Illusionen

2.

Die Bissigkeit des Windes nahm rapide ab, kaum dass Shayde außerhalb der Sichtweite des Dorfes war. Aufatmend streckte er sich ein wenig und schritt schneller aus. Die Luft kam ihm mit einem Mal fast lau vor, was jedoch nur Einbildung war. Nicht, dass es hier an diesem Ort einen echten Unterschied gemacht hätte. Empfinden und Sein war eines.

Er wusste, warum er zurück beordert wurde. Zu lange hatte er sich hier bereit aufgehalten; nicht nur im Dorf, sondern auch im Wald um den Ankunftspunkt herum war er gewesen, hatte sich in Kleinigkeiten verloren, in der Schönheit von kahlen, mit Schnee bedeckten Bäumen, die in den sturmgrauen Himmel empor ragten, im zufälligen Taumel der Flocken, in der Beobachtung eines kleinen Eichhörnchens, das sich aus seinem Bau gewagt hatte obwohl es streng genommen kein Wagnis für das Tier gewesen war, sondern schlicht von Programmen festgelegt.

Mit einem Seufzen dachte er an Timm zurück und fragte sich, wie er so warm für jemanden wie ihn empfinden konnte. Warum er das Lachen des Mannes so gerne hatte, warum er es liebte, mit ihm zu diskutieren und seine Fragen zu beantworten. Das Wissen brachte dem Gastwirt nichts, vielleicht würde es am nächsten Tag oder an einem der folgenden schon wieder verloren sein. Es war nicht das erste Mal, dass dies geschah, und dennoch...

In Gedanken an Timm versunken erschien ihm der Weg wesentlich kürzer, der ihn zu dem kleinen, aus Bruchsteinen gemauerten Heiligtum tief im Wald führte. Der Stein in der Brosche leuchtete heller auf, als er die Hand auf das rissige Holz der Flügeltür legte, die daraufhin aufschwang und ihm den Weg ins Innere frei gab. Schwärze empfing ihn, als er eintrat, und er lächelte, weil er sich freute, dass er erwartet wurde.

 

Mejdan blickte ein wenig missmutig auf die Anzeigen, die über der Einlogkugel ihres Mannes schwebten. Was dachte dieser Träumer sich nur immer dabei, so tief und weit einzudringen und sich dort derart zu vergessen, dass man ihn rufen und an seine Vitalfunktionen erinnern musste?

Sie lehnte sich in ihrer vollen und beträchtlichen Länge gegen das Pult; eine jüngere Kollegin hätte die Aufsicht in der riesigen Halle sicherlich über Gegensprechanlage darauf hingewiesen, dass die Geräte sehr teuer seien und jeder Schaden vom Gehalt abgezogen würde. Doch Mejdan war keine neue Ärztin, zudem war sie Professorin und auch nicht gerade Anfängerin auf dem Gebiet, so konnte sie sich einiges erlauben.

Gähnend beobachtete sie, wie Shaydes Gehirnwellen in der Schleuse geebnet wurden, wie er einschlief; die Augen zuckten ein wenig, endlich kam Ruhe in den Körper, und sie konnte mit der Arbeit beginnen. Die Medikamente wurden mit Gegenmitteln neutralisiert, deren Konzentration sie in diesem Fall auswendig kannte, weil sie ihn schon so oft ein- und wieder ausgelogt hatte.

/Träumer.../, dachte sie und konnte sich der Zärtlichkeit in diesem Gedanken nicht erwehren, während sie die Schlusssequenz abwartete, um ihn dann auf der Bahre gelagert aus der Kugel fahren zu lassen.

Wie ein Spinnennetz um ihn geschlossene Anschlüsse zogen sich nach einer festen Abfolge zurück, bis nach und nach der helle Kopf mit den leicht geknickten, weichen Ohren sichtbar wurde, der von vom mit einer feinen Spur weißen Fells überzogenen Rücken und dem schlanken Schwanz gefolgt wurde. Endlich war er befreit, der Kopf rollte noch in Narkose gefangen zur Seite. Ein roter Roboterarm umfing den zierlichen Körper und drehte ihn zur Luke. Mit einem kleinen Lächeln beschloss sie, dass er schon wieder zu dünn war und in den nächsten Tagen aufgepäppelt werden musste.

