Gesicht streifte. Er konnte den leicht geöffneten Lippen nicht widerstehen, und als er sie mit seinen berührte, verstummte auch die warnende Stimme, die in seinem Hinterkopf geflüstert hatte.

Dieses Mal konnte er dem Alkohol keine Schuld geben, dieses Mal vernebelte er ihm jedoch auch nicht die Wahrnehmung. Andrajs Geschmack war wundervoll, noch ein wenig nach den Kräutern, mit denen das Abendessen gewürzt gewesen war, aber hauptsächlich nach ihm, als er mit der Zungenspitze über die weichen Lippen fuhr.

Andrajs ganzer Körper wurde hölzern, als er Yashs Zunge spürte. Es war, als würde der Blitz in ihn einschlagen, heiß und tödlich. Er war unsicher, was er tun sollte, wollte seinen Freund nicht verlieren und auch nicht kränken.

"Nicht...", flüsterte er, aber wollte es sofort wieder zurücknehmen.

Ein kleines Schaudern rann durch Yash, und er hob den Kopf, um Andraj anzusehen. Doch in seinen Augen konnte er keine Ablehnung sehen, nur Unsicherheit... und dahinter Verlangen. 'Vielleicht bildest du dir das ein, weil du es so sehr willst.' Er zögerte nur einen kurzen Moment, dann wisperte er zurück: "Vertrau mir."

Er ließ Andrajs Hände los, um seine Schultern zu umfassen und küsste ihn erneut, vorsichtig, weich und ohne Zunge, aber voll der Liebe, die er fühlte.

Andraj vertraute Yash, deswegen entspannte er sich, als sein Freund ihre Lippen aufeinander drückte. Die Bewegungen waren langsam, ohne Forderungen, Lippen auf Lippen. Irgendwo in Andraj blinkte Panik auf, Angst vor dem Verlust, den er erleiden würde, sobald sich ihre Münder trennten. Er blieb ruhig und vertraute auf seinen Bruder, mehr als auf alles andere in seinem Leben.

Ohne Hast fühlte er Yashs Zunge wieder an seinen Lippen, fragend, aber doch dringlich. Fast wie von selbst öffnete sich sein Mund und ihre Zungen begegneten sich das erste Mal. Sobald die anfängliche Bekanntschaft geschlossen war, stöhnten beide in den Kuss.

Andrajs Feuer flammte aus seinem Inneren und er drückte Yash herum, so dass sein Freund unter ihm lag und küsste ihn tiefer. Suchend, gebend und voller Leidenschaft. Es war, als brannten sie alle beide. Dann wurde ihm klar, wer da unter ihm war, wen er da in seinen Armen hielt und er zuckte zurück. Nicht nur der Kuss machte ihn atemlos.

"Was habe ich getan?", flüsterte er entsetzt.

Yashs Herz schlug heftig, unwillkürlich festigte er seinen Griff um Andraj, als dieser von ihm weichen wollte. Der Kuss war trotz seiner Kürze atemberaubender gewesen als jeder andere zuvor und ließ ihn nach mehr verlangen. Gleichzeitig begann er, sich für seinen Kontrollverlust zu schämen. Er bedauerte, es überhaupt zugelassen zu haben, dass er Andraj küsste. Er hatte ihn überrumpelt. 'Aber es hat mich selbst überrumpelt. Und er hat mich zurückgeküsst! Und wie!'

"Mich geküsst", antwortete er heiser. "Niemand küsst besser als du."

Entsetzen wechselte sich mit Abscheu auf Andrajs Gesicht ab, während er der rauen Stimme lauschte.

"Wir... ich...", begann er, aber wusste nicht, wie er das klopfende Herz, seine kribbelnden Nerven und den Rausch der Erregung in Worte fassen sollte. Ein Gedanke tönte über allen anderen: 'Vergehen!'

"Verzeih mir...", wisperte er und versuchte, von Yash loszukommen.

Für einen Moment lehnte Yash seinen Kopf an Andrajs Schulter, um seine Enttäuschung zu verbergen und die Furcht. 'Warum nur hast du dich nicht beherrschen können?'

Er löste sich von ihm und ließ zu, dass Andraj von ihm herunter rollte. Es fühlte sich kalt an ohne ihn, leer, und er fröstelte, als er sich aufsetzte. Mit einem Mal fühlte er Zorn. Zorn über die Meister, die seinem Bruder so viel Falsches erzählt hatten, so vieles, was ihm die Freude am Leben nahm. Zorn auch über das Leben, das ihm den Vater zu früh genommen hatte, das ihn nie den Schutz und die Fürsorge einer Familie hatte erfahren lassen und ihn viel zu früh mit der Pflicht der Rache gefangen genommen hatte.

Er wollte ihn umarmen, wusste aber doch, dass es in diesem Augenblick das Falscheste war, was er tun konnte. "Es gibt nichts, was ich dir verzeihen müsste, Andraj. Verzeih dir selbst, denn wir haben nichts Falsches getan."

Andraj atmete schwer, kämpfte mit der Übelkeit, die bei dem Gedanken entstand, was er seinem besten Freund angetan hatte. "Ich wünschte, ich könnte." Langsam drehte er sich auf die Seite, wandte so Yash seinen Rücken zu und schüttelte den Kopf. "Bei Den Vieren, das darf nicht wieder geschehen."

Yash presste die Lippen zusammen, als die Stimme in ihm zu zetern begann 'Bereu es! Los! Sag ihm, dass es dir leid tut!' Doch er konnte nicht auf sie hören. Wenn Andraj versucht hätte, ihn abzuwehren, wenn er sich gesträubt hätte, wenn er es nur aus Pflichtgefühl heraus getan hätte, dann wäre die Situation eine andere. Aber die Leidenschaft seines Bruders sprach für sich.

"Die Götter lehnen es nicht ab. Es sind die Priester, die das behaupten. Und auch nicht alle Priester, nicht einmal ihre Mehrheit, Andraj. Was für einen Grund gäbe es auch, dass es verboten wäre? Es zerstört nichts, es macht nicht krank."

Andraj hörte die Worte und zerlegte die Sätze in seinem Kopf, dann erst antwortete er: "Doch, es zerstört uns. Es zerstört, was wir sind. Wir sind das Spiegelbild der Götterbrüder und als solches begehren wir einander nicht. Ich habe mich an meinem eigenen Bruder vergangen. Weißt du, wie sich das anfühlt?"

Er vergrub seinen Kopf in der Decke unter ihm. Kaum hörbar flüsterte er: "Es fühlt sich an, als ob mein Herz durchbohrt wäre und mein Bauch mit Blei gefüllt. Es tut so weh. Wie kann ich dir je wieder in die Augen sehen? Oder den Göttern?"

Yash konnte Andrajs Schmerz in sich spüren, und er raubte ihm fast den Atem. "Es kann uns nur zerstören, wenn wir es zulassen", sagte er leise und eindringlich. "Wir sind geschaffen nach dem Vorbild der Götter, aber wir sind keine Götter."

Er legte ihm eine Hand auf die Schulter und drehte Andraj auf den Rücken, ohne Widerstand zu akzeptieren. "Ich will dir in die Augen sehen. Und wenn ich es bin, den du geküsst hast, wenn ich diesen Kuss von ganzem Herzen will, warum sollen es die Götter verdammen?"

Andraj kniff seine Augen zu. Er wollte nicht, dass Yash so nah kam, weil er sich verdammt gut daran erinnern konnte, wie sich dieser Körper unter seinem angefühlt hatte.

'Es ist ein Vergehen gegen die Regeln der Götter. Kein Mann schöpft neues Leben mit einem anderen! Kein Mann sollte einen anderen durch Begehren der niedrigen Sorte entehren.'

"Ich fühle, dass ich dich nicht geehrt habe, Yash. Das hier hat keine Ehre. Und es führt zu nichts."

"Hier geht es nicht um Ehre. Wichtig ist nur, dass du mich nicht entehrt hast, genauso wenig wie dich selbst. Und das wirst du auch nie, mit nichts, was du tust. Es ist das, was du fühlst, was zählt. Wenn du nicht auf die Dinge hörst, die andere vorschreiben, sondern nur auf die Stimme in dir lauschst. Auf die, die sich nicht beeinflussen lässt." Yash legte ihm die Hand auf die Brust, ohne den Blick von dem angespannten, gequälten Gesicht zu lassen. "Dann weißt du, dass wir uns nicht entehren werden, weder vor uns noch vor den Augen der Götter."

"Die Stimme in meinem Inneren sagt immer nur, dass es falsch war. Dass ich dich nicht so ansehen und berühren kann. Soll ich auf diese Stimme hören?", fragte Andraj trocken, öffnete dann die Augen und sah Yash an. "Bevor ich dich kennengelernt habe, war Rache das Wichtigste in meinem Leben, nun bist du es, neben Mayur. Wenn ich alles ändere, was ich bin und woran ich glaube, werde ich dann noch dein Bruder sein?"

"Du lauscht immer nur dem, was die Meister dir gesagt haben. Du hast zugelassen, dass ich dich geküsst habe, weil du es wolltest. Und du hast mich zurück geküsst. Da hast du auf niemanden gehört als auf dich." Yash beugte sich näher, um seinen Worten Eindringlichkeit zu verleihen. Der Blick seiner dunklen Augen hielt Andrajs fest, ohne sich von dessen Zweifeln, dessen Angriffen irritieren zu lassen. "Das, was du bist, wird sich niemals ändern. Das ist der Mann unter den Schichten von Religion, von Familie, von dem Platz, an dem wir uns befinden. Das ist, was meinen Schwertbruder ausmacht. Du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben, und das wirst du immer sein, gleichgültig, was hieraus wird."

"Dann sollten wir vergessen, was passiert ist. Ich wollte das Gefühl, das ich hatte, verlängern. Ich hatte Angst vor einem Moment wie diesem hier, an dem wir beide uns das erste Mal wirklich fremd sind. Ich verstehe nicht, warum du mich küssen wolltest und du verstehst nicht, warum es für mich so schwer zu akzeptieren ist." Andraj seufzte und seine Augenbrauen zogen sich zusammen. "Das hier ist ein schmerzlicher Moment. Ich verliere dich oder mich – was soll ich tun?"

Hilflos ließ Yash die Hand sinken und wandte den Blick ab. "Ich verstehe es sehr wohl. Ich will es nur nicht akzeptieren. Ich will nicht akzeptieren, dass du etwas, das so schön sein kann, so sehr verdammst. Ich weiß, warum du so fühlst, ich weiß, dass du so fühlst." Er verstummte und sah auf seine Finger, die bis eben noch Andraj berührt hatten. "Kannst du wenigstens sehen, dass es für mich anders ist? Dass ich mich nicht in meiner Ehre verletzt fühle, wenn ein Mann mich küsst, ich ihn halte?", fragte er leise.

'Dass du mich damit nicht verletzt, sondern mich glücklich machst...?'

Andraj wusste nicht, ob er lachen sollte oder fluchen.

"Ich... habe dich immer so akzeptiert, wie du bist. Wenn das ein Teil von dir ist, dann nehme ich es hin. Ich habe kein Recht, dir deine Gefühle vorzuwerfen, und ich werde mich niemals in dein Liebesleben einmischen." Er setzte sich auf und ergriff Yashs Hand. "Du bist ehrenvoll, und deine Taten sind es auch, das weiß ich. Ich habe nicht umsonst geschworen, dass wir diesen Weg gemeinsam gehen. Aber ich schätze, Schlafzimmer sind abseits des Weges."

Yash erwiderte den Druck der schwieligen Hand leicht. Es war ein Anfang, wieder nur ein Anfang. Er wusste, dass er zu ungeduldig war, wenn die Gefühle überhand nahmen – er war wie ein Gebirgsbach, den nichts in seinem Bett hielt, wenn er anschwoll.

Mit einem Mal erinnerte er sich an einen Satz, den sein Vater vor Jahren zu ihm gesagt hatte, nachdem er einen Nachbarsjungen verletzt hatte. Yash hatte seinen kleinen Bruder verteidigen wollen – zu heftig, wie sich herausgestellt hatte. 'Beherrsche deine Gefühle, und sie machen dich stark. Lasse sie herrschen, und du wirst verlieren. Lasse dich von ihnen leiten, aber gib ihnen nicht die Oberhand.' Manchmal fiel ihm das noch immer schwer.

Er drückte Andrajs Hand erneut, dann ließ er ihn los und stand auf, um zu seinem Lager zu gehen, nachdem er seinen Mantel wieder eingesammelt hatte. "Wir sollten schlafen."

Andraj nickte, obwohl er bezweifelte, dass der Schlaf ihn finden würde. Nach langem Liegen und Denken fiel er dann doch noch in einen unruhigen Schlummer.


#


Morgens fühlte er sich nicht gut, fast, als hätte ihn jemand seines Lebenssaftes beraubt. Dennoch räumten die beiden Freunde ihre Sachen zusammen, machten einige Übungen und brachen auf, wobei sie nur das Nötigste sprachen.

'Jedes Mal, wenn wir aufstehen, wird es schwieriger, zusammen zu sein', stellte Andraj deprimiert fest.

Da sie sich auf das Laufen konzentrierten und sich kaum unterhielten, kamen sie rasch voran. Gegen Nachmittag erreichten sie Pandjam, die Stadt, in der sie eigentlich schon am Abend vorher hatten Rast machen wollen.

Es war Markt. In den überfüllten, von zwei- und dreistöckigen Häusern gesäumten Straßen kamen sie nur langsam vorwärts. Es stellte sich als gar nicht so einfach heraus, eine vernünftige Unterkunft zu finden, aber in einem der Gasthäuser bekamen die Freunde ein kleines Doppelzimmer.

Yash hatte sich den ganzen Tag über mit wenig erfreulichen Gedanken geplagt, die allesamt Andraj betrafen. Sehnlichst wünschte er sich, mit seiner Mutter sprechen zu können, die bestimmt einen hilfreichen Rat für ihn hätte. Doch von seiner Heimat waren sie noch weit entfernt. 'Wenn ich bedenke, dass ich mich so darauf gefreut habe, mit ihm allein zu sein! Und nun ist es so schwer! Vielleicht wäre es wirklich besser gewesen, wenn wir uns nicht geküsst hätten. Es wäre auf jeden Fall einfacher, wenn ich ihn nicht so begehren würde...'

In der Stadt zu sein machte es leichter, da sie nicht mehr allein waren. Es gab viel, womit er sich ablenken konnte und das brachte seine gute Laune zurück. Nachdem sie ihr Gepäck im Gasthof abgestellt hatten, verbrachten sie den Nachmittag damit, auf dem Markt ihre Vorräte für die Reise aufzustocken, einen Riemen zu ersetzen, der an Yashs Rucksack zerrissen war und nach neuen Pfeilen für Andraj Ausschau zu halten. Gegen Abend erst kehrten sie in ihre Herberge zurück, um dort in der gemütlichen Gaststube ein kräftiges Abendmahl aus Fleischsuppe, Brot und Bier zu sich zu nehmen.

"Genau das habe ich gemeint", sagte Andraj plötzlich. Er hatte die Fleischsuppe nicht angerührt. Alles schmeckte fad und labbrig. "Wir benehmen uns wie Fremde. Wir sind immer noch Freunde, sogar Brüder und doch ist alles so seltsam zwischen uns." Er schlug die Augen nieder und wünschte, er könnte alles ungeschehen machen. "Drei Jahre waren eine lange Zeit, die ich nur in Hoffnung auf unser Wiedersehen überstanden habe. Sieh uns an, schöne Brüder sind wir."

Yash fragte sich, wie es möglich war, dass Andraj ihm mit einem einzigen Satz so viel schlechtes Gewissen bereiten konnte. Von einem auf den anderen Moment hatte er keinen Hunger mehr, als sich sein Magen verkrampfte. Er legte den Löffel ab und schob seinen Teller von sich, ehe er in das niedergeschlagene Gesicht seines Freundes sah.

'Niemand hat gesagt, dass es einfach wird. Und ich habe ihm versprochen, dass sich nichts an unserer Freundschaft ändert. Aber ich hatte Unrecht. Sie ist noch da, unverändert stark, doch es ist schwerer, weil er etwas anderes will als ich.'

"Verzeih mir", sagte er leise. Verzweifelt suchte er nach anderen Worten, doch er fand keine.

"Ich bin dir nicht böse, mein Bruder. Es war genauso meine Schuld. Verdammt! Warum ist es so schwer?" Andraj holte tief Luft und biss sich auf seine Unterlippe. "Lass uns miteinander tanzen, Yash!"

Yash sah auf und musste lächeln. Ein Tanz war immer gut, um aufgestauten Emotionen freien Lauf zu lassen, wenn man seinen Partner kannte und ihm vertraute. "Ja, lass uns tanzen."

Mit einem Stock kratzten sie einen Kreis mit Symbolen in den Staub hinter dem Gasthaus. Nach einer Verbeugung betraten sie ihn und nahmen ihre Ausgangshaltungen an. Ihre Augen hielten einander fest, diesmal mit scharfem, kampfbereitem Blick, keine Spur von Scham oder Verlegenheit. Es war, als hätten beide diese Gefühle vorher abgestreift wie eine alte Haut.

Andraj griff als erster an, mit einem direkten Schlag auf die Klinge des Partners. Es verlangte von Yash all seine Kraft, das Schwert festzuhalten. Doch er verharrte nicht, sondern holte aus und versuchte, die offene Seite seines Gegenübers anzugreifen. Andraj wirbelte herum und blockierte den Schlag knapp.

Yash versuchte noch weitere Angriffe, die Andraj an den Rand des Kreises trieben. Dort tauchte er einfach mit einer Rolle unter Yashs Schwert weg. Als er auf die Knie kam, machte er einen Ausfall auf Yashs Hüfte, dem sein Bruder mit einem Sprung entkam. Doch ohne seinen Bewegungsfluss zu verlieren, griff Yash auch schon wieder an, worauf Andraj mit Feuer antwortete. Sie kämpften lange, länger als die meisten der Turnierkämpfe gedauert hatten.

Der Kampf blieb immer wahr.

Ihre Schwerter tanzten, ihre Seelen waren eins, ihre Herzen waren frei – Brüder auf dem Weg des Tanzes.

Schließlich taumelten beide kraftlos und schweißüberströmt auseinander. Andraj hob sein Schwert mit dem Zeichen, den Tanz zu beenden und verbeugte sich vor Yash.

Yash verneigte sich ebenfalls und gab die Ehre zurück. Er fühlte sich gut, besser als den gesamten Tag über. Mit einem kleinen Dankesgebet an die Vier Brüder verwischten sie den Kreis, und als sie ins Gasthaus zurückkehrten, legte er seinem Bruder einen Arm um die Schultern, wie er es so oft getan hatte.

Erst dann wurde ihm bewusst, was er tat, und dass Andraj es anders auffassen konnte, als es dieses Mal gemeint war, rein kameradschaftlich; doch weder wich sein Bruder zurück, noch gab er sonst irgendwie zu verstehen, dass es ihm unangenehm war. Nur Augenblicke später hatte Yash seine Befürchtung auch schon wieder vergessen.

Der Tanz schien die Luft geklärt zu haben, sie fanden wieder zu ihrer alten Vertrautheit zurück. Es gab kein peinliches Schweigen zwischen ihnen, als sie nach einem ausgiebigen Waschen zu Bett gingen, und keine Unsicherheit, als sie am Morgen wieder aufbrachen.

Während sie unter der allgegenwärtigen Sonne den Weg in Richtung Südwesten einschlugen, war alles wieder, wie es sein sollte. Es fühlte sich so gut an, dass sich Yash fragte, ob seine Verliebtheit nicht vielleicht wirklich alles zerstören würde, wenn er ihr freien Lauf ließ. Das, was sie durch ihre Brüderschaft teilten, ging weit über Körperlichkeit hinaus. Vielleicht sollte es wirklich genug sein.

Am Abend rasteten sie wieder am Ufer eines Flusses, dieses Mal an einer offiziellen Raststätte, an der ein fest verankertes Dreibein über dem Rund für die Feuerstelle hing. Nach einem kurzen Übungstanz gönnten sie sich ein erfrischendes Bad, das Schweiß und Staub wegspülte, ehe sie von ihrem Proviant ein Abendmahl bereiteten und schließlich zufrieden, jeder auf seinem eigenen Lager, einschliefen.


© by Nika & Pandorah