Illusionen

12.

Hilel strengte sein Wissen an, das aus der Einführungsvorlesung in Humangeschichte übriggeblieben war. Es war sicherlich schon sehr viele Jahre her, sein Großvater war noch ein Baby in den Armen seines Vaters gewesen, als die Raumfähre, die ihr Volk bereits vermisst und verschollen geglaubt hatte, zu ihnen zurückkehrte. Im Laderaum waren nur noch zwei schon sehr alte Raumfahrerinnen, bereits Töchter von Töchtern der losgefahrenen Raumfahrerinnen, aber zudem noch eine große Gruppe Menschen im Kryoschlaf gefangen.

Die Raumfahrerinnen konnten sich kaum noch erinnern an die Erde, den Planeten, von dem auch das Raumschiff nur sehr wenige Daten gespeichert hatte. Deswegen nahm man sich der Erinnerungen der Menschen an, diese unbekannte Rasse war ohnehin ein interessantes neues Unterfangen.

Raumfahrt war schon seit langem seiner Unwirtschaftlichkeit wegen abgelehnt worden, es gab in ihrer Nähe sehr offensichtlich nur noch die Erde, und auch bei dieser konnte man nicht wirklich von Nähe sprechen; nun kamen die Logs zur Forschung auf und mit den Humanforschungsgebieten zudem ein junges Feld der Betätigung.

Es gab natürlich auch auf politischer, religiöser, ethischer und philosophischer Ebene Diskussionen. Schlussendlich wurden Menschen zu züchtbaren Haustieren erklärt, da sie sich in der Tat leicht vermehren ließen. Sie waren verwirrend verkehrt ausgerichtet mit starken Männchen und schwachen Weibchen. Aber sie waren intelligent, lernten die Sprache der Abd-Jabir fast alle problemlos, und es gelang nach einer Generation mittels genetischer Winkelzüge die weniger aggressiven Spezies zur weiteren Zucht zu finden. Während Hilel nun Jack zuhörte, der ihm freundlich von den Fledermäusen und nach und nach auch von anderen Tieren der Umgebung erzählte, dachte er darüber nach, ob diese Programme nun wirklich die Menschen zeigten, oder auch dies ein Abbild einer Vorstellung war.

Schließlich unterbrach sich Jack, als er merkte, dass der Hase fertig war und der junge Priester noch immer bei ihm stand und ihm zuhörte. Es verwunderte ihn ein wenig, dass er so lange und so viel erzählt hatte, aber Hilel schien eine Gabe zu haben, ihn stumm immer weiter aufzufordern, ohne eingeworfene Kommentare, ohne Fragen zu stellen, einfach nur durch diesen interessierten Gesichtsausdruck, das kleine Lächeln, das immer wieder seine vollen Lippen umspielte, die Art, wie er den Kopf schief legte, wenn er nachdachte, und wie sich die hellen Augen weiteten.

"Hm, du hast vorhin gesagt, du solltest zu deinem Lehrer zurück. Wir stehen hier schon eine ganze Weile." Jack lächelte ihm kurz zu und sammelte die Messer und Löffel ein, um sie zur großen Spülschüssel zu tragen. "Du kannst gerne wiederkommen, dann kann ich dir auch Fledermäuse rund um das Dorf zeigen, wenn du magst. Aber jetzt muss ich die Gästezimmer sauber machen."

Hilel schrak zusammen und nickte, murmelte eine Entschuldigung. "Ich komme gern wieder her, Jack. Danke." Während Jack ihm den Weg zum Schankraum wies, schielte Hilel auf sein Amulett. Sie hatten ihm eingebläut, stets die Farbe im Augen zu behalten. Zum Glück war es noch tiefgrün, und er atmete auf.

Lächelnd trat Hilel zu dem großen runden Tisch, an dem neben Shayde auch noch zwei Professorinnen saßen, was man an ihrer Haltung und Feinheiten im Gesicht erkennen konnte. "Tut mir leid, dass ich so lange fort geblieben bin, Shayde. Ich habe allerdings erstaunlich viel über die Fledermäuse erfahren und..."

