Illusionen

16.

Träumend sah Shayde zum Fenster seines kleinen Büros heraus. Der Himmel war zugezogen, und die grauen Wolken versprachen Regen für den Nachmittag, doch das störte ihn nicht. Er mochte die Welt danach, den Geruch nach nasser Erde, die Feuchtigkeit in der Luft, das Grün, das gleich wieder viel frischer wirkte, da der Staub davon gespült wurde.

Seine Gedanken jedoch weilten noch immer im Log, wo er den Morgen damit verbracht hatte, einen seltenen Käfer ausfindig zu machen, den Jack im Küchengarten gesehen hatte. Natürlich hatte er nicht durch Jack direkt davon erfahren, aber Timm hatte es ihm erzählt, als er zum Gasthaus gekommen war. Und es war ein willkommener Grund gewesen, länger zu bleiben.

Gemeinsam hatten sie die Beete untersucht und das grün und blau schillernde Insekt schließlich sogar nahe des Misthaufens gefunden. Vor lauter Freude darüber hätte er Timm beinahe umarmt, auch wenn es verboten war. Timms warmes Lachen über seine Begeisterung hallte noch immer in ihm wieder, ebenso wie er nach wie vor das weiche Lächeln vor sich sehen konnte, als er deswegen doch wirklich errötet war. Allein die Erinnerung wärmte ihn von innen heraus und verhinderte, dass er sich darauf konzentrieren konnte, die Logfiles zu durchsuchen, wann der Käfer, eigentlich ein kleiner Fehler im System, das letzte Mal gesehen worden war.

Erst, als auf seinem Bildschirm ein Nachrichtenfenster auftauchte und mit einem Signalton auf sich aufmerksam machte, wachte er aus seinen Träumen auf und erinnerte sich daran, dass er mit Mejdan zum Essen verabredet war. Erschrocken darüber, dass es schon so spät war, speicherte er eilig die Dateien ab, die noch im Hintergrund liefen, und schaltete das Display aus. Er freute sich auf das Essen und wollte auf keinen Fall zu spät kommen. Mejdan hatte schon wieder viel zu viele Nachtschichten, so dass er sie in den letzten Tagen gar nicht zu Gesicht bekommen hatte.

Als er wenig später die Mensa betrat, konnte er ihre große Gestalt schon hinten in ihrer Lieblingsecke ausmachen, halb verdeckt von einer der zahlreichen Pflanzeninseln, die den Raum unterteilten und ihn gemütlicher machten. Ein fröhliches Lächeln huschte über sein Gesicht, als er, so schnell es seine Erziehung erlaubte, zu ihr hineilte. Sie wirkte müde, wie sie in ihrem Stuhl saß und aus halb geschlossenen Augen in ihre Kaffeetasse sah, gleichzeitig jedoch auf eine stille Art glücklich und gelöst, die sie von innen heraus strahlen ließ und sie noch schöner machte. Es entzückte ihn regelrecht, sie so zu sehen. "Mejdan... ich hoffe, ich habe dich nicht zu lange warten lassen." Er umarmte sie liebevoll, als sie sich zu ihm umdrehte.

Mejdan freute sich, ihren Mann gesund und fröhlich anzutreffen. Gerade die erste Zeit in den neuen Kursen waren für ihn häufig Anlass zur Sorgen und sogar heimlichen Tränen gewesen. Doch seine Augen leuchteten, wie immer, wenn er im Log eine Neuigkeit hatte erforschen können. "Hallo, mein Sternchen. Ich bin auch gerade gekommen." Sie küsste ihn auf die Wange und zog ihn zu sich an den Tisch. "Ich habe dir Milchkaffee und eine Fruchtschnitte besorgt, willst du noch etwas anderes essen?"

"Das ist lieb von dir, danke. Und vollkommen ausreichend." Shayde zog das Tablett zu sich und riss ein Zuckertütchen auf, um den Kaffee noch mehr zu süßen, auch wenn ihm die zwei leeren Tütchen sagten, dass Mejdan daran gedacht hatte, dass er ihn nicht so bitter trank wie sie. Er rührte sorgfältig um, dann nahm er einen genießerischen Schluck und genoss das sahnige Gefühl auf der Zunge, ehe er wieder zu Mejdan sah. "Ist dein Nachtdienst gut gelaufen? Du schaust... zufrieden aus." Das war nicht wirklich das Wort, was er hatte nehmen wollen, glücklich war deutlich passender.

"Ja.... ja, meine Gruppe macht sich gut." Nachdenklich und vorsichtig verfolgte sie zwei Professorinnen, die sich von einem Tisch in der Nähe erhoben und mit einem Nicken an ihnen vorbei gingen, dann lehnte sie sich zu Shayde und lächelte leicht. "Aber ich wollte über etwas anderes mit dir sprechen."

Mit einem Mal war es schwer. Sie hatten dies schon so oft theoretisch angesprochen, aber nie hatte es eine wirkliche Ursache gegeben, lediglich einige Male leichten Liebeskummer wegen einem Weibchen, das Mejdan nicht als das wahrgenommen hatte, was sie gern gewesen wäre.

Ungeduldig stolperten deswegen die Worte einfach aus Mejdans Mund, während sie sich dicht zu ihm lehnte, um leise sprechen zu können. "Es ist passiert, Shayde. Du hast es immer voraus gesagt, aber ich habe es nie geglaubt. Doch jetzt ist sie wirklich da, und ich habe eine Chance wie nie zuvor. Ich bin... aufgeregt deswegen, und ich habe ein wenig Angst, vor Entdeckung und vor Enttäuschung, auch wenn ich daran im Moment nicht glauben kann."

Shayde blinzelte ein wenig verwirrt, doch mit einem Mal begriff er, von was sie sprach. Seine Augen weiteten sich überrascht, dann begann er zu strahlen, während er helle Freude in sich hoch sprudeln fühlte. "Oh, das ist ja wundervoll!" Er konnte das kleine Aufjauchzen nicht unterdrücken, wenngleich er auch seine Stimme gedämpft hielt. Schon so lange hatte er mit seiner Frau gehofft und für sie gebetet, dass ihm war, als wäre ihm dieses Glück selber wiederfahren. "Wer ist sie?", fragte er aufgeregt, nur um noch im gleichen Atemzug fortzufahren "Nein, lass mich denken... Najib, nicht wahr?"

Erstaunt hob Mejdan eine Augenbraue, dann nickte sie leicht und trank von ihrem Kaffee. "Wie bist du so schnell auf sie gekommen?"

Shayde kicherte zufrieden. "Weil ich deinen Geschmack kenne, weil sie häufig bei uns ist, weil Hilel mir erzählt hat, dass ihr euch auf der Willkommensfeier so lange unterhalten habt und weil ich deine Blicke gesehen habe, die du ihr auf der Feier zur Ehren von Ashiqa zugeworfen hast." Er lächelte und griff nach ihrer Hand, um sie zärtlich zu streicheln. "Aber du musst keine Angst haben. Es war nicht auffällig; ich hatte nur so sehr gehofft, dass ich nach so etwas Ausschau gehalten habe. Vor allem auch, weil Hilel viel von Najib erzählt hat. Sie ist sehr nett und schien dich auch zu mögen, und..." Mit einem verlegenen Erröten senkte er den Blick. "Nun ja, ich hatte gehofft..."

Mejdan blinzelte, dann lächelte sie und rückte noch dichter auf, um den Arm um seine Schultern zu legen. "Was hast du gehofft, mein Stern?" Das Glück, dass er keine Eifersucht zeigte und auch keine Furcht, dass sie ihn nicht mehr beachten mochte, war ihr viel mehr wert, als zuvor gedacht.

Er lehnte den Kopf an ihre Schulter und wurde noch ein wenig röter. "Nun ja, dass ihr zueinander findet eben. Albern, nicht wahr? Ich meine, dass ich nicht nur bei irgendwem gehofft habe, sondern bei ihr speziell."

"Das ist süß von dir, Shayde. Danke." Mejdan drückte ihn kurz an sich, ernsthaft versprach sie "Ich werde dich nicht hinten an stellen, und du wirst das auch nicht tun. Wenn du Zeit mit mir willst, bekommst du sie auch, das ist mir ernst!"

Ein leiser Pfeifton rief sie in dem Moment in ihr Labor zurück. "Oh, verdammt. Ich muss mich auf den Weg machen! Ich verspreche, dass wir unseren Abend zu zweit in einer Woche nicht absagen werden!" Sie küsste ihn rasch auf den weichen Kopf, dann lief sie sogar ein paar Schritte, um nicht zu spät zu kommen.

Shayde versteckte sein Lächeln hinter einer Hand, als er ihr hinterher sah. Ihre letzten Worte bedeutete ihm mehr, als er hätte sagen können, vertrieben jedes ängstliche Gefühl, das sich lauernd in den hintersten Winkeln hätte ausbreiten können und machten ihn noch glücklicher, als er schon war. Sehr zufrieden mit der Welt beendete er sein Mittagessen, während draußen leise der Regen einsetzte, der sich, noch während er das Tablett zur Geschirrabgabe trug, zu einer wahren Sturzflut steigerte.

Auf dem Weg in sein Büro zurück, als er über dieses unerwartete Geschenk der Göttinnen nachdachte, schlich sich Timm wieder in seine Gedanken. Was wäre, wenn ein Programm zum Leben erwachen und mit ihm durch den Lograum nach draußen könnte? Ob er dann auch... Rasch verscheuchte er die Bilder an das fröhliche Gesicht und ermahnte sich streng, dass solche Träume nicht einmal für einen Träumer wie ihn zulässig waren.

Die Realität holte ihn schnell genug wieder ein, als er in sein Büro trat und den Computer hochfuhr. Es erwartete ihn eine Nachricht der Direktorin, dass er zu ihr kommen sollte, genauer gesagt zu ihrem Assistenten, denn natürlich gab sich Jamnah nur in Notfällen mit Männchen ab.

Peinlich berührt erinnerte Shayde sich an seine Entgleisung auf der Feier seiner Söhne, ehe er seine Gedanken wieder auf die Nachricht lenkte. Das Glücksgefühl in ihm verschwand und wich Unruhe. Was wollte sie von ihm? Er konnte sich nicht entsinnen, einen Fehler gemacht zu haben, und zu anderen Gelegenheiten nahm sie kaum Notiz von ihm.

Die Unruhe steigerte sich noch und wurde zu ängstlicher Nervosität, als er durch die Gänge des Doms eilte und den Aufzug zu dem Verwaltungstrakt nahm, in dem auch die Räume der Direktorin lagen. Es half nicht, dass er sich beständig vorsagte, dass er sich nichts zuschulde hatte kommen lassen. Um sich Mut zu machen, straffte er sich und verbarg seine Unsicherheit hinter seiner Erziehung, als er schließlich an die Tür zu dem Büro des Assistenten anklopfte. Er musste eine Weile warten, ehe von ihm Notiz genommen wurde und schließlich das "Herein!" ertönte.

Jamnahs erstes Männchen und zugleich ihr Assistent sah dem Professor für Biologie entgegen und lächelte, wie er es immer machte. Es würde nur wenig Zeit brauchen; für diesen Hilel war er zuständig, eine günstige Gelegenheit, ihm mal wieder die Regeln des Hauses näher zu bringen.

"Es hat anscheinend einen Studenten der neuen Gruppen gegeben, der sich zu dicht an die Menschen herangewagt hat. Jamnah lässt dich bitten, den Studenten daran zu erinnern, dass wir die Menschen, die im Log programmiert sind, nur in Notfällen berühren sollten und nicht in ihre persönlichen Erinnerungen eindringen. Noch Fragen, Shayde?"

Er benutzte den Namen ohne Titel extra, weil er wusste, dass Shayde zu schüchtern war, um sich zu beschweren. Mit einem überfreundlichen Lächeln sah er dem Männchen von Mejdan ins Gesicht und wartete ab.

Innerlich atmete Shayde auf, dass das alles gewesen war, wenngleich er sich auch ein wenig über die Unhöflichkeit ärgerte, zumal der Assistent nicht einmal Hilels Namen nannte und sich so den Anschein von Höflichkeit gab, obwohl es eindeutig war, wen er meinte. Und es war eigentlich ebenso typisch, dass er ihn dafür herzitiert hatte. Eine Nachricht hätte genügt. "Nein, ich habe keine Fragen. Ich werde mit ihm sprechen."

Nach einem grüßenden Nicken, das der Assistent schon nicht mehr sah, weil er sich bereits in bewusster Ignoranz seinem Computer zugewandt hatte, verließ Shayde erleichtert das Büro. Er mochte diese ewig lächelnde Maske nicht, und dieses Männchen war einer der Gründe, warum er froh war, Mejdans einziger Ehegatte zu sein. Wenn er bedachte, dass jemand wie der Assistent mit ihm in einem Haus wohnen könnte... Rasch verdrängte er den Gedanken und schüttelte den Kopf. Sie würde niemals ein Männchen wie dieses heiraten.

Während er sich auf den Weg zurück machte, grübelte er demnach auch eher darüber nach, ob Hilel wirklich willkürlich und ohne besonderen Grund einen Menschen berührt hatte. Shayde konnte es sich kaum vorstellen, immerhin wusste er von dieser Regel.

Den Nachmittag über kam er jedoch nicht mehr dazu, mit Hilel zu sprechen. Er hatte noch zwei Kurse zu halten, die beide nicht von ihm besucht wurden, da es Einführungen waren. Es war erstaunlich friedlich dieses Semester, wie er fand. Vermutlich lag es daran, dass die beiden aktivsten Weibchen in nahezu allen seinen Vorlesungen waren und er sich mit ihnen sehr gut verstand, selbst wenn er fürchtete, dass es eher daran lag, dass sie ihn eher schützend unter ihre Fittiche genommen hatten, als dass sie ihn als Autorität respektierten. Doch mit diesem Arrangement konnte er leben. So friedlich hatten bisher kaum neue Kurse begonnen.

Dementsprechend entspannt kam er abends Zuhause an. Der Regen hatte mittlerweile wieder aufgehört, und das verdampfende Wasser ließ alles ein wenig diesig wirken, auch wenn es aufgeklart hatte. Fröhlich begrüßte er Carol und schenkte ihr einen hübschen Stein, den er am Wegesrand gefunden hatte. Sie freute sich zwar mehr über die Geste als den Stein an sich, aber nachdem er sie auf die Schönheit der Maserung aufmerksam gemacht hatte, die aus einem bestimmten Winkel das Gesicht eines kleinen Tieres ergab, versprach sie ihm, dem Stein einen Ehrenplatz auf ihrem Fensterbrett zu gönnen.

Sie hatte bereits den Abendtisch gedeckt, dieses Mal nicht auf der Terrasse, und ging nun, um Hilel zu rufen, damit Shayde und er gemeinsam essen konnten. Shayde lächelte, als er sich setzte. Entgegen dem, was er Mejdan noch vor wenigen Tagen gesagt hatte, begann er, die Gegenwart des jungen Männchens mehr und mehr zu genießen. Es war schön, Gesellschaft zu haben.

 

Hilel hatte den Tag damit verbracht, sich in das Log zurückzuträumen und zu hoffen, dass die Wartezeit bald um sein würde. Als am Nachmittag dann der heftige Regenguss nieder ging, hatte er träumerisch am Fenster gesessen und in die vom Wind gepeitschten Palmen geblickt. Jacks Gesicht zierte inzwischen einige Zettel seines Blocks, dazwischen fanden sich Zeichnungen der Fledermäuse und ihrer Behausung und eine Skizze von Timm, der aus dem kleinen Küchenfenster lehnte. Hilel hätte sehr gern Kunst studiert, wenn ihn seine Frau Reza nicht über Beziehungen auf die wissenschaftliche Universität geschickt hätte. Als es an seiner Tür klopfte, schob er die Skizzen nur schnell zusammen, bevor er antwortete.

Carol sah mit einem fröhlichen Lächeln auf ihrem runden Gesicht ins Zimmer und teilte ihm mit, dass der Professor endlich zu Hause war und zum Essen in seinem Raum auf ihn warten würde, da es auf der Terrasse noch ungemütlich feucht war. Als Hilel das in hellen Sandtönen eingerichtete Zimmer betrat, hob Shayde, der an einem kleinen, runden Tisch am Fenster saß, grüßend die Hand und stand dann rasch auf, um ihn zu umarmen.

Gegenüber voneinander nahmen sie Platz und genossen eine Weile schweigend, was Carol ihnen zubereitet hatte, ehe Shayde gut gelaunt von seinem Tag zu erzählen begann, von kleinen Missgeschicken in Kursen und dem Käfer, den er am Morgen im Log gefunden hatte. Das brachte ihn dazu, sich an den Rüffel zu erinnern, den Jamnahs Assistent ihm erteilt hatte. Er verstummte und sah Hilel einen Moment lang nachdenklich in die vanillefarbenen Augen, überlegte, wie er am besten anfangen sollte, ohne dass Hilel sich erschreckte.

"Ich habe gehört, du hast einen Menschen im Log berührt", begann er schließlich vorsichtig und beschloss, die Direktorin erst einmal nicht zu erwähnen. "Du weißt ja eigentlich, dass es verboten ist, außer in Notfällen... War es denn einer?"

Hilel spürte, wie Hitze in sein Gesicht schoss, und er senkte den Kopf tief über seinen Teller, auf dem er herumstocherte, dann erwiderte er leise "Nein, den gab es nicht... wirklich. Tut mir leid... vielleicht war es..." Er seufzte und dachte gepeinigt, dass es deswegen war, weil er Jack berühren wollte, weil er ihn am liebsten umarmt hätte. Ein wenig fester endete er "Ich hatte so ein unwirkliches Gefühl in dem Moment, und Jack hat mir das Gefühl gegeben, wirklich zu sein, wirklich dort. Ich dachte, dass ich das verwischen kann, wenn ich ihn berühre. Tut mir leid, das kommt nicht wieder vor, Shayde."

Shayde lächelte und reichte über den Tisch, um seine Hand kurz auf Hilels zu legen und sie sachte zu drücken. "Du musst dich nicht bei mir entschuldigen. Ich verstehe dich nur zu gut; als ich die ersten Male ins Log bin, hatte ich auch ständig das Bedürfnis, alles anzufassen, weil es so echt wirkte. Auch und gerade die Menschen dort."

Seine Gedanken wanderten zurück zu dem Tag, an dem er Timm das erste Mal begegnet war und an den tiefen Eindruck, den der Mann mit den blauen Augen in ihm hinterlassen hatte. Im Gegensatz zu den echten Menschen, im Gegensatz auch zu den Männchen der Abd-Jabir, war er so frei gewesen, so selbstständig und energisch, und dabei voller Lachen und beinahe kindlicher Neugierde. "Ich habe einen berührt, und ich habe deswegen natürlich eine Rüge bekommen."

Er lachte leise. "Es hat rein gar nichts geändert. Sie sind immer noch so lebendig, und ich möchte sie immer noch anfassen. Es ist schwer vorstellbar, dass alles dort nur einem Programm entsprungen sein soll, nicht?" Er verstummte und sah Hilel an, der noch immer so ertappt und verlegen wirkte. Mit einem Mal hatte er das Bedürfnis, etwas mit ihm zu teilen, über das er so mit niemandem bisher gesprochen hatte. Ihm war, als würde er ihn verstehen können. "Ich will dir etwas verraten, Hilel. Ein Teil dieses Programms ist mir so wichtig, dass... es mir weh tut, wenn sie wieder Änderungen vornehmen und damit Erinnerungen ändern. Timm ist im Laufe der Jahre mein bester Freund geworden, so seltsam das klingen mag, entgegen allem, was ich weiß, entgegen aller Vernunft."

Fasziniert blickte Hilel zu dem zierlichen Professor hinüber und begann, sich wieder so verstanden und warm zu fühlen wie immer, wenn er mit Shayde redete. "Genau so empfinde ich es auch im Log. Jack ist so natürlich in seiner Art, er scheint Hintergrund zu haben, eine Geschichte. Ich unterhalte mich sehr gern mit ihm und... freue mich schon auf mein nächstes Log."

"Ich freue mich auch jedes Mal aufs Neue." Shaydes Lächeln kehrte zurück und vertiefte sich noch. Er schenkte Hilel von dem leichten Roséwein nach, den er selber so gerne mochte, weil er wenig Alkohol enthielt. Für die nächsten Stunden war das Gesprächsthema gefunden, als sie sich sehr offen über die Menschen im Log unterhielten, Shayde Hilels Fragen beantwortete und Dinge erzählte, die er bis jetzt noch nicht einmal mit Mejdan geteilt hatte.

 

Die nächsten Wochen waren zunächst fast wie eine Antwort auf Hilels Gebete zu den Göttinnen, denn Mejdan teilte ihm in einer Nachricht mit, dass er einen veränderten Logplan erhalten würde und im Log auch mehr Zeit. Die nächsten Tage verbrachte er jeweils einen ganzen Tag im Log und zwei folgende Tage draußen. Jack wartete bereits auf ihn, wenn er zum Gasthaus kam, manchmal saß er auch am Ufer des Sees, an dem sie sich getroffen hatten.

Zumeist nahm Hilel sich vor, nur über die Fledermäuse mit dem Menschen im Log zu reden, den er heimlich als den besten Freund, den er je hatte, bezeichnete, doch mit Jack kam es meistens zu unerwarteten, gänzlich anderen Gesprächen. Dinge, die Hilel ihm bei ihrem letzten Treffen erzählt hatte, wurden aufgegriffen, waren durchdacht worden, und die Aussagen wurden verfeinert; oft wurde Hilel erst, indem er Jack etwas zu erklären versuchte, klar, wie es funktionierte.

Seine letzten Logs hatte er mit Mejdan als Narkoseärztin, auch Najib war in dieser Gruppe vertreten an diesem Abend. Sie und zwei weitere Informatikerinnen hielten sich jedoch im Randbereich der Kirche im Wald auf, um dort einige Fehler in den Programmen, die das unendliche Weitergehen des Waldes simulierte, zu untersuchen. Auch Najibs Logzeiten waren vervielfacht worden, sehr