Buch I: Der Weg des Tanzes

19. Die Unvereinbaren

Im Gleichgewicht so wie die Zwei-Die-Eins-Sind und ohne Übereifer sollst du den Kreis betreten.

Aus: "Die Weisungen des Tanzes" von Vidyaranya,
Sohn des Ved


Die Taverne, die Yash anstrebte, befand sich nicht weit entfernt in einer Seitenstraße. Deswegen verzichtete er darauf, einen der diensteifrigen Kutscher zu bemühen, die auf dem Vorplatz des Palastes warteten. Es freute ihn zu sehen, wie Andraj sich entspannte, als sie die kleine Gaststube betraten, in der es nach Rauch und Bier roch und die dennoch sauber und sehr gepflegt war.

Als nur wenig später große Portionen deftigen Essens vor ihnen standen, war Andraj mit Dankbarkeit erfüllt. "Kam es mir nur so vor, oder fehlte den Tänzern die nötige Ernsthaftigkeit? Mir juckt es geradezu in den Fingern, selbst zu tanzen, nur um zu sehen, dass es auch anders geht. Tanzen im Palast auch Stellvertreter?" Genüsslich kaute er den Fladen, dessen Füllung ziemlich scharf war.

"Sicher." Yash lachte. "Wenn man genügend Geld dafür hat. Du darfst aber nicht vergessen, dass die Tänze, die wir heute gesehen haben, von ärmeren Leuten bestritten wurden. Wahrscheinlich hat ohnehin schon das beste Mitglied der Familie gekämpft. Nachher gehen wir zu den Kreisen, die nicht für Rechtsprechung genutzt werden, da können wir dann zusammen tanzen."

Plötzlich bereute Andraj seine Worte. Ärmere Leute, die kein Geld für einen guten Schwertmeister hatten. Ihm hätte es ähnlich ergehen können, da das Vermögen seines Vaters von dem neuen Mann seiner Mutter verwaltet wurde. Hätten sich nicht großzügige Mäzene um seine Ausbildung gekümmert, wäre er nun keinen Deut besser als die Tänzer, die er gesehen hatte.

"Vier und Eins", murmelte er leise und biss ohne rechten Appetit noch einmal vom Fladen ab. "Meinst du, wir finden dort einen freien Kreis?"

"Das kann ich dir nicht versprechen. Aber wir können es versuchen. Wenn wir Glück haben, tanzt Gandaki dort. Ich kann ihn zwar nicht ausstehen, aber er ist verdammt gut. Wobei... tanzen wird er nicht. Er dürfte mit dem Beisitz zu beschäftigt sein." Mit einem Mal verstummte Yash, als ihm ein Gedanke kam, der wenig mit Gandaki, dafür viel mit Stellvertretern zu tun hatte. "Andraj, wenn wir den Mörder deines Vaters finden und es sich herausstellen sollte, dass er zu gut ist... Hast du schon einmal daran gedacht, einen Stellvertreter für dich tanzen zu lassen? Ich bin dein Bruder, das würde Vater alles Recht der Welt geben, für dich einzutreten."

"Was...?", begann Andraj heiser. Er spürte, wie Wut ihn entflammte und holte tief Luft. Yash meinte es gut, Yovan war ein Meister mit dem Schwert, der beste, den er je gesehen hatte. "Nein, ich habe noch nie daran gedacht. Ich könnte es nicht, auch wenn es mein Tod ist. Ich will in seine Augen sehen, und ich will sein Schwert kennenlernen. Vielleicht sterbe ich durch die Klinge, die auch meinen Vater tötete, doch ich will es selbst sein, der antritt. Das bin ich Vater schuldig." Das Essen hatte jeden Geschmack verloren, er schob es von sich. "Ich gebe nicht sehr viel auf mein Leben."

Yash hatte ihn verstanden, bis zu diesem letzten Satz. Seine Miene wurde steinern. "Aber ich tue es. Als dein Freund, als dein Schwertbruder und als dein Geliebter", sagte er leise genug, dass niemand außer Andraj es hören konnte. "Und wenn du mir damit das Herz brichst, indem du dein Leben leichtfertig wegwirfst, ist dir das gleichgültig?"

"Nein, das ist es mir nicht." Andraj senkte den Kopf langsam. Das war eine der großen Miseren in seinem Leben, dass er Yash bei sich hatte und sein Freund zu einem wichtigen Menschen für ihn geworden war. So war er nicht mehr frei, mit seinem Leben zu tun, was ihm beliebte und was seine Ehre gebot. "Auch wenn es das sein sollte." Er holte tief Luft und versuchte, Yash seine Gefühle verständlich zu machen. "Wenn ich im Kreis sterbe, Yash... Es würde mir leichter fallen, wenn du von einer Ehrenschuld Abstand nimmst, wenn du einfach gehst und mich vergisst. Ich könnte dich frei sprechen."

Die Kälte in Yashs Bauch wuchs an und mit ihr ein enges Gefühl in der Kehle, das ihm das Atmen erschwerte. 'Vierverdammt, warum besteht er so darauf, sein Leben wegzuwerfen, wenn es genügend ehrenhafte Möglichkeiten gibt, den Tod seines Vaters zu rächen?'

"Wie kannst du von mir verlangen, meinen Schwertbruder, meinen Liebsten zu vergessen? Du bist besessen vom Tod, Andraj. Dein Streben richtet sich so auf diesen einen Augenblick, dass du Angst davor hast, dem Leben danach in die Augen zu sehen", brachte er hervor, während er schon in seinem Beutel nach dem Geld suchte. Er fand einige Münzen und legte sie im Aufstehen auf den Tisch. "Ich liebe dich, wie ich niemals zuvor geliebt habe. Ich werde alles tun, was ich kann, um deinen Tod zu verhindern. Aber sollte mir das nicht gelingen, wird es nichts geben, was mich dazu bringen kann, dich zu vergessen."

Er stieß den Stuhl zurück und verließ mit großen Schritten die Schankstube. Er brauchte Luft. Draußen blieb er stehen und lehnte sich im Schatten der Häuser an die Wand, noch immer gegen die Enge in seiner Kehle kämpfend. 'Feiglinge, wir alle beide... Ich laufe genauso davon wie er.'

Andraj merkte, dass er nicht aufstehen konnte, um Yash zu folgen. Er fühlte sich leer, gleichzeitig kämpfte er mit Tränen und Wut. Wie konnte ihm Yash so etwas vorwerfen? Er hatte ihn niemals provoziert, hatte niemals beabsichtigt, dass sein Freund sich in ihn verliebte. Schon als Yash ihn das erste Mal angesprochen hatte, hatte eine kleine Stimme in seinem Inneren begonnen, ihn zu warnen. Vor Vertrautheit, Hoffnung und Liebe. Sie erklärte, wie eine Beziehung zu einem anderen Menschen sein Ziel erschwerte und ihn in einer Weise binden würde, die er nicht kontrollieren konnte.

Mit einer sehr schnellen Bewegung sprang er auf und verließ die Gaststätte. Draußen suchte er nach Yash, den er mit vor der Brust verschränkten Armen im Schatten an ein Haus gelehnt fand. Mit ein paar Schritten war er bei ihm und lehnte sich neben ihn.

"Vor dir war mein Leben leicht", murmelte er. "Manchmal hasse ich dich, weil du in mir all diese Gefühle auslöst." Er schluckte. "Vielleicht denke ich nur an den Tod, vielleicht bin ich sehr stur und uneinsichtig, aber... Warum, bei Den Vieren, liebst du mich bloß?"

Yash grinste ein wenig verloren. Seine Wut und Verzweiflung waren schon wieder abgeflaut, wie eine Welle, die nach dem Branden zurück ins Meer floss. "Wenn sich deine Sturheit nicht gerade darauf bezieht, mir nicht zu glauben, dass ich dich liebe und nicht darauf, dass du dem Tod im Kreis förmlich entgegen fieberst, liebe ich sie. Aber warum? Ich könnte dir unzählige Dinge nennen, doch würdest du mir glauben?"

"Der Gedanke, vielleicht den Weg zu gehen, den mein Vater nahm, hat etwas Tröstliches für mich. Zudem, es ist einfacher, sich dem Tanz hinzugeben, wenn man nichts mehr zu verlieren hat." Andraj fühlte Tränen hinter seinen Lidern brennen, erlaubte ihnen aber nicht, zu fallen. Mit Verzweiflung in der Stimme formulierte er die Fragen, die er eigentlich lieber nicht stellen wollte. "Habe ich irgendetwas getan? Warum musste ich es sein? Ich begreife das nicht, weißt du. Ich habe dich nie ermutigt oder dir irgendetwas versprochen, oder?"

"Nein." Langsam schüttelte Yash den Kopf. "Aber danach fragt Liebe nicht. Ich spüre sie, wann immer ich an dich denke, wenn ich dich ansehe, wenn ich dich höre, wenn wir zusammen und wenn wir getrennt sind."

