Buch I: Der Weg des Tanzes

14. Von der Kunst, vage Antworten zu geben

Die vier Pfeiler im Leben eines Mannes sind: der Erhalt seines Schwertes, der Tanz, der ihn zum Mann macht, die Wahl eines Schwertbruders und die Geburt seines ersten Sohnes.

Nach Ujesh, Sohn des Pariket


Aus der Vorhalle konnte er die Stimmen seiner Eltern hören, die dunkle, ruhige seines Vaters und die fröhliche seiner Mutter, die genauso wie sie immer zu lächeln schien. Ein Strahlen zog sich über sein Gesicht, als er seine Familie traf. Sein Vater, dem er so ähnlich sah, und sein Bruder waren wie üblich in die Tracht der Schwerttänzer gekleidet, Yovan in Graublau und Choyen in Grün, während seine Mutter ein leuchtend blaues Kleid trug. Sie drehten sich zu ihnen um, als sie die Halle betraten, und für einen Moment lächelten sie nur stumm.

Yash spürte erst jetzt, wie sehr er sie vermisst hatte. Dann kümmerte er sich nicht mehr darum, dass er ein respektabler Schwerttänzer war, der sogar in den Eliteeinheiten tanzen durfte, als er Andraj losließ und überschwänglich erst seinen kleinen Bruder, dann seine Eltern umarmte.

"Willkommen daheim", sagte sein Vater warm. Sein Schwert – Scheide und Griff – waren weiß verhüllt, wie Yash feststellte. Einmal mehr war Yovan neutraler Beisitzer eines Ehrengerichts. Yovan hatte in der Vergangenheit schon selbst darüber Scherze gemacht, dass er bald nicht mehr wüsste, wie seine eigene Klinge unter den Seidenbahnen aussähe.

Yovan drehte sich zu Andraj um, der ein wenig verloren in der Tür stehen geblieben war. Auch Choyen betrachtete ihn neugierig.

"Andraj, mein Schwertbruder", stellte Yash mit Stolz vor und lächelte seinem Freund zu. "Mein Vater Yovan, Sohn von Yemin, mein Bruder Choyen und meine Mutter Hina", fügte er der Vollständigkeit halber und der Tradition entsprechend hinzu, auch wenn er sich sicher war, dass ohnehin jeder wusste, wen er vor sich hatte.

Andraj fürchtete sich schon vor dem Moment, in dem die gesamte Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet war, also versuchte er eine Verbeugung und stammelte unsicher: "Ich bin geehrt, euch kennen zu lernen."

"Bei Den Vier! Endlich bekommen wir den berühmten Andraj mal zu Gesicht!", rief Yashs Mutter aus, danach wandte sie sich zu Yovan. "Ein ehrenwerter Schwerttänzer, was meinst du, Liebster?"

Yovan lachte gutmütig und erwiderte die Verneigung respektvoll. "Die Ehre liegt auf meiner Seite. Ich heiße dich in meinem Haus willkommen, Andraj, Bruder meines Sohnes. Nach allem, was Yash von dir erzählt hat, schätze ich mich glücklich, einen Tänzer wie dich in meine Familie aufzunehmen. Ich freue mich, dich endlich persönlich zu treffen."

Andraj hatte keine Ahnung, wie er reagieren sollte, also lächelte er schwach. "Yash hat sicherlich übertrieben", murmelte er. "Ich danke Euch."

Hina seufzte. "Yash hat sicher auch übertrieben, was uns alle angeht, mein Junge. Manchmal habe ich das Gefühl, ich müsste mit einem Der Vier persönlich verheiratet sein, wenn er über Yovan spricht. Wir sind ganz normale Leute. So, und... Habt ihr schon was gegessen?"

"Willst du mich etwa anzweifeln, Weib?", fragte Yovan mit einem Lachen in der Stimme und legte Hina einen Arm um die Schultern, um sie an sich zu drücken. Seine Frau knuffte ihn sanft.

Die liebevolle Geste brachte Yash dazu, darüber nachzudenken, als was seine Familie bei Andraj zählte. Durfte er es sich ebenfalls erlauben, seine Zuneigung vor ihnen zu zeigen? Oder würde sich sein Bruder ebenso beschämt fühlen wie vor Fremden? 'Im Moment sind es noch Fremde, aber später?' Er bemerkte den Blick Choyens, der voller Ehrfurcht auf Andraj ruhte, und musste ebenfalls lachen.

"Ich übertreibe nie, Mama, höchstens hebe ich Vorzüge dezent hervor und vergesse vielleicht, die Fehler zu erwähnen", erklärte er mit aller Überzeugung, die er aufbringen konnte. "Andraj, hast du noch Hunger?"

Alles, was Andraj tun konnte, war den Kopf zu schütteln. Er wünschte sich weit weg, irgendwohin, wo er keinen Blicken und keinen Fragen ausgesetzt war. Zudem fühlte er sich noch unbehaglicher, weil der kleine Bruder von Yash ihn begutachtete, als sei er aus Kristall. "Wir haben schon etwas gegessen", versuchte Andraj wenigstens irgendetwas zu sagen.

"Oh, so ist das? Dann sollten wir trotzdem vielleicht aufhören hier herumzustehen, als wäre der Darjah persönlich im Raum und uns in den Garten setzen. Ich will ausführlich von Sankait hören. Ein wenig Tee und Kuchen sollten wohl noch in eure Mägen passen." Hina verließ Yovans Arm, um vorzugehen und die unangenehme Vorstellungspflicht endlich zu beenden.

Bei dem Wort 'Kuchen' leuchteten die Augen der drei Männer von Yashs Familie auf. Choyen folgte seiner Mutter mit eiligen Schritten. In Andraj kämpfte immer noch die Scham mit dem Willen, Yash nicht zu enttäuschen. Er lächelte verkrampft und senkte seine Augen auf den Boden.

Yovan machte eine einladende Geste in Richtung der Tür nach draußen und ging dann voraus. Im Garten setzten sie sich in den Schatten eines kleinen, mit Efeu bewachsenen Pavillons und eines der Küchenmädchen brachte gekühlten Saft und Tee.

Kaum war das Mädchen außer Hörweite, fiel Yash mit all den Fragen, die ihm auf der Zunge brannten, über seinen Vater her. "Was ist dran an den Gerüchten über Krieg? An denen über diese fremdländischen Aushilfstruppen? Was ist vorgefallen? Warum sollte Batur uns angreifen wollen? Was..."

Amüsiert hob Yovan die Hand und unterbrach den Redefluss seines Sohnes. "Was habt ihr denn genau gehört?"

"Wir haben Truppen getroffen, die auf dem Weg zur baturanischen Grenze waren. Ein Tänzer namens Samant hat uns erzählt, dass der Darjah zugestimmt hätte, Hilfe des Chinkuder Schahs zu akzeptieren!" Die Abneigung, die er bei dem Gedanken verspürte, schwang auch in Yashs Stimme mit.

"Samant, Sohn des Falesh, unterwegs nach Vizakhar?" Yovan nickte bedächtig. "Der Hauptmann ist kein Freund von Lügen."

"Dann ist es wahr? Aber warum sollte Batur plötzlich zur Bedrohung werden? Was ist passiert?" Die unerwartete Bestätigung, die so deutlich war, wie Yash es von seinem Vater nur erwarten konnte, bestürzte ihn.

Bedauerlicherweise kamen Hina und Choyen mit dem Kuchen zu ihnen, und Yovan nutzte die Gelegenheit elegant für einen Themenwechsel zum Turnier von Sankait. Yash wusste sehr genau, dass Yovan seiner Frau mehr Informationen anvertraute als seinen Söhnen und dass er nicht wegen Hina seine Fragen zu Batur unbeantwortet ließ. Sein Vater wollte ihnen gegenüber nicht weiter in die Tiefe gehen.

Im Wissen darum, dass jeder weitere Versuch scheitern würde, Yovan zu mehr Einzelheiten zu drängen, berichtete Yash von ihren Tänzen in Sankait. Er erzählte von ihren Erfolgen und Niederlagen und von der Reise nach Hause. Sein aufgebrachter Bericht über den hinterhältigen Angriff des Schwertlosen auf Andraj ließ Yovan aufmerken, doch er enthielt sich eines Kommentars. Hina jedoch zeigte deutlich ihre Empörung, und selbst Choyen überwand seine Scheu und ereiferte sich über das ehrlose Verhalten des Fremden.

Aber erst, als sie sich wieder mit dem Tanz beschäftigten, bekam Yash das Gefühl, dass sich sein Bruder auf diesem vertrauten Terrain wohler fühlte. So saßen sie bis Sonnenuntergang draußen und unterhielten sich. Endlich beschloss er, dass Andraj lange genug ausgehalten hatte und entschuldigte sich, um mit ihm zurück ins Haus zu gehen und ihn zu ihren Zimmern zu führen. Natürlich hatten die Bediensteten seinen Bruder nicht in seinem eigenen Raum einquartiert, auch wenn Yash dies bedauerte. Gleichzeitig vermutete er jedoch, dass es Andraj ohnehin so lieber war.

"Ich hoffe, es hat sich nicht zu lange hingezogen für dich."

"Es war ungewohnt. Ich finde, sie sind... freundlich." Andraj sah sich um, versuchte herauszufinden, wo sie waren. "Wir werden uns zumindest nicht die Köpfe einschlagen, Yash."

"Ah. Gut." Yash war ein wenig enttäuscht von der eher zurückhaltenden Antwort, die nicht einmal von Sympathie sprach, aber er hoffte, dass Andraj es ihm nicht anmerkte. Er wies auf die geschlossene Tür zu dem Gästezimmer, in dem die persönlichen Besucher der Familie für die Dauer ihres Aufenthalts wohnten, und lehnte sich dann gegen den Türrahmen.

"Das ist dein Zimmer. Meines liegt schräg gegenüber. Die Dienerschaft wusste es ja nicht..." Er warf rasch einen Blick zu seinem Bruder. "Willst du vielleicht dennoch zu mir kommen? Oder möchtest du hier bleiben?"

"Du bist enttäuscht, weil ich deine Familie nicht so liebe, wie du sie liebst, nicht wahr? Yash, ich kenne sie kaum und sie mich nicht. Du kennst sie schon dein ganzes Leben!" Andraj lachte kurz. "Ich mag deine Familie, dennoch fühle ich mich nicht als Teil davon. Außerdem war das alles heute wirklich viel für mich: das unglaubliche Haus, die Diener, das Essen, deine Familie und alles, abgesehen von unserem beschämenden Liebesspiel am falschen Ort."

Andraj ergriff Yashs Handgelenk. "Wenn ich heute Nacht zu dir kommen sollte, dann um zu schlafen. Ist dir das zu wenig, bleibe ich im Gästezimmer. Ich würde vorher nur gerne noch üben."

"Ich habe nie verlangt, dass du meine Familie nach einem Tag so lieben sollst wie ich. Das ist albern! Außerdem hast du deine Mutter und deine Schwester, die deine Familie sind." Yash musste ebenfalls lachen. "Was den Tanz im Bad betrifft... er war weder am falschen Ort, noch beschämend. Aber das ist wohl mal wieder einer der Punkte, über die wir nicht streiten können." Er zögerte, dann wies er mit dem Kopf den Gang hinab. "Vater und ich tanzen meist im Innenhof, wenn du willst, können wir dort hingehen."

Andraj nickte nur und sagte: "Geh voran."

Er folgte Yash durch die unbekannten Flure, bis zu dem besagten Hinterhof. Dort war ein Kreis in den Stein eingelassen, was Andraj beeindruckte. Aber eigentlich war es nicht verwunderlich, denn Yovan und Yash liebten den Tanz. Er kam sich geradezu dürftig gegen diese Pracht vor.

Er betrachtete den Kreis, die Zeichen für Wasser und Feuer, die sich gegenüberlagen, die Unvereinbaren, doch zusammengefügt im Rund des Kreises, der weder Anfang noch Ende kannte. Die Abendluft schmeckte nach Kiefer und die Grillen hatten auch hier schon ihr Paarungslied aufgenommen, als sie in den Hof traten. Andraj zog sein Schwert und zögerte. Er schenkte Yash einen fragenden Blick.

Mit einer einladenden Geste wies Yash auf den Kreis, ehe er ihn umschritt und auf der anderen Seite Aufstellung nahm. Das rituelle Rund war angenehm groß, so dass man sich nicht in seinen Bewegungen einschränken musste. Aber ein zweiter, kleinerer Kreis war blass innerhalb des ersten in den Boden eingelassen.

"Wir nehmen den großen", entschied Yash, als er ihn nach einer leichten Verneigung betrat.

Andraj neigte seinen Kopf und nahm bedächtig innerhalb des Runds seine Grundhaltung ein. Er leerte seinen Kopf mit jedem Atemzug, denn zu viel Nachdenken konnte beim Kampf nur behindern. Er löschte einfach alles aus und wurde eins mit dem Kreis, dem Schwert und dem Weg des Tanzes.

Mit geübtem Blick nahm er Yashs Haltung auf, prüfte mögliche Lücken in seiner Stellung, die er zum Angriff nutzen konnte und gleichzeitig wog er seine eigene Verteidigung ab. Yash wirkte ein wenig zu locker, fast als hätte ihn der Tag unvorsichtig gemacht, also griff Andraj blitzschnell die Schwertschulter an, die ihn geradezu einladend anlachte.

Yash sprang ein wenig verdattert zur Seite, doch dann veränderte sich seine Miene und wurde konzentrierter. Obwohl er zuerst eine Folge von harten Attacken seines Partners abwehren musste, die ihn zum Rand des Rundes drängten, fasste er sich und es gelang ihm, Andraj zu blocken und einzukanten. Dann stieß er mit aller Kraft gegen die verschränkten Klingen, so dass sein Freund ein paar Schritte zurückstolperte, aber gleich darauf wieder Haltung annahm. Die beiden begannen sich zu umkreisen, immer nach den offenen Schwachstellen im anderen suchend.

Sie tanzten lange, und Yash genoss es, dabei im heimatlichen Innenhof zu sein. So viele Erinnerungen hingen daran, so viele Erfolge, so viele kleine Glücksmomente. Der Schein des südlichen Feuers erhellte den Hof und seinen Bruder und ließ die Kristalle funkeln, die von der östlichen Dachkante des Hauses herabhingen.

Andrajs energisches Gesicht war so konzentriert wie immer im Tanz, die Lippen leicht angespannt, doch ansonsten war die Miene leer und ruhig. So schön, wie er dabei war, erinnerte sich Yash doch an das Lachen, das er so oft mit seinem Vater geteilt hatte. Bei Andraj gab es kein Lachen im Kreis. Manchmal ein Lächeln, seltener ein Grinsen. 'Und doch ist er so voller Eifer. Ob es nach seiner Rache – unserer Rache – nachlassen wird? Ob er danach öfter wird lachen können?'

Die ablenkenden Gedanken waren nicht gut für ihn, und wenn Andraj seine Attacke nicht abgebrochen hätte, hätte er einen Schwertbruder mit einem Loch im Bauch gehabt. Yash musste grinsen und hob sein Schwert zum Zeichen, dass er verloren hatte. "Du bist zu gut, als dass ich mir Unaufmerksamkeit erlauben könnte."

"Deine Gefühle haben dich abgelenkt. Deine Abwehr stand so weit offen wie ein Tor. Ich habe diesen Kampf zu Unrecht gewonnen." Andraj hob sein Schwert und verbeugte sich. "Man sagt, ein Fluss ist umso wilder, je mehr das Ufer ihn einengt. Feuer hingegen ist dann ein Segen, wenn man es zähmt. Ich habe mein Feuer im Kampf gebändigt. Was ist mit deinem Wasser?" Andraj lächelte sanft, ebenso klang seine Stimme.

Yash lachte leise. "Dann müsste ich im Tanz am Besten sein, wenn es keine Regeln gäbe. Aber du hast Recht, ich bin abgelenkt gewesen."

"Was nicht zu übersehen war", drang die dunkle Stimme seines Vaters aus den Schatten, dann trat Yovan hinaus in den Hof. Er lächelte und nickte zum Gruß. "Dennoch ein trefflicher Tanz. Man sieht, dass ihr gerne miteinander tanzt."

Yash strahlte. Er freute sich über das Lob seines Vaters, auch wenn er mittlerweile wusste, dass er gut war. Und dass Yovan Andraj gelobt hatte, machte ihn unendlich stolz auf seinen Bruder.

Yovan wandte sich Andraj zu. "Erlaubst du, dass ich dir deinen Bruder für einen Tanz entführe?", fragte er mit einem Zwinkern in den dunklen Augen.

Leben kehrte in Andraj zurück, der immer noch mit dem Kampf eins gewesen war. "Gewiss. Ihr braucht niemals zu fragen", erwiderte er heiser und verbeugte sich hastig. Er spürte, dass er Yovan keine Bitte abschlagen konnte. Er konnte die Kraft und Beherrschtheit in ihm erkennen, die so selbstverständlich war, dass sie wie ein Leuchtfeuer strahlte. Ein zögerliches Grinsen stahl sich auf Andrajs Gesicht, denn er hoffte, dass sein Vater auch ein solcher Mann gewesen war.

"Ich danke." Yovan zog sein Schwert und legte die weiß umwickelte Scheide behutsam neben den Kreis, ehe er Andrajs Platz einnahm und seinen Sohn mit Verneigung und gehobener Klinge grüßte.

Yash erwiderte den Gruß und warf einen Blick auf die weißen Troddeln, die auch den Griff verbargen. Die Schwerter, das Sinnbild nicht nur der Ehre, sondern auch der Identität und Herkunft eines Mannes, wurden vor jedem Beisitz verhüllt, um zu symbolisieren, dass ihre persönlichen Bande und ihre Familie keinen Einfluss auf ihre Entscheidungen nehmen würden. "Wie lange bist du noch Beisitzer?"

"Mindestens zwanzig Tage. Der Streit verspricht länger zu werden." Yovan nahm die Grundposition ein und wartete darauf, dass sein Sohn es ebenfalls tat, bevor er einen leichten Schlag gegen dessen Seite führte. "Leider ist Minister Gandaki ebenfalls Beisitzer, weswegen er gestern zu Besuch war. Hina war nicht besonders glücklich, wie du dir denken kannst. Aber sie hat es mit Würde getragen." Dann schmunzelte er. "Aber wenn du denkst, dass mich die Troddeln behindern würden, kennst du mich schlecht."

Yash lachte und parierte einen weiteren Schlag, ehe er selbst angriff. Dann sprachen sie nicht mehr, und Yash vergaß die Welt außerhalb des Kreises, als er sich ganz auf seinen Gegner konzentrierte.

Andraj genoss den flüssigen Tanz, den Yovan und Yash sich lieferten. Es war, als ob Wellen aufeinander schlugen, aber niemals verebbten. Yashs Konzentration war größer als bei ihm, wie er mit einem kleinen Heben seiner Augenbraue feststellte. 'Wie viel besser könnte er noch sein, wenn er sein Wasser immer so ergründen würde.'

Yash liebte diesen Tanz. Er liebte ihn noch mehr, als sein Vater an Geschwindigkeit zulegte, so dass ihm kaum Möglichkeit blieb, um nachzudenken, was er tun sollte, sondern er nur noch reagieren konnte. Sein Vater testete aus, was er dazu gelernt hatte, bot ihm Blößen an, die er für Angriffe nutzte, und doch wusste Yash, dass er sie niemals in einem echten Tanz zeigen würde. Schließlich fehlten ihm der Atem und die Kraft, als er schweißüberströmt zurückwich und sein Schwert hob.

"Ich gebe den Tanz verloren", erklärte er keuchend und strahlte doch.

Yovan verneigte sich, auch sein Gesicht glänzte feucht im Schein des Feuers, doch er war längst nicht so außer Atem wie sein Sohn, der den Gruß erwiderte. "Gut getanzt, Yash. Du bist besser geworden."

Gemeinsam verließen sie den Kreis und blieben bei Andraj stehen, nachdem Yovan seine Schwertscheide wieder aufgehoben hatte. "Treffen wir beide uns morgen im Kreis?", fragte er, während er sein Schwert zurücksteckte.

Als Andraj in die lächelnden, dunklen Augen sah, blieben alle Antworten, die etwas mit großer Ehre und Unwürdigkeit zu tun hatten, in seinem Hals stecken. In ihm war nur kribbelige Erwartung und ein aufgeregtes: "Wirklich?" entkam ihm.

"Ich tanze gerne mit meinen Söhnen, und durch den Schwertschwur mit Yash bist du das nun auch. Und ich habe gesehen, dass du gut bist. Es wäre mir ein Vergnügen." Yovan legte Andraj kurz eine Hand auf den Oberarm, dann lächelte er und verabschiedete sich für die Nacht.

"Tanzt er nicht großartig?" Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, die Yash stellte, als sein Vater im Haus verschwunden war. "Ich bin kein Gegner für ihn, deswegen hast du nur einen Bruchteil seiner Fähigkeiten gesehen. Aber kannst du dir nun vorstellen, dass es wenige gibt, die an ihn heranreichen?"

"Er ist einzigartig, besser als all meine Meister!", bestätigte Andraj. Einen Augenblick sinnierte er noch über den Tanz, den er gerade genossen hatte. Anschließend lächelte er ein wenig traurig. "Wenn du mit ihm tanzt, dann bist du sehr viel näher an deiner Wasserkraft, als wenn du dich an mir misst. Ich fürchte, unsere Tänze fordern dich nicht genug. Es tut mir leid." Dann schlich sich Schalk in seine blauen Augen. "Oder wir tanzen zukünftig nur noch im Bad. Da solltest du genug Kontakt zum Wasser haben." Er grinste Yash herausfordernd an und floh dann durch die ruhigen Flure in Richtung des Bades.

Yash folgte ihm lachend, um ihn noch vor seinem Ziel einzuholen. Er erwischte die flatternde Schärpe und zog ihn daran zu sich und in seine Arme. "Ich kenne meinen Vater seit meiner Geburt und habe so oft mit ihm getanzt, dass ich es nicht zählen kann. Aber du wirst sehen, wenn du morgen gegen ihn tanzt, werde auch ich denken, dass du weitaus besser bist. Er versteht es, das Beste aus dir herauszuholen." Mit einem Grinsen biss er ihm ins Ohr. "Oder willst du die Theorie nun ausprobieren und mit mir in den Becken die Klingen kreuzen?"

Ein Schauer lief über Andrajs Rücken, als er die Zähne an seiner empfindlichen Ohrmuschel fühlte.

"Wäre doch mal was Neues! Auch wenn du sicherlich im Vorteil wärst, Wassertänzer", brachte er dennoch ruhig heraus. Er fühlte, wie Yash langsam an seinem Ohrläppchen zog. Ein leises Ächzen fand den Weg zwischen seine Lippen und er war gefangen. Einerseits wollte er einfach nur baden und dann ins Bett. Andererseits war Yash wie eine schleichende Abhängigkeit, die er nicht bekämpfen wollte.

Yash hatte gar nichts weiter im Sinn gehabt, als nur mit seinem Freund herumzualbern, aber dessen Reaktion rief beinahe augenblicklich den Wunsch nach mehr hervor. 'Lass ihn, gönn' ihm Ruhe vor dir', sagte er sich stumm lachend, konnte sich aber nicht davon abhalten, Andrajs Hals zu küssen.

"Ich hab dich gefangen", flüsterte er ihm ins Ohr und war überrascht, dennoch diesen leisen Unterton herauszuhören, der fast wie ein Schnurren klang. "Ich verlange einen Auslösepfand, ehe ich dich frei gebe. Ein Kuss wäre angemessen, was meinst du?" Er überlegte kurz und fügte an: "Und danach ins Bad, und ich lasse die Finger von dir."

Wortlos nickte Andraj und sie sahen sich in die Augen. Das war überwältigender, als sie es sich vorgestellt hatten, es zog sie geradezu in ihren Bann, und der Kuss schien eine Sache zu sein, die nach diesem Blickkontakt unabdingbar war. Sie küssten sich sanft, vorsichtig das Herz des anderen berücksichtigend und ebenso, dass dieser Lippenkontakt alles sein würde, was dieser Abend für sie an Körperlichkeit bereithielt. Darum war dieser Augenblick umso kostbarer und bedeutsamer.

Nach dem Kuss lächelte Andraj bedächtig und legte seinen Kopf schief. "Schwebte dir so etwas vor?"

"Nein." Yash schüttelte den Kopf, dann erwiderte er das Lächeln weich. "Das war besser."

Er stieß ihn sacht an und wies dann auf die Tür, die zu dem Flur führte, durch den sie das Bad erreichen würden. Während sie sich den Schweiß des Tanzes abwuschen, stellte er überrascht fest, dass es ihm sogar wirklich genügte, Andraj nur so bei sich zu haben und zu wissen, dass es alles war für diesen Tag.

Sie sprachen nicht mehr viel, als wollten sie diesen kurzen Moment festhalten und mitnehmen, als sie schließlich zu ihren Zimmern gingen, um sich in getrennten Räumen schlafen zu legen. Yash hätte ihn gerne in der Nacht einfach im Arm gehalten. Doch er vermutete, dass es Andraj gut tun würde, Zeit und Muße für sich zu haben, ohne die beständige Nähe seines verliebten Schwertbruders. Er lächelte wieder, als er sich in sein eigenes Bett legte. Ihm würde es vielleicht auch gut tun, und wenn es nur war, um sich ein wenig mehr nach Andraj zu sehnen.


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Gleich nachdem er die Tür geschlossen hatte, ging Andraj zielstrebig zu seinem Gepäck und kramte das Schwert seines Vaters heraus. Es war in schwarze Seide eingewickelt, goldene Troddeln und eine goldene Borte am Stoff wiesen darauf hin, dass sein Vater einen Rang in den Elitetruppen gehabt hatte. Doch an verschiedenen Stellen waren Siegel eingenäht, die von der Entehrung zeugten.

Seit er klein gewesen war, hatte Andraj dieses Schwert genutzt, um mit ihm wie mit seinem Vater zu reden. Seitdem er mit Yash unterwegs war, hatte er das nicht mehr getan. Er setzte sich aufs Bett, legte das Schwert über seine Knie, konzentrierte sich und dann lächelte er kurz.

"Es gibt viel zu erzählen..."

Er fasste zusammen, was er auf dem Turnier, bei der Schließung der Brüderschaft und auf dem Weg zu Yashs Familie erlebt hatte. Dabei ließ er die Teile aus, in denen er und Yash zwischen den Laken getanzt hatten.

"Morgen werde ich gegen Yovan tanzen. Oh Vater, das wird sicher einer der Tänze, an die man sich ein Leben lang erinnert. Du hättest ihn sehen sollen, seine Geschmeidigkeit und seine Stärke. Ich werde gegen ihn nicht gewinnen können, aber ich werde mein Bestes geben."

Danach kam das Schwert zurück in seinen Rucksack und Andraj rollte sich zum Schlafen ein. Einmal sah er noch zu der Tür, die zum Flur führte und ihn von Yash trennte.

"Mögen Die Vier über deinen Schlaf wachen...", murmelte er und schloss die Augen.


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Yash erwachte mit den ersten Vogelstimmen, noch bevor die Sonne aufgegangen war. Er streckte sich gründlich, ehe er aufstand und rasch seine dunkelgelbe Hose und seine Schuhe anzog, um dann mit seinem Schwert in den Hof zu gehen. Alleine hatte er schon lange nicht mehr die Übungen absolviert, die den Geist klärten und dabei halfen, geschmeidig zu bleiben. Er genoss es, sich ihnen ganz in Ruhe hingeben zu können. So sehr er die Gesellschaft seines Schwertbruders liebte, so sehr lenkte dieser ihn auch ab.

'Und ich ihn.'

Grundstellung, Ausfallschritt, Rückzug.

'Es ist, als bestünde meine Welt nur noch aus ihm, selbst jetzt kann ich meine Gedanken nicht von Andraj lösen.'

Ein Schlag von oben, abgebremst und in eine seitliche Attacke verwandelt.

'Aber für ihn ist es noch viel schwieriger als für mich. Ich muss nur mit ihm zurechtkommen, er muss es mit mir, seinem Glauben und seinen Überzeugungen.'

Rückzug, das Manöver spiegelverkehrt wiederholen.

'Ich muss ihm mehr entgegenkommen. Und ich glaube, der Abend gestern war ein guter Anfang. Ein wenig Nähe, aber nur so viel, dass er sich zurückziehen kann, wenn er will. Wir haben Zeit, ich muss doch eigentlich nichts überstürzen.'

Yash lächelte, und nach dieser Erkenntnis gelang es ihm auch, sich nur noch auf die Übungen zu konzentrieren. Angenehm erschöpft und gleichzeitig hellwach suchte er dann das Bad auf.

Als er nur wenig später wieder sein Zimmer aufsuchte, hörte er die ersten Geräusche des erwachenden Hauses, leise Stimmen, Schritte, das kurze Anschlagen eines der Hunde.


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Schlaftrunken irrte Andraj durch das riesige Haus. Er hatte Durst, aber vergessen, wo die Küche war. Schließlich hörte er Stimmen und ging auf sie zu, denn immerhin konnte er diese Leute dann nach dem Weg fragen.

Hina sah überrascht auf, als Andraj in ihre Küche schlich. Ebenso ihre Haushälterin, die sich schnell zurückzog, als sie den Gast des Hauses erkannte.

"Guten Morgen", murmelte Andraj verdattert und Hina lächelte.

"Dir auch einen guten Morgen, Andraj. Hast du gut geschlafen?"

Andraj nickte nur und merkte, dass er am liebsten fliehen wollte.

"Yash ist noch nicht hier gewesen, er übt sicher draußen. Oder kann ich was für dich tun?"

"Ich... suche nur etwas Wasser."

Hina lachte und drückte ihn auf einen der Stühle, dann reichte sie ihm einen Kelch, den Andraj mit einem Zug leerte. Er erhob sich, aber sie gebot ihm sitzen zu bleiben. "Wie ist es mit Frühstück?"

Unbehaglich rutschte ihr Gast auf seinem Stuhl herum.

"Ah, ich sehe schon. Zuerst kommt immer das Schwert, nicht wahr?"

Andraj sah sie an, erst erstaunt, aber dann breit grinsend. "Ja, so ist es."

Sie zeigte ihm mit einem verschmitzten Lächeln, wie er zum Innenhof kam.

Andraj übte bedächtig und voller Konzentration, in seinem Inneren tauchten Bruchstücke des Traumes auf, den er in der Nacht gehabt hatte. Alles war so gewesen, wie er es schon einmal geträumt hatte, nur diesmal hatte sein Vater ihm selbst das Schwert durch das Herz gebohrt. Er hatte es in sich gespürt: kalt, hart und glatt. Er runzelte seine Stirn und brach die letzte Übung jäh ab.

'Vielleicht ist es ein schlechtes Omen für meinen Tanz mit Yovan heute Abend?', dachte er sich und betrachtete sein Schwert, dessen bekanntes Gewicht ihn zu sich brachte.

Er wischte diese Gedanken beiseite und ging sich waschen.

Als er zurück in sein Zimmer kam, wartete bereits Yash auf ihn. Ein Lächeln ging über dessen Gesicht, und seine dunklen Augen blitzten fröhlich auf. Nach der allein verbrachten Nacht war ihm danach, den Bruder zu umarmen und ihn gleich mit einem Kuss zu begrüßen, doch getreu seines Vorsatzes hielt er sich zurück. "Morgen, Andraj. Und? Hast du jetzt Hunger?"

"Woher weißt du...", begann Andraj, aber dann grinste er. "Deine Mutter, natürlich."

Er näherte sich Yash und sein Herz begann zu schlagen, er dachte an seinen Vater, an den Kampf und den Traum. Doch vor allem dachte er an Yashs Lippen, an Yashs Geschmack und an seinen Hunger genau danach. Er atmete bewusst und versuchte dadurch seine Gefühle und sein Verlangen unter Kontrolle zu bringen, in dem er mit jedem Ausatmen seinen Kopf leerte. "Wenn ich Glück habe, finde ich sogar den Weg zurück in die Küche. Euer Haus ist einfach zu groß, auf jeden Fall für mich, auch wenn es wunderschön ist. Gibt es eigentlich auch Obstbäume in euren Gärten?"

Yash lachte leise, auch wenn Andrajs intensiver Blick, der seine Augen mit einem dunkelvioletten Schimmer überzog, heißes Kribbeln in seinem Bauch hervorrief. Wie konnte man sich nach jemandem so sehr sehnen, der doch direkt vor einem stand? Nie zuvor hatte er derart stark für jemanden gefühlt.

"Man findet sich schnell zurecht, wenn man erst einmal ein paar Tage hier ist", tröstete er dennoch, als seien sie wieder nur die Brüder, die sie direkt nach dem Schwur gewesen waren. "Die Obstbäume sind mit den Kräutern zusammen im Küchengarten. Ich kann es dir nachher zeigen, zusammen mit dem restlichen Gut und dem Park. Aber lass uns erst was essen."

"Ich habe auch Hunger, aber ich muss zugeben, dass ich mich fast ein wenig vor dem gemeinsamen Frühstück fürchte. Früher bin ich immer auf unseren riesigen Apfelbaum geflüchtet, wenn ich etwas nicht wollte, und irgendwie beruhigt es mich, wenn ich weiß, dass es welche gibt." Andraj lachte verlegen. Anschließend tat er den letzten Schritt zu Yash, so dass sie fast Nase an Nase standen. Er lehnte seine Stirn gegen Yashs und seufzte. "Ich verstehe nichts vom Leben unter lauter Leuten, die alle nett zueinander sind. Selbst meine Familie ist es nicht, oder eher der Rest, der übrig ist. Hilf mir."

Yash legte die Arme um ihn. Er wünschte sich, die Augen schon früher für die Zerrissenheit seines Bruders geöffnet zu haben, damit er ihm hätte helfen können. 'Wenn ich dir nur von der Freude und dem Glück geben könnte, von denen ich so voll bin...'

"Hier ist auch nicht immer alles nett; wir streiten durchaus auch manchmal, wenn es dir hilft", sagte er leise. "Aber wenn es dir lieber ist, lassen wir es langsam angehen. Wir können einfach ein Brotpaket nehmen und gleich losgehen, damit ich dir alles zeigen kann. Dann sind wir erst am Abend wieder da und können mit meiner Familie essen, wenn auch Vater aus der Stadt zurück ist."

Andraj war ihm dankbar für das Angebot.

"Es würde mir schon helfen, wenn du einfach das Gespräch von mir ablenkst. Ich weiß einfach nie, was ich sagen soll." Er seufzte noch einmal. "Zwischen uns ist es einfacher, zwischen uns ist es..." Andraj suchte nach Worten, doch gab es auf. "Gehen wir."


© by Nika & Pandorah