Buch I: Der Weg des Tanzes

17. Schritte in eine fremde Richtung

Daran, dass er sein Wissen mit Freude teilt, erkennt man den wahren Meister.

Nach Vidyaranya, Sohn des Ved


In weniger heißblütiger Stimmung als auf dem Hinweg verließen die beiden das Bad. Schweigend betraten sie die Küche, und es schien, als ob sie sich einfach nichts zu sagen hätten. Andraj überlegte, ob er Yash um Verzeihung bitten sollte, aber eigentlich wusste er nicht wofür. Verunsichert und ernüchtert zugleich suchte er nach Wasser, wovon er zwei Becher in langen Zügen leerte.

Die Kälte war weniger beklemmend als noch am Morgen, aber sie war da. Und nun, so ohne warmes Wasser und den willigen Körper von Yash, zeigte sie wieder ihre Zähne. Andraj erschauerte. 'Ich lasse mich nicht unterkriegen, verstanden?'

Yash sah zu ihm hin und seufzte, als er das Beben bemerkte. Er lehnte sich gegen den schweren, schartigen Holztisch vor dem Herd und schnitt eine Grimasse. "Wir schaffen es immer wieder, nicht? Wegen Nichtigkeiten streiten wir uns." Dabei war es ja nicht einmal ein Streit, nur ungemütliche Stille und ein Gefühl der Unstimmigkeit. "Ich wollte dich nicht beleidigen. Es ist nur... wenn ich bei dir bin, will ich dich anfassen. Egal wo, egal wie. Du bist so verlockend für mich. So unwiderstehlich. Aber ich möchte dabei nicht mit Tavernenbekanntschaften verglichen werden."

Erstaunt stellte Andraj seinen Becher hin. "Tavernenbekanntschaft?" Er musterte Yash und schüttelte den Kopf. "Ich hatte nie die Absicht, dich mit einem anderen zu vergleichen... Ich mag so etwas einfach nicht, nicht einmal von dir. Wir sind sehr verschieden, was den Umgang mit Körperlichkeit und Lust angeht. So verschieden, dass ich schon überlege, ob es nicht besser wäre aufzuhören. Ich tue dir weh mit dem, was ich sage und tue, oder du verletzt mich."

Yash stieß sich vom Tisch ab und war schon bei Andraj, ehe er auch nur darüber nachdenken konnte. Er packte ihn bei den Schultern und sah ihm in die Augen. "Nein, Andraj. Zwischen uns ist mehr als nur Körperlichkeit und Lust. Aber eben auch das. Begehren. Leidenschaft. Es würde mir nicht leicht fallen, auf dich zu verzichten, und bei Den Vier, sage nicht, es wäre bei dir anders. Ich lasse nicht zu, dass du das aufgibst, weil es leichter zu sein scheint. Ebenso wenig wie ich zulasse, dass du dich aufgibst, dass du die Zeit nach der Rache vergisst und das Leben außerhalb der Tanzkreise."

Fasziniert sah Andraj in Yashs entschlossenes Gesicht. "Bei Den Vier, ich sagte nur, dass ich es überlege. Ich habe dir schon gesagt, dass ich dich begehre. Ich gebe nach, merkst du das nicht? Ich komme auf deine Seite des Weges." Er legte seine Hände auf Yashs. "Ich fühle mich aber nicht sicher dort, zudem ist mir immer noch ziemlich kalt."

"Ich mag es nicht einmal, wenn du nur daran denkst", gestand Yash leise und seufzte. Er zog Andraj an sich und schlang die Arme um ihn. "Es tut mir leid, dass ich dich schon wieder in eine Richtung dränge. Ich will es gar nicht, ich will dir entgegenkommen, aber es passiert mir immer wieder."

In manchen Momenten bereute Andraj es, dass er nicht einfach so sein konnte, wie Yash sich ihn wünschte. Er hatte aber keine Ahnung, wer er dann sein würde. "Komm, genug gestritten – wir essen was. Wie sieht es aus mit Blätterteig und ein wenig Tee? Von mir aus auch trockenes Brot, denn ich habe ziemlich Hunger. Von deinen Küssen allein kann ich nicht leben, da werde ich nur hungriger."

Yash lachte und küsste ihn auf einen Mundwinkel, ehe er ihn losließ. "Dann lass uns mal schauen, was die Küchenhilfen in der Speisekammer versteckt haben. Aber möglichst ohne die Dinge zu berühren, die Mutter noch braucht. Sonst wird ein sehr zorniger Sturm über uns hereinbrechen."

