Illusionen

3.

Mejdan kostete den Salat, der wie erwartet ausgezeichnet schmeckte, und spülte noch einen Schluck Wein hinunter, dann erwiderte sie "Eine mir vom Studium bekannte Ärztin hat mir auf dem letzten Kongress in der Hauptstadt erzählt, dass sie noch zwei Gatten braucht, um der Tradition zu folgen, wie es in ihrem Clan verlangt wird."

Sie aß noch einen Bissen, dann fuhr sie fort "Vielleicht kennst du sie, Omair al Nahdi aus dem Clan al Sabeer. Sie erwartet bereits eine Tochter, die den Clansnamen forttragen wird, aber möchte sich jetzt schon angenehmer Gatten für die geringeren Ehen versichern, zudem ist sie wohlhabend genug, um auch noch vier Männchen durch eine Erziehung zu bringen."

Sie piekte noch eine Krabbe auf und hielt sie Shayde, der sie aus seinen schönen großen Augen aufmerksam angesehen hatte, vor die Lippen. "Probier das, dann sag mir, ob es auch in deinem Sinne ist, deine Söhne zusammen zu lassen."

Shayde strahlte bereits, als er die Krabbe vorsichtig von ihrer Gabel nahm, sich über die liebevolle Geste freuend, ohne jedoch auf den Geschmack zu achten. Die Wärme in ihm breitete sich bis in seine Schwanzspitze aus, die unbeabsichtigt zu vibrieren begann. "Ich habe von ihr gehört, sie hat einen guten Ruf." Dann nahm er Mejdans große Hand zwischen seine beiden und zog sie an den Mund, um sie zu küssen. Wenn sie allein waren, durfte er sich solche Gesten oft erlauben. "Ich wusste, dass du es wunderbar für sie arrangieren würdest, Mejdan! Natürlich ist es in meinem Sinne. Sie werden glücklich sein, dass sie zusammenbleiben dürfen, ebenso wie ich es bin."

Mejdan streichelte mit den Fingerkuppen über den lächelnden Mund. Eigentlich hätte sie damals, als sie gezwungen worden war, Shayde zu ehelichen und nach Hause zu führen, einiges geschworen, dass er ihr auf die Nerven gehen würde, doch seine zärtliche Art, seine gleichmäßige Treue und stille Liebe machten, dass sie ihn glücklich sehen wollte.

Die kleinen Spielchen, die sie mitunter austauschten, in die er sie so leicht und nebensächlich verstricken konnte, brachten sie dazu, dass sie ihre ursprünglichen Pläne schon wieder änderte und ihn doch mit in ihr Schlafzimmer entführen wollte. /Später/, dachte sie, während sie ihn noch einmal fütterte. Laut sagte sie "Dann ist es abgemacht, wir werden gleich nach den Prüfungen, wenn die anderen Professorinnen Zeit haben, einen kleinen Empfang für Omair geben, bevor Javier und Jaide sie in ihre Heimat in den Bergen begleiten."

Sie behielt seine Finger zwischen ihren, während sie sich von dem Hausmädchen Carol die Suppe geben ließen und beim Sonnenuntergang schweigend aßen. Carol entzündete schwere Kerzen in Glasschirmen und stellte dann lediglich noch den Hauptgang auf die Terrasse, um sich mit einer kleinen Verbeugung vor Mejdan zu verabschieden. "Lassen Sie bitte alles so stehen, Professorin. Ich werde es abräumen, wenn Sie sich zurück gezogen haben."

Mejdan dankte ihr und klopfte sich im Geiste noch einmal auf die Schulter, weil sie Carol vor nun schon fünfzehn Jahren aus dem Heim mitgenommen hatte. Damals eine magere Frau mit schreckhaft huschenden Augen. Nun war sie rundlich geworden, aber strahlte Zufriedenheit und Ruhe aus, die Mejdan auch immer sehr angenehm empfand, wenn sie in der Nähe war. /Man sollte mit den Menschen nicht so umgehen dürfen, die Gesetze sollten sich schleunigst ändern./ Doch die traditionellen Clans, die an der Macht waren, kümmerten sich nur selten um die Belange der wenigen Menschen, die noch in ihrer Welt lebten. /Ein Glück, dass sie fast so alt werden wie wir, vermutlich überlebt sie mich und Shayde noch./

In ihrer Nachdenklichkeit war sie ein wenig still geworden und zwinkerte Shayde rasch beruhigend zu. "Keine Angst, mein Sternchen. Ich bin nicht schon wieder von Liebeskummer angegriffen, ich hab nur, genau wie du, zuviel gearbeitet. Wird Zeit, dass wir die zehn freien Tage nehmen können, wenn der Dom gewartet wird und die lauten Studentinnen fort sind."

Liebeskummer hatte sie schon einige Male, vor allen Dingen nachdem Studentinnen, mit denen sie sehr gern und oft ausgegangen war, wieder fortgegangen waren, ohne auch nur von Mejdans Gefühlen zu ahnen. Denn das war nicht nur verboten, weil es einem Clan schadete, sondern auch, weil es sich fast immer um ihre Studentinnen handelte, und diese waren von ihr abhängig. Um einer Klage zu entgehen, verschwieg Mejdan ihre Gefühle. Nur Shayde wusste davon, ihm vertraute sie.

/Unfair/, dachte sie grimmig und nicht zum ersten Mal, /dass er sich jedem Männchen zuwenden kann und dabei lediglich mein Einverständnis braucht, aber bei mir.../ Sie wischte diese Gedanken fort und trank einen Schluck Wein.

Shayde streichelte sachte ihre Hand, als er sah, wie sich ihre Brauen zusammenzogen. Es erleichterte ihn, dass die Studentinnen dieses Jahr ohne Kummer für Mejdan gehen konnten, aber im nächsten Jahr würde es vielleicht schon wieder anders aussehen. Er gab sein Bestes, aber einer Frau wie ihr reichten Männchen als Gesellschaft eben einfach nicht, und er glaubte auch nicht, dass es besser werden würde, wenn sie noch zwei Mal heiratete.

"Irgendwann wird eine erkennen, wie wundervoll du bist und deine Gefühle erwidern", sagte er leise und fuhr ihr mit einem Finger über die kleine Falte auf der Stirn, um sie zu glätten. Dann lächelte er jedoch, als sein Blick für einen Moment von ihr wich und auf den Horizont fiel. "Schau, wie schön der Sonnenuntergang ist. Viel zu schön, um zu grübeln! Die Wolken hat der Hauch der Göttin gestreift, und nun glühen sie in Gold und Rot."

Mejdan wandte ihren Blick ebenfalls dem Himmel zu, während sie sorglos verkündete "Ach, das Verliebtsein bringt nur Ärger. Ich liebe ja schon meinen kleinen Mann, was soll ich mich da noch mit einer hochkandidelten Studentin aus reichem Clan rumärgern!" Sie prostete dem Himmel zu, dann tat sie Shayde noch ein Stück von dem Auflauf und Gemüse in die Tellermitte und bestimmte "Das wird noch gegessen, sonst mache ich mir Sorgen." Großzügig füllte sie sein Glas noch einmal mit Wein, auch wenn sie wusste, dass er den nicht sonderlich gut vertrug, schnell auf niedliche Art betrunken war.

Shayde musste kichern, auch wenn durch ihre Worte ein wundervoll sanftes Gefühl durch ihn hindurch zog. "Ja, Mejdan. Dein kleiner Mann gehorcht dir, wie es sich für ihn gehört. Immerhin hast du einen wohlerzogenen Gemahl." Zwar hatte er schon längst keinen Hunger mehr, aber es würde sie wirklich beunruhigen, das wusste er, auch wenn sie es so leicht dahin sagte. Sie fand ihn immer zu dünn. Deswegen aß er brav, was sie ihm vorsetzte. Auch den leckeren Wein genoss er, selbst als er sie dabei ertappte, dass sie ihm erneut nachschenkte. Langsam stieg der Alkohol ihm zu Kopf, er spürte, wie seine Wangen sich röteten und ihm leicht schwindelig zu werden begann. "Ich glaube, das reicht jetzt aber doch ein wenig..."

Mejdan schob die Teller auf die andere Seite des Tisches und reichte Shayde ihre Hand, um ihn, selbst ein wenig angetrunken, auf ihren Schoß zu ziehen. "Wir sind selten zusammen, zu selten, Shayde. Ich genieße es wirklich, dass wir diesen Abend einmal wieder in Ruhe für uns haben", hauchte sie ihm an das Ohr, bevor sie ihn zu küssen begann, seinen Kopf mit einer Hand sicher haltend.

Es war in der Tat lange her, dass sie zusammen gewesen waren. Sie hatte stets ein schlechtes Gewissen, denn Shayde war traditionell erzogen und lebte in dem Glauben, dass er die körperliche Zuwendung verdienen musste und, wenn sie ausblieb, nicht verdient hatte. Das war nicht wahr. Mejdan hatte ihm nie etwas vorzuwerfen. Gemütlich rückte sie sein geringes Gewicht auf ihrem Schoß zurecht, während sie sich an dem seidigen Gefühl seiner feinen Haare an ihrem Hals erfreute, als er den Kopf auf ihre Schulter sinken ließ.

Shayde seufzte glücklich auf, fühlte seinen Schwanz, der sich vorsichtig um ihre Taille legte, ein wenig zittern. Ihr Lob an ihn war selten, doch dafür nur um so kostbarerer. Die Augen schließend atmete ihren Duft ein, dezent nach der Kräuterseife, die sie so gern benutzte und die ihn immer an Sommerwiesen in der Mittagssonne denken ließ. Er schlang Mejdan die Arme um den Hals und vergrub die Hände in ihrer Mähne, streichelte an ihren zart bepelzten Ohren entlang, die im Gegensatz zu den seinen aufgerichtet waren und sich weitaus beweglicher in verschiedene Richtungen drehen konnten. Er ertastete die kleinen Steinchen, die ihren Rand schmückten, hellgrün natürlich, und umkreiste sie zart mit einer Fingerspitze.

Mejdan seufzte die Augen schließend und begann, mit den Händen unter sein knappes Oberteil zu fahren, um seinen Rücken erkunden zu können. Auch hier das seidige Fell. Sie ließ ihre Finger eine Weile entlang des Rückgrats hindurch kraulen, bis sie zum Schwanzansatz kam, wo sie umkehrte, dort waren ohnehin noch zu viele Kleidungsstücke. Während sie ihn noch einmal küsste, zog sie ihm das Hemd über den Kopf, ließ dem noch einen Kuss folgen, bevor sie ihn vorsichtig von sich schob. "Komm, wir gehen hinein." Mejdan sprach nur noch leise, aus Angst, ihren mit halb geschlossenen Augen träumenden Mann aufzuschrecken. Sachte zog sie ihn an der Hand durch ihr Wohnzimmer zu dem Schlafzimmer hin, das er unaufgefordert nie betreten würde.

Shayde fühlte sich ein wenig, als würde er schweben, als er ihr folgte. Der Alkohol trug das seinige dazu bei, doch hauptsächlich war es die Freude, dass sie mit ihm zusammensein wollte. Mit ihm, den sie immerhin sehr gern hatte, obwohl er eben nur ein Männchen war. Leidenschaft war selten zwischen ihnen, aber die warme Zärtlichkeit, die sie teilten, wenn sie beieinander waren, vermisste er, wenn sie ihn länger nicht zu sich holte. Doch jetzt vergaß er all die leeren Zeiten, als er in ihr ganz privates Reich gelassen wurde.

Das dicke, runde Bett war frisch bezogen worden, die Gardinen darum hatte Carol am Morgen zurückgezogen, drei Lagen von dunklen Stoffbahnen, in die flimmernde Kristallsplitter eingearbeitet waren, so dass man bei nur sehr wenig Licht von innen den Eindruck gewinnen konnte, dass ein Sternenhimmel sich ausbreitete. Vorsichtig schob Mejdan ihren Mann zum Bett hin und entzündete, nachdem sie die Flügeltüren geschlossen hatte, auf der Anrichte daneben ein Windlicht. Alles war perfekt, bis zur Flasche Wasser, die neben dem Bett noch wartete, bis hin zu Shayde, der schmal und verträumt vor dem Bett stand.

Die ruhige Kerzenflamme übergoss Mejdan mit einem leicht goldenen Schimmer, der verblassend die Farben des Sonnenuntergangs zurückzuholen schien. Ihre Augen leuchteten, und ihr liebevoller Blick erfasste ihn und machte ihm deutlich, dass ihre Aufmerksamkeit nun endgültig nur ihm galt. Sein Lächeln wurde sanfter, als er ebenfalls ihren kräftigen, geschmeidigen Körper betrachtete, der dennoch gleichzeitig trotz ihrer Stärke weich war. Er wollte sich an sie schmiegen, ihre Arme um sich spüren und all das Glück auskosten, das nur sie ihm zu geben verstand.

"Du bist wie eine warme Schneeflocke", sagte er leise und erwiderte versonnen ihren Blick. "So wunderschön und einzigartig."

Mejdan lachte auf und schüttelt die Mähne aus, bevor sie mit kleinen Handgriffen die Träger ihres Kleides löste. "Hör auf, Shayde, eines Tages fange ich noch an zu glauben, dass du Recht hast." Sie ließ das Kleid an sich herabgleiten und befreite ihren Schwanz zugleich schnell, bevor sie aus dem Stoffpool heraus und auf ihn zu trat. Kleider waren ohnehin unpraktisch und nur zum Ausziehen gedacht, wenn es nach ihr ging.

Mit wenigen Schritten war sie bei ihm und ließ sich vor ihm auf dem Bett nieder, das weich nachgab. So war sie auf Höhe seines Bauches und drückte gleich einen Kuss auf den Nabel, bevor sie dazu überging seine Hose abzustreifen. Vorsichtig befreite sie seinen Schwanz und nutzte die Gelegenheit gleich, um ihn dort am Rücken sachte zu kraulen, während die Hose leise raschelnd zu Boden fiel.

Shayde seufzte leise auf, als ein kleiner Schauer durch ihn hindurch lief. Ihre Lippen waren angenehm warm auf seiner nackten Haut, und ihr Atem kitzelte ihn leicht. Lächelnd ließ er seine Finger durch ihre Mähne streifen, dann auf die Schultern hinab und über die unregelmäßigen, zartrosa Flecken, die sie störten, da es das reine Weiß unterbrach, die er jedoch mochte. Sie gehörten zu ihr. Sich ein wenig zu ihr hinabbeugend flüsterte er ihr zart ins Ohr "Dann muss ich es öfter sagen, denn es ist nur die Wahrheit."

Er setzte sich auf ihren Schoß und schmiegte sich an sie, vergrub das Gesicht an ihrem Hals, als er die Weichheit ihrer Brüste an seinem Oberkörper spürte. Während seine Hände über den glatten Rücken und zärtlich streichelnd zu ihrem Po wanderten, dort jedoch erst einmal wieder umkehrten, schlängelte sich sein Schwanz liebkosend ihre Beine entlang. Wieder seufzte er vor Wonne, er hatte es sehr vermisst, ihr so nahe zu sein. "Ich liebe dich, Mejdan", murmelte er und nippte an ihrem Hals.

Mit einem kleinen Lächeln zog Mejdan ihn mit sich auf das Bett und beschloss, ihn nicht noch einmal so lange zu vergessen. Studentinnen und Arbeit hin oder her, sie war für ihn verantwortlich, für seinen Körper und seine Seele, so hatte sie es vor dem Ratshaus geschworen, und das würde sie auch so halten, ganz gleich, wen sie wirklich begehrte.

Schon bald schaffte sie es, ihn zu diesem kleinen, beinahe gurrendem Stöhnen zu bringen, und die Wärme zwischen ihnen strafte alle, die ihre Ehe als reine Pflichterfüllung ansahen, Lügen. Viel später, als frischer Wind vom Meer durch das Zimmer strich, zog Mejdan ihren müden und zufrieden blinzelnden Mann dichter an sich, nicht bereit, ihn auf den Weg in sein Zimmer zurückzuschicken.

Shayde spürte die Freude darüber in sich wie ein sanftes, weiches Licht, das ihn ausfüllte. Es machte ihn glücklicher als jeder Erfolg in der Arbeit, als jedes Lob von Professorinnen. Sich eng an den großen, kräftigen Körper seiner Frau schmusend schloss er die Augen, um ihre Nähe so lange zu genießen, wie sie es ihm erlaubte. Doch sie wies ihn nicht von sich, und in angenehme Gedanken verstrickt, wie er sich dafür bei ihr bedanken konnte, driftete er schließlich in den Schlaf.

Die Morgensonne weckte Mejdan genauso wie ein leichtes Kitzeln an der Innenseite ihres Beines. Die Sonne aufgehen zu sehen, schaffte sie selten, meistens war sie schon im Dom, der ausschließlich von künstlicher Beleuchtung erhellt wurde im Inneren. Die feinen Kristallsplitter in ihren Vorhängen um das Bett flirrten und warfen kleine Funken im Zimmer umher; sie erinnerte sich wieder daran, wie schön sie es schon in dem Geschäft gefunden hatte und wie begeistert auch Shayde von den Stoffen gewesen war.

Das Kitzeln war natürlich von Shaydes schlankem Schwanz erzeugt worden, der sich im Schlaf leicht rührte und wand; offensichtlich träumte ihr kleiner Mann etwas Aufregendes, seine Augen bewegten sich ebenso wie seine Finger.

Mejdan streckte und wand sich vorsichtig aus seinem Arm, um die Nacht zu zweit mit einem Frühstück im Bett zu vervollständigen. Es war erst kurz nach sechs Uhr, die Sonne war also gerade erst aufgegangen, und sie hatten noch reichlich Zeit. Nachdem sie sich einen kurzen Morgenmantel übergeworfen hatte, ging sie auf der Suche nach Frühstück zur Küche.

Shayde rollte sich nur mit einem kleinen Laut in der Wärme der Deckenmulde zusammen. Sein Wecker, der ihn gewöhnlich mit dem fröhlichen Jubelsang immer anderer Vögel begrüßte, war stumm, so dass er noch Zeit haben musste. Zwar nahm er die Bewegung wahr, doch sie integrierte sich vollendet in seinen Traum, so dass er nicht aufwachte.

Carol war noch nicht aufgestanden, ihre Arbeitszeit begann für gewöhnlich erst gegen neun, wenn Mejdan und Shayde schon außer Haus waren. Also kochte Mejdan den starken Kaffee, den sie trank, selber auf, wie so oft, wenn ihr noch ein Moment Zeit blieb am Morgen, und stellte Milch und Obstsalat mit Honig und Nüssen dazu auf ein Tablett. Eines ihrer Lieblingslieder summend ging sie vom Obstsalat schon naschend zu ihrem Schlafzimmer zurück.

Die volltönende Stimme weckte Shayde schließlich doch. Gähnend rieb er sich mit den Rückseiten der Hände über die Augen, streckte er sich von den Finger- bis hin zur Schwanzspitze durch und blinzelte erst dann zur Decke empor. Kleine, glitzernde Lichtpunkte über ihm empfingen ihn wie Sterne, und der sanfte Duft nach frischen Gräsern, der Mejdan immer umgab, ließ ihn lächeln, noch ehe er richtig wach war.

In das Summen mischte sich ein leises, dunkles Auflachen; Shayde hob den Kopf, während ihm bewusst wurde, dass er noch immer im Schlafzimmer seiner Frau war. Sein Lächeln vertiefte sich, und seine Wangen röteten sich vor Freude über das Lob und die Zuneigung, die sie ihm damit bewies. Rasch richtete er sich ganz auf, sah, dass sie sogar Frühstück geholt hatte und sprang hastig auf, um ihr das Tablett abzunehmen.

"Du hättest mich wecken sollen", sagte er liebevoll, gleichwohl jedoch ein wenig scheltend. "Das wäre meine Aufgabe gewesen. Ich wünsche dir einen wundervollen Morgen."

"Unsinn, dann hättest du versucht, den Kaffee zu kochen, und der ist mir immer zu schwach", versetzte sie gut gelaunt und schob ihm eine Tasse und die Milchkanne hin, bevor sie sich wieder erhob, um die Kleidung für den Tag zurecht zu legen. Ein leichter ärmelloser Anzug aus hellbeigem Stoff erschien ihr am besten geeignet.

Shayde und sie tranken noch gemeinsam Kaffee und redeten kurz darüber, wo die Jungs, beide immerhin erst zwölf Jahre alt, hingehen sollten. Mejdan fragte Shayde, ob er wusste, welcher Juwelier in der Stadt verlässlich genug sei, um den Hochzeitsschmuck für die beiden stilvoll herzustellen, wo sie die traditionelle Kleidung kaufen sollten und die Geschenke für den ersten Ehemann von Omair, der so versöhnt werden sollte, dass er nun die Aufmerksamkeit der Frau teilen musste.

Schließlich hatten sie zu lange geredet und Mejdan bemerkte, dass Shayde sich beim Anblick der Uhrzeit erschrak. "Na, du beeilst dich wohl besser, um nicht zu spät zu deiner Verabredung zu kommen. Ich hole dich um zehn vor dem Haupttor ab, sei auch dort bitte pünktlich, ich werde nicht lange warten." Sie küsste ihn noch einmal leicht auf die Wange und wandte sich dann ihrem Bad zu, um sich ebenfalls vorzubereiten. Bevor sie in die Stadt fahren würde, hatte sie noch Post in ihrem Büro durchzugehen und ein Treffen mit zwei Kolleginnen, die sie auch gleich zum Hochzeitsempfang einladen würde.

Shayde raffte die Hose und die Sandalen auf, die noch vor dem Bett lagen, dann hastete er in sein eigenes Zimmer. Mejdan betrat es nur selten, deswegen hatte er es in hellen Sandtönen und nicht nach ihrem Geschmack eingerichtet. Es hatte ihn damals maßlos überrascht, dass sie ihm gänzliche Freiheit darin ließ.

Er warf die Hose auf das seiner Größe angepasste Bett, dem geschickt gebundene Stoffbahnen das Aussehen einer gemütlichen Kuschelhöhle gaben, dann eilte er sich, um zu duschen und sich anzuziehen, beinahe noch ehe sein kurzes Fell auf Kopf und Rücken trocken war.

In Anlehnung an Mejdans Kleidung wählte er braun, die Bordüren waren mit einem leichten Goldschimmer zusätzlich abgesetzt. Erst verfing er sich in den Hosenbeinen, dann bekam er vor Hektik seinen Schwanz kaum eingefädelt, doch schließlich war er fertig, so dass er sich zwar sputen musste, jedoch nicht zu spät kommen würde.

Noch während er das Haus verließ, zog er sich den Armreif mit dem Ring über, passend an diesem Tag mit Bernstein versehen. Er winkte der Gärtnerin und ihren Gehilfen, die sich ein Lächeln über seine Eile verbiss und grüßte etwas später zwei Techniker, die er überholte. Doch auch, wenn er Ruhe eigentlich vorzog, hätte er nicht im Geringsten auch nur einen Augenblick der Nacht und des Morgens ungeschehen gemacht. So gut gelaunt und strahlend war er schon seit Wochen nicht mehr gewesen.

Als er jedoch im Dom ankam, dessen mit Spiegeln verkleidete Front wie ein blauer Diamant glitzerte, und seine Uniform aus seinem Spint holen wollte, ehe er in den Sicherheitstrakt Einlass fand, kam ihm bereits Professorin Anjum entgegen, mit der er eigentlich verabredet gewesen war. Er grüßte sie höflich zuerst, ehe sie seinen Gruß erwiderte und sofort weitersprach.

"Knapp pünktlich, Shayde, aber du hättest sogar verschlafen können." Unwillig peitschte ihr Schwanz mit der hübschen Quaste hin und her. "Sie speisen die Daten einer neuen Person ein, dann muss das System gebootet werden. Bis dahin sind die Logs gesperrt."

"Oh." Shayde blinzelte verwirrt und sah unschlüssig auf die rotgraue Uniform, ehe er die Tür wieder schloss und mit Handdruck versiegelte. Gleichzeitig begann er schon, sich Sorgen um Timm zu machen. Damit würden sie auch an der Erinnerungsdaten der anderen Dorfbewohner herumspielen, und jedes Mal danach wusste Shayde nicht, was Timm sich nun behalten hatte und von ihren Gesprächen noch geblieben war. Es schmerzte ein wenig, wie immer, dass sie seine Persönlichkeit sogar würden verändern können, wenn sie es wollten. "Das haben sie aber nicht angekündigt, oder? Wann sind sie fertig?"

Die Professorin schnaubte verärgert. "Nicht vor morgen früh. Das heißt, unser Treffen hat sich damit erledigt." Dann zuckte sie jedoch mit den Schultern, seufzte und lächelte ihn an. "Nun ja, ich werde mich beschweren, dass sie beim nächsten Mal zumindest einen Aushang machen. Kann ich dich auf einen Kaffee einladen?"

Shayde nickte freudig überrascht, und so verbrachte er die Zeit, bis Mejdan ihn abholen würde, in dem Dom-Café und unterhielt sich mit seiner Kollegin über kommende und vergangene Kurse und neuartige Lehrmethoden. Dieses Mal vergaß er die Zeit jedoch nicht, und so stand er kurz vorher schon am Haupttor und wartete auf seine Frau.

Mejdan lenkte den Gleiter mit einer Hand, während sie mit der anderen den leichten, warmen Fahrtwind genoss. Sie hatte mit den Kolleginnen gesprochen und erfahren, dass die eine von ihnen gezögert hatte und sich nun ärgerte, weil sie eigentlich vorgehabt hatte, ihr ein Heiratsangebot für ihren einen Sohn Jaide zuzutragen. Gut gelaunt stellte Mejdan fest, dass die beiden Jungs bei ihrem letzten Besuch vor vier Monaten sehr offensichtlich einen guten Eindruck auf den Empfängen hinterlassen hatten. Wohl erzogen, intelligent, aber nicht zu modern eingestellt, das war bei gerade den Professorinnen in Mejdans Alter, die mit Mitte Dreißig ihre zweite oder dritte Ehe anbahnen wollten, sehr beliebt. Zudem stellte es sie zufrieden, dass die von ihr kommenden Söhne so angesehen waren, fast überlegte sie schon, ob sie selbst nicht noch einmal heiraten sollte, aber dieser Gedanke wurde von Shaydes Anblick weggefegt.

Im Schatten der mittlerweile anständig großen Palmen um den Dom stand er schon da, sah jedoch nicht aufmerksam auf die Straße, sondern blinzelte einem Falterpärchen hinterher, das in Braun und Gold schimmernd zwischen den Blumen in den Rabatten hin und herflatterte.

Sie schüttelte lächelnd den Kopf und fuhr besonders rasant um die letzte Biegung, um den Wagen dicht vor seinen Füßen anzuhalten. "Na, mein Träumer? Bereit für die Stadt?" Sie öffnete ihm die Flügeltür, denn im Gegensatz zu ihr sprang er nicht einfach darüber hinweg. "Shayde, sieh doch bitte mal auf meiner Karte nach, ob wir noch zur Aufladestation müssen, nicht dass ich den Jungs zuviel versprochen habe und nun nichts mehr kaufen kann."

Rasch stieg Shayde ein und schenkte Mejdan ein Lächeln, während er das leise Surren hörte, mit dem die Sicherungen aktiviert wurden, die ihn im Falle eines Unfalls halten und vor Schaden bewahren würden. Nicht, dass er das bei Mejdan befürchtete. Während seine Frau losfuhr, nahm er ihre Tasche aus dem kleinen Fach vor dem Beifahrersitz, suchte die Karte heraus und überprüfte sie, nach ihn der winzige Scanner auf Berechtigung überprüft hatte. "Dreihundertsiebzehn Einheiten. Es könnte reichen, je nachdem, was sie wollen. Sicherer wäre es, wenn wir noch mal aufladen."

Er steckte sie wieder weg und ließ seinen Blick über die an ihnen vorbeiziehenden Hügel gleiten, auf die zahllose Blumen farbige Tupfen malten. Doch seine Gedanken huschten bereits wieder zu Timm. "Ich hätte mich gar nicht eilen brauchen. Sie haben die Logs gesperrt, weil sie eine neue Personendatenbank einspeisen", erzählte er von seiner leichten Nervosität ein wenig ungehalten. "Ohne Ankündigung natürlich. Und ohne mit den Professoren Rücksprache zu halten."

Mejdan streifte ihn mit einem Blick. "Schon wieder? Was denken sie sich denn? Wie soll es noch eine Kontrollgruppe bleiben können, wenn wir nicht einmal wissen, wer dort so alles seine Finger in den Daten der Menschen hat?" Sie schüttelte den Kopf, aber verließ das Thema mit einem ablenkenden "Eigentlich haben wir unsere freien Tage, also sollten wir den Dom auch für diese Zeit einfach mal vergessen." Sie zwinkerte Shayde zu. "Selbst wenn es dir schwer fällt, ich weiß."

Als sie die Sicherheitstore hinter sich gelassen hatten und über die Fernstraße durch das offenen Land glitten, legte sie den Arm um ihn und fischte ihre Sonnenschutzgläser heraus. "Was für ein herrlicher Tag! Also, die Karte wird auf jeden Fall aufgeladen, mein Sternchen. Ich bin heute in Verschwenderlaune!"


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