Illusionen

11.

Ein kleiner Schreck durchzuckte Mejdan, als die Stimme der Frau die Eintönigkeit der Wellengeräusche um sie her durchbrach. /Najib!/ Und tatsächlich war sie es. Wie bei allen Göttinnen die Studentin es geschafft hatte, Mejdans abgelegenen Schwimmplatz zu finden, war ihr schleierhaft, aber sie war hier und sie beide... allein. Keine Blicke oder Gedanken, Vermutungen, Verdächtigungen anderer, die zu dem gefürchtete Rufmord führen könnten.

Mejdan beschloss, diese Gelegenheit als ein Geschenk der Göttinnen anzusehen und kletterte auf den schmalen Holzsteg, wo ihr Handtuch und die Kleider auf sie warteten. Mit einem Lächeln und so unbefangen wie möglich schlang sie das Handtuch um sich und winkte Najib zu, während sie die Hose und das Hemdchen aufnahm. Zum Anziehen war sie noch zu nass. Dass sie nackt war, behandelte sie wie eine Selbstverständlichkeit, versuchte nicht schneller zu gehen, während sie sich mit den Fingern durch die triefende Mähne fuhr.

"Na so was. Ich hätte nie gedacht, dass es einmal jemanden hier an diesen Strand verschlagen könnte." Hier waren nur einige Steinklippen und kratzige Disteln, weswegen niemand hierher kam, auch wenn ein kleiner Holzsteg ins Meer führte und es damit zum Schwimmen perfekt war.

Najib war ihr entgegengekommen, während sie versucht hatte, ihr noch immer zu schnelles Herz zu beruhigen. Es war hoffnungslos, dafür sah Mejdan gerade nass und nur mit dem Handtuch einfach zu verführerisch aus. Sie konnte nicht viel mehr tun, als das Lächeln möglichst locker zu erwidern und ihrer Stimme nicht anmerken zu lassen, was sie empfand.

"Ich hatte überlegt, ob ich auch noch schwimmen gehe, und es sah einsam aus", dehnte sie die Wahrheit ein wenig, denn der Gedanke war ihr ja doch erst recht spät gekommen. Aber sie konnte schlecht sagen, dass sie nach der Feier Ruhe gesucht hatte, um über Mejdan nachzugrübeln. "Bist du öfter hier?"

Mejdan nickte, während sie das Handtuch von ihrem Körper zog, um sich zuende abzutrocknen und dann anzuziehen. "Beinahe jeden Abend, aber es ist sonst wirklich einsam. Es ist auch sehr gut zum Schwimmen geeignet. An den Bojen dort hinten kann man sich orientieren."

Sie strich das kleine Hemdchen glatt - auf Unterwäsche hatte sie verzichtet - und entschuldigte sich nun damit, dass sie erklärte "Ich hab hier noch nie jemanden getroffen, deswegen bin ich so... informell." Endlich wagte sie einen Blick in Najibs Augen, auch hier, im Dämmerlicht der Sterne tat ihr Herz einen Sprung, in ihrem Magen breitete sich Wärme aus, setzte sich kribbelnd in ihren Schoß fort. Es war verhext. Unsicher redete Mejdan rasch weiter, wollte nicht zu viel Stille aufkommen lassen. "Ist die Feier vorüber? Leider konnte ich nicht länger bleiben, zu viel Arbeit."

Najib nickte, auch wenn sie dachte, dass sie trotzdem gern gehabt hätte, dass sich die andere von ihr verabschiedet hätte. "Als ich gegangen bin, waren nur noch drei der Gäste da, ein Männchen hat seine Frau angerufen, damit sie ihn abholen kommt." Sie grinste. "Es hat zu viel getrunken, konnte sich kaum noch gerade halten." Dann wechselte sie wieder das Thema zurück auf den Strand. "Würde es dich denn stören, wenn ich hier ab und an hinkäme? Wegen mir müsstest du mit Sicherheit nicht formell sein; hier bist du ja nicht Professorin al Chiraz, sondern einfach... Mejdan."

Sie hatte ihrer Stimme nicht diesen Klang geben wollen, und sie erschrak darüber, wie besonders der Namen geklungen hatte. Rasch redete sie weiter, um davon abzulenken, während sie sich in Gedanken beschimpfte und sich gleichzeitig zu mehr Beherrschung mahnte. "Wenn du lieber allein sein willst und nicht aus Versehen über vorwitzige Studentinnen stolpern möchtest, verstehe ich das aber."

Mejdans Nackenhaar hatte sich aufgestellt bei dem dunklen und schon verboten anmutenden Klang, den ihr Name aus Najibs Mund angenommen hatte. Sie warf der Studentin einen kleinen Seitenblick zu, dann setzte sie sich kurzentschlossen auf den Steg, um die Füße noch ein wenig in das Wasser zu hängen. "Natürlich würde es mich nicht stören. Ich bin gern einfach nur Mejdan für die Studentinnen. Ich prüfe ja auch nicht mehr so viel direkt, seit ich Assistentinnen habe dafür." Sie lehnte den Kopf in den Nacken und lächelte zu der anderen Frau hoch. "Zudem, wie könnte ich mich erdreisten, diesen schönen Strand für mich allein haben zu wollen." Abwartend sah sie zu Najib hoch, befand, dass diese Studentin sie noch etliche schlaflose Nächte kosten würde, von nun an einige, die sie hier wartend verbringen würde.

Najib kämpfte gegen das Bedürfnis an, sich einfach hinter Mejdan zu knien, die Arme um ihre Schultern zu legen und sie zu küssen, auf den gestreckten Hals, die Kehle, die lächelnden Lippen... Ob die Frau auch im Mindesten ahnte, was für eine Ausstrahlung sie hatte? Wie unglaublich erotisch sie war? Vorsichtshalber blieb sie stehen, um keine Dummheiten zu begehen. "Weil du ihn dir gesucht hast, da du hier Ruhe hast", sagte sie leise. "Das würde ich respektieren."

Etwas in Najibs Haltung drückte Unbehagen aus. Einen winzigen Augenblick lang hatte die Studentin ihren Schwanz nicht unter Kontrolle, ein leichtes Zittern war durch sie gelaufen, und Mejdan senkte den Kopf wieder, um ebenfalls ernster zu wiederholen. "Das ist kein Scherz von mir. Der Strand gehört mir nicht, ich genieße die Einsamkeit nur, weil ich gern... ja, nackt baden gehe. Wenn es dich nicht stört, dass du dann vielleicht häufiger auf deine unbekleidete Narkoseärztin stoßen könntest, bist du herzlich eingeladen, hier schwimmen zu gehen oder einfach mal... deine Ruhe zu finden."

Sie zog die Beine an und schlang einen Arm darum, während sie sich mit der anderen Hand abstützte. "Die Informatiker Logen zuerst, du bist eine meiner Studentinnen, Najib. Hast du die Pläne schon eingesehen vor der Feier?"

Der Gedanke, Mejdan öfter nackt sehen zu können, hatte erneut die Hitzewellen durch Najib geschickt, doch dankbarerweise wechselte Mejdan auf ein sicheres Thema, so dass sie nun doch wagte, sich einfach neben sie zu setzen und ihre Schuhe, die sie die ganze Zeit in der Hand getragen hatte, abzustellen. Sie schlug ein Bein unter, das andere ließ sie über den Rand des Stegs baumeln und spielte mit dem Fuß im Wasser. "Nein, ich wollte, aber habe es vergessen."

Mejdan blickte auf Najibs helle Zehen und wurde von einer Welle der Verliebtheit erfasst, die schon unerträglich war. Die Wärme und Duft von Najibs Haut vermischten sich mit dem Salzgeruch des Meeres und brannten sich gemeinsam mit dem Klang ihrer Stimme in Mejdans Gedächtnis ein. Sie musste sich sehr zusammenreißen, um noch antworten zu können. "Du bist in zwei Tagen dran, als eine der letzten der Gruppe. Im Log ist Frühling, es ist also sehr schön dort." Sie lächelte wieder, langsam begann ihr Körper, sich mit den neu ausgeschütteten Hormonen zurecht zu finden. "Jedenfalls sagt Shayde das. Er ist ständig drin, hat ein Faible für einen der Menschen entwickelt."

"Zwei Tage noch? Dann muss ich mich wohl ein wenig in Geduld üben." Najib lachte leise und überlegte, ob sie es schaffen konnte, Mejdan unauffällig und harmlos zu berühren, um sich selber noch ein wenig mit den Schauern zu quälen. Vielleicht mit dem Schwanz ein wenig den ihren berühren? Nein, das wäre dumm. "Hm, ich hoffe, Shayde ist sich darüber im Klaren, dass er da ein Faible für Codes entwickelt hat? Nicht, dass ich das nicht verstehen könnte. Ich habe auch ein Faible dafür."

Mejdan wiegte den Kopf. "Du wirst es sehen, wenn du drinnen bist. Die Menschen im Log sind... verwirrend eigenständig. Ihre Erinnerungen sind wie Codes, sehr eindimensional zum Teil, aber die Art, wie sie reagieren, ist sehr häufig natürlicher, als es durch ein einfaches Programm zu erreichen ist."

Mejdan streckte sich ein wenig, dann stützte sie sich auf Najibs Schulter auf, während sie aufstand. "Wie dem auch sei, wir sehen uns sicherlich demnächst vor dem Lograum wieder. Sei darauf gefasst, dass es dir hinterher nicht gut geht und du noch eine Nacht in der medizinischen Abteilung hinter dich bringen musst. Ich muss leider weiterarbeiten. Gute Nacht, Najib."

Jetzt war es an Najib, zu Mejdan hoch zu lächeln, wobei sie feststellte, dass die andere Frau aus jeder Perspektive schön war. "Wenn du dort auf mich acht gibst, werde ich wissen, dass ich in besten Händen bin. Ich hoffe, die Arbeit hält dich nicht zu lange wach. Dir auch eine gute Nacht und schöne Träume." Sie wollte Hilel noch einmal grüßen lassen, entschied sich dann jedoch dagegen. Einerseits würde er sich bestimmt schon zurückgezogen haben, und zum anderen... Sie waren ohnehin so vertraut, dass die halbe Welt dachte, sie würden anderes als Freundschaft füreinander empfinden. Eigentlich störte es sie nicht, da sie wusste, dass dem eben nicht so war und das reichte ihr. Nur bei Mejdan wollte sie diesen Eindruck nicht noch verstärken.

Als Mejdan gegangen war, blieb sie noch eine lange Weile träumend sitzen, ehe sie sich dafür entschied, doch noch einmal schwimmen zu gehen, um sich das nervöse Kribbeln aus dem Körper zu treiben.

 

Hilel war noch nie so aufgeregt gewesen wie an diesem Morgen, als er mit fünf anderen seiner Loggruppe vor den silbrigen, durchscheinenden Kugeln stand. Es gab ein kleines Problem, weil die Weibchen sich zunächst empört weigerten, ein Männchen in ihrer Gruppe zu haben, welches sie aufhalten würde.

Dem wurde von Seiten der Narkoseleitung mit der scharfen Erwiderung begegnet, dass jede, der es nicht passen würde, gern gehen konnte. Dann begann die Einführung, in der ihnen alle möglichen Probleme im Log erklärt wurden und sie die Maßregel erhielten, sich so dicht wie möglich bei der Gruppenleitung zu halten. "Jede Studentin wird in der ersten Logstunde genauestens untersucht, wer sich gut hält, darf schon bald auch allein sein Projekt verfolgen."

Anschließend wurden die Studentinnen und Hilel von Narkosehilfen auf die Bahren gelegt, an Infusionsbestecke angeschlossen und darüber informiert, wie die Roboterarme gleich zugreifen würden. Die Narkoseärztin ging von Tisch zu Tisch und besah sich die Reflexe. Nachdem sie ihre Zustimmung gegeben hatte, wurden die Mechanismen in Gang gesetzt.

Hilel spürte, wie er müde wurde, die Glieder fühlten sich schwer an, und allmählich wurden die Geräusche wie durch Watte zu hören. Er wurde sich erst seiner Ohnmacht bewusst, als er wieder aus ihr erwachte. Neugierig sah er sich um und vernahm nach und nach die Stimme der Leitung. "Ihr seht mich wie eine schwarzgekleidete Figur, wie auch ihr aussehen werdet. Folgt der Stimme und traut den Bildern, die ihr wahrnehmt."

Hilel stand langsam auf und drehte sich um. Tatsächlich fand er sich in einem dunklen Raum wieder, aber konnte in einer hellen Tür sehen, dass eine Gestalt mit Kapuze dort stand und ihm zuwinkte.

Mit einem Lächeln hob er die Hand, dann jedoch machte er die ersten Schritte und taumelte. Der Schwanz fehlte ihm. Sein Gleichgewicht zu halten, war mit einem Mal schwieriger. Erst nach einer ganzen Weile schaffte er es, sicher zu gehen und trat zu der Person in der Kutte. "Tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe, Professorin." Sie schien ihm merkwürdig klein und dazu noch androgyn, er brauchte gar nicht zu ihr aufblicken.

Ein Lächeln und ein Abwinken später teilte sie ihm mit "Mach dir keine Gedanken, Hilel. Wie erwartet bist du der einzige, der es geschafft hat, sich zu erheben. Wenn du in der Nähe der Kapelle bleibst, dann kannst du dich im Wald umsehen. Es gibt nur einen Pfad und der führt zum Dorf. Geh noch nicht bis zu den Menschen, auf jeden Fall noch nicht allein."

Hilel bemerkte nun die anderen Figuren, alle in dunklen Kutten und alle gerade einmal fähig, sich aufzusetzen, es war ein derart lustiger Anblick, dass er schnell nickte und den Pfad entlang fortlief, weil er nicht vor ihnen lachen wollte.

Weil seine Gefühle ihn noch verwirrten, bemerkte er erst verspätet, wie schön dieser Wald war. Dicht und saftig, nach einem leichten Regen nun in glitzernde Tropfen an frischem, hellen Grün getaucht. Überall wo Hilel hinblickte, fand er neue Tiere und Pflanzen, die ihn faszinierten. Natürlich suchte er gleich in der Nähe der Kapelle nach Hinweisen auf seine Forschungsobjekte, die Fledermäuse, aber fand keine, dafür würde er mit den Dorfbewohnern reden müssen, die ihm dann erzählen würden, wo die Fledermäuse in den Häusern oder in alten Bäumen ihre Nistplätze hatten.

Ihm war von Shayde empfohlen worden, zum einen mit dem Jäger zu sprechen und zum anderen mit Jack, der mit dem Gastwirt Timm liiert war. Jack, so Shayde, war ständig im Wald unterwegs und kannte sich mit den Nistplätzen von Vögeln und den Höhlen von Hasen besonders gut aus. Allerdings sei er auch sehr zurückgezogen und nachdenklich, so dass Hilel vorsichtig sein musste.

Für sein erstes Log genügte es ihm ohnehin zu sehen, wie die Pflanzen einander im Wald ergänzten, wie kleine Falter sich in der Sonne auf den feuchten Steinen der Kappellenmauer wärmten; Wühlmäuse huschten durch blühende Sträucher, die vielleicht im Sommer Früchte tragen würde.

Aus dem Augenwinkel sah Hilel die Professorin mit einigen der Studentinnen vor die Kapelle treten und begann rasch damit, sich in seinen Notizblock, dessen Inhalt in seinen persönlichen Speicher überführt würde, kleine Skizzen zu machen.

 

Auf einem umgestürzten Baumstamm sitzend, ein Bein untergeschlagen und auf diesem Knie seinen Block balancierend hatte Shayde mit einem kleinen Lächeln um die Mundwinkel die Ankunft dieser Gruppe beobachtet. Er erinnerte sich noch gut an sein erstes Log, an die kleinen Schwierigkeiten, die er aufgrund des fehlenden Schwanzes und der ein wenig veränderten Größe gehabt hatte, aber auch an den Stolz, weil er als einziger beim ersten Log schon keine gravierenden Probleme gehabt hatte, so wie jetzt Hilel. Aber für die Weibchen war es natürlich auch eine größere Umstellung, immerhin büßten sie viel ihrer Größe ein, dazu kam, dass die Körper im Log zierlicher waren.

Einige Augenblicke lang sah er den unbeholfenen Versuchen der Weibchen zu, wie sie das Laufen und allein das ruhige Stehen probierten, dann glitt sein Blick zu Hilel zurück, der sich gerade selbstvergessen über ein Büschel weißer Blüten gebeugt hatte, um sie zu skizzieren. Shayde steckte seinen Block in die Falten seiner Kutte, glitt vom Baumstamm herab und lief zu dem jungen Männchen hin. "Hallo, Hilel. Willkommen in dieser kleinen Welt. Gefällt es dir?"

Mit einem Lächeln erkannte Hilel sowohl die Stimme als auch den Gesichtsausdruck seines Freundes Shayde, von dem er schon bald vergessen hatte, als Professor zu denken. "Hallo. Es ist herrlich hier. Ich bin froh, dass ich so schnell und leicht zurechtkomme."

Shayde lachte fröhlich auf. "Ja, das ist endlich mal ein Vorteil, den wir vor den Weibchen haben, nicht wahr? Und ich denke, es ist in dem Fall auch niemand böse, wenn wir das ausnutzen. Magst du dich ein wenig herumführen lassen?" Er streckte ihm die Hand hin, um ihn hochzuziehen, dann winkte er der Professorin zu, ebenfalls eine Biologin, mit der Mejdan und er gut befreundet waren. "Sie wird mit den Studentinnen ohnehin alle Hände voll zu tun haben."

Begeistert folgte Hilel Shayde auf dem Pfad, von dem kleine Abstecher zu einem Moortümpel, zu einer Waldwiese und einer zu einem besonders bizarren abgestorbenen Baum führten. Überall konnte man die Tier und Pflanzen beobachten, deren Leben nur berechnet waren, wie er sich wieder und wieder vorsagen musste. "Es ist hier alles so wirklich, so lebendig, Shayde. Sind die Menschen auch so? Ist es mit ihnen auch so, dass man ihre Wärme spüren kann und wenn sie einen berühren? Dass man sie nicht nur sieht, sondern... fühlt?" Hilel spürte, dass er rot wurde, aber anders konnte er seine Frage nicht ausdrücken.

Shayde erinnerte sich an die wenigen Male, an denen er und Timm sich berührt hatten, ein Streifen der Finger, wenn Timm ihm ein Glas gegeben hatte, manchmal etwas, das fast wie ein Streicheln der Schultern gewesen war, wenn Timm ihm im Winter den Mantel abgenommen hatte. Auch er wurde rot, denn das war nicht das, wonach Hilel gefragt hatte. "Genauso, wie du die Wärme der Sonne auf deiner Haut fühlst, den Wind in deinem Gesicht, das Wasser unter deinen Fingerspitzen und die Rauheit der Rinde. Du riechst sie auch, genauso wie die Blüten und den Geruch nach Eintopf aus Jacks Küche, kannst das Essen schmecken. Alles ist so, als sei es real." Er lächelte ein wenig und wies nach vorne, wo man bereits das Haus des Jägers durch Äste und Laub erkennen konnte. "Wir werden ohnehin dem Gasthaus einen Besuch abstatten. Wenn du magst, können wir auch etwas essen. Du wirst dich sogar im Anschluss satt fühlen."

Fasziniert nickte Hilel und folgte seinem Freund den Pfad entlang, der nach einer Weile auf einen breiteren, vom Regen der letzten Tage aufgeweichten Wanderweg traf. Schon von der kleinen Kreuzung aus konnte er das Dach von dem Gasthaus erkennen, aus dem Schornstein stieg Rauch in den dämmrigen Himmel und in den Fenstern leuchteten gerade einige Lichter auf, als würden Kerzen angezündet.

Auf dem Weg gingen die Menschen zwischen den Häusern umher, beachteten sie nicht, nickten vielleicht einmal, jedoch sprachen sie Hilel und Shayde nicht an. Hilels Herz schlug wild, als er und Shayde vor der Tür standen, und gerade als sie hineingehen wollten, sah er eine Fledermaus vorbeijagen. "Shayde? Ich komme gleich nach, ich will nur eben der Fledermaus noch einige Schritte weit folgen, ja?"

Shayde legte den Kopf leicht schief, dann nickte er zögernd. Passieren konnte Hilel hier eigentlich nichts. Einen Moment überlegte er, ob er ihn nicht begleiten sollte, doch dann schalt er sich albern und lächelte. "Sicher, geh nur. Aber lauf nicht zu weit aus dem Dorf."

Die Begeisterung, mit der Hilel ebenfalls nickte und dann schon der Fledermaus hinterher eilte, ohne dass man ihm noch ansah, dass er Probleme mit dem neuen Körper hatte, ließ Shaydes Lächeln nur noch tiefer werden. Kurz sah er ihm nach, dann betrat er die Schenke.

Dämpfige Luft und der kräftige Geruch nach Haseneintopf schlug ihm entgegen. Im Kamin flackerte ein kleines Feuer, und die Tische und Stühle standen noch ordentlich an ihren Plätzen. Lediglich einer war von drei Fischern besetzt, die kurz aufsahen, ihm zunickten und sich dann wieder ihrem Gespräch widmeten. Da Timm nicht zu sehen war, ging Shayde erst einmal zu dem Tisch, an dem sich die Professorinnen und Studentinnen für Gewöhnlich aufhielten, der jetzt jedoch leer war.

Hilel lief der Fledermaus hinterher um die Ecke des Gasthauses und stand mit einem Mal in dem Gemüsegarten. Unsicher sah er sich um, ob er stören könnte, da die Wege und kleinen Pforten und Zäunchen ihn ein wenig irritierten, doch dann sah er weitere Fledermäuse aus einem Loch in einem der alten Obstbäume im Garten kommen und trat neugierig hochblickend näher, um sich die Art näher anzusehen.

Jack hatte eigentlich nur Estragon für das Hasengericht holen wollen, als er den kleinen, zierlichen Priester im Garten entdeckte. Genau wie die anderen auch war er kahlköpfig und trug dunkelgrüne Roben, doch seine Bewegungen waren ein wenig unsicher, während er zu dem alten Baum mit dem Fledermausloch ging und dort stehen blieb.

Jack beobachtete ihn seinerseits, den aufmerksamen Ausdruck in dem runden Gesichtchen, die den huschenden Tierchen mit Blicken folgenden hellen Augen. Die Priester waren immer neugierig, was alles Leben in und um das Dorf betraf, aber in seinem Garten war bis auf Shayde noch nie jemand gewesen. Die nahezu kindliche Hingabe und Neugierde in der Miene des kleinen Priesters ließ Jack lächeln.

Hilel bemerkte den anderen erst, als er ihn sicherlich schon eine ganze Weile lang beobachtet haben musste. Erschrocken wirbelte er herum, die Hand an die Brust gepresst und entschuldigte sich sofort. "Ich... wollte nicht stören, nicht in den Garten einfach... eindringen. Es tut mir so leid." Zur gleichen Zeit wurde ihm klar, dass er zum ersten Mal wirklich einem Menschen im Log gegenüber stand. Und es fühlte sich an, als gäbe es ihn wirklich, als sei der junge Mann ihm gegenüber wirklich dort.

Er hatte grüne Hosen und ein ebenso dunkelgrünes Hemd an. Die Haare waren unter einem Tuch versteckt, aber hier und dort sahen einige herbstlaubfarbene Strähnchen hervor. Freundlich wirkte er, mit einem Lächeln, das die Augen ein wenig leuchten ließ. Und als Hilel vorsichtig näher trat, stellte er fest, dass dieser Mensch nicht gerade klein war. Jedenfalls gemessen an der einheitlich geringen Größe der Priester, zu denen er ja hier gehörte.

Jacks Lächeln vertiefte sich ein wenig; derart erschrocken waren die hellen Augen noch größer, obwohl es keinen Grund für Schreck gab, und die kleine Geste hatte etwas Rührendes gehabt. "Macht nichts. Du hast ja nichts kaputt gemacht. Du bist das erste Mal hier, nicht?" Er schob sein Tuch ein wenig aus der Stirn, wechselte das Bündel Estragon von rechts nach links, um dem jungen Mann die Hand geben zu können. "Ich bin Jack aus dem Gasthaus. Ich habe gerade Shayde drinnen gesehen, bist du sein Schüler?"

Erstaunt, dass die Menschen sie doch unterscheiden konnten, nickte Hilel, dann lächelte er schüchtern zurück und verbeugte sich ein wenig, bevor er die ausgestreckte Hand ergriff. "Ich bin Hilel, ich studiere Fledermäuse. Es hat mich gefreut, dass ich gleich an meinem ersten Tag hier welche gefunden habe."

Die Hand zu schütteln, war merkwürdig für ihn. Er fühlte Haut und doch lag dahinter noch etwas anderes, als würde er durchreichen zu dem anderen, als stecke hinter der Berührung mehr. Fast erschrocken ließ er ihn wieder los und schob die Hände rasch in die weiten Ärmel der Kutte. "Ich sollte vielleicht besser zu meinem Lehrer zurückkehren", entschuldigte er sich. Zugleich bedauerte er seine Unsicherheit.

Erstaunt stellte Hilel fest, dass der Mensch wirklich menschlich war, wie ein Lebewesen für ihn, wie er da im Matsch stand mit den festen Schuhen und dem Tuch, das schon wieder tiefer in die Stirn gerutscht war. Seine Finger hatten den Estragongeruch angenommen, und nun nahm Hilel diesen Geruch ebenso wahr, als er die Kapuze ein wenig zurecht rückte. "Oh, der Duft... Kräuter." Es begann ein wenig viel zu werden und er konnte verstehen, dass Shayde alles als echt empfand.

"Estragon für den Hasen", erklärte Jack und fragte sich, ob der kleine Priester das allen Ernstes nicht kannte. Der verwirrte Blick, der ihn regelrecht abtastete, als sei er... nicht real, eine Erscheinung oder ein Geist, irritierte Jack und ließ die Wirkung des scheuen Lächelns und der zierlichen Verneigung noch ein wenig intensiver werden. Die wenigsten Priester waren so, die meisten gaben sich eher sehr direkt und offen neugierig.

Jack konnte sich lediglich an eine Handvoll erinnern, zu denen auch Shayde zählte, der einzige von diesen, der geblieben war. "Ich bin am Kochen. Magst du gerade mit durch die Küche kommen? Shayde sitzt im Schankraum." Eigentlich ließ er Gäste nicht in sein Refugium, das gehörte sich einfach nicht für sein Verständnis. Aber es war etwas an diesem kleinen Priester, etwas Hilfloses und Zartes, das ihn nicht nachdenken ließ.

Hilel zögerte zunächst, doch dann nahm er diese Einladung als das hin, was sie sicherlich auch war, eine freundliche Geste. Mit einem Lächeln nickte er schließlich und meinte "Sicherlich kennst du die Fledermäuse ganz gut und kannst mir etwas über sie erzählen, immerhin wohnen sie ja bei dir im Garten."

Die Küche war von schweren Gerüchen durchzogen, Speck, Kräuter, das Fleisch, das mit einigen Pilzen zusammen über dem Herdfeuer schmorte. Jetzt wurde Hilel auch wieder klar, dass diese Menschen hier ja auf dem Stand lebten, zu dem alle Menschen gelebt hatten, als das Volk der Abd-Jabir noch Raumfahrt betrieben hatte.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh