Illusionen

10.

Mejdan brachte Hilel gut gelaunt über einen ihrer Schleichwege zwischen zwei Bungalows hindurch nach Hause und verabschiedete sich rasch, um noch einmal den Rauch aus der Mähne zu duschen, bevor sie träumerisch lächelnd in ihrem Bett versank. Najibs Geste am Schluss hatte sie sehr genossen, als wäre sie selbst noch Studentin, als wären sie gleichen Alters.

Am nächsten Morgen war sie wirklich müde, weil sie lange nicht hatte schlafen können. Ihr Sekretär bekundete sogar mit einem besorgten Lächeln, dass sie ein wenig aussähe, als hätte sie sich eine Grippe geholt. Doch der Arbeitstag an sich verging schnell und leicht. Zudem freute Mejdan sich auf den Feierabend, denn sie hatte von Shayde die Mitteilung bekommen, dass er sich für die Geschenke zu seiner Geburtswoche bedanken wollte.

Shaydes Tag war nicht allzu lang gewesen. Er hatte den Einführungskurs Humanbiologie betreut, in dem Hilel leider nicht angemeldet war; dann hatte er in seinem kleinen Büro zwei Stunden angeboten, bei denen die Studentinnen Fragen zum Log stellen konnten. Sie waren überraschend gut besucht gewesen, obwohl es bis zum Test noch einige Tage hin waren. Anstatt die Theorie dann direkt für sich in die Praxis umzusetzen, hatte er sich zusammengerissen und war nach Hause gegangen, um gemütlich mit Hilel Kaffee zu trinken und dessen Fragen zu beantworten, die jedoch rasch vom Log weg hin zu den Kolibris gegangen waren, für die das zierliche Männchen eine regelrechte Obsession zu entwickeln begann.

Shayde lächelte bei dem Gedanken daran, dass Mejdan wieder einmal wunderbar treffsicher gewesen war, als sie die Geschenke zu der Geburtswoche ausgesucht hatte. Sein Lächeln vertiefte sich noch, als er wenig später seine Nachrichten von seinem Privatcomputer abrief und dort eine Mitteilung seiner Frau vorfand, die ihn bat, ihm ihr Geschenk doch gleich vorzuführen. Allein die Vorstellung machte ihn kribbelig vor Freude.

Er begann jedoch erst, sich für sie herzurichten, als sie schließlich nach Hause kam, denn vorher hatte es ohnehin keinen Sinn. Sie hatte oftmals gerne ein wenig Ruhe nach dem Stress im Dom, und so ließ er ihr Zeit zum essen, während er sich sorgfältig duschte, sein Kopf- und Rückenfell und den Schwanz mit einem Hauch Öl einrieb, seine Nägel überprüfte, ob sie ordentlich gefeilt waren und keine Kanten aufwiesen und sich erst danach die durchscheinende Hose und das ärmellose Oberteil in Hellgrün anzog. Kritisch betrachtete er sich im Spiegel, änderte dann die Steine des Armbandes auf ein helleres Grün, fand sich wieder einmal zu dünn, aber ansonsten in den neuen Sachen regelrecht... aufregend.

Mit einem kleinen Flattern im Magen ging er schließlich, als er meinte, dass es an der Zeit sei, zu ihren Räumen, um am Ende des Flurs der Männchen an ihre Tür anzuklopfen, hoffend, dass Hilel nicht ausgerechnet jetzt sein Zimmer verließ. Eigentlich sollte es ihm nichts ausmachen, aber er wusste, es würde ihn stören, von jemand anderem gesehen zu werden, denn so wollte er nur für Mejdan sein.

Mejdan hatte sich nach einem kleinen Salat auf ihrer Terrasse und einem Glas leichten Wein für eine halbe Stunde auf ihr Bett gelegt, um sich ein wenig auszuruhen, dann jedoch aufgerafft, weil sie Shayde zu sich bestellt hatte. Nach kurzer Überlegung duschte sie schnell, aber gab sich mit ihrem Äußeren kaum Mühe, da sie gedachte, ihn in den Mittelpunkt zu stellen.

Sie hatte ihn in ihr Zimmer bestellt, wo sie nun mit einigen Kerzen das richtige Licht für ihn schuf und mit leiser Musik im Hintergrund und dem zarten Duft von weißen Blumen, die in einer Wasserschale auf der Anrichte dekoriert waren, für Atmosphäre sorgte. Als es klopfte, hatte sie sich ein schlichtes ärmelloses Hemdchen und eine kurze Hose angezogen, aber ließ die Mähne wild abstehen.

