Illusionen

5.

Zufrieden ließ Shayde den Blick über seine beiden Söhne gleiten. Gut sahen sie aus in ihren neuen Anzügen, die wie die Hochzeitsanzüge in Blaugrün, der Farbe von Nahdi, der Göttin ihrer Geburt, gehalten waren. Das weiße, kurze Fell auf dem Kopf und dem von den Hemden freigelassenen Rücken schimmerte leicht; er hatte es mit einem Hauch Öl eingerieben, was zusätzliche Weichheit verlieh und eben jenen besonderen Glanz.

Am Schwanz trugen sie die drei mit Kettchen verbundenen Ringe, die zeigten, dass sie versprochen waren. Javier und Jaide empfanden sie noch als unangenehm, doch lange würden sie damit ja nicht herumlaufen müssen. Shayde lächelte, als er daran dachte, dass ihn selber eher ihr Verlust gestört hatte. Immerhin war er mit ihnen aufgewachsen.

Rasch warf er noch einmal einen Blick in den Spiegel und überprüfte sein eigenes Aussehen. Für den Empfang hatte er sich den braunmelierten Anzug ausgesucht, der ihm gut stand; es war wichtig, dass er einen positiven Eindruck machte, selbst wenn das Versprechen schon fest war. Es waren ja seine Söhne. Er lächelte den beiden aufmunternd zu, die sich unsicher und sehr aufgeregt an den Händen hielten, sich jedoch rasch losließen, als Mejdan das Zimmer betrat.

"So, alles ist vorbereitet, und ich sehe schon, dass ihr es auch seid. Ihr seht wunderschön aus, alle drei!" Energischer, als es ihr in dem eng geschnittenen Anzug möglich sein sollte, ging sie auf die drei zu und umarmte sie spontan der Reihe nach.

"Dann wollen wir mal. Omair und ihr erster Gatte sind bereits im Hotel auf dem Gelände angekommen." Dort sollte der Empfang auch stattfinden, und Mejdan beabsichtigte, vor allen Gästen und vor allen Dingen vor der Familie al Sabeer in den Räumlichkeiten zu sein.

Das Hotel war für Gäste der Professorinnen gedacht, sowie für die Familien der Studentinnen, die sich die Anlage am Meer zuerst ansehen wollte, bevor sie ihren Töchtern und gelegentlich einmal Söhnen erlaubten, dort zu studieren. Es lag am anderen Ende der Anlage dicht am Meer und verfügte über einen großen Pool, um den herum die Tische mit dem Büffet bereits aufgebaut worden waren. Kellner in violetter Livree polierten noch hohe Gläser für den Begrüßungscocktail, und die Band baute ihre Instrumente auf, als Mejdan mit ihrem Angetrauten erschien.

"Ah, meine liebe Mejdan!" Die bekannte Stimme ihrer Mutter ließ Mejdans Mähne hoch stehen. Sie hatte es so eingerichtet, dass ihre Mutter garantiert nicht würde erscheinen können; wie war es nur passiert, dass sie dennoch auftauchte? "Mutter." Sie verbeugten sich traditioneller als sonst voreinander, und Mejdan wedelte leicht mit den Fingern, um Shayde dazu zu bringen, mit den Jungs zu verschwinden.

Die nächste Stunde wurde grauenhaft. Shayde wurde natürlich am Verschwinden gehindert und genauestens begutachtet. Natürlich wurden die abfälligen Worte über seine Unfähigkeit, ein Mädchen zu zeugen, nicht ausgelassen, dann wurde er herumgescheucht, um Mejdans Mutter einen Drink zu besorgen. Endlich, als Omair angekündigt wurde, war Mejdan selbst so wütend und ermattet, dass sie ihre Eröffnungsrede noch einmal nachlesen gehen musste, nachdem sie ganz und gar von Lächeln umgeben allen einen wunderschönen Tag gewünscht hatte.

Als sie sich in dem luxuriösen Waschraum voller Spiegel gerade mit ihrem Zettel auf einen der Sitze gesetzt hatte, kam Omair zu ihr und nahm unkompliziert neben Mejdan Platz. "Danke für den schönen Empfang, meine Familie fühlt sich wohl, Mejdan. Du hast alles perfekt arrangieren lassen, wie immer."

