Illusionen

4.

Timm blinzelte knurrend, warf dann einen gequälten Blick durch das kleine Giebelfenster und sah ein Stück blauen Himmel. Es war schon recht spät am Morgen, auf jeden Fall Zeit, um aufzustehen und das Mittagessen vorzubereiten. Allerdings gab es ein Problem, er hatte Kopfschmerzen, grausam, durch seine Augen in die Tiefe des Schädels ziehende, bohrende und Übelkeit verursachende Schmerzen.

"Jack?" An seiner Stimme hörte er selber schon, dass es ihm nicht gut ging. Die Übelkeit nahm ab, nachdem er sich wieder zurückgelegt hatte und die Augen fest geschlossen hielt. "Jack? Bist du in der Nähe?" /Das muss an dem Glühwein gelegen haben. Verdammt. Aber bin ich denn überhaupt dazu gekommen, so viel zu trinken?/ Der Abend und die Erinnerungen daran verschwammen, Timm stellte fest, dass er wirklich zuviel getrunken haben musste, das war doch sonst nicht seine Art.

Jack stand von dem vom Alter mit zahlreichen Kerben versehenen Tisch, an dem er gesessen und in seinen Aufzeichnungen geblättert hatte. Er schob die losen Blätter zusammen und legte sie in ihre Schublade zurück, ehe er zu Timm kam und sich an die Bettkante setzte.

"Bleib liegen, Schatz. Ich bin da." Mit einem feuchten Tuch wischte er ihm das Gesicht ab und beugte sich dann über ihn, um seine Stirn zu küssen. "Ich habe dir einen Tee gekocht, der wird dir gut tun."

Er selber war früh am Morgen mit einem Gefühl aufgewacht, als wäre die Welt neben ihn gerutscht. Alles war in eigenartigen Nebel gehüllt, der zwar die Umgebung nicht sichtbar dunstig machte, jedoch für eine eigenartige Unschärfe in seiner Wahrnehmung sorgte, als sei er nicht fähig, sich auf auch nur ein Ding zu konzentrieren. Eine Weile lang hatte er Probleme gehabt, sich auch nur daran zu erinnern, wie er hieß.

Doch nach einigen Momenten, die er blicklos in den Raum gestarrt hatte, war das Gefühl verflogen. Dafür wusste er jedoch, dass Timm üble Kopfschmerzen haben würde; das war immer so an Tagen wie diesen. Böse Winde hatte das jemand irgendwann genannt, doch Jack konnte sich nicht erinnern, wer es gewesen war. Vorsichtig half er Timm, sich gerade weit genug aufzurichten, um trinken zu können, und hielt ihm dann die Tasse an die Lippen.

Timm blickte dankbar in Jacks schlankes Gesicht hoch und nippte die bittere Flüssigkeit, pustete und nippte noch einmal, nach und nach verflogen die Schmerzen und wandelten sich zu einem dumpfen Pochen und einem Gefühl, in Wolle zu leben. Alles war wie gedämpft.

Nachdem er die Tasse geleert hatte, wurde es klarer um ihn her und allmählich verschwanden die Schmerzen. "Meine Güte, diese Tage der bösen Winde machen mir immer schrecklich zu schaffen, Jack. Danke, dass du es mit mir aushältst."

Sachte strich Jack ihm die blonden Strähnen aus den Augen, ordnete sie ein wenig, indem er mit den Fingern hindurchkämmte und lächelte. Warme Zuneigung erfüllte ihn. "Dafür hörst du dir geduldig meine beständigen Vorahnungen an, ob sie sich bewahrheiten oder nicht. Aber gestern habe ich dir gesagt, dass etwas Unangenehmes passieren wird, und heute hast du Kopfschmerzen. Siehst du?" Er stupste ihm mit einem Finger auf die Nase und lachte.

Timm schaffte es, seinen Teil der Arbeit bis zum frühen Nachmittag beendet zu haben. Es war, entgegen seiner Gefühle, ein schöner Tag draußen. Der feine Schnee glitzerte im schwachen Sonnenlicht, und die Fischer schafften es, ihre Reusen am Ufer des Sees unter das dünne Eis zu bringen. Als er seine Milchkanne zum Bauern am Ostrand des Dorfes trug, um frische Milch gegen eine Kanne selbstgebrauten Bieres zu tauschen, begegnete er Korben, dem Fährmann und grüßte ihn mit einem kleinen Nicken.

Seit seine Tochter wieder bei ihm lebte, ließ der Mann sich nur noch sehr selten in Timms Schankstube sehen. Diese junge Frau schien ein strenges Regiment über ihren Vater zu führen. Kurz meinte Timm sich zu erinnern, dass Korben früher einmal zuviel getrunken hatte, aber der Gedanke blieb eine undeutliche Erinnerung. /Werde ich schon wie Jack? Überall versteckte Geheimnisse sehend?/ Er tat den Gedanken mit einem Grinsen ab und vergaß ihn über die Unterhaltung mit der Bauernfamilie.

Während Jack das Essen vorbereitete und gleichzeitig die Küche wieder aufräumte, die Vorräte überprüfte und notierte, was nachgefüllt werden musste, gleichzeitig auch nach ihrem Zustand sah und ein paar faule Kartoffeln aussortierte, gingen ihm seine Aufzeichnungen des vergangenen Abends nicht aus dem Kopf. Er erinnerte sich, dass er sie geschrieben hatte, wenn auch nicht mehr, was genau es gewesen war.

Viel stand auch nicht auf dem groben Papier, das er am Morgen angeschaut hatte. Er hatte von dem bedrohlichen Gefühl berichtet, dass Shayde trotz des schlechten Wetters gekommen war und dass der Fährmann wieder zu viel trank. Nur trank Korben schon seit Jahren kaum noch; seit der Rückkehr seiner Tochter aus der Stadt, um genau zu sein.

Verwirrt wartete Jack auf die Rückkehr seines Mannes, während er darüber grübelte, wie er ihn unauffällig fragen konnte, ohne dass dieser ihn gleich wieder mit diesem leicht amüsierten Blick ansah. Dummerweise kannte Timm ihn gut genug, um es bestimmt sofort zu wissen, gleichgültig, welche Taktik er sich zurecht legte. Als Timm durch den Schankraum in die Küche kam, nahm Jack ihm die Milchkanne ab, um sie in den kühlen Vorratsraum zu bringen und fragte dann auch direkt "War Korben gestern hier, Schatz? Erinnerst du dich noch? Oder hat Shayde dich wieder mit seinen Diskussionen verwirrt?"

Timm runzelte die Stirn. Seine Kopfschmerzen waren zwar wieder fort, aber dafür auch seine Erinnerungen an den Abend zuvor. "Tut mir leid, Jack. Wie immer, wenn ich Kopfweh gehabt habe, ist meine Erinnerung an den Vortag wie weggeblasen. Aber Korben trinkt doch seit Jahren nicht mehr. Wenn er gestern bei uns war, dann doch höchstens, um sich bei einem Glas Tee die Neuigkeiten aus der Nase ziehen zu lassen, die er von Händlern aufgeschnappt hat."

Timm wandte sich dem Wildbrett zu, das er für den Bratspieß über dem Feuer zubereiten wollte. /Shayde./ Nachdenklich starrte er in die Flammen. Ihm war, als hätte er beim Anblick des Schnees an den Priester gedacht, mit dem er so gern redete. /War es, weil ich ihn nach dem Schnee fragen wollte? Nach der Schönheit, ob und wie sie Zufall sein kann?/ Ein Gefühl wie innere Gänsehaut erfasste Timm, und er hielt unbewusst seine Finger nach den Flammen aus, um sich aufzuwärmen. So nebensächlich, wie er konnte, fragte er über seine Schulter "Waren die Priester denn wirklich gestern da?"

Jack schwieg einen Moment lang, während er die Tür zur Vorratskammer besonders sorgfältig schloss, als wäre das wichtig. Seine Finger glitten über das um die Klinke glatte, von der Benutzung abgeschmirgelte Holz, während er den Riegel vorlegte, der die Tür daran hinderte, von allein wieder aufzuschwingen. Mit einem Mal war er sich nicht mehr sicher. Zwar meinte er, sich an sie erinnern zu können, auch daran, dass zwei über Nacht geblieben waren, doch die Gästezimmer waren alle ordentlich und sauber gewesen, und er hatte sie weder aufgeräumt noch geputzt.

"Ich glaube schon", sagte er schließlich und überlegte, ob er nicht doch dem Abt von seinen Unsicherheiten erzählen sollte. "Aber es ist alles ein wenig verschwommen..."

In regelmäßigen Abständen kam das Oberhaupt des Ordens, dem auch Shayde angehörte, vorbei und ließ sich von den Dorfbewohnern ihre Sorgen und Nöte berichten, half, wo er konnte, spendete Trost und Segen – und fragte nach ungewöhnlichen Vorkommnissen.

Er war nett und zuvorkommend, und Jack mochte ihn gerne, wie eigentlich jeder im Dorf, doch er traute ihm nicht. Nicht zumindest, was seine Sorgen betraf. Abrupt wandte er sich von der Tür ab und trat zu Timm, um ihn feste von hinten zu umarmen und ihn an sich zu drücken, nur um ihn zu spüren, als ihm ein kalter Schauer den Rücken hinab lief und mit ihm die Angst kam, seinen Gefährten zu verlieren. Ihn festzuhalten half ein wenig.

Timm seufzte leise und drehte sich zu Jack um, damit sie sich gegenseitig umarmen konnten. "Mein Kleiner, irgendwie ist es an manchen Tagen komisch mit unseren Köpfen. Ob die Wassernixen in unseren Träumen mit uns spielen?" Doch dann lachte er auf und drückte Jack noch einmal fester an sich. "Jack... wenn schon unsere Köpfe ein wenig durcheinander sind, meinst du, unsere Körper können dann nicht ohnehin ein Weilchen für uns übernehmen?" Mit festem Griff umfasste er den Hintern seines Gefährten, während er ihm lockend ins Ohr raunte "Ich denke nicht, dass die ersten Gäste früher als in einer Stunde eintreffen werden."

Ein wenig hatte er schon ein schlechtes Gewissen, denn eigentlich war es nicht Jack ausschließlich, nach dem er sich sehnte, nur einfach jemand. Jemand, der ihm ein Gefühl gab, wo in diesem Moment merkwürdig weiche Leere zu sein schien. Und jemand, der die Gedanken fort nahm. An Shayde, an die Priester, an die verlorene Erinnerung. Timm hob den Kopf, um zu Jack aufzusehen und ihn zu küssen, gleich drauf spürte er die harschen Berührungen seines Geliebten unter seinem Hemd bereits und seufzte die Augen schließend.

 

Mejdan war noch immer außerordentlich gut gelaunt. Alles war sehr zufriedenstellend verlaufen. Ihre Söhne waren in einem pünktlichen Fernfluggleiter angekommen und hatten sich zu ihrem Vorteil verändert. Die weichen Schlappohren stellten sich an den Rändern leicht auf, wie es sich für ein ordentliches Männchen gehörte, und ihr weißes Fell leuchtete gepflegt in der Sonne.

Sie trugen keine neumodischen Haarbilder über ihren Köpfen oder gar Ohrringe und benahmen sich sehr artig, folgten ihr und Shayde in die Läden zum Einkaufen, erzählten von ihrer Ausbildung und aßen mit leuchtenden Augen von dem teuren Eis, das Mejdan ihnen ausgab. Anschließend trennten Mejdan und Shayde sich für eine Weile. Während sie die Hochzeitsanzüge für ihre Jungs und den entsprechenden Schmuck mit einigen Steinen zum Austauschen bestellte, sollte Shayde mit den beiden spazieren gehen und ihnen erklären, was auf sie zukommen würde.

