Illusionen

7.

Hilel streckte sich und gähnte, dann erst wachte er langsam auf, fragte sich schlaftrunken, wo er war. Alles war fremd um ihn her; mit zugekniffenen Augen erkannte er den in warmen Gelb- und Orangetönen gehaltenen Raum, noch bevor all die Erinnerungen an den Abend zuvor begannen und er sich bewusst wurde, dass er bei dem Professorenpaar Chiraz, seinen Verwandten, aufgenommen worden war.

Während er in den Schubladen der Kommode und in den Schränken nach seinen Sachen suchte, die von der überfürsorglichen Menschfrau nach eigenartigen Prinzipien dort verstaut worden waren, fiel ihm auch wieder ein, wo er sich befand. Jaide al Nahdi al Chiraz' Zimmer. Einer der beiden Söhne von Shayde, der ihm so freundlich geholfen hatte. Er erinnerte sich nun wieder an die Mitteilung über die Hochzeit der Zwillinge, so dass sie zusammen bleiben konnten. Natürlich hatte seine Frau Reza es abgelehnt, dorthin zu fahren, sie war nicht so gern mit den modernen Verwandten zusammen.

Hilel duschte erneut, denn es würde wieder ein sonniger und somit für ihn ungewohnt heißer Tag auf dieser Halbinsel werden. Sorgfältig striegelte er sein Fell, auch das kurze über den Schlappohren und auf den Wangen, dann legte er seinen Schmuck an, alles Geschenke von Reza; sie alle entsprachen den Gesetzen, was man einem dritten Männchen, von dem man keine Kinder mehr haben wollte, schenken musste. Zwei Ringe für den Mittelfinger der linken Hand, beide über ein feines Kettchen voller Edelsteinchen in hellblau und rot geschmückt bis zu dem unter seiner Tunika versteckten Armreif. Zudem noch zwei Ketten für den Hals, eine für die Göttin, in deren Schutz er geboren worden war, Ashiqa, und eines mit den Symbolen des Hauses Chiraz, mit dem er nun verbunden war.

Als er vorsichtig in die Küche blickte, war dort die Frau mit der Zubereitung des Frühstücks beschäftigt. Sie wies ihn zu der seitlich gelegenen Terrasse der Männchen, wo bereits für zwei gedeckt worden war. Hilel jedoch fand zunächst keine Gelegenheit, um dem exotischen Saft, dem duftenden Tee oder den warmen Früchtebrotscheiben seine Aufmerksamkeit zu schenken, er war vielmehr überwältigt von der Schönheit der Umgebung.

Die Palmen und blühenden Büsche waren offensichtlich erst seit der Errichtung des Forschungszentrums und der Universität in den Gärten gepflanzt, aber schon hatten sich Orchideen in Nischen eingenistet, ebenso wie die gelben Zwergaffen, deren Winzigkeit Hilel immer wieder faszinierte. Unzählige kleine Kolibris surrten zwischen den Blüten hin und her, und von der Rückseite des Hauses erklang der bellende Ruf einer selten Wasservogelart.

/Ich brauche das Log gar nicht, hier ist schon so vieles, was ich sonst nie in der Natur gesehen habe. Herrlich! Egal wie grausam sie sind, ich werde nicht gehen!/, schwor er sich spontan, als einer der Kolibris seine dunkelrote Tunika umschwirrte.

Shayde musste lächeln, als er das schmale Männchen auf der Terrasse stehen sah, das runde Gesicht schien vor Freude beinahe von innen zu leuchten. Es war ein ganz anderer Anblick als am Tag zuvor, wo er gewirkt hatte, als wollte er sich klein machen und in einer Nische verkriechen. Nun war er mehr wie eine schöne, zarte Pflanze, die ihre Blüte geöffnet hatte und sich scheu der Welt zuwandte. Der Eindruck wurde durch die Farbe seiner Tunika und die kleinen Vögel, die ihn umschwärmten, nur noch verstärkt, etwas, das sie bei Shayde selten taten, zumindest wenn er wie heute wieder in Grün gekleidet war.

"Guten Morgen, Hilel. Ich hoffe, du hattest eine angenehme Nacht." Er wies auf einen der beiden Stühle und setzte sich bereits, damit der andere sich keine Sorgen über Unhöflichkeit machen musste.

Hilel lächelte dem freundlichen Professor schüchtern zu und nickte. "Ja, hatte ich. Danke sehr. Professor? Ich habe noch keine Gelegenheit gehabt, um mich zu angemessen zu bedanken. Für die Mühe, die ihr mit mir hattet und haben. Gestern war ich einfach zu müde und... ängstlich. Es tut mir leid, wenn ich unhöflich war. Ich habe auch ein Geschenk von meiner Frau Reza für die Professorin Mejdan dabei, werde ich in den nächsten Tagen die Gelegenheit haben, es ihr zu überreichen?" Vorsichtig nahm Hilel auf einem der zierlichen Stühle aus verschnörkeltem, weiß lackiertem Holz Platz.

"Das kann ich dir nicht sagen. Gerade zu Beginn des Semesters hat sie immer sehr viel zu tun." Shayde seufzte leise, legte den Kopf leicht schief und sah zu dem anderen hin, ehe er sich ein wenig über den Tisch beugte und ihm Saft in das schlanke, mit eingravierten Ranken verzierte Glas einschenkte. "Aber mache dir keine Gedanken wegen der Mühen. Es war ein Fehler des Institutes, nicht deiner. Ich freue mich, dass du für eine Zeit hier wohnen wirst. Das Haus ist sehr groß für zwei Personen."

Kurz fragte Hilel sich, wieso Mejdan nicht noch die zwei weiteren Male geheiratet hatte, die Professoren waren beide schon weit über dreißig, doch dann fiel ihm wieder ein, wie beschäftigt Mejdan war und so erklärte es sich. Sie hatte einfach keine Zeit für weitere Kinder und Männchen gehabt.

Er lächelte Shayde glücklich zu und erwiderte "Ich freue mich auch, danke, Professor." Dann widmete er sich schnell dem Früchtebrot und den Tee, damit sie nicht noch zu spät zu der Eröffnungsrede kamen.

Shayde drängte ohnehin ein wenig zu früh zum Aufbruch, kaum dass sie das Frühstück beendet hatten. Er wusste, wie leicht er sich ablenken ließ, deswegen plante er immer etwas länger ein, als der Weg eigentlich in Anspruch nahm. Es erwies sich auch dieses Mal als die richtige Taktik. Hilel, der aus einer kühleren Gegend kam, kannte viele der Pflanzen und Tiere nur aus Büchern und Filmen, und so machte Shayde ihn auf allerlei Kleinigkeiten aufmerksam, auf schillernde und unscheinbare Insekten, auf Gräser und Blüten. Zu jedem wusste er etwas zu erzählen, und Hilel war ein derart dankbarer und interessierter Zuhörer, dass es ihm noch mehr Spaß machte als gewöhnlich. Er liebte es einfach, dieses Wissen um all die Zusammenhänge und Besonderheiten, welche die Muttergöttin erschaffen hatte, weiterzugeben. Auch das war ein Grund, warum er es letztendlich doch geschafft hatte, sich hier als Professor durchzusetzen.

Inmitten der Studentinnen liefen sie im Dom schließlich die Treppen nach oben zum großen Kuppelsaal, in dem die Eröffnungsrede traditionell gehalten wurde und der auch eine schöne Kulisse dafür bot, gleichgültig, ob die Sonne schien und damit die Klimaanlage hochgeschaltet werden musste oder ob Regen auf das durchsichtige Dach prasselte und der Geräuschfilter eingesetzt wurde.

Shayde merkte, dass Hilel sich erneut unwohl zu fühlen begann inmitten der großen Weibchen und zog ihn gleich mit nach vorne. Das war einer der wenigen Vorteile, welche die Männchen hier genossen. Da sie zu klein waren, um noch etwas zu sehen, wenn sie sich im hinteren Teil des Saales aufhielten und nie so zahlreich, dass sie die Studentinnen behinderten, hatte es sich eingebürgert, dass sie direkt vor dem Podest in die ersten Reihen durften.

Dennoch wählte Shayde lieber einen Platz am Rand und erklärte dort Hilel leise, beinahe übertönt von den übermütigen, gut gelaunten Studentinnen, wie der Ablauf der Begrüßung geplant war und wo er anschließend hinmusste, um sich in die Kurse einzutragen.

Aufgeregt wagte Hilel es in dem vollen Saal nicht mehr, die Studentinnen anzusehen, sie schienen lauter und wilder zu sein als die Weibchen, denen er in seinem Heimatdorf begegnet war. Kurz erinnerte er sich daran, dass er sogar mit einer fast befreundet gewesen war.

Der Saal war prächtig, ringsherum von großen Fenstern gesäumt, die vor Beginn der Reden von Sonnenblenden verdeckt wurden. Die ersten Rede wurde von der Direktorin Jamnah al Zeshan gehalten. Sie hatte eine strenge Frisur, passend zu dem strengen Zug um den Mund. Von ihr wurden alle Studentinnen begrüßt, und in wenigen Worten wurden Grundregel der Universität erklärt und die Vorzüge der Anlage, ihre modernen Forschungseinrichtungen hervorgehoben.

Dann folgten die einzelnen leitenden Professorinnen, die zu ihren Fachgebieten die Prüfungszeiträume und Voraussetzungen bekannt gaben. Hastig notierte Hilel sich die Vorgaben für Evolutionsbiologen. Sie mussten jeder siebzig Stunden Logzeit mitbringen, egal für welches Fach. Die Zeiteinteilung, wer wann würde gehen dürfen, war bereits vorgenommen worden und würde allgemein bekannt gegeben.

Dann sah Hilel Mejdan wieder, da sie leitenden Professorin für das Fach Narkosen war, und von ihr erfuhr er, dass alle Studentinnen ausnahmslos zuvor zu den Ärzten gehen mussten, um die Logfähigkeit feststellen zu lassen. Es war nicht für jeden von der Gesundheit her zulässig; diejenigen, deren Konstitution ein Log nicht erlaubten, würden ihren Abschluss für das Praktikum ohne Logzeiten machen müssen. Auch für die Untersuchung waren Termine verteilt und während der Eröffnungsrede ausgehängt worden.

Als die Veranstaltung zuende war, stürzten deswegen alle Studentinnen hastig nach draußen, um sich einzutragen. Hilel jedoch ging zu den Professorinnen, um sich noch einmal bei Mejdan zu bedanken.

Mejdan lächelte ihrem kleinen Gast zu. In Rot gekleidet sah er entzückend aus, leider sah sie nun die Zeichen seiner Position als dritter Ehemann gleich wieder, so dass ihr erneut zu Bewusstsein kam, dass dieses niedliche, stille Männchen schon vergeben war. Erneut beschloss sie, den Gedanken an eine Heirat für Shayde in Erwägung zu ziehen. "Du hast deinen Untersuchungstermin gleich bei mir, Hilel. Ist das in Ordnung?"

Hilel nickte, dann brachte er seine Dankesrede hervor und auch die Bitte, das Geschenk seiner Frau noch überreichen zu dürfen.

Mejdan seufzte innerlich. Es würde einer dieser geschmacklosen Wandteppiche aus der bergigen Gegend sein, aus der Reza und auch Hilel stammten. Aber sie nickte und schlug Hilel vor, dass er einfach ein wenig warten solle, bis sie ihn zu dem traditionellen Gastessen einladen würde.

Shayde merkte an Mejdans winzigen Stirnrunzeln, das man nur sehen konnte, wenn man sie lange kannte, dass sie des Geschenkes wegen Bedenken hatte. Er bewunderte, dass sie es sich jedoch nicht anmerken ließ und liebte sie gleich noch mehr dafür, weil sie Hilel nicht in Verlegenheit brachte. Ohne das Lächeln zu bemerken, dass sich auf seine Lippen geschlichen hatte, wandte er sich Hilel zu. "Du solltest jetzt gehen und dich in deine Kurse eintragen. Für dieses Semester sind zwar nicht allzu viele Biologen angemeldet, aber du musst diese Formalitäten dennoch hinter dich bringen."

Mejdan überreichte Hilel noch eine Schlüsselkarte für den Bungalow, mit der er auch in den Wohnbereich für die Professorinnen gelangen konnte. "Sonst weisen dich die Sicherheitsleute ab. Am besten ist es, du nimmst den gelben Campusbus, der an dem Sportzentrum hält, von dort gelangst du schnell zu unserem Bungalow. Hast du dir die Adresse aufgeschrieben?"

Hilel nickte, bedankte sich schnell noch einmal, dann huschte er in das Wirrwarr der vielen Studentinnen, die sich vor allen Dingen für die Kurse in Informatik eintragen wollten. Professor Shayde hatte Recht gehabt, sein Kurs würde recht leer sein. Nur sieben weitere Teilnehmer für die höheren Semester Evolutionsbiologie und elf in dem Kurs für menschliche Biosphären. Dankbar, dass er in beiden nicht noch einen der überfüllten Grundkurse für seinen Abschluss brauchen würde, ließ er seinen Namen von dem freundlichen Sekretariatsassistenten einlesen, bevor er sich mit einem allgemeinen Vorlesungsverzeichnis auf den Weg ins Freie machte.

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Najib war mehr von der Anlage und dem Raum als von der Veranstaltung begeistert. Nur mit halber Aufmerksamkeit lauschte sie den Regeln und Zeiten, beobachtete stattdessen lieber eine der gut aussehenden Studentinnen, die schräg vor ihr saß und die ebenso gelangweilt schien wie sie, in einem gedankenverlorenen Spiel mit ihrer Schwanzquaste gefangen.

Najib bewunderte ihre von einem engen Top umschmeichelten, kräftigen Schultern, als sie sich ein wenig streckte, die Rundung ihrer Brüste, die sie von der Seite sehen konnte. Mit einem ärgerlichen Schnauben verdrängte sie die Bilder. Es war Dummheit, solche Gedanken überhaupt zuzulassen.

Als die Direktorin endlich fertig war und auch noch einige andere Frauen ihre Reden vorgetragen hatten, waren sie und ihre Zimmergenossin bei den Ersten, die den Saal verließen, um sich in die Listen einzutragen. Es war gut, dass sie das so früh getan hatte, wie sie nur wenig später feststellte. In diesem Semester schien es außergewöhnlich viele Informatikerinnen zu geben, so dass nicht nur die Grundkurse viel zu gut besucht waren. Dennoch machte sie sich wenig Gedanken darum. So lange sie ihre Logzeit bekam, würde sie mit allem anderen leben können.

Sie überlegte, ob es ihr gelingen konnte, den Wart der Sportanlage davon zu überzeugen, ihr zumindest den Fitnessraum vor der Zeit zu öffnen. Andererseits war er es gewohnt, ungeduldige Studentinnen abzuweisen und würde im anderen Falle bestimmt Ärger mit der Leitung bekommen. Vielleicht konnte sie Ishrat und Nudhar, die beiden jungen Frauen aus dem Zimmer gegenüber, nachher zum Schwimmen überreden, wenn diese sich eingetragen hatten. Das Meer immerhin wurde von keinem Männchen bewacht.

Leider war ihre Zimmergenossin alles andere als sportversessen, und so winkte sie auch nur lachend ab, als Najib sie der Höflichkeit halber fragte, so dass sie sich voneinander verabschiedeten und getrennter Wege gingen. In dem Gewusel um die Listen waren die beiden anderen nicht zu finden, ebenso wenig wie in dem mittlerweile recht leeren Kuppelsaal.

Najib steuerte auf die Treppen zu, als sie auf dem Absatz unter ihr eine zierliche, regelrecht winzig wirkende Gestalt inmitten der großen Weibchen entdeckte, die ihr vertraut vorkam. Sie blinzelte, dann zog ein breites Grinsen über ihr Gesicht, als sie das kleine Männchen erkannte, das aus dem gleichen Dorf kam wie sie. Sie beugte sich über das Geländer.

"Hilel!" Sein verwirrter Gesichtsausdruck, als er von dem Vorlesungsverzeichnis aufsah und sich suchend nach der rufenden Stimme umschaute, war genau der gleiche wie damals, als sie ihn im Garten des Hauses seiner Mutter entdeckt und ihn angesprochen hatte, einfach, weil er so schrecklich einsam gewirkt hatte. Auch dieses Mal wirkte er allein, und noch immer war er herrlich irritiert, wenn er nicht damit rechnete, dass man auf ihn achtete.

"Erkennst du mich nicht mehr?", lachte sie und nahm die Abkürzung über das Geländer, um zu ihm zu gelangen. Er hatte sich gemacht. Ein feines Männchen war aus ihm geworden, ein richtiges kleines Schmuckstück in seiner roten Tunika. Und wie der Armreif, der durch eine Kette mit dem Ring an seiner rechten Hand verbunden war, zeigte, auch schon verheiratet.

Hilel brauchte einen Moment, um sich zu erinnern, doch dann erhellte ein Lächeln sein Gesicht. Hastig stopfte er das Vorlesungsverzeichnis in seine mit bunten Perlen verzierte Umhängetasche, um dem kräftigen, hübschen Weibchen die Hand zu reichen. "Najib, dich kann man doch gar nicht vergessen!"

Vorsichtig umfing sie die schmalen Finger und drückte sie leicht, um dann doch nicht widerstehen zu können und ihm mit der freien Hand rasch über das kurze Felle auf seinem Kopf zu streichen und zu grinsen. "Also mit dir hätte ich nun wirklich am allerwenigsten hier gerechnet. Schön, dich mal wieder zu sehen", meinte sie herzlich. "Was studierst du denn?"

In dem Moment fielen ihr die Gerüchte ein, die sie am Vortag gehört und denen sie keine Glauben geschenkt hatte. Unwillkürlich runzelte sie die Stirn, hatte mit einem Mal das Gefühl, ihn beschützen zu müssen, wie sie es zu Beginn ihrer Freundschaft getan hatte, wenn manche Weibchen ihn zu sehr aufgezogen hatten. Später hatten sie es nicht mehr gewagt, weil sie sich damit mit ihr hatten anlegen müssen. "Du wohnst aber nicht in Rot zwei, oder?"

Hilels Ohren hatten sich, soweit es ihm möglich war, vor Freude aufgerichtet, nun hingen sie sogleich wieder herab, seine Schultern folgten. "Es hat sich schon rumgesprochen? Ich bin dort einquartiert worden, weil ich das einzige Männchen bin, das hier studiert. Es war schrecklich, einziges Männchen in dem Wohnheim mit den ganzen reichen Töchtern! Aber noch am Abend ist Professorin al Chiraz gekommen und hat mich zu sich und ihrem Mann in ihr Haus eingeladen. Sie ist mit meiner Frau Reza verwandt, und daher haben sie angeboten, dass ich die gesamte Zeit des Kurses über bei ihnen wohnen kann." Suchend sah Hilel sich um, aber beiden Professoren al Chiraz waren schon verschwunden. Um das Thema zu wechseln, fragte er rasch "Was studierst du denn, Najib?"

Najib schnaubte. "Reich oder nicht, wenn dich auch nur eine belästigt, komm zu mir. Ich wohne in Blau eins." Dann sah sie ihm in die vanillefarbenen Augen, zwinkerte sie ihm zu und ihre kurz aufgeflammte Wut verflog, denn sich an dem Gast einer Professorin zu vergreifen, würden wohl die wenigsten wagen. "Ich kann das noch immer, denke ich, dich zu beschützen."

Sie legte ihm kurz einen Arm um die Schultern, um ihn zum Weitergehen zu bewegen. "Ich studiere Informatik", beantwortete sie seine Frage, während sie die Treppen hinabstiegen in die große Eingangshalle traten. "Leider sind die Kurse recht voll in diesem Semester." Durch die hohen Fenster fiel ihr Blick nach draußen auf die weißen Tische und Stühle des Dom-Cafés, die nahezu alle belegt waren. Doch sie konnte noch zwei freie unter den bunten Schirmen ausmachen. Sie mussten sich nur ein wenig beeilen. "Was hältst du davon, ich lade dich ins Café ein, dort können wir gemütlich sitzen und was trinken, während wir das Wiedersehen feiern, hm?"

Hilel linste auf die Zeit, dann nickte er. "Ich soll erst in einer Stunde bei Professorin al Chiraz sein, damit meine Logtauglichkeit geprüft wird. Wo sollst du dich melden?"

"Auch bei Al Chiraz, aber erst in drei Stunden." Sie verließen den Dom, und Najib hielt ihr Gesicht genießerisch kurz in die Sonne, ehe sie dem Café zustrebten.

Hilel folgte Najibs Geste und ließ sich von ihr an den kleinen, weißen Tisch führen. Er fügte hinzu "Ich habe Glück; da ich Evolutionsbiologie und zudem die von Fledermausarten, die von der Erde zu uns gebracht worden sind, studiere, werde ich nur sehr wenige Mitstudentinnen haben."

Najib winkte einem der Kellner, der von der Flut an Studentinnen ein wenig überfordert lediglich ein Zeichen, dass er gleich vorbeikommen würde, machte. Hilel bemerkte amüsiert, wie etliche Studentinnen ihn und Najib kurz anstarrten, nur solange natürlich, bis diese ihren Blick, der müßig über die Menge streifte, auf sie richtete.

Noch immer war Najib so auffallend schön, ausgezeichnet proportioniert, mit kräftigen, langen Beinen, die von der nur wenig über knielangen Hose hervorgehoben und schlanker Taille, die von dem auffallenden gelben Top noch betont wurde. Nach wie vor strahlte sie rastlose Energie aus. Hilel war sich sicher, dass er sie am Abend auf den Sportanlagen sehen würde.

Um das gemütliche nicht in ein unangenehmes Schweigen umzuwandeln, erzählte Hilel "Ich schreibe im Anschluss an diesen Kurs meine Abschlussarbeit zu dem Thema Fledermausweiterentwicklung auf Jabir. Ich hoffe, dass ich dann in einem Jahr fertig bin und mich vielleicht sogar hier auf eine Stelle als Biologieassistent bewerben kann. Mein Lieblingsgebiet sind nämlich die Kolibris. Hast du gesehen, wie viele verschiedene Arten sie hier..." Erschrocken hielt er sich eine Hand vor den Mund. "Oh, entschuldige, ich rede vor Aufregung zuviel."

Najib musste lachen, wurde jedoch von dem Kellner unterbrochen, der endlich an den Tisch trat und ihre Bestellung aufnahm. Als er wieder gegangen war, meinte sie "Man merkt, dass du mittlerweile im Internat warst und verheiratet bist. Ich suche kein Männchen, Hilel; sei einfach du. Ich will mich mit dir unterhalten, das geht nicht, wenn du stumm wie ein Fisch bist." Nachdem sie sich ihrer Meinung nach klar genug ausgedrückt hatte, nickte sie zu seiner letzten Feststellung. "Sie schwirren hier überall rum, einer bunter als der andere. Ich kann sie kaum auseinanderhalten. Ich kenne ein paar Studentinnen, die welche für ein logähnliches Programm geschaffen haben. Bewundernswert! Allein das Schillern der Federn in Daten zu bannen, so dass es nicht nur gut, sondern echt aussieht und zwar in jeder Lage und aus jedem Blickwinkel, das ist Arbeit. Das ist aber die Richtung, in die ich gehen will. Ich hab ein paar kleinere Simulationen gebastelt, die haben mir das Stipendium für hier gebracht."

"Das finde ich toll! Und ich freue mich, dass ich dich getroffen habe." Kurzentschlossen erzählte Hilel seiner Sandkastenheldin von dem bisherigen Leben, während sie ihren ausgezeichneten Eiskaffee tranken. Seine Zeit auf dem Internat, nur kurz durch die Heirat unterbrochen, hatte ihm gut gefallen. Es waren fast nur Männchen dort gewesen, und er hatte sein Selbstbewusstsein ein wenig gesteigert. Jedoch wurde er noch immer still und klein, wenn jemand sich drohend benahm, aber immerhin wagte er es nun, mit Najib frei zu sprechen, zu lachen, und er wagte es auch, den Blick zu heben, starrte nicht nur in seine Tasse.

"Die Hochzeit war schön, auch wenn ich erst zwölf war und sehr viel Angst hatte. Reza ist sehr... energisch, sie stammt aus den Bergen und ist schon sehr viel älter als ich. Sie hat mir gleich als erstes gesagt, dass sie eine Tochter aus ihrer ersten Ehe bekommt und keine weiteren Kinder aus geringeren Ehen wünscht. Deswegen scheint es, hat sie mich ausgewählt. Jedenfalls darf ich studieren, und ich darf mich sogar frei auf eine Stelle bewerben." Er kicherte ein wenig und nippte von seinem süßen Kaffee, bevor er errötend gestand. "Na ja, sie will mich natürlich am liebsten nicht so oft bei sich und ihrer Tochter haben, nur bei Familienfeiern. Sie hat mich sogar schon gefragt, ob ich nicht vielleicht ein Männchen finden wolle, für mein Leben außerhalb des Clans."

Najib nickte nur. Das war in etwa das Lebensmodell, dass auch sie sich vorstellte, wenn es ihr nicht gelingen sollte, sich gegen die Hochzeiten zu wehren, die ihre Mutter für sie geplant hatte. Sie hoffte es jedoch nicht. Aber für Hilel fand sie es irgendwie schade, dass seine Frau so wenig mit ihm zu tun haben wollte. Sie mochte ihn gerne, noch immer, wie sie wieder feststellte. Aber so hatte er mit Sicherheit einiges mehr an Freiheiten. "Und? Willst du ein Männchen finden? Hast du schon jemanden im Auge?"

Hilel errötete noch tiefer und schüttelte den Kopf. "Nein, ich bin... zu schüchtern, und auf die Feiern, zu denen viele Männchen eingeladen werden, in der Universität schon, bin ich so ungern gegangen, weil ich Angst vor den Weibchen hatte. Wenn man nicht aufpasst und zuviel getrunken hat, dann..." Er brach ab und zuckte mit den Schultern. Eigentlich wollte er noch etwas sagen, aber ein Blick auf die Uhr ließ ihn zusammenschrecken. "Entschuldige, Najib. Ich muss jetzt zu der Untersuchung. Ich hoffe, dass ich den Weg dahin finde." Besorgt kramte er nach dem Plan des Geländes, auf dem auch der medizinischen Block eingezeichnet war. Die Behandlungs- und Untersuchungszimmer lagen im dritten Stock des Doms.

"Ich begleite dich, wenn es dich nicht stört", bot Najib an. Bezahlt hatte sie schon, das wurde bei dem Andrang direkt erledigt, sobald die Getränke gebracht wurden. Sie streckte ihre langen Beinen noch mal, dann stand sie auf. "Schade, dass hier mehr Weibchen als Männchen zu den Feiern kommen. Mit mir hast du ja deine Beschützerin wieder." Grinsend sah sie an der im Sonnenschein glitzernden Domkuppel empor, deren verglaste Front den blauen Himmel spiegelte. Ihr hingegen gefiel die Häufung der Weibchen sogar sehr gut. Über Hilels Kopf hinweg sah sie auf den Plan, den er in seinen schmalen Händen hielt und tippte auf einen der eingezeichnete Aufgänge. "Das ist von hier aus der kürzeste Weg."

Hilel folgte ihr, mit einem Mal sah auch er, dass dies der kürzeste Weg war. Während er sich fragte, wieso er es nicht von Anfang an gesehen hatte, markierte er sich den Aufzug und schrieb sich im Gehen klein einen Vermerk dazu. Dann meinte er "Es werden vermutlich genauso viele Männchen wie Weibchen auf den Feiern hier sein. Allein die ganzen Assistenten und Sekretäre, dann die Hilfswissenschaftler der einzelnen Bereiche. Vor dem Sicherheitstor ist eine richtige Siedlung, in der fast nur alleinstehende Männchen wohnen, die hier arbeiten müssen, weil sie keine Frau haben, die für sie sorgt."

Mit einem Nicken wies Hilel Najib dann noch auf ein Plakat hin, zu dem er eine passende Karte in seinem Einführungsheft gefunden hatte. "Die erste Feier ist sicherlich die wichtigste, da kann man alle kennen lernen. Die Einladung dazu liegt in jedem Kursheft bei, hast du sicherlich auch. Die Feier findet übermorgen Abend in der Halle der Sportanlagen statt, mit Musik und Büffet."

Najib warf dem Plakat einen flüchtigen Blick zu, während sie sich dunkel daran erinnerte, dass die Direktorin in ihrer Rede etwas in der Art erwähnt hatte. Sie wollte Hilel noch einmal mit seiner Suche nach einem Männchen aufziehen, die damit dann ja richtig erfolgversprechend werden konnte, ließ es dann aber doch aus Rücksicht, auch wenn er niedlich war, wenn er so rot wurde.


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