Illusionen

13.

Ein wenig eigenartig benahm Najib sich schon, zudem war ihre Reaktion auf das Angebot nicht locker genug. Jede normale Studentin hätte grinsend angenommen, über Sport, Traditionen und Einflussreichtum der Clans geredet, um dann am anderen Tag damit anzugeben, dass die Professorin al Chiraz sie persönlich eskortiert hatte.

Da Najib sich so hastig abgewendet hatte, nahm Mejdan an, dass es ihr vielleicht gar unangenehm sein mochte, sich vor der Ärztin umzukleiden. Nach einem kleinen sehnsuchtsvollen Blick über Najibs Rücken und zu ihrem Schwanz hin wandte Mejdan sich ebenso ab und versprach "Ich bin gleich zurück, ziehe mir nur auch private Kleidung an."

Es war ungewöhnlich für Mejdan, dunkle Kleidung zu tragen, aber die Woche der Ashiqa ging zu Ende und an diesem Tag zeigte man für gewöhnlich mit dunklen Farben das Mitgefühl mit der Göttin, die den Thron nun abgeben musste. Das tat man natürlich nur, wenn man im Schutz der Göttin geboren worden war, oder wenn man jemandem sehr nahe stand, der dies war. Da Shayde und Hilel Mejdan beide am Herzen lagen, trug sie ein mitternachtsblaues, schmales Kleid, das mit zwei Schlitzen viel Platz für die Beine ließ. Ursprünglich hatte sie geplant, mit Shayde und zwei Kolleginnen zu Abend zu essen und sich deswegen so unpraktisch angezogen.

Sie verabschiedete sich von ihrem Narkosehelfer, bevor sie wieder zu der inzwischen angezogenen Studentin trat, die noch ein wenig blass auf der Liege saß. Mit einem kleinen Lächeln legte Mejdan ihr eine Hand unter den Ellenbogen. "Noch immer ein wenig übel, hm? Sollen wir noch etwas warten, Najib?"

"Nein, das geht schon." Energisch stand Najib auf. Sie wollte auf keinen Fall noch mehr Schwäche vor Mejdan zeigen, war dann aber dankbar für die stützende Hand, die so warm und sicher war, als ihr schwindelig wurde und sie für einen Moment tatsächlich darauf angewiesen war.

"Vielleicht geht es nicht ganz so gut wie sonst", räumte sie daraufhin ein und grinste schief, vermied es aber, Mejdan anzusehen, die in dem dunklen Kleid sehr aufregend war. Auch wenn ihr die Übelkeit jede Entschuldigung ließ, verzichtete sie darauf, sich dichter an die Ärztin zu lehnen als notwendig. Nachdem sie einen Moment gestanden und ihr Kreislauf sich eingewöhnt hatte, konnte sie auch ohne Hilfe gehen.

Mejdan ging hinter Najib her, um die Lichter zu löschen und die Räume zu sichern. Ihr Blick blieb immer häufiger an der wippenden Schwanzquaste hängen, die sich prächtig am Ende von Najibs Schwanz aufbauschte. Ein kleines Detail an der auch sonst wirklich wunderschönen Studentin, aber gerade dieser Anblick verstärkte das Bedürfnis, sie berühren zu wollen, so sehr in Mejdan, dass sie ihr vor der Tür erneut die Hand an den Ellenbogen legte, vordergründig, um den Weg zum Wagen zu führen, da es recht dunkel war; aber jede Faser in ihr genoss den Kontakt zu Najibs Haut.

"Wenn es morgen noch immer nicht geht, dann müssen wir dich vielleicht noch einen Tag länger beobachten, aber ich denke, dass dem nächsten Logtermin in drei Tagen nichts im Wege stehen sollte." Rasch schloss Mejdan den Wagen auf und ärgerte sich, dass sie durch das Kleid nicht über die Tür springen konnte. "In welchem Wohnheim wohnst du, Najib?"

"Blau eins. Ich hoffe aber, ich bin morgen wieder auf den Beinen. Ich bin eigentlich kein Pflänzchen, das bei jeder Kleinigkeit umfällt." Najib lachte leise und stieg ein, während sie daran dachte, dass sie den morgendlichen Sport, gleichgültig ob Schwimmen oder Laufen, ein wenig vermissen würde. Zudem wollte sie auf keinen Fall am nächsten Abend auf das Schwimmen in der Bucht verzichten müssen, denn sie hatte es seit der Begegnung mit Mejdan erst einmal geschafft, dort selber zu baden, aber leider war die Professorin nicht da gewesen.

Mejdan fuhr aus ihrem Parkplatz, sehr gekonnt mit Schwung, und Najib fragte sich, ob sie selber nicht erst einmal wieder Fahrstunden nehmen musste, bevor sie selber auch nur mit der Hälfte der Eleganz einen Gleiter würde steuern können. Die Fahrprüfung lag schon zu lange zurück. Eine Weile schwiegen sie, was Najib als überraschend angenehm empfand, während sie Mejdan aus den Augenwinkeln beobachtete. Sie sah so gut aus... wirklich furchtbar gut. Der seitliche Schlitz des Kleides gab viel des weißen, schönen Beines frei und fesselte ihre Aufmerksamkeit.

"Du könntest das öfter tragen, weißt du?" Um einen lockeren Tonfall bemüht lächelte Najib, aber sie musste ihr einfach sagen, wie gut sie aussah. "Es steht dir; ich wette, Shayde kann die Augen heute nicht von dir lassen."

Mejdan spürte einen kleinen Rausch durch ihren Bauch kribbeln, der sich jedoch ein wenig legte, als Najib Shayde mit in ihr Kompliment einbrachte. Sie beschloss, ihn jedoch aus ihrer Reaktion herauszuhalten. "Danke. Mit deinen Beinen kann ich aber nicht mithalten, da bin ich sicherlich keine Konkurrenz." Sie brachte den Gleiter nach einer viel zu kurzen Fahrt ein wenig vom Wohnheim Blau entfernt zum Stehen und hatte den Antrieb heruntergefahren, bevor es ihr bewusst geworden war.

In Najib hallte noch immer die Freude über diese Worte nach, als sie hielten. Überrascht stellte sie fest, dass Mejdan sie nicht einfach nur schnell rausspringen ließ, sondern offensichtlich noch ein wenig mit ihr reden wollte, was das Glück in ihr nur weiter ansteigen ließ. Das Ende des unrühmlichen Logs wurde deutlich besser. Dafür nahm sie gerne die Übelkeit in Kauf, zumal sie ja auch noch nachlassen würde.

Mejdan zauderte, was sie sagen könnte, was sie sich zu tun getraute. Das Höchste der Gefühle waren immer freundschaftliche Umarmungen gewesen. Die Sorte Weibchen, die sie anziehend fand, waren für gewöhnlich nicht nur nicht interessiert an ihr, sondern fanden eine Beziehung zu jemandem, der sie auf einer intimeren Ebene bewunderte, auch unangenehm und begegneten dem mit Aggressionen. "Dein nächstes Log betreut eine Kollegin von mir, da werde ich dich leider nicht nach Hause fahren können."

Sie bedauerte es wirklich. Irgendwie fühlte es sich schön an, mit Najib neben sich im Wagen zu sitzen, die Sterne funkelten über ihnen, und aus dem nahen Wohnheim, von dem aus sie an diesem Parkplatz nicht eingesehen werden konnten, wurden Musik und Gelächter zu ihnen herüber getragen und vermischten sich mit einem lauen Wind von der See.

Mejdan streckte sich einmal und gähnte verhalten, nicht unzufrieden. "Uh, ich fühle mich, als wäre ich selbst noch Studentin, die mit einer Freundin nach einer durchfeierten Nacht vor dem Wohnheim noch ein wenig raucht und redet. Merkwürdig, wie eine Stimmung so etwas in Erinnerung bringen kann."

Najib lachte leise, genoss es, wie das Wort Freundin aus Mejdans Mund mit Mejdans Stimme klang. Es war wie ein Kompliment, wenn es auch leider nichts mit einer Geliebten zu tun hatte. "Das klingt, als wärest du uralt. Bist du doch gar nicht." Sie rutschte sich ein wenig bequemer im Sitz zurecht und sah zum Himmel empor, dann wieder zu Mejdan hin. "Sag nicht, dass du dich so fühlst. Das würde ich dir nicht glauben, so voller Elan und Energie, wie du immer bist, als wäre kein Hindernis so groß, dass du es nicht umschiffen kannst."

Mejdan lehnte den Kopf zurück und blickte in die Sterne hoch. "Alt? Nein, so fühle ich mich nicht, aber auch kein Stückchen weiser als zu meiner Studienzeit. Unglaublich. Ich bin Professorin, aber die wichtigsten Fragen stelle ich mir noch immer wie damals, ohne eine Antwort zu erfahren." Sie warf einen Seitenblick auf Najibs Profil und dachte daran, dass eine dieser Fragen war, was in dem schönen, klugen Kopf so vor sich ging. Sie sah, wie sich Najibs Mund leicht verzog, es schuf schon wieder den Wunsch in ihr, sie zu küssen. Hastig senkte Mejdan den Blick auf ihre Hand, die noch immer zwischen ihnen auf dem Steuerknüppel lag.

"Fragen, wie zum Beispiel, ob man das Richtige tut und sagt. Ob man... Chancen im Leben nutzen oder vielleicht verstreichen lassen sollte, nur weil sie einem unsicher erscheinen." Sie lächelte und zuckte mit den Achseln "Tut mir leid, wenn ich müde bin, neige ich dazu, philosophisch zu werden."

"Du musst dich nicht entschuldigen. Ich kenne das, dieses Fragen. Ob es sich lohnt, etwas zu riskieren, weil man Hoffnungen hat, aber sich nicht sicher ist... Was ist größer? Der Verlust, wenn es hätte gut gehen können? Oder das Vermeiden der Blamage, der befremdeten Blicke, der Anfeindungen."

Mit einem Mal fühlte Najib sich der anderen Frau sehr nahe, als würde sie etwas verbinden, das sie beide nicht benennen konnten. Ihr Blick folgte Mejdans auf deren Hand, und noch aus dem Gefühl der Nähe heraus legte sie ihre Finger über die der anderen Frau. "Aber es gibt immer nur einen Weg und kein Zurück, um den anderen zu versuchen."

Kurz drückte sie Mejdans Hand, ließ sie dann wieder los und streckte sich mit einem kleinen Gähnen. "Ich bin auch müde, das Log hat mich mitgenommen. Sei gewiss, ich werde sofort als brave Patientin in mein Bett fallen." Sie zögerte nur einen Augenblick, dann beugte sie sich zu Mejdan herüber und umarmte sie zum Abschied. Immerhin hatte sie von Freundschaft gesprochen und von Chancen, und Najib konnte nicht wiederstehen, den kostbaren Moment zu nutzen, Mejdan an sich zu spüren. Der warme Duft nach frischen Gräsern, in den sich die Gerüche des Labors mischten, die Nähe, die weiche Haut des Armes, der sie streifte... Es war fast zu viel; so viel, dass sie sich nicht mehr von ihr lösen wollte.

Nur die Erinnerung, dass sie sich an diesem Tag ohnehin schon zu viel erlaubt hatte, gab ihr die Kraft, Mejdan dennoch loszulassen. "Gute Nacht, schlaf gut. Und vielen Dank, dass du mich gefahren hast." Sie stieg aus, hob noch einmal grüßend die Hand und ging dann mit weit ausgreifenden Schritten auf das Gebäude zu; das verliebte Kribbeln in ihrem Bauch ließ nicht einmal zu, dass sie sich Gedanken darüber machte, dass ihr Verhalten einer Professorin gegenüber die angemessenen Grenzen bei weitem überschritten hatte.

Während der Rest von Mejdan schon längst im recht rasanten Stil über den Weg zu den Bungalows der Professorinnen fuhr, waren ihre meisten Sinne noch bei der Umarmung von Najib, die von der Studentin so rasch abgebrochen worden war. Zu viele Eindrücke waren auf einmal um sie gewesen. Der weiche Duft aus Najibs Mähne, so gar nicht zu ihrer sportlichen Art passend und doch perfekt für sie, das Kitzeln einiger Haare an Mejdans Wange, das Gefühl, dass sich ihre Oberkörper berührten, wenn auch noch lange nicht eng genug.

Es war alles noch lange nicht genug davon, das war sicher. /Ich werde wahnsinnig, diese Frau treibt mich in den Wahnsinn. Ihr Worte, über die Angst vor Anfeindung, über die Angst, dass es kein Zurück mehr gibt, sobald man einen Weg eingeschlagen hat. Ob sie damit meinte, dass sie vielleicht auch...? Ist das absurd?/

Mejdan musste gleich darauf bremsen, weil sie in der Stichstraße, in der sie wohnte, bis zum Ende durchgefahren war. Ärgerlich wendete sie, um zu ihrem Haus zu fahren. Im Trakt der Männchen brannte kein Licht mehr, und so verzichtete Mejdan darauf, Shayde noch ihr Leid zu klagen und ging stattdessen ins Bett, wo ihre Träume von einem energischen jungen Weibchen mit langer Mähne gelenkt wurden.

 

Jack starrte auf die leicht gekräuselte Oberfläche des Sees, in der sich die aufsteigende Sonne spiegelte und kleine Lichtpunkte zu einer gleißenden Straße verband, die bis zum Horizont reichte. Die Luft war noch kühl, dabei aber frisch und so feucht, dass sie ihm wie eben aus dem Waschzuber gekommen schien. Es war angenehm, hier auf dem Bootssteg zu sitzen, hin und wieder einen flachen Stein über das Wasser springen zu lassen, die Ringe zu zählen, bis er unterging und dann darauf zu warten, dass sie von den kleinen Wellen wieder verwischt wurden. Man brauchte nicht viele Gedanken dafür aufzuwenden, was gut war, denn Jacks weilten nicht wirklich hier, sondern bei dem kleinen Priester, der die Fledermäuse beobachten wollte.

Es war etwas an dem zierlichen Mann, das ihn verwirrte, das nichts mit den großen Augen oder dem hübschen Gesicht zu tun hatte, auch wenn ihm beides außerordentlich gut gefiel, was ihm ein leicht schlechtes Gewissen bescherte. Vielmehr war es das Gefühl, das er in seiner Nähe gehabt hatte, als sei die ganze Welt realer geworden, greifbarer. Als müsste er nur die Hand nach dem Priester ausstrecken, ihn berühren und hätte damit ein ganzes Universum vor seinen Füßen liegen.

Jack mochte das Gefühl, und er hoffte, dass Hilel wiederkommen würde, um ihm mehr Fragen zu Fledermäusen zu stellen. Oder seinetwegen auch zu den Nachtfaltern, die eine der bevorzugten Beutetiere waren. Oder zu sonst irgendetwas. Allein wie Hilel ihn ansah, wenn er ihm zuhörte, machte, dass Jack ihm erzählen wollte. Es war eine Unterbrechung im alltäglichen, seit Jahren andauernden Trott und vielleicht war es das, was ihn sich lebendiger fühlen ließ.

Unwillkürlich musste er an Timms Worte denken, dass er glücklich war, all das zu haben, dass er glücklich war, dass sie einander hatten. Ja, dafür war Jack auch dankbar, doch all das war so wie jetzt, seit er sich erinnern konnte. Und davor? Was war davor gewesen? Manchmal, wenn er darüber nachdachte, stieß er nur auf eine dichte Nebelbank, in der die Erinnerungen schwächer wurden und sich schließlich verloren; jedoch auch der undeutlichste Schemen bezog sich noch auf Timm, das Gasthaus und dieses Dorf. Warum war das so? Die anderen Dorfbewohner interessierten sich nicht dafür, aber Jack fragte sich, ob das wirklich alles sein konnte. Kein Tier war auf einmal da. Sie wurden geboren, wuchsen auf und starben früher oder später. Pflanzen entstanden aus den Samen, wurden größer und veränderten sich... nur die Menschen blieben ewig gleich.

Eine undeutliche Bewegung am Horizont, mitten in der Straße aus Licht, ließ ihn aufsehen und mit zusammen gekniffenen Augen zu der dünnen Linie schauen, an der Himmel und Wasser einander berührten. Zuerst dachte er, er hätte sich geirrt, doch dann bewegte sich ein dunklerer Schemen aus dem gleißenden Streifen heraus. Für eine Wolke bewegte es sich zu schnell und zudem gegen den Wind, und für ein Fischerboot hatte es die falsche Form, zu schlank und geschmeidig, zu schmal und zu beweglich. Doch ehe Jack etwas genaueres ausmachen konnte, sank es langsam herab und war verschwunden.

Eine ganze Weile lang suchte er den See ab, doch was immer es gewesen war, es tauchte nicht wieder auf. Schließlich war sich Jack sicher, dass er es sich nur eingebildet hatte und vielleicht ein Dunstschleier über den See gezogen war. Die Winde weiter draußen konnten unberechenbar sein. Außerdem sollte er langsam ins Gasthaus zurück. Timm wartete bestimmt schon auf ihn. Mit einem Seufzen stand er auf und ging über die knarrenden Planken des Stegs zurück an Land. Am Ufer wandte er sich noch einmal um, doch der See lag ruhig wie immer.

 

Hilel hatte sich im Log sehr bald schon von seiner Gruppenleiterin freisprechen lassen können, um seinen Zielen zu folgen. Zunächst war er zum Gasthaus gelaufen, doch dort waren weder Jack noch Timm zu sehen. Es war früher Morgen, vielleicht schliefen sie beide noch. Seine leichte Enttäuschung machte ihm erneut klar, wie sehr er sich auf Jack gefreut hatte. Da die Fledermäuse schliefen, beschloss er vielmehr, etwas für sein Referat zum Thema Aufbau und soziale Struktur der Menschen im Log zu tun und wanderte die Dorfstraße hinunter.

Der Weg war matschig nach dem Tauwetter und dem Regen der letzten Tage, aber am Rand blühten überall kleine Blumen, Vögel zankten lautstark, steckten mit Geschrei ihr Revier ab, und einige bauten schon an ihren Nestern. Als er an das Ende des Dorfes kam, wo nur noch eine leerstehende und zusammengefallene Fischerhütte zu finden war, hörte er hinter sich aus einem der Gärten die Stimme der Direktorin Jamnah.

Ein wenig fürchtete Hilel sich schon vor ihr, und er hatte keine Ahnung, ob es ihm wirklich offiziell erlaubt war, schon im zweiten Log so lange allein umherzustreifen. Schnell ging er deswegen in Deckung. Jamnah sprach mit einem der Fischer und seiner Frau. Vielmehr fragte die Direktorin und leitende Professorin für Psychiatrie etwas und die Frau vom Fischer antwortete, bis Jamnah sie unterbrach, dann brummte der Fischer noch ein Wort oder zwei, um für die nächste Frage zu verstummen.

Hilel ging hinter dem zerfallenen Hüttchen in Deckung, als die drei näher kamen. Offensichtlich brachten der Fischer und seine Frau ein Netz zum Trocknen auf die Holzständer vor ihrer Hütte, und Jamnah befragte sie währenddessen. Das Thema war zu Hilels Erstaunen und Beschämung Sex. Es ging um den Kinderwunsch der beiden, der sich schon so lange Zeit nicht erfüllen ließ, um das Kind, das die beiden sich herbeiwünschten. Merkwürdigerweise verwendete die Frau Wörter wie 'Schon so lange wünschen wir uns...' Und er sagte 'Was sollen wir denn noch alles versuchen?'

Die eintönige Stimme von Jamnah sollte die beiden wohl durch gemurmelte Beileidsbeteuerungen beruhigen, aber irgendwie machte es, dass Hilel ein wenig wütend und zugleich traurig wurde. Konnte man den beiden nicht die Person umschreiben, so dass die Programme nicht so sehnsuchtsvoll und enttäuscht sein mussten? Zu welchem Zweck ließ man sie denn leiden?

Er schaffte es, sich an den dreien vorbei zu schleichen und wanderte in den Gedanken an die Rechte dieser Illusionen von Menschen versunken am Ufer entlang. Das Glitzern der Sonne auf der leicht gekräuselten Fläche und die Stimmung war so friedlich und weich, dass Hilel sich schon wieder versöhnt fühlte. Kurzentschlossen nahm er jedoch Platz und notierte seine Gedanken zu diesem Pärchen in dem persönlichen Tagebuch.

Jack war nicht weit gekommen, als er den Mann sah, dem so viele seiner Gedanken galten. Er schrieb in sein Büchlein, das die meisten Priesterschüler mit sich herumtrugen und sah weitaus niedlicher aus, als er ihn in Erinnerung behalten hatte, so eifrig vorn über gebeugt, mit dem ein wenig abwesenden Gesichtsausdruck, der seine entspannten, vollen Lippen wunderbar sinnlich werden ließ.

Jack konnte nicht anders, als ihn lächelnd zu beobachten. Kurz kam ihm mit einem Anflug von Schuldbewusstsein Timm ins Gedächtnis, den er nie mit so einem Gefühl von Entzücken und Verwunderung, dass es einen so schönen Menschen geben konnte, anschaute, doch er schob den Gedanken beiseite. Immerhin tat er nichts weiter als eben das. Schließlich löste er sich jedoch von dem Anblick und trat zu ihm hin. "Guten Morgen, Hilel."

Ein wenig erschrocken fuhr Hilel zusammen, da seine Gedanken bei der strengen Direktorin geweilt hatten, doch dann konnte er nicht anders, als Jack strahlend lächelnd zu begrüßen. "Hallo, Jack. Du hast dir meinen Namen gemerkt." Er blinzelte gegen die Sonne und stellte fest, dass ihm bei voller Beleuchtung viele kleine Details an dem hochgewachsenen, schlanken Mann auffielen, die er am Tag zuvor nicht hatte festhalten können.

Der nachdenkliche Ausdruck in seinem Gesicht schien von den Augen her zu stammen. Hilel schien es, als würde Jack viel beobachten, als sei er es gewohnt, die Dinge um ihn her lange und genau anzusehen. Irgendwie fand Hilel dabei, dass er die kleinen Fältchen neben Jacks Augen sehr gern hatte. Sie machten, dass er sich angelächelt fühlte, auch wenn Jack ein sonst ernstes Gesicht machte.

Die Wirkung dieses Lächelns kam unerwartet für Jack. Es war, als zerrisse ein Schleier, der bisher über allem gelegen hatte, als würde die Welt mehr Farbe bekommen und wärmer werden, als wäre jeder Duft deutlicher und die Geräusche klarer. Und doch schien alles nur nebensächlich zu sein, weil ihn diese hellen Augen ansahen, die Freude durch ihn schickten, gleich einem Frühlingswind. Es brauchte einen Moment, ehe er sich wieder gefangen hatte, auch wenn sein Herz nicht aufhörte, so verwirrend schnell zu schlagen.

"Nun, du dir auch offensichtlich meinen." Scheinbar gleichmütig zuckte er mit den Schultern, erwiderte jedoch das Lächeln. "Bist du wieder hier, um etwas über die Fledermäuse zu erfahren oder schleichst du heute anderen Tieren hinterher?"

Lachend sprang Hilel auf und ließ sein Notizbuch verschwinden. "Ich denke, da die Sonne so herrlich scheint, werde ich heute mal nicht auf Fledermausjagd gehen können." Er wies den Weg hinunter. "Ich habe mir stattdessen das Dorf angesehen. Der See ist schön, das Wasser ist so klar, das gefällt mir, man kann von einem Boot aus sicherlich den Grund auch noch weiter draußen sehen, oder?"

Im nächsten Moment wurde ihm klar, dass er einen Fehler begangen hatte, denn die Fischer warfen von flachen Barkassen aus ihre Reusen ins Wasser und die Netze aus, sie fuhren nicht weiter hinaus. Mit gerunzelter Stirn blickte Hilel über den nun fast spiegelglatten See, auf dessen Oberfläche sich die perfekten Schäfchenwolken abbildeten. Einen winzigen Moment lang fragt Hilel sich, ob er Ärger bekommen würde, dann begann er von allein zu fragen und alles wurde egal. "Jack? Kannst du schwimmen?"

Jack nickte belustigt. "Sicher. Seit ich denken kann. Ich glaube, der einzige hier, der das nicht kann, ist Mat, der Jäger. Aber wenn dir danach ist, solltest du das lieber im Fluss tun. Sonst holen dich noch die Nixen." Er zwinkerte ihm zu, wurde dann aber abgelenkt, als er weiter hinten den Abt die Straße entlang schreiten sah. Er machte also mal wieder seine Runde.

Als er Jack erblickte, hob er grüßend die Hand und lächelte, ohne sich jedoch von seiner Richtung abbringen zu lassen. Er ging die Dorfbewohner meistens in der gleichen Reihenfolge durch, wenn er einfach zu Besuch kam und keine Notfälle anlagen. Jack erwiderte den Gruß und sah ihm nach, bis er im Haus des Krämers verschwand.

"Na, dann wird er wohl mal wieder seine Nase überall reinstecken", murmelte er, wandte sich dann erneut Hilel zu. "Er ist ja sehr nett, aber er ist eindeutig der neugierigste von euch Priestern." Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. "Und sag ihm nicht gleich, dass ich das von ihm denke."

Hilel schüttelte nachdenklich zum Haus hinüberblickend den Kopf. "Nein, ich wage es nicht, mit... ihm zu reden, bin ja nur ein kleiner Schüler." /Nixen. Wie kommt ein Glaube an Nixen zustande? Sollen die Menschen nicht in dem See baden? Hat es da einen Grund? Nein, das kann doch nicht sein, es sind doch nur Programme.../

Allerdings schufen Jacks Augen in seinem Körper dieses merkwürdige Gefühl der Unsicherheit, der Wärme zugleich. Er wusste nicht, woran genau es lag, aber als sich ihre Blicke trafen, konnte Hilel seine Augen nicht von Jacks wenden. Er fühlte sich heiß, als würde er rot werden, aber konnte es nicht verhindern, dass er einen zögernden Schritt auf Jack zutrat. In seinem Inneren schrie eine panische Stimme auf, dass dies ein Forschungsobjekt sei, dass er sich zusammenreißen musste, dass er nur ein Student war, dass er nur ein Männchen war, dem solche Fehltritte nicht vergeben wurden, aber schließlich hatte Hilel sich nicht mehr im Griff, er berührte Jacks Wange leicht, dann murmelte er "Du hast besondere Augen, ich... fühle mich immer so..."

"Hilel?! Es ist Zeit!"

Hilel fuhr zu seiner Gruppenleiterin herum und zerrte sich mit einer hastig gemurmelten Entschuldigung die Kapuze weiter über den Kopf, bevor er kurz winkte, um dann hinter den anderen Priestern herzulaufen, zum Waldweg, der ihn für eine ganze Woche fortbringen würde. Am Waldrand drehte er sich noch einmal zu Jack um. Der Mann stand als schlanke Gestalt am See und schien ihm nicht wirklich hinterher zu sehen, eher schien es, als würde Jack auf die Umgebung in seiner Nähe blicken. Fast hatte Hilel das Bedürfnis, schnell noch einmal zu ihm zu laufen, aber er war schon spät dran und würde Ärger bekommen. Zaghaft hob er erneut die Hand, aber ließ sie fallen, als er bemerkte, dass Jamnah aus dem Haus des Krämers kam und sich in seine Richtung umsah.

Die Berührung und die Worte hatten den Frühlingswind erneut in Jack herbeigerufen; er war warm und weich, zugleich stürmisch und unberechenbar und brachte Ahnungen von Verbotenem mit sich, die derart verlockend waren, dass man ihnen nicht widerstehen konnte. Neue Wirbel jagten in Jack empor, als Hilel sich am Waldrand noch einmal zu ihm umdrehte, beinahe winkte und es nach einem seitlichen Blick dann doch ließ, um sich hastig abzuwenden.

Besondere Augen... Jack hörte die Stimme noch immer in seinem Kopf nachhallen, als er schließlich die Hand hob und seine Wange berührte, als Hilel schon längst im Wald verschwunden war. So ein Gefühl hatte er noch nie verspürt, so leicht und unbeschwert, voller Prickeln und Sehnen. Ohne Grund lachte er leise auf, ehe auch er sich abwandte und mit beschwingten Schritten in Richtung des Gasthofes lief. Gut gelaunt grüßte er den Abt erneut, als er an dem kleinen Mann vorbeikam, der stehen geblieben war, um mit der Tochter des Fährmanns zu reden. Er hoffte nur, dass Hilel bald wieder vorbei käme und dann auch ein wenig länger bleiben würde.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh