Illusionen

6.

Najib war froh, als sie endlich ihre Koffer in dem Zimmer abstellen konnte, das sie mit einer anderen Studentin teilte. Zum Glück waren die wenigen Studentinnen mit Stipendium in Blau eins untergebracht worden und nicht in Rot zwei, wo die Töchter der reicheren Familien ihre Räume hatten. Zwar bereitete es ihr selten Probleme, die hochnäsige Ablehnung der meisten zu überwinden, wenn diese erfuhren, dass sie nicht durch das Geld ihrer Mutter das Praktikum in einem Labor der GZEM bekommen hatte, aber ein netter Start ohne Rangkämpfe war angenehmer. Ihre Zimmergenossin war bereits wieder unterwegs, ohne dass Najib sie zu Gesicht bekommen hatte.

Das ganze Gebäude war recht leer, denn die anderen Studentinnen waren direkt zum Wohnheim gelaufen und jetzt zu einem großen Teil wohl schon im Dom. Najib hatte sich jedoch erst einmal die Sportanlagen angeschaut, die sie vom Parkplatz aus zwangsläufig hatte passieren müssen. Sehr zufrieden hatte sie festgestellt, dass das Gelände gut ausgestattet schien. Zwar studierte sie Informatik, was alles andere als ein körperlicher Studiengang war, ihre Leidenschaft galt jedoch dem Sport, besonders dem Kampfsport. Leider war es in ihrem Clan alles andere als gern gesehen, wenn die Familienoberhäupter dem Militär beitraten, wie es eigentlich ihr Traum gewesen war. Auf den massiven Druck ihrer Mutter und von Verwandten hatte sie sich deswegen für die Informatik entschieden. Es machte ihr entgegen ihrer anfänglichen Vorsätze sogar wirklich Spaß.

Najib streckte sich genüsslich und schob ihre beiden Taschen erst einmal unter das Bett. Fürs Auspacken war später noch Zeit genug. Jetzt wollte sie das Gelände kennen lernen und die anderen Studentinnen suchen. Rasch tauschte sie die lange Hose gegen eine leichtere, eng anliegende in Goldgelb aus und zog sich statt der robusten Schuhe feste Sandalen an, denn hier an der östlichen Küste war es wesentlich wärmer als bei ihr zu Hause. Nachdem sie ihre lange Mähne mit einem Lederband aus der Stirn gebunden hatte, verließ sie das Zimmer. Auf dem langen, hellgrün gestrichenen Flur, der zwischen den Zimmertüren durch kleine Pflanzeninseln aufgeteilt wurde, kamen ihr zwei lachende Frauen entgegen.

"Willst du mal was lustiges hören? Sie sagen, in Rot zwei bekommen sie ein Männchen zum Putzen. Und studieren soll es anscheinend auch noch hier."

"Ein Männchen in Rot zwei? Sicher doch." Najib lachte und glaubte ihnen kein Wort.

Damit war das Thema für sie abgehandelt. "Wisst ihr, wo die anderen sind?"

"Die meisten stecken im Café im Dom, sieht echt klasse aus dort." Eine der beiden wies mit einer vagen Geste in Richtung des Gebäudes. "Alles sauber im Gegensatz zur Uni und richtig schick. Wenn du wartest, kommen wir wieder mit. Hab nur meine Karte vergessen, und ohne kann man auch hier nichts kaufen."

Najib grinste und tastete sicherheitshalber nach ihrer eigenen, ehe sie nickte. Nach der langen Fahrt wäre ihr zwar ein wenig Bewegung lieber, aber sie wollte sich nicht gleich am ersten Tag absondern. Dafür war später immer noch genügend Zeit. Immerhin würden sie drei Monate auf dem Gelände verbringen.

 

Mejdan hatte ihren Anteil der Arbeit erledigt und drehte nun die Nachricht einer Verwandten zweiten Grades, Reza, ebenfalls eine al Chiraz, vor ihren Augen. Eines ihrer Männchen sollte Evolutionsbiologie studieren und sollte zugleich auf dem Campus untergebracht werden.

Neugierig, wie er wohl sein mochte, rief sie bei ihrem Mann durch und erkundigte sich "Kennst du einen Hilel al Chiraz? Ich habe eine Nachricht seiner Frau Reza erhalten, und er müsste in deinem Kurs untergebracht sein."