Shayde sprach wenig von der Hochzeit an sich. Wie die Zusammenführung erfolgte, dass ihre zukünftige Frau im Ratshaus versprechen würde, auf sie zu achten und für ihr Wohlergehen zu sorgen, die Worte der Beamtin, die sie aneinender binden würde, und dass die Hochzeitsanzüge die Farbe ihrer Geburtsgöttin haben würden, wussten die beiden; es gehörte ebenso zu der Ausbildung wie das richtige Verhalten den Weibchen gegenüber, denen sie nicht versprochen waren, denen aus weniger angesehenen Clans, wie ihre Rechte und Pflichten in der Ehe.

Was er ihnen jedoch erzählte, war, dass Mejdan ihnen eine gute Frau gesucht hatte, die ihnen Freiheiten lassen würde. Er erzählte das, was er über sie wusste und was ihn froh stimmte, erzählte, dass sie zusammen bleiben durften, was auf beiden Gesichtern ein erleichtertes Strahlen hervorrief. Er beantwortete zahllose Fragen zu dem ersten Ehemann, so gut er es vermochte, zu der Stadt, in der sie leben würden und ob die Eltern zu Besuch kommen würden.

Mit einem kleinen Lächeln beobachtete Mejdan die drei, weil sie früher zu ihrem Treffpunkt, einem Aussichtcafé über dem Stadtpark, zurückgekehrt war. Sie waren zierlicher als viele der anderen Männchen und bewegten sich mit flüssiger Eleganz. Die schlanken Schwänze glitten eben gerade über den Erdboden entlang, ganz wie es ihnen beigebracht wurde, sie ließen sie weder schleifen wie die Söhne eines anderen unglücklichen Männchens, noch stellten sie ihre Schwänze kriegerisch wie dicke Bürsten auf, was nur peinlich war und in den Augen der wenigen Weibchen im Park zu Missbilligung führte.

Als Shayde zufällig hochblickte, winkte Mejdan ihnen zu und betrachtete zugleich die Gesichtsausdrücke ihrer Söhne forschend. Sicherlich hatte Shayde ihnen schon einiges über die Hochzeit und über ihre Rechte und Pflichten in der Ehe erzählt, sie wirkten ein wenig verschüchtert.

Shayde umarmte seine Söhne, denn obwohl sie seit dem Tag ihrer Geburt eigentlich nur auf die Ehe vorbereitet worden waren, kam es nun doch ein wenig plötzlich und ängstigte sie. Sie waren im Gegensatz zu ihm nicht versprochen gewesen und hatten sich demnach freier fühlen können. Dennoch kannte er das Gefühl, auf eine noch gesichtslose Frau zu warten, von der man nur den Namen wusste. Er nahm sie bei den Händen, wie er es nur gemacht hatte, als sie noch klein gewesen waren, und kehrte mit ihnen zu Mejdan zurück.

Nach Kuchen für die Jungs, einem cremigen Milchkaffee für Shayde und Dheiba, einer Süßigkeit aus Honig und Nüssen, für Mejdan, für die sie alles andere stehen und liegen lassen konnte, kehrten sie zu ihrem Gleiter zurück. Auf der Heimfahrt waren Javier und Jaide recht still, erst als sie das Labor schon fast erreicht hatten, begannen sie schüchtern, auch Mejdan Fragen über die andere Ärztin zu stellen.

Mejdan war im Geiste eher bei der Planung des Empfangs für Omair, die sie seit der Universität nur noch auf Kongressen gesehen hatte. Die Fragen von Shaydes Söhnen machten ihr klar, wie wenig sie selbst wusste, und das betrübte sie ein wenig. Deswegen beantwortete sie die Fragen zumeist nur vage und forderte die Jungs auf, sich bis zu Omairs Ankunft zu gedulden.

Sie setzte die Jungs und Shayde bei ihrem Bungalow ab und ging in den Dom, um noch einmal ihre Post zu holen und auf den Speicher für ihr Lesegerät daheim umzuladen. Ihr kleiner Sekretär war schon gegangen, er hatte nur noch die liegengebliebene Arbeit erledigt und ihr eine Notiz hinterlassen, dass er wie zuvor abgesprochen mit seiner Frau, einer Schutzangestellten, in den Urlaub gefahren war.

Ein Brief von Omair besorgte sie ein wenig. Omair hatte Auskünfte über Javier und Jaide eingezogen und verfügte nun schon einmal, dass der musisch begabte Javier auf eine entsprechende Schule gehen würde und Jaide einer wissenschaftlichen Laufbahn folgen konnte, jedoch sicherlich nicht entsprechend der Erwartungen, die Shayde erfüllte. Eine Professur für ein Männchen unterstützte ihr Clan nicht, schrieb Omair und hoffte auf Verständnis und eine gute Einigung.

Mejdan wandte ihre Schritte den Loglabors zu, eigentlich weniger, um die Anlagen ihren Tests zu unterziehen, als vielmehr, um sich noch ein wenig Zeit zu geben, wie sie den Heiratsvertrag formulieren sollte und wie sie Shaydes Söhne vorbereiten konnte.

Kurz vor dem Hochsicherheitstrakt, in den nur ausgewiesene Professorinnen und die Studentengruppen gelangten, wurde Mejdan von einer Schutzfrau in roter Uniform aufgehalten. "Tut mir leid, Professorin al Chiraz, sie dürfen bis zur Beendigung der Arbeit der Informatiker nicht einlogen."

"Auch nicht die Anlage warten?"

"Nein, tut mir..."

"...Leid, ich weiß. Gibt es dieses Mal wenigstens einen Grund?"

Die Schutzfrau hob die Schultern, eine hilflose Geste zwar, aber sie trat nicht beiseite. Ein wenig verärgert wandte Mejdan sich ab und fuhr nach Haus.

 

Der Bungalow lag schon hier und dort erhellt da, und in der Küche konnte Mejdan Carol werkeln sehen. Sicherlich war sie dabei, voller Begeisterung für die jungen Gäste etwas zu essen zu fertigen. Die beiden Jungs spielten im Garten mit zwei Jungs von einer Kollegin von Mejdan und Shayde mit einem fliegenden Ball.

Mejdan nutzte die Gelegenheit und ging rasch und von ihnen unbemerkt zu Shayde. Zum einen, um die Kleidertaschen von ihm und seinen Söhnen dorthin zu bringen, zum anderen, um mit ihm über den Empfang zu reden. Sie war schon länger nicht mehr in seinem Zimmer gewesen, aber sah sich nur flüchtig in dem hellen Raum um.

"Na, mein Sternchen, was hast du dir denn alles in der Stadt gekauft?", begann sie die Unterhaltung auf sicherem Feld.

Shayde kannte seine Frau gut genug, um zu wissen, dass es nicht das war, was sie eigentlich beschäftigte, zumal sie ihn aufgesucht hatte, was ihn ein wenig nervös werden und ihn sich gleich fragen ließ, ob es ihr überhaupt gefiel. Doch er ließ es sich nicht anmerken und wies nur mit einem Lächeln auf einen der gemütlichen Rundsesseln, deren Polster und Konstruktion einen Spalt hinten an der Lehne freiließ, um den Schwanz hindurchhängen zu lassen, wenn man ihn nicht anziehen wollte. "Magst du dich setzen?"

Erst, als sie Platz genommen hatte, holte er die Tasche mit seinen Einkäufen hervor und zeigte ihr den neuen, braun melierten Anzug und ein wenig an Schmuck. Viel war es nicht, er war zu sehr mit seinen Gedanken bei der Hochzeit und seinen Söhnen gewesen, um wirklich Muße zum Einkaufen zu haben.

Mejdan streifte sein merkwürdig klein wirkendes Bett mit einem Blick, bevor sie sich auf den Polstern niederließ, um die Kleidung zu sehen. Er mochte natürliche Brauntöne, die zu seinen Augen auch herrlich aussahen. Im Geiste notierte sie sich, ihm entsprechende Orchideen zu schenken, wenn die Woche seiner Geburt kam.

Endlich legte er die Tüte fort und sah sie fragend an, natürlich wusste er, dass sie ihn hatte sprechen wollen. Sie klopfte auf das Polster neben sich "Ich wollte dir noch von Omairs letzter Nachricht erzählen, Shayde."

Sie warf einen Blick zur Tür, aber die Jungs waren nicht zu hören, schienen noch im Garten zu sein. "Sie hat durch ihre Informanten erfahren, dass Javier musikalisch genug für die Musikschule ist und wird ihn dorthin senden. Jaide hingegen soll eine ähnliche Ausbildung erhalten wie du. Ähnlich leider nur, er wird vermutlich wissenschaftlicher Assistent werden, denn ihr Clan erlaubt Männchen nicht, Forschung zu betreiben oder gar Professor zu werden." Aufmerksam sah sie ihn an, bevor sie endete "Ich stimme ihr natürlich nicht zu, aber wir müssen anerkennen, dass nicht alle Clans so frei sind wie der al Chiraz. Ich möchte also, dass du deine Söhne heute Abend nach dem Abendessen informierst."

Traurig ließ Shayde seine geknickten Ohren noch ein wenig mehr hängen. Zwar würden Javier und Jaide die gleiche Frau heiraten, aber sie würden nicht zusammen bleiben können, zumindest nicht allzu lange. Das fand er wesentlich betrüblicher als die Tatsache, dass sie nicht Professor werden konnten. Er lehnte den Kopf an Mejdans Schulter und spürte, wie sie ihren Arm um ihn legte und leicht an sich drückte. "Ja, das müssen wir wohl. Ich werde mit ihnen sprechen, Mejdan." Dann richteten sich seine Ohren jedoch wieder auf, und er lächelte schon wieder leicht. "Sie werden sich dennoch freuen. Javier hat auf eine Musikschule gehofft, und ich denke, auch Jaide wird seine weitere Ausbildung schnell zu schätzen wissen."

Mejdan hatte schon damit gerechnet, das Shayde betrübt sein würde und tröstet ihn mit einer Umarmung, dann stellte sie fest "Vielleicht sehen sie sich dennoch häufiger im Hause der Familie, dieser Clan gibt reichlich Empfänge, und zu diesen wird von den Männchen der Familienoberhäuptern immer Anwesenheit verlangt." Sie berichtete ihm zur Ablenkung dann noch davon, dass die Logs weiterhin gesperrt waren, sogar die Vorräume, und versprach ihm, eine entsprechende Bitte um frühere Mitteilung einzureichen. "Ist doch auch unmöglich! Nur, weil die meisten Professorinnen nicht die Zeit für ein Log finden, heißt dies doch nicht, dass alle nichts mehr dort zu erledigen hätten!"

"Anjum ist mit uns ganz einer Meinung. Ich denke, sie wird ebenfalls einen Antrag stellen." Shayde schob seine Hand unter ihre und war wieder einmal glücklich, eine so verständnisvolle Frau zu haben. Ihm als Mann stand es nicht zu, so etwas anzumerken, selbst wenn er Professor war. Er schmuste sein Gesicht an ihren Hals und hoffte, dass seine Söhne auch nur annähernd so zufrieden mit Mejdans Wahl für sie sein konnten und dass Freundschaft zwischen den Ehemännern herrschen würde. Immerhin hatten sie sich zur Gesellschaft, auch wenn ihr Studium abgeschlossen war, und würden nicht an Einsamkeit leiden müssen. Das zumindest stimmte ihn froh, auch wenn es seine Gedanken unweigerlich wieder zu Timm und ihr Gespräch über Einsamkeit lenkte. Wie es ihm wohl ging?


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