Illusionen

8.

Einer der runden, bläulich beleuchteten Aufzüge hielt summend vor ihnen, und sie stiegen mit einigen anderen Weibchen ein. Die Aufzüge waren einmal um den Dom herum angeordnet, und verbanden die ringförmig auf Galerien um die Mitte verteilten Forschungsbereiche miteinander.

In der Mitte des Doms war ein kleiner Urwald mit zwei integrierten Cafés, dem riesigen Laden über zwei Ebenen, in dem man sich Schreibmaterial und Fachbücher und andere Hilfsmittel für die Kurse kaufen konnte, sowie einem großen Laden für Bekleidung, vor allen Dingen Kleidung, die auf das Klima abgestimmt war, zu finden.

Im untersten Ring fanden sich daneben noch die Verwaltungsbüros, in denen man seine Studentenausweise, Zimmerschlüssel, Kursbücher, Vorlesungspläne und Lognachweiskarten besorgen konnte. Diese Ebene war am geschäftigsten, überall drängten sich die Studentinnen mit peitschenden Schwänzen und zum Teil vor Aufregung aufgestellten Mähnen um die Nachrichtenschirme, auf denen die Kursverteilungen und Untersuchungstermine aufflimmerten.

Hilel war dankbar, dass er diese Menge unter sich verschwinden sah, als der Aufzug über den zweiten Stock mit der Abteilung Informatik hinausglitt und im dritten Stock mit der Abteilung Medizin und Narkosebetreuung anhielt.

Najib hatte beschlossen, gleich in der Abteilung für Informatik vorzusprechen, während sie noch auf ihren Termin warten musste, und so verabredeten sie sich für die Feier in zwei Tagen, da Hilel zwar die Adresse der Professoren al Chiraz hatte, aber nicht wusste, ob er Besuch dort empfangen durfte.

Der medizinische Trakt war in hellem Grün und Weiß gehalten und strahlte eine angenehme Kühle aus. Im Wartezimmer vor den Untersuchungsräumen saßen bereits etliche Weibchen und unterhielten sich recht laut und aufgeregt über die Kurszeiten. Zum Teil musste man mitten in der Nacht zum Log erscheinen, da die Menschenwelt im Log nach anderen Zeiten arbeitete. Das schien einige zu stören.

Schüchtern ließ Hilel sich von einem Narkosepfleger abhaken und drückte sich zwischen zwei Palmen in eine Ecke, um zu warten, bis er aufgerufen wurde. Lange dauerte es nicht. Mejdans Kopf tauchte recht bald hinter dem Pult des Pflegers auf, und er wurde in einen Raum mit Liege, Waage und einigen Schränken gerufen.

 

Mejdan mochte den ersten Tag der Kurszeiten trotz der Arbeit und Hektik eigentlich sehr gern. Dies lag vor allen Dingen daran, dass sie einen Großteil der Studentinnen untersuchen sollte, was ein gewisses Vergnügen darstellte. Zumeist ergab sich aus dem ersten Gespräch mit einigen von ihnen schon eine Art Verabredung, auf ein Strandballspiel am Abend, auf ein Getränk und Gespräch auf der ersten großen Feier oder einfach nur auf ein Gespräch in den Fluren oder unten in der geschäftigen Mitte in einem der Cafés. Mejdan gab sich gern studentinnennah und schwor sich auch, dies immer beizubehalten, selbst wenn seit fast zehn Jahren nicht mehr als eine Freundschaft aus diesen Treffen geworden war.

Ihre einzige Freundin war zudem im letzten Jahr in eine Universität in der Stadt im Norden gewechselt und seitdem nur noch selten zu erreichen. Seufzend nahm Mejdan sich vor und obwohl sie wusste, wie viel jünger diese Weibchen alle schon waren, dass sie sich bemühen wollte und wieder eine verlässliche Beraterin und sogar Freundin für diejenigen werden wollte, die dies zuließen.

Ausschlaggebend für die mögliche maximale Logzeit einer Person waren Größe, Gewicht und die Rate, in der die Haut dehydrierte. Davon abgesehen wurden die lebenswichtigen Körperfunktionen, der Gleichgewichtssinn und die Augen getestet. Wich eines von den Normwerten ab, musste die betroffenen Studentin auf ein Log verzichten und den praktischen Teil des Kurses in Labors anderweitig erledigen.