Shayde war erleichtert, ihr Gesicht auf dem Display zu sehen. Er entschuldigte sich bei einem der Techniker, mit dem er sich unterhalten hatte und schaltete dessen Fenster in den Hintergrund. "Ich bin froh, dass du wegen ihm fragst. Ich wollte ohnehin mit dir darüber sprechen, aber habe bis jetzt noch keine Zeit gefunden. Es ist unerhört, sie haben den armen Hilel in Rot Zwei untergebracht, weil es zu viel Aufwand wäre, für ihn das andere Gebäude zu öffnen."

Mejdan seufzte und massierte ihre Nasenwurzel. Der Ankunftstag der Studentinnen war für die Professorinnen auch stets mit reichlich Arbeit belastet, und ihr Plan war sehr voll, aber diese Sache sollte schnellstens geregelt werden, sonst war der kleine Student wohlmöglich geflüchtet und hatte seine Chancen verspielt.

Sie lächelte Shayde zu und bestimmte "Sorge dich nicht weiter, ich werde dort gleich mal vorbei fahren und mir die Lage besehen. Das geht natürlich nicht. Gerade in Rot zwei wohnen doch besonders hochnäsige Sprösslinge aus den reichen Clans. Mir fällt sicherlich etwas ein."

Sie schaffte es jedoch erst weit nach Sonnenuntergang in das Gebäude Rot zwei zu gehen. Ihre ausgreifenden Schritte hallten zwar, aber vor dem Eckzimmerchen des Studenten herrschte ein derartiges Gelächter und Gejohle, dass man sie nicht hörte.

Mehrere Studentinnen waren gerade dabei, die Tür mit Dietrichen aufzubrechen, und Mejdan schüttelte den Kopf, bevor sie dichter heran trat. "Wenn ich die Damen um Entschuldigung bitten könnte?" Zwei der Studentinnen schreckten zurück und hörten auf zu lachen, das gab den Ausschlag für die anderen, sich mit genuschelten Entschuldigungen in die umliegenden Zimmer zu flüchten.

Mejdan dachte die Zeit über nur daran, dass ihr Kopf schmerzte und sie schlafen gehen wollte, um am nächsten Tag bei der Eröffnung des Kurses ausgeruht zu sein, aber sie riss sich zusammen und klopfte leicht an die Tür, um dann mit ruhiger Stimme zu rufen "Hilel al Chiraz? Hier ist deine Verwandte, Professorin al Chiraz. Ich habe von meinem Mann erfahren, dass man dich so wenig sittlich hier untergebracht hat. Würdest du mir bitte öffnen, damit wir die Angelegenheit in Ordnung bringen können?"

Hilel wäre dem kräftigen Weibchen mit der gekürzten Mähne am liebsten in die Arme gesunken. Da stand sie im Gegenlicht aus dem Flur ein wenig einschüchternd, zugleich jedoch auch sehr sicher wirkend und stemmte prüfend in das Zimmer blickend eine Faust auf die Hüfte.

"Ha... hallo", brachte Hilel zustande und senkte den Kopf. Die Angst und Enttäuschung der letzten Stunden hatten ihn ermüdet.

Mejdan hob eine Braue, während sie im Dämmerlicht des viel zu großen und vollkommen unpassend eingerichteten Eckzimmers ein wirklich zartes Männchen erblickte, das mit gesenktem Kopf und offensichtlich tränennassen Wangen dort stand, als erwartete er, dass sein Leben noch schlimmer werden mochte. Es rührte ihr ans Herz, sie fühlte sich an Shayde erinnert, der ähnlich enttäuscht und ängstlich vor ihr gestanden hatte, als sie ihn damals aus dem Internat abholen gekommen war. Und diese Erinnerung und das Mitleid machten, dass sie ohne nachzudenken zu reden begann.

"Tut mir leid, dass ich erst so spät von deiner Ankunft erfahren habe, Hilel. Natürlich wirst du als Verwandter meines Clans in meinem Bungalow wohnen. Hier ist es wohl kaum möglich für dich, die ausreichende Ruhe zum Lernen zu finden, nicht?" Sie trat neben ihn und drückte seine Schulter einmal kurz, dann hob sie mit einer Hand seine beiden Taschen auf und verlangte "Komm erst mal mit, wir reden später weiter."

Hilel ließ sich widerstandslos von der großen Hand schieben und kletterte auf den Sitz eines der Cabrios, die in dieser warmen Gegend überall gefahren wurden. Die Professorin reichte ihm ein Taschentuch, aber lenkte den Wagen schweigend weit zurück auf die andere Seite des Doms und zur Wohngegend der Professorinnen hin, die etwas abseits angelegt war.

Die Häuser waren im Stufenstil erbaut, farbenfrohe Ornamente umgaben die Fenster, geschickt von kleinen Lichtern beleuchtet, und hier und dort konnte Hilel in diesem schönen Licht erkennen, wie offensichtlich neue Professorinnen noch dabei waren, Gepäckfirmen zu beaufsichtigen, während ihre Männer und Söhne mit Gardinenstoffen und Sitzkissen hantierten.

Mejdan fing einen seiner Blicke in Richtung der neuen Professorin für Geologie auf und erklärte ruhig "Nicht nur die Studentinnen verschwinden hier schnell, auch die Lehrkräfte wechseln gern einmal, es ist hier halt nicht die große Stadt. Steig aus, dies ist mein Haus, geh schon zur Tür rein und in den Empfangsraum."

Hilel ging langsam und nicht fähig, seinen zuckenden Schwanz zu beruhigen, auf das Haus zu. Eine Menschenfrau öffnete ihm jedoch, bevor er an der Klingelschnur hatte ziehen können. "Tritt ein und nimm dort drüben Platz, Mejdan al Chiraz wird gleich bei dir sein."

Kaum saß Hilel auf einem der niedrigen, bequemen Polster, als auch schon ein Becher Tee vor ihm abgestellt wurde, begleitet von einem Tellerchen mit Keksen. Dankbar sah er zu der rundlichen Frau mit den bereits etwas ergrauten Haaren hoch, aber sie nickte nur leicht und zog sich schon wieder in die Küche zurück. Seufzend nippte Hilel von dem Tee und ließ seine Blicke über die hellen Bodenfliesen gleiten.

Auch wenn Mejdan versprochen hatte, sich um Hilel zu kümmern, hatte Shayde dennoch den ganzen Tag an das arme Männchen denken müssen. Gerne hätte er seine Frau angerufen und gefragt, ob sie schon etwas getan hatte, doch er hatte es nicht gewagt, da er sie nicht hatte stören wollen.

Als er schließlich viel zu spät nach Hause gekommen war, weil eine der Biologinnen ihm noch einiges an Arbeit mitgebracht hatte, war sie jedoch immer noch nicht da gewesen. Unruhig hatte er überlegt, ob er noch einmal in Rot zwei vorbeischauen sollte, hatte sich dann aber doch dagegen entschieden. Mejdan hielt ihr Wort immer.

Als er Stimmen vom Eingang her hörte, konnte er kaum schnell genug sein Zimmer verlassen, wurde natürlich gleich wieder langsamer, wie es sich gehörte, falls Mejdan eine der anderen Professorinnen zu Gast mitgebracht hatte. Als er das Empfangszimmer betrat, um zum Eingang zu gelangen, sah er schon Hilel auf der Couch sitzen; auf dem runden, müden Gesichtchen konnte man noch die Spuren von Tränen erkennen. Die schmalen Schultern waren nach vorne gesunken, und seine Ohren hingen erschöpft herab. Shayde wurde sofort von Mitleid überwältigt, während er gleichzeitig Erleichterung spürte. Offensichtlich würde der arme Junge bei ihnen wohnen.

Er winkte Carol und gab ihr den Auftrag, Jaides Zimmer herzurichten, ehe er zu Hilel eilte. "Willkommen, Hilel", sagte er weich und lächelte, um seine Besorgnis zu verbergen, doch sie hinterging ihn und ließ ihn weiterreden. "Ist alles in Ordnung mit dir? Du siehst sehr erschöpft aus."

Als Hilel hochblickte, stand der männliche Professor Chiraz vor ihm, der ihm zuvor schon den richtigen Weg gewiesen hatte. Freundliche, braune Augen blickten ihn voller Mitgefühl an. Hilel hatte sich schon beruhigt, aber die Worte und Fragen riefen die Erinnerung an den Tag wieder hervor, und erneut standen die Tränen in seinen Augen. Er schüttelte den Kopf und presste hervor "Es war schrecklich, ich... ich... werde... morgen wieder... abreisen." Hastig versteckte er sein Gesicht hinter dem Taschentuch.

Erschrocken von den Tränen setzte Shayde sich zu ihm und legte ihm tröstend eine Hand auf den Arm. "Aber nicht doch, Hilel. Schau, morgen sieht das ganze schon wieder besser aus. Es war nun ausgerechnet Rot zwei, dahin musst du nicht mehr zurück. Zwar bist du der einzige männliche Student in diesem Semester, aber dafür wirst du in meinem Kurs sein." Aufmunternd drückte er ihn kurz, ehe er ihn losließ. "Und ich bin der einzige Professor im Labor. Damit sind wir schon zu zweit, nicht?"

Hilel blickte Shayde erstaunt an, dann fragte er direkter als geplant "Ist es nicht schrecklich schwierig?"

Shayde dachte an die ersten Kurse zurück, daran, dass er abends manchmal einfach nur weinend in Mejdans Armen gelegen und sich am nächsten Morgen fast nicht mehr in den Dom getraut hatte, bis sie ihm eine Biologin zur Seite gestellt hatten. "Am Anfang war es das", gab er zu. "Doch mittlerweile geht es sehr gut. Man lernt es, sich durchzusetzen."

Mejdan lehnte im Durchgang und beobachtete, wie Shayde und Hilel sich unterhielten. Wieder durchkreuzte sie der Gedanke, dass sie Shayde zuliebe noch einmal heiraten sollte, damit er Gesellschaft hatte, seine Art Gesellschaft und nicht diese ewig überbeschäftigte Ärztin, die von Zeit zu Zeit einmal einen Abend mit ihm verbringen konnte. Sie beschloss, dass sie ihn danach fragen würde, sobald es sich ergab.

Carol erschien neben ihr und sagte fast flüsternd, dass die Taschen des kleinen Gastes in Jaides ehemaliges Zimmer gebracht worden waren. Mejdan nickte einmal und schickte sie in ihre Wohnung schlafen. Sie holte zwei Gläser Wein aus der Küche, dann trat sie in den Empfangsraum und reichte ihrem Mann ein Glas. "Na? Hast du dich erholt, Hilel?"

Seufzend umklammerte Hilel seinen Teebecher und senkte den Blick auf seine Füße.

Shayde sah zu ihr hoch und stand auf, um sie zu begrüßen und dann das Weinglas entgegenzunehmen. "Danke, Mejdan." Er lächelte ihr zu und dann auf Hilel hinab, der wieder ganz in sich zusammengesunken war. "Ich glaube, er braucht jetzt erst einmal Ruhe nach dem Schreck. Wird er das Semester über bei uns bleiben oder nur für die Nacht?"

Mejdan setzte ihr freundlich entschlossenes Gesicht auf und verkündete ihrem Mann und dem Gast wider Willen "Natürlich bleibt er den gesamten Kurs über. Er kann Jaides Zimmer sicherlich länger benutzen, die Jungs werden so bald nicht wieder hier sein." Prüfend blickte sie Hilel an, dann gab sie Shayde einen kleinen Kuss auf die Schläfe "Zeig ihm doch alles, die Bäder und die Küche, ich werde auf meiner Terrasse sein, wenn du noch Fragen hast." Indirekt eine Erlaubnis an ihn, dorthin zu kommen.

Sie drückte die schmale Schulter des Studenten noch einmal, dann sagte sie "Kopf hoch. Es ist nicht einfach mit den wilden Weibchen, aber denk immer daran, dass nicht die Lauteste auch die Schlauste ist, und die Noten dieser Kurse werden die Karriere beeinflussen."

Shayde lächelte ihr verträumt hinterher, als sie das Wohnzimmer verließ. "Sie ist eine so wundervolle Frau, nicht wahr?" Er seufzte leise und freute sich schon, dass er noch einmal zu ihr kommen durfte, riss sich dann jedoch zusammen. "Komm, Hilel. Ich bringe dich zu deinem Zimmer." Er nahm Hilel bei der Hand, als dieser aufgestanden war und zog ihn sacht in Richtung der Schlafzimmer. Dann fiel ihm noch etwas anderes ein, und er sah ihn mit leicht schief gelegtem Kopf an. "Hast du heute überhaupt schon etwas gegessen, seit du angekommen bist? Hast du Hunger?"

Zweifelnd blickte Hilel der Professorin hinterher, sie war freundlich zu ihm, aber davon abgesehen entsprach sie in etwa all den anderen Weibchen, die über seinen Kopf hinweg entschieden, was er tun und lassen durfte. Als Shayde seine Hand ergriff, erschrak Hilel zunächst, aber entspannte sich dann schnell, der Professor war zwar deutlich älter als er, aber irgendwie standen sie nun doch auf demselben Stand, und das machte den Umgang mit ihm einfacher.

"Nein, ich bin eigentlich nicht hungrig, und es ist ja auch schon spät, danke, Professor Chiraz. Ihr seid beide sehr freundlich." Er würde seiner Frau gleich am Morgen einen Bericht schicken müssen und war nun dankbar, dass er lediglich sagen würde, dass er gut angekommen war, das Wetter so herrlich wie erwartet und die Familie al Chiraz ihn aufgenommen hatte, so dass es keinerlei Probleme gab. "Ich würde mich nur gern... duschen, wenn das geht. Die Fahrt war sehr lang und ich..." Unmöglich konnte er sagen, dass er verschwitzt war, das gehörte sich nicht. Mit erröteten Wangen wartete Hilel ab, was der Professor sagen würde.

"Natürlich." Shayde nickte verständnisvoll. Kein Wunder, dass Hilel sich zurückziehen wollte, besonders nach der Angst und Sorge, die er ausgestanden hatte. Er zeigte ihm die Küche, damit er sich selber bedienen konnte, wenn er Hunger oder Durst hatte, auch wenn er sich sicher war, dass Hilel sich das zumindest in der ersten Zeit einfach nicht trauen würde. Dann wies er auf den mit einem Vorhang verschlossenen Durchgang zur zweiten Ebene und ging voran, über die drei Stufen zum Flur, der zu dem Bereich der Männchen gehörte, in diesem Fall die Räume seiner Söhne, natürlich sein eigener, zudem Mejdans Fitnessraum und ihre Bibliothek. Hinter der letzten Tür am Ende des Ganges schloss sich Mejdans privater Bereich an.

Shayde betrat Jaides Zimmer, das in hellen Gelb- und Orangetönen gehalten war, die der Junge so liebte. Das runde Bett war von der Größe wesentlich passender als das, was Hilel im Wohnheim der Weibchen zur Verfügung gestanden hatte, ebenso wie auch die anderen Möbel, der abgerundete Schreibtisch, der Schrank gegenüber, die Kommoden und die kleine Sitzecke. Mit einem Lächeln stellte Shayde fest, dass Carol die Koffer nicht nur hereingebracht, sondern sie sogar ausgeräumt hatte und beschloss, ihr am nächsten Tag ein kleines Geschenk mitzubringen. Einen gedankenverlorenen Moment dachte er darüber nach, was angemessen wäre, verschob es jedoch auf später, als er eine unruhige Bewegung von Hilel mitbekam.

"Das ist dein Reich für dieses Semester." Er umfasste den Raum mit einer kleinen Geste und deutete auf die von einem schmalen Mosaik umrahmte Tür an der linken Wand. "Dort ist dein Bad, ich bin sicher, Carol hat schon für Handtücher gesorgt. Richte dich ein und wenn du noch Fragen hast oder einfach reden willst, klopf ruhig bei mir an. Mein Zimmer ist das rechts neben deinem." Er lächelte. "Ich denke, es ist am besten, wenn wir morgen gemeinsam zum Dom gehen. Die Begrüßung ist erst um elf, Frühstücken werden wir deswegen wohl gegen neun. Du kannst also ausschlafen."

Mit einer altmodischen Verbeugung bedankten Hilel sich bei dem Professor, für Worte fehlte es ihm an Kraft. Doch als er in das Bad trat, das dem Sohn gehörte, hätte er wirklich sehr gern noch hinter dem Professor hergerufen, wie dankbar er war. Ein schmaler Raum, in dem jedoch Platz für eine ovale Wanne und eine Dusche war. Orange-gelbe Ornamente umfingen die Armaturen und fanden sich in den Handtüchern und Seifenspendern wieder. Statt sich noch einmal zu bedanken, duschte Hilel rasch, bevor er dann in dem herrlichen Bett lag und sofort, nachdem er sich seinen Wecker gestellt hatte, tief und fest einschlief.

Als Shayde die Tür hinter sich schloss, seufzte er leise auf, sehr froh darüber, dass Mejdan Hilel bei ihnen einquartiert hatte. Ihm fielen gleich mehrere Dinge ein, die er daran mochte. Natürlich war es einmal, weil der Junge dann weder allein in dem Wohnheim für Männchen sein, noch bei den Studentinnen bleiben musste. Zum anderen würde er selber ein wenig Gesellschaft haben, wenn seine Frau wie so oft Überstunden machte.

Er erinnerte sich daran, dass sie ihm gestattet hatte, zu ihr auf die Terrasse zu kommen, und ein strahlendes Lächeln überzog sein Gesicht. Fragen hatte er zwar keine, aber er wollte sich auf jeden Fall noch einmal bei ihr bedanken. Mit schwingendem Schwanz, was er sich nur erlaubte, da ihn keiner beobachtete, eilte er zu der hinteren Tür, mäßigte erst dann seinen Schritt, auch wenn er wusste, dass Mejdan ihm nicht böse sein würde, und betrat den Bereich, der allein ihr vorbehalten war.

Durch die großen Fenster sah er sie schon vom Durchgang ihres Wohnzimmers aus in einem der großen Stühle sitzen. Sie hatte die Füße hochgelegt und hielt die Augen geschlossen. Ihre weiße Mähne schimmerte ein wenig im Licht, das von drinnen hereinfiel. Wärme erfüllte Shayde, als er ihr müdes, rundes Gesicht sah, dessen schmaler Mund trotz der Erschöpfung noch immer ein wenig zu lächeln schien. Er fragte sich, ob sie eingeschlafen war und ob er sie nicht lieber ruhen lassen sollte, andererseits wäre sie dann am nächsten Morgen furchtbar verspannt.

Noch während er in Überlegungen verstrickt war, öffnete sie die Augen und wandte ihm den Kopf zu, ihr Lächeln vertiefte sich. Shayde erwiderte es und kam nun doch zu ihr. Er beugte sich zu ihr, um ihr einen leichten Kuss auf den Mundwinkel zu geben. "Danke, dass du Hilel hierher geholt hast. Haben sie ihm noch sehr zugesetzt, nachdem ich gegangen war?"

Mejdan hatte Shayde gar nicht gehört, er konnte entweder gut schleichen, oder sie war eingeschlafen. Entschuldigend streckte sie sich, dann stimmte sie seufzend zu. "Ja, das haben sie leider. Ich denke, dass wir die Regeln des Aufenthaltes hier wieder einmal direkt mit den Logs verbinden müssen."

Es hatte bei Übergriffen und Beleidigungen gegen Shayde stets geholfen, die entsprechenden Weibchen tageweise vom Log auszuschließen. Wer nicht über eine bestimmte Logzeit verfügte, würde durchfallen, das war allgemein bekannt, und Mejdan hatte festgestellt, dass Drohungen manchmal mehr Wirkung zeigten als Diskussionen.

Shayde nahm ihre linke Hand in seine beiden und drückte sie sacht. "Ich werde das schon schaffen, damit habe ich nun wirklich Erfahrung sammeln können in den letzten Jahren." Weich lächelte er sie an und küsste sie auf die Fingerknöchel. "Ich wollte mich nur kurz bei dir bedanken, Mejdan. Du solltest schlafen gehen."

Gerne hätte er sich noch ein wenig zu ihr gesetzt, um mit ihr zu kuscheln, doch er wollte sie nicht stören, denn sie schien wirklich sehr erschöpft. Er ließ ihre Hand los, dann eilte er noch einmal in die Küche, um ihr ihren Lieblingstee zu machen und ihr eine Tasse davon zu bringen, ehe er in sein eigenes Zimmer ging. Aber es dauerte eine Zeit lang, ehe er einschlafen konnte. Auch wenn er Mejdan versichert hatte, dass er damit klar kommen würde, war doch nervös und fürchtete sich ein wenig vor dem nächsten Tag und den neuen Kurs. Wie jedes beginnende Semester...

 

Najib war recht zufrieden mit sich und dem vergangenen Tag, als sie frisch geduscht in ihrem Bett in dem Wohnheimzimmer lag und aus halb geschlossenen Augen nach oben sah. Die Laternen an der kleinen Straße warfen ihr Licht nur noch schwach bis hierher, doch es war hell genug, dass man das Schattenspiel der Pflanzen vor dem Fenster an der Decke beobachten konnte. Die kleinen, runden Flecken kamen von Atif-Büschen, schlanke, lange von den Wedeln einer Palme. Ihre Mitbewohnerin hatte darauf bestanden, dass die Fenster nicht zugezogen wurden, da sie sonst nicht schlafen könnte. Jetzt schnarchte sie leise von der gegenüberliegenden Wand her, doch Najib war noch nicht wirklich müde.

Soweit, wie es den Studenten erlaubt wurde, hatte sie mit den beiden anderen, die sie vor ihrem Zimmer getroffen hatte, den Dom und das Gelände erkundet; sie hatten die umliegenden Wohnheime besucht, die Sportanlagen begutachtet, wo ein recht kräftiges und erstaunlich großes Männchen ihnen schüchtern einiges erklärt und gezeigt hatte und sie über die Öffnungszeiten des Fitnessraums, des Schwimmbades und der anderen Örtlichkeiten informiert hatte.

Auch bei Rot zwei waren sie gewesen, nachdem die beiden anderen darauf bestanden hatten, dass sie sich nun doch einmal das dortige Männchen ansehen sollten. Aber die Studentinnen des Wohnheims hatten sie nicht eingelassen, was Najib endgültig zu der Überzeugung gebracht hatte, dass es dort kein Männchen gab. Natürlich nicht, es wäre absolut unpassend gewesen. Sie glaubte nicht, dass die Laborleitung dem zugestimmt hätte.

Denn wenn ein Männchen hier war, dann nur, weil ein Familienoberhaupt viel Geld dafür bezahlte; Stipendien gab es nicht für Männchen. Und wenn man sich das leisten konnte, wollte sich bestimmt niemand den Zorn eines derart einflussreichen Clans zuziehen, indem die Männchen so unstandesgemäß und vor allem ungeschützt untergebracht wurden.

Sie verdrängte den Gedanken, weil sie sich darüber ärgerte, dass sie es am Mittag wirklich einen Moment lang geglaubt und schon begonnen hatte, sich darüber aufzuregen. Stattdessen erinnerte sie sich an den Strand, den sie nach dem gemeinsamen Abendessen in der Mensa entlang gejoggt war, um zumindest ein wenig ihres Bewegungsdrangs abzubauen. Ein Lächeln umspielte ihren breiten Mund; an freien Tagen würde es sich dort hervorragend schwimmen lassen, wesentlich besser als in den Pools. Und dann erst all die halb entkleideten anderen Frauen, die sie um so vieles interessanter fand als jedes Männchen.

Dummerweise waren ihr bereits zwei versprochen worden, die eigentlich auch eine ganz gute Partie waren, zumal für den Maisun-Clan, dem sie angehörte. Sie brachten sogar eine ordentliche Mitgift mit. Wenn sie ihr Studium beendet hatte, sollte sie heiraten und dafür sorgen, dass die Linie ihrer Familie fortgeführt wurde. Najib hatte das nicht vor. Deswegen hatte sie sich über dieses Stipendium um so mehr gefreut. Auch Töchtern nicht so einflussreicher Clans standen nach erfolgreichem Abschluss eines Praktikums in den Laboren der GZEM weitaus mehr Türen offen als gewöhnlich. Sie hatte vor, diese Chance zu nutzen, selbst wenn sie dafür ihrer Mutter und den anderen Familienoberhäuptern die Stirn bieten musste.


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