Sie fanden einiges, was Yash für sicher erklärte und das ihre hungrigen Mägen zufriedenstellte. Mit einem guten Wein zogen sie sich anschließend in die Bibliothek zurück, um sich dem taktischen Vergnügen des Madri-Spiels zu widmen. Als Yovan aus der Hauptstadt zurückkehrte, gesellte er sich nach einer höflichen Frage, ob er störte, zu ihnen, um ihnen interessiert zuzuschauen.

Ein wenig beschwipst von dem Wein – Andraj fühlte schon, wie seine Wangen zu leuchten begannen – erhob er sich von seinem Stuhl und verbeugte sich vor Yovan. "Verehrter Vater meines Schwertbruders, ich bitte Euch um einen Gefallen: Lehrt mich den Schwerttanz." Obwohl seine Zunge sich verknotet anfühlte, hoffte er, dass Yovan ihn nicht für betrunken hielt.

Yovan lächelte und hielt sich zurück, um ihm nicht mit einer ebenso schönen Formulierung zu antworten. Es erleichterte ihn, dass Andraj seine offenen Worte nicht übel genommen hatte. "Sehr gerne", erwiderte er freundlich.

Andraj hatte gar nicht mit einer so positiven und klaren Antwort gerechnet, also verbeugte er sich schnell noch einmal. "Ich danke Euch, Yovan." Als er sich gerade wieder setzen wollte, fiel ihm noch etwas ein, trotz des zunehmenden Nebels, der sich dank des Weines über seinen Verstand legte. "Können wir morgen beginnen?" Hoffnungsvoll richtete er seine Augen auf den einen Mann, der in der Lage war, seine Unzulänglichkeiten auszubessern.

Der Eifer ließ Yovan leise auflachen. "Unter einer Bedingung, Andraj", forderte er gut gelaunt. "Du bist der Bruder meines Sohnes und damit ein Mitglied meiner Familie. Ich verlange nicht, dass du mich Vater nennst, aber das Du ist mir wichtig."

Jetzt färbte nicht nur der Wein Andrajs Wangen rot, als er Yovan überrascht anblinzelte. Völlig überwältigt nickte er nur stumm, bevor ein breites Grinsen sein Gesicht leuchten ließ. Feuer oder nicht – in diesem Moment war es völlig unwichtig, weil ein süßes Glücksgefühl ihn erfüllte.

"Durch den Beisitz im Rat ist meine Zeit momentan begrenzt, wir werden deswegen nur in den Abendstunden trainieren können." Yovan nahm sich ebenfalls von dem Wein und trank einen kleinen Schluck. "Ich hoffe, dass ich in zwanzig Tagen wieder mehr Ruhe haben werde, insofern mich meine Aufgaben in der Hauptstadt nicht unerwartet viel einspannen."

"Ich habe nur wenig über deine Aufgaben und das Palastsystem von Yash gehört." Stolz benutzte Andraj das Du, während sich seine Gedanken weiter verhedderten. "Ich würde das alles gern mal sehen." Ohne Erfolg versuchte er, den Alkoholschwindel abzuschütteln.

"Ich kann euch gerne morgen mitnehmen, wenn ihr früh genug aufsteht." Yovan grinste ein wenig. Es war wohl nicht unbedingt das Aufwachen, das die meisten Schwierigkeiten bereitete, sondern eher, ob sie rechtzeitig voneinander lassen konnten. Wenn nicht die Rache wie ein drohender Schatten über ihnen allen gelauert hätte, würde er es viel mehr genießen können, dass sein Sohn offensichtlich jemanden gefunden hatte, mit dem er nicht nur das Bett teilte, sondern an den er auch so deutlich sein Herz verloren hatte.

Andraj sah Yash nachdenklich an. Er konnte sich vorstellen, dass für seinen Freund ein Besuch im Palast nichts Aufregendes war. Vielleicht langweilte er sich dabei nur? Mit einem Stirnrunzeln versuchte er, den Gesichtsausdruck seines Freundes zu deuten und ebenso Yovans wissendes Grinsen, doch der Alkohol half dabei nicht gerade. "Ich würde gern mitfahren. Yash?"

Yash nickte. "Sicher. Ich führe dich rum." Er zwinkerte Andraj zu. "Dann lernst du auch endlich mal andere verwöhnte Jungs kennen und musst dein Bild der Alten Familien nicht immer an mir festmachen. Schade, dass Mayur nicht dabei sein kann." Er lachte.

Andraj vermisste Mayur auch, vor allem seit er mit Yash so intim geworden war. Ihm fehlte die direkte Art seines anderen besten Freundes. Manchmal hatte er das Gefühl, dass er mit Mayur mehr teilte als mit Yash. Alte Familien, das Palastsystem und Politik, das waren nicht gerade die Dinge, die er verstand. Sich hoch kämpfen, ein Ziel verfolgen und versuchen, sich selbst treu zu bleiben, so waren er und Mayur. Der Alkohol war wie verflogen, als er versuchte, sein Grinsen nicht ersterben zu lassen. "Ja, das ist schade. Ich freue mich aber schon auf morgen."

Yash seufzte leise, als er bemerkte, dass sein Schwertbruder bereits wieder sein Lachen verloren hatte. Er setzte seine Figur auf dem Brett und erklärte: "Dein Darjah sieht übel aus, mein Freund. Aber wenn du diesen Tanz als verloren gibst, könnten wir ins Bett, um morgen früh genug aufstehen zu können."

Als Andraj Yashs Kommentar hörte, erfasste er kurz die Situation auf dem Brett. Sein Freund hatte die Lage klar durchschaut, daher kippte er wortlos seinen Darjah um und erhob sich. "Gute Idee." Er half Yash dabei, die Figuren zu verstauen, und verbeugte sich knapp vor seinem Brudervater. "Gute Nacht, Yovan." Dann verließ er mit Yash den Kaminraum, wobei sein Schwertbruder ihm vorkam wie ein Spiegelbild seiner selbst – in sich gekehrt und schweigsam.

In Gedanken verloren fand Yash seinen Weg zurück in sein eigenes Schlafgemach, während ihm Andraj folgte. Er wusste nicht, mit welchen Worten er seinem Bruder die Laune verdorben hatte, doch die strahlende Freude nach Yovans Zustimmung zum Unterricht war verschwunden.

'Du kannst doch nicht über jedes einzelne Stirnrunzeln von ihm nachdenken! Was soll denn das, Yash?', fragte er sich mit einem Mal amüsiert. 'Das hast du vor der Brüderschaft nicht getan und solltest es nun erst recht nicht.'

Mit einem Grinsen drehte er sich zu Andraj um, noch immer über sich selbst lachend, was seine Augen zum Funkeln brachte. "Wollen wir heute Nacht mein Bett ausprobieren, nachdem wir gestern deines getestet haben?"

Andraj biss auf seine Unterlippe, nickte dann und sah in Yashs funkensprühende Augen. Sobald er in dessen Zimmer trat, hatte er das Gefühl, als gäbe er etwas von seiner Eigenständigkeit auf. Sich umwendend betrachtete er mit zusammengezogenen Augenbrauen Yashs vertraute Gestalt, von der er nun wusste, wie sie sich unter den Schichten aus Seide anfühlte. Er hatte niemals gedacht, dass er so etwas erfahren, Yash so berühren und am Ende in seinem Bett landen würde. Immer wieder kam es ihm befremdend vor, dass dies passiert war. Diese Gedanken zurückdrängend begann er, sich auszuziehen, streifte die Weste ab und lockerte sein Hemd, um es abzulegen.

Yash hatte es lediglich geschafft, sich seiner Schuhe zu entledigen, während er seinen Bruder beobachtete. Andraj war so schön, alles an ihm war Kraft und Geschmeidigkeit. So schön, dass es ihm das Herz fast schmerzhaft schlagen ließ. Er trat hinter ihn, umarmte ihn und hielt seine Hände fest. Sorgfältig platzierte er einen Kuss auf Andrajs Hals, ehe er seine Wange gegen die seines Geliebten schmiegte. Er wollte ihm sagen, wie sehr er ihn liebte, wie sehr er seinen Anblick genoss, aber er wagte es nicht mehr.

"Ich bin froh, dass du bei mir bist", murmelte er nur und ließ seine Finger zwischen Andrajs gleiten. "Du machst mich glücklich."

Andraj lächelte. "Yash...", wisperte er inniglich und lehnte sich gegen den warmen Körper seines Freundes. "Nur deinetwegen bin ich hier und deinetwegen bleibe ich. Hast du Zweifel daran?"

"Nein." Das Lächeln stahl sich auch auf Yashs Gesicht, als er weich Andrajs Mundwinkel küsste, sich dann die Lippen entlang tastete, die immer wieder unwiderstehliche Verlockung für ihn waren. "Du gibst mir so viel von dir, hast dich mir so sehr geöffnet... Dafür..."

'Dafür liebe ich dich auch. Für dein Vertrauen in mich.' Er bedeckte den warmen Mund gänzlich mit seinem.

Sie küssten sich, ausdauernd und langsam, solange die Harmonie des Augenblicks noch wichtiger war als die Lust. Unbewusst drehte sich Andraj in Yashs Armen, so dass er seinen Freund an sich drücken konnte, als das Tempo zunahm und sie ihre Tanzkünste auf das Küssen übertrugen.

Andraj ließ sich von Yash zum Bett steuern, und als die Bettkante sich in seine Kniekehlen bohrte, trennte er sich von seinem Partner. Ohne seine Augen von Yashs zu nehmen, entledigte er sich seines Hemdes und wickelte mit flinken Fingern die Schärpe auf. Mit einigem Vergnügen konnte er erkennen, dass Yashs Augen dunkler wurden. Schnell schlüpfte Andraj aus den weichen Stiefeln, dann trat er Hose und Schuhe achtlos zu Seite.

Yashs Pläne für diesen Abend hatten eigentlich wesentlich ruhiger ausgesehen und hauptsächlich darin bestanden, Andraj im Arm zu halten, ausgiebig mit ihm zu kuscheln, ihn zu küssen und schließlich mit ihm einzuschlafen. Doch sie änderten sich, während Andraj sich derart provozierend vor ihm entkleidete und Hitze in ihm entfachte. 'Niemals ist dein Feuer erloschen, mein Schwertbruder!'

Das Licht der Kristalle und Kerzen spielte mit der dunklen Haut, hob die Muskeln hervor und betonte Andrajs Kraft, zeichnete gleichzeitig den Feuerschein in sein Haar. Yash griff nach ihm und ließ beide Hände durch die kastanienroten Strähnen gleiten, ehe er die Schultern und Oberarme hinabstrich. Dann fuhr er mit gespreizten Fingern über Brust und Bauch, packte die Hüften und zog ihn an sich.

Mit einem sehnsüchtigen Seufzer hob Andraj seine Hände und lockerte das Lederband von Yashs Zopf, so dass das Haar ungezähmt über den Rücken fiel. Seine Finger vergrub er in den zarten Haaren am Nacken seines Freundes, an der Stelle, der er völlig verfallen war. Dort war Yash so sanft und fragil, dass er diese Stelle für immer geheim halten wollte. Sachte presste er seine Lippen gegen die Augenlider seines Freundes, dann gegen das Kinn, bevor er zart mit den Zähnen über die Kehle fuhr.

Yash erschauderte ein wenig und legte den Kopf in den Nacken, während sich sein Griff lockerte. Andrajs Zärtlichkeit bewirkte, dass das Feuer bereits wieder erlosch und nur noch Wärme zurückließ. Sie füllte ihn aus und ließ einzig den Wunsch, seinen Geliebten im Arm zu halten und ihm nahe zu sein. Seine Hände wanderten den kräftigen Rücken empor, bis er die Schulterblätter erreichte und Andraj sanft umfing. Er barg das Gesicht an dessen Halsbeuge und seufzte vor Glück.

"Andraj... ich will dich eigentlich nur halten", flüsterte er.

"Dann tu das doch", murmelte Andraj mit einem Lächeln in der Stimme. "So laufen wir auch weniger Gefahr, dass wir morgen verschlafen und Yovan nicht in den Palast begleiten können."

Beide lachten heiser.

"Und mir würden all die hübschen Jungs der Alten Familien entgehen", scherzte Andraj, bevor er Yashs Hals anknabberte.

Yash grinste und genoss die Liebkosung mit geschlossenen Augen. "Das könnte dir so passen. Ich werde dich so beschäftigen, dass du keine Zeit haben wirst, nach anderen Männern als nach mir zu schauen."

Einen Moment lang hielt er noch still, wollte sich nicht einmal kurz von Andraj trennen, tat es dann aber doch, um sich ebenfalls rasch auszuziehen. Dann zog er seinen Geliebten mit sich ins Bett, um ihn dort fest in die Arme zu schließen. Der Tag war besser geworden, als er am Morgen noch hatte vermuten können. Yash fühlte sich so entspannt und zufrieden wie schon lange nicht mehr.

"Keine Sorge", brummte Andraj schläfrig. "Außer dir interessieren mich keine anderen Männer. Schlaf gut."

Er wickelte sich um Yash und schlief schon, bevor der auch nur antworten konnte. Yash lächelte leicht und vergrub das Gesicht an dem warmen Körper seines Geliebten. 'Das weiß ich, mein Liebster. Das weiß ich doch...'


© by Nika & Pandorah