Das Geschenk hatte sich wirklich gelohnt. Shayde sah bezaubernd aus, zart und dennoch verführerisch auf eine geheimnisvolle Art, vor allen Dingen, weil er selbst wirkte, als würde er sich verführerisch fühlen. Mejdan empfing ihn schweigend, ließ ihn wortlos durch Blicke und Berührungen wissen, dass sie ihn wunderschön fand.

So kam es, dass sie erst nach ihrem Zusammensein, als sie ein wenig träge und zufrieden nebeneinander auf dem Bett saßen und den leichten Wein zusammen mit Bergkäse, einem Geschenk von Hilel, zu sich nahmen, die ersten Worte sprachen.

Mejdan erkundigte sich nach den Kursen ihres Mannes, und er berichtete von den Veränderungen im Log, das sie noch nicht selber besucht hatte. Eine neue Person war eingeführt worden, man hatte dem ewig trinkenden Fährmann Korben eine recht strenge Tochter zur Seite gestellt und ihn offensichtlich nüchtern programmiert.

Doch bald kam Mejdan auf das Thema, das ihr in den letzten Tagen durch den Kopf gegangen war. "Ich habe dich mit Hilel reden sehen in den letzten Tagen. Ihr kommt gut miteinander aus, nicht?"

Shayde hatte sich gemütlich in Mejdans Arm geschmiegt und hatte sie mit einem Käsestück füttern wollen, doch die Frage ließ ihn innehalten. Etwas an ihrem Ton sagte ihm, dass es nicht einfach nur Interesse an dem Hausfrieden war, und das ließ ihn über seine Antwort ein wenig nachdenken, während er den Käse zwischen den Fingern drehte. Eine kleine Nervosität erwachte in ihm, als er sich überlegte, ob sie vielleicht in Betracht zog, doch noch einmal zu heiraten.

"Er kann auch die Schönheit von kleinen Dingen sehen", antwortete er schließlich. "Und ich genieße, dass ich mit ihm essen und reden kann, wenn ich nach Hause komme. Er ist sehr wohlerzogen, wir teilen viele Ansichten, auch wenn er so jung ist. Ich mag ihn gerne."

Mejdan nahm das Käsestückchen aus Shaydes Finger, die sie zart mit den Lippen berührte. Als sie es mit einem Schluck Wein herunter gespült hatte, stellte sie nebenbei fest "Aber er ist schon verheiratet, eigentlich ein Jammer... bin ich froh, dass ich eines der begehrenswerten Männchen schnell vor den anderen weggeheiratet habe."

Shayde wurde rot und lächelte, dann reckte er sich ein wenig, um ihr eine schmale Hand auf die Wange zu legen und ihr mit einem zärtlichen, weichen Kuss zu zeigen, wie sehr er sie liebte. Dass sie ihn alles andere als schnell geheiratet hatte, sagte er nicht und streifte den Gedanken auch nur flüchtig. Für diese Ehe, die er jetzt führte und für die Zuneigung, die Mejdan ihm entgegenbrachte, hätte er auch noch eine viel längere Zeit des Wartens verziehen, denn seine Frau hatte seine kühnsten Träume noch in den Schatten gestellt.

Erst nach dem Kuss fiel ihm auf, dass sie nach Bedauern geklungen hatte, als sie davon gesprochen hatte, dass Hilel bereits vergeben war. "Überlegst du, ob du nicht doch noch ein Männchen willst?", fragte er vorsichtig und sah sie an, während die Nervosität in ihn zurückkehrte, ohne dass er wusste, ob es gut oder schlecht war, sie zu fühlen.

Mejdan stupste ihn mit einem Finger auf die Nase und lächelte, dann nickte sie. "Ich habe darüber nachgedacht, allerdings würde ich für dich heiraten, Shayde, nicht für mich." Ihre Gedanken wanderten zu Najib, die ihr nicht aus dem Kopf gegangen war in den letzten Tagen, leise fügte sie hinzu "Nein, für mich habe ich alles, was ich erreichen kann."

Ihre Stimme erschreckte ihn, und ohne nachfragen zu müssen, wusste er, dass eine der Studentinnen ihr besonders gefiel, wenn sie sich nicht gar schon verliebt hatte. Mit einem stummen Seufzen fragte er sich, warum nur keine der anderen Weibchen sah, was für eine wundervolle, einzigartige Person Mejdan war. Aber vielleicht sah es ja auch die eine oder andere, und sie wagten genauso wenig wie sie, die andere darauf anzusprechen. Mejdan umarmend schmiegte er sein Gesicht an ihre Schulter und wünsche sich, sie irgendwie ablenken zu können. Dann fiel ihm ein, dass er sich verlieben könnte, dass sie ihn danach fragen würde und dieses Männchen dann heiraten könnte. Ihn verliebt zu sehen, würde ihr bestimmt noch mehr vor Augen führen, dass es für sie so unglaublich viel schwerer war. Er wusste, dass er es nicht ertragen würde, sie damit traurig zu machen.

"Ich bin glücklich mit dir, so wie es ist", sagte er leise. "Ich weiß nicht, ob ich mit einem anderen Männchen gut auskommen könnte. So wie jetzt, für nur die drei Monate ist es gut, und ich freue mich, dass Hilel da ist. Aber als ich vorhin durch den Flur gelaufen bin und daran gedacht habe, dass er mich so sehen könnte, wie ich nur für dich sein will, fand ich das unangenehm."

"Shayde!" Mejdan hielt ihn auf Armlänge von sich und sah ihn forschen an, dann lächelte sie und zwinkerte ihm zu. "Hör auf, dir um mich Sorgen zu machen. Wenn du ein Männchen gern hast, dann sag es mir, hörst du? Ich will es sofort wissen, verstanden?" Sie drückte ihn wieder an sich und seufzte "Nimm nicht Rücksicht auf mich, mein Sternchen. Und keine Sorge, ich denke zwar ab und zu über das Heiraten nach, aber würde nur ein Männchen nehmen, das auch dir gefällt."

Shayde küsste ihre Schulter, da er sie mit den Lippen erreichen konnte, ohne sich bewegen zu müssen. So sehr er sich auch bemühte, alles zu tun, was sie von ihm wollte, gab es doch Grenzen. Er konnte weder aufhören, Rücksicht auf sie zu nehmen, noch damit, sich Sorgen um sie zu machen. Zärtlich streichelten seine Finger ihren Rücken, während er daran dachte, dass sie natürlich nur ein Männchen aussuchen würde, das er mochte; das war wirklich seine geringste Angst.

Doch würde er es können, jemanden lieben und dabei wissen, was er ihr damit antat, wenn sie täglich diese Art des Glück in ihrem eigenen Haus sehen musste, das sie nicht für sich haben konnte? Aber andererseits, wenn sie eine Frau finden würde, die sie liebte, würde er sie glücklich sehen können, wenn er gleichzeitig wusste, dass sie ihn nie so lieben würde? Die Antwort war ein freudiges Ja. Mejdan schenkte ihm ohnehin mehr, als er jemals erträumt hätte. Doch würde es anders herum auch so sein? Die Gedanken verwirrten ihn, er fand keine Antwort, und so schwieg er darüber.

Seufzend rutschte Mejdan tiefer in die Kissen und schloss die Augen. "Ach, eigentlich ist es doch egal. Sollte es passieren, dass wir für jemanden fühlen, dann werden wir sowieso ehrlich sein, ich weiß das einfach." Sie streckte sich ein wenig und bot ihm an "Du kannst hier schlafen, wenn du magst", bevor sie ihn auf den Mund küsste. Dann stand sie auf, um sich die Zähen zu putzen. Schon in dem Moment fühlte sie sich todmüde. Zugleich wusste sie, dass Shayde sie in den nächsten Tagen voller Sorge beobachten würde, nur weil sie ihm einen kleinen Verdacht auf Liebeskummer eingepflanzt hatte.

 

Hilel freute sich, als er die Nachricht in seinem persönlichen Postfach vorfand. In den letzten Tagen hatte er einige Männchen, die er nun auf dem Campus kannte und Najib zu seiner Feier zu Ehren der Göttin Ashiqa eingeladen, und zwei Tage vor der Logprüfung hatten alle zugesagt, am Abend danach zu Mejdans Haus zu kommen, um mit ihm und Shayde gemeinsam in dem Garten zu feiern.