"Ich habe ja nur die zwei Söhne und keine Tochter, da ist es nur verständlich, wenn ich mir bei ihnen Mühe geben möchte."

"Ja... du hast nicht wieder um Heirat ersucht, nicht? Merkwürdig, dein erster Gatte ist doch sehr still und nicht fordernd, oder? Du hast doch genug Geld für weitere Kinder, und deinem Clan steht es ebenfalls zu."

"Ich stamme zwar aus einem großen Clan, aber die al Chiraz sind zum Glück nicht so in der Tradition verbunden und erlauben es mir, meine Zeit in die Forschung zu stecken." Mejdan lächelte ihrer ehemaligen Studienfreundin zu. "Und zudem bin ich nun auch zu alt für eine Tochter."

"Zu alt, zu alt, was redest du da! Du bist in den besten Jahren, Mejdan! Wenn du einmal doch suchen solltest, dann wende dich an mich, ich habe noch viele Verbindungen. Meinen ersten Mann habe ich auch über diese Verbindungen gefunden und wie man sieht", sie strich sich über den nur wenig gewölbten Bauch, "werde ich demnächst eine Tochter haben."

Draußen begann die Musik, zunächst natürlich die Lieder, um der Göttin der Woche zu gefallen, und Omair lachte und zwinkerte Mejdan zu. "Komm, ich bin gespannt auf die Rede und darauf, wie sehr deine Mutter dich noch ärgern kann."

Nun musste Mejdan über sich selber lachen und folgte ihr, um die Feier mit der Begrüßung aller Gäste, vor allen Dingen der Kolleginnen, die sich so kurzfristig aus dem Urlaub zurückgemeldet hatten, zu eröffnen.

Dann musste sie die Jungs ihrer Frau vorstellen und danach dem ersten Ehemann, der sich als ein kräftigeres, stilles Männchen herausstellte, der lediglich eine Ausbildung zum Gärtner hatte, weswegen sie hoffte, dass ihre beiden sich mit ihm gut verstehen würden. Freundlich stellte sie dann Shayde bei allen vor und umging, so sehr sie konnte, die Anwesenheit ihrer Mutter.

Shayde stand seinen Söhnen bei, so gut es ihm möglich war und hielt sich dabei im Hintergrund, um nicht unangenehm aufzufallen. Als sie die ersten schüchternen Worte mit dem ersten Mann von Omair gewechselt hatten, zog er sich zurück, damit sie sich anfreunden konnten. Er sah sich nach Mejdan um und entdeckte sie im Schatten der großen, farbenfrohen Schirme, wo sie mit einer Professorin sprach, die ihre Mutter nicht leiden konnte, so dass sie sich mit Sicherheit nicht dazu gesellen würde. Es entlockte ihm ein kleines Lächeln. Seine Frau mochte ihre Mutter gerne, allerdings nur, so lange sie weit entfernt voneinander waren.

Er selber brachte ihr zwar Respekt entgegen, mochte sie aber nicht besonders. Gleich während der Hochzeit hatte sie ihn mit diesem missbilligenden Blick begutachtet und erklärt, dass er viel zu mager sei. Und jetzt ließ sie es ihn immer wieder spüren, dass von ihm nur Söhne gekommen waren. Shayde schüttelte das Gefühl der Unzulänglichkeit, das Mejdan nie unterstützt hatte, von sich und ging nach einem weiteren Blick in die Runde, ob alle Gäste versorgt waren, etwas zu trinken zu holen.

An einem bunten, frischen Cocktail nippend schlenderte er dann zwischen den Gästen umher, wechselte mit jedem ein paar freundliche Worte und sah immer wieder zu seinen Söhnen hin, die mittlerweile sogar schon mit dem anderen Männchen zusammen lachen konnten, was ihn sehr erleichterte. Die Göttin dieser Woche meinte es gut mit ihnen, denn auch wenn die Sonne von einem wolkenlosen Himmel schien und das Gras zum Duften brachte, war es doch nicht zu heiß. Leise rauschte das Meer vom nahen Strand her, und eine Weile blieb Shayde stehen und versank lächelnd in dem Anblick der kleinen, auf den Sand auflaufenden Wellen, die ihn dunkel zurückließen.

Eine bekannte Stimme ließ ihn aufhorchen. Jamnah al Rafiq al Zeshan, die Direktorin des Labors und des Doms und gleichzeitig Professorin der Psychiatrie, war mit einer der Familienoberhäupter, die mit Omair angereist waren, in ein Gespräch verwickelt in seine Nähe getreten. Sofort musste Shayde wieder an Timm denken und daran, dass der Gastwirt bestimmt wie immer bei Updates des Systems schreckliche Kopfschmerzen bekommen hatte. Gleichzeitig ärgerte er sich erneut darüber, dass die Logs wieder einmal einfach geschlossen worden waren, ohne dass man es für nötig gehalten hatte, die Professoren zu informieren, nicht nur ihn nicht, sondern nicht einmal die weiblichen.

Als sich Jamnah von ihrer Gesprächspartnerin verabschiedete und sich ihre Wege trennten, trat er eilig zu ihr. "Entschuldige, Direktorin al Zeshan, darf ich bitte stören?"

Mejdan entdeckte Shayde zu spät und stöhnte innerlich auf. Eigentlich hätte es seine Aufgabe sein sollen, wie unsichtbar hinter ihr herzuhuschen und die Gäste mit einem Lächeln zu erfreuen, aber da sie beide nun einmal Professoren an dieser Universität waren, kannte er einige der Kollegen selber besser als sie und war rasch von ihrer Seite gewichen. Eigentlich war es gut so, man zeigte den anderen am allerbesten auf diese Art, dass sie modern waren, aber nun sah sie ihn auf die Direktorin zugehen, sie sogar ansprechen. Das... Mejdan entschuldigte sich hastig von ihrer Gesprächspartnerin... das war nicht gut, gar nicht gut.

Dunkelgelbe Augen glitten in der Blickhöhe ein Stückchen nach unten und sahen das kleine Männchen fragend an. Erst auf den zweiten Blick erinnerte die Direktorin sich, dass es sich um Professor al Chiraz, den Mann von Mejdan handelte, die eine sehr gute Kollegin und verlässliche Professorin war, und nur deswegen hatte man es ihm erlaubt, in diesen Rang aufzusteigen. Deswegen natürlich und wegen der modernen Ausstrahlung, die es der Universität verlieh und weil etliche Clans ihre Männchen besser ausgebildet wissen wollten und ein männlicher Professor diese Familien anlocken konnte.

"Ja, bitte?" Sie bemühte sich freundlich zu sein; auch wenn er sie gerade störte, war er fleißig und beliebt bei den Studenten und sogar bei den Studentinnen, auch wenn die wenigsten ihn ernst nahmen.

"Es... gab wieder Ausfälle im Log, die auf einem unangekündigten Update beruhten." Mit einem Mal fühlte sich Shayde gar nicht mehr wohl in seiner Haut, als der kurz aufgewallte Ärger verflog. Dennoch trieb die Sorge um Timm, so sehr dieser nur aus Daten bestehen mochte, ihn an weiterzusprechen. "Ich wollte nur fragen, ob es möglich wäre, ob man die Professoren nicht vorher informieren könnte."

"Was willst du damit sagen, Shayde?" Eine winzige Falte zwischen den Brauen zeigte an, dass die Professorin verärgert war. "Ich denke, dass es eine Angelegenheit der Abteilung Informatik ist, oder soll dies eine offizielle Beschwerde werden?" Der Gedanke war lächerlich, doch die dunkle Stimme von Mejdan, immerhin schon länger an der Universität als die Direktorin selber, unterbrach ihr Lächeln.

"Jamnah, soll das etwa nötig sein? Auch die Abteilung Narkosen wird um eine Information vorab bitten, denn es ist nun schon einige Male dazu gekommen, dass wir unsere Geräte nicht zeitgemäß haben warten können, weil der Zugang versagt wurde. Die Kosten, die bei Defekten an den Logkugeln auf die Universität zukommen, brauche ich wohl nicht in Zahlen auszudrücken, oder?"

"Aber nein, auf einer solchen Feier wollen wir uns mit dieser Art von Thema doch nicht beschäftigen. Ich werde die Abteilung Informatik gern darum bitten, beim nächsten Mal ein Memo heraus zu bringen."

"Ach, das ist liebenswürdig, Jamnah." Mejdan entspannte ihre zuvor ein wenig aggressive Haltung und lächelte über Shaydes Kopf hinweg, dem sie leicht eine Hand auf die Schulter legte. "Wie geht es deinen Männern? Weilen sie wie üblich auf eurer Farm für die Ferien?"

Shayde spürte, wie das Zittern, das bei dem schärferen Ton der Direktorin in ihm begonnen hatte, nun langsam nachließ. Er war Mejdan so dankbar, dass sie dazu gekommen war und ihn verteidigt hatte, dass er sich am liebsten vor Erleichterung an sie und in ihren Arm geschmiegt hätte. Natürlich tat er es nicht, lehnte sich aber ein ganz klein wenig in ihre Hand. Wie froh war er, dass sie immer zu ihm stand und nicht wie manch andere Frau bei solchen Gelegenheiten noch auf einem Männchen herumhackte und es schlecht machte.

Jamnah hasste es nahezu, auf ihre Männer angesprochen zu werden, auch wenn es in der Kultur der traditionellen Feier einfach dazu gehörte. Jamnahs Männer waren alle arrangierte Ehen gewesen, und sie vertrugen sich untereinander nicht sonderlich, zankten viel und hatten alle nur Männchen gezeugt. Sie hatte einen vierten Ehemann nehmen müssen, da sie für das Fortkommen ihres Clans sorgen wollte. Dies kostete sie viel Geld an Aussteuer, um die Jungs zu verheiraten und auszubilden und zudem an Nerven, weil sie ihre Männchen nicht einfach hatte fortschicken können, dazu fehlte ihr das Geld nach der Heirat und Ausbildung ihrer Tochter, und dazu war ihr Clan auch zu traditionell orientiert.

Nachdem Mejdan auf diese Art nun auch das Gespräch mit ihrer Vorgesetzten hinter sich gebracht hatte, die im Gegensatz zu allen anderen Psychiaterinnen eher auf das Geschäftliche hinter dem Dom achtete, zog sie Shayde mit sich in eine stillere Ecke, wo die Musik nicht so lautstark zu hören war. "Tu das nicht wieder, bitte", sagte sie leise und ernst, wenn auch nicht wirklich böse.

Beschämt senkte Shayde den Kopf und sah auf seine Füße in den goldbraunen, zierlichen Sandalen hinab. Seine Ohren sackten nach unten und ebenso sein Schwanz, der nun doch den Boden berührte, obwohl es sich nicht gehörte. "Es tut mir leid, Mejdan. Es ist... einfach über mich gekommen. Ich habe sie gesehen, sie war allein und ich wollte nachfragen und..." Hilflos schaute er wieder auf und war erleichtert, keine Wut in ihrem Blick zu sehen. "Ich wollte dir keine Schwierigkeiten machen", flüsterte er schließlich. "Danke, dass du gekommen bist."

Mejdan seufzte gespielt und küsste ihn schnell auf die Wange "Wie soll ich da noch böse sein können? Aber bleib bitte den Rest des Abends bei mir, das gehört sich so."

Die Feier zog sich noch lange hin, die großen Familien trafen sich nach und nach doch ein wenig angetrunken in den Sitzecken und tanzten auch ausgelassener. In einer Runde fanden sich die unverheirateten Männchen um Javier und Jaide zusammen und tauschten die traditionellen Geschenke aus. Alles in allem war es ein gelungener Abend, und Mejdan konnte nicht behaupten, dass sie es nicht genossen hatte, als sie im Bungalow ihre Sandalen von den Füßen streifte. Shayde war ein wenig angetrunken und wollte sich müde in sein Zimmer verabschieden, doch sie hielt ihn auf und bestimmte "Du kommst natürlich mit mir", und zog ihn in ihre Zimmer mit sich, ohne Widerworte abzuwarten. Nach einer solchen Feier allein ins Bett zu gehen, war sicherlich keine gute Idee, und seit sie Shayde mit den anderen hatte tanzen sehen, hatte er ihr wieder genügend Gründe geliefert, froh um eine Ehe mit diesem zierlichen, eleganten Männchen zu sein. Diese Freude wollte sie sogleich mit ihm teilen.

 

Es dauerte noch einige Tage, dann waren die persönlichen Dinge der beiden Jungs weitgehend gepackt, und Omair und Mejdan hatten noch ein privates Gespräch über die Erfahrungen der beiden gehabt, zu denen sie Shayde zunächst hatte fragen müssen. Es war natürlich immer besser, wenn die Männchen so unerfahren waren, wie nur möglich, damit ein Familienoberhaupt nach ihren eigenen Vorstellungen aufklären konnte.

Mit einem Lachen erinnerte Mejdan sich noch an die ersten Nächte mit Shayde, die zwar nicht gerade befriedigend für sie gewesen waren, aber erstaunlich schnell zu ihren Söhnen geführt hatten. Sie hatte es zwar so gewollt, aber dass die Methoden, die sie von ihrer Mutter gelernt hatte, wirklich funktionierten, hatte sie sich nicht vorstellen können.

Als das Haus ruhig wurde und im Dom die Logs wieder erlaubt waren, stand auch schon der Tag der Ankunft neuer Studentinnen bevor, und so blieb Mejdan von ihrem Urlaub gerade noch ein Nachmittag in der Stadt und ein Abend mit Shayde auf ihrer Terrasse, bevor die Arbeit beginnen sollte.

Müde streckte sie ihre nackten Füße auf den Stuhl gegenüber, während sie seine Zehen sachte massierte, die auf ihrem Schoß gebettet waren. Sie prostete ihm zu und fragte "Wirst du morgen auch gleich wie ein Verrückter ins Log stürmen? Ich habe schon sieben Anmeldungen von Kolleginnen, die das neu überarbeitete Log kennen lernen müssen, um in ihren Kursen kein schlechte Figur abzugeben."

Shayde wurde ein wenig rot und senkte den Blick, denn genau das hatte er vorgehabt. Mehr und mehr begann er, sich nach den Gesprächen mit Timm zu sehnen, und mehr und mehr nahm auch seine Sorge zu, dass es ihm nicht gut gehen könnte. Allein das aber war ein Grund, aus dem er vermutlich besser draußen bleiben sollte. Timm war eine Ansammlung von Daten, eine Mischung aus mehreren Menschen der Erde und keine eigenständige Person. Man musste nur einige Codes verändern, und er wäre ein vollkommen anderer Mann.

Andererseits konnte er es sich als männliche Lehrkraft nicht erlauben, Fehler zu machen und Unsicherheit zu zeigen. Die neuen Studentinnen waren ohnehin immer schnell dabei, sich gegen einen Professor aufzulehnen und ihn nicht ernst zu nehmen. Er war ja nur ein Männchen. Dennoch war er bereit, es zu riskieren, um Mejdan Arbeit abzunehmen. Er hatte mittlerweile einige Updates erlebt und genügend Zeit im Log verbracht, um es sehr gut zu kennen.

Ein wenig mit den Zehen wackelnd und Mejdans Fürsorge genießend seufzte er auf. "Das ist wieder viel Arbeit für dich, ehe die Kurse auch nur begonnen haben. Ich denke, ich werde lieber noch einmal die Anmeldungen für den Biologiekurs durchgehen und mich auf die Schülerinnen vorbereiten. Es ist sogar ein Student angemeldet." Er lächelte und kitzelte Mejdan, sich ein wenig streckend, mit dem großen Zeh am Bauch. "Das heißt, ich habe ein wenig Verstärkung."

Mit einem Lächeln beugte Mejdan sich vor und fuhr ihm durch das kurze Kopffell. "Das ist schön, aber pass auf, dass du ihn nicht vorziehst. Ich selber habe einen Anverwandten angekündigt bekommen, meinst du, dass es sich um ihn handeln könnte? Wie auch immer, er wird sich bei mir vorstellen."

 

Die großen Gruppengleiter und privaten kleinen Cabrios der reicheren Familien reihten sich mehr und mehr auf den Parkplätzen vor den Wohnheimsgebäuden. Die meisten waren für weibliche Abd-Jabir, aber eines, an der Ecke zu den Sportplätzen hinten, fast schon in der Nähe der kleinen Straße zu den Bungalows der Professoren, war für die männlichen Studenten gedacht. Unsicher den Schwanz einziehend wartete Hilel in der Reihe der starken, laut schwatzenden und lachenden Weibchen darauf, dass ihm die Fahrerin seine Taschen reichte.

Sie war eine dicke Abd-Jabir, deren rundes Gesicht von einer kurzen Mähen umgeben nur noch runder erschien und lächelte ihn freundlich an, was ihn zunächst erschreckte. "Na, na, Kleiner. Du wirst hier nicht gefressen. Kopf hoch!" munterte sie ihn auf, aber das half nur die ersten wenigen Schritte vom Parkplatz zu dem Informationspult, wo eine freiwillige Helferin Pläne der Gebäude und die Zimmerschlüssel verteilte.

"Männchen! Stell dich gefälligst hinten an!"

Hilel erschrak und taumelte an das Ende der Schlange, wurde von einer mitfühlenden Studentin vorgelassen, von einer, die ihn übersah, in die Rippen geboxt, eine Entschuldigung folgte nicht.

Endlich erhielt er den Schlüssel zu seinem Zimmer mitsamt der Mitteilung, dass er der einzige männliche Student sei und es sich nicht lohnen würde, das gesamte Gebäude zu betreiben für ihn. "Du erhältst ein Eckzimmer im roten Wohnheim gleich neben dem Dom. Die Nächste... geh schon, Männchen, steh nicht so im Weg!"

Verwirrt und müde schwankte Hilel mit seinen Taschen durch die Mittagshitze über die gewundenen Wege in die Richtung, in der er den Dom erblickte. Leider schien es keinen direkten Weg zu geben. Von den vorbeisausenden Wagen wurde er nicht beachtet, das Gelächter, das in der Luft hing, schien ihn und seine schmerzenden Hände und Füße zu verhöhnen. Endlich blieb er erschöpft vor einem Sicherheitszaun im Schatten zweier Bäume sitzen und versuchte, den Plan zu lesen und mit den Tränen fertig zu werden, die ihm in die Augen stiegen.

Shayde hatte auf dem Weg zum Dom den Umweg über die Parkplätze genommen, um sich schon einmal einen ersten Eindruck von den Studentinnen machen zu können. Die ersten ein oder zwei Wochen waren für ihn jedes Mal wieder mit Kämpfen gefüllt, bis sie akzeptiert hatten, dass es durchaus auch Männchen gab, von denen sie lernen konnten. Es half, wenn er sie vorher schon öfter sah, wenn er ihre Namen fehlerfrei aus dem Gedächtnis dem richtigen Gesicht zuordnen konnte und sich nicht aus der Ruhe bringen ließ. Das war ihm gerade bei seinen ersten Kursen besonders schwer gefallen, wenn sich besonders widerspenstige Weibchen drohend vor ihm aufgebaut hatten. Er hatte sogar derart heftig an seinen Fähigkeiten gezweifelt, dass es neben Mejdans Unterstützung auch nur ihre bestimmte Art und seine Liebe zu ihr gewesen war, die ihn dazu gebracht hatte, weiter zu machen.

Zwischen all den großen Frauen fiel ihm sofort die zierliche Gestalt des einzigen Studenten auf, der in diesem Semester hier studieren würde. Den Namen hatte er nur einmal ansehen müssen, um ihn sich zu merken. Hilel al Ashiqa al Chiraz. Hilel und er hatten die gleiche Geburtswoche und standen demnach im Schutz der Göttin Ashiqa. Dennoch ignorierte er den armen Jungen erst einmal, eingedenk der Warnung seiner Frau.

Nachdem er sich nach dem ersten Ansturm ein wenig mit der Helferin am Empfang unterhalten hatte und von ihr schon einiges Wissenswertes über die Studentinnen erfahren konnte, traf er ihn am Straßenrand sitzend wieder. Dieses Mal ging er nicht vorbei; das Männchen sah erschöpft und mutlos aus, und Shayde wollte ihm helfen. Er blieb stehen und lächelte ihn freundlich an. "Hallo. Du musst Hilel sein. Ich bin Shayde al Ashiqa al Chiraz, der Leiter des Biologiekurses. Hast du dich verlaufen?"

Hilel zuckte zusammen und sah erschrocken von seinem Plan auf, doch dann lächelte er und nickte leicht, bevor er hastig versuchte, auf die Füße zu kommen. Das andere Männchen war einiges älter als er, auch wenn man es dem spitzen, freundlichen Gesicht nicht ansehen konnte. "Hallo, ja, ich bin Hilel. Dann bin ich also wirklich das einzige Männchen hier, nicht? Ich wollte eigentlich zu dem Wohnheim Rot zwei, aber muss den falschen Weg genommen haben."

