Buch I: Der Weg des Tanzes

10. Sinneswandel

Wer den Kreis und seine Werte nicht ehrt, ist kein Mann und gehört nicht hierher.

Minister Gandaki, Sohn des Narhari


Als Yash am nächsten Morgen aufwachte, brauchte er eine Weile, um sich zu orientieren. Alles schien ungewohnt und doch auf seltsame Weise so richtig wie nie zuvor zu sein. Allmählich kehrte die Erinnerung zurück und ließ ihn noch im Halbschlaf gefangen lächeln. Andraj... Andraj war es, der alles richtig machte.

Sie hatten noch lange aneinander geschmiegt dagelegen, dann ihr angefangenes Essen fortgesetzt und sich anschließend erneut geliebt, dieses Mal langsam und mit aller Zeit der Welt. Schließlich waren sie eingeschlafen, noch ineinander verwunden.

Er war ein wenig verspannt von dieser Nacht, und doch hatte er sich nie besser gefühlt. Es war dunkel, das Feuer war in der Nacht erloschen. An Andrajs Bewegungen spürte er, dass dieser ebenfalls aufwachte.

"Guten Morgen", wünschte er leise und tastete mit den Lippen nach Andrajs Hals, um ihn nach ein paar Fehlschlägen, die auf der Schulter und der Brust landeten, zu treffen.

Verschlafen richtete sich Andraj auf und rieb sich die Augen, dann spürte er wieder die sanfte Berührung von Yashs Lippen auf seiner Haut. Er brummte leise, was wohl auch so etwas wie 'Guten Morgen' bedeuten sollte. Dann suchte er mit seinen Händen Yashs Schultern, um ihn zurück auf die Matten zu drücken, langsam mit seiner Nase und seinen Lippen das Gesicht zu erkunden. Nur um sich zu vergewissern, wie es sich anfühlte mit Yash Haut an Haut zu sein. Mit einem Seufzer ließ er seinen Kopf auf Yashs Brust ruhen.

"Wir haben gestern nicht geübt oder getanzt", murmelte er.

Träumerisch fuhr Yash ihm mit den Fingern durch das Haar und grinste in die Dunkelheit. "Wir haben getanzt. Und wie wir getanzt haben. Ich glaube, das war gestern nötiger als der Tanz im Kreis."

Andraj schwieg. Er konnte nicht antworten und Yash sagen, was dieser hören wollte. Er küsste kurz die Stelle von Yashs Haut, unter der er das Herz gehört hatte und stand auf. "Wir sollten packen."

"Du hast recht." Yash streckte sich gähnend und erhob sich ebenfalls, um nackt, wie er war, zur Tür zu laufen, sie zu öffnen und mit dem Licht auch frische Luft hereinzulassen. Die Wolken hatten sich verzogen und die Welt dampfte in der Morgensonne. Der Anblick brachte ihn zum Lächeln.

"Was hält der Herr von einem weichen Gasthausbett heute Nacht?", fragte er gut gelaunt über die Schulter hinweg.

Andraj zuckte mit den Achseln und trat hinter seinen Liebhaber. Es war ungewohnt für ihn, in diesem Zusammenhang an Yash zu denken, als einen Liebhaber. Er fühlte sich aller Worte beraubt, aller seiner Werte und Vorstellungen seiner selbst. Bei einem Blick über Yashs Schulter konnte er erkennen, dass die Welt draußen sich nicht geändert hatte, trotz einer Nacht, in der er seinen Bruder zu seinem Liebhaber hatte werden lassen. Die Sonne schien, und die Luft war frisch, der ideale Tag um zu wandern.

Er wandte sich ab und zog sich schweigend seine immer noch klammen Sachen an.

Yash fröstelte unter dem Schweigen und der unnahbaren Miene seines Freundes. Es begann unerbittlich, die Schuldgefühle wieder zu wecken, die er am Vortag noch überwunden geglaubt hatte. Stumm kleidete auch er sich an und rollte seine Matte zusammen, die er nicht gebraucht hatte. Besonders sorgfältig schnürte er die Stricke darum und band das Bündel dann an seinen Rucksack. Er griff nach seinem Schwert, ließ die Finger über die schlichte Scheide gleiten und über den Kristall, unter dem das Zeichen seines Feuerbruders zu sehen war. 'Habe ich einen Fehler gemacht? Und wenn, womit? Mit der Brüderschaft? Mit meiner Liebe zu ihm, die nicht nur brüderlich ist?'

"Wollen wir tanzen, bevor wir aufbrechen?", fragte er und bemühte sich, die Unsicherheit aus seiner Stimme zu halten, als er das Schwert an der Schärpe befestigte und sich zu Andraj umwandte.

Andraj stand auf und schüttelte den Kopf. "Lass uns lieber gehen, solange das Wetter so gut ist. Tanzen können wir heute Abend." Er grinste. "Wenn wir nicht wieder..." Dann verstummte er und nickte. "Ja, tanzen wir."

Andraj schnappte sein Schwert und verließ die Hütte, die immer noch nach dem Regen und dem Schweiß zweier Liebender roch.

Yash folgte ihm nach draußen, wo sie in den nassen Boden einen Kreis mit den Runen Der Vier zeichneten. Sie verneigten sich förmlich und betraten ihn. Mit dem ersten Ausfallschritt vergaß Yash seine Unsicherheit; und während sie durch das Rund tanzten, wurde alles wieder so, wie es sein sollte. Es gab nur diesen einen Weg, der sie zusammen gebracht hatte. Gerade und stetig führte er weiter, zusammen.

Unter einem Schlag hinwegtauchend gelangte Yash auf Andrajs Seite und griff ihn dort an, bewusst darauf abzielend, dass Andraj mit seinem Schwert auf halber Höhe parierte. Aus diesem Schwung heraus führte er ihre Klingen über ihre Köpfe, griff gleichzeitig nach der Schärpe seines Bruders und zog ihn zu sich heran. Statt den Kampf fortzuführen, küsste er ihn mit einem Grinsen. "Den Trick habe ich von meinem Vater, nur sollte er eigentlich damit enden, dass ich dir das Knie zwischen die Beine ramme."

"Dann danke ich dir, dass du den Teil ausgelassen hast", sagte Andraj und verbeugte sich förmlich. Er grinste breit, bevor er lachte. "Es ist kaum zu glauben, dass man einen solchen Schlag im Kreis der Ehre..." Er hielt verstört inne, schritt zurück und erhob sein Schwert zum nächsten Angriff, dabei wartete er nur darauf, dass auch Yash wieder Haltung annahm.

"Wage nicht einmal, daran zu denken, dass Vater ihn im Kreis der Ehre anwenden würde!" Entschieden wehrte Yash dieses Ansinnen mit einem Schlag der Klinge ins Leere ab. "Aber Batur-Soldaten kämpfen nicht nach den Regeln der Ehre."

Andraj schnaubte. "Das hatte ich auch nicht gedacht, eher daran, dass wir hier im Kreis der Ehre stehen." Er deutete auf die aufgewühlte Erde, die den Kreis bildete. "Wir stehen hier im Fokus Der Vier." Er atmete tief ein und umfasste den Griff seines Schwertes mit beiden Händen. Yash fixierend, versuchte er zu lesen, was sein Schwertbruder vorhatte.

Yash hob die Brauen, dann schüttelte er mit einem Grinsen den Kopf. "Du siehst alles immer so ernst, Andraj. Wenn Die Vier humorlos wären, hätten sie den Menschen keinen Humor gegeben."

Ihm war danach, seinen Bruder zu necken und zu ärgern, das Feuer auf andere Art aus ihm herauszukitzeln, doch er verzichtete darauf. Es wäre nicht fair, wenn er auch in diesem Bereich die Regeln änderte, wo Andraj ihm außerhalb schon so weit entgegengekommen war. Nach den Formen des Rituals für einen unterbrochenen Tanz verneigte er sich und ging ebenfalls wieder in die Grundstellung.

Andraj gab seine Grundstellung hingegen auf. Er fühlte sich, als müsste er lachen, aber nur, weil er vergessen hatte, wie man weint. Es drückte in seiner Kehle. "Glaubst du, dass Die Vier gelacht haben, als mein Vater sein Leben und seine Ehre verlor?" Er schüttelte langsam den Kopf. "Bestimmt lachen sie dann auch über seinen Sohn."

"Nein, das glaube ich nicht", sagte Yash betroffen. "Verzeih mir. Ich wollte dich nicht verletzen. Es ist ein Kreis der Ehre, in dem wir stehen, ja. Ich respektiere ihn und das, was er bedeutet. Aber ich habe oft genug mit meinem Vater in einem solchen getanzt, nur um des Tanzes Willen, nicht für die Ehre und nicht für die Götter, dass ich... Es ist das Vertrauen, Andraj, nicht alles perfekt machen zu müssen. Es tut mir leid, wenn ich dich damit gekränkt habe."

So nahe er seinem Bruder war, so gut sie sich zu kennen glaubten, so sehr trennten sie doch manchmal Welten. Er spürte einen Stich in seiner Brust, als er daran dachte, dass Andraj nie das lockere Üben mit einem liebenden Vater kennengelernt hatte, das manchmal nur aus Herumalbern bestand und nicht mehr wirklich etwas mit dem Tanz der Ehre zu tun hatte.

Andraj ließ sein Schwert sinken. Sein Gesicht verwandelte sich in die unlesbare Maske, die er so gerne aufsetzte, wenn er nicht wollte, dass andere seine Gefühle durchschauen konnten. Er trat an Yash heran und blickte ihn unverwandt an.

"Jeden Menschen, den wir treffen, haben Die Vier geschickt, damit wir etwas von ihm lernen." Er pausierte und hob dann sein Schwert. "Zeig mir den Trick noch einmal."

Yash hasste es, wenn Andraj seine Gefühle vor ihm verbarg. Doch er sagte nichts dazu. Stattdessen wiederholte er den Bewegungsablauf, griff Andraj langsam von der Seite an, führte dessen Schwert hoch und griff gleichzeitig nach der Schärpe. Dieses Mal ließ er den Kuss weg. Er zog das Knie hoch, stoppte jedoch kurz vor dem Schritt. "So funktioniert es."

"Lass mich es versuchen." Andraj wiederholte Yashs Schrittfolge und das Heranziehen an der Schärpe, dann hielt er ein. Er grinste schief. "Es gefällt mir. Es legt den Nacken des Gegners offen, sobald man zutritt. Man könnte zuschlagen."

Er erinnerte sich an die Worte Samants, des Tänzers, den sie mit seiner Truppe auf dem Weg getroffen hatten. Es konnte sein, dass er diesen Trick bei einem Kampf anwenden musste, bei dem es keine Ehre und keinen Kreis gab. Und es konnte sein, dass er verlor. Seine Finger lösten sich aus Yashs Schärpe, und er seufzte.

"Yash", begann er, aber wusste nicht genau, wie er seine Gefühle in Worte fassen sollte.

Yash wartete, erleichtert darüber, dass die Maske gefallen war. Ein leichter Wind kühlte angenehm ihre verschwitzte Haut, und Yash wünschte sich, dass er alle Unsicherheiten genauso mitnehmen würde wie die Hitze.

"Dieser Kreis bedeutet uns beiden die Welt, Yash, aber für dich ist er ein Ort des Lernens und der Freude. Mich binden Schmerz, Pflicht und Ehre. Wir tanzen für verschiedene Ziele, nur der Weg ist uns gemein, für eine Zeit. Und im Moment habe ich das Gefühl, als gingen wir an verschiedenen Seiten einer breiten Straße."

"Für eine Zeit? Für immer, Andraj. Wir sind verschieden, aber wir sind Brüder. Vielleicht erwarte ich deswegen zu viel, aber ein Schwur kann nie das Leben davor auslöschen und soll es auch gar nicht. Weder deines, noch meines. Wir haben geschworen, füreinander einzustehen, füreinander da zu sein. Der Priester warnte uns, dass es nicht einfach werden würde. Ich weiß, ich versuche zu sehr, dich in mein Leben zu ziehen."

Statt einfach eine Tür zu öffnen, durch die Andraj kommen konnte, wenn er bereit war, zerrte Yash ihn mit sich, ohne ihm eine Wahl zu lassen. Er senkte den Blick, sah aber gleich wieder auf. Es war sicher für ihn, in seiner Welt kannte er sich aus, und dort wollte er Andraj halten und lieben. Aber so ging es nicht. "Wenn wir auf zwei Seiten einer breiten Straße laufen, wird es Zeit, uns in der Mitte zu treffen und von dort gemeinsam zu entscheiden, wie und wo es weitergeht."

Andrajs Hände erzitterten, als er verstand, was Yash gesagt hatte. Sein Schwert fiel achtlos in den Matsch, als er seine Arme um Yashs Schultern wand und seinen Kopf im leicht verschwitzten Nacken verbarg. Er schluchzte, aber keine Tränen kamen. Dennoch klammerte er sich an Yash, als ob er mit ihm eins werden wollte.

Yash erwiderte die Umarmung fest und drückte ihn an sich. Das Beben seines Freundes übertrug sich auf ihn, und gemeinsam standen sie da, als gäbe es nur den jeweils anderen, an dem sie Halt finden konnten, sicheren Grund, um zu tanzen und um zu leben.

Und für einen Moment war es wirklich so. Sie hatten alle Bänder zerschnitten, die sie fesselten. Doch der Moment dauerte nicht an, und sie fühlten die Bürden zurückkommen.

Andraj löste sich von Yash, hob sein Schwert auf. Er verbeugte sich, etwas steif und verwirrt, dann verließ er den Kreis. Schließlich drehte er sich zu Yash. "Komm gehen wir!" Nach einer winzigen Pause fügte er sanft hinzu: "Bruder."


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Sie packten ihre Sachen, und auf dem Weg in die nächste Ortschaft schien die Natur sie unterhalten zu wollen. Schmetterlinge schaukelten träge vorbei und Blumen blühten so üppig, als ob sie im Wettbewerb miteinander stünden. Eine sanfte Brise brachte den Duft von feuchter Erde und warmer Sonne mit sich. Nach einer Weile nahm ein Wagen die beiden Freunde mit in die nächste Stadt.

Dort war es friedlich, die ganze Stadt wirkte festlich. Schon am Tor fielen ihnen Novizen Der Vier auf, und auch in ihrem Gasthaus schienen die meisten Gäste einem Tempel anzugehören.

Yash kam sich vor, als hätte er einen Feiertag verpasst. Doch es konnte höchstens ein lokaler sein, wie er nach schnellem Rechnen und Nachdenken feststellte. Der Tag des Windes, dem Mayur bestimmt einige Festlichkeiten widmen würde, war der nächste, aber er lag noch in einiger Ferne. Während er ihr Zimmer bezahlte, fragte er den Wirt: "Steht ein Fest an?"

Der große Mann nickte fröhlich, dabei wischte er sich die Hände an seiner Schürze ab. "Die Priester halten eine Messe, um Die Vier um Glück und Kraft im Krieg gegen Batur zu bitten."

Ein wenig befremdet zog Yash die Brauen hoch. "Noch steht nicht fest, ob wir einen Krieg führen müssen, oder?" Ihm begann die Muße zu fehlen, mit Andraj ruhig über das Land zu laufen. Zu lange hatte er zu weit ab von allen Nachrichten verbracht.

Der Wirt zuckte mit den Schultern und händigte ihm die Schlüssel aus. "Die Schwertlosen wollen an unseren Reichtum und unsere Frauen. Ich glaube nicht, dass er sich verhindern lässt. Ich glaube den Priestern."

"Was sagen die Priester genau?", erkundigte sich Andraj.

"Batur will uns angreifen, indem es die Grenzposten überläuft. Die Armee soll wohl das Achtfache unserer Tänzer betragen. Die Vier stehen uns bei!"

Yash und Andraj tauschten einen Blick, mit dem sie übereinkamen, das nicht in der Öffentlichkeit zu besprechen. Als sie ihr Gepäck in ihrem Zimmer abluden, fragte Andraj: "Was weißt du?"

Verärgert strich sich Yash das schwarze Haar mit beiden Händen aus der Stirn und sah zu dem kleinen Fenster hin. "Leider nicht mehr als du. Ich wünschte, wir wären schon zu Hause. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Batur uns überrennen will. Das würde zu vielen Tänzern das Leben kosten. Die Gebieterin von Batur muss einen Plan haben."

"Vielleicht können wir eine Mitfahrgelegenheit nach Dvaraka bekommen", schlug Andraj vor, dem die ganze Sache auch nicht geheuer war. "Als ich in der Nähe der baturanischen Grenze war, habe ich gehört, dass immer mehr neue Leute in die Einheiten kämen. Ich habe mir darüber keine Gedanken gemacht, weil ich nicht wusste, dass selbst von Chinkud Soldaten geschickt werden."

"Aber das ist doch... Wieso sollte es von heute auf morgen Krieg geben?" Yash legte sein Schwert auf das Bett und suchte in seinem Rucksack nach dem Pflegezubehör, ehe er wieder zu Andraj hinsah. "Du hast recht, lass uns einen Wagen nehmen. Irgendetwas muss vorgefallen sein, das nicht nach unten vordringt."

"Das beruhigt mich nicht gerade." Andraj grinste bitter. Dann legte er sich auf sein Bett, verschränkte die Arme hinter seinem Kopf. Die Nähe zu Yash und die Zweisamkeit erinnerten ihn an die Nacht in der Hütte. Sein Verstand wandelte dabei auf einem anderen Pfad als sein Körper; zwiespältige Gefühle verwirrten ihn, so dass er den Nachgeschmack der Leidenschaft in eine dunkle Ecke seiner Gedanken schob.

Yash gab sich für eine Weile der Muße hin, sein Schwert zu pflegen, etwas, das er gerne tat. Er polierte ein paar Flecken weg, die der Regenguss mit sich gebracht hatte und ölte sorgfältig die Klinge. Aus den Augenwinkeln sah er zu Andraj hin und fühlte Glück in sich. Inständig hoffte er, dass sie bald einen gemeinsamen Weg finden würden, der für sie beide akzeptabel war, so dass die Nähe und die Selbstverständlichkeit wieder zurückkehren konnten.

Schließlich packte er Leder und Öl wieder in seinen Rucksack und stand auf. Es würde sich kein Wagen vor die Tür stellen und auf sie warten, wenn sie sich nicht darum kümmerten. Nach einem fragenden Blick zu seinem Bruder hin nickte dieser, und gemeinsam verließen sie die Herberge.


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Eine Mitfahrgelegenheit zu finden, erwies sich als gar nicht so einfach. Fast alle Wagen waren von den Priestern gemietet oder gehörten ihnen. Und die freien Wagen hatten meist Besitzer, die mit den Priestern ein paar Taler verdienen und sich mit der Ehre brüsten wollten, einen Diener Der Vier kutschiert zu haben. Andraj und Yash waren schon kurz davor, doch zu Fuß weiter zu ziehen, als sie einen Mann fanden, der mit einer Ladung Tee nach Dvaraka fahren wollte.

Er war zufrieden, zusätzlich noch etwas verdienen zu können, vor allem, als die beiden Freunde noch Hinweise auf Yashs mächtige Familie fallen ließen. Sie verabredeten sich für den nächsten Morgen am Osttor, und danach hatten die beiden Zeit für sich.

Manche Dinge brauchten noch immer nicht viel mehr als einen Blick zur Verständigung, selbst wenn sich so vieles geändert hatte. Zusammen mit einem Grinsen war klar, was sie sich wünschten, nachdem sie an einem der öffentlichen Bäder vorbei gelaufen waren.

Da ihnen jedoch beiden nicht der Sinn nach vielen Menschen stand, kehrten sie in das Gasthaus zurück und ließen sich den Baderaum reservieren. Es kostete Yash einiges an Geld, doch das war es ihm wert. Das angenehmste daran war, dass sie ihre Kleidung in dem Vorzimmer mit den dunklen Bänken zurücklassen konnten und diese für sie bis zum nächsten Morgen gewaschen und geplättet wurde.

Der Baderaum an sich war nicht allzu groß. Auch hier fanden sich die dunklen Bänke wieder, auf denen weiche Tücher lagen. Pflanzen in glasierten Töpfen schmückten die Ecken. Eines der beiden kleinen Becken dampfte vor Hitze, während das andere ruhig und klar Kühle versprach. Yashs Blick streifte einen niedrigen Tisch nahe der Eingangstür, auf dem Flaschen und Döschen mit Seifen und Ölen standen.

Yash lächelte zufrieden. "Das Gasthaus kann ich wirklich weiter empfehlen."

"Du solltest einen Führer für Gasthäuser veröffentlichen", lachte Andraj und griff sich eine Seife, dann ging er zu dem heißen Becken, wo er begann, sich einzuseifen. Relativ grob schäumte er auch seine rotbraunen Haare ein, dann spülte er sich ab und schlüpfte mit einem Glücksseufzer in das heiße Wasser.

Yash hatte es ihm nachgetan, jedoch länger gebraucht, um sich für eine Seife zu entscheiden. Er grinste auf seinen Bruder hinab und spritzte eine Handvoll Wasser vage in seine Richtung. "Und wer würde sich dafür interessieren, meinst du? Ist doch wesentlich leichter, vor Ort einfach ein paar Leute zu fragen." Rasch spülte er den Schaum ab und kam dann zu Andraj in das Becken. Es fühlte sich himmlisch an. "Ah, ich bin verwöhnt, und ich bin es gerne", gab er zufrieden zu und glitt bis zum Kinn in das heiße Wasser.

Andraj lachte bei dieser selbstironischen Bemerkung. "Und wer macht das alles für dich, wenn du zu Hause bist?", neckte er schelmisch. "Habt ihr da auch solche Bäder?"

Zur Demonstration, was er damit meinte, streckte er seine Beine und seine verspannten Schultern, die durch das heiße Wasser langsam lockerer wurden.

"Natürlich." Yash grinste. "Das ist sogar noch größer. Meine Eltern genießen es selbst viel zu sehr, als dass sie darauf verzichten würden. Und wer sich darum kümmert? Hast du schon vergessen, dass du mit dem verwöhntesten Kerl westlich der Hauptstadt sprichst?" Er lachte; so hatte Mayur ihn des Öfteren bezeichnet. "Dienerinnen und Diener natürlich." Mit einem kleinen Zwinkern haschte er nach Andrajs Fuß und begann, seine Wade zu massieren. Es gab wohl keinen Schwerttänzer, der das nicht konnte. "Dutzende und Hunderte von ihnen, versteht sich. Heerscharen. Mit weniger würde ich mich nicht zufrieden geben."

"He-Heerscharen?" Andraj erinnerte sich kaum an seine umhätschelte Kindheit, eher an alles, was danach gekommen war. "Die wohnen alle bei euch?" Yash hatte einen Muskel erwischt, der wehtat, und er zog die Luft schmerzerfüllt ein. Yash hielt kurz inne, und ihre Blicke trafen sich. Andraj hob hilflos seine Schultern.

Mit einem kleinen Grinsen biss Yash ihm in den großen Zeh, dann schüttelte er den Kopf. "Nein, wir haben einige Diener, allein schon mehrere für den Park, aber gegen Heerscharen hätte Mutter etwas einzuwenden. Ich wollte dich nur necken."

Vor lauter Schreck verlor Andraj seinen Halt am Beckenrand und rutschte unter Wasser. Als er wieder auftauchte, keuchte und spuckte er. Sofort rückte er Yash mit einem kleinen Kriegsschrei zu Leibe und drückte ihn kurz unter Wasser. Er lachte und versuchte, schnell das Becken zu verlassen, bevor Yash wieder auftauchte und sich orientieren konnte.

Yash blinzelte, konnte aber in all den Luftblasen nicht viel erkennen, weswegen er blind um sich griff. Er erwischte einen Knöchel und hielt ihn fest. Ihn zu sich heranziehend fand er wieder einigermaßen Halt auf dem Boden, und während er auftauchte und nach Luft schnappte, stürzte er sich bereits auf seinen Bruder.

Wie meistens, wenn sie rangelten und keine zusätzlichen Hilfsmittel ins Spiel kamen, gewann Andraj durch seine Kraft sehr rasch die Oberhand, bis Yash sich auf eine andere Taktik verlegte und schlicht aufgab. Andrajs von hinten um ihn geschlungene Arme, die ihn unerbittlich fesselten, wurden von einer unlösbaren Klammer zu einer Umarmung, als er sich einfach gegen ihn lehnte und verkündete: "Ich gebe diesen Kampf verloren."

Das war ein wenig überraschend für Andraj, der nicht daran gedacht hatte, dass diese Rangelei so einfach beendet sein würde. Und dass Yash sich nun so gegen ihn lehnte, hatte er auch nicht erwartet. Er lockerte seinen Griff um den nassen Körper und zog seine Arme zurück.

Mit einem Nicken und Grinsen zu Yash hin verließ er das Becken und tauchte schnell ins Kalte. 'Mein Herz schlägt ungestüm, mein Mund ist trocken, wenn ich seine Haut an meiner spüre. Ihr Vier, bitte, lasst mich stark genug sein, mich nicht völlig in ihm zu verlieren.'

Yash seufzte lautlos und ließ sich unter Wasser sinken. Seine Haare umgaben seinen Kopf wie eine dunkle Wolke, glichen erschreckend seinen Gedanken. Der Weg zur Mitte der Straße würde lang werden.

'Warum sehne ich mich auch so nach seiner Nähe? Ich will ihn immer und immer wieder berühren, ihn küssen, ihn halten.' Es war gar nicht mal so sehr die Lust, obwohl diese berauschend gewesen war, aber einfache Nähe schien auch nicht möglich zu sein zwischen ihnen. 'Nicht so, wie ich es mir wünsche zumindest.'

Im Auftauchen strich er sich die Strähnen aus dem Gesicht und schnappte nach Luft. Ohne nach Andraj zu sehen, um ihn nicht noch mehr zu bedrängen, griff er nach einem großen Schwamm und begann, sich damit gründlich abzureiben.

Yash konnte hören, wie hinter ihm im kalten Becken das Wasser einmal laut schwappte und dann nasse Schritte sich näherten. Gleich darauf fühlte er, wie ein anderer Körper neben ihm zum Stehen kam.

"Es ist schwerer, Mauern einzureißen, als sie aufzubauen", wisperte Andraj. "Ich versuche es, immer wieder. Ich hoffe, du weißt, dass ich noch nie jemanden so nah an mich herangelassen habe wie dich. Und... ich habe Angst."

Yash ließ den Schwamm sinken, drehte sich nach einem kurzen Zögern um und sah in das Gesicht seines Freundes, das die Unsicherheit, die Angst, aber auch das Streben nach Nähe widerspiegelte, von denen er gesprochen hatte. "Ich will dich nicht drängen, und doch tue ich es immer wieder." Er stieß sich ab und setzte sich mit Schwung auf den Beckenrand. "Ich weiß, dass es nicht leicht für dich ist, aber für mich ist es das auch nicht. Jedes Mal, wenn ich deine Grenzen überschreite, merke ich es zu spät und kann dann doch nicht mehr tun, als mich zu schämen. Selbst in dem Versuch, sie zu respektieren, scheine ich zu scheitern und sie zu überschreiten." Erneut zögerte er, dann stand er auf, um Andraj auf einer Höhe in die Augen sehen zu können.

"Ich weiß nicht, wovor du Angst hast, denn es kann all das sein, was mir dabei einfällt oder gar nichts. Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich bei dir sein will... gleichgültig, was du tust." Es war schwer, auszudrücken, was er dachte, ohne von Liebe zu sprechen. Doch das hatte Andraj das letzte Mal ängstlich abgelehnt. "Du musst nichts tun, um dir meiner Freundschaft sicher zu sein. Du wirst sie auch nicht verlieren, wenn du etwas anderes tust, als das, was ich von dir erwarte oder auch nur zu erwarten scheine."

"Was erwartest du denn?", wollte Andraj endlich wissen, da er immer noch Niedergeschlagenheit in den Augen seines Bruders erkennen konnte. Er hob hilflos eine Hand, weil er zuerst dachte, er wollte den hohen Wangenknochen berühren, mit dem Daumen darüber streichen. Aber dann wusste er nicht, ob er es tun sollte und ließ es. Die Hand verharrte und ebenso sein gesamter Körper.

"Mehr Nähe, als du mir gibst", gestand Yash zögernd ein und sah auf die Finger, die ihm so nah gekommen waren, um dann doch inne zu halten. "Und Selbstverständlichkeit darin. Ich will dich berühren, immerzu. Ich will dich spüren. Nicht einmal so sehr der Tanz in den Laken, auch wenn der atemberaubend war." Er wandte den Blick wieder Andrajs blauen Augen zu, die so dunkel waren und so voller Unsicherheit. "Deine Haut an meiner, dein Atem an mir. Deine Arme um mich haben, weil sie mir das Gefühl geben, dass auch du mir nahe sein willst, dass es nicht einseitig ist; ich will dich halten, wenn du wieder so einsam und fern scheinst und dir zeigen, dass ich da bin. Ich will dich küssen und geküsst werden, mit dir einschlafen und mit dir aufwachen. Ich will mein Leben mit dir teilen und teilhaben an deinem. Und jedes Mal, wenn ich es versuche und auf dich zugehe, verletze ich dich damit." Er atmete durch und probierte zu lächeln, doch es misslang. "Und deine Angst?", flüsterte er nur.

"Ich fürchte, manches in meinem Leben ist zu schmerzvoll, um es zu teilen", wisperte Andraj, seine Stimme nur ein Schatten ihrer selbst. "Ich möchte dein Licht nicht verdunkeln. Und... ich weiß, dass du mein Untergang sein wirst. Schritt für Schritt entferne ich mich von allem, was ich für wahr und richtig gehalten habe: meinem Glauben, meinem Selbstbild und meiner Ehrenhaftigkeit. Du bekommst das alles von mir, alles. Nichts bleibt von mir übrig, was ich einst war. Und wenn du dein Interesse jemand anderem schenken wirst – und das wirst du – werde ich zerbrechen. Es tut jetzt schon weh, dich nur anzusehen." Als Yash zu sprechen anfing, hob er warnend eine Hand. "Ich weiß, du willst widersprechen, Yash. Aber wir sind noch sehr jung, unser Leben ist sehr lang und... ich kenne dich."


© by Nika & Pandorah