Buch I: Der Weg des Tanzes

11. Übungsstunden

Jede Begegnung auf dem Weg des Tanzes birgt Einsichten.

Aus: "Die Weisungen des Tanzes" von Vidyaranya,
Sohn des Ved


Fröstelnd wandte Yash sich ab und trat zu einer der Bänke, um sich in ein weiches Tuch zu wickeln. Die Kälte in ihm fühlte sich beinahe so an, als hätte ihm jemand das Schwert entwendet und ihm damit die Ehre genommen. Andraj gab ihm seine Liebe mit dem Versprechen, dass sie ihn zerstörte, gab sich selbst, um im selben Atemzug zu sagen, dass er nicht mehr existieren würde und verwehrte sich gegen alles, was Yash hervorbringen konnte. Gleichzeitig offenbarte er ihm die niederste Meinung, die er von ihm haben konnte. Blind starrte er auf das Bodenmosaik und kämpfte gegen den Schmerz in seinem Inneren an.

"So, du kennst mich", flüsterte er der Wand zugewandt. "Du weißt, mit wie vielen Männern und Frauen ich geschäkert habe, meinst du das? Mit wie vielen ich das Bett geteilt habe, vielleicht? Aber weißt du auch, mit wie vielen ich eingeschlafen und morgens wieder aufgewacht bin? Das waren wenige, und nicht öfter als ein Mal. Und weißt du, gegenüber wie vielen ich von Liebe gesprochen habe? Es gibt genau einen Mann, Andraj, der diese Worte von mir gehört hat. Und dieser hat sie abgewehrt. Dieser Mann will alles, was ich vorbringen kann, nicht gelten lassen, als wäre mein Wort das eines Schwertlosen."

"Dann ist es nicht einmal derselbe Weg, den wir gehen, nicht wahr? Dann ist das alles nur Illusion? Unsere Freundschaft, unsere Brüderschaft? Wir? Ich kenne dich nicht, und du kennst mich nicht. Soll das heißen...", Andraj schluckte, weil er sich fühlte, als würde er zerspringen. "Das ist das Ende?" Er schüttelte sehr langsam den Kopf, ungläubig und schmerzvoll. Einige Schritte brachten ihn zu Yash. Er packte seinen Freund von hinten an den Schultern und drehte ihn um. "Sieh mich an und sag mir, ob dies das Ende ist."

"Natürlich ist das nicht das Ende", erwiderte Yash heiser. "Dann wäre alles eine Lüge, nicht nur Illusion. Aber das ist es nicht. Und selbst wenn ich dich einfach so ziehen lassen wollte, ich könnte es nicht. Warum siehst du immer nur die Dinge, die uns trennen? Wir haben den Schwertschwur schon geleistet, als wir es nicht gedurft hätten. Warum hast du das getan? Was war der Grund? Erinnere dich und dann sag noch einmal, dass du auch nur daran denkst, es zu beenden."

"Mein Schwur war echt, beide Male. So wahr ich hier vor dir stehe, so wahr ist er." Andraj ließ Yashs Schultern los. "Es gibt nicht nur einen Grund, warum ich den Schwur geleistet habe, es gibt so viele Gründe, dass ich sie selbst nicht alle verstehe. Sie liegen darin, dass du manchmal lächelst, wenn ich traurig bin, ohne zu reden. Darin, dass du dein Schwert mit Sorgfalt putzt. Und darin, dass deine Augen leuchten, wenn du von deinem Vater sprichst."

"Vater hat gesagt, sie leuchten, wenn ich von dir spreche. Ich bewundere, wie beharrlich du jeden Tag trainierst. Wie fest du deine Ziele verfolgst. Wie gut du das Feuer in dir bändigen kannst, zu gut schon oft. Dass du nie vergisst, für Mayur eine Extraportion Fleisch auf deinen Teller zu laden. Dein Vertrauen in mich, das mich über mich selbst hinaus wachsen lässt. Aber was muss ich tun, damit du mir vertraust, dass ich dein Herz vorsichtig halten und behüten will?" Yash schluckte und kämpfte gegen die Enge in seiner Kehle an, als er den Vorsatz wieder aufgriff, den er eigentlich schon in der Rasthütte gehabt und bei dem Andraj ihn unterbrochen hatte. "Oder gibt es nichts? Dann würde ich dir versprechen, dass ich dich nicht mehr anders anfasse als einen Bruder, dich nicht mehr anders ansehe, und all die anderen Gefühle in mir vergrabe. Ich brauche dich, Andraj..."

"Ich bin für dich da, Yash. Solange du hier bist, bin ich es auch. Ich weiß nicht, was du gegen die Stimmen in mir tun kannst, die mir sagen, dich zu begehren, sei falsch. Ich weiß auch nicht, was du dagegen tun kannst, dass ich aussehe wie ein Fremder. Es liegt nicht an dir." Andraj kräuselte seine Nase. "Darauf hast du keinen Einfluss, aber es macht mich zu dem Mann, der hier vor dir steht."

"Der Mann, der mir die Welt bedeutet. Und auch dein Aussehen macht dich besonders." Yash seufzte und fragte sich, warum er ihn dann ändern wollte. Aber das wollte er nicht, nur die Dinge, die ihn unglücklich machten und die ihn fern hielten. "Was ich wissen will, Andraj... darf ich dich weiter begehren? Darf ich... weiter versuchen, dir nahe zu sein?"

"Yash...", flüsterte Andraj, erblasste noch einmal. "So sehr ich es auch möchte... Ich habe Angst." Eine Gänsehaut überzog seinen Körper. "Angst, ich könnte mich in dich verlieben."

Das Verlangen, Andraj in seine Arme zu ziehen, ihn an sich zu drücken und ihm zu versprechen, dass alles in Ordnung kommen würde, war fast überwältigend. Yash ballte die Fäuste, um sich daran zu hindern, ihm auch nur über die Wange zu streichen. "Ich glaube, das hast du bereits."

"Ich hoffe nein, denn ich..." Andraj hielt ein. "Ich will nicht, dass du dich eingesperrt fühlst. Es gibt viele andere, die mehr als glücklich wären, den Platz in deinem Bett, den du mir zugedacht hast, einzunehmen, und darunter könnte die Person sein, die für dich bestimmt ist, Yash. Dann werde ich an deiner Seite sein und deinen Bund als dein Schwertbruder bezeugen. Du könntest glücklich werden. Das wäre auch mein Glück... Deswegen darf ich mich nicht in dich verlieben, denn diese Liebe macht mich sicher egoistisch, und ich würde dich niemals gehen lassen können."

Yash blinzelte und fühlte, dass er an seinem Freund zu verzweifeln begann. "Bei all deinen Überlegungen zu meinem Glück ist dir der wichtigste Punkt entgangen, Andraj. Du bist die Person, die ich an meiner Seite will, nicht nur in meinem Bett. Du bist der Mann, der mich glücklich macht. Ich will nicht, dass du mich gehen lässt."

Andraj lachte plötzlich. "Und wieder sind wir auf verschiedenen Seiten der Straße, unverbesserlich. Vielleicht brauchen wir auch diesen Dauertanz zwischen uns? Feuer und Wasser, die wir sind? Das hier ist unser letzter Abend zu zweit, zudem wird mir langsam kalt, und ich bekomme Hunger. Lass uns nachher weiterstreiten, wenn mein Feuer weniger lodert und dein Wasser in sein Flussbett zurückgekehrt ist."

Yash grinste, zog das Handtuch von seinen Schultern und begann sich abzutrocknen. "Eigentlich will ich gar nicht mit dir streiten. Wieso passiert das nur ständig?"

Aber es hatte gut getan. Zwar war noch immer nichts zwischen ihnen wirklich geklärt, doch es hatte die Luft gereinigt. Auf jeden Fall hielten sie nun beide nicht mehr die Griffe der Schwerter bedeckt.

In große Tücher gehüllt kehrten sie auf ihr Zimmer zurück, wo bereits das Mahl gerichtet worden war. Die Diener hatten sich schon zurückgezogen, das Essen war jedoch frisch und warm. Zufrieden stellte Yash fest, dass er dieses Gasthaus wirklich empfehlen konnte. So lobte er sich gute Bedienstete.

Beide ließen sich auf die Kissen vor dem Tisch fallen und betrachteten das Essen mit leuchtenden Augen. Es gab einen silbernen Topf, der auf einem Feuer stand, aus dem der Duft von Curry an ihre Nasen drang. Ebenso gab es rosa Reis, der wirklich einladend mit Minzeblättern angerichtet war, neben Joghurtsoße mit Koriander und zartem Huhn. Zum Nachtisch gab es Melonen verschiedenster Art, dazu waren feine Weine bereitgestellt, aber auch frisches Wasser. Allen beiden entkamen selige Seufzer, als sie ihre Mahlzeit begannen.

Nachdem sie den ersten Hunger gestillt hatten, lehnten sie sich zurück und genossen die kühlen, saftigen Melonen. Es tat gut, einfach nebeneinander zu sitzen, ohne Vorwürfe oder Forderungen.

Andraj kam als erster wieder auf ihre Aussprache zurück, als er nachdenklich einen Schluck von dem mit etwas Zitrone verfeinerten Wasser trank. "Ich habe nachgedacht und finde, du hast recht. Eigentlich kennen wir uns nicht besonders gut. Turniere sind nicht das Leben. Ein paar Stunden zwischen den Tänzen miteinander zu verbringen, ist nichts, verglichen mit dem hier."

"Wahrscheinlich hat der Priester das gemeint, als er uns warnte, dass es schwierig würde." Yash ließ sich ein letztes Stück der weichen Melone auf der Zunge zergehen, ehe er sich zurücklehnte und sich auf seinen Armen abstützte. Diese Deutung gefiel ihm deutlich besser als eine der beiden anderen, die er sich in den vergangenen Tagen zurechtgelegt hatte und die entweder Andraj oder ihm Schuld zuwiesen. "Wir kennen uns sehr gut, aber nur in einer gewissen Grenze. Und diese Grenze ist eng gesteckt, gesetzt von Ritualen, Traditionen, den Regeln der Turniere... Die haben wir hinter uns gelassen, und ich fürchte, wir müssen unsere eigenen finden."

Dabei würde er sich nun lieber gemütlich in die Polster legen, mit seinem Liebsten im Arm, und als Nachtisch von seinen Lippen naschen. Stattdessen angelte er sich frustriert noch ein Stück Melone.
"Wo wollen wir anfangen?", fragte Andraj, der sich auf dem Kissen genüsslich ausstreckte.

Yash grinste. "Vorne? Hallo, Fremder, mein Name ist Yash, Sohn von Yovan. Du hast gut getanzt, nur ein wenig ungelenk", alberte er herum, auf ihre erste Begegnung anspielend.

"Soll ich dich ignorieren wie damals, als ich dachte, dass du zu viel redest?", antwortete Andraj lachend. "Ich denke, wir könnten damit anfangen: Ich mag es, wenn du mich berührst, aber es ist ungewohnt für mich. Wie ist das?"

Mit einem Lächeln ließ Yash sich ganz zurück in die Kissen sinken und drehte den Kopf, so dass er am Tisch vorbei zu seinem Freund sehen konnte, der es sich ebenfalls bequem gemacht hatte. "Das ist ein guter Anfang. Dann verspreche ich dir zumindest, dass ich dich nicht anders als meinen Bruder behandle, so lange wir nicht allein sind. Und ansonsten können wir... üben." Sein Lächeln vertiefte sich zu einem anzüglichen Grinsen. "Ich mich in Zurückhaltung und du dich in Entgegenkommen." Er streckte den Arm nach Andraj aus, ohne sich von dem Polster zu bewegen und berührte die warme Hand mit den Fingerkuppen. "Kannst du damit leben?"

Andraj drehte seine Hand, so dass die dunkleren Finger in seiner Handinnenfläche lagen. Er betrachtete ihre unterschiedliche Farbe und Form; dennoch waren es beides Hände mit fünf Fingern und sehr ähnlichen Schwielen. Mit einem schelmischen Heben der Mundwinkel und einem gewitzten Funkeln seiner Augen fragte er zuckersüß: "Wie übe ich das denn?"

"Nun", meinte Yash gedehnt, "du könntest zum Beispiel nicht immer gleich aussehen, als wollte ich dir einen Dolch in den Rücken rammen, wenn ich dir näher komme." Er lachte wieder und drückte Andrajs Hand sachte, erwiderte seinen Blick aber mit einem warmen Lächeln. "Das hier zum Beispiel halte ich für eine ausgezeichnete Übung. Wenn du sie zu deiner Zufriedenheit gemeistert hast, kannst du dann dazu übergehen und mich mal von dir aus küssen. Oder umarmen. Einfach, was dir in den Kopf kommt, ohne dass du darüber nachdenkst und es unterbrichst, noch bevor du es ausgeführt hast. Stell dir mal vor, das würdest du im Kreis machen", neckte er.

"Ich glaube, das ist mir immer noch nicht so klar. Vielleicht könnte eine Demonstration helfen?" Andrajs Stimme blieb betont unschuldig.

"Das hilft mir nicht gerade, mich in meiner Pflicht zu üben." Amüsiert rutschte Yash ein wenig um den Tisch herum und näher an Andraj heran, bis er den nackten Arm seines Liebsten zu sich ziehen konnte. Ausgiebig begann er dann, sich der Hand zu widmen, küsste die Innenfläche, fuhr die Finger mit der Zunge nach, biss sachte in die Fingerkuppen, um sie gleich darauf zu küssen. Er mochte dieses sinnliche Spiel, mochte es, die Abwechslung von weicher Haut zu Schwielen auf seinen Lippen zu spüren.

Andraj grinste und seufzte, während er Yashs zarte Bisse und die etwas raue Zunge genoss.

"Hmm... Nur das? Soll ich nur das üben?", fragte er.

"Für den Anfang... ja. Dann kann man das ein wenig ausdehnen." Mit einem Lächeln zeigte Yash ihm nur zu gerne, was er meinte, als er seine Küsse weiter wandern ließ, die empfindliche Haut auf der Innenseite des Unterarms liebkoste, mit den Zähnen entlang fuhr und ihn in der Armbeuge mit der Zunge kitzelte. Andrajs Arm festhaltend, der zurückzucken wollte, widmete er sich dem Oberarm, um dort das Spiel zu wiederholen und den Muskel und die Schulter zu erkunden.

Andrajs Atem wurde tiefer, lauter mit jeder Berührung von Yash. Unter halbgeschlossenen Augen sah er zu, wie die geschwungenen Lippen seine Haut erkundeten. "Soll ich es probieren?", wisperte er dann.

Sich nun nicht dem Mund widmen und den Atem von den Lippen trinken zu dürfen, war eine süße Folter für Yash, doch er hatte es nicht eilig. Nicht nur beim Essen genoss er gerne. Andrajs schweren Atem zu hören, den Blick aus seinen blauen Augen dunkler werden zu sehen, war einzigartig. Er nickte und ließ sich wieder zurück in das Polster sinken.

Andraj fuhr mit seinen Fingern an jedem seines Freundes entlang, dann mit den Fingernägeln über die zarte Haut von Yashs Innenarmen, langsam und kreisend. Yashs Augen wurden groß, als Andraj dann die Distanz zu seinem Rippenbogen übersprang und dort jede einzelne Rippe entlang strich, sie nachzeichnete, bevor er sanft die Seite streichelte. Als Yashs Augen einen Moment zuflatterten und er leise seufzte, beugte er sich hinunter und küsste seinen Freund tief.

Ein heißer Stich fuhr quer durch Yashs Körper und endete beinahe schmerzhaft in seinem Bauch. Seine Lider flogen auf, nur um sich direkt danach wieder zu senken, als er sich an Andraj verlor. Er legte die Hände an Andrajs Rippen und streichelte die warme Haut mit den Daumen, während er den Mund öffnete und die weiche, ein wenig zögernde Zunge einließ. Behutsam nur erwiderte er den Kuss, ließ sich ganz von Andrajs Begehren leiten.

Irgendwo zwischen dem Vergnügen, Yash überrascht zu haben und der Erregung, die aus dem Kuss resultierte, begann Andraj zu lächeln. Er fühlte Yashs Hand an seiner Haut. Er fühlte Yash unter seiner Haut, in seinem Magen, in seinem Kopf und in seinen Zehen. Er war überall, und es machte ihn betrunken. Als sich ihre Lippen trennten, drehte sich alles, und er lächelte, als ob er süßen Honig aus dem Mund seines Freundes getrunken hätte.

Yash fühlte sich leicht und berauscht, genauso, wie er sich fühlen wollte. Er musste das Lächeln nicht erwidern, seine Lippen taten es von selbst. Allein das Leuchten in Andrajs Augen zu sehen, rief ein Flattern in ihm hervor, als würde er fliegen. "Mehr...", flüsterte er bittend.

Andraj wusste nicht, wie es passiert war, aber er küsste Yash schon wieder, noch bevor er eine bewusste Entscheidung getroffen hatte, dies zu tun. Diesmal nippte er immer nur an den suchenden Lippen, neckte seinen Freund, ließ ihn seufzen. Erst nach einem Grummeln aus Yashs Brust, das gefährlich klang, versiegelte er ihre Lippen erneut. Langsam schob er sich dabei auf Yashs Körper, den Kuss nicht unterbrechend, bis er halb auf seinem Schwertbruder lag. Er sog noch einmal an der zarten Unterlippe, bevor er Yash ansah. "Genug?"

Yash hatte sich nicht davon abhalten können, die Arme um den kräftigen Oberkörper zu schlingen. Außer Atem sah er zu Andraj auf und schüttelte den Kopf. Nicht selbst die Initiative ergreifen zu dürfen, war anstrengender, als er es sich ausgemalt hatte und gleichzeitig erfrischend anders. "Von dir kann ich nicht genug bekommen."

"Hm.... Vielleicht zeigst du mir, was du im Sinn hast", forderte Andraj ihn auf, die Stimme heiser und tief. "Ich kann an deinen Augen sehen, dass du etwas vorhast."

"Dann gehe ich binnen kürzester Zeit wieder zu weit", gestand Yash rau. Dennoch konnte er nicht widerstehen, den durchtrainierten Rücken hinabzustreicheln, bis er den Hintern erreichte. Anstatt ihn jedoch anzufassen, kehrten seine Hände um, während er den Kopf hob und Andrajs Schultern und den Hals mit Küssen zu bedecken begann.

Andraj brummte genüsslich, sog die Zärtlichkeiten in sich auf, als ob sie durch seine Haut in sein Herz sickerten. Irgendwo fragte er sich verträumt, was Yash mit 'zu weit gehen' gemeint hatte, dann brachte er Yashs Hand an seine Lippen und küsste die Finger, ließ seine Zunge dazwischen schwirren, kostete den seltsamen Geschmack von Salz, Yash und Melone.

Die Tücher waren irgendwann abhanden gekommen. Mit einem Aufseufzen ließ Yash sich wieder zurücksinken und schloss die Augen, um nur noch zu fühlen. Die feuchte Zunge an seiner Hand, das Gewicht auf ihm, die harten Muskeln und die weiche Haut, das Haar in seinem Schritt, dass sich gegen seinen Oberschenkel drängte. Eines der langen Beine, das sich zwischen seine geschoben hatte. Feinere Eindrücke kamen dazu, der Geruch, in dem noch immer die Seife zu finden war, aber auch das Curry. Der Laut seines Atems, das leise Geräusch der Lippen, die ihn liebkosten und das kaum wahrnehmbare Knistern der Haare, als ein paar längere Strähnen über seine Schulter rieben.

Es waren Eindrücke, die kostbar waren, weil er vorher nie darauf geachtet hatte, und sie machten ihm bewusst, dass alles, was er eigentlich wollte, war, so nah bei Andraj wie möglich zu sein. Gleichgültig wie.

Andraj kam von seinem Ausflug zu Yashs delikaten Fingern zurück zu seinem Gesicht. Er lächelte zärtlich, dann beugte er sich vor, küsste zuerst die Stirn, dann das rechte, anschließend das linke Augenlid, die Spitze der stolzen Nase und ganz sachte das Kinn. Dann umfasste er Yashs Gesicht mit seinen Händen und blickte ihn unverwandt an. "Erzähl mir was über dich."

Langsam strichen Yashs Finger an Andrajs Seiten entlang, auf und ab, in einer ungleichmäßigen Bahn, während er träumerisch überlegte, dass er diesen Abend für immer festhalten wollte.

"Ich liebe es, mit nackten Füßen über das Gras hinter unserem Gut zu laufen", begann er schließlich leise. "Wenn der leichte Sommerregen alles wäscht und warm in mein Gesicht rieselt. Wenn er kleine Kreise auf den See malt und die Fische danach schnappen, weil sie die Tropfen für Mücken halten. Ich mag, wenn mein kleiner Bruder Choyen mir entgegen läuft, um mich zu begrüßen, wenn ich von einem Turnier nach Hause komme. Wie seine Wangen glühen, wenn ich ihm davon erzähle. Ich tanze gern mit ihm, auch wenn es anstrengender ist als mit jemanden, der den Tanz bereits beherrscht. Ich bewundere Vater dafür, dass er bei uns beiden nie die Lust daran oder die Geduld verliert. Ich hoffe, ich schaffe es irgendwann, so gelassen wie er zu sein. Selbst als ich einem Nachbarsjungen zwei Zähne ausgeschlagen habe, weil ich Choyen beschützen wollte, ohne dass es nötig war, ist er ruhig geblieben." Reumütig erinnerte er sich an dieses nicht sehr ruhmreiche Kapitel seines Lebens.

"Du?" Andraj lachte halb, halb war er verblüfft. "Du hast tatsächlich einem Jungen zwei Zähne ausgeschlagen? Ich kann es kaum glauben." Er küsste Yash auf die Nasenspitze, dann zart auf den Mund.

"Ja. Es waren zum Glück noch Milchzähne, aber das ändert nichts." Yash verzog das Gesicht, konnte die Grimasse aber unter den Zärtlichkeiten nicht beibehalten und entspannte sich stattdessen, als er den Kuss nur mit den Lippen sanft erwiderte.

"Und nun etwas von dir im Austausch?", murmelte er auf dem weichen Mund.

"Ich kann mich kaum an die Zeit mit meiner Familie erinnern, nur an kleine Brocken, Momente und..." Andraj schluckte und lehnte seine Stirn gegen die von Yash. "Als Vater noch lebte, hatte er nie besonders viel Zeit für uns. Und wenn er da war, dann war er meistens erschöpft. Aber einmal, da hat er mir sein Schwert in die Hand gegeben und mir gesagt, dass ich sein ganzer Stolz wäre. Ich durfte es halten und damit ein paar Schläge ausführen. Lächerlich, das Schwert war größer als ich, also bin ich hingefallen. Ich war außer mir vor Wut, dass ich es nicht geschafft hatte. Er hob mich auf, setzte mich auf seine Schultern und lachte. Er sagte: 'Du solltest dein eigenes Schwert bekommen, mein Sohn. Ich kann das Feuer des Tanzes in dir erkennen.' Ich habe nie mit ihm getanzt, das bedauere ich." Er fühlte sich jung und verletzlich, als er die letzten Worte ausgesprochen hatte.

Yash dachte wieder daran, dass Sharvaar nicht nur tot, sondern auch noch ehrlos gestorben war. Bei dem, was Andraj von ihm erzählt hatte, so wenig es auch war, kamen ihm immer wieder Zweifel. Besonders, da auch sein Freund derart auf die Ehre bedacht war wie kaum ein zweiter, konnte Yash sich nicht vorstellen, dass dessen Vater sich so sehr von ihm unterscheiden sollte. Und dennoch war es so. Dass Sharvaars Schwert schwarz verhüllt und versiegelt worden war, sprach die deutlichste aller Sprachen.

Er wollte gerne etwas sagen, doch ihm fehlten die Worte, und vielleicht waren auch keine nötig, als er Andraj fester drückte und ihn auf die Schläfe küsste. Es war eine schöne Erinnerung, eine kostbare, von denen sein Bruder nur wenige hatte und von denen er selbst so übervoll war. Gerecht war es nicht, aber ab jetzt wollte er alles mit ihm teilen.

Andraj lächelte traurig. "Keine Sorge, es tut nicht mehr so weh wie damals, als ich von seinem Tod erfahren habe. Keine gute Geschichte für einen Abend wie diesen." Er kräuselte die Nase, dann lehnte er sich auf seine Ellenbogen und schaute auf Yash herunter. "Was jetzt?"

"Sie ist schön. Ich bin dankbar, dass du sie mit mir geteilt hast." Yash strich ihm mit gespreizten Fingern durch das Haar. Er rückte unter Andraj ein wenig zurecht, weil sein Rücken zu schmerzen begann. "Was hältst du davon, wenn wir uns im Bett weiter unterhalten? Die Seite, auf der du nicht liegst, wird kalt und dein Rücken ist es auch schon. Außerdem liege ich sehr unbequem nur auf einem halben Polster, wie mir langsam auffällt. Eine ebenmäßige Matratze und eine Decke wären schön."

Andraj erhob sich ohne eine weitere Aufforderung. Er wartete, bis Yash im Bett lag, bevor er nach ihm hineinkroch und sich zudecken ließ. Yash sah ihn an, dann wand er seine Arme um Andraj, der sich nicht wehrte.

"Vielleicht...", begann Andraj. Aber dann grinste er und schüttelte den Kopf. "Nein, das wäre Verschwendung. Ich wollte, dass du noch etwas erzählst, aber am Ende schlafe ich ein."

"Als mein Bruder und ich noch klein waren, hat meine Mutter uns abends am Bett oft Geschichten erzählt. Und wenn wir dabei eingeschlafen sind, hat sie am nächsten Abend gefragt, bis wohin wir uns noch erinnern können." Yash vergrub sein Gesicht an Andrajs warmen Nacken und lächelte. "Ich werde dir von dem Herbst erzählen, in dem Vater mich das erste Mal an den Hof des Darjahs mitgenommen hat."

Und das tat er, bis ihm die tiefen, gleichmäßigen Atemzüge zeigten, dass sein Bruder eingeschlafen war. Dann stand er noch einmal auf, um die Kerzen zu löschen. Als er wieder zu dem kräftigen Mann ins Bett stieg, den er so gut und doch so wenig kannte, fühlte er das Glück wie den Rausch eines perfekten Tanzes durch sich strömen.


© by Nika & Pandorah