Buch I: Der Weg des Tanzes

16. Alles auf Anfang

Die helfende Hand deines Bruders macht dich stärker.

Nach Ujesh, Sohn des Pariket


Yash blinzelte im grauen Morgenlicht, das nur zögerlich ins Zimmer gekrochen kam. Er versuchte sich zu strecken, wodurch ihm das Gewicht bewusst wurde, das auf seiner Brust ruhte. Andraj hatte einen Arm um ihn geschlungen und ein Bein über die seinen gelegt. An Aufstehen war nicht zu denken, wenn er seinen Freund nicht wecken wollte. Die struppigen Haare kitzelten ihn im Gesicht, als er den Kopf hob. Das Gefühl brachte ihn zum Lächeln. Es war schön, mit seinem Geliebten so eng bei sich aufzuwachen.

'Geliebter. Ja, das ist er wirklich. Wenn er es nur glauben könnte.' Sachte, um ihn nicht zu stören, legte er für einen Moment die Lippen auf Andrajs Scheitel, ehe er sich wieder zurücksinken ließ.

Gerne hätte er das Morgenmahl aufs Zimmer geordert, damit Andraj wieder zu sich finden konnte, ehe er Yovan erneut unter die Augen treten musste. 'Hoffentlich geht es ihm besser. Er kann Vater ja nicht ewig aus dem Weg gehen. Vater wird das auch nicht wollen. Bestimmt wäre er überrascht, wenn er wüsste, was seine Worte bei Andraj ausgelöst haben.'


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In seinem Traum war Andraj wieder auf der ihm nun schon bekannten Ebene, doch ehe er sich versah, fand er sich in einer Arena wieder, vor ihm standen Yovan und Sharvaar. Mit finsterem Entsetzen musste Andraj zusehen, wie Sharvaar seine Brust entblößte und Yovan mit traurigen Augen zustach. Im Kreis auf ihren Symbolen standen die Vier Brüder und senkten respektvoll den Kopf.

"Vater!", schrie Andraj, bis er das Gefühl hatte, sein Schädel würde platzen, doch keiner schien ihn zu bemerken. Yovan wischte sein Schwert ab, und kleine, gebeugte Männer kamen, wickelten den Leichnam blitzschnell in ein Tuch und trugen ihn auf einer Bahre hinaus.

Einer brachte das im Staub liegengebliebene Schwert Sharvaars zu Andraj und höhnte: "Verglimmender Tänzer, bist du etwa stark genug, diese Bürde zu tragen?"

Andraj sah das Schwert an. Natürlich wollte er es führen, denn er war der Sohn eines entehrten Vaters. Seine Hand streckte sich nach dem Griff, doch dann zuckte er zurück – irgendetwas hatte ihn in den Handrücken gebissen, grün-schwarzes Gift schwärte in der Wunde. Es löschte sein Feuer, deckte alles mit Asche zu. Hilflos blickte Andraj sich um, doch überall sah er nur maskierte Gesichter, die ihn mit kalten Augen verspotteten.

'Das ist ein Traum', sagte er sich, aber er konnte nicht aufwachen. So sehr er sich auch mühte, konnte er nicht durch die dichte Ascheschicht dringen, die ihn zu bedecken begann.


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Yash tauchte aus angenehmen Gefühlen und Tagträumen auf, die alle von Andraj gehandelt hatten, weil er fühlte, wie dessen Haut kühler wurde. 'Unsinn', dachte er und zog dennoch die Decke ein wenig höher. Doch als ein Zittern von Andraj Besitz ergriff, erst kaum spürbar, dann stärker werdend, zog sich sein Magen zusammen.

"Andraj?" Sich halb aufrichtend konnte er sehen, dass Andraj das Gesicht wie im Schmerz verzog. "Andraj?!" Vorsichtig schüttelte Yash seinen Freund. "Alles in Ordnung, Andraj?"

Dumpf drang Yashs Stimme zu Andraj, so dass dieser wusste, wohin er sich wenden musste, um den Traum zu verlassen. Er streckte sich den Rufen entgegen, ergriff Yashs Energie und es gelang ihm, die Augen zu öffnen.

Er versuchte, Yashs Namen zu sagen, aber er brachte nur einen Zischlaut heraus. Alles, worauf er sich konzentrieren konnte, waren Yashs Lippen, die ihm etwas sagten, was er nicht verstand. In ihm breitete sich ein Ziehen aus, was er als Sehnen nach Yashs Körper erkannte. Mochten es Die Vier verdammen, er wollte Yash wieder an sich spüren, es hatte keinen Sinn, sich vorzumachen, es wäre anders.

Andraj drängte sich gegen Yash, als wollte er in ihn kriechen. Als die spröden, kühlen Lippen nach seinen suchten, musste Yash daran denken, wie sie sich am Abend zuvor geliebt hatten. Behutsam bedeckte er den Mund seines Freundes mit seinem.

Nachdem Andraj seinen Mund wieder für sich hatte, lächelte er ohne Kraft. "Danke für gestern", flüsterte er. Nach einem fragenden Blick von Yash verneinte er einmal. "Kein Feuer. War es so falsch, Rache nehmen zu wollen?"

Yash schüttelte den Kopf und strich ihm die Haare aus der Stirn. "Nein. Und ich glaube auch nicht, dass Vater das gemeint hat. Vielleicht..." Ihm fiel ein, was er schon einmal überlegt hatte. "Vielleicht meinte er nur, dass du tanzt, weil du Rache nehmen willst, nicht um des Tanzes Willen. Dass du vielleicht gar nicht tanzen würdest, wenn es die Rache nicht gäbe?"

Andraj dachte darüber nach. Der Zauber der Bewegung, die Freude eines guten Tanzes, das Kribbeln, der Wechsel von Angriff und Abwehr, das Geräusch der Klingen, die ebenso tanzten wie ihre Besitzer, das alles war wichtig für ihn. Die Momente, in denen er die normale Welt hinter sich ließ und den Kreis betrat, hatte er immer als die aufregendsten seines Lebens empfunden. Die Spannung, die Herausforderung und das solide Gewicht seiner Klinge spüren zu können, waren so lebenswichtig wie das Feuer in seinem Inneren.

Doch vor Sharvaars Tod hatte er niemals ernsthaft darüber nachgedacht, ob er in die Elitetruppen eintreten oder einen Posten am Hofe des Darjahs anstreben wollte. Meistens hatte er mit den Graphit- und Tonkreiden seiner Mutter gemalt und davon geträumt, ein Maler zu werden oder vielleicht auch Mosaike zu schaffen. Und manchmal auch davon, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.

Sharvaars Tod hatte die Wahl für ihn getroffen.

"Ich weiß es nicht", gab er ehrlich zu und fröstelte. "Es gab einfach keinen anderen Weg."

Yash küsste ihn auf die Stirn und stellte fest, dass sein Freund ein wenig munterer wirkte. "Dann ist es vielleicht das, was er dir sagen wollte. Dein Leben ist die Rache, doch was wirst du tun, wenn du sie ausgeführt hast? Wohin wird dich dein Weg dann bringen? Wenn dieses Feuer, das so heiß in dir brennt, mit einem Mal erlischt, was wird dich vorwärts treiben?"

"Ich denke, die meisten Leute sind immer davon ausgegangen, dass ich diesen einen Kampf nicht überlebe und ich auch. Wenn ich überleben sollte, kann ich immer noch mein Schwert denen zu Verfügung stellen, die schlechter tanzen." Lange sah Andraj Yash an, in seinen Augen blinkte kurz Wut auf, dann schnaubte er amüsiert. "Dann kamst du. Und du hast mich glauben lassen, es gäbe Hoffnung, gäbe etwas, für das es sich zu leben lohnt. Aber man kann nicht auf zwei Straßen zugleich zielgerichtet fortschreiten. Ich habe mein Ziel verloren, habe an Dinge wie Elitetruppe und eine Karriere gedacht..." Sein Lächeln war unbestimmt, als ob es darauf wartete, erlaubt zu werden. "Zudem brauche ich dich, Yash. Ich begehre dich mit jeder Faser meines Körpers, kann nicht von dir lassen. Und so gehe ich auf keinem von zwei Wegen."

Yash seufzte, auch wenn Andrajs Worte das Glück in ihm zum Aufsprudeln brachten. Er erwiderte den Blick der tiefblauen Augen, die er so sehr liebte und küsste seinen Freund auf die Nasenspitze. "Es gibt immer Hoffnung. So lange du atmest, gibt es sie. Ich glaube daran, dass du in dem Tanz nicht sterben wirst." Tiefer gehend küsste er die weichen Lippen und sagte leise: "Außerdem sind es keine zwei Wege. Es sind nur Stationen auf einem langen Pfad, den ich mit dir gehen werde bis an sein Ende."

Andraj seufzte ebenso, denn daran konnte er nicht glauben, so leichtherzig, wie Yash es tat. Anscheinend war es aber besser, nicht zu widersprechen und so küsste er ihn zurück. Ihm war kalt und er konnte sich nur schwer bewegen.

"Ich kann nicht aufstehen", murmelte er, als er versuchsweise seine Beine anwinkelte.

"Was!?" Verwirrt richtete Yash sich auf. Er atmete einmal durch, dann stand er auf und suchte auf dem Boden nach seiner Hose. "Ich sage Mutter Bescheid, dann schicken wir nach einem Heiler."

"Es ist nur das Feuer, was mir fehlt, Yash. Da kann dieser bestimmt nicht helfen." Andraj streckte seine Arme zu Yash. Er war allein, und der warme Körper seines Geliebten fehlte ihm. "Ich bin nicht krank, nur... erloschen. Wahrscheinlich muss ich mich daran gewöhnen."

Zweifelnd runzelte Yash die Stirn, kam aber der Bitte nach und schlüpfte wieder zu Andraj unter die Decke, um sich an den Körper seines Freundes ziehen zu lassen. "Du kannst nicht einfach erlöschen. Das geht nicht, Andraj. Das Feuer in einem Menschen kann nicht erlöschen wie in einem Kamin, den man nicht pflegt."

Andraj kuschelte sich eng an Yash. "Wo ist es dann hin?", fragte er sanft, dann atmete er tief ein und ließ sich mit geschlossenen Augen von Yash wärmen.


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Zuerst war alles still, dann hörte er Schritte auf dem Parkett, leise, aber sie waren da. Also blinzelte er über Yashs Nacken, damit er sehen konnte, wer da kam. Es war ein Mann, den er erst erkannte, als er sich über das Bett beugte und ihn aus strengen, blauen Augen ansah.

"Vater?", murmelte Andraj verwirrt.

"Womit habe ich einen Sohn wie dich verdient?", fragte Sharvaar scharf, aber Bedauern lag auch in seiner Stimme. "Steh auf! Nimm dein Schwert und tanze!"

"Es tut mir leid, ich kann nicht", erwiderte Andraj beschämt.

"Du kannst! Du willst nur nicht."

"Das stimmt nicht!", protestierte Andraj und fühlte, wie Zorn sich in die Ehrfurcht mischte. "Ich will ja tanzen. Ich möchte dich rächen, aber mein Feuer ist erloschen."

"Dann finde es wieder und lass dich nicht so hängen", knurrte sein Vater. "Fang ganz am Anfang des Weges an zu suchen, wenn es sein muss."

"Was... meinst du?" Andraj richtete sich auf seinen Ellenbogen auf, als Sharvaar ihm näher kam. Der altvertraute Duft von Zedern und Leder kitzelte in seiner Nase.

"Du hast vergessen, was ich dich gelehrt habe. Die erste Lektion des Schwerttanzes lautet: Werde eins mit deiner Klinge und deinem Element. Beginne dort."


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Andraj erwachte, immer noch eng an Yash geschmiegt. Die Stimme seines Vaters hallte in seinem Inneren. "Ich möchte aufstehen, Yash. Kannst du mir helfen?"

"Sicher." Yash stellte erleichtert fest, dass das Leben vollständig in Andraj zurückgekehrt war. Sein Gesicht hatte Farbe bekommen, und seine Augen glänzten wieder. Vermutlich hatte sein Freund sich selbst zu sehr unter Druck gesetzt und war darunter zusammengebrochen. Die Rache, ihr Schwertschwur, ihre füreinander entdeckten Gefühle und damit der plötzliche Konflikt mit allem, an was er geglaubt hatte, hatten ihren Tribut gefordert. Der Schlaf schien geholfen zu haben; mittlerweile stand die Sonne hoch am Himmel. Yash schlug die Decke zurück und schwang die Beine über die Bettkante, um Andraj dann die Hand hinzuhalten.

Entschlossen ergriff Andraj sie und kam schwankend auf die Beine. Nackt wie er war, fröstelte er, doch seine Sachen waren über den Fußboden verstreut, und sich danach zu bücken schien keine gute Idee, so weich wie seine Knie sich anfühlten. Als er vier gewesen war, hatte er sicherer auf seinen Beinen gestanden als jetzt. Mit einem Lachen voller Selbstverachtung sah er auf Hose und Hemd. "Ich brauche etwas zum Anziehen. Ein Bad wäre nicht schlecht, aber ich glaube, das schaffe ich nicht. Ich brauche dafür deine Hilfe, Yash."

"Wenn du ein Bad willst, wirst du ein Bad bekommen." Rasch ging Yash in sein eigenes Zimmer, um zwei Morgenmäntel und frische Kleidung für sich und seinen Bruder zu holen. Andraj besaß kaum etwas zum Wechseln. 'Das müssen wir ändern', dachte er, als er zurückkehrte und Andraj die Hand hinhielt. "Komm, das heiße Wasser wird dir gut tun."

"Klingt zumindest sehr gut", gab Andraj zu und sammelte seine Kräfte. Yashs Hand war warm und vertraut, er nahm den Beistand ohne Scheu an. Viel tiefer konnte er eh nicht mehr sinken, also machte seine Hilflosigkeit keinen Unterschied. Aber Yash tat es mit einer solchen Selbstverständlichkeit, mit einem Schmunzeln und Humor, dass Andraj kurz lächeln musste.

"Danke für alles", sagte er dann und lehnte sich an seinen Freund, während sie zum Bad gingen. Als er schließlich in das erhitzte Wasser sank, war er das erste Mal seit dem vergangenen Tag wieder komplett aufgewärmt.

Danach nahmen sie ein spätes Frühstück in der Küche ein. Zu Andrajs Erleichterung waren weder Hina noch Yovan zu Hause, also fasste er Mut und blickte Yash fest an. "Ich will üben."

Yash fragte sich, ob es eine gute Idee war, ganz gesund erschien Andraj immer noch nicht. Er bedauerte, dass seine Mutter nicht da war, die vielleicht etwas zu dieser Schwäche hätte sagen können. Nach einem kurzen Zögern nickte er dennoch. Immerhin war es ein gutes Zeichen, dass Andraj tanzen wollte. "Gut, wie du willst."

Nachdem sie ihre Waffen geholt hatten, gingen sie in den Innenhof, um im Kreis Aufstellung zu nehmen. Auch wenn Andraj immer noch schwankend auf den Beinen stand, hielt er sein Schwert fest in der Hand.

'Eins werden mit der Klinge und dem Feuer', sagte er sich. Also konzentrierte er sich auf das Gewicht der Waffe, auf seine Muskeln und wie sie zusammen einen präzisen Schlag ausführen konnten. Nach einem tiefen Atemzug ging er in die Grundposition, hob das Schwert und griff an. Dann kam der zweite Grundschritt und schon knickten seine Knie ein und er fiel zu Boden.

"Vier und Eins!", fluchte er leise.

Yash unterdrückte seinen ersten Impuls, doch nach einem Heiler rufen zu lassen. Wenn Andraj wieder fluchen konnte, ging es ihm schon deutlich besser.

"Hoch mit dir!", sagte er fröhlich und hielt ihm die Hand hin.

Andraj hob amüsiert eine Augenbraue. "Was meinst du, was ich vorhatte? Mit dem Dreck tanzen?" Er ergriff die Hand seines Bruders, der ihm mit Leichtigkeit aufhalf, und sah das Schwert an. "Noch mal von vorn."

Seine Stimme klang fest, auch wenn der Boden unter ihm unsicher schien; er wollte nicht aufgeben, nicht hier und nicht heute.
Grundstellung. Erster Ausfall. Abwehrpirouette, endend in einer schwungvollen Attacke, die bei einem echten Kampf tödlich enden konnte, weil sie schwer abzuwehren war. Eine Schrittfolge, die Andraj immer schon gefallen hatte.

Schwer atmend stoppte er, aber er stand noch. Er führte kleine Angriffe gegen Yashs Abwehr aus, die er im Kopf noch einmal durchging. Dann ließ er sich einfach treiben, ohne dass er einen bewussten Gedanken an die Schritte oder Schwertbewegungen verschwendete. Er dachte stattdessen an den Duft von Leder und Zedern und an einen Tag in Yashs Armen.

Hinterher wandte er sich an Yash. "Kein Feuer, ich bin nicht eins mit der Klinge. Das ist die erste Lektion des Schwerttanzes: Werde eins mit deiner Klinge und deinem Element. Noch mal von vorn."

Wieder begann er die Schrittfolge, fühlte in das Schwert, die Bewegung und sein Herz. Sein Puls war der Rhythmus seiner Schläge, er wollte in die Klinge tauchen, sich verlieren und damit das Feuer finden. So trainierte er weiter, und erstaunlicherweise fühlte er sich nach jedem Durchgang kräftiger als zuvor. Seine Muskeln wurden warm und geschmeidig, sein Atem leichter. Er vergaß alles, sogar Yash, der jedoch immer am Rande seines Bewusstseins war und gab sich dem Schwert hin.

Als er sich das nächste Mal an Yash wandte, grinste er, obwohl er völlig erschöpft war. Er näherte sich seinem Freund und sah ihm in die Augen. "Ins Bett?"

Yash lachte und erwiderte den Blick neckend. "Hast du noch nicht genug getanzt, Andraj? Aber wenn du weiter üben willst, werde ich natürlich als treuer Schwertbruder an deiner Seite stehen." Er griff nach Andrajs Schärpe und zog ihn mit einem Ruck in seine Arme, um sich einen Kuss zu stehlen.

Der Kuss zog sich hin, während sie ihre Münder aneinander schmiegten und ihre Zungen sich irgendwo in der Mitte trafen. Als sie sich trennten, grinste Andraj und deutete in Richtung des Hauses. "Waschen, Nahkampf und dann was essen?"

Die plötzliche Offenheit seines bisher so prüden Geliebten fuhr direkt in Yashs Lenden und hinterließ ein erwartungsvolles Prickeln. Er grinste ebenfalls und umfasste mit beiden Händen den festen Hintern, um ihre Hüften gegeneinander zu reiben, während er Andraj einen Kuss auf den Hals drückte. "Das klingt mehr als nur verlockend", erklärte er.

Schon auf dem Weg ins Bad hatten sie es geschafft, Andrajs Hemd abzustreifen, und Yashs Haare hingen offen um seine Schultern, während sie immer wieder neue Stellen am Körper des Geliebten mit Zunge und Lippen erkundeten. Im Bad machten sie auch keine Pause, umgeben von warmem Wasser verschlangen sie sich gegenseitig, fast als wäre dies die letzte Gelegenheit vor einer langen Trennung. Andraj zögerte noch, als er Yashs Mund auf seinem Glied spürte, aber er schob den seltsamen Stich in seiner Brust beiseite und gab sich der Leidenschaft hin.

Die Rückhaltlosigkeit seines Liebsten bewirkte, dass Yash ihn mehr und mehr wollte. Wie schon am Abend zuvor gab es keine Hemmungen mehr, keine Angst, keine Unsicherheiten, nur noch Begehren, Vertrauen und das Feuer zwischen ihnen. Er konnte nicht genug von Andraj bekommen, wollte ihn überall schmecken, riechen, spüren, wollte hören, wie sehr er ihn begehrte.

Es war ein lustvoller Taumel, ein Rausch der Sinne, aus dem er erst erwachte, als sie sich im seichten Wasser liegend nur noch ruhig im Arm hielten und darauf warteten, dass sich ihre Herzen und ihr Atem wieder beruhigten. Yash lächelte und hob den Kopf ein wenig, um Andraj in die Augen sehen zu können. "Und jetzt sag mir noch einmal, das Feuer in dir sei erloschen. Was war das hier, wenn kein Feuer? Und das trotz all des Wassers, in dem wir uns befinden."

Andrajs Lippen verzogen sich zu einem schwachen Grinsen. "Du bist beharrlich, Yash. Ich hatte die Ehre, in deinem Feuer zu tanzen, das ist es. Wenn es in mir ist, fühlt es sich anders an." Mit einem Naserümpfen fügte er an: "Macht aber nichts, ich werde es wiederfinden." Sinnlich schob er sein Bein über Yashs kantige Hüfte, dann drückte er ihre Becken zusammen. Ein lüsterner Blitz fuhr durch beide. "Essen?", erkundigte sich Andraj honigsüß.

Yash war begeistert davon, dass Andraj nicht nur seinen Widerstand aufgegeben hatte, sondern ihn deutlich selbst aufforderte. Zudem faszinierte es ihn, dass sein Freund schon wieder wollte. Er grinste und ließ sein Bein zwischen Andrajs gleiten, während er mit einer Hand auf dessen Hintern wanderte. Mit einem kleinen Biss in dessen Schulter meinte er: "Das kommt ganz darauf an, was du mir anbietest."
"Hmmm... Vielleicht ein wenig Obst und dazu frisches Brot?" Dabei wanderten Andrajs Hände zu Yashs Brustwarzen, er umkreiste jede mit einem Zeigefinger. "Oder mit scharfem Käse gefüllte Teigtaschen?" Seine Finger trafen sich federleicht auf Yashs Brustbein und wanderten langsam zum Bauchnabel, dabei jeden Muskel anmutig streifend.

Yash gab einen leisen Laut des Wohlbehagens von sich, ließ von Andrajs Hintern ab und drehte sich halb auf den Rücken, um Andraj mehr Raum zu geben.

"Nein, ich glaube, das verlockt mich im Moment gar nicht", entschied er träge. "Da musst du dir etwas anderes einfallen lassen."

"Etwas Blätterteig, gefüllt mit süßer Pistazienpaste und gehackten Mandeln? Oder rosa Reis mit Minzeblättern und Pinienkernen?" Andrajs Stimme wurde tiefer, als er Yashs Haare zurückstrich, danach erforschte er die Ohrmuschel mit seiner Zungenspitze, während seine Finger sich langsam in die dunkle Schambehaarung vortasteten. "Oder deinen Schwertbruder, nackt?"

"Mmh, das klingt gut. Um nicht zu sagen, perfekt." Yash atmete tiefer, die Berührungen gingen ihm durch und durch, auch wenn sie sich gerade erst geliebt hatten. "Danach könnte mir dann auch der Blätterteig munden, aber im Moment ist nackter Schwertbruder das einzig Wahre."

"Wenn dem so ist, mein verwöhnter Bruder, dann gehört er ganz dir." Andraj grinste frech und wickelte seine Hand um Yashs Glied, dann drückte er allmählich zu. Sein Liebhaber stöhnte, und der Tanz ihrer Körper und Leidenschaften begann erneut.

Aneinander geklammert rutschten sie aus dem Wasser auf den ebenfalls warmen Boden des Bades. Dieses Mal war es lauter und voller Neckereien. Halb lachend, halb stöhnend wisperte Andraj den Namen seines Schwertbruders, der seinen Hals mit Lustmalen verzierte, während ihre Hände den anderen befriedigten.

Als sie beide ihren Höhepunkt erreicht hatten und wie knochenlos zu Boden gesunken waren, sich immer noch in den Armen haltend, murmelte Andraj außer Atem: "Jetzt bin ich endgültig erschöpft."

Yash bettete seinen Kopf an Andrajs Schulter und grinste, selbst noch keuchend. "Wir müssen an deiner Ausdauer arbeiten. Ein wenig tanzen, ein wenig Nahkampf, noch etwas mehr Nahkampf, und schon bist du müde." Er streckte sich durch, dann sah er wieder auf und zwinkerte seinem Geliebten zu.

"Blödmann", brummelte Andraj, klang aber ganz zufrieden dabei. "Mal sehen, vielleicht finden wir ja noch jemanden, der deinen Erwartungen entspricht. Bis dahin musst du dich leider noch gedulden." Seine Stimme war neckend, dann schob er Yash von sich und begann, die Reste seiner Kleidung zu suchen.

Auflachend streckte Yash sich noch einmal von den Finger- bis zu den Zehenspitzen durch, ehe auch er sich erhob. "Der Mann, der meinen Vorstellungen noch am Nächsten kommt, krabbelt gerade äußerst elegant auf dem Boden herum und angelt nach seiner Hose", erklärte er grinsend und bückte sich, um eben jenem Mann einen Klaps auf den äußerst netten Hintern zu geben.

Als Andraj seine Hose gefunden hatte und aufstand, leuchteten seine Augen vor Entrüstung. Er holte tief Luft und fasste Yash an die Schultern, wartete, bis der gutgelaunte Mann ihn ansah.

"Mach das nicht wieder", brachte er beherrscht heraus. "Ich bin keine Frau, behandle mich nicht wie eine."

Überrascht hob Yash die Brauen und fühlte sich an den Abend in der Taverne erinnert, wo sein Bruder ähnlich heftig auf Maddhus Annäherungen reagiert hatte. Er fühlte Verärgerung darüber, dass Andraj ihn und den Mann auf die gleiche Stufe stellte. "Es war ein Kompliment an deinen Hintern, aber wenn dich das stört, bitte. Dann lasse ich es in Zukunft."

Mit einem Herzschlag waren all die Bedenken wieder in Andrajs Kopf, die er eigentlich beiseite schieben wollte. Wohin führte dieser Tanz mit Yash? War es nicht besser, wenn sie aufhörten, bevor sie nicht mehr wussten, wie sie zu ihrer Freundschaft zurückkehren konnten? Bevor einer von ihnen diesen Kreis bis zur Kampfunfähigkeit verletzt verlassen musste? Immer wieder gerieten sie aneinander, und fast jedes Mal hatte es damit zu tun, dass sie neuerdings auch Bettgefährten waren. Es hatte keinen Zweck, sie waren einfach zu verschieden. Mit einem Seufzer ließ er Yash los und zog sich an.

Mürrisch stieg auch Yash in seine Kleidung. Musste sein Schwertbruder grundsätzlich jede Annäherung erst einmal als Angriff auf sich, seine Männlichkeit oder seinen Glauben sehen? 'Vier und Eins! Warum muss er so kompliziert sein!'

Und warum schien es immer darauf hinauszulaufen, dass Yash das Gefühl hatte, dass er sich für Dinge schämen sollte, die so selbstverständlich waren? Dafür, ihn anfassen zu wollen, ihm seine Liebe zu zeigen und es ihm zu sagen; eine Liebe, die auch für Yash neu und aufregend war. Er wollte sich dafür nicht schämen müssen.


© by Nika & Pandorah