Eine der Professorinnen unterbrach ihn. "Hilel, der Student, nicht? Deine Gruppe wird gleich gehen, du solltest zusehen, dass du den Anschluss nicht verpasst."

Fast war Hilel froh, dass er keinen Schwanz hatte in dieser Welt, den hätte er samt seiner Ohren sicherlich hängen lassen in diesem Moment. Stattdessen senkte er den Kopf und nickte. "Ja, natürlich. Entschuldigung."

Shayde stand auf und verneigte sich leicht in Richtung der beiden Professorinnen. "Ich werde ihn begleiten, er ist mit mir hier. Zudem werde ich erwartet." Zwar leuchtete sein Amulett nicht, aber er wusste, dass es nur noch eine Frage von Minuten sein konnte, bis Mejdan ihn zurückrief. Er hatte Hilel nicht unterbrechen wollen, nachdem Timm ihm mitgeteilt hatte, dass er bei Jack in der Küche war.

Mit Hilel zusammen ging er zur Tür, warf Timm noch ein Lächeln zu und winkte kurz, als er seinen Blick auffing und gleichzeitig sicher war, dass die beiden Weibchen sich schon wieder in ihr Gespräch vertieft hatten, dann verließen sie den Schankraum. Schweigend gingen sie nebeneinander durch das Dorf, während Shayde Hilel Zeit ließ, die neuen Eindrücke ein wenig zu verarbeiten. Erst, als sie den mittlerweile dunklen Wald betraten, fragte er "Und wie ist dein erster Eindruck von der Welt im Log?"

Hilel war tief in Gedanken an eben jene Frage versunken. Sie würden ihre ersten fünf Logs mit einer Hausarbeit vorstellen müssen, und er wusste nicht genau, ob und wie er schreiben sollte, dass Jack ihm vertraut erschienen war, wie ein Freund beinahe, als hätten sie viel gemeinsam, als könnte er sich mit ihm stundenlang unterhalten oder einfach nur schweigen. Er fühlte sich mit ihm weder wie mit einem der anderen Männchen, mit denen er befreundet war, noch wie mit einem der Weibchen, die freundlich oder gar charmant zu ihm waren.

"Ich bin verwirrt", gestand er endlich ein. "Bei den Menschen vor allen Dingen. Ich habe mich lange mit Jack unterhalten, habe ihn vielmehr erzählen lassen. Es ist erstaunlich, welche Einsichten er in die Natur hat und das ohne Schule."

"Wenn er nicht gerade in der Küche oder im Gasthof arbeitet, ist er viel unterwegs, im Wald oder am See." Shayde wollte fortfahren, dass dieser Teil des Programms, der Menschen darstellte, wie auch echte Menschen darauf ausgelegt war, lernfähig zu sein, deswegen musste immer wieder nachkorrigiert werden, doch er konnte es nicht. Es wurde für ihn immer schwerer, von den Dorfbewohnern als Programmteile zu denken, nicht nur von Timm. Ab wann fing ein bloßes Programm an zu leben? Ab wann konnte man sagen, dass die Reaktionen nicht von außen gesteuert wurden, sondern aus den Wesen selbst kamen, die der Computer erschaffen hatte?

"Er hat es sich selber beigebracht, einfach durch Beobachten und Kombinieren. Jack beobachtet viel, hat Timm mir erzählt. Timm erkennt mich ohne Zweifel, die Direktorin erkennen sie alle und diejenigen der Professorinnen, die öfter hierher kommen, werden von den meisten auch noch gut auseinander gehalten. Doch Timm meinte, dass Jack sogar die neuen Studentinnen auf Anhieb unterscheiden kann." Er lächelte und betrachtete Hilels Silhouette von der Seite. "Du kannst dir etwas darauf einbilden, dass er so lange erzählt hat. Das tut er normalerweise nicht."

Hilel spürte wie seine Wangen heiß wurden, aber wehrte schnell ab "Vielleicht findet er einfach Fledermäuse auch so interessant. Schade eigentlich, dass es im Log keine Kolibris gibt." Mit Shayde zusammen trat Hilel in die dunkle Kapelle und nahm schon sehr bald gar nichts mehr wahr. Eine dunkle Stimme von einem Abd-Jabir-Weibchen verlangte von ihm, dass er sich hinlegen solle, die Augen schließen, dass er auf seine Atmung lauschen solle.

Dann wurde alles schwarz um ihn her, und er wachte auf der Liege gleich Angesicht zu Angesicht mit einem Narkosehelfer auf, der ihn vorsichtig zum Sitzen und dann Aufstehen brachte. Eine Narkoseärztin testete seine Reflexe, und im Gegensatz zu den meisten Weibchen seiner Gruppe durfte Hilel gleich nach Hause gehen, wo er den Abend damit zubrachte, seine Erlebnisse genauestens in sein privates Tagebuch zu notieren.

 

Timm wischte den großen Tisch der Priester ab und lächelte bei dem Gedanken an das, was Shayde zu ihm gesagt hatte. Eine Kleinigkeit über die Tautropfen, deren Glitzern schöner als jedes Gold wäre. Aber als er in die Abendsonne hinausblickte, die wirklich die feinen Tropfen an dem Kirschbaum im Garten zum Schimmern und Glitzern brachte, stimmte es ihn irgendwie feierlich, als sei es ein Geschenk, dies sehen zu können.

Jacks langen Beine tauchten auf der Stiege auf, und Timm drehte sich spontan zu ihm um. "Jack! Ist es nicht schön, dass wir hier sind?"

Verwirrt hob Jack beide Augenbrauen, dann war er weit genug die Treppe hinabgestiegen, um Timms lächelndes Gesicht sehen zu können. Altbekannte Wärme durchzog ihn, und er erwiderte das Lächeln für einen Moment, ehe er zu ihm trat, die Schüssel mit dem Wischwasser noch in den Händen, um ihn an ihr vorbei zu küssen. "Manchmal ist es das durchaus. Was hat dich gerade jetzt zu der Ansicht gebracht?"

Timm hob die Schultern, dann wischte er, weil er gerade dort stand, noch die Fensterbank sauber. "Ich fühle mich einfach mal wieder so dankbar für alles. Wir haben das Gasthaus, den Garten... wir haben einander. Ich finde das schön." Er drückte Jack noch einen Kuss auf die Wange, dann fragte er "War das ein neuer Priester, der da so lange mit dir geredet hat?"

"Ja, ein Schüler von Shayde." Jack brachte die Schüssel in die Küche zurück, schüttete das Wasser in die Spüle und wartete, bis es in seinem kleinen Strudel im Ausguss, der in den Garten führte, verschwunden war, ehe er nachwischte. Unwillkürlich wanderten seine Gedanken zu dem kleinen, zarten Priester zurück, an seine im Schreck geweiteten, großen Augen, an das Lächeln.

"Er interessiert sich für die Fledermäuse im Garten", rief er über die Schulter, nur um festzustellen, dass Timm ihm gefolgt war und nun direkt hinter ihm stand. Mit einem Grinsen nahm er ihm den Lappen ab, um ihn aufzuhängen, wischte sich rasch die Hände trocken und zog seinen Gefährten dann an sich, um ihn noch einmal richtig zu küssen. In dem Moment fühlte er sich Timm sehr nah. /Wir haben einander... Ja, das haben wir./ vTimm erwiderte den Kuss, dann murmelte er grantelig "Wenn diese dummen alten Fischer nur nicht so lange hier rumsitzen und trinken würden, dann könnten wir zwei mal wieder..."

"Timm! Noch so eine Runde!"

Timm rollte mit den Augen, dann lachte er. "Hab ich eben gesagt, dass wir es schön haben? Ich nehme das zurück."

Während er die Runde Bierkrüge füllte, dachte er wieder an die Dinge, die Shayde ihm erzählt hatte, während sie noch allein im Schankraum gewesen waren. Seine Worte konnten irgendwie in sein Herz finden. /Warum nur kann ich Jack lieben, mit ihm leben, aber wenn er mir etwas erzählt, dann.../ Timm seufzte und sah in die Küche rüber, wo Jack das Essen für den nächsten Tag vorbereitete. /... dann mache ich mir meistens Sorgen um ihn./ Kopfschüttelnd ging er zu dem Tisch, wo er auch gleich noch in eine Diskussion gezogen wurde, wie man die Dächer der Fischerhütten am besten reparieren sollte.

Als Timm die Küche verließ, fühlte Jack sich, als würde nicht nur er sich entfernen. Ihm war, als würde die ganze Welt von ihm wegdriften, das steinerne Spülbecken, der wuchtige Herd, der Kamin, über dessen Feuer der alte Wasserkessel hing, der massive Tisch mit den Kerben und Kratzern von all den Jahren. Die Stimmen aus der Schankstube wurden leiser und drangen nur noch gedämpft wie durch dichten Nebel zu ihm. Er hielt sich an der Spüle fest, als ihm schwindelig wurde und alle Farben zu verblassen schienen. Bemüht tief atmend hoffte er, dass Timm nicht ausgerechnet jetzt wiederkam.

Er hatte Glück. Ehe noch irgendjemand die Küche betrat, wurde seine Welt wieder gerade gerückt, die Geräusche gewannen an Stärke, bis er die einzelnen Männer erneut auseinander halten konnte, wenn Rufe laut wurden. Hastig spritzte er sich eine Hand voll kaltes Wasser ins Gesicht, was die Wirklichkeit endgültig zurückholte, während er sich fragte, was ausgerechnet jetzt dieses Gefühl hervorgerufen hatte. Hilels Gesicht tauchte unerwartet in ihm auf und lächelte ihn an, brachte ihm jedoch keine Erklärung.

 

Najib war die letzte der Gruppe, die in die Narkose gesetzt werden sollte, die sie ins Log brachte, einfach, da sie die hinterste Liege hatte. Das gab ihr die Gelegenheit, Mejdan noch ein wenig zu beobachten, die von einer Studentin zur nächsten trat, Regler betätigte und Werte in die kleinen Bedienungspodeste tippte, hier und dort ein paar Worte wechselnd, eine Studentin beruhigte, eine andere vor Übermut warnte. Sie trug wieder die hellgrüne Arbeitskleidung, doch Najib konnte sie noch immer so nackt vor sich sehen wie in der Bucht. Rasch verdrängte sie den Gedanken, er war nun wirklich nicht passend, während sie auf das erste Einlogen ihres Lebens wartete.

Natürlich hoffte sie, dass entgegen aller Prognosen sie vielleicht doch schon gleich beim Aufwachen nach draußen konnte, um sich zumindest den Wald ansehen zu können, aber die wenigsten Weibchen hatten es weiter als ein paar Schritte geschafft. Manche waren noch nicht einmal aufgestanden, so sehr hatte es sie mitgenommen. Eine hatte ihr neidisch und ungehalten davon erzählt, dass Hilel nicht nur ohne Probleme aufgestanden war, sondern gleich das Dorf hatte besuchen können.

Mejdan hatte sich zunächst geärgert, durch einige Kreislaufzusammenbrüche hatte sich ausgerechnet ihre Logruppe arg verspätet, aber als sie dann Najib auf der Liege ganz hinten sitzen sah, freute sich sie nur noch darauf, sie wieder zu sehen, mit ihr reden zu können. Vielleicht ergab sich nach dem Log sogar die Möglichkeit, gemeinsam zum Schwimmen zu gehen, ein geschickt fallen gelassener Hinweis würde die attraktive Studentin wohlmöglich zur selben Zeit an den Strand bringen. Da wären sie beide nackt, ungezwungen. Mejdan überlegte stark, ob sie an einem der Kontrollgeräte nicht erst einmal ihren eigenen Puls optimieren sollte, bevor sie dann doch mit einem Lächeln auf Najib zutrat.

Die Studentin war bereits fast vollständig entkleidet, lediglich eine Wärmedecke verhüllte sie noch, und der Anblick der langen Beine, an denen auch wirklich alles zu stimmen schien und die kräftigen Schultern, deren Fortsetzung in schlanke Arme und ebensolche Hände ihr schon am ersten Tag gefallen hatte, verwirrte Mejdan dermaßen, dass sie nur wenig zu sagen wusste. "Hallo, Najib. Ich hoffe, dass es ein gutes Log wird."

Mechanisch gab sie die Werte der Studentin ein, prüfte sie aus Panik, sie könnte sich ablenken lassen, einige Male häufiger als sonst. Erst als sie den Eingabeknopf und ihr Passwort hatte hinzufügen können, um den Vorgang abzuschließen, atmete sie ein wenig auf und setzte sich sogar zu Najib auf die Liege, um noch ein paar leise Worte mit ihr wechseln zu können, während sie die runden Sehfelder vor diesen herrlichen Augen justierte. "Es passiert vielen, dass sie einfach nur liegen bleiben, nicht aufstehen können. Mach dir nichts draus und versuche einfach, klein anzufangen und eine Hand zu heben. Diese Nebeneffekte lasse meistens beim zweiten oder dritten Log nach."

Najib genoss die Nähe und dass sie sogar die Wärme der Ärztin spüren konnte. Zwar war sie ungeduldig gewesen, doch jetzt hätte sie den Log gerne noch ein wenig hinausgezögert. Sie lächelte und streckte sich leicht, so dass sie mit dem Fuß Mejdans Schwanzspitze berührte, was ein wundervolles Kribbeln durch sie hindurch schickte und ihren Herzschlag beschleunigte. Dann erinnerte sie sich daran, dass sie bereits an den Pulsmesser angeschlossen war und lenkte hastig ihre Gedanken von Mejdan weg.

"Ich fürchte, ich werde mich auch nicht besser anstellen als die anderen. Ich beneide Hilel, der so gar keine Probleme zu haben schien." Als Mejdan ihr die Maske überzog und sie auf ihr Gesicht anpasste, so dass sie nur noch Schwärze vor Augen hatte, fiel es ihr leichter, sich nicht mehr von der attraktiven Frau ablenken zu lassen.

Mejdan hatte zu ihrem Erstaunen gesehen, dass Najibs Herzschlag sehr schnell ging, so aufgeregt hatte die Studentin gar nicht gewirkt. Doch nun, mit der Maske vor dem Gesicht konnte sie nur noch Schwärze wahrnehmen, und mit der Injektion der Drogen würden auch die Geräusche von der Außenwelt sehr bald verstummen. Nachdem sie sich umgesehen und vergewissert hatte, dass niemand sie beobachtete, erlaubte sie es sich, mit einer Hand durch Najibs Mähne zu streichen, bevor sie leise murmelte "Gute Reise, bis nachher, Najib."

 

Schwärze umfing Najib, und sie tat, was sie so viele Male gelesen hatte und was die Professorinnen nicht müde wurden zu wiederholen, sie konzentrierte sich auf ihren Atem. Die Geräusche um sie verstummten, und für einen Augenblick übernahm die Dunkelheit auch ihre Gedanken. Als sie wieder zu sich kam, konnte sie sich nicht bewegen. Noch immer gab es kein Licht, und in ihren Ohren hallte ein lautes Brummen wieder, das ihr Schmerzen bereitete. Sie versuchte, den Kopf zu schütteln, doch es gelang ihr nicht. Das einzige, was die Anstrengung bewirkte, war eine Welle an Übelkeit, die über sie hinweg rollte und erst wieder abflaute, als sie nicht mehr gegen die Reglosigkeit ankämpfte.

Eine Stimme drang durch das Brummen, Najib konnte kein Wort verstehen, erkannte aber die Professorin wieder, die mit ihnen im Log war. Als sie sich darauf konzentrierte, kam die Übelkeit zurück, heftiger noch als zuvor. Und dieses Mal hörte sie auch nicht auf, als Najib sich zu entspannen versuchte. /Das kann doch nicht wahr sein! Ich komme nicht mal aus der Einlogstation raus, wenn das so weitergeht./ Doch nach ein paar Minuten dachte sie nicht einmal mehr daran, wünschte nur noch, dass es aufhören würde. So schlecht war ihr noch nie zuvor in ihrem Leben gewesen, dessen war sie sich sicher.

Mejdan hatte mit dieser Gruppe weniger Ärger als mit den anderen. Die meisten erholten sich sehr schnell wieder von ihrer Übelkeit, zwei hatten es geschafft, aufzustehen. Ausgerechnet Najib jedoch konnte sich nur schlecht wieder kompensieren. Ihr Kreislauf war noch einige Stunden nach dem Log instabil, als die letzte der anderen Studentinnen entlassen wurde.

"Geh du rüber zu den anderen Studentinnen und bereite die Entlassungen vor, ich bleibe hier und schau, ob meine Mittelchen nicht endlich mal wirken wollen." Mejdans Narkosehelfer huschte aus dem Raum, und sie nahm neben der Liege Platz, um Najib die Stirnmähne ein wenig zurückzustreichen.

Noch immer war die Studentin ohnmächtig, aber wenigstens zeigten die Werte an, dass sie mit dem Blutdruck und ihrem Puls nicht mehr entglitt, sobald man die Beine oder Arme bewegte. "Was machst du nur für Sachen, Najib. Deinetwegen kann ich jetzt nicht schwimmen gehen", schalt Mejdan lächelnd, während sie die Stirn und Wangen der hübschen jungen Frau trocken tupfte.

Vorsichtige Berührungen, eine dunkle, bekannte Stimme... Najib driftete darauf zu, bis die Schwärze endlich von ihr wich. Sofort setzte die Übelkeit wieder ein, wenn auch nicht ganz so schlimm wie im Log. Vorsichtig blinzelte sie, konnte verschwommene Schemen wahrnehmen, die nach und nach deutlicher wurden und ihr trotz des Gefühls, als müsste sie sich gleich übergeben, ein sehr angenehmes Aufwachen bescherten, denn Mejdan beugte sich über sie und lächelte sie an. Unwillkürlich musste sie ebenfalls lächeln, wenn es auch nur sehr schwach ausfiel.

"Allzu rühmlich habe ich mich ja nicht gerade geschlagen", krächzte sie, räusperte sich dann, um ihre Stimme frei zu bekommen.

Mejdan lachte leise auf und tätschelte Najibs Schulter. "Das ist eine normale und nicht vorhersehbare Reaktion darauf, dass du offensichtlich das Falsche, das Vorgemachte im Log ablehnst." Das war eine allgemeingültige, wenn auch nicht zu hundert Prozent bewiesene Theorie dazu, wieso es einigen am Anfang mehr Probleme bereitete.

Es kostete Überwindung, Najib loszulassen, aber Mejdan erhob sich nach einem weiteren Blick in ihr Gesicht. Die Farbe kehrte in die Wangen wieder und die leichten Schatten unter den Augen wirkten nicht mehr so ausgeprägt. "Kannst du schon etwas trinken, oder ist dir noch übel? Ansonsten würde ich dir noch Infusionen geben müssen."

"Wenn du mich vor diese Wahl stellst, geht es mir so hervorragend, dass ich sogar fast schon wieder aufstehen und drei Runden um das Gelände joggen kann", erklärte Najib entschieden und verzog das Gesicht. "Mir ist längst nicht mehr so schlecht wie drinnen." Dann kam ihr ein wirklich Besorgnis erregender Gedanke, der ihren Magen gleich noch mal dazu brachte, sich zu verkrampfen. "Aber Mejdan... das ist kein Grund, mich nicht mehr reinzulassen, oder? Ich meine, die Reaktion auf das erste Log."

Mejdan holte einen Becher mit magenschonendem Tee für Najib und half ihr dabei, sich aufzusetzen. "Nein. Natürlich nicht. Du hättest mal mich liegen sehen sollen. Bei meinem ersten Log dachte ich, dass ich sterben muss. Es gibt sich. Nach dem fünften Log merken nur noch die Allerwenigsten etwas davon."

Nach einigen Schlucken Tee konnte Najib sich schon besser aufsetzen, und Mejdan bemerkte erleichtert, dass es ihr nicht so schlecht ging wie zunächst befürchtet. Sie musste unglücklicherweise dann noch einige Protokolle von den anderen Studentinnen unterschreiben, die zur Beobachtung geblieben waren und kam erst nach einer Stunde wieder dazu, ihre Lieblingspatientin zu sehen.

Najib saß gegen das Kissen gelehnt in dem Bett und nippte noch immer von dem Tee. Ihre Haare hatte sie wieder mit einem Band zusammengefasst, so dass Mejdan den schlanken Hals bewundern konnte. Najibs Brüste zeichneten sich eben gerade unter dem dünnen Hemdchen ab und brachten Mejdans Gedanken durcheinander. Seufzend bemerkte sie, dass sie schon viel zu lange vor der Glastür gestanden und gestarrt hatte, als Najib gerade begann den Kopf zu drehen. Hastig trat Mejdan ein und lächelte sie betont locker an.

"Also. Eigentlich solltest du die Nacht hier verbringen, unter der Aufsicht eines Narkosehelfers. Aber ich denke, dass ich eine Ausnahme machen kann, wenn du mir versprichst, dass du im Wohnheim gleich in dein Bett gehst und morgen nicht vor zehn Uhr mit irgendwelchen sportlichen Tätigkeiten beginnst. Wäre es dir recht, auch nach Hause zu gehen, Najib?" Mejdan zögerte, dann fügte sie leise hinzu "Es liegt zwar nicht gerade auf dem Weg, aber ich könnte dich absetzen."

Ein breites Lächeln zog über Najibs Gesicht und machte mit dem besonderen Ton in Mejdans Stimme, dass sie sich trotz des noch immer vorhandenen Unwohlseins richtig gut fühlte. Die Ärztin klang besorgt, weich und irgendwie unsicher, was nicht recht zu passen schien. "Das wäre mir sogar sehr recht, vorausgesetzt, dass du dadurch keinen Ärger bekommst. Dafür verspreche ich dir fast alles." Sie überlegte, ob sie höflich sein und das Angebot ausschlagen sollte, doch verwirrenderweise schien es, als wollte Mejdan sie gerne bringen. Allein die Vorstellung ließ ihr Herz wieder schneller schlagen, und sie hoffte, dass sie nicht mehr an das Pulsmessgerät angeschlossen war, ohne es bemerkt zu haben.

Sie stellte die mittlerweile leere Tasse auf das kleine Tischchen neben der Liege und schob die Decke beiseite, um sich ganz aufzusetzen, was ihr einen kleinen Schwindelanfall bescherte, der jedoch schnell wieder verschwunden war. Auf einem Hocker konnte sie ihre Klamotten ordentlich zusammengefaltet liegen sehen, doch sie ignorierte sie für den Moment und riskierte einen schon deutlich zu langen Blick in Mejdans schöne Augen. "Ich glaube, ich könnte durchaus laufen. Aber dass du mich fahren willst, ist sehr lieb von dir, und ich werde nicht ablehnen."

Rasch wandte sie sich dann doch ab und dem Hocker zu, als sie das Blut in ihre Wangen steigen spürte, obwohl sie eigentlich sonst gar nicht zum Erröten neigte. Aber das war deutlich gewesen, zu deutlich schon und sie konnte nur hoffen, dass es Mejdan nicht so auffiel wie ihr selber. Immerhin achteten andere Frauen kaum auf so etwas, ganz im Gegensatz zu ihr.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh