Buch I: Der Weg des Tanzes

12. Ein Steinewerfer ohne Ehre

Deine Ehre soll wie deine Klinge sein: tadellos, rühmenswert und unnachgiebig.

Aus: "Schwerter" von Rishi,
Sohn von Ravi


Ein unerbittlicher Wind wehte über die kahle Ebene, auf der Andraj sich wiederfand. Der Himmel war strahlend klar, die Sonne ließ den Stein fast weiß erscheinen. Andraj sah sich um. Hinter ihm standen vier Personen, die helle Sonnenroben trugen, deren gestärkte Kapuzen die Gesichter verbargen. Er wollte fragen, wer die Fremden waren. Unwillkürlich wanderte seine Hand zu seinem Schwert, doch es war nicht an seiner Hüfte.

Die vier Gestalten traten auseinander, und hinter ihnen konnte er zwei weitere Männer erkennen, die in eine rote und eine blaue Robe gekleidet waren. Dort, wo die vier gestanden hatten, war ein Kreis der Ehre in den Fels gehämmert worden, und die hellen Roben nahmen jeweils ihren Platz an einem der Symbole für die Götter ein.

"Seid Ihr die Vier Brüder?", fragte Andraj, doch der Wind riss seine Worte fort.

Die Person in der roten Robe verbeugte sich und betrat den Kreis als erste, gefolgt von der anderen. Die beiden begannen, einen sehr kraftvollen, eleganten Tanz vorzuführen, geradezu perfekt und in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Die Gegner waren ebenbürtig, voller Energie, und ihre Techniken waren eher Kunst als Kampf. Es freute Andraj, denn ein solcher Tanz war sicher ein Fest für Die Vier.

Schließlich verlor der blaue Kämpfer seinen Stand. Die Kapuze wurde von seinem Kopf geweht. Mit einem Keuchen erkannte Andraj, dass es Yash war. Yash tanzte für die Götter! Während er noch seinen Freund bewunderte, seine Eleganz und sein Geschick, wurde Yash auf die Knie gezwungen. Andraj näherte sich dem Kreis, wartete darauf, dass sein Schwertbruder den Kampf verloren gab, aber Yash tat es nicht. Daraufhin holte der rote Tänzer aus und köpfte Yash, rasch und ohne zögern.

"Nein!" Andraj wollte zu seinem Bruder, seinem Liebsten, der reglos unter dem flatternden blauen Mantel auf dem gleißenden Stein lag, aber er konnte die Grenze in den Kreis nicht überwinden. "Nein! Yash!"

Der rote Tänzer wand sich ihm zu und fixierte ihn mit seinen dunklen, blauen Augen.

"Vater?", stammelte Andraj, dann blendete das Licht so sehr, dass er nichts mehr erkennen konnte.


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Mit einem leichten Zucken erwachte Andraj. Er war im Bett, Yash lag neben ihm, und der Morgen graute noch nicht. Er entwand sich aus dem sicheren Hafen von Yashs Armen und stand auf. Zuerst trank er einen Schluck Wasser, dann hüllte er sich in einen der weichen Gästemäntel und verließ das Zimmer. Er brauchte frische Luft.

Yash erwachte halb, als Andraj aufstand. Der warme Körper fehlte ihm, weswegen er langsam, aber sicher weiter aus dem Schlaf empor driftete, während er darauf wartete, dass sein Bruder von den Latrinen zurückkehrte. Die Zeit wurde zu lang, und so stand er auf, nahm sich den zweiten der Gästemäntel und folgte Andraj nach draußen. Er fand ihn auf dem kleinen Balkon am Ende des Flures, eine einsame, vom Mondlicht beschienene Gestalt.

"Kannst du nicht schlafen?" Leise trat er zu ihm und legte ihm von hinten die Hände auf die Hüften.

"Ein Traum hat mich geweckt." Andraj umriss schnell, was er geträumt hatte. "Es war mein Vater, der dich getötet hat, Yash. Ich konnte mich bis gestern kaum an sein Gesicht erinnern, aber er war es."

Seinen Freund an sich ziehend, wand Yash die Arme um ihn, ließ die Hände leicht auf seinem Bauch ruhen und lehnte den Kopf gegen seinen. "Das letzte Mal hast du im Tempel geträumt und versucht, mir die Brüderschaft auszureden, weil du mich entehren würdest. Wir haben über deinen Vater geredet, und du hast mir von ihm erzählt. Es ist kein Wunder, dass du von ihm träumst."

"Ja, wahrscheinlich." Andraj zog die Augenbrauen zusammen. "Wir sollten wieder schlafen gehen. Sagt mir zumindest die Vernunft. Wir können natürlich auch hier im Mondschein stehenbleiben und über die Träume eines kopflosen Tänzers sinnieren."

Yash lachte leise und küsste Andraj hinter das Ohr. "Ich bin ohnehin immer kopflos, wenn ich zu lange in deine Augen sehe. Lässt du das als erste Auslegung gelten?"

"Hmmm... zwei kopflose Tänzer im Mondlicht? Wo soll das hinführen?", murmelte Andraj sanft. Er drehte sich in Yashs Armen um und deutete mit seinem Kopf in die Richtung ihres Zimmers. "Da ist immer noch ein Bett, das auf uns wartet..."

Sich in der Dunkelheit und der späten Stunde sicher fühlend küsste Yash die verlockenden Lippen, nur kurz zwar, aber er konnte nicht widerstehen. Allein dieser weiche Ton ließ sein Herz wieder überfließen. "Du hast recht, die Nacht ist kühl." Er hielt ihn noch einen Moment länger, bevor er sich von ihm löste; gleichzeitig suchte er nach Andrajs Hand, um seine Finger zwischen die seines Bruders gleiten zu lassen.

Die Finger verschränkten sich, und Andraj ließ sich in das Schlafzimmer zurückziehen. Irgendwie fanden sie sich auf der Matratze wieder und kuschelten sich ein. Yash war schnell eingeschlafen, aber Andraj lag noch etwas wach, dabei hatte er das Gefühl, dass vier Paar überirdischer Augen ihn strafend ansahen.


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Am nächsten Morgen wurde Andraj von weichen Lippen geweckt, die seinen Hals erkundeten, und von Haaren, die ihn am Brustkorb kitzelten.

"Hmmm...", brummte Andraj wohlig. "Ich will nicht aufstehen."

Yash lachte leise und rieb seine Wange an Andrajs, dann biss er ihm sachte ins Ohrläppchen. "Ich auch nicht, aber wir müssen. Sonst verpassen wir unseren Wagen."

"Wenn du so weitermachst, kann ich nicht laufen, meine Knie werden ganz weich", neckte Andraj, aber dann schwang er die Beine aus dem Bett, stand auf und streckte sich. Als er sein Schwert betrachtete, lachte er. "Es gab noch keine Zeit seit meinem ersten Tag in der Akademie, während der ich so lange nicht geübt habe. Das ist deine Schuld, Yash."

Yash grinste breit. "Ich nehme sie auf mich und gebe sie dennoch zurück. Ich habe selten so oft auf meine Übungen verzichtet wie in den letzten Tagen. Das dürfen wir nicht einreißen lassen. Wenn wir heute Abend Rast machen, wird wieder getanzt."

Es fehlte ihm auch, wie er zugeben musste. Noch nicht so sehr, dass er unleidig wurde, dazu hatte er zu viel angenehme Ablenkung. Aber er spürte doch ein wenig das erwartungsvolle Kribbeln in den Fingern, den Schwertgriff zu halten und mit jemandem zu tanzen.

Amüsiert öffnete Andraj die Tür und holte ihre frischen Sachen herein. Sie wanderten gemeinsam ins Bad, wo sie sich schnell wuschen und Andraj erleichtert feststellte, dass Yash sich daran hielt, ihn in der Öffentlichkeit nur wie einen Bruder zu behandeln. Das Frühstück war reichlich, zudem gab es kleine gefüllte Teigtaschen, die beiden mundeten. Der kräftige Tee belebte sie zusätzlich nach der kurzen Nacht.

Nachdem sie Proviant eingepackt hatten und alles verstaut war, machten sie sich auf den Weg zum Osttor. Sogar in den kühlen Morgenstunden war schon recht viel Betrieb, die Leute eilten vorbei, und nicht wenige betrachteten die beiden Freunde mit einem düsteren Blick. Andraj gefiel das gar nicht, Yash schien ebenso beunruhigt.

Auf einmal flog ein Stein durch die Luft und traf Andraj an der Schläfe. Er taumelte, griff unweigerlich nach seinem Schwert, doch alles drehte sich, und er griff daneben. Er versuchte sich zu konzentrieren, aber Blut lief in seine Augen.

"Verschwinde, Fremdländer!", brüllte jemand.

Die Stimme klang seltsam verzerrt in Yashs Ohren, als er seinen Bruder taumeln sah, Blut im Gesicht. Er griff nach ihm, um ihm Halt zu geben, während er sich gleichzeitig in die Richtung drehte, aus welcher der Stein gekommen war. Kalter Zorn rauschte durch ihn hindurch. Seine Augen wurden schmal, als sein Blick über die Menge flog, drohende Gesichter erfasste, geballte Fäuste und mehr Steine.

"Wer hat den Stein geworfen?", verlangte er zu wissen, seine Stimme klirrte beinahe vor Kälte und Wut.

"Was willst du?! Was will einer von uns mit einem von denen?", höhnte jemand.

Yash ließ Andraj los und zog sein Schwert. Er konnte nicht ausmachen, wer gesprochen hatte, aber in dem Moment war er bereit, es mit der ganzen Menge aufzunehmen. "Einem von denen? Dieser Mann ist in Gwalimea geboren und tanzt nach den Regeln der Vier, die ihr hier nicht zu kennen scheint. Er ist mein Schwertbruder, und ich fordere jeden, der ihn berührt, zum Tanz heraus! Wer hat den Stein geworfen?!"

"Ein Rotschopf wie der?! Der ist sicher ein Spion aus Batur", rief ein Mann. "Dann bist du der Bruder eines Verräters."

Andraj wischte das Blut ärgerlich weg. Er wusste zwar immer noch nicht so genau, ob der Boden unter ihm halten würde, aber er fühlte, wie ein Funke seine Wut entzündete. Mühsam kämpfte er gegen das Feuer und gegen die schwindelige Undeutlichkeit der Dinge, während er zu Yash sagte: "Beruhig' dich."

Ein junger, kräftiger Mann trat vor und schnaubte verächtlich. "Ich habe den Stein geworfen, aber nur, weil es mein Schwert entehrt, es mit seinem Blut zu beschmutzen!"

Yash knirschte mit den Zähnen, während er auf seinen Bruder zu hören versuchte und die Worte seines Vaters in ihm widerhallten. 'Beherrsche deine Gefühle!' Entgegen seines innigsten Bedürfnisses stürzte er sich nicht mit den Fäusten auf den Mann. Selbst seine Stimme blieb einigermaßen ruhig, als er das Schwert auf ihn richtete. "Seine Ehre ist meine Ehre. Beleidigst du ihn, beleidigst du mich. Ich bin Yash, Sohn aus dem Hause Yovans. Hier und jetzt fordere ich dich zum Tanz."

"Wer auch immer!", lachte der Herausforderer. Er zog sein Schwert, das in der Morgensonne funkelte. "Ich kämpfe auch außerhalb des Kreises ehrenvoll. Wie steht es mit dir, Verräterbruder?"

"Yash", Andraj schnappte sich den Arm seines Freundes. "Das lohnt sich nicht."

"Ich lasse diese Beleidigung weder auf dir, noch auf mir sitzen." Grimmig sah Yash zu dem Mann hin, dann legte er seine freie Hand auf Andrajs und schaute ihm in die Augen, die umrandet mit Blut waren. "Er hat dich verletzt, auf eine so unehrenhafte Art, dass ich ihm beinahe den Tanz nicht gönnen möchte. Aus dem Hinterhalt, mit einem Steinwurf. Er verdient sein Schwert nicht."

"Dann gib ihm nicht die Ehre, mit dir zu kämpfen! Yash, das hier ist kein Kampf, den du für mich austragen musst."

Doch Yash ließ ihn los, wandte sich zu dem Mann um und deutete mit der Klinge auf ihn. "Ehre ist dir ein Fremdwort. Du bist es nicht wert, in einem Kreis zu fechten. Möge dein Schicksal den anderen Steinewerfern hier eine Warnung sein."

"Ich bin bereit, oh Redenschwinger."

Yash gönnte ihm keinen Gruß, ehe er in die Grundstellung ging. Er hatte nie ohne einen Kreis getanzt, und es fühlte sich verkehrt an. Doch als Andraj zurückwich, um ihm Raum zu geben, stellte er fest, dass es sehr wohl eine Art Kreis war, in dem sie standen, gebildet von den Schaulustigen. Yash beschloss, es so kurz wie möglich zu halten. Das würde kein Tanz werden, in dem Freude lag.

Nahezu mühelos wich er einem ersten Schlag aus und nutzte den Schwung für einen Angriff auf den Oberkörper, während er einzuschätzen versuchte, wie schnell und wendig der andere war.

Es war nur ein kurzes Geplänkel, das schnell zum richtigen Kampf führte. Unbarmherzig fand Yash die Schwächen, die Fehler des Mannes, bescheinigte ihm im Geiste einen minderwertigen Stil und nutzte das rasch dazu, ihre Schwerter ineinander zu verkanten.

Mit einem kalten Blick in die überraschten Augen seines Gegners nahm er seine andere Hand zur Hilfe, um Schwung zu holen. Mit einer Drehung der eigenen Klinge hatte er seinem Gegenüber das Schwert entwunden und selbst gefangen. Es war ein Manöver, dem Andraj so leicht hätte ausweichen können, dass es Yash beinahe lächerlich vorkam. Die Verwirrung des Mannes verwandelte sich in Schreck, als er sich waffenlos wiederfand.

"Du hast den Tanz verloren! Ich erkenne dir jede Ehre ab. Du hast sie dir selbst genommen, als du einen Tänzer feige wie ein Schwertloser angegriffen hast." Yash sprach laut und klar, damit jeder es hören konnte. "Und so sollst du von nun an sein. Ein Schwertloser."

Es gab einen Punkt an jedem Schwert, hatte ihm sein letzter Meister erklärt, der es brechen ließ wie sprödes Glas. Yash setzte die Waffe mit der Spitze auf den Boden, hielt den Griff und trat auf die Klinge. Ein hoher Laut ertönte, der fast wie ein Schrei klang. Fasziniert und gleichzeitig erschreckt beobachtete er, dass der Meister recht gehabt hatte. Doch er ließ es sich nicht anmerken, als er das Bruchstück vor die Füße des totenblassen Kämpfers warf.

Totenstille hatte sich ausgebreitet, nachdem der Ton des Schwertes verklungen war, alle starrten entweder Yash oder den Beweis der Ehrlosigkeit ihres Mitbürgers an. Unmutiges Gemurmel begann unter den Leuten, aber keiner wagte es, den siegreichen Schwerttänzer herauszufordern.

Andraj drückte eine Hand gegen die Wunde an seiner Schläfe, mit der anderen zupfte er Yash noch einmal am Ärmel.

"Gehen wir", sagte er, ruhig und völlig neutral.

Yash widersprach nicht, und so verließen die beiden die Menge, die stumm zu Seite wich. Andraj hob stolz den Kopf und lief zielstrebig, aber sobald sie außer Sicht waren, stöhnte er und lehnte sich gegen die nächste Wand.

"Vier und Eins", murmelte er und schloss die Augen. Yash legte ihm eine Hand auf die Schulter, und Andraj versuchte ein Lächeln. "Ich habe in meinem Rucksack eine Salbe, die Wunden zusammenzieht. Dazu noch ein paar Kräuter, die ich gegen die Übelkeit kauen kann. Kannst du sie suchen?"

Yash stieß ein paar Flüche aus, die jedem Droschkenkutscher im dichtesten Verkehr Dvarakas Ehre gemacht hätten. Entschieden nahm er seinem Bruder das Gepäck ab und brachte ihn dazu, sich zu setzen.

"Wie konnten sie!", schimpfte er erbittert, während er in dem Rucksack kramte. Noch immer brodelte in ihm die Wut, einem reißenden Fluss gleich, der über die Ufer getreten war. Der kurze Tanz hatte nicht gereicht, um ihn zu besänftigen. "Ich hätte sie am liebsten alle gefordert. Feige Bande! Der Bastard hatte noch nicht einmal den Anstand, sich vorzustellen."

Neben dem kleinen Salbentiegel und dem Leinenbündel mit den Kräutern fand er ein sauberes Tuch und die Wasserflasche und säuberte erst einmal Andrajs Wunde, ehe er sie einrieb. Seine Stimme wurde ruhiger und besorgt, als er fragte: "Wie fühlst du dich? Kannst du reisen oder sollen wir in das Gasthaus zurück?"

"Es ging mir schon schlechter. Um ehrlich zu sein, würde ich lieber losfahren, als hier zu bleiben." Mit einem Zischen sog Andraj den Atem ein, als Yash die Salbe auftrug. Danach wurde die Wunde gleich taub, nur eine leichte Spannung blieb, als sich die Haut zusammen zog. So würde es wenigstens keine Narbe geben. Daraufhin kaute er gemächlich die Kräuter, sich des besorgten Blickes von Yash bewusst. "Es geht wirklich, glaub mir. Wir sollten aufbrechen, damit wir unsere Fahrt nicht noch verpassen. Ich kann auf dem Wagen schlafen."

Yash nickte. Auch ihm gefiel der Gedanke nicht, noch eine Nacht in dieser Stadt zu verbringen, schon allein deshalb, weil sich der Entehrte sicher rächen wollte. Andererseits konnte er nicht abschätzen, wie schlimm der Schlag war, den sein Bruder abbekommen hatte. Nachdem er die Bündel wieder gepackt hatte, hängte er Andrajs Rucksack mit beiden Trägern über die rechte Schulter, stand auf und hielt seinem Freund die Hand hin, um ihn hochzuziehen.

Sie erreichten den Wagen später als vereinbart, aber der Fahrer hatte, wenn auch ungeduldig, auf sie gewartet. Erleichtert entlohnte Yash ihn für die Wartezeit großzügig, was die Laune des Fahrers erheblich steigen ließ. Ohne zu fragen ebnete er einen Platz auf den Teesäcken, so dass Yash eine der Matten für Andraj entrollen konnte. Die feste, im Bogen gespannte Plane des Wagens würde sowohl vor Sonne wie auch Regen schützen. Das war ein Vorteil, den Yash vorher nicht bedacht hatte, für den er nun jedoch dankbar war.

Als der Wagen sie endlich aus der Stadt brachte, hatte Yash seine Wut soweit unter Kontrolle, dass er auf eine Frage des Fahrers nach Andrajs Befinden ruhig antworten konnte, ohne in Flüche auszubrechen.

Andraj lauschte Yashs unterdrückter Wut. Die Bewegung des Wagens war nicht halb so schlimm, wie er gedacht hatte, und er dämmerte vor sich hin. Als sein Freund zu ihm gekrochen kam, schenkte er ihm ein Lächeln bei geschlossenen Augen. "Danke, dass du mir geholfen hast. Es war nicht das erste Mal, weißt du, dass ich für einen Fremdländer gehalten wurde."

Die Kräuter machten ihn angenehm müde, und sein Kopf wurde schwerer, dafür hörte die Welt auch auf, einen irren Tanz zu veranstalten. Er lachte entkräftet und murmelte: "Wenn ich nur dein bester Freund wäre und du erzählen würdest, du hättest deinen rothaarigen Schwertbruder, der eine Ehrenschuld trägt, als Objekt deiner Zuneigung ausgewählt... ich würde dich für sonnenkrank halten."

"Dann hoffe ich, dass du auch fragen würdest, ob er es wert ist." Yash lachte leise und holte die Wasserflasche aus dem Rucksack, um Andraj zu trinken zu geben. "Denn die Antwort würde eindeutig Ja lauten, mein rothaariger Schwertbruder." Er schwieg eine Weile und wartete, bis Andraj fertig war, um dann selbst zu trinken und die Flasche wieder zu verschließen. "Natürlich habe ich dir geholfen. Ein schöner Freund wäre ich, hätte ich es nicht getan. Ganz zu schweigen von einem Schwertbruder. Bist du... oft angegriffen worden deswegen?"

"Recht oft, bis ich mich verteidigen konnte. In der Akademie war ich der jüngste und der ehrgeizigste Schüler, dazu kam noch mein Aussehen. Viele waren neidisch oder haben mich einfach gehasst. Einmal haben sie mir ein paar Rippen gebrochen. Meistens wollten sie mich nur demütigen. Sie haben meine Kleidung verbrannt, damit ich nackt tanzen sollte. Oder sie haben meine Haare über Nacht mit Teer eingefärbt, damit ich endlich lerne, wie ein echter Gwalimee auszusehen hat. Ich habe überlebt, bis ich sie alle besiegen konnte." Ein beinahe bösartiges Grinsen huschte über Andrajs Gesicht, bevor er die Stirn runzelte. "Es war ein Fehler. Gewalt gegen Vorurteile ist immer ein Fehler, hat Mama mir einst gesagt. Ich wünschte, ich hätte auf sie gehört."

"Nun, dieser Bastard hat auf jeden Fall Gewalt von einem Gwalimee aus Alter Familie erfahren", grollte Yash. "Und jeder andere, der es wagen sollte, dich wegen deiner Haare oder deiner Augen anzugreifen, wird das ebenfalls. Wer so hinterhältig und ehrlos handelt, hat keine Gnade verdient. Selbst ein Blinder sieht, dass du Schwerttänzer bist, Vier und Eins! Und im Kreis hätte er sich sehr schnell davon überzeugen können, dass du mehr Ehre in der Spitze deiner Klinge hast als er in seinem gesamten Schwert!"

Andraj seufzte über seinen unverbesserlichen Freund.


© by Nika & Pandorah