Andraj atmete die warme Luft um ihn herum, gefüllt mit den Düften von Essen und dem Staub der trockenen Straßen, und lauschte den Geräuschen der geschäftigen Stadt. Er sah Yash an, dann wieder die Leute und ließ die Worte wirken.

Liebe. Er hatte so etwas nicht für sein Leben mit eingeplant. Nachdenklich legte er seinen Kopf schief, und seine Finger glitten über die Muster und Verzierungen an seinem Schwertheft und der Kreuzstange. Mit einem kleinen Seufzer löste er sich von der Mauer und stellte sich Yash gegenüber, der seinen Kopf gesenkt hielt.

"Bitte, sieh mich an", murmelte Andraj.

Yash umfing die vertraute Gestalt mit einem Blick, ehe er zu dem ernsten Gesicht aufsah. Andrajs blaue Augen sahen in seine und ließen wie immer keinen Zweifel an den Gefühlen für seinen Freund. Aber wenn Andraj in den letzten Tagen und Wochen nicht begriffen hatte, was er ihm bedeutete, würde er es nun in diesem Augenblick mit Sicherheit auch nicht tun.

Andraj hielt dem Blick stand, auch wenn es nicht einfach war, denn er schien fast anklagend. Er wollte aber keinen Schritt auf Yash zu machen, weil er befürchtete, danach nicht mehr anhalten zu können, bis nicht einmal ein Atemhauch zwischen ihnen noch Platz finden konnte.

"Ich glaube dir." Das war alles, was er sagen konnte, mit einer schweren, rauen Stimme, die er gar nicht von sich kannte.

Yashs Kehle wurde trocken bei dem Klang, der tiefe, prüfende Blick hatte sein Herz ohnehin schon wieder zum viel zu raschen Schlagen gebracht. Atemlos stieß er sich von der Wand ab, wollte Andraj in den Arm ziehen und küssen. Er hielt im letzten Augenblick inne, auch wenn sein Freund aussah, als war es das, was er jetzt erwartete und wollte. Yash wusste, es wäre nur für einen Atemzug. Er legte ihm eine Hand auf den Arm und drückte ihn kurz. "Ich danke dir."

Andraj hob die Schultern. "Hauptsache, es macht dich glücklich, das ist mir wichtig. So, und was machen wir nun? Ich habe keinen Appetit mehr. Und ich habe das Gefühl, dass uns eh die Leute amüsierte Blicke zuwerfen, also könnten wir vielleicht irgendwohin verschwinden?"

Unwillkürlich musste Yash grinsen, als Andrajs trockene Worte den Bann brachen – auf eine für ihn so typische Weise. "Die Leute gucken nicht anders als sonst. Glaub mir. Du bist in Dvaraka. Vielleicht würden sie schauen, wenn wir uns jetzt ungestüm der Lust hingäben, aber selbst das bezweifle ich manchmal." Er zwinkerte ihm zu und wies mit dem Kopf die Straße hinab, fühlte sich wesentlich besser als vor wenigen Augenblicken. "Lass uns zurückgehen. Du hast nur den kleinsten Teil des Palastes gesehen. Ich will dir noch die Wintergärten zeigen und die Parks. Und die Kreise im hinteren Teil des Palastes, wo wir vielleicht selbst tanzen können."

"Um ehrlich zu sein, bin ich nicht wirklich begierig darauf, andere Leute beim Lusttanz zu beobachten. Oder beobachtet zu werden." Andraj runzelte die Stirn, während er Yash zurück in den Palast folgte. "Aber wenn ich bedenke, dass Mayur meint, unser Tanz sähe aus wie ein Liebesspiel, dann wäre es eigentlich nicht das erste Mal."

Yash lachte leise. "Ich sehe immer noch einen kleinen Unterschied zwischen diesen beiden Tänzen. Und den der Lust habe ich lieber ohne Zuschauer."

"Hmmm... schon probiert?", neckte Andraj in einer sehr sinnlichen Stimme.

"Nein, aber wenn du mich weiter so reizt, werde ich der Versuchung gleich hier und jetzt erliegen", gab Yash gut gelaunt zurück. Der Ton rief auf jeden Fall heißes Prickeln in ihm hervor und ließ ihn grinsend überlegen, ob er Andraj statt den Parkanlagen nicht vielleicht ein einsames Zimmer zeigen sollte. Leider beendete Andraj dieses Spiel mit einer wenig erotischen Frage nach der Waffenkammer, so dass Yash ihn doch zum Wintergarten führte.

Andraj dachte erst, sie hätten den Palast nach einigen Gängen gleich wieder verlassen und wären in einen Wald gekommen. Doch dann erkannte er, dass überall Glaswände und Dächer dieses Gebiet von der Willkür des Wetters abschnitten. Bunte Schmetterlinge mit glitzernden Flügeln, farbenfrohe kleine Vögel und puschelige Äffchen lebten in und zwischen den gepflegten Bäumen und duftenden Blumen.

"Der Wintergarten?", riet er wild.

"Genau." Yash nickte vergnügt. "Richtig schön ist es natürlich, wenn es kalt wird und du hier drinnen trotzdem den Sommer spüren kannst. Oder wenn im Herbst die Regenstürme kommen. Dann wird er erleuchtet, so dass man glaubt, die Sonne schiene noch immer."

"Vier und Eins", staunte Andraj laut und folgte einem blauen Schmetterling mit den Augen, bis er eine Gruppe Frauen bemerkte. Sie alle waren sehr schön, gekleidet in Saris aus feinsten Stoffen, und in ihren Haaren funkelten Edelsteine. Sie sahen zu Yash und Andraj hinüber, dann kicherten sie und tuschelten.

Nur einen Moment später trat hinter ihnen eine junge Frau in einem üppig bestickten, goldgelben Gewand hervor. Die kostbaren Stirnketten, zahlreichen Armreife und Ringe wiesen sie ebenso als hochgestellte Dame aus wie ihre zwar schlichter, aber dennoch reich gekleidete Dienerin. Ein wenig ärgerlich musterte die junge Frau die kichernden Mädchen, die augenblicklich mit großen Augen verstummten, dann kam sie von ihrer Dienerin gefolgt auf Yash und Andraj zu.

"Wer ist das?", wisperte Andraj etwas panisch, weil er keine Ahnung hatte, wie er sich verhalten musste. Musste er sich verbeugen? Irgendwelche traditionellen Dinge sagen? Über langweilige Witze lachen? Er sah, dass die Dienerin ihrer Herrin etwas zuwisperte und noch bevor Yash antworten konnte, waren die beiden Frauen schon bei ihnen angekommen.

Die Dienerin verneigte sich tief, während die junge Frau die beiden Tänzer mit einem angedeuteten Senken des Kopfes grüßte, ehe sie das Wort ergriff: "Den Vier sei Dank, dass ich die Gelegenheit habe, den Sohn von Yovan kennenzulernen."

Yash verneigte sich tief und hoffte, dass Andraj es ihm gleichtat, während Stolz und Freude ihn erfüllten. Er hätte nie damit gerechnet, dass die Prinzessin ihn erkennen würde. Noch nie hatte er das Vergnügen gehabt, mit ihr zu sprechen. "Prinzessin Dharabai, es ist mir eine Ehre."

Schnell beugte auch Andraj sein Haupt. Aus den Augenwinkeln sah er zu seinem Freund hin. 'Eine Prinzessin! Warum bei Den Vieren müssen wir ausgerechnet einer Prinzessin über den Weg laufen?', überlegte er hastig.

"Kein Grund für solche Förmlichkeiten, Tänzer", hörte Andraj die sanfte Stimme Dharabais, und als er bemerkte, dass Yash sich wieder aufrichtete, tat er es ihm gleich. Ihr Duft stahl sich in seine Nase, süß, betörend und voller Anmut. Er wagte es, in ihr Gesicht zu schauen und erkannte, dass sie ihn musterte, mit einem feinen, grazilen Lächeln. Ihre braunen Augen waren sicher die schönsten, die er je erblickt hatte, tief und klar, voller Wissensdurst. Gefangen in ihrem Parfüm und dem Schatten ihres Blickes, fühlte er sich wie gelähmt, vor allem, als sie ihre Hand ausstreckte.

"Darf ich?", fragte sie.

"Was?", stammelte Andraj verwirrt.

"Euer Haar berühren, Tänzer." Sie wartete auf seine Antwort und er nickte, weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte. Ihre Finger fuhren sanft, mit äußerster Vorsicht über sein Haar, wobei sie erstaunt auflachte. "Es ist ein wenig störrischer als meines." Dharabai zog ihre Finger zurück, ließ sie dabei aber über Andrajs Wange bis zu seinem Mundwinkel wandern. "Eure Haut ist dafür wunderbar weich."

Andraj fühlte sich wie in einem Traum, aber er spürte, dass er errötete, als sie ihn völlig ruhig anlächelte.

"Ich bin froh, dass Tänzer vom alten Blut an unserer Seite kämpfen. Wie ist Euer Name?", erkundigte Dharabai sich zart.

"Andraj", hauchte er und sie nickte.

"Ein guter Name für einen Tänzer. Ich würde Euch gerne wiedersehen, Andraj."

Mit jedem Wort, das die beiden wechselten, wurde Yashs Miene starrer; es wurde mühsam, das Lächeln beizubehalten. Dass die Prinzessin sich derart für seinen Schwertbruder interessierte, war vorteilhaft und würde ihm später helfen können, einen hervorragenden Posten zu bekommen. Aber Andrajs Reaktion darauf ließ seinen Magen zu Eis werden und sandte schmerzhafte Stiche durch seine Brust.

Mit einem Mal merkte er, wie zerbrechlich sein Traum war. Andraj mochte ihn lieben – es musste jedoch nur eine Frau kommen, die in ihm etwas Ähnliches weckte. Er würde ihr nachgeben, selbst wenn das Gefühl schwächer war, dessen war Yash sich sehr sicher. Denn in Andrajs Augen wäre diese Wahl richtig, nicht gegen die Götter, nicht gegen seinen Glauben. Es schnürte ihm beinahe die Luft ab.

"Ihr möchtet mich wiedersehen?", fragte Andraj ungläubig.

"Ja. Vielleicht zusammen mit Eurem Schwertbruder?" Sie trat noch näher an Andraj heran, der verdattert einen Schritt zurück tat und fast in einem der wohlbehüteten Sträucher gelandet wäre.

"Es ist mir eine Ehre, Euer Hoheit, aber...", begann er und blickte Yash hilfesuchend an. Dessen Lächeln wirkte wie gefroren, also war wahrscheinlich keine Unterstützung von der Seite seines Freundes zu erwarten. "Wir bleiben eigentlich nicht lange in Dvaraka, da wir noch eine Ehrenschuld tilgen wollen."

In Yash tobten Eifersucht und das Verlangen, Andraj so fern der Prinzessin wie möglich zu halten. Dabei wusste er, dass es nicht nur unhöflich war, die Einladung rundweg abzulehnen, sondern auch, dass dies die Chancen seines Bruders bei Hofe drastisch verschlechtern konnte. Aber er konnte Andraj nicht über die Fallstricke der Etikette stolpern lassen, konnte nicht zulassen, dass er sich lächerlich machte. Stumm verfluchte Yash die Ehre, verfluchte die Liebe und das Brennen in seinem Inneren.

"Wir könnten dafür eine andere Verpflichtung absagen, Andraj, was meinst du? Vater kann, sobald er nicht mehr Beisitzer ist, deinen Unterricht für einen Tag auch einmal auf den Vormittag verlegen." Seine Stimme klang längst nicht so spröde, wie sich sein Hals und seine Lippen anfühlten.

"Dann wird es uns eine Ehre sein, Prinzessin Dharabai." Andraj verbeugte sich schnell noch einmal vor der wunderschönen Frau und fragte sich, warum ihn Yash in diese Klemme manövriert hatte.

"Die Ehre liegt bei mir, Sohn von Yovan und Andraj, Tänzer vom alten Blut. Ich werde Euch eine Einladung zukommen lassen. Die Vier mögen bis dahin über euch wachen."

Andraj und Yash verbeugten sich und Dharabai entschwand; eine Weile hörten sie noch das zarte Klirren ihres Schmucks, dann war sie fort.

Andraj richtete sich auf und schüttelte den Kopf. "Warum hast du das gewollt?"

Yashs Lächeln war endgültig erloschen, als die Prinzessin sich abgewandt hatte. "Du magst nicht weiter als bis zu dem Duell denken, aber so lange ich die Hoffnung auf ein Danach habe, werde ich zusehen, dass du dir nicht alle Wege verbaust", erklärte er rau und wandte sich ab. Mit dem Kopf machte er eine auffordernde Geste einen der Wege hinab. "Zudem lehnt man die Einladung von jemandem aus der Familie des Darjahs nicht rundweg ab."

Andraj folgte der Geste, während er sich fragte, was all das sollte. Er würde sicher kein Amt am Hofe erhalten, wenn es nach ihm ging, denn der gesamte Palast war trotz seiner Schönheit eher abschreckend. Als Krönung war Yash jetzt angespannt und bewegte sich völlig ungeschmeidig, das konnte jeder sehen, der ihn nur ein wenig besser kannte.

"Danke, dass du dich bemühst, Yash, aber ich möchte sicher nicht hier leben und ... arbeiten." Andraj fragte sich, ob Arbeit das richtige Wort war.

"Der Einfluss des Darjahs beschränkt sich nicht nur auf diesen Palast, Andraj." Yash hob kurz die Schultern, wandte sich aber nicht zu ihm um, während sie unter Palmen und leuchtend blühenden Bäumen hindurchliefen. Er widmete ihnen nicht einmal einen Blick. "Wenn du sein Wohlwollen hast, kannst du auch weit draußen auf dem Land ein Gut bekommen und dort Leiter einer Garnison werden."

'Zusammen mit der Frau deines Herzens.'

"Leiter einer Garnison? Landgut? Bei Den Vier'n, das klingt wie eine Drohung!", beschwerte sich Andraj, als er hinter seinem Freund hereilte. Nun, dank des Eingreifens von Yash war er verpflichtet, an einem sehr wichtigen höfischen Treffen teilzunehmen, und er hatte nicht die geringste Ahnung, wie er sich verhalten oder worüber er reden sollte. Er musste Yash noch mal nach den Regeln dieses Zeremonientanzes fragen. Aber nach einem prüfenden Blick auf die verspannten Schultern beschloss er, sich lieber an Hina oder Yovan zu wenden. Er sah sich desorientiert um. "Wohin gehen wir eigentlich?"

"Es war ein Beispiel. Es zwingt dich niemand in eine Garnison", gab Yash gereizt von sich und ärgerte sich gleich darüber. Am liebsten hätte er direkt den Trubel des Palastes verlassen, um sich allein an seinen See zurückzuziehen, auch ohne seinen Bruder. Aber weder das eine, noch das andere war in diesem Moment möglich. "Zu den hinteren Kreisen, die ich dir vorhin versprochen habe", fügte er bewusst ruhiger hinzu. "Du wolltest tanzen."

Tanzen mit Yash. Etwas, das er schon lange nicht mehr gemacht hatte, fiel Andraj ein. Vielleicht konnte das ein wenig die Stimmung zwischen ihnen lockern?

"Wir müssen nicht – wir können auch einfach gehen", schlug Andraj leise vor, der Yash überhaupt nicht so kannte. Es war beinahe unheimlich, wie zurückgezogen und verstimmt sein Freund wirkte. Es lag an diesem Palast.

'Wäre ich bloß nicht so begierig darauf gewesen, hierher zu kommen', warf Andraj sich still vor und wünschte sich, er könnte mit seinen Händen etwas Anspannung aus Yashs Nacken massieren, in aller Ruhe. Doch Yash sah ihn nicht einmal an.


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Sie kamen in den Bereich, in dem die Kreise für die Wohlhabenden in den Boden eingelassen waren. Brüsk bahnte sich Yash einen Weg durch die Menschen und hielt vor einem leeren Kreis.

Förmlich verneigte er sich vor seinem Bruder und zog sein Schwert, ehe er das Rund betrat. Sein Blick streifte das südliche Mosaik, das in Rot und Gold das Feuer darstellte, dann auf der gegenüber liegenden Seite das Symbol des Wassers. 'In einem Kreis und doch so weit voneinander entfernt. Vielleicht hat er recht. Vielleicht kann es nicht gut gehen mit uns.' Abrupt wandte Yash sich ab und ging in Position.

Andraj zog sein Schwert, erwiderte die Begrüßung und nahm auch die Grundstellung ein. Yash sah ihm nicht in die Augen, das war der seltsamste Tanz, den er je mit seinem Schwertbruder begonnen hatte. Er hingegen studierte ihn genau, der erste Tanz seit der Katastrophe mit Yovan und der erste ohne sein Feuer. Ruhig konzentrierte er sich nur auf den ersten Schritt und brauchte nicht lange zu warten, bis Yash angriff, viel aggressiver, als Andraj es erwartet hatte.

Er sprang einfach zur Seite und ließ den Angriff ins Leere gehen, was Yash erst einmal die Kraft raubte. Die Klingen prallten mit einem scharfen Geräusch aufeinander, als Andraj seinerseits attackierte und Yash ihn gerade noch abwehrte. Als ob jemand seinem Schwertbruder schwere Gewichte an die Arme und Beine gebunden hätte, so wirkte alles, jede Bewegung Yashs. Andraj wich etwas zurück, verwirrt und geschockt.

Er wehrte zwei Angriffe von Yash mit Leichtigkeit ab, die weniger präzise waren als sonst und mit zu viel Kraft ausgeführt. Körperliche Stärke war normalerweise Andrajs Trumpf, aber Yash versuchte, diesen nun gegen ihn auszuspielen. Um Yash ein wenig in seine Grenzen zu verweisen, hob Andraj seine Klinge und begann eine Serie von Angriffen, wechselnd zwischen rechts und links, mal auf den Oberkörper, dann wieder auf die Beine gerichtet.

Auch wenn Yash alle Attacken parierte, so wurde er doch langsam zum Rand des Kreises getrieben, durch den Druck, den sein Schwertbruder auf ihn ausübte. Wütend schlug Yash sich frei und versuche, den Spieß umzudrehen. Es misslang.

Andraj führte einen Schlag auf Yashs Oberkörper aus und erkannte mit Entsetzen und ohne den eigenen Schwung abfangen zu können, dass Yash zu spät parieren würde. Es schien, als streckte sich die Zeit ewig, bis seine Klinge sich in den Oberarm seines Freundes bohrte, so sehr Andraj auch versuchte, sie noch zu verlangsamen.

Einen Augenblick lang trafen sich ihre Augen, weit vor Schreck und Erkenntnis. Dann sackte Yash zusammen und hielt seinen blutenden Arm. Andrajs Klinge schepperte, als er sie fallen ließ und neben seinem Freund auf die Knie sank.

"Yash!", rief er schockiert und sah sich um. Schaulustige hatten sich versammelt, und ein Raunen ging durch die Menge. "Ihr Vier! Bitte, wir brauchen einen Heiler!" Sein Herz raste ängstlich, und sein Atem ging schnell. Erst nach einer Weile antwortete jemand: "Ich hole einen!"

Andraj hörte es kaum, als er aus seiner Weste und dem Hemd schlüpfte, dann die Seide mit Druck um den klaffenden Schnitt wickelte. Die ganze Zeit murmelte er: "Es tut mir leid, Yash. Es tut mir leid..."

Als er sich sicher war, dass die Blutung geringer wurde, blickte er in Yashs Augen; seine Hand hob sich und legte sich behutsam an die Wange seines Freundes.

Es war der Schreck, der Yash hatte zusammensinken lassen, nicht der Schmerz. Der würde erst nachher, nach dem Schock kommen. Das hätte nicht geschehen dürfen! Andrajs Angriff war weder unvorhersehbar gekommen, noch zu schnell. Nur er selbst war gefangen in Befürchtungen und Ängsten gewesen, die er außerhalb des Kreises hätte lassen müssen. Er wollte Andraj antworten, aber es verließ kein Wort seine Lippen.

Erst als dieser ihn berührte und ihn so schuldbewusst ansah, gelang es Yash, sich aus der Starre zu lösen. Ihm war bewusst, dass nach dieser zärtlichen Geste sie niemand mehr in diesem Raum nur für Schwertbrüder halten würde, doch das Wissen rückte vor der Sorge in den blauen Augen in den Hintergrund. Schwer atmete er ein und wieder aus.

"Es war nicht deine Schuld", sagte er heiser. "Es war mein Fehler. Sorge dich nicht, es ist nicht so schlimm, wie es aussieht."

"Was war denn mit dir los?", raunte Andraj und fühlte, wie Wut, die aus Angst entstanden war, in ihm aufflammte. Er zog seine Hand zurück und grollte. "Das war knapp, Vier und Eins!" Im Aufstehen schenkte er allen Schaulustigen rundherum einen kampfbereiten Blick. "Wo bleibt der Heiler?"

Endlich machten die Leute Platz, und ein Mann in der typischen vielfarbigen Robe der Heiler trat zu Yash. Andraj wich zurück in die Menge, zurück von dem Kreis, ohne wirklich zu bemerken, dass sein Oberkörper nackt war. Er war kurz davor, laut zu schreien. Wie schrecklich konnte ein einziger Tag sein?

Yash presste die Lippen zusammen und konnte sich nicht einmal zu einen Lächeln für den Mann überwinden, der neben ihm niederkniete. Er nahm ihn kaum wahr, bis er die warme, auf nette Art amüsierte Stimme sehr leise sagen hörte: "Bist du über das Ziel hinausgeschossen, Wildwasser?"

Erst da sah Yash auf und blickte in ein bekanntes Gesicht, während kundige Hände das blutgetränkte Seidenhemd lösten und sich über die Wunde legten. Sahyadri war ein Freund seines Vaters, der zwar nicht oft zu Besuch kam, den Yash aber bei den wenigen Gelegenheiten lieb gewonnen hatte. Die freundlichen, braunen Augen brachten Ruhe in seine aufgewühlten Gedanken und ließen ihn seufzen. "Nein. Und ja. Es ist... schwieriger."

Sahyadri lächelte und schüttelte leicht den Kopf. "Die meisten Dinge sind einfacher."

Ohne auf Antwort zu warten, schloss er die Augen, und nur wenige Momente später durchfuhr Yash das leichte Prickeln, während Muskeln sich neu verbanden und Haut heilte. Als der Heiler fertig war, fühlte sich Yash, als hätte der ältere Mann nicht nur seinen Oberarm geheilt.

Sie erhoben sich. Mit einem strengen Blick verscheuchte der Heiler die wenigen zurückgebliebenen Schaulustigen. Dann wandte er sich an Yash. "Ich bin mitten aus dem Unterricht geholt worden und habe deswegen kaum Muße. Und ich denke, dass du wenig Lust hast, jetzt lange mit einem alten Mann zu sprechen, wenn du Wichtiges mit deinem Freund klären musst. Aber wenn ihr noch einmal hier seid, musst du ihn mir ordentlich vorstellen."

Er lächelte, neigte grüßend den Kopf und wandte sich ab, nachdem er Andraj, der noch immer nicht wieder zu ihnen gekommen war, freundlich zugenickt hatte. Yash sah ihm nach, bis er den Raum zur Hälfte durchquert hatte, dann drehte er sich zu seinem Bruder um und trat ein paar zögernde Schritte auf ihn zu. 'Wildwasser.' Er brauchte wahrlich kein Feuer, um dumme Dinge zu tun. "Verzeih mir. Ich war... unaufmerksam." Das traf es nicht wirklich, aber was sonst sollte er sagen?

Nach einer Weile nickte Andraj, auch wenn er nicht das Gefühl hatte, dass sie beide aufrichtig waren. Mehr als je kam er sich fremd vor in dieser Palastwelt, die seinen Freund so verändert hatte, und dazu war er noch halbnackt. Ohne ein Wort fischte er seine Weste aus dem Kreis und zog sie über, dann griff er sein Schwert und schob es routiniert zurück in die Scheide. Als er fertig war, drehte er sich zu Yash, malte ein Lächeln auf seine Lippen, um den Tanz der Unaufrichtigkeiten weiter zu tanzen.

"Möchtest du zurück nach Hause?", erkundigte er sich, weil Yash blass aussah.

Yash wünschte sich innig, dass sie das Gut nie verlassen hätten. Dennoch schüttelte er nur den Kopf. "Nein. Wir wollten auf Vater warten." Dann besann er sich anders. "Allerdings kann ich ihm auch eine Nachricht schicken, dass wir vorausgefahren sind. Aber zuerst brauchst du ein neues Hemd."

"Geht es dir dafür gut genug? Es macht mir nicht so viel aus, wenn du lieber hier weg willst." Andraj hob die Schultern, dabei wünschte er sich auch auf das Gut zurück Er kniete sich nieder und hob sein blutdurchtränktes Kleidungsstück auf. Yashs Blut, die Wunde von seinem Schwert. Unwillkürlich musste er an seinen Traum aus der Nacht denken, bevor sie Schwertbrüder geworden waren. Mit einem mulmigen Gefühl sah er zu seinem Freund. "Und wo sollen wir so schnell ein Hemd herbekommen?"

"Kaufen. Aber vielleicht hast du recht. So wichtig ist es nicht. Ob wir nun zu einer Kutsche gehen oder bis zum nächsten Laden, bleibt sich gleich." Yash straffte sich. "Und mir geht es gut. Sahyadri ist ein fähiger Heiler. Mach dir keine Gedanken deswegen."

Natürlich zehrte eine Heilung auch an den Kräften des Patienten, nicht nur an denen des Heilers, aber die Wunde war nicht lebensgefährlich gewesen und demnach fühlte er sich auch nur ein wenig matt, nicht einmal wirklich müde.

Schweigend gingen sie durch den Palast zurück. Yash hatte kein Bedürfnis mehr zu reden. Am Eingangstor ließ er seinem Vater eine Nachricht zukommen, dann winkte er eine Mietdroschke herbei. Er gab dem Fahrer das Ziel vor, ehe er hinter Andraj einstieg. Sie wechselten weder Blicke noch Worte, einander fern wie Lahiri und Ramesh auf der Grenze des Kreises.


© by Nika & Pandorah
 
Ende von Buch I