Während dieser Untersuchungen berechnete Mejdan dann schon die Logzeit und teilte den Studentinnen dann eine Zeit von zwei Stunden weniger mit, um einen Sicherheitskorridor bei Selbstüberschätzungen zu belassen. Sie überreichte im Anschluss an die Untersuchung ein kleines Büchlein über die Theorie und Praxis eines Logs; die Studentinnen wurden mit der Erinnerung entlassen, dass nur diejenigen in das Log durften, die den schriftlichen Test eine Woche nach der Untersuchung bestanden hatten. Für Hilel nahm sie sich ein wenig mehr Zeit. Während sie ihn ausmaß und seine Hauttrocknung bestimmte, fragte sie ihn ein wenig nach seinem ersten Eindruck.

Hilel war erneut verschüchtert und hielt den Schwanz fast schon zwischen die Beine geklemmt, aber die dunkle Stimme von Professorin al Chiraz beruhigte ihn auf eine merkwürdige Art. "Es gefällt mir heute wirklich gut. Ich habe eine Freundin aus meiner Kinderzeit wiedergetroffen, die hier auch studieren wird, Informatik zwar, aber sie wird ein wenig auf mich achten."

"Informatik, dann werdet ihr wenig Zeit zusammen im Log haben. Die Informatiker sind meist dann drin, wenn die anderen bei Wartungen ausgesperrt werden." Sie blickte auf die Messergebnisse und nickte. "Du kannst dich wieder anziehen, danke."

"Danke, Professorin al Chiraz."

Mejdan hob den Kopf, ihre Ohren spielten ein wenig nach vorn, dann korrigierte sie ihn "Nenn mich Mejdan, wir sind immerhin Verwandte."

Mit heißen Wangen bedankte Hilel sich noch einmal und zog sich hastig an. "Bin ich geeignet?", fragte er anschließend atemlos, ein wenig Angst hatte er mit einem Mal doch.

Mejdan lachte und nickte. "Natürlich, Hilel. Dies ist deine Logkarte. Sie wird erst freigeschaltet sein, wenn du den schriftlichen Test in einer Woche bestanden hast. Um den Test zu bestehen, informiere dich bitte so umfassend wie möglich über das Log, seinen technischen Hintergrund und die theoretischen wie praktischen Details. Das Wissen, das man wenigstens beherrschen muss, findet sich hier in diesem Heft. Bis heute Abend dann."

Den Nachmittag über verbrachte Hilel damit, von einer Kommunikationsstation aus seiner Frau Reza eine Nachricht zu schicken, dass sich alles gut entwickelt hatte. Danach stöberte er in dem Buchladen auf dem Campus und legte sich vier Bücher über das Log, sowie zwei kleine Bücher zu, die von den Professoren al Chiraz geschrieben worden waren.

Auf dem Heimweg verlief er sich noch einmal und hatte am Ende, als er endlich mit dem richtigen Bus zum Sportzentrum gefahren und von dort in das Wohngebiet gelaufen war, wehe Füße und Hunger. Die restliche Zeit bis weit nach Sonnenuntergang verbrachte Hilel damit, auf der Terrasse der Männchen zu sitzen, zu lesen und lernen und all die Dinge zu essen, die Carol ihm vorsetzte.

 

Najib hatte sich in der Informatik-Abteilung vorgestellt, was sie eigentlich schon am Vortag hätte erledigen sollen, da sie bestätigen lassen musste, dass sie das Stipendium angetreten hatte. Das war einer der nervigen Aspekte daran. Es war erschreckend viel Papierkram, der erledigt, Formulare, die ausgefüllt und Genehmigungen, die von verschiedenen Professorinnen unterschrieben werden mussten. Die Zeit bis zu ihrem Arzttermin war nicht wirklich ausreichend dafür, und fast hätte sie ihn verpasst. Immerhin konnte sie so zwei Dinge miteinander verbinden, denn sie brauchte das Okay der untersuchenden Ärztin auf dem Formblatt für das Log.

Ein wenig atemlos erreichte Najib den medizinischen Trakt. Während sie sich von einem der Assistenten auf einer Liste abhaken ließ, zog sie das Band aus ihrem Haar, um es neu zu binden, dann wurde sie auch schon umgehend in ein Behandlungszimmer gebeten. Es unterschied sich nicht viel von denen, die Najib sonst kennen gelernt hatte mit der Liege, den Schränken und einigen Gerätschaften, höchstens dass es ein wenig moderner wirkte.

Bemerkenswerter war hingegen die Professorin, die noch einige Daten vermutlich von ihrer letzten Untersuchung in den Computer eingab. Trotz der Kleidung, einer hellgrünen Hose und einem Hemd mit V-Ausschnitt, die mehr auf Bequemlichkeit als auf Attraktivität ausgerichtet waren, sah sie verdammt gut aus. Sie war kräftig, aber auf eine geschmeidige Art, mit langen Beinen und Rundungen an genau den richtigen Stellen.

Najib riss sich zusammen, um ihr nicht auf den Busen zu starren, was nicht schwer fiel, als die Professorin vom Computer auf und sie ansah. Die verschmitzten, dunkel orangenfarbenen Augen und die schmalen Lippen, um die ein vergnügter Zug zu liegen schien, nahmen sie sofort gefangen und forderten ein Lächeln, das Najib auch gar nicht unterdrücken wollte. "Guten Tag, Professorin al Chiraz. Ich bin Najib al Jawhar al Maisun."

Mejdan senkte den Blick noch einmal schnell auf die Daten auf ihrem Computer, dann lächelte sie der Studentin zu. "Willkommen. Dann habe ich also doch noch eine von den Stipendiatinnen erwischt, es ist mir eine Ehre." Sie reichte der Studentin nur kurz die Hand, währenddessen setzte etwas anderes in ihrem Kopf ein, nämlich der Sinn für die Proportionen dieses Weibchens, das beinahe so groß war wie sie selber und für den auffallend schönen Schnitt ihres Gesichtes. /Klug und Schön? Meine Güte./

Statt lange Zeit zu vergeuden bat sie jedoch lediglich "Einmal in der Kabine bis auf die Unterwäsche frei machen, damit ich die Untersuchung beginnen kann."

Najib folgte der Geste mit dem Blick, dann nickte sie und verschwand, um sich rasch auszuziehen, wobei sie ihre schon wieder viel zu direkten Gedanken damit zu unterdrücken versuchte, dass sie sich sagte, dass die Professorin um ein Wesentliches älter sein musste als sie selber. /Und was sieht sie gut dafür aus!/ Es half nicht und lockte nur ein erneutes Grinsen bei ihr hervor, dass sie auch dann nicht verließ, als sie nur noch in kurzer Shorts und Top in den Behandlungsraum trat.

Ein molliges, älteres Männchen half Mejdan immer bei den Untersuchungen, schrieb die Maße auf, die sie murmelte, gab die Zahlen gleich in das Rechenprogramm und hakte die zu erfüllenden Punkte ab. So konnte Mejdan zum einen ihre Haltung bewahren, obwohl der Anblick von Najibs Körper mehr als irritierend war, auf eine schöne Art dazu noch, zum anderen war sie frei für eine lockere Unterhaltung mit der Studentin, während sie den Dehydratationstest abwartete. "Hilel al Chiraz hat mir vorhin von einer Freundin erzählt. Ihr stammt aus dem selben Dorf, kann er dich damit gemeint haben, Najib?" Mejdan entfernte die Testfolie und wendete sich halb zur Seite, um sie auszuwerten.

Auf der Liege sitzend schlug Najib ein Bein unter, während sie den Anblick des Profils mit der kleinen Nase genoss. "Ja, wir kennen uns schon länger, sind im gleichen Ort aufgewachsen. Er ist ein liebes Kerlchen, und ich bin froh, dass du ihn aufgenommen hast. Er ist so schüchtern, und dann unter lauter Weibchen..." Sie schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn, die sich jedoch gleich darauf wieder glättete. "Ich weiß, ich falle mit der Tür ins Haus, aber hättest du etwas dagegen, wenn ich ihn ab und an besuchen komme? Er war sich nicht sicher."

Mejdan lachte auf und schickte ihren Helfer mit einem kleinen Nicken fort. "Das war eine Selbstverständlichkeit, ich bin mit seiner Frau verwandt. Und es macht mir nichts aus, wenn du ihn besuchst, Najib." Sie tippte die letzten Daten in den Computer, zu dem sie sich nur schnell rüberlehnte. "Ich bin ohnehin nur selten daheim, und meinem Mann wird ebenfalls die Zeit fehlen, sich um ihn zu kümmern." Sie runzelte die Stirn. "Oh. Natürlich sollten wir Shayde fragen, ob es ihm Recht ist, denn Hilel wohnt in der Etage der Männchen, vielleicht solltet ihr euch im Empfangszimmer treffen, damit es nicht zu modern wird."

Innerlich jubilierte sie bei dem Gedanken, dass dies alles nur dem Zufall zu verdanken war, dass Hilel sie in seiner Hilflosigkeit an Shayde erinnert hatte und sie nun also die Chance haben würde, dieses wunderschöne Weibchen häufiger in ihrem Haus begrüßen zu können. Während sie auf den rechnenden Computerbildschirm starrte, wiederholte sich vor ihrem geistigen Augen bereits der romantische Abend mit Shayde, nur dass an seiner Stelle die verwirrende Studentin mit ihren langen Beinen und der energischen Ausstrahlung trat.

Unter Aufbringung ihrer Konzentration schaffte Mejdan es, Najib neutral lächelnd anzusehen und sie in die Kabine zum Ankleiden zu bitten. Anschließend händigte sie ihr das Logkärtchen und die Broschüre aus. "Vielleicht sehen wir uns ja einmal in meinem Haus..." Mejdan streckte unbewusst den Rücken ein wenig und seufzte "Oder auf den Sportplätzen, da wir in der Nähe wohnen, bin ich dort nach Feierabend auch gern einmal."

"Oh, da sehen wir uns dann mit Sicherheit! Ich nehme an, dass ich oft dort sein werde." Ein erwartungsvolles Prickeln flog durch Najibs Magen, als sie die Ärztin beobachtete und einen kurzen Blick auf einen winzigen Streifen Haut zwischen Hosenbund und Shirt erhaschte. Zufrieden dachte sie daran, dass sie in den Sportanlagen noch viel mehr von diesem offensichtlich hübschen Körper zu sehen bekommen würde. Ob sie gern schwimmen ging? Und hatten die Professorinnen getrennte Umkleideräume? Mit Sicherheit, was ärgerlich, aber wahrscheinlich sehr viel besser war. Um sich abzulenken und ihr Interesse nicht offenkundig werden zu lassen, steckte sie die Karte und das Prospekt ein und reichte der Professorin dann das Formblatt, das sie fast vergessen hätte. "Ich bräuchte noch eine Unterschrift. Der Papierkrieg um das Stipendium ist nervend, aber leider nicht zu vermeiden."

Als sie sich nun näher waren, bemerkte Mejdan dieses nicht unbedingt unerwünschte, aber sie doch besorgende Kribbeln im Magen, und sie ließ sich mehr Zeit als nötig, um das Formular mit ihrer Unterschrift und dem Stempel zu versehen. "Ich denke auch, dass wir uns begegnen werden. In den ersten Tagen nach der Prüfung für die Logberechtigung sind zudem am Strand immer Ballspiele, das ist besonders empfehlenswert. Gespielt wird mit einem schimmernden Ball und erst nach Einbruch der Dunkelheit."

Sie überlegte kurz, dann fügte sie das Formular zurückgebend hinzu "Die Männchengruppe der Universität ist in dieser Sportart sogar recht gut, ihr Spiel ist feiner als das der Weibchen und sehr schön anzusehen."

Najib seufzte innerlich. Natürlich musste eine Frau wie Professorin al Chiraz von Männchen anfangen. Es gab gar keinen Weg daran vorbei. Doch sie ließ es sich nicht anmerken, lächelte nur ein wenig unverbindlich. "Da kann ich kaum selber mitspielen, von daher finde ich das eher uninteressant."

Das Formblatt faltend und in ihre Tasche steckend zuckte sie mit den Schultern, lachte dann aber auf. "Es sei denn, Hilel spielt mit. Dann müsste ich ihn anfeuern. Aber da ich das sehr bezweifle, werde ich mich doch eher an die Frauengruppen halten." Ein eher unbeabsichtigter Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass die Untersuchung länger gedauert hatte als angenommen und es bis zu dem Termin mit der Kursleiterin für Simulationen, bei der sie sich ebenfalls vorstellen musste, nur noch wenige Minuten hin war.

"Oh verdammt. Ich bin spät dran. Bin ich froh, wenn ich alle Unterschriften beisammen habe! Auf Wiedersehen!" Wesentlich hastiger, als sie es gewollt und geplant hatte, verließ sie das Behandlungszimmer. Dennoch und trotz der letzten Bemerkung über Männchen war sie ausgesprochen guter Laune, während sie durch die Korridore rannte. Natürlich fand die Professorin die Männchengruppe hübsch anzusehen, aber das hieß nicht, dass sie das nicht ebenfalls wäre, wenn sie sich auf den Sportplätzen trafen. Und Najib war sich schon sehr lange darüber im Klaren, dass ihr nicht viel mehr blieb, als aus der Ferne zu wünschen.

Mejdan saß noch einen Augenblick lang mit versonnenem Lächeln vor dem Computer, doch ihre nächste Untersuchung vertrieb die gute Laune zunächst einmal; bereits mit den Worten "Meine Mutter wird sich über dich beschweren, Professorin al Chiraz!" stürmte eine hochnäsige Studentin hinein.

 

Hilel hatte es in den nächsten beiden Tagen nicht sonderlich leicht. In seinen Kursen wurde er an den Rand nach vorn gesetzt, wenn er eine Frage stellte, bekam er diese von einer Professorin stets fast schon in Babysprache beantwortet, als ob er dumm sei. Es bekümmerte und erschreckte ihn, wie wenig Verständnis ein studierendes Männchen von einigen Weibchen erhielt.

Umso zerrissener war Hilel dann am Abend des zweiten Tages, als er am Sportplatz aus dem gelben Bus stieg, um sich zur Siedlung der Professorinnen zu wenden. Das helle, von Fenstern durchsetzte Turngebäude war geschmückt worden, und einige Helfer brachten gerade Getränkespender hinein, im Inneren konnte Hilel ganz hinten eine Bühne erkennen, auf der einige Weibchen an Musikinstrumenten hantierten.

Er hatte Lust auf eine Feier, aber was war, wenn sie ihn neckten, wenn sie ihn wohlmöglich bedrängten? Najib hatte er in den zwei Tagen nicht wieder gesehen. Zu dem Wohnheim Blau zu gehen, wagte er nicht, zudem hatte er sie nicht belästigen wollen. Sicherlich hatte auch sie viele Einführungskurse, und zudem war das Lernen für die Loggenehmigung nicht gerade leicht.

Seufzend wandte er sich den Bungalows zu und duschte zunächst, um sich für eine ärmellose Tunika aus kräftigem roten Stoff zu einer engen nachtblauen Hose zu entscheiden. Der Stoff der Tunika reichte auf die Mitte der Oberschenkel herunter und war an den Seiten geschlitzt, so war er zum einen vor Blicken auf seinen Po geschützt, aber konnte wenn nötig frei tanzen. Eigentlich tanzte er gern und hoffte, dass sich einige traditionell erzogene Männchen für einen Kreistanz finden würden. Zum Abschluss schmückte er seinen Hochzeitsschmuck mit roten Steinen und gönnte sich schimmernden Schmuck auf der Stirn und an den Augenwinkeln.

Doch zunächst wollte Hilel sich auf der Terrasse noch ein wenig wappnen. Während er der Sonne beim Untergehen über dem Meer zusah und Obstsalat aß, beschloss er dann, dass er einfach eine Handvoll Gras ausreißen wollte, um seine Entscheidung von der Zahl der Halme abhängig zu machen. "Bei gerade gehe ich, bei ungerade bleibe ich lieber hier."

Najibs dunkle Stimme lachte hinter ihm leise auf. "Bei ungerade bleibst du lieber hier, damit ich dich abholen kann, richtig?"

Sie hatte der Versuchung einfach nicht widerstehen können, ihn aufzusuchen. Einerseits hatte sie schon vermutet, dass Hilel einen Grund finden würde, um sich drücken zu können, zum anderen hatte sie wirklich gehofft, dass sie Professorin al Chiraz treffen würde, da sie ihr weder am Strand noch auf den endlich geöffneten Sportplätzen begegnet war. Die um einiges ältere Frau war ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

Natürlich war die Professorin nicht anwesend, das wäre wohl zu viel des Glücks gewesen, aber immerhin hatte Najib so einen ersten Blick auf den hübschen Bungalow werfen können, als das menschliche Hausmädchen sie eingelassen und bis zu einem seitlichen Ausgang zur Terrasse der Männchen geführt hatte. Und dort hatte Hilel die nun eindeutig niedlichste Art gesucht, um nicht zu der Feier kommen zu müssen. Abzählen mit Grashalmen.

Errötend ließ Hilel die Grashalme fallen und gestand "Allein hätte ich mich vermutlich nicht hingewagt. Mejdan und Shayde sind noch nicht hier und ich..." Er sah zu ihr auf und lächelte. "Aber du bist mich abholen gekommen, das ist wirklich lieb, danke, Najib!" Unsicher blickte er auf die Reste seines Tees und Obstsalates. "Möchtest du etwas trinken oder vielleicht essen?"

Lächelnd schüttelte sie den Kopf. "Du hast dich nicht viel verändert, Hilel. Ich wusste doch, dass ich meine Verabredung holen muss, wenn ich mit dir weg will. Ich verspreche dir, es wird niemand Scherze auf deine Kosten machen, und wenn es eine versucht, wird sie das ganz schnell wieder sein lassen." Es war seltsam, wie schnell sie sich wieder in ihre alte Rolle als seine Beschützerin hinein fand, obwohl mittlerweile einige Jahre vergangen waren.

Sie lehnte sein Angebot ab, noch etwas zu essen. Auf der Feier würde es genügend geben, und selbst, wenn er sicher höflich sein wollte, wusste sie doch, dass es gleichzeitig ein weiterer Versuch von Hilel war, den Aufbruch noch ein wenig hinauszuzögern.

Nachdem sie dafür gesorgt hatte, dass er etwas zum Überziehen mitnahm, da die Nächte recht kühl werden konnten, und dass er auf keinen Fall seine Karte vergaß, verließen sie das Haus. Sie bot ihm ihren Arm an, was ihn ein wenig zum Kichern und gleich darauf zu verlegenen Entschuldigungen brachte, die sie lachend abwehrte. Ihre gute Laune blieb, sie tauschten Erinnerungen aus, und der kurze Weg zu den Sportanlagen reichte aus, dass sie sich nahezu wieder so vertraut mit ihm fühlte wie in ihrem Dorf.

Musik und Stimmengewirr empfingen sie aus der erleuchteten Halle, und Najib bekam Lust darauf zu tanzen. Sie reihten sich in die Schlange ein, die sich vor der Tür gebildet hatte, da sie offensichtlich mit einem ganzen Schwung anderer Leute angekommen waren. Weiter vorne entdeckte sie ihre Zimmergenossin, die sich gerade umdrehte und hob grüßend die Hand. Die andere winkte zurück, dann entdeckte sie das kleine Männchen an Najibs Seite und fing an zu grinsen.

Najib schüttelte nur den Kopf, was ihr ein Augenrollen und dann eine amüsierte Grimasse einbrachte. Schmunzelnd sah sie auf Hilel hinab. "Meine Mitbewohnerin. Ich muss sie dir nachher mal vorstellen, damit sie deutlich sieht, dass du verheiratet bist. Sonst glaubt sie mir nie, dass ich nicht darauf aus bin, ein Männchen zu finden, um meinen Verlobungen zu entgehen."

Mit großen Augen sah Hilel zu Najib hoch. "Entgehen? Aber... aber..." Ihm fehlten die Worte. Er hatte schon von einigen der Weibchen gehört, die sich über die Tradition hinweg setzten, um anderen Plänen folgen zu können, aber so ganz der Heiratsregelung entgehen wollte doch keine.

Mejdan und Shayde waren ein gutes Beispiel. Sie waren nach dem Gesetz verheiratet, und trotz der ausgebliebenen Tochter schien Mejdan mit ihrem einen Männchen zufrieden zu sein. Leider, wie er gefunden hatte. Shayde war sehr freundlich, mit ihm zu reden machte viel mehr Spaß als daheim mit dem ersten Männchen seiner eigenen Frau, und Hilel hätte es nicht schlecht gefunden, einfach die Ehefrau wechseln zu können; natürlich würde das nie erlaubt, auch wenn es in einigen Clans Gang und Gebe war. Und nun sagte auch noch Najib, eines der herrlichsten Weibchen, die Hilel kannte, dass sie einer Verlobung entgehen wollte. Das war unfair, wie er fand. Doch ein kräftiges Weibchen von der Universitätssicherheit nahm ihnen die Eintrittskarten im Tausch gegen Handgelenksbändchen ab, und die Lichter und die laute Musik lenkten seine Aufmerksamkeit auf die Halle vor ihnen, und so beschloss er, Najib danach später noch einmal zu fragen, wenn es ruhiger war.


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