Das weiße Fell wurde durch eine Wand voller Düsen, aus denen Reinigungslösung schoss, von der Kontaktflüssigkeit gereinigt. Endlich nahm Mejdan den kleinen Körper in Empfang und drehte ihn auf der Bahre in eine bequeme Position zum Erwachen.

Als er die Augen aufschlug, schmunzelte sie ihn an und begrüßte ihn mit neckendem "Na, Shayde? Ziehen wir die Träume der Realität vor? Ich erinnere an den Zustand dieses Körpers..." Sie ließ eine gegen seinen zierlichen Körper merkwürdig groß erscheinende Hand über seine Brust streichen, um sie auf dem Bauch liegen zu lassen. "Um den werde ich mich heute mal kümmern müssen, nicht? Wieder die Einlogzeit überschritten und die Essenszeit unterschritten, du bist dehydriert", schalt sie dann, nur um die Dinge zu sagen, die man sonst immer sagte, wenn einer der Wissenschaftler zu lange fort geblieben war.

Die warmen, schmalen Augen seiner Frau waren das erste, was Shayde beim Erwachen sah. Sie lächelten ihn an, und für einen Moment versank er in dem schönen, dunklen Orange, während er ihre Hand auf seinem noch ein wenig steifen Körper spürte und ihre dunkle Stimme hörte, ohne dass die Worte Sinn ergaben. Dann wurde das runde, von einer dichten, störrischen Mähne umgebene Gesicht deutlicher, und nachträglich erkannte er, was sie ihm sagte.

Schuldbewusst lächelte er zurück. Er wusste, dass er eigentlich besser auf sich Acht geben musste, doch sie vergab es ihm immer und immer wieder, hatte Geduld mit ihm und fand es zu seinem großen Glück auch noch liebenswert. Und dafür liebte er sie nur um so mehr, denn er vergaß einfach die Zeit, wenn ihn etwas faszinierte, und davon gab es viel.

"Es tut mir leid, Mejdan." Er griff noch etwas unbeholfen nach ihrer großen Hand und umfing sie um Verzeihung heischend mit seinen schmalen, von der langen Ruhe kühlen Fingern. "Ich hatte nicht vor, so lange zu bleiben. Aber ich habe mich mit Timm über Schnee unterhalten."

"Timm." Sie betonte den Namen schwingend und lächelte wieder, dieses Mal jedoch, weil sie ihm zeigen wollte, dass sie ihm nicht ernstlich böse war. Das konnte sie ihm sowieso nicht sein. Nicht, wenn seine dunklen Augen sie anblickten, als hätte sie all die Antworten.

Mit kräftigem Schwung half sie ihm auf und hob ihn kurzentschlossen von der erhöhten Bahre herunter. Während sie ihn mit einem großen Handtuch umhüllte, mutmaßte Mejdan schließlich gutgelaunt "Er scheint dein bester Freund zu sein, nicht, Shayde?"

Verlegen und ein wenig geknickt wandte Shayde den Blick ab und sah zu Boden, während Mejdans starken Hände durch das Tuch über seine Oberarme und den schmalen Fellstreifen auf seinem Rücken rubbelten. Er wusste, dass Timm Teil eines Computerprogramms war, welches ein kleines Stück des Planeten der Menschen simulierte. Die Daten dafür waren in vielen Reisen gesammelt worden und nun darin vereint. Es diente einerseits der Beobachtung und andererseits der Vermittlung von Wissen an kleine, elitäre Schülergruppen, die regelmäßig ihre Praktika hier absolvierten. Aber das Wissen half ihm nicht wirklich, um den nötigen Abstand zu wahren.

"Er wirkt so lebendig... gar nicht, als würde er nur aus Dateien und Codes bestehen. Und auch wenn ich das weiß, ist es doch immer wieder faszinierend, sich mit ihm zu unterhalten", sagte er schließlich leise und ausweichend. Natürlich war die Lebendigkeit der Sinn dieses Programms, aber Shayde hatte schon oft genug mitbekommen, dass es durchaus nicht immer so war. Manchmal, wenn Defekte und Fehler auftraten, wurden ganze Tage von Erinnerungen aus dem Datenspeicher gelöscht. Tage, an denen er sich mit Timm unterhalten hatte, die mit einem mal nicht mehr existierten. Auch wenn es schmerzlich war, bewahrte es ihn davor, den Gastwirt als ein Wesen aus Fleisch und Blut zu betrachten.

Mejdan hatte den kernigen, kräftigen Menschen deutlich vor Augen, von dem ihr Mann so viel erzählte. Ein gewöhnlicher, nicht sonderlich auffälliger Mensch. Sein Charakter war gleichbleibend von Freundlichkeit, Neugierde und Fleiß bestimmt. Die Neugierde in Timm schien Shayde so anziehend zu finden. Es war einfach so bestimmt, dass der Mensch Fragen stellte, sich gern die Dinge genauer ansah, und das schien ihren Mann, dessen Lieblingsarbeitsplatz unter anderem ein Mikroskop war, sehr anzuziehen.

"Nun, es tut mir leid, dass ich eure Unterhaltung unterbrochen habe. Dort ist es jetzt Nachts um ein Uhr und das Dorf schläft. Hier aber haben wir gerade erst fünf Uhr, und ich würde dich sehr gern zu einem Abendessen einladen." Sie hob sein Kinn, auch wenn er ohnehin zu ihr aufsehen musste und küsste ihn weich. "Nicht nur um dich zu füttern, ich würde auch gern etwas mit dir besprechen." Sie winkte einem Pfleger, der sich seiner Position entsprechend im Hintergrund hielt. "Treffen wir uns Zuhause?"

Freudig lächelte er zu ihr empor, ehe er sie mit dem freien Arm, der nicht das Tuch zusammenhielt, umarmte und ihr den Kopf kurz an die Schulter lehnte. Sie hatten beide wenig Zeit gehabt in den letzten Wochen und ganz besonders in den letzten Tagen, wo die Abschlussklausuren für die Studenten vorbereitet, das System besonders genau geprüft und Absprachen mit den anderen Professoren getroffen hatten werden müssen. Auch sonst hatte Mejdan wenig Zeit, so dass er über jedes Zusammensein mit seiner Frau um so glücklicher war.

"Ich komme nach, so schnell ich kann", versprach er, als er sich wieder von ihr löste. Sie nickte, strich ihm einmal über das kurze Haar und wandte sich ab. Noch immer ein Lächeln auf den Lippen sah er ihr nach, bewunderte den geschmeidigen Gang, die Anmut, mit der sich ihr Schwanz mit der buschigen Quaste bewegte, ihren gesamten, kräftigen Körper, bis der Pfleger mit seiner Kleidung zu ihm trat. Mit einem kleinen Seufzen riss Shayde sich von dem schönen Anblick los, der nun ohnehin durch eine zugleitende Tür verborgen wurde und folgte dem anderen Mann zum Sanitärtrakt.

Da er direkt das Labor verlassen würde, hielt er sich nicht damit auf, seine Uniform anzuziehen. Nach einer ausführlichen Dusche, die endgültig die Wärme in ihn zurückbrachte, schlüpfte er in hellgrüne Hosen aus fließendem Stoff, die nach unten hin weiter wurden und ein Oberteil von der gleichen Farbe, das knapp unter dem Bund endete und dessen Säume an den weiten Ärmeln mit dunkelgrüner Borte verziert war.

Mejdan liebte Hellgrün, weswegen er es gerne für sie trug. Es machte ihn glücklich, wenn er den weichen Ausdruck in ihren Augen hervorrufen konnte. Nachdem er die dunkelgrünen, zierlichen Ledersandalen übergestreift hatte, legte er den Armreif um, der mit einer kleinen Kette mit einem Ring an seinem Mittelfinger verbunden war und der zeigte, dass er einer Frau angehörte. Ein grüner Stein ruhte in einer hübschen Fassung auf seinem Handrücken, kleinere fanden sich auf dem Ring und dem Armreif wieder.

In Gedanken war er bereits bei dem Essen mit Mejdan, als er das Labor verließ und sich auf den Weg zu ihrem Bungalow machte.

Mejdan streckte ihren Körper einmal durch, während sie von den Umkleiden der weiblichen Familienoberhäupter aus zusah, wie ihr erster und einziger Gatte in der Obhut eines Pflegers, von dem sie wusste, dass er heimlich in Shayde verschossen war, was Shayde nicht einmal zu ahnen schien, zu den Umkleiden und Duschen ging. Von der öligen Kontaktflüssigkeit war nach dem Log immer noch genug im Fell, um einem ein Unwohlsein zu bescheren.

Sie selber räumte mit Hilfe eines der Narkosegehilfen, ebenfalls einem Männchen, wenn auch lange nicht so zierlich wie Shayde, ihren Arbeitsplatz auf. Sinnend dachte sie darüber nach, wie verschieden zu ihnen die Menschen waren. Sie hatten kein Fell, sondern überall am Körper verteilt rudimentäre Reste, die Männchen hatten gar fellige Reste, die ihnen im Gesicht wuchsen. Zudem war es nicht weiß und Reinheit zeigend wie bei ihrem Volk, sondern wies alle Farben der Natur im Herbst auf.

Die weiblichen Abd-Jabir wiesen eindeutig nur die Mähnen und die feine Behaarung ihres Schwanzes auf, die sich zu einem Quast aufbauschte. Die Männchen hatten hingegen keine Mähne, die stand ihnen natürlich auch nicht zu. Stattdessen waren ihre Köpfe lediglich von einem feinen Haarfilm bedeckt, der sich jedoch über den Rücken bis zum schmalen und natürlich ohne Quaste endenden Schwanz hinzog. So und durch den Größenunterschied konnte man die Abd-Jabir immerhin schon von Weitem sehr gut unterscheiden, was bei den Menschen nicht immer der Fall war, vor allen Dingen nicht bei denen, die geschoren und durchgeimpft in den Heimen auf Besitzer warteten.

Und diese Größe war noch eine Merkwürdigkeit an den Menschen. Ihre Männchen waren meist größer und fast immer deutlich kräftiger als die Weibchen. Mejdan ging ebenfalls zu den Umkleiden und duschte sich ab. Menschliche Männchen waren auch in ihrer Art, aggressiv zu sein, um die Weibchen zu werben und sie beschützen zu wollen, viel eher wie die starken Weibchen der Abd-Jabir, was in dem Log, wo man den ungeschulten Menschen direkt begegnete, schon zu Irritationen geführt hatte am Anfang.

Nachdem sie sich ihre Freizeitkleidung, eine bauchfreien Weste mit reicher Goldverzierung und eine weiche, weite Hose angezogen und ihre Mähne wieder in einen repräsentativen Zustand gebracht hatte, durchschritt sie den Labordom ungewöhnlich schnell. Ein kleiner Scanner an den Türen des Sicherheitstraktes durchleuchtete die Haut ihres linken Ohres, die Äderchen waren einzigartig verflochten und ließen sich nicht so leicht fälschen wie ein Fingerabdruck oder ein Stück Netzhaut.

Für gewöhnlich verließ sie den Dom nie direkt, sondern wandte sich von ihrer Forschungsabteilung stets noch dem Flur mit den Sprechzimmern der Professoren zu, um ihren Sekretär zu fragen, wie viele Studenten am nächsten Tag Sprechtermine erbeten hatten. Es standen immerhin die Prüfungen bevor, und das nahmen die meisten ihrer Studenten zum Anlass, um Fragen zu stellen, die eigentlich schon ganz zu Anfang ihrer Lehre hätten fallen müssen.

Doch an diesem Tag wollte sie Shayde im ihrem Haus zuvor kommen, um alles vorbereitet zu wissen. Die Forschungsanlage war nun schon über zehn Jahre alt, und man konnte sich mittlerweile hier fühlen wie in einem kleinen Dorf an der Küste. Einzig die vielen Scanneranlagen und natürlich der mächtige Dom, der sich walfischartig in der Nähe des Strandes erhob, erinnerten daran, dass es sich hier eben nicht um ein gewöhnliches Dorf handelte.

Mejdan nahm trotz ihrer Eile einen etwas weiteren Weg an den Ballsportplätzen vorbei, die von einem durchsichtigen Netz geschützt zumeist von den Studentinnen genutzt wurden. Es war einzig das Vergnügen daran, den schlanken, jungen Körpern zuzusehen und ihre frechen, hier und dort gar gefärbten Mähne zu belächeln. Mejdan beschleunigte jedoch ihren Schritt und passierte den Tempelplatz, der untergehenden Sonne zugewandt und für die Göttin der Woche, Sahjid, geschmückt. Ihr fiel ein, dass Shayde in kurzer Zeit wieder für und mit seiner Göttin Ashiqa feiern würde und rasch vermerkte sie sich, dass sie ihm Blumen mitbringen sollte.

Ihr Bungalow lag ein wenig weiter abseits mit den anderen Häusern der Professoren in ein Waldstück eingebettet, das von kleinen Wiesen durchsetzt wurde. Es lag am Hang zur See hin und war deswegen im traditionellen Stufenstil erbaut worden.

Mejdan mochte es gern, und da sie beschlossen hatte, diese Universität, auch wenn sie lange nicht so einflussreich wie die in der Hauptstadt war, nicht wieder zu verlassen, hatten sie und Shayde es sich gemütlich und persönlich eingerichtet. Die meisten Kolleginnen betrachteten den Dom und die Universität hier nur als Sprungbrett, um in den größeren Universitäten einen besseren Einstieg zu bekommen.

Einige ihrer Kolleginnen begegneten Mejdan auf den Wegen zum Sportzentrum. Da Prüfungszeit war, hatten die meisten Professorinnen frei und nutzten die Zeit, um die Sonne, die hier stets nur um die zehn Stunden lang schien, einmal zu genießen.

Im Vorgarten zu ihrem Haus entdeckte Mejdan eine der Anlagengärtnerinnen mit ihrer Gehilfin, die dabei war, für den Herbst die Büsche zu stutzen. Mit gerunzelter Stirn überlegte Mejdan, ob sie die beiden bitten sollte, ihren Garten zu späterem Zeitpunkt zu bearbeiten, aber die Gärtnerin schob ihr Stirnband weiter zurück und befahl den anderen, einzupacken. Sehr zufrieden schenkte Mejdan ihr ein Lächeln und wandte sich dem Haus zu. Eine sehr taktvolle Person, wie sie beschloss.

Die Bungalows der Professorinnen waren damals alle nach ein und demselben Bauplan errichtet worden. In der ersten Stufe waren Küche, Esszimmer und der Empfangsraum mit einer Sitzecke. In der zweiten Ebene befanden sich die Zimmer für die Ehemänner der Professorinnen und für ihre Söhne, und in der dem Meer am nächsten gelegenen Ebene hatte Mejdan sich die Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer eingerichtet.

Da Mejdan nur einmal und nicht, wie überall in den reichen Clans üblich, drei Male geheiratet hatte und damit auch nur zwei Kinder, zum Leidwesen ihrer Mutter nur Söhne, hatte, waren in der zweiten Ebene einige Zimmer leer, in denen sie einen Fitnessraum, eine Bibliothek mit Durchgang in ein kleines Lesezimmer sowie zwei weitere Arbeitszimmer mit großen Basteltischen hatten.

Das Hausmädchen, eine Menschenfrau um die Fünfzig, hatte die Anweisungen befolgt und den Esstisch auf Mejdans privater kleiner Terrasse zwischen den eingetopften Bäumen gedeckt. Eine Suppe stand bereits auf einem Rechaud, und zwei Flaschen Wein ragten aus den gläsernen Kühlern heraus.

Mit einem Lächeln legte Mejdan ihrem Mann eine kleine Blumenranke um den Teller, dann wandte sie sich ab, um sich für diesen Anlass entsprechend zu kleiden. Da sie alles gut geplant hatte, war sie mit dem schmalen, tannenfarbenen Kleid, das den Rücken weitgehend frei ließ, gerade fertig, als sie Shaydes feine Stimme in der Eingangshalle vernahm. Sie strich sich nur noch einmal über die Mähne und ging dann zu ihrer Terrasse, um ihn dort mit einem Aperitif zu empfangen.

Obwohl Shayde eigentlich direkt hatte nach Hause gehen wollen, war er ein wenig aufgehalten worden, erst von einer Professorin, mit der er häufig gemeinsam eingelogt wurde und die ihn nach einer Studentin gefragt hatte, dann von einem wunderschönen Schmetterling in Blaugrün, dessen Zeichnung ihn an Sonnenspiele im Wasser erinnert hatten. Schuldbewusst hatte er sich anschließend um so mehr beeilt, um doch noch einigermaßen pünktlich zu sein.

Das Hausmädchen wies ihm dem Weg auf die Terrasse, nachdem sie ein paar kleine Höflichkeiten gewechselt hatten. Shayde mochte die Frau gerne; sie war ruhig und ausgeglichen und erledigte ihre Arbeit sehr zuverlässig. Zudem schien Mejdan ihr den Auftrag gegeben zu haben, ein Auge auf ihn zu halten, denn sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, dafür zu sorgen, dass er das Essen nicht vergaß.

Sein Schwanz schlug erwartungsvoll einmal zur Seite, doch er mahnte sich zur Ruhe und ging langsamer, als ihm zumute war, seiner Erziehung aus dem Internat folgend. Ein Lächeln zog sich über sein Gesicht, als er nach draußen trat und seiner Frau gegenüber stand.

Sie war wundervoll; selbst nach den Jahren, die sie nun zusammen hier in dem Laborgebiet verbracht hatten, fand er noch immer, dass es wenig Frauen gab, die ihr an Schönheit ebenbürtig waren. Er wusste, dass er nicht objektiv war, dafür liebte er sie zu sehr, doch es war ihm gleichgültig. Er verdankte ihr so viel, seine Ausbildung, sein nahezu selbstbestimmtes Leben, was für ein Männchen weder vor noch nach der Hochzeit selbstverständlich war, seinen Beruf und natürlich ihre Nähe und ihre Aufmerksamkeit.

Mejdan erhob sich, um Shayde den Stuhl zu rücken, ein wenig dichter zu sich, als es nach den Gedecken geplant worden war. Während sie seinen Teller und die schweren mit Ornamenten verzierten Gläser ebenfalls ein wenig dichter zu sich zog, stellte sie fest "Du siehst wirklich müde aus, Shayde. Die letzten Kurse und dann dein Ehrgeiz, all diese Fragen auf einmal in der Welt im Log zu klären, fressen dich noch auf."

Sachte umfing sie seine Hand mit dem traditionellen Schmuck der verheirateten Männchen. Ihm fehlte der reiche Schmuck, der anzeigte, dass aus diesem Männchen eine Stammfolgerin, eine Clansanführerin in diesem Fall sogar, entsprungen war. Aber Mejdan warf es Shayde nie vor.

Sie hatte auch keine Enttäuschung gespürt, als ihr die Ärztin mitgeteilt hatte "Tut mir leid, Mejdan. Bei aller Freundschaft kann ich nur zwei Männchen sehen." Auch nicht, als sie die beiden bekommen und dem Ammenmännchen übergeben hatte, da Shayde in der Schule fort war. "Es ist zwölf Jahre her, Shayde, heute genau", erinnerte sie ihn, auch wenn sie annahm, dass er die Woche der Geburt seiner Söhne sicherlich nicht vergessen würde. "Ich habe sie für morgen hierher bestellt, also hoffe ich, dass du frei hast."

Shayde spreizte seinen schmalen Finger ein wenig, um ihre kräftigen dazwischen gleiten zu lassen. Er mochte den Anblick, mochte auch das Gefühl von Sicherheit, was er ihm vermittelte. "Ich habe sehr früh noch einen Termin im Log. Nicht im Dorf, nur nahe der Schleuse. Es wird nicht lange dauern." Zu ihr aufsehend legte er ein wenig den Kopf schief. "Ich denke, ich kann ihn aber absagen, wenn es dir lieber ist. Wann kommen sie denn?" Er freute sich auf seine Söhne, auch wenn sie selten zu Besuch kamen. Doch es war noch öfter, als er seine eigenen Eltern gesehen hatte, nachdem er erst einmal im Internat gewesen war, und er war Mejdan dankbar für diese Häufigkeit, selbst wenn er sie nicht aufgezogen hatte.

"Nein, du brauchst deinen Termin nicht absagen, sie kommen erst gegen Mittag an. Ich wollte die Zeit in der Stadt aber nutzen, um einkaufen zu gehen und die beiden dann noch ein wenig neu einkleiden. Wenn du also ebenfalls einkaufen gehen willst, dann musst du bis um zehn aus dem Log sein."

Sie hob das Glas leicht an und betrachtete sein Gesicht. "Aber erst einmal trinken wir auf uns und darauf, dass der jetzige Kurs Studentinnen gut von uns unterrichtet worden ist." Sie lächelte und war glücklich darüber, dass Shayde seit einige Kursen schon nicht mehr der Hilfe und der Unterstützung einer Professorin bedurfte, um die Studentinnen in Schach zu halten, die ihn zum Teil sehr geringschätzig und frech behandelt hatten. Ein männlicher Professor war nicht sehr häufig, Shayde war in dieser Universität der einzige.

"Ich werde um zehn zurück sein." Er erwiderte ihr Lächeln, während er daran dachte, dass er am liebsten so wie jetzt mit ihr zusammen war, nur sie beide in aller Ruhe, aber dass er auch jede andere Gelegenheit ergriff, um in ihrer Gesellschaft zu sein. In ihren Augen konnte er den Stolz sehen, den sie wegen ihm empfand, und das ließ sanfte Wärme in ihm entstehen. Sein Glas ebenfalls erhebend stieß er vorsichtig mit ihr an, was die Gläser zu einem feinen Klingen brachte und genoss dann einen Schluck des ausgezeichneten, vollmundigen Weines.

Ihr Hausmädchen brachte den Salat mit Krabben, und Mejdan wartete, bis sie sich in Richtung der Küche zurückgezogen hatte, bevor sie anfügte "Ich habe Javier und Jaide zurückgerufen, weil ich sie verheiraten werde."

"Oh!" Shaydes Augen weiteten sich ein wenig vor Überraschung. Erinnerungen an seine eigene Hochzeit, an das Warten darauf, drängten sich in seinen Kopf. Bereits vor seiner Geburt war er einer Tochter des Chiraz-Clans versprochen gewesen, eine Weile auch vor ihrer Geburt, doch als er dann nach der für Männchen üblichen Ausbildung im Internat auf sie gewartet hatte, war sie nicht gekommen. Derart lange nicht, dass er an sich gezweifelt und sich gefragt hatte, ob er gut genug für sie war. Nachdem Mejdan, die alles andere als traditionsbewusst war, schließlich auf ein Gebot ihrer Mutter hin doch bei ihm erschienen war, um ihn zu holen, hatte sie seine Zweifel alle nach und nach zerstreut, hatte ihm sogar das Gefühl gegeben, etwas ganz Besonders zu sein, und er hatte sie lieben gelernt.

"Wen hast du für sie ausgesucht?", fragte er überzeugt davon, dass sie nur das Beste für ihre Söhne gefunden hatte. Von Herzen wünschte er ihnen so viel Glück, wie er es gehabt hatte. Mejdan würde vermutlich auch dafür sorgen, dass sie nicht so lange warten mussten wie ihr eigener Gatte.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh