Illusionen

9.

Weit ab des Weges, der die kleine Rückzugsstation mit dem Dorf verband, kniete Shayde mitten im Frühlingswald des Logs vor einer Pflanze, die er nie zuvor in seinem Leben gesehen hatte und machte eifrig Notizen. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass einer der Dorfbewohner ausgerechnet jetzt ausgerechnet hier vorbei kam, war es augenscheinlich lediglich ein Block mit Stift, dessen er sich bediente, doch die Daten wurden direkt in sein Verzeichnis auf den Hauptcomputer der biologischen Abteilung übertragen.

Seine Kutte war durch die nasse Erde bis zu den Knien durchweicht, da erst vor wenigen Stunden ein regelrechter Wolkenbruch vom Himmel herabgekommen war, aber Shayde registrierte es kaum, während er sorgfältig die nahezu perfekt ovalen Blätter mit den gezackten Rändern abzeichnete, deren Stiele sich spiralförmig um den Stängel einer leuchtend roten Blüte mit violettem Stempel anordneten und damit fast wie ein Korb wirkten.

Wenn er aus dem Log zurück war, würde er die Zeichnung und die Beschreibung, die er sich anfertigte, mit den Datenbanken vergleichen müssen, was zur üblichen Vorgehensweise gehörte. Doch er war sich sehr sicher, dass diese Pflanze hier nicht hätte sein dürfen, ja, dass es sie eigentlich gar nicht gab. Zum Glück hatte er sie gefunden, bevor die ersten Studenten ins Log durften. Er würde diesen Fehler katalogisieren, ihn der Informatikabteilung melden, und dann wäre er auch schon wieder so gut wie behoben.

Bedauernd seufzte er und klappte seinen Block zu. Eigentlich war es schade um diese ausgesprochen hübsche Pflanze. Aber sie war nur eine Ansammlung von Daten, nichts echtes, was die Muttergöttin geschaffen hatte. Der Block verschwand in einer der Taschen der unförmigen Kutte, dann stand Shayde auf, klopfte sich etwas feuchte Erde ab, was nicht wirklich half, und stapfte zum Weg zurück. Nur eine Ansammlung von Daten... wie Timm.

Sehnsüchtig warf er einen Blick in die Richtung, in der das Dorf lag. Es erschien ihm wie eine Ewigkeit, dass er den Mann das letzte Mal gesehen hatte. Und in der Tat war es schon über zwei Wochen her. Hier war der Winter auf Frühling umgeschaltet worden, das letzte Mal hatten sie sich über den Schnee unterhalten, ein Gespräch, das Timm mit Sicherheit vergessen hatte.

Shayde rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht und verteilte dabei Erde auf seinen Wangen, ohne es zu merken. Ob er sich erlauben konnte, ihm einfach einen Besuch abzustatten? Die Feier zum Willkommen der Studentinnen war zwar an diesem Abend, und zu deren Beginn würde er auf jeden Fall zu spät kommen. Mejdan wäre nicht sehr glücklich, wenn er sich noch mehr Zeit ließe, nur um sich mit einer Gestalt gewordenen Datenbank auszutauschen.

Es war nicht das erste Mal, dass Shayde sich wünschte, dass ihm diese Tatsache deutlicher vor Augen stehen würde. Und natürlich war es der Sinn des Logs, so echt wie nur irgendwie möglich zu wirken. Er wusste es, kannte alle Hintergründe dazu, hatte auch schon mehrfach einen Blick auf die wirren Datenkolonnen geworfen, die all das hier zum Leben erweckten. Dennoch waren es für ihn zwei Welten. Die, in der er mit Mejdan wohnte und in der diese Daten aufbewahrt wurden und die im Log, die spätestens dann real wurde, wenn man in sie eintauchte. Hier sah man keine Daten, hier gab es nur Pflanzen, Tiere, Menschen... Alles befand sich in einem wundervollen Einklang miteinander, nichts deutete darauf hin, dass sich dahinter nur Zahlen und Werte befanden.

Timms blaue Augen waren lebendig und voller Gefühl, seine Stimme erweckte die Kleinigkeiten zum Leben, die geschehen waren, während Shayde in seiner eigenen Wirklichkeit geweilt hatte. Er hatte einen eigenen Geruch, der sich änderte, wenn er schwitzte und wenn er frisch gewaschen war. Er hatte eine eigene Gestik, eigene Meinungen zu unterschiedlichsten Themen...

Als Shayde aus seinen schwärmerischen Erinnerungen aufsah, konnte er bereits das kleine Haus des Jägers am Rande des Dorfes sehen. Er erschrak ein wenig, aber gleich darauf erwachte seine Vorfreude auf Timm, und er begann zu lächeln. Er würde nicht lange bleiben, nahm er sich fest vor, nur gerade lang genug, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln und um sich davon zu überzeugen, dass es ihm gut ging.

 

Mejdan war ein wenig enttäuscht, als Carol ihr erzählte, dass ein attraktives Weibchen ihren kleinen Gast Hilel zur Feier abgeholt hätte. Da war offensichtlich Najib bei ihnen gewesen, und sie hatte die schöne Studentin mit den faszinierenden Augen verpasst.

Die roten Wangen ihrer Haushälterin zeigten, dass sie sich eine Liebesgeschichte erhoffte. Mit einem Grinsen erinnerte Mejdan sich daran, dass Carol die Liebesromane ihres Volkes regelrecht verschlang, in denen es stets um verbotene Beziehungen zwischen einem mutigen, unkonventionellem Weibchen und einem unterdrückten und schlecht behandelten Männchen ging, die auch bei den Männchen ihres Volkes sehr beliebt waren.

"Hilel ist verheiratet, da müssen wir wohl auf ihn Acht geben, nicht, Carol? Nimm dir doch heute Abend frei, wir sind ohnehin alle zu der Feier."

Nachdem Carol in Richtung der Siedlung der Menschen des Campus verschwunden war, holte Mejdan die Überraschung für ihren Mann Shayde und Hilel aus dem Wagen. Bereits am nächsten Tag würde die Woche der Ashiqa beginnen, der Göttin, in deren Schutz die beiden Männchen geboren worden waren, und Mejdan hatte es noch nie vergessen, ihrem Mann zu diesem Tag die Blume der Göttin, eine tiefrot getigerte Orchidee, mitzubringen.

Dieses Mal hatte sie zwei in tropfenförmig von einem zierlichen Drahtgestell hängenden Kristallbehältern besorgt und legte für Hilel ein kleines Lexikon über die lokalen Kolibris dazu, für Shayde eine hellgrüne und sehr durchsichtige Kombination aus ärmellosem Hemdchen und einer kurzen Hose zum Schlafen.

Mit einem kleinen Lächeln stellte sie sich vor, wie entzückend Shayde darin aussehen würde und überlegte sich schon, an welchem Abend sie ihn zum Zweck des Vorführens zu sich bitten sollte. Doch die Feier drängte sich gleich darauf viel mehr in ihr Bewusstsein.

Nachdem sie sich schnell geduscht hatte, zog Mejdan sich besonders sorgfältig an. Traditionell, aber zugleich auch freizügig, so wie die Abd-Jabir sich hier im Süden kleideten, wenn sie aus gingen. Ein grüngoldenes Hemdchen, das knapp unter dem Busen aufhörte, zu einer Hose aus dem gleichen Stoff. Das Muster der Borten fand sich in Armreifen und einem Kettchen für ihre Taille wieder. Ihre Mähne versah sie um die Ohren herum rasch noch mit feinen Perlchen und zog sich leichte Sandalen an, dann knotete sie ein recht warmes Tuch um ihre Hüfte, das sie später für die Schultern nehmen wollte.

Als sie bei der schon übervollen Halle ankam, hatte man bereits die Fenster geöffnet, um die frische Abendbrise zu nutzen. Eine Handvoll Weibchen lehnten rauchend und trinkend an den Fenstern und winkten Mejdan bereits zu, der Kurs der Medizinerinnen.

Seufzend gab Mejdan den Plan, zuerst nach Najib und Hilel zu suchen, zugunsten eines kühlen Weines mit ihrem Kurs auf. Schon bald war sie in eine angeregte Unterhaltung mit einem ebenfalls attraktiven und nicht gerade dummen Weibchen vertieft. Sie dachte ohnehin, dass sie sich eine derart energische Studentin, die dazu auch noch so dermaßen gut aussah wie Najib, ohnehin gleich aus dem Kopf schlagen konnte.

 

Hilel war ein wenig schwindelig von dem letzten Tanz. Mit roten Wangen bat er Najib um ein Getränk und frische Luft. Sie waren gerade in die Nähe der Fenster gegangen, als er weiter vorn Mejdans Kopf mit ihrer kurzen, ein wenig wilden Mähne in einer Gruppe Weibchen ausmachte. Er stupste Najib an. "Dort ist Mejdan, wir sollten sie begrüßen."

Najib folgte seinem Blick, bis sie die Professorin ebenfalls entdeckte, die in ihrer grüngoldenen Hose und dem kurzen Hemdchen noch mal um einiges besser aussah als in ihrer Arbeitskleidung. Ihr gut gelauntes Lächeln wurde eine Spur breiter, als sie Hilel zunickte. "Da sie deine Gastgeberin ist, wäre es wohl sehr unhöflich, wenn wir sie ignorieren würden."

Was für ein Glück sie hatte, dass ausgerechnet Hilel hier als einziges Männchen studierte und zudem noch ein Verwandter dieser Frau war! Über diesen hatte sie nun auch herausgefunden, dass Mejdan al Chiraz mit nur einem Männchen verheiratet war, obwohl sie sich durchaus mehr leisten konnte. Es weckte eine gewisse Hoffnung in Najib, selbst wenn sie töricht war. Sie ließ sich jedoch nicht vertreiben, als sie mit Hilel zu der Gruppe trat. "Professorin Al Chiraz?"

Freude durchrann Mejdan, als die Stimme von Najib, die ihr noch gut im Gedächtnis geblieben war, an ihr Ohr drang. Mit einem Lächeln drehte sie sich um und sah Hilel und Najib zusammen auf sie zukommen. Die beiden wirkten auch vertraut miteinander, beinahe wie Geschwister. "Hallo, Hilel! Guten Abend, Najib, nenn mich doch Mejdan, das tun ohnehin alle. Wie hast du dich auf dem Campus eingelebt?"

Mit einer geschickten Drehung hatte Mejdan sich von der Gruppe der Medizinstudentinnen abgewandt, um mit Najib und Hilel an einer Ecke des Fensters eine neue Gruppe zu bilden.

"Danke, Mejdan." Najib fühlte sich von dem Lächeln gleich wieder umfangen, ließ sich davon jedoch nicht mehr so irritieren und ablenken wie bei ihrer ersten Begegnung, sondern genoss es nur, so sehr sie konnte, genau wie den Anblick der gesamten Frau. Das Glitzern um ihre aufrechten Ohren, die ein wenig wilde Mähne, das runde, aber energische Gesicht, das leicht verschmitzt wirkte.

Sie legte einen Arm kurz um Hilel, um ihn zu drücken und lachte leise, als sie erklärte "Dank Hilel fühle ich mich nahezu, als sei ich Zuhause. Die Sportanlagen habe ich ebenfalls schon angetestet und bin rundum zufrieden. Jetzt freue ich mich hauptsächlich auf das erste Log. Der Test scheint ja zum Glück nicht allzu kompliziert zu werden."

Mejdan nickte und wies durch das Fenster in Richtung des Strandbads der Studentinnen. "Dort drüben wird sonst immer Strandball gespielt, aber da heute die Feier ist, muss ich darauf verzichten." Sie drehte sich ein wenig zur Seite und meinte "Das erste Log ist immer schrecklich. Den meisten Studentinnen ist übel hinterher, und ihr Kreislauf kollabiert. Merkwürdigerweise kommen die Männchen besser mit dem Übergang zwischen Realität und Log zurecht. Allein Shayde, er ist eigentlich beinahe täglich bis zum Limit drinnen gewesen, einige Male auch darüber hinaus, und hat es immer gut vertragen." Sie lächelte Hilel zu. "Vermutlich hast du es damit ähnlich leicht. Wir Weibchen müssen uns da leider durch ein paar Problemchen mehr kämpfen."

Diskret warf sie an Hilel vorbei einen Blick auf Najib. An diesem Tag war die Studentin noch interessanter angezogen, vor allen Dingen das Oberteil lenkte den Blick auf ihr wohlgeformtes Dekolleté. Als Najib ein Bein etwas ausstellte, bemerkte Mejdan jedoch zudem noch, dass man ihre schlanken Beine, denen man den vielen Sport ansehen konnte, durch weite Schlitze bis auf die Oberschenkel sehen konnte. Eine aufregende Hose, passend zu der Person darin, wie Mejdan befand. Insgesamt war sie sehr schnell für das wissenschaftliche Gespräch zu abgelenkt und brachte ihre Unterhaltung auf Musik und Tanz.

Hilel fühlte sich mit den beiden Weibchen um ihn her sehr wohl auf der Feier und schon bald entschuldigte er sich, um mit einer Gruppe anderer Männchen an einem Kreistanz teilzunehmen. Voller Freude bemerkte er, wie ihn einige häufiger an den Händen nahmen, ihm in die Augen sahen, auch wenn er nicht auf die Fragen in diesen Blicken eingehen wollte.

Mejdan stieß sich vom Fenster ab und fragte "Ich will mir ein neues Glas Bowle holen, würdest du den Fensterplatz solange bewachen, Najib?"

Najib konnte nicht wiederstehen, der Professorin zuzuzwinkern, als sie mit nicht ganz so viel Ernst in der Stimme, wie sie sich vorgenommen hatte, antwortete "Mit meinem Leben, Mejdan. Vorausgesetzt, du bringst mir auch ein Glas mit."

Beschwingt beeilte Mejdan sich mit den Gläsern und stieß sogar mit Najib an, bevor sie mit einem Nicken zur Tanzfläche eher zu sich selbst und ihrem Glas sagte "Ich bin froh, dass Hilel sich nun doch zurecht findet. Als ich ihn in seinem Zimmer tränenüberströmt gefunden hatte, habe ich mir doch Sorgen gemacht. Aber jetzt... schade, dass er schon vergeben ist. Shayde ist zu oft allein."

Najib folgte ihrem Blick, zu dem für seine Verhältnisse regelrecht ausgelassen tanzenden Hilel und empfand es ebenfalls als schade. Das zierliche Männchen war das einzige, mit dem sie sich so etwas wie eine Ehe überhaupt vorstellen konnte, einfach, weil sie trotz aller Unterschiede gut befreundet waren und weil sie ihn mochte.

"Wäre das der einzige Grund, aus dem du noch einmal heiraten würdest?", fragte sie neugierig und lenkte ihre Gedanken zurück zu der Frau neben ihr. "Du hast noch keine Tochter, oder?"

Mejdan nickte und antwortete, bevor ihr so richtig bewusst wurde, dass dies ein wenig gefährlich war. "Ja. Der einzige." Sie zögerte, dann fügte sie noch ehrlicher, als eigentlich gut war, hinzu "Schon Shayde habe ich nur geheiratet, weil wir bereits versprochen waren." Sie nippte von dem frischen Getränk und lächelte Najib an, wagte einen kleinen Blick in deren frappierende Augen, die einen fesseln konnten, bevor sie hinzufügte "Natürlich hatte meine Mutter vollkommen Recht gehabt, sie hatte gut gewählt, sowohl den Clan, aus dem er stammt, als auch seine Ausbildung. Glaub mir, Najib, Mütter haben unglücklicherweise fast immer Recht."

Unwillig zog Najib die Brauen zusammen und machte eine abwehrende Geste mit der freien Hand. "Mir sind zwei Männchen aus zwei verschiedenen Clans versprochen worden, natürlich beides Clans, die höher angesehen sind als der Maisun-Clan. Von daher sollte ich eigentlich froh sein, nicht wahr? Ich habe aber nicht vor zu heiraten. Ich möchte mich voll und ganz meiner Karriere widmen, das lässt mir wenig bis keine Zeit für Männchen und Kinder. Es wird auch ohne sie schon schwer genug sein, die Grenzen der Clans zu sprengen. Man braucht für zu viel den richtigen Namen, um weiter zu kommen." Abrupt verstummte sie, überrascht darüber, dass sie es zugelassen hatte, sich vor einem nahezu fremden Weibchen derart gehen zu lassen. "Na ja", brummte sie, deswegen ein wenig verlegen. "Ich wollte ursprünglich sogar zum Militär, aber das war nicht mal meinem eigenen Clan recht."

Von dem kleinen Ausbruch der Studentin ein wenig erschrocken hatte Mejdan sie angesehen, dann lächelte sie jedoch. Militär, Karriere, nicht heiraten um jeden Preis. Sie lachte auf. "Du erinnerst mich an mich vor etwas über zehn Jahren. Ich war auch so... stürmisch und wollte garantiert das Gegenteil von dem, was meine Mutter wollte."

Sie rückte ein wenig dichter an Najib heran und legte ihr kurz die Finger auf den Unterarm. "Aber... sei zu deinen Männchen nicht unfair. Als ich Shayde abgeholt habe aus dem Internat, war er depressiv; er hat sich sogar sein Fell am Schwanz ausgerissen, weil er dachte, dass ich ihn für zu niedrig halte, um ihn heiraten zu wollen. Ich habe lange gebraucht, um sein Vertrauen zu gewinnen, noch länger, um meinen Fehler auch vor mir selber wieder gut zu machen." Sie seufzte und rückte wieder ab. "Natürlich kann man immer dafür sorgen, dass ein Männchen anderweitig gut verheiratet wird."

Die Berührung hatte ein warmes Prickeln in Najib hervorgerufen, das den kleinen Stachel des Schuldbewusstseins den ihr unbekannten Männchen gegenüber gar nicht erst wirklich groß werden ließ. Angesichts des Verständnisses des anderen Weibchens schwand auch ihre Verlegenheit und ließ sie einen Blick in die dunkelorangefarbenen Augen wagen. "Wenn ich sie heiraten muss, werde ich dafür sorgen, dass es ihnen gut geht. Aber ich bezweifle, dass die große Liebe, die mich von den Vorzügen der Ehe gegenüber der Karriere überzeugen kann, ausgerechnet einer von den beiden werden soll."

Es war nicht so, dass es ihr wirklich um die Karriere ging, auch wenn es ihr gefiel, Erfolg zu haben und sie stolz darauf war, dass sie es aus eigener Kraft geschafft hatte, dieses Stipendium hier zu bekommen. Aber es war gleichzeitig die einzige Ausrede, die ihr gestattet war, die einzige Erklärung für ihre Weigerung. Sie seufzte leise und wischte das Thema mit einem Schulterzucken beiseite. "Bist du schon lange hier? Bist du oft im Log?"

Mejdan mochte diese Fragen nach der Aufenthaltszeit eigentlich nicht so gern, denn seit einigen Kursen begann sie, sich gegen die Studentinnen ein wenig zu alt zu fühlen. Dennoch lächelte sie und nickte. "Einige Jährchen schon, es gefällt mir gut hier, ich werde an dieser Universität wohl bleiben. Im Log bin ich selten. Ich Loge jedoch sehr viele Studentinnen ein und hole sie auch zurück. Die künstliche Welt ist sehr interessant, zumal die Menschen, wenn sie nicht von unserer Kultur wissen, wie es im Programm der Fall ist, sehr merkwürdig handeln."

Da Najib nicht davon ausging, dass Mejdan ihr viele Fragen zu der Programmierung des Logs beantworten konnte, blieb sie bei dem Thema Menschen und ihre Sitten, was sich ebenfalls als sehr interessant erwies. Nicht jedoch interessant genug, um den ganzen Abend dabei zu verbleiben, und so driftete ihr Gespräch bald wieder dem Campus zu, dann erzählte Mejdan von ihrer Ausbildung und Najib von verschiedenen Sportlagern, die sie besucht hatte.

Immer wieder sah Najib sich aber Hilel um, wollte ihm weder das Gefühl geben, dass sie ihn vergessen hatte, noch dass halbbetrunkene Weibchen geflissentlich seinen Hochzeitsschmuck übersahen oder sich Scherze auf seine Kosten erlaubten. Doch er hatte Anschluss an eine kleine Gruppe Männchen gefunden und schien sich dort äußerst wohl zu fühlen, was sie erleichterte. Erst, als diese sich auch langsam zurückzogen und Najib feststellte, wie spät es war, bemerkte sie, dass sie den Abend fast ausschließlich mit Mejdan verbracht hatte. Sie winkte ihm zu, als er unsicher zu ihr hinsah.

"Ich sollte ihn jetzt besser nach Hause bringen", meinte sie ein wenig bedauernd zu Mejdan. "Aber die meisten Männchen sind gegangen und die Weibchen, die noch da sind, haben größtenteils zu viel getrunken, um vernünftig zu sein."

Mejdan lachte auf und blickte in ihr leeres Glas. "Nun. Ich würde diese Unterhaltung gern ein anderes Mal fortsetzen, Najib, aber ich muss morgen einige Professorinnen einlogen, damit diese ihre Kurse vorbereiten können und sollte besser auch gehen." Dann stutzte sie und lachte wieder, ihre Mähne ein wenig ausschüttelnd "Ich denke beinahe, dass ich Hilel ebenso nach Hause begleiten werde, immerhin wohnt er ja bei mir." Sie sah Najib gut gelaunt in das schön geschnittene Gesicht und freute sich schon darauf, dieses aufregende Weibchen auf den Sportplätzen, zum Log und sehr wahrscheinlich auch in ihren Träumen wieder zu sehen.

Najib konnte nicht anders, als in dieses ansteckende Lachen einzufallen. "Stimmt, wenn du auch gehst, ist es eigentlich überflüssig, dass ich ihn begleite." Auch wenn sie es liebend gerne getan hätte, gerade jetzt, da Mejdan den gleichen Weg wie Hilel nehmen musste. Aber das würde nun wirklich übertrieben sein. Sie berührte Mejdan kurz in einer Abschiedgeste an der Schulter, auch wenn das eigentlich eher unter Gleichaltrigen üblich war, doch sie konnte einfach nicht wiederstehen, die Haut zu streifen. "Wir sehen uns mit Sicherheit wieder. Ich wünsche dir noch einen schönen Abend!"

Damit wandte sie sich energisch ab und schritt durch die Halle zu Hilel hin, um sich auch von ihm zu verabschieden und ihm zu sagen, dass Mejdan ihn begleiten würde. Sie fuhr ihm einmal kurz mit der Hand über sein vom Tanzen noch leicht verschwitztes Kopffell und stupste ihm dann mit einem Finger sacht auf die kleine Nase. "Es sei denn, du bestehst darauf, dass ich dich persönlich wieder nach Hause geleite, weil du dich sonst nicht sicher fühlst", neckte sie ihn. "Oder weil du mich sonst für sehr unhöflich hältst."

Hilel sah sie lächelnd an und erwiderte "Im Gegenteil musst du mich sehr unhöflich finden, nicht, Najib? Den ganzen Abend habe ich mich nicht mehr bei dir blicken lasse." Verschmitzt fügte er hinzu "Aber ich hatte immer, wenn wir eine Pause gemacht haben mit dem Tanzen, den Eindruck, dass ich stören könnte. Weißt du was? Ich werde in dieser Woche Ashiqa ehren und zu einem Gastessen einladen. Da mache ich es wieder gut und lade dich zum Abendessen ein, ja?"

Najib lachte leise, auch wenn ein kleines Unbehagen in ihr erwachte. Sicher, sie hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass sie nicht vorhatte zu heiraten, und sie hatte sich den gesamten Abend nahezu ausschließlich mit Mejdan unterhalten. Ob das schon genug für Hilel war, um in andere Bahnen zu denken? Trotzdem machte sie der Gedanke froh, dass sie die Professorin schon so bald wiedersehen sollte. /Najib, er lädt dich ein, nicht Mejdan. Wenn du zusagst, kümmerst du dich um ihn, nicht um sie./

Ihr Lachen wurde zu einem breiten Lächeln. "Gerne, Hilel. Aber weißt du, wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass ich dir beistehen muss, dann wäre ich schon gekommen. Nur hatte ich eher den Eindruck, dass ich stören könnte bei all der Aufmerksamkeit, die du bekommen hast. Vielleicht kannst du ja, wenn deine Frau dich das nächste Mal fragt, ihr eine andere Antwort geben." Sie zwinkerte ihm zu und reichte ihm dann zum Abschied die Hand. "Ich wünsche dir angenehme Träume." Beschwingt wandte sie sich dann ab, unterdrückte energisch die Versuchung, sich noch einmal nach Mejdan umzusehen und verließ die Sporthalle, um sich einigen der anderen Weibchen auf ihrem Heimweg anzuschließen, die im gleichen Wohnheim wie sie wohnten.


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