Mejdan hatte bei einem Lieferservice Getränke bestellt, und Carol hatte einige Rezepte aus ihren Büchern zusammen gesucht, die sie auch für Shaydes Feier sonst immer kochte. Als Hilel am Nachmittag dann aufgeregt dabei half, kleine Tischchen und Stühle im Garten zu verteilen und schlanke weiße Fackeln dazwischen zu stecken, duftete das Haus schon nach den traditionellen Gerichten, die der Göttin Ashiqa besonders gefielen.

Seine Gastgeber waren beide damit beschäftigt, die Prüfungsergebnisse auszuwerten, Hilel war sich zu seinem Glück sicher, dass er bestanden hatte, und so war er sehr guter Laune. Zudem freute er sich, die Männchen von der ersten Feier wiederzusehen, und natürlich freute er sich, dass Najib, von der alle Männchen schwärmten, auch da sein würde. Grinsend gestand er sich ein, dass seine Freundin vermutlich die Beliebtheit seiner Feier enorm gesteigert hatte.

Endlich scheuchte Carol Hilel jedoch in sein Zimmer, damit er nicht vergaß, sich selber herzurichten. "Ich werde mich um das Essen kümmern, Hilel. Nun lauf schon und mach dich schön. Immerhin kommt Najib, von der du so viel geredet hast, sicherlich gleich."

Mejdan sah Hilel davonlaufen, dann trat sie in die Küche und stahl sich eine Dekoration von der Cremespeise, bevor sie Carol einen dicken Strauß roter Tigerblumen überreichte, damit diese die Tische damit verschönen konnte. "Ich bin in meinen Zimmern, Carol, sag mir bitte Bescheid, wenn die Gäste da sind."

Natürlich war Mejdan in ihren Zimmern, aber sie wartete und arbeitete auch nicht, sondern richtete sich her und zauderte, was sie anziehen sollte. Endlich entschied sie sich für eine Kombination aus sehr dunkelbraunen Shorts und einem rückenfreien Top, das vorn allerdings hoch geschlossen war. Beides wirkte schlicht, war aber aus feinem Stoff und lag eng an, zudem waren die Shorts recht kurz.

 

Najib zerbrach sich den Kopf darüber, für welche Kleidung sie sich entscheiden sollte, wobei sie sich sehr im Klaren darüber war, dass sie es nicht wegen Hilel tat. Es sollte jedoch nicht so wirken, als hätte sie lange darüber nachgedacht, was die Sache erschwerte.

Schließlich blieb sie einfach bei einer engen, braunen Hose, zu der sie ihr goldgelbes, ärmelloses Shirt trug. Sie hatte mittlerweile aufgehört, sich darüber zu wundern, dass viele der Weibchen aus Rot zwei es noch immer schafften, jeden Tag mit anderer Kleidung zu den Kursen zu erscheinen. Dafür hatte sie weder das Geld noch die Lust.

Im Ausgleich für ihre recht schlichte Kleidung widmete sie ihrem Haar besondere Aufmerksamkeit; nichts was zu sehr auffiel, aber mit Spülung und Ausdauer beim Bürsten wurde es weich und glänzend. Einige mit Bernstein besetzte, kleine Spangen hielten die Strähnen um die Ohren, ein kleiner Tribut an die Tradition, und dies tat sie wirklich nur für Hilel.

Sie war eine der ersten, die eintraf, zeitgleich mit einem der Männchen, die bei der Willkommensfeier um Hilel gewesen waren. Sie nickte ihm freundlich zu, worauf er tatsächlich rot wurde, was sie dazu brachte so zu tun, als hätte sie es nicht bemerkt, um ihn nicht noch weiter in Verlegenheit zu bringen.

Der Garten war hübsch mit Tigerblumen und Lampions geschmückt, und das menschliche Hausmädchen von Mejdan war nur noch dabei, ein paar letzte Dinge zu richten, Schüsseln und Platten gerade zu rücken und die Dekoration leicht zu verändern.

Ihr Blick wurde von Hilel auf sich gezogen, der gerade wieder aus dem Haus trat. Sein Anblick ließ sie lächeln. Einige der eingeladenen Männchen würden mit Sicherheit den Kopf wegen ihm verlieren, so niedlich wie er aussah. Sie lief zu ihm hin und schloss ihn kurz in die Arme. "Alles Gute, Hilel. Möge Ashiqa weiter über dich wachen und nur Glück über deinem Weg strahlen lassen."

Gleich ließ sie wieder von ihm, um ihm ihre Geschenke überreichen zu können. Eines war eine Kette mit einem zierlichen Anhänger, ein Kolibri in den Farben seiner Göttin. Tigerblumen hatte er mit Sicherheit genug, auch wenn es zu ihm gepasst hätte und die Auswahl groß war. Das andere war ein Buch über Evolutionsbiologie. Sie hatte die Gelegenheit genutzt und Professor Shayde nach etwas Empfehlenswertem gefragt, als er ihr im Dom über den Weg gelaufen war.

Hilel wurde vor Freude über die Geschenke und die Umarmung ein wenig rot und ließ sich von Najib helfen, die Kette umzulegen. "Sie ist wunderschön, danke, Najib." Mit großen Augen drehte er den Anhänger zwischen den Fingern. Doch gleich drauf wurde er abgelenkt, weil einige der anderen Gäste eintrafen, zudem traten Shayde und Mejdan, vermutlich von Carol verständigt, ebenfalls in den Garten, denn auch die Gäste, die Shayde eingeladen hatte, kamen nun langsam an.

Mejdan musste sich zusammenreißen, um die Gäste ihres Mannes, die sie wirklich ebenso gut und lange kannte, zumeist Kollegen und Assistenten von ihnen, zuerst zu begrüßen. Erst als Shayde das Büffet eröffnet hatte, kam sie dazu, vor der Platte mit garniertem Fisch auch Najib anzusprechen.

Sie sah aufregend aus, wie auf der Feier zuvor. Ihre lange Mähne glänzte von kleinen Steinchen betont und lenkte den Blick auf ihre Schultern und den Hals. Als Mejdan neben sie trat, nahm sie den warmen Duft wahr, der aus der Mähne stieg und lächelte. Das war eines ihrer Lieblingsshampoos. "Guten Abend, Najib. Wie ist die erste Prüfung für dich verlaufen? Ich hoffe doch, ein Grund zum Feiern."

Mejdans dunkle Stimme ließ in Najib gleich wieder ein Gefühl wie von aufperlenden Bläschen an der Haut entstehen. Sie erwiderte ihr Lächeln, während sie bemerkte, dass das Hemd sich eng um Mejdans Oberkörper schloss und die kurzen Hosen nur wenig die schlanken, kräftigen Beinen verbargen. Was für eine schöne Frau!

"Sie war für mich nicht schwer, also bin ich gut durchgekommen", antwortete sie mit ein wenig Verspätung. "Aber ich habe ja auch den Vorteil, dass ich mich schon vorher in dieser Richtung spezialisiert habe. Mit dem Heftchen können eigentlich nicht allzu viele durchgefallen sein, oder?"

Mejdan lächelte amüsiert und schüttelte den Kopf. "Nein, viele nicht, aber einige schaffen es sehr zu unserer Verwunderung doch immer wieder." Eine Professorin für Biologie, eine jüngere Kollegin ihres Mannes forderte Mejdans Aufmerksamkeit leider in dem Moment, und sie bekam im weiteren Verlauf des Abends kaum noch die Möglichkeit, unauffällig mit Najib zu reden.

Später zeigte Hilel seine Geschenke, und bei dieser Gelegenheit sah sie, wie teuer und bedacht das Geschenk von Najib an ihn gewesen war. Ein wenig betrübt schloss Mejdan daraus, dass auch Najib, die ihre Träume in den letzten Tagen und vor allen Dingen auch Nächten auf eine schon unangenehm intensive Art bestimmt hatte, ebenso wie die meisten anderen ihrer hoffnungslosen Verliebtheiten mehr Interesse an einem zierlichen Männchen hatte, als einem großen und zudem älteren Weibchen.

Sie ließ niemanden diesen Trübsinn sehen, auch wenn Shayde ihr vermutlich angemerkt hätte, was sie beschäftigte, wenn er mehr Zeit gehabt hätte. Seine Kollegen, von denen einige zu den neugewonnenen Freunden von Hilel gehörten, forderten mit einem der beliebten Partyspiele seine Aufmerksamkeit.

Eine Gruppe Männchen fand sich recht bald zu den traditionellen Tänzen zusammen, und Mejdan entschuldigte sich irgendwann bei Hilel und Shayde, um nach einem kleinen Blick auf Najibs von einem Lächeln erhelltes Gesicht in ihre Räume zu gehen.

Auch wenn sie es noch so sehr versuchte, die intensiven Augen, der schöne Mund und die wunderschönen Beine raubten Mejdan die Konzentration für die Arbeit, die sie eigentlich erledigen musste. Seufzend rieb sie sich die Augen, bevor sie eine weite, bequeme Hose und ein leichtes Hemd überzog, um mit einem Handtuch bewaffnet zum Strand zu gehen. Nachts zu schwimmen wagte kaum jemand, aber Mejdan kannte durch Shaydes Wissen alle Tierarten in den Gewässern und hatte vor keiner Angst, auch im Dunkeln nicht.

Und das Dunkel, lediglich von dem Licht der Sterne unterbrochen, schützte sie vor ungewollten Blicken, auch wenn an diesen Strand kaum jemand ging. Rasch zog sie sich aus und schüttelte ihre Mähne, Badeanzüge fand sie abscheulich, und hier konnte sie das Wasser um sich spüren. Nachdem sie zügig zwischen zwei Markierungsbojen die übliche Strecke geschwommen war, ließ sie sich noch ein wenig treiben.

 

Najib hatte gesehen, wie Mejdan sich von ihrem Mann und Hilel verabschiedet hatte und dann im Haus verschwunden war, um nicht wieder heraus zu kommen. Den ganzen Abend lang hatte sie sich nicht davon abhalten können, immer wieder zu der anderen Frau zu schauen, um sie zu bewundern, ihre Geschmeidigkeit, ihre Schönheit, ihre Ausstrahlung... doch nie hatte Mejdan ihren Blick erwidert, und dann war sie gegangen, ohne auch nur noch ein weiteres Wort mit ihr gesprochen zu haben.

Es rief Traurigkeit in Najib hervor, die sie verdrängte, um Hilel nicht die Feier zu verderben oder ihn auf dumme Gedanken oder gar zu Sorgen zu bringen. Nachdem sie schließlich weitaus später die Feier verlassen hatte, kam das ein wenig schmerzende Nagen in ihrer Brust jedoch zurück, als sie barfuß den Strand entlang lief, den kühlen Sand unter ihren Sohlen spürend, abwechselnd mit dem weichen Wasser, das mit jeder kleinen Welle ihre Füße umspülte.

Rein von der Vernunft her war es Najib klar, dass ihre Träume sie zu nichts bringen würden. Sie war Studentin, sie war zu jung und vor allem war sie eine Frau. Natürlich würde Mejdan nicht mehr empfinden, als dass sie nett war und man sich gut mit ihr unterhalten konnte. Andererseits waren sie fast den gesamten Abend auf der Willkommensfeier zusammen gewesen. Und heute hatte Mejdans Lächeln ihre Gedanken viel zu sehr durcheinander gebracht.

/Ach, hör auf/, schalt sie sich ärgerlich. /Du weißt doch, dass es zu nichts führt, einer Frau hinterher zu schwärmen./ Mit einem leisen Seufzen blieb sie stehen und sah aufs Meer hinaus, überlegte, ob sie schwimmen gehen sollte, um sich ein wenig zu beruhigen und abzulenken, damit sie nicht die ganze Nacht über an diese aufregende Frau dachte und damit keinen Schlaf finden würde. Dann dachte sie jedoch erst einmal gar nichts mehr.

Es war... wie ein Traum, als hätten ihre Gedanken diejenige hergerufen, von der sie sich nicht lösen konnte. Ihr Körper schien in dem schwarzen Wasser zu leuchten; das Licht der Sterne zauberte einen weichen Schimmer auf die weiße Haut und löschte jeden Zweifel daran aus, dass Mejdan nackt war. Najib ließ den Blick über die schlanken, trainierten Beine streifen, über den Schoß und den flachen Bauch, die Erhebungen der vollendeten Brüste, über die Arme und den Hals hin zu dem entspannten Gesicht mit den geschlossenen Augen.

Ihr Herz schlug schneller, Hitze stieg in ihr auf, und erst, als sie mit einem weiteren Seufzen Luft holte, merkte sie, dass sie den Atem angehalten hatte. /Oh Jawhar, sie ist so wundervoll, so atemberaubend, so schön, so... sie darf nicht merken, dass ich sie anstarre!/ Najib schickte ein Dankesgebet zu allen Göttinnen empor, dass sie allein war. Dann endlich tat sie, was sie bei jeder Freundin getan hätte. Sie rief nach ihr und winkte mit einem kleinen Lachen, als Mejdan die Augen öffnete.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh