Buch I: Der Weg des Tanzes

18. Von Manövern im Licht und denen im Schatten

Wenn kein Mensch Recht zu sprechen vermag, sprechen es Die Vier durch den Tanz.

Aus: "Die Weisungen des Tanzes" von Vidyaranya,
Sohn des Ved


Yovan war wie üblich in das Weiß der neutralen Beisitzer gekleidet, als sie sich am Morgen in der Eingangshalle trafen, um gemeinsam aufzubrechen. Die Kutsche war bereits vorgefahren. Es war noch dunkel, die Sonne tauchte gerade erst den östlichen Horizont in tiefes Violett, und die frische Luft ließ sie frösteln. Ein Diener öffnete den Schlag und schloss ihn auch wieder, nachdem sie eingestiegen waren.

"Ich werde euch gleich im Innenhof des Palastes allein lassen müssen", erklärte Yovan, mehr an Andraj als an seinen Sohn gewandt. "Mein Weg führt mich und die anderen Beisitzer direkt in die hinteren Räume des Gerichts, wo ihr kein Zutrittsrecht habt."

"Verstehe", antwortete Andraj, für den das alles dennoch keinen realen Bezug hatte. "Macht nichts, Yash kennt sich ja aus."

Während der Fahrt blickte er gedankenverloren auf das vorbeiziehende Land hinaus, während Yovan und Yash über Leute redeten, die er nicht kannte. Erst als sie in die Stadt kamen, wachte Andraj auf und versuchte, Gebäude wiederzuerkennen. Immerhin hatte er vor dem Tod seines Vaters in der Nähe Dvarakas gewohnt, auch wenn die Erinnerungen sehr undeutlich waren.

Die hohen, schmalen Häuser waren so gebaut, dass sie während der heißen Sommermonate leicht zu lüften, aber in der kalten Jahreszeit gut zu beheizen waren. Mosaike an den Fronten wetteiferten miteinander um die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden. Immer wieder fanden sich darin die Symbole Der Vier oder ganze Szenen aus den heiligen Schriftrollen. Am meisten stach Andraj allerdings die Kleidung ins Auge, welche die Menschen trugen, und die Selbstsicherheit, mit der sie sich bewegten, die schon fast an Arroganz grenzte.

"Man mag kaum glauben, dass überall sonst im Land von Krieg geredet wird", murmelte er, eher zu sich selbst.

"Hier wird auch davon gesprochen. Nur zeigt man es nicht so sehr nach außen. Wenn du Dvaraka vor ein paar Monaten gesehen hättest, würde dir der Unterschied schon auffallen." Yovan wies mit einer kleinen Geste zu einer Gruppe in Schwarz und Gold gekleideter Soldaten, den Farben des Darjahs. "Die Präsenz an Patrouillen innerhalb der Stadtmauern ist gestiegen, die Stimmung ist gedrückter."

Yash nickte und deutete mit dem Kopf in die andere Richtung, wo weitere Soldaten gerade in einer Nebenstraße verschwanden. "Ich habe nie so viele von ihnen gesehen. Eigentlich lachhaft, als ob der Feind als erstes in den Straßen der Hauptstadt auftauchen würde."

"Soll wahrscheinlich nur ein Gefühl der Sicherheit vermitteln", überlegte Andraj laut. "Wenn ich Gwalimea angreifen wollte, würde ich versuchen, Schwachstellen in den Grenztruppen zu finden. Auch wenn der Darjah hier in Dvaraka sitzt, er wird am verwundbarsten, wenn man zuerst die untersten Stützen seines Verteidigungsgebäudes wegzieht."

"Es beruhigt die Händler, wenn er sich hier in voller Stärke präsentiert. Und der Handel ist wichtig." Yovan nickte grüßend einem älteren Herrn in einer entgegenkommenden Kutsche zu und wandte sich dann wieder an seine Söhne. "Aber aus den Gründen, die du genannt hast, bin ich dagegen, die Grenztruppen mit Soldaten zu verstärken, die aus Chinkud kommen. Sie haben keine Bindung zum Land, nur zum Geld, und die ist leicht zu überbieten."

"Die Vier mögen Gwalimea beistehen." Andraj seufzte. Politik und er, das war wie Feuer und Wasser – es vertrug sich nicht. Er bezweifelte, dass er je einen Überblick über die Machtverhältnisse und gute politische Manöver bekommen würde. Yash war dazu geeignet, er fühlte sich anscheinend in dieser Welt so wohl wie ein Fisch im Wasser. Dennoch freute er sich auf den Palast und alles, was er dort sehen würde.

Yash mochte die Straßen um den Regierungssitz des Darjahs, wie er erneut feststellte. Er genoss das bunte Treiben der erwachenden Stadt, die Düfte von Gewürzen und Parfüm, das Stimmengewirr, die Rufe der Händler und das Rattern von zahlreichen Rädern.

Er versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, wenn Krieg hier Einzug halten würde und musste feststellen, dass es ihm nicht wirklich möglich war. Dvaraka war das Herz des Reiches, das schon seit Jahrhunderten in Frieden lebte. Es gab Grenzstreitigkeiten, aber mehr nicht. Erst in diesem Moment wurde ihm bewusst, dass er zwar Kämpfe gesehen hatte, die weit von der Eleganz des Tanzes abwichen, aber nie eine Schlacht, nie Morden ohne Regeln, nur um zu überleben und zu siegen.

Der grandiose, farbenprächtige Palast mit den goldenen Kuppeln kam in Sicht und lenkte seine Gedanken wieder zurück. Es blieb nur ein schales Gefühl. Um es zu vertreiben, begann er, Andraj zu beschreiben, wo sich die Gerichte befanden, wo es die größten Kreise für die rituellen Tänze gab und wo die Ställe lagen, während die Kutsche langsam durch das hohe, mit Wachen flankierte Eingangsportal rollte.

Mit enormer Konzentration versuchte Andraj, Yashs Ausführungen über den Palast zu erfassen und sich möglichst viel zu merken. Je mehr er lauschte, umso verwirrter wurde er, also folgte er nur mit seinen Augen dem ausgestreckten Finger seines Freundes. Alles war so groß und mächtig, dass er sich ziemlich mickrig vorkam.

Die Kutsche kam zum Halt, und er nahm an, dass Yovan sie hier aussteigen lassen würde. Andraj griff nach seinem Schwert, das vorher neben seinen Beinen gestanden hatte und wartete ab, um sich daran zu orientieren, wie Yash und Yovan sich verhielten.

Yash winkte ihm, als der Diener die Tür öffnete und sprang mit dem Schwert in der Hand hinaus, ohne den kleinen Tritt zu benutzen. Mit wenigen Handgriffen band er die Scheide wieder an die Schärpe. Yovan verabschiedete sie, nachdem auch Andraj ausgestiegen war, und versprach, dass er sie benachrichtigen lassen würde, wenn die Sitzungen für den Tag beendet waren. Dann rollte die Kutsche weiter.

Yash wies mit einer losen Geste einmal um sich herum und umfasste damit ebenso den hellen Boden, dessen Steine einen großen Stern bildeten, wie die in wuchtigen Kübeln stehenden Palmen, die mit Mosaiken umgebenen Eingänge und die geschwungenen Fenster. "Der erste Innenhof. Wir hätten noch weiter mit Vater fahren können, aber ich will einen Freund besuchen und ihn dir vorstellen. Sein Vater ist unser Stallmeister, doch er hat eine Anstellung in den Ställen des Darjahs gefunden. Mit ihm habe ich früher oft die Klinge gekreuzt."

Andraj nickte, dann studierte er die feinen Mosaike in Gold und Blau, die Sternenkonstellationen darstellten, während er hinter Yash her wanderte. Bald stieg ihm der Geruch von Heu und Pferden in die Nase, also riss er seinen gierigen Blick von der Schönheit um ihn herum, damit er bemerkte, wenn Yash ihm irgendwelche Freunde vorstellte. Er wollte nicht den Eindruck erwecken, dass er nur ein Tagträumer war, sondern ein ernstzunehmender Kämpfer. Ein Diener öffnete ihnen die Haupttür zu den Stallungen.

Aufmunternd legte Yash einen Arm um ihn, um ihn kurz zu drücken und mit sich zu ziehen. Es war einerseits seltsam, andererseits aber auch schön zu sehen, wie Andraj auf die Dinge reagierte, die ihm selbst so bekannt und vertraut waren. Die blauen Augen waren groß und voller Staunen und weckten liebevolle Wärme in Yash. In dem Moment wusste er wieder mit aller Deutlichkeit, dass er ihn nie freiwillig loslassen würde.

Er erkundigte sich bei einem Stallknecht nach seinem Freund Narindar und wurde in den hinteren Teil des großen, hellen Gebäudes gewiesen. Er hörte Narindars Stimme schon, bevor er ihn sehen konnte. Trotz ihrer Ruhe war sie unverkennbar. Sie bogen in einen der Seitengänge ein, wo der Zweite Stallmeister stand und zwei Dienern einige Befehle gab.

Ein Lächeln breitete sich auf Yashs Gesicht aus. Offensichtlich war sein Freund befördert worden, wie die dunkle Schärpe und die Weste mit den goldenen Ornamenten bezeugte. 'Zweiter Stallmeister des Äußeren Stalles. Es wurde aber auch Zeit, dass sein Fleiß belohnt wurde!'

"Narindar."

Der große, kräftige Mann wandte sich zu ihm um und erwiderte das Lächeln strahlend. "Yash!"

Dennoch beendete er erst die Anweisungen, ehe er auf Yash zueilte und sie sich herzlich umarmten. Yash gratulierte ihm, ehe er ihn und Andraj einander vorstellte. Unkompliziert reichte Narindar Andraj die Hand. "Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen."

"Ebenso." Andraj drückte die Hand Narindars, dann sah er sich kurz um. "Ich bin wirklich beeindruckt von den Ställen. Wie ist es so, im Palast zu arbeiten?"

Narindar lachte und erklärte kurz, wie sie die Pferde für die Kutschen und den Gebrauch des Darjahs züchteten und trainierten. Er zeigte ihnen seinen stolzesten Hengst, der sich vertrauensvoll an den jungen Mann schmiegte. Das Tier war schneeweiß und kraftvoll, dabei tänzelte es geschmeidig mit den Hinterläufen. Andraj studierte kurz das Muskelspiel unter dem wohlgepflegten Fell und dachte sich, dass er so ähnlich tanzen wollte, wie das Pferd sich bewegte.

"Der Darjah kann sich glücklich schätzen, dieses Pferd sein Eigen zu nennen", stellte er fest und spürte den Wunsch nach einem Tanz in sich wachsen.

Stolz nickte Narindar, um ihm jedoch gleich zu erklären, dass im vorderen Stall nicht die Lieblinge des Darjahs gehalten wurden, sondern dass die besten Pferde dem Inneren Stall angehörten. Er schloss eine Führung durch sein Revier an, erzählte Yash von den kleinen Veränderungen, die er eingeführt hatte und Andraj, welche Boxen des vorderen Bereichs welchem Minister gehörten.

Schließlich blieb er bei einem prächtigen Fuchswallach stehen. Er zögerte noch einen Moment, ehe er bat: "Nimm mir meine Neugierde nicht übel, Andraj. Ich hoffe, ich beleidige dich mit dieser Frage nicht. Kommst du von außerhalb Gwalimeas?"

Andraj seufzte. Diese Frage würde ihn sicher ein Leben lang verfolgen. Wenigstens wagte Narindar es, offen zu sein.

"Nein, nicht dass ich wüsste, zumindest wurde ich hier in Dvaraka geboren. Wieso? Spielt es eine Rolle für die Pferde?", fragte er im Scherz. Er hatte gelernt, die Situation immer schnell auf ein harmloses Thema zu lenken. Mit dem Aussehen eines Fremden lebte er gefährlich im fremdenfeindlichen Gwalimea, da halfen keine Ehre und kein Schwert.

Narindar lachte und schüttelte den Kopf. "Nein. Für die mit Sicherheit nicht, ebenso wenig wie für mich oder die meisten anderen hier in der Hauptstadt. Zudem ist mir der Schwertbruder von Yash immer willkommen, gleichgültig, von wo er stammen mag. Auf dem Land sieht es aber wohl anders aus."

Yashs Miene verdunkelte sich rapide, als ihm der Mann einfiel, der Andraj ehrlos mit einem Steinwurf angegriffen hatte. "Ja, das wissen wir. Und es gibt eine Menge Schwerttänzer, die verdienen diesen Titel nicht."

Andraj lächelte bitter, als er sich an seine Zeit in den Akademien erinnerte. "Solange sie den Tanz beherrschen und sich ihren Titel mitsamt dem Schwert nicht nur erkauft haben..." Sein Blick verdüsterte sich noch mehr. Einige, die von den Akademien geflogen waren, hatten sich später das Recht erkauft, den Titel Schwerttänzer zu tragen. Es kostete ein kleines Vermögen, doch vielen erschien die Summe gering verglichen mit ihrem fehlenden Talent und Willen zur Disziplin. "Die Vier mögen Gwalimea beistehen, sollte es je zu einem Krieg kommen." Mit alter Übung schob er den Ärger beiseite. In seinem Heimatland stimmte vieles nicht, aber dennoch liebte er es.

Narindar wiegte nachdenklich den Kopf. "Nenn mich einen Schwarzseher, aber ich glaube, er wird kommen. Es gibt zu viele Gerüchte, dass Batur die Grenztruppen aufgerüstet hat, und mögen sie stimmen oder nicht, es führt dazu, dass auch wir noch mehr Soldaten hinschicken. Spätestens das wird Batur als Drohung auffassen. Zudem", er senkte seine Stimme, "ich kann es nicht beschwören, aber ich denke, nicht alle Minister sind gegen einen Krieg."

Ein seltsames Gefühl beschlich Andraj, als ob sie beobachtet würden und er sah sich prüfend um. Entdecken konnte er allerdings nichts, außer dass alle Pferde einem Mann namens Rajavel zu gehören schienen. "Was ist denn nun das Besondere an diesem Pferd?"

Narindar grinste. "Es ist das Pferd eines Kriegstreibers", murmelte er, ehe er lauter die Vorzüge zu preisen begann.

Die Worte hallten Yash noch im Kopf nach, als sie den Stall wieder verlassen hatten. Während sie über den durch Pflanzen beschatteten Vorhof schlenderten, fragte er Andraj: "Hast du etwas bemerkt, das dich glauben lässt, jemand hätte uns belauscht? Oder war es nur Vorsicht?"

"Ich hatte das Gefühl, es wäre plötzlich sehr still geworden. Verdächtig still. Bestimmt gibt es Spitzel, wenn es schon", Andraj schluckte, weil ihm der Gedanke nicht gefiel, "Verräter gibt."

Sie hatten wieder den Platz erreicht, auf dem sie die Kutsche verlassen hatten, und inzwischen war auch mehr Betrieb. In kostbare Gewänder gekleidete Männer liefen herum, irgendwie ziellos, wie Andraj fand. Frauen waren keine zu sehen, noch nicht einmal Dienerinnen.

"Wohin gehen wir jetzt?", erkundigte er sich, einem Mann in schwarz-blau changierender Seide nachschauend. Etwas verstört schüttelte er den Anblick ab, weil er das erste Mal einen Mann gesehen hatte, der seine Augen mit schwarzem Kohl umrandete.

"Ich führe dich im Palast herum, einmal komplett durch. Als nächstes sind die einfachen Kreise im öffentlichen Bereich dran, dann werden wir weiter nach hinten gehen, so weit es uns gestattet ist." Yash erwiderte den Gruß eines Mannes am anderen Ende des Hofes flüchtig, bog dann aber direkt in den nächsten Eingang ab. "Der Kerl ist lästig wie eine Handvoll Zecken", murmelte er.

Dabei war zwischen ihnen nicht einmal etwas gewesen, keine Küsse, keine Umarmungen. Nur Blicke, die der andere wohl schon als Versprechen aufgefasst hatte. Rasch lenkte Yash seine Gedanken zu zwar nicht angenehmeren, aber wichtigeren Dingen zurück. "Kriegstreiber müssen noch keine Verräter sein", sagte er sehr leise. "Und du lebst hier sehr gefährlich, wenn du dich zu vorschnellen Äußerungen und Schuldzuweisungen hinreißen lässt."

Andraj kam das alles immer verwirrender vor, und er beschloss, einfach leise zu sein. Zu allem Überfluss hatte er auch noch das Gefühl, dass ihn die Leute, die wie Farbkleckse an ihnen vorbeieilten, anstarrten wie ein gefährliches Tier.

"Ich wünschte, ich hätte eine Sonnenrobe mitgenommen", raunte er, mehr zu sich selbst. Dann hätte er seine Haare unter der Kapuze verstecken können.

Yash schien genau zu wissen, wo sie hinmussten, auch wenn Andraj längst die Orientierung verloren hatte. Alles, was er sehen konnte, waren endlose Säulengänge, ausgelegt mit kostbarem Teppich und geschmückt mit herrlichen Statuen, die teilweise aus Marmor gemeißelt, manche aber auch aus Bronze gegossen waren. Neben seinem Verlangen nach einem tragbaren Versteck wünschte er sich ebenfalls die Zeit, diese Herrlichkeiten in Ruhe betrachten zu können. Er merkte gar nicht, wie Yash plötzlich von dem Hauptkorridor abbog, und erst als sein Freund zurückkam und ihn am Ärmel mit sich zog, wurde ihm bewusst, dass er tagträumte.

Rasch lenkte Yash ihn durch die kleineren, weniger glamourösen Flure, bis sie vor einem hohen Durchgang standen. "Dahinter liegen die einfachen Kreise." Er winkte seinem Bruder, ihm zu folgen. Vier breite Steinstufen, die durch Polster bequem gemacht worden waren, umgaben einen großen Raum, in dessen Mitte mehrere Kreise in den Boden eingelassen worden waren. In dem, der am entferntesten von ihnen lag, tanzten zwei Männer miteinander, die von anderen von den Stufen aus beobachtet wurden.

"Ah, sie halten Gericht", erklärte Yash leise. "Das heißt, wir werden hier nicht tanzen können, so lange wir nicht auch Unstimmigkeiten auszufechten haben." Er grinste. "Aber das, was uns hin und wieder aneinander geraten lässt, gehört nicht wirklich in einen öffentlichen Kreis, was meinst du?"

Während er sichtlich errötete, nickte Andraj schnell. "Wirklich nicht", murmelte er und wandte sich hastig dem Tanz zu.

Die beiden Kämpfer erschienen ungeschickt, geradezu langsam gegen das, was er gewohnt war. 'Aber ich sehe auch die besten Tänzer des Reiches. Yovan, Yash, Mayur... sie alle sind einfach so exzellent, dass 'nur gute' Schwertarbeit daneben wie ein Zirkus wirkt. Vielleicht liegt es auch an der luxuriösen Umgebung. Als ob der Tanz lediglich eine nette Art sich zu unterhalten wäre.'

"Wer sind die Richter?" Er fand die in schwarz-weiß gekleideten Männer auf den Stufen eher desinteressiert. Fast fühlte er sich ein wenig angegriffen durch die Art, wie der Schwerttanz hier zu etwas völlig Lapidarem wurde.

"Bedienstete des Darjahs. Sie werden vom obersten Gericht bestimmt, der Darjah erteilt dann seine Zustimmung oder Ablehnung. Ich kenne sie nicht." Yash musste grinsen. "Ich kann nicht jeden bei Hofe kennen. Hast du Lust, Anspruchsvolleres zu sehen? Vielleicht haben wir Glück und weiter hinten wird ein besserer Tanz ausgetragen."

Andraj wunderte sich, dann folgte er Yash, der ihn durch den großen Raum führte. Sie fanden tatsächlich noch ein zweites Tänzerpaar, das ein wenig akzeptabler kämpfte als das erste. Eine Weile sahen sie den Paraden und Attacken zu, bis einer der Männer sich geschlagen gab. Ein Schreiber notierte das Ergebnis, danach traten die Richter zusammen und beglaubigten das Urteil, das der Tanz nun ergeben hatte. Andraj sah Yash an, hoffte, sein Freund langweilte sich genauso sehr wie er.

"Wohin jetzt?", wisperte er.

Yash streckte sich. "Was hältst du von einem Mittagessen?", fragte er.

"Ich könnte dich dafür gleich hier vernaschen", brummte Andraj leise.

"Sofort? In der Öffentlichkeit?" Yash grinste und verzog gleich darauf übertrieben schmerzverzerrt das Gesicht, als Andraj ihn dafür in die Seite knuffte, und hielt sich die getroffene Stelle. "Ich sterbe..." Als er den missmutigen Blick eines Richters auffing, packte er Andraj am Ärmel, um ihn mit sich nach draußen zu ziehen.

"Heute war es wirklich nicht sehr interessant", gab er zu, während sie den hohen Säulengang entlang liefen. "Aber manchmal sind diese Tänze überraschend gut, so gut, dass schon mancher Bauer für wert befunden wurde, gefördert zu werden."

Er stockte, als er inmitten der Menschen, die geschäftig an ihnen vorbeiströmten, eine hochgewachsene, in das Weiß der neutralen Beisitzer gekleidete Gestalt erblickte, die mit energischen Schritten in ihre Richtung kam. Einen Moment lang verzog sich Yashs Mund missmutig, als er Gandaki erkannte. Die kantigen, gut aussehenden Züge des Ministers wurden in ihrer Strenge noch dadurch betont, dass er das schwarze Haar fest im Nacken zusammengebunden hatte.

Yash stieß Andraj leicht an und wies mit einer kleinen Kopfbewegung in die Richtung des Ministers. "Da ist Gandaki. Ich habe dir von ihm erzählt. Furchtbare politische Ansichten, aber ein exzellenter Schwerttänzer. Offensichtlich machen sie gerade Pause."

Andraj erinnerte sich daran, wie Yashs Gesicht sich bei der Erwähnung des Namens verzogen hatte. "Der Kerl, den auch Yovan nicht leiden kann, nicht wahr? Was ist an seinen Ansichten so schlimm?"

"Keine Rechte für Frauen, keine Liebe zwischen Männern. Sehr schnell zur Hand mit hohen Strafen für kleine Vergehen. Extrem strenge Auslegungen der Lehren Der Vier, ohne andere Meinungen gelten zu lassen. Noch mehr Vorrechte für die Tempel und die Alten Familien", fasste Yash schnell nur einige der vielen Punkte zusammen, in denen sie nicht übereinstimmten.

Gandakis gerade Brauen zogen sich ein wenig zusammen, als er Yash erblickte, was diesen mit einer gewissen Genugtuung erfüllte. Die Abneigung beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit. Sie blieben voreinander stehen und neigten grüßend die Köpfe, beide nur soweit, wie es die minimale Höflichkeit forderte.

"Mögen Die Vier mit Euch sein", grüßte Yash als der jüngere, da er es sich leider nicht erlauben konnte, den Minister zu ignorieren.

"Und mit Euch, Yash." Ein schmales Lächeln verzog den scharf geschnittenen Mund, während der Blick der hellbraunen Augen nur flüchtig über den jungen Schwerttänzer wanderte und dann Andraj streifte.

"Minister Gandaki, Sohn des Narhari. Mein Schwertbruder Andraj, Sohn des Yovan", stellte Yash vor und war sehr froh, gerade gegenüber Gandaki einen Vater nennen zu können.

Mit einer Verbeugung sagte Andraj, der über die Anfügung von Yovans Namen an seinen überrascht war: "Mögen Die Vier über Euch wachen."

Der Minister hob ein wenig die Brauen, als sei er überrascht, dann glitt sein Blick zu Andrajs Schwertgriff. "Andraj, Sohn des Yovan... so. Die Wahl deiner Freunde ist eigen für einen Tänzer des Ramesh. Freunde, welche die Worte der Vier Brüder sehr gering achten." Er schnaubte leise und wandte sich ab. "Euer Vater stellt sich wieder einmal gegen jede Vernunft. Ich hoffe, aber bezweifle, dass Ihr einen besseren Pfad einschlagen werdet."

"Welcher der bessere Pfad ist, liegt nicht in Eurer Macht zu entscheiden, Minister." Yash presste kurz die Lippen zusammen, als Gandaki mit gewohnt energischen Schritten davonging, ohne auch nur zu reagieren. Dann wandte er sich mit einem Schulterzucken und einer Grimasse zu Andraj. "Jetzt hast du ihn also kennengelernt."

"Und ich verstehe, warum ihr ihn nicht mögt", gab Andraj zu. "Was war nun mit dem Essen?"

Yash lachte und führte seinen Freund auf dem schnellsten Weg aus dem Palast heraus. Zwar gab es genügend Möglichkeiten, auch hier etwas zu essen zu bekommen, aber er war sich sicher, dass es Andraj in schlichterer Umgebung besser schmecken würde. Und nicht nur der Palast hatte seine Reize, die Hauptstadt war insgesamt beeindruckend.


© by Nika & Pandorah