"Rot zwei?" Verwirrt hob Shayde die Brauen. "Rot zwei ist direkt beim Dom, aber es ist nicht für Männchen ausgerichtet. Da muss etwas bei der Anmeldung schief gelaufen sein." Aufmunternd blinzelte er, um ein wenig die Ängstlichkeit aus den vanillefarbenen Augen zu vertreiben. "Aber das macht nichts. Lass uns gemeinsam ins Sekretariat gehen, da regeln wir das. Am Anfang scheint das Gelände ein wenig verwirrend zu sein, doch du wirst sehen, so groß ist es nicht."

Hilel nahm seufzend seine Taschen auf, dann erklärte er dem freundlichen Professor folgend "Nein, es ist alles in Ordnung, die Organisatorinnen haben mir gesagt, dass sich die Unterbringung in einem extra Haus nur für mich allein nicht lohne würde." Er zögerte, dann fügte er hinzu "Und ich glaube, dass es mir ganz allein dort auch ein wenig zu einsam wäre."

Er erzählte lieber nicht, dass er auch vor dem Wohnen in einem Haus voller Studentinnen, die sicherlich lange nicht alle einfach so akzeptieren würden, dass er bereits verheiratet war, noch reichlich Angst hatte.

"Sich nicht lohnen?" Empört runzelte Shayde die Stirn. Das war noch lange kein Grund, ein Männchen zusammen in ein Haus mit den manchmal sehr rauen Studentinnen zu stecken. Es war unstandesgemäß, und mit Sicherheit würde es zu mehr als einer Verwicklung führen, aus denen eigentlich immer die Männchen als Verlierer auf die ein oder andere Weise hervorgingen. Unmöglich konnte das auch im Sinne von Hilels Frau sein.

Er beschloss, gleich wenn er daheim war, Mejdan davon zu erzählen. So war es nicht tragbar, und er war sich sicher, dass sie es genauso inakzeptabel finden würde, einen ihrer Verwandten derart untergebracht zu wissen. "Ich werde mit meiner Frau sprechen. Du wirst sehen, sie wird eine für alle Seiten angenehme Lösung finden. Aber vorerst bringe ich dich mal zu dem Wohnheim." Er seufzte leise. "Eigenmächtig kann ich da nichts tun."

Während sie gemeinsam zum Haus Rot zwei liefen, erzählte er dem jungen Studenten ein wenig über den Dom und das Gelände, dass er in seinem Kurs sein würde und sich bei Fragen gerne immer an ihn wenden konnte. Langsam schweifte er ab, wies ihn eine besonders schöne Blume am Wegesrand hin, die ihre Blüte erst im Sommer öffnete, dann aber mit betörendem Duft um die Insekten warb, zeigte ihm Falter und unscheinbare Gräser, die jedoch, wenn man genau hinsah, ein wunderschönes Muster auf ihren Blattoberseiten trugen.

Als sie das Gebäude schließlich erreichten, hatte er das Gefühl, ein wenig der Sorge aus Hilel vertrieben zu haben. Er brachte ihn noch bis zu seinem Zimmer, beschwichtigte die aufgebrachten Kommentare einiger Studentinnen, was ein Männchen hier zu suchen hatte und verabschiedete sich, nachdem er Hilel noch einmal versprochen hatte, mit Mejdan zu sprechen.

Nach der kleinen, freundlichen Atempause ging es leider für Hilel nicht besonders angenehm weiter. Eine Gruppe aufgeregter Weibchen begann sich lachend auszumalen, dass es sehr angenehm sein würde, wenn sie ein hauseigenes Männchen zum Putzen haben konnten. Als er verschüchtert fragte, welches Bad er denn benutzen dürfte, bekam er glatt zur Antwort "Jedes, solange du nicht abschließt." Eine andere lachte auf und rief "Ach, dann nehmen wir hier bald Eintritt, was?!"

Verängstigt und sich wieder und wieder fragend, wie es nur sein konnte, dass er sich auf diesen Aufenthalt gefreut hatte, flüchtete Hilel in sein Zimmer, dessen Tür er zwei Male abschloss.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh