Illusionen

1.

Es war wie ein Knistern, das in der Luft lag, so als würde der Schnee gleich zu glimmen beginnen, jedoch derart schwach, dass man es nur aus den Augenwinkeln sehen würde, wenn man die Lider fast vollkommen geschlossen hielt. Irgendetwas würde passieren. Jack konnte es beinahe riechen, so wie man auch riechen konnte, wenn ein Gewitter nahte. Doch obwohl es offensichtlich für ihn war, war er dennoch der Ansicht, dass er der einzige war, der es spürte.

Nachdenklich ließ er seinen Blick über die dunklen, schweigenden Tannen und die kahlen Laubbäume des Waldes gleiten, der das kleine Fischerdorf auf drei Seiten umgab, konnte aber nichts Verdächtiges entdecken. Die helle Fläche des Sees schien ebenfalls ruhig und friedlich, und auf der zugeschneiten Straße, die zur Fuhrt führte, holperten weder Ochsenkarren entlang, noch waren Reisende oder Priester zu sehen.

Der See war zugefroren, so dass man zu Fuß auf die andere Seite gelangen konnte, wenn man es wagte. Jack hatte schon einige Male mit dem Gedanken gespielt, doch jedes Mal war es sein Lebensgefährte Timm gewesen, der ihn davon abgehalten hatte. Unfug hatte er es genannt und zu gefährlich. Das Eis könnte einbrechen, vielleicht würden es die Nixen unter seinem Fuß bersten lassen. Keiner der Dorfbewohner hatte jemals eine Nixe gesehen oder kannte jemanden, der verschwunden war. Und trotzdem...

Fröstelnd zog Jack seinen dicken, braunen Winterumhang enger um sich und stapfte zurück durch den niedergetretenen Schnee zu dem dreigeschossigen Gasthof, der Timm und ihm gehörte, so lange er sich erinnern konnte. Warme Luft empfing ihn, als er die Tür zur Schankstube öffnete und mit einem Schwall Kälte eintrat. Hastig schloss er die Tür wieder, stampfte auf, um den Schnee von den Stiefeln zu bekommen, dann hängte er den Umhang an einen der Haken direkt neben dem Eingang. Mit dem großen Laib Brot, wegen dem er überhaupt nach draußen gegangen war, unter dem Arm ging er zur Küche, auch wenn er mit nur wenigen Gästen rechnete.

Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht, als er sah, dass Timm bereits den großen Topf über das Feuer gehängt und ihn mit Wasser gefüllt hatte. Aber als er den dunkelblonden Schopf und die kräftigen Schultern, über die sich ein weißes Leinenhemd spannte, über eine Truhe gebeugt entdeckte, verschwand es wieder. Gerne hätte er ihm von dem seltsamen Gefühl erzählt, doch Timm würde es weder glauben, noch verstehen. Lautlos seufzte er und legte das Brot neben dem Herd ab. "Bin wieder da, Schatz."

Da war wieder dieser Unterton, unzufrieden, aber nicht so, dass man es wirklich sicher heraushören konnte. Timm hob den Kopf, um seinen Gefährten Jack einmal flüchtig prüfend anzusehen, dann winkte er überschwänglicher als bei der kurzen Entfernung nötig. "Huhu, Jack. Ich habe schon gedacht, dass du draußen zugefroren bist. Sag mal an, mein Schatz, wollten wir den Hasen heute oder morgen kochen? Wenn heute der Hase dran kommt, dann wäre morgen Huhn dran, richtig?"

Er ging um den Tisch, auf dem sie ihre Kräuter hackten, das Gemüse schnitten und über dem die Pfannen und Töpfe hingen, herum, um Jack einmal durch das Haar zu streicheln, wo Schneeflöckchen geschmolzen waren. Sachte küsste er ihn auf die kalte Wange, dann fragte er betont fröhlich, wie um die Sorgen, die in diesen geheimnisvollen, grünen Augen allgegenwärtig schienen, fortzunehmen "Wie lange wird es noch so kalt sein, hm?"

Jack kam zu keiner Erwiderung, denn ein schweres Poltern an der Hintertür zum Garten unterbrach sie. Nach einem kurzen Gruß kam der dicke Fischer mit seiner Frau in die Küche. Sie lieferten Timm immer ihre besten Fische, nach ihren Angaben. In Wirklichkeit behielten sie die natürlich für sich, um sie zu räuchern und den Händlern aus der Stadt für teure Taler zu verkaufen.

Die beiden waren ebenso dick verhüllt, wie Jack es gewesen war. Sie trug sicherlich drei Röcke, und zwei Kopftücher hielten ihre braunen Haare aus der Stirn. Die Kälte war in diesem Monat immer besonders beißend. Nicht einmal die Priester aus dem Orden im Wald waren so zahlreich zu sehen wie sonst. Mit einem kleinen Seufzen dachte Timm daran, dass er nicht einmal Shayde in den letzten Tagen begegnet war. Mit ihm konnte man so vortrefflich reden.

Er schenkte dem Fischerpaar eine Tasse Tee ein, bevor er den dicken Karpfen in sein Pökelfass gab, da es bis zum Fischtag noch hin war. Jack war schon damit beschäftigt, die getrockneten Kräuter zum Hasenfleisch zu streuen, also konnte Timm sich noch ein wenig die Neuigkeiten aus dem Dorf und die von den Händlern aus der Stadt anhören, während der Fischer und seine dicke Frau es genossen, den teuren Tee mit einem Schuss Rum trinken zu können.

Im Gasthaus, in dem sonst stets einige Händler und vor allen Dingen auch die Priester aus dem Waldorden übernachtete und mit Frühstück versorgt werden mussten, war nun kein einziger Gast. Zum Mittagessen würden sich vielleicht der Jäger und der Fährmann blicken lassen. Die beiden Männer waren alleinstehend und kochten nicht gern für nur eine Person. Gegen Wildlieferung und Mithilfe bei Reparaturen am Dach und Mauerwerk des Gasthauses lud Timm sie daher gern zu sich ein. Gesellschaft war ihm immer lieber als das Alleinsein.

Kaum hatte er das Fischerehepaar aus der Hintertür hinausgeschoben, als er schon wieder dieses Nachdenkliche, Grüblerische an seinem Partner feststellte. Mit einem kleinen Satz sprang Timm neben ihn hin und umarmte ihn. "Na, was beschäftigt dich schon wieder, mein Kleiner?" Jack Kleiner zu nennen war ein Witz, denn er war zwar wesentlich schmaler, aber sicherlich einen Kopf größer.

Timm in die fröhlichen, blauen Augen sehend musste Jack ein wenig grinsen. Seinem Gefährten gelang es fast immer, ihn aus seinen Gedanken zu reißen und ihn aufzumuntern, selbst wenn er nicht viel dafür tat. Er lehnte sich an ihn, erwiderte die Umarmung und küsste ihn rasch auf den Mund. "Die Luft ist seltsam", sagte er wider besseren Wissens, aber in der Hoffnung, dass Timm seine Sorge zerstreuen konnte. "Wie kurz vor einem Sturm, aber doch nicht ganz. Als würde bald etwas unangenehmes passieren."

Mit einem Lächeln sah Timm zu seinem Gefährten auf und schüttelte den Kopf leicht. "Du und deine Ahnungen, mein Kleiner." Er drückte ihn noch einmal fester an sich, dann streckte er sich und murmelte "Aber etwas könnte ruhig mal passieren hier, findest du nicht?" Einige Haarsträhnen hatten sich aus dem Lederband befreit, in das er sie tagsüber eingebunden hielt. Murrend löste er sich von Jack, um die Haare wieder zu bändigen. "Ich mache den Schankraum klar, auch wenn heute sicherlich nur die üblichen Gäste kommen. Meinst du, es ist den Priestern doch noch zu kalt geworden?"

"Ah, du wartest auf Shayde." Jack holte sein Tuch von dem Haken über dem großen Tisch, das er immer trug, wenn er länger in der Küche stand. So wie Timm darauf achtete, dass seine Hände und Fingernägel stets sauber waren, um bei den Gästen keinen Ekel hervorzurufen, wollte er nicht unabsichtlich Haare ins Essen verlieren. "Der Wald ist vollkommen eingeschneit, vielleicht sind Bäume von der Last gestürzt und blockieren den Weg. Auf jeden Fall werden sie wohl länger brauchen. Wenn sie heute Abend noch kommen sollten, werden sie tüchtig durchgefroren sein. Wir halten besser heißen Tee und Glühwein bereit."

Ein wenig ertappt sah Timm zu Jack hinüber, aber nickte dann nur und bat ihn darum, die Mischung aus Wein, Tee und Gewürzen in einem Topf anzusetzen. "Ich schreib gleich ein Schild, dass der Glühwein heute unsere Empfehlung ist."

Rasch ging er in den Schankraum nach vorn, um die Stühle und Bänke von den Tischen zu heben und gerade zu rücken. In der Kaminecke entfachte er nach einer kurzen Überlegung ein Feuer und legte besonders dicke Holzscheite zurecht, um das Feuer für eine lange Nacht vorzuhalten.

Wieder dieses schlechte Gewissen, als er sich bei dem Gedanken ertappte, dass er das Feuer so lange brennen lassen wollte, weil es sein konnte, dass Shayde mit ihm zusammen dort sitzen und einen Glühwein trinken würde. Der Priester, den er und die anderen Dorfbewohner alle am besten kannte, weil er so oft zu ihnen herüber kam.

Vielleicht würden sie wieder über die Beziehung zwischen dem Wild und dem Jäger im Winter reden, oder auch einfach nur darüber, wie schön der Schnee aussah, wenn die Sonne schien. Doch zugleich fühlte er sich Jack gegenüber immer schuldig.

Mit Jack redete er auch gern, tat auch sehr gern noch mehr als nur reden, aber es war etwas anderes, wie eine warme Strickjacke, von der man schon genau wusste, dass und auch wie sie einen wärmen konnte. Mit Shayde stellte sich ein Wärmegefühl in ihm ein, ein anderes jedoch und immer wieder bemerkte er, dass es sich nie bekannt anfühlte, stets neu und überraschend auf eine Art.

Während Jack Möhren und Kartoffeln schälte, dachte er darüber nach, dass er Recht gehabt hatte. Timm hatte seinen vagen Befürchtungen wie üblich nicht weiter Beachtung geschenkt. Lautlos seufzte er. Andererseits war es auch nicht weiter verwunderlich. Immer wieder hatte er solche Ahnungen, die er sorgfältig, jedoch im Geheimen, niederschrieb und die sich dann doch nicht bewahrheiteten.

Manchmal fragte er sich Tage später, ob die Notizen überhaupt je Sinn ergeben hatten. Durch die zum Schankraum geöffnete Tür sah er Timm die Tische wischen, die Stühle zurechtrücken und Holz im großen Kamin nachlegen, als der Jäger mit einem Windstoß und einigen wirbelnden Flocken den Gasthof betrat. Hastig wurde die Tür wieder geschlossen, dann begrüßten sich die beiden Männer.

Jack wandte sich ab und gab das Gemüse in einen Topf. Sein Gefährte wünschte sich, dass irgendetwas geschehen könnte. Jack war eigentlich seiner Ansicht, nur hatte er Angst davor, dass es Dinge waren, von denen sie beide nicht wollten, dass sie passierten. Dinge wie verschwindende Menschen zum Beispiel.

 

Der Tag begann nur träge, was sehr wahrscheinlich an den Schneefällen der letzten Zeit liegen mochte. Der Jäger kam vorbei und brachte ein Reh, dass sie in der Küche gemeinsam in großes Fleischstücke aufteilten. Zum Mittagessen kamen wirklich nur der Fährmann und ein Fischer vom anderen Ende des Dorfes vorbei. Am späten Nachmittag kehrten endlich einige der anderen Dorfbewohner zu ihnen ein, so dass Timm Jack wecken ging, der sich gern für ein Stündchen hinlegte, wenn keine Arbeit zu tun war, damit er ihm in der Küche half.

Allerdings waren keine Priester zu sehen. Der Schnee schien sie wirklich abzuhalten. Erst als Timm schon den Gedanken auf ein Gespräch mit einigen von ihnen aufgegeben hatte und sich stattdessen mit dem Plan beschäftigte, zwei der Gehilfen aus dem Sägewerk aus der Schankstube zu werfen, weil sie sich pöbelhaft benahmen, huschten einige Schatten vor dem Fenster neben der Tür durch das trübe Laternenlicht, in dem schon wieder dichte Flocken tanzten.

Es waren mehrere, und sie teilten sich vor dem Gasthaus, um in unterschiedliche Richtungen zu gehen, die Kapuzen der dunklen Kutten tief in die Stirn gezogen, als Schutz gegen den Schnee, der ihre Gestalten umwirbelte und nebelhaft, wie nicht real erscheinen ließ. Zwei von ihnen betraten das Gasthaus und nickten den Schnee von sich klopfend freundlich in die Runde.

Die beiden gingen zum Stammtisch der Priester, der am Fenster stand und von niemandem sonst belegt wurde, weil es immer so war, dass die Priester ihn für sich und ihre geheimnisvollen Gespräche wollten.

Als sie die Kapuzen von den kahlen, hellen Köpfen streiften, erkannte Timm zu seiner Freude, dass der eine Shayde war. Der Priester hob eine Hand halb, wie um zu winken und die Geste brachte ein Lächeln in Timms Gesicht, während er sich abwandte, um den Glühwein aus der Küche zu holen.

"Jack, die Priester sind trotz der Kälte und des Schnees gekommen. Ich denke, dass sie vielleicht über Nacht bei uns bleiben müssen, mach bitte die Zimmer zwei und vier fertig und leg Bettpfannen hinein, damit sie uns nicht erfrieren, ja?" Vorsichtig schöpfte Timm die zwei Krüge voll und gab je eine Nelkenspitze hinein.

Jack nickte und warf den beiden schlanken Gestalten in ihren dunklen Kutten einen Blick zu. Sie hatten sich ein wenig über den Tisch zueinander gebeugt und unterhielten sich derart leise, dass man sie auch dann kaum verstehen konnte, wenn man direkt bei ihnen stand.

Selbst wenn die beiden Priester sich äußerlich glichen, sich weder durch Robenfarbe, Schnitt noch Sonstiges unterschieden, konnte Jack doch erkennen, dass Shayde im Rang unter dem anderen stehen musste. Durch viel war es nicht auszumachen, aber er hielt sich anders, als wenn er mit Timm sprach, seine Gesten waren kleiner, manchmal kaum bemerkbar, und er hatte den Kopf leicht gesenkt.

Während Jack die Bettpfannen mit heißem Wasser füllte und sie sorgfältig verschloss, dachte er darüber nach, dass Shayde in seinem Orden insgesamt einen der untersten Ränge bekleiden musste. Die meisten seiner Ordensbrüder behandelte er wie den, mit dem er jetzt am Tisch saß; beinahe nur bei seinen Schülern, mit denen er oft das Dorf besuchte, war er wie bei Timm.

Jack schlug die Bettpfannen in Tücher ein, um sich nicht zu verbrennen und brachte sie nach oben in die kalten, kleinen Gästezimmer. Viel mehr als ein schmales Bett, ein Tischchen mit einer Waschschüssel und einen Hocker beherbergten sie nicht, doch mehr war auch nicht nötig. Die wenigsten Gäste blieben länger als eine Nacht.

 

Die Wärme der Schankstube fühlte sich wesentlich realer an als die beißende Eiseskälte des Windes. Shayde mochte den Geruch von Holzfeuer, deftigem Essen und Glühwein, der ihn im Winter immer empfing, wenn er und die anderen hierher kamen. Er mochte das Licht, das nur vom Feuer im Kamin und einigen Kerzen ausging. Und er mochte die Menschen hier, mochte ihre Art zu reden und die ruhige, simple Weise, wie sie ihr Leben sahen. Er mochte sie viel zu gerne, besonders Timm, den Gastwirt.

Es war eigenartig, denn obwohl er so vieles über ihn und das Dorf wusste, fühlte er sich dennoch wohl hier. So wohl, dass er gerne wieder und wieder kam und sich immer über das Lächeln freute, das jedes Mal auf Timms schlankem Gesicht mit dem breitem Mund erschien und seine blauen Augen zum Leuchten brachte. Jedes Mal hob er die Hand, um ihn zu begrüßen und hoffte auf genügend Zeit, um sich mit ihm allein unterhalten zu können.

Es war nicht gut, dass er so viel Zeit mit ihm verbrachte; doch in Timm hatte er jemanden gefunden, der verstand, dass man die Schönheit auch in kleinen Dingen sehen konnte, der nicht große Wunder brauchte, um das Wunder des Lebens zu erfassen. Mit ihm konnte er stundenlang darüber reden, und das obwohl... Shayde seufzte leise, als er sich mit seiner Begleiterin an den Tisch setzte. Sie stellte eine Frage, und so lenkte er seine Gedanken weg von Timm und ihr zu, denn Unhöflichkeit konnte und wollte er sich nicht erlauben.

 

Timm merkte an diesem Abend nicht, wie die Zeit verging, denn von den Priestern erschienen nach und nach immer mehr in seinem Gasthaus, sie mussten sich sogar an den großen runden Tisch umsetzen. Sie tranken Glühwein, aßen, ihm höflich und ruhig dankend, von dem Haseneintopf und lobten ihn und Jack für den herrlichen Geschmack von beidem.

Sehr verwunderlich war es daher, dass die Priester sich zwar länger als die Dorfbewohner an dem Tisch unterhielten, aber dennoch die meisten sich erhoben und mit einem Gruß in Richtung der Theke, wo Timm die schweren Tonkrüge für den Tischwein zum Essen gerade trocknete und in die Regale stellte, in die Nacht und den wirbelnden Schnee verschwanden. Lediglich drei blieben zurück, zwei von ihnen nickten ihm ebenso zu und ließen sich dann von Jack die Zimmer zeigen.

Timm trat zu seinem Freund, als der aus der Küche kam, um die letzten gespülten Becher zu bringen und umarmte ihn fest. "Geh schlafen, mein Kleiner. Ich komme zurecht, und es sind nur noch zwei Gäste da." Genaugenommen war es nur noch ein Gast. Shayde, der gerade, höflich und nett, wie er immer war, die Becher der Gesellschaft der Priester für Timm zusammenstellte. Der andere Gast war der Fährmann, der einmal wieder sturzbetrunken in seinem Lieblingssessel eingeschlafen war.

"Wenn du meinst... Danke." Jack lehnte sich einen Moment lang an ihn und erwiderte die Umarmung, ehe er ihm aus Gewohnheit einen Gute-Nacht-Kuss gab. Da Shayde noch da und wach war, hatte er auch nicht erwartet, dass Timm die Schankstube um die normale Zeit schloss. Die beiden unterhielten sich gerne, und da sein Gefährte ihn dadurch nicht vernachlässigte oder ablehnend wurde, hatte Jack nach sehr kurzer Zeit aufgehört, eifersüchtig zu sein. Zudem gab es ihm Gelegenheit, unbemerkt etwas von dem beunruhigenden Gefühl niederzuschreiben, das im Laufe des Abends immer stärker geworden war. Es schien ihm, als wäre die Luft dichter als am Morgen, als könnte das Knistern jeden Moment sichtbar werden.

Timm kurz anlächelnd zog er das Tuch vom Kopf und hängte es an seinen Haken. "Gute Nacht, Schatz." Dann wandte er sich ab, um über die schmale Treppe mit den ein wenig schiefen Stufen in das ausgebaute Dachgeschoss zu gehen, in dem er und Timm ihre Wohnung hatten.

Timm entließ seinen Schatz mit einem Klaps auf den süßen Hintern, dem er noch kurz mit Blicken folgte, dann wandte er sich Shayde und dem Tisch der Priester zu. Nachdem er dem Priester mit einem Lächeln die Becher abgenommen hatte, wischte er den Tisch aus altem, von der vielen Benutzung schon an den Kanten rund gewordenen Holz mit einem Tuch sauber, bevor er Shayde anbot "Es ist noch ein Rest Glühwein im Topf, den würde ich jetzt glatt zwischen uns beiden aufteilen, für zwei Becher ist es noch genug, und der Wein ist schon längst raus gedampft, also besteht auch keine Gefahr. Magst du dich nicht in einen Sessel vor das Feuer setzen und mit mir den Nachttrunk noch nehmen?"

Shayde erwiderte das Lächeln weich und neigte zustimmend den Kopf. "Gerne." Er stand auf, stellte den Stuhl ordentlich an den Tisch zurück, um Timm Arbeit zu ersparen und folgte ihm zum Kamin hin, wo er sich, nachdem er die dunkle Kutte zurecht gezogen hatte, in einen der bequemen Sessel setzte. Er warf dem leise schnarchenden Fährmann einen kurzen Blick zu, ehe er wieder zu Timm hinsah, der mit dem Kessel und zwei Bechern hantierte. "Er liebt deinen Glühwein ein wenig zu sehr, wie mir scheint."

"Korben ist immer voll, egal welches Spezialgetränk auf unserer Karte steht. Er betäubt sich gern." Timm legte den Kopf schief. "Vielleicht, weil er einsam ist", murmelte er dann leise und warf einen flüchtigen Blick zur Treppe, freute sich daran, dass er selber einen langen, warmen Körper haben würde, an den er sich ankuscheln konnte, wenn er ins Bett ging. Er legte den Kopf schief und musterte das gleichmäßige, alterslose Gesicht von Shayde, das sich vorteilhaft von der dunklen Kutte und dem dunkelrot gebeizten Leder der Ohrensessel, in denen sie saßen, abhob. "Seid ihr das auch, einsam? Ich meine abgesehen von eurer Gemeinschaft im Glauben?"

Shayde hob ein wenig skeptisch die Brauen und sah erneut zu dem Fährmann hin, ehe sein Blick zurück zu Timm wanderte, das schmale Gesicht umfangend, in das einige der sandfarbenen Strähnen fielen, die sich aus seinem Band gelöst hatten.

Einsamkeit... Solche Fragen sollten nicht gestellt werden, denn sie verwirrten sein ohnehin nicht mehr so klares Bild dieses Dorfes und seiner Bewohner nur noch mehr. Eine Weile schwieg er, während er an sein Heim dachte, das er liebte. "Manchmal", sagte er schließlich dennoch, und es war die Wahrheit. "Aber ich habe kein Recht und keinen Grund zu klagen." Er lächelte leicht. "Aber du bist es nicht, und darüber bin ich froh."

Timm lächelte und nippte an dem noch immer zu heißen Getränk. "Danke, dass ist sehr... freundlich von dir, Shayde." Er streckte seine Beine weiter in Richtung des Kamins und fragte dann unvermittelt das Thema ihrer letzten Unterhaltung vor einigen Tagen aufnehmend "Du hast gesagt, dass Eis wie durch ein Gitter gehalten wird, ähnlich dem, das ich über der Kellerluke habe mit festen Verbindungen. Was ist denn dann mit Schnee? Wieso ist er so frei?" Sein Blick glitt über Korbens Gesicht, und er lachte auf, weil der kleine Fährmann im Traum mit dem Mund zuckte.

"Hast du dir Schnee einmal genau angesehen, Timm?" Shayde wies zum Fenster, bei dem sich vor jeder der kleinen Butzenglasscheiben ein Schneerand zu bilden begann. "Jede einzelne Flocke besteht aus kleinen Kristallen, winzigen, wunderschönen Sternen, bei denen keiner dem anderen gleicht. Jetzt im Schein des Feuers ist es zu schwer zu sehen, da die Wärme sie auch zu schnell schmilzt, wenn man sie hereinbringen würde. Aber schaue sie dir morgen an. Die Muttergöttin hat mit jeder einzelnen ein Kunstwerk geschaffen."

Zufrieden sah Timm Shayde in das Gesicht und verkündete "Ich wusste, dass du wieder einmal etwas ganz besonderes daraus machen kannst. Die anderen wollen den Schnee immer nur weggefegt haben und du... machst ein Kunstwerk daraus." Er nippte noch einmal an seinem Getränk und fragte Shayde noch zwei andere Fragen, die er seit dem letzten Gespräch mit dem schüchternen, aber unendlich gelehrten Priester gehabt hatte, sie wurden jedoch im Gespräch unterbrochen, als Korben erwachte.

"Shayde, ich denke ich sollte Korben nach Haus bringen, allein stürzt er nur, oder wird gar erfrieren." Unentschlossen sah er zu, wie Korben sich schwankend in seinen schweren Umhang hüllte, irgendwelchen Unsinn murmelnd. "Geh doch einfach schon in das Zimmer drei hinauf, da hat Jack dir eine Bettpfanne hineingelegt. Du bleibst die Nacht doch bei dem Wetter, nicht?"

Shayde erhob sich ebenfalls. "Ich bleibe gerne. Aber ich werde dich begleiten, wenn du schon in die Kälte hinaus musst." Er sagte es nicht, aber wenn er hier war, wollte er so viel Zeit wie nur möglich mit Timm verbringen. Zeit, die sie zu zweit hatten, war nicht reich gesät. Seine bloße Gegenwart war schon angenehm, auch wenn sie schwiegen, was allerdings nicht oft vorkam. Selbst wenn Timm nicht aus dem Ort wegkam, konnte er doch alles, was hier geschah, herrlich lebendig erzählen. Er trat zu der Garderobe neben der Eingangstür und wickelte sich in seinen warmen Umhang ein, wobei er sich wie schon so oft fragte, ob es eigentlich notwendig war. Ob er krank werden konnte, wenn er es nicht tat.

Die Kälte spürte er, eisig und beißend und deutlich unangenehm, aber ob sie Auswirkungen auf ihn haben würde, konnte er nicht sagen. Doch als er sich erneut zu Timm umwandte, sah er aus den Augenwinkeln das kleine Flackern, das unter seiner Kutte hervor drang. Er schob den Umhang ein wenig beiseite und sah, dass der Stein der Brosche, die das Untergewand nahe dem Hals zusammenhielt, seine Farbe von dem dunklen Grün auf ein weitaus helleres geändert hatte.

Einen Moment hielt er inne, während er eine Mischung aus Enttäuschung und Freude spürte. Es war ein Zeichen, das er nicht ignorieren durfte. Sie hatten ihn zurückbeordert. Einerseits wäre er gerne länger bei Timm geblieben, auf der anderen Seite wusste er jedoch, dass er erwartet wurde, und das machte ihn glücklich. Er seufzte. "Timm, ich werde noch mit dir zum Haus des Fährmanns gehen, aber dann muss ich leider schon aufbrechen. Deine Gesellschaft ist mir angenehm, deswegen wäre ich froh gewesen, wenn ich sie länger hätte genießen dürfen. Doch mein Orden verlangt nach mir."

Mit einem Nicken erkannte Timm an, dass Shayde wieder einmal viel zu sehr den Regeln seines Ordens folgte. Sie gingen zusammen, den sturzbetrunkenen Fährmann zwischen sich aufrecht haltend und stützend, noch bis zu der Weggabelung, wo man rechts zur Fähre gelangte und dem kleinen Häuschen des Mannes und nach links zu dem Waldweg, auf dem die Priester zu ihrem Ordenshaus gelangten. Es war sehr tief im Wald gelegen und nur über unwegsame Pfade zu erreichen, das wusste Timm, und deswegen sah er Shayde ein wenig besorgt hinterher, nachdem sie sich verabschiedet hatte.

Dann jedoch beeilte er sich und half seinem letzten Gast in sein Haus und in sein Bett zu kommen, sorgsam stellte er ihm einen Nachttopf neben das Bett, bevor er ging und die Tür fest zuzog.

Er war dankbar, dass alles schon aufgeräumt war, so dass er nur noch die Lichter löschen musste. Ein Licht im Flur mit den Gästezimmern ließ er brennen. Er vergewisserte sich, dass genügend Wasser in den Krügen im Bad zur Verfügung stand, bevor er müde seine Schultern dehnend über die schmale Stiege hinaufkletterte in die Zimmer, die er und Jack sich teilten.

Sein Gefährte schlief schon fest, die Decke hob und senkte sich regelmäßig. Mit einem Lächeln wusch Timm sich die Hände und nach kurzem Zögern, weil das Wasser in ihrer Schale so kalt war, auch den Oberkörper. Vorsichtig tappte er im Dunkeln zum Bett, wo ein warmes Nachthemd und ein warmer Jack auf ihn warteten. Er schabte sich gähnend einmal durch die Haare auf seiner Brust, bevor er sich das Hemd überzog und rasch zu Jack unter die Decke kroch.

"Hm, du bist so schön warm, mein Kleiner." Gemütlich mehr Platz einfordernd schob Timm an Jack, bis dieser sich leise im Schlaf murrend ein wenig zur Seite gedreht hatte, in ihre übliche Schlafposition. Zufrieden vergrub Timm seine Nase in Jacks Haar und schlummerte ein, während er hoffte, dass auch Shayde es warm und gemütlich haben würde.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh