Illusionen

15.

Mejdan wusste nicht genau, wie lange ihre Spiele angedauert hatten. Irgendwann spät in der Nacht, nachdem sie schon einmal eingeschlafen war, hatte Najib sie zu einer weiteren Runde doch tatsächlich noch einmal aufgeweckt.

/Wildes Dinge/, dachte Mejdan vergnügt, als ihr Wecker sie mit ihrer Lieblingsmelodie weckte. Najib lag im Schlaf gefangen halb unter den Kopfkissen versteckt, die lange Mähne verteilte sich wild um ihr schönes Gesicht herum, fast hatte Mejdan Lust, sich zu rächen für die nächtliche Attacke und ihre Geliebte nun im Morgengrauen ebenfalls zu wecken, aber die Zeit war zu knapp dafür.

Sie schlich sich in ihr Bad und duschte die Müdigkeit mit kaltem Wasser fort. Sorgfältig zog sie ein hochgeschlossenes Oberteil an, um die kleinen Bissmale an ihrem Hals zu verstecken. Shayde hätte so etwas nie gewagt, und Mejdan hatte ein Treffen mit Jamnah, die in diesen Dingen stets sehr misstrauisch und genau war.

Bevor Mejdan das Haus verließ, stellte sie Najib einen starken Kaffee in einer Wärmkanne neben das Bett, stellte eine der bauchigen Tassen von Shayde dazu und legte eine der in ihrem Garten wildwachsenden Meerfeuerblumen an den Rand, deren Blätter bläulich und die Blüten in hellem Türkis samtig schimmerten.

"Meerfeuer, das bist du wirklich. Ich bin so froh, dass ich das Hoffen und Warten auf dich nicht aufgegeben habe", murmelte Mejdan, drückte Najib einen Kuss auf die Schläfe und verlor sich kurz in ihrem Duft, bevor sie hastig aus dem Haus lief, um sich nicht zu verspäten.

Najib wurde sehr viel später von flimmernden Lichtstrahlen geweckt, die über ihre Wangen, die Lider und die Stirn tanzten. Noch ehe sie richtig wach war, zog sich ein verschlafenes Lächeln über ihre Lippen. Mejdans Geruch hüllte sie ein, und die vage Erinnerung an leidenschaftliche Zärtlichkeiten kam langsam in ihrem Gedächtnis empor. Mit einem zufriedenen Seufzen streckte sie sich, tastete an ihrer Seite nach dem geschmeidigen, großen Körper, doch dann fiel ihr ein, dass die Ärztin früh hatte aufstehen müssen. Sie murrte ein wenig unwillig, vergrub das Gesicht tiefer in dem Kissen, das so herrlich nach Mejdan roch und blieb noch einem Moment liegen. Schließlich streckte sie sich genüsslich und setzte sich auf.

Die flirrenden Lichtstrahlen kamen von den dunklen Gardinen, die vom runden Bett zurückgezogen waren. Als Najib genauer hinsah, entdeckte sie die kleinen Kristallsplitter. Leise lachte sie auf; am Abend zuvor hatte sie gar nicht bemerkt, wie hübsch die Vorhänge waren. Da hatte sie eindeutig anderes im Sinn gehabt... und in der Nacht ebenfalls. Hoffentlich war Mejdan nicht zu müde gewesen.

Ihr Blick fiel auf den kleinen Nachttisch; die Blume neben der Kanne brachte das Lächeln zurück und weckte ein wunderbar warmes Gefühl in Najibs Bauch, das sich von dort aus durch ihren ganzen Körper zog und sich beharrlich in ihrer Brust festsetzte. Es begleitete sie ins Bad, wo sie duschte und nach einer Zahnbürste fahndete, und wieder zurück, als sie träumend eine Tasse des starken Kaffees trank, den Mejdan für sie dagelassen hatte. Nie war sie glücklicher gewesen, und alle Probleme, die mit der Beziehung zu einem anderen Weibchen einhergehen konnten, erschienen ihr mit einem Mal unwichtig und klein. Leise summte sie vor sich hin, als sie ihre Mähne entwirrte, sich anzog und noch immer in ihrer kleinen Glückswolke gefangen das Zimmer verließ.

Zumindest in diesem Haus musste sie wahrscheinlich nicht vorsichtig sein. Wenn Mejdan so offen Bilder bei sich hängen hatte, wussten Shayde und die Menschenfrau auf jeden Fall davon. Doch auf ihrem Weg nach draußen, um in das Wohnheim zurückzukehren, begegnete sie weder dem einen, noch der anderen. Dafür sah sie, kaum dass sie das Haus verlassen hatte, Hilel in ein Buch versunken auf der Terrasse der Männchen sitzen. Najib hob die Hand und winkte, dann lief sie einfach über den Rasen zu ihm hin. "Hallo, Hilel. Ich hoffe, Ashiqa hat gut auf dich acht gegeben."

Mit einem erschrockenen Japsen schlug Hilel sein Notizbuch zu, in dem er sehr private Dinge für sich bewahrte. Zeichnungen der Fledermäuse und seit dem letzten Log nun auch von Jack. Das ernste, träumerische Gesicht des Menschenmannes so genau wie möglich festzuhalten, war an diesem Morgen ein Ziel von Hilel geworden, und allmählich begann der Verdacht in ihm, dass seine Besessenheit einen sehr unangenehmen Grund haben mochte.

Eine Hand an seine Brust gepresst sah er seiner Freundin ins Gesicht. "Najib, guten Morgen." Dann hatte er sich gefangen und sprang auf, um sie kurz zu umarmen. "Entschuldige, ich bin noch ganz in Gedanken versunken. Kann ich dir einen Tee anbieten?"

"Gerne." Mit einem Lachen erwiderte sie die Umarmung, ehe sie sich zu ihm setzte. In seinem orangegemusterten, ärmellosen Hemd und der kurzen Hose sah Hilel wie meistens einfach nur niedlich aus, und die noch immer ein wenig aufgerissenen Augen unterstrichen diesen Eindruck. "Ich wollte dich nicht erschrecken, tut mir leid." Neugierig sah sie nach dem Buch auf dem Tisch. "Arbeitest du dein Log nach? Ich habe gehört, du warst schon zwei Mal im Dorf... und einmal davon direkt im ersten Log."

Hilel nickte und legte das Notizbuch auf den Tisch. "Ich zeichne die Tiere und Pflanzen, sobald ich wieder wach genug bin, um mich zu erinnern. Ich glaube, so kann ich später am allerbesten die Abschlussarbeit schreiben. Ich bin gleich wieder da, hole dir nur schnell einen Tee!"

Hilel beeilte sich mit dem Teebecher und stellte noch einen Teller mit Obst und Keksen zusammen, die Carol am Tag zuvor gebacken hatte. Als er wieder auf die Terrasse hinaustrat, auf der Sonnenfleckchen zwischen den Blättern der umliegenden Palmen hervorsahen, fiel ihm auf, dass Najib am Nacken eine rote Stelle aufwies; fast hätte er gedacht, dass es sich um eine Bissstelle handeln musste.

Najib genoss es, mit halb geschlossenen Augen in der Sonne zu sitzen und von Mejdan zu träumen. Fast fühlte sie sich gestört, als Hilel zurückkehrte, und das brachte sie zum Grinsen. Sie nahm ihm den Teller ab, stellte ihn in die Mitte des Tisches und bediente sich gleich mit einem Stück Melone. "Du bist ein hervorragender Gastgeber, selbst wenn man dich unverhofft überfällt. Danke dir, Hilel." Der Kaffee hatte ihren Hunger nicht gestillt, den sie erst jetzt wirklich bemerkte. "Du hast ein Glück, weißt du das? Ich hab erst ein Log hinter mir, und ich konnte mich nicht mal rühren, geschweige denn aufstehen. Mejdan hätte mir beinahe eine Nacht in der Station verordnet."

Hilel nickte und nippte von seinem Tee. "Das ist einigen Weibchen in meiner Gruppe auch passiert. Es ging ihnen wirklich schlecht." Er legte den Kopf schief. "Soll ich dir ein wenig vom Dorf erzählen, oder willst du dir die Spannung bewahren, wenn du selber hineingehen wirst?"

"Erzähle mir. Die Theorie beherrsche ich ohnehin, du verdirbst mir nichts, aber ich bin neugierig." Najib lächelte und biss genüsslich in das lachsfarbene, saftige Melonenfleisch.

Hilel begann bei dem lebendigen Wald, in dem unter jedem Blatt ein Tier zu sitzen schien, in jedem Winkel eine neue, unbekannte Blume und führte Najib über den kleinen Pfad bis zu dem Dorf mit seinen Fischerhütten und dem Gasthaus, der Fähre und dem herrlichen Ausblick über den See. Schon bald schwärmte er ihr von der Atmosphäre vor und musste sich krampfhaft davon abhalten, Jack in seine Erzählung einzubringen.

 

Mejdan neigte einmal den Kopf, um Jamnah wissen zu lassen, dass sie verstanden hatte. Die neuen Regeln im Log waren offensichtlich nicht eine Abstimmung wert gewesen, so wie es früher immer der Fall war, wenn etwas geändert werden sollte. Nun wurden die Professorinnen oft erst im Nachhinein darüber informiert, dass ein neuer Mensch hinzugekommen war oder eine Person in der Geschichte geändert wurde.

Jamnah winkte ihrem Helfer, ihr persönlicher Narkosehelfer und einer ihrer Ehemänner, und das stämmige, kleine Männchen kam näher und überreichte Mejdan einen Stapel mit Dateien der letzten von ihr gelogten Studentinnen. "Es ist eine Informatikerin mit Stipendium dabei, Mejdan. Ich hoffe, dass diese ausgezeichnete Studentin für unsere Universität zu gewinnen ist, loge sie in den nächsten Tagen einige Male extra ein, damit sie die Effekte schneller abbaut."

Mejdan blinzelte, dann verbarg sie, so gut sie konnte, ein Lächeln und antwortete unbewegt "Ah, der Lehrstuhl für Informatik hat zwei neue Assistenzstellen ausgeschrieben. Es wäre ja schön, wenn eine Stipendiatin auch die Stelle bekommt, das ist, politisch gesehen, sicherlich angenehm."

Jamnahs schlanke Augenbrauen hoben sich zustimmen, dann fuhr sie fort "Hilel al Ashiqa al Chiraz wohnt bei dir, nicht wahr, meine Liebe?" Auf Mejdans Nicken hin lächelte sie und lehnte sich vor, um vertraulich zu sagen "Wir sollten in diesen Zeiten der lockeren Regeln vielleicht noch einen männlichen Assistenten einstellen. Die Biologie könnte noch Zuwachs gebrauchen, wenn Hilel sich so wohl fühlt... verbindet ihn und Shayde vielleicht mehr als nur die Biologie?"

Mejdan hatte nicht darauf geachtet und hob nun leicht die Schultern. "In der Zeit eines Kurses, muss ich gestehen, habe ich nur sehr wenig Zeit für mein Männchen, vielleicht ja, ich werde das mal beobachten."

"Nun, es wäre ja eine günstige Verbindung."

"Oh, Hilel ist bereits verheiratet."

Jamnah nickte sinnend. "Ja, so geht es manchmal im Leben. Aber ich habe ja Zugang zu einigen Informationen, auch über Reza al Chiraz. Ein sehr traditionsbewusster Anteil deines Clans, nicht wahr?"

Mejdan nickte leicht. "Wir haben wenig Kontakt mit dem Clananteil, der noch in den Bergen wohnt. Reza kenne ich nur von den Clansfeiern, zuletzt gesehen habe ich sie auf meiner Eheschließung mit Shayde und da ist sie ohne Männchen erschienen. Hilel ist ohnehin nur ihre niedere Ehe, soweit ich weiß."

Jamnah lächelte den Kopf schüttelnd. "Ein Jammer, ein Jammer, nicht wahr? Hast du nicht etwas für diese empfindliche, träumerische Art übrig?"

Mejdan hob die Schultern, kam sich ungemütlich vor, weil sie noch nie mit Jamnah über Privates geredet hatte. Aber diese winkte auch schon ab und erhob sich. "Na, Mejdan. Ich danke für diesen informellen Besuch. Ich würde mich freuen, wenn du in der Woche der Shameel wieder die Zeit findest, mit mir und einigen anderen Professorinnen zu der Vortragsreihe zu fahren. Ich hoffe, dass deine Feiern für die Göttin dir genügend Zeit lassen werden."

Mejdan erhob sich und reichte Jamnah die Hand. "Gern, das werde ich tun. Dann habe ich es recht verstanden, dass ich als Mentorin für die Studentin Najib al Jawhar al Maisun dafür sorgen soll, dass ihre Logzeiten ein wenig zunehmen?"

"Ja, das wäre doch angenehm für beide Seiten. Kennst du die Studentin schon?"

"Ich habe sie vor zwei Tagen gelogt, sie hat es nicht sonderlich gut vertragen, aber das wird sich bestimmt bald geben."

"Sicherlich. Wenn nicht, wäre es schade." Jamnahs Männchen lächelte bei diesen Worten ein wenig unpassend, was Mejdan wieder einmal dazu brachte zu denken, dass die Direktorin nicht nur auf die Blutlinie und die politischen Verbindungen hinter ihrer Heirat hätte achten sollen, sondern auch auf den Charakter ihrer Männchen. Sie beeilte sich, nach einem schnellen Abschied in ihr Labor zu gelangen, um zu sehen, wann sie freie Termine für zusätzliche Logs hatte, dann machte sie sich auf den Weg nach Hause, immerhin hatte sie in diesen Tagen beinahe konstant Nachtschicht.

 

Hilel wiederholte nach Najibs Frage zum dritten Mal, wo das Gasthaus vom Pfad zur Kirche im Wald aus gelegen war und hielt dann mitten in seinem Satz inne. "Du bist so abwesend, Najib. Ist etwas? Du siehst auch müde aus, hast du das Log noch immer nicht verwunden?"

Najib musste grinsen. "Doch, das Log habe ich sehr gut verwunden. Ich bin nur heute Nacht nicht allzu lang zum Schlafen gekommen." Wobei das eindeutig ihre eigene Schuld gewesen war. Sie hätte Mejdan ja nicht wecken müssen. Aber die Linie ihrer Schultern und des Nackens, die weiche Fülle ihrer Brüste... Sie riss sich zusammen, um nicht schon wieder in Träume zu versinken.

Im letzten Moment hielt sie sich auch davon ab, von Mejdan anzufangen, was nur in Schwärmerei ausgeartet wäre. Zwar vertraute sie Hilel, auch wenn sie sich so lange nicht mehr gesehen hatten und sich nun erst neu hatten kennen lernen müssen, aber er wohnte in Mejdans Haus. Und Najib wusste nicht, ob es ihrer Geliebten recht war, wenn er von ihrem Verhältnis erfuhr. Sie würde sie fragen. "Es ist nichts, worum du dir Sorgen machen müsstest. Es waren... gute Gründe."

Mejdan gähnte herzhaft und kletterte mühsam aus ihrem Cabrio. Nicht nur ihre Augen brannten vor Müdigkeit, auch ihre Muskeln schmerzten, Najib hatte sie wirklich gefordert, oder sie sich selbst. Carol schenkte ihr einen mitleidigen Blick und fragte, den angefangenen Liebesroman fortlegend "Mejdan, kann ich etwas Gutes für dich tun? Etwas zu essen vielleicht? Ich habe für Hilel und seinen Besuch Obstsalat gemacht, davon ist noch reichlich da."

Mejdan schüttelte den Kopf und gähnte noch einmal. "Nein, ich bin müde, ich werde mich ins Bett legen. Heute Nacht muss ich schon wieder logen."

Sie wollte eigentlich schnell zu ihren Zimmern durchgehen, um nachzusehen, ob Najib vielleicht noch dort war, aber als sie an dem Trakt der Männchen vorbei kam, hörte sie ihre Geliebte auflachen. Sofort begann ein Freudentanz in ihrem Magen, und sie rief Carol noch einmal zu sich. "Schick mir bitte den Besuch von Hilel auf meine Terrasse hinaus."

Najib hatte gerade laut überlegt, ob sie ins Wohnheim gehen sollte, um dort noch ein wenig zu schlafen, als das Hausmädchen, von dem Hilel ihr nun auch den Namen genannt hatte, die Terrasse betrat und sie zu Mejdan bat. Es war wie eine Droge; die Müdigkeit war sofort verflogen, als Najib aufstand und sich von Hilel verabschiedete.

Bemüht, sich ihre Freude nicht zu sehr anmerken zu lassen, lief sie dennoch beschwingt ins Haus und zu Mejdans Räumen zurück. Sie musste lächeln, als sie ihre Geliebte in einem hochgeschlossenen Oberteil, das die Male dieser leidenschaftlichen Nacht verbarg, auf der Terrasse stehen sah. Sie hielt ein gefülltes Glas in der Hand, trank aber nicht, sondern starrte nur versonnen in den goldgelben Saft.

"Professorin al Chiraz, du hast nach mir verlangt", sagte sie neckend. "Bekomme ich vielleicht ein wenig Nachhilfe?"

Mejdan grinste ihre Geliebte an. "Den knackigen Hintern sollte ich dir versohlen, weil du mich letzte Nacht geweckt hast." Stattdessen zog sie Najib in einen Kuss und kniff ihr lieber in besagte Körperpartie, bevor sie ihre Hand besitzergreifend unterhalb von Najibs verlockendem Po um einen Oberschenkel streichen ließ. "Aber das mit der Nachhilfe war gar nicht so verkehrt, Najib. Ich komme gerade von einer Besprechung mit Direktorin Jamnah und kann dir unter der Hand verraten, dass du vom Institut mit Interesse beobachtet wirst. Wenn du dir nun ein wenig Mühe gibst, werden sie dir eine Stelle als Assistentin der Professorin für Informatik hier in der Universität anbieten. Dass ich von dieser Aussicht begeistert bin, brauche ich nicht betonen."

Mejdan zögerte und stellte ihr Glas ab, um Najib ins Gesicht zu sehen. "Allerdings ist das voll und ganz deine Entscheidung, mein Meerfeuer." Sie küsste die süße Nasenspitze vorsichtig und unterdrückte ein Gähnen, während sie ihren Kopf auf Najibs Schulter legte. "Nur deine."

Najibs Augen glänzten, während sich ihre Umarmung um Mejdan noch festigte. "Das wäre großartig! Das würde gleich zwei meiner Träume wahr werden lassen. Ich habe große Hoffnungen in dieses Stipendium gesetzt, und wenn ich dadurch sogar eine Assistentenstelle hier erhalte, wären sie sogar übertroffen. Nicht zuletzt, weil ich dich gefunden habe... und bei dir bleiben will." Sie drückte einen Kuss in die wilde Mähne ihrer Geliebten, als sich prickelnde, empor sprudelnde Freude in ihr auszubreiten begann. Am Morgen noch hatte sie gedacht, dass die Welt unmöglich schöner werden konnte, und nun war genau das geschehen. "Kann ich mit Hilel darüber sprechen? Wir sind wirklich gut befreundet, ich bin sicher, dass er es nicht weitererzählen würde. Und wenn ich nun öfter komme... zu dir komme, wird er wohl schnell etwas ahnen."

Mejdan nickte träge und ließ sich von Najib stützen. "Es tut mir leid, aber ich falle gleich um oder schlafe im Stehen ein. Du darfst vor Hilel und Shayde offen sein, vor Carol auch, aber im Interesse deines Stipendiums bitte ich dich, vor allen anderen die übliche Reserviertheit zu bewahren. Insbesondere Jamnah und auch die Professorin für Informatik sind bei der Frage einer solchen Beziehung sehr... abweisend eingestellt."

Es tat ihr weh, so etwas zu ihrer jungen Geliebten sagen zu müssen, aber die euphorische Antwort und Freude von Najib, gleich einen Tag, nachdem sie zueinander gefunden hatten, war überwältigend für Mejdan und bedeutete ihr sehr viel. Voller Vertrauen schmiegte sie sich an ihre beinahe gleichgroße Geliebte und verlangte gähnend "Bringst du mich ins Bett bevor du gehst, Najib?"

Mit einem Lächeln nickte Najib. "Wenn du mir soweit traust, dass ich die Finger von dir lassen kann, werde ich das mit Freuden tun."

Gemeinsam gingen sie in Mejdans Schlafzimmer, und Najib half ihr genüsslich beim Ausziehen, auch wenn Mejdan wirklich erschöpft war. Sie genoss es, sie berühren zu dürfen, genoss das Vertrauen, mit dem ihre Geliebte ihr begegnete. Als Mejdan sich ins Bett gelegt hatte, ließ sie es sich nicht nehmen, sie zuzudecken und noch einmal ihre Stirn zu küssen, dann ihre Wange und ihre Lippen. Es war unmöglich, ihr zu widerstehen.

"Ich weiß, dass ich nicht bedingungslos offen sein kann", versicherte sie ihr endlich leise. "Aber damit habe ich auch nicht gerechnet. Ich dachte im Gegenteil sogar, dass ich bis in alle Ewigkeit die einzige sein werde, mit der ich dieses Leben und dieses Geheimnis teile."

Najibs weiche Stimme war nur noch leise zu hören für Mejdan, die ermattet die Augen schloss. "Geheimnisse... das ist eigentlich nicht meine... Art", seufzte sie, rappelte sich noch ein letztes Mal auf, um ihren Wecker zu stellen.

Als Najib den Raum verließ und leise die Tür hinter sich schloss, nahm sie sich bereits vor, zu Mejdan zurückzukehren, um nach der Unterhaltung mit Hilel neben ihr noch ein paar Stunden zu schlafen. Obwohl sie sich verabschiedet hatten, kehrte sie zu dem zierlichen Männchen auf die Terrasse zurück, der wieder die Nase in sein Notizbuch versenkt hatte.

"Darf ich dich noch mal stören?" Rasch, weil er so niedlich war, zauste Najib ihm einmal über das kurze Kopffell.

Hilel sah Najib in das Gesicht und lächelte über die Geste erfreut. "Ja, natürlich! Ich bin mit meiner Hausarbeit schon längst fertig. Diese Aufzeichnungen sind nur für mich."

"Du bist fleißig. Ich sollte mir ein Beispiel an dir nehmen." Najib zog einen Stuhl näher an ihn heran, ehe sie sich setzte und sich noch einmal Tee nahm. Wie sollte sie anfangen? Nun, vermutlich wie immer, einfach gerade heraus. Mit einem kleinen Unterschied... "Du hast mich vorhin gefragt, was mit mir ist, weil ich so müde bin. Ich verlasse mich darauf, dass du es niemandem weitererzählst." Ernst sah sie ihn an, musste aber gleich wieder lächeln, als er ihren Blick aus großen, hellen Augen erwiderte. "Ich... war die Nacht über bei Mejdan, Hilel." Ein wenig nervös war sie doch, stellte sie mit einem Mal fest. Bis gerade eben hätte sie geschworen, vor ihm nicht unsicher zu sein, aber nun, wo sie es gesagt hatte, spürte sie, wie ihr Herz schneller schlug und sie innerlich beinahe zu zittern begann. Bewusst kontrollierte sie ihre Schwanzspitze, um es nicht nach außen dringen zu lassen.

Fasziniert sah Hilel Najib an, dann legte er den Kopf schief und lächelte leicht. "Und du warst nicht nur so bei ihr, oder? Ihr habt auf der Feier schon so viel geredet." Er warf einen Blick zur Terrassentür, ob Carol vielleicht in der Nähe war, dann rückte er aufgeregt dichter an Najib heran "Und? Wie... ich meine... habt ihr, seid ihr..." Er brach ab und errötete, aber flüsterte "Ich freue mich so."

Die Spannung löste sich in Najib besser als durch jeden Dauerlauf; mit einem kleinen Auflachen über sein süßes Erröten beugte sie sich zu Hilel, um ihn zu umarmen und ihn einen Moment lang festzuhalten. Es bedeutete ihr sehr viel, dass er es einfach akzeptiert hatte.

"Du bist wirklich jemand ganz besonderes, Hilel", sagte sie leise und voller Wärme, als sie ihn wieder losließ. "Einen besseren Freund als dich kann man sich nicht wünschen."

Lächelnd lehnte sie sich zurück und griff nach ihrem Becher, um einen großen Schluck Früchtetee zu nehmen. "Ja, Mejdan und ich, wir sind ein Paar. Sie ist eine wirklich großartige Frau. Ich bin..." Sie stockte kurz, ehe ihr Lächeln sich noch vertiefte und sie mit einem Seitenblick zu Hilel sah. "Ich bin furchtbar verliebt."

Hilel erwiderte das Lächeln und lauschte der Erzählung seiner Freundin, wie diese offensichtlich die Liebe ihres Lebens kennen gelernt hatte, aber seine Finger strichen über sein Notizbuch, und er begann sich zu fragen, ob er sie vielleicht fragen sollte, was er tun konnte gegen diese Gefühle, die ihn überkamen, wenn er nur an Jack dachte. /Es ist verrückt, ich bin verrückt. Ich sollte das eigentlich mit dem Assistenten von Jamnah besprechen./ Stattdessen wünschte er Najib Glück und versprach, niemandem von ihr und Mejdan zu erzählen. Ein wenig neidisch sah er sie am frühen Abend dann zu den hinteren Räumen der Hausherrin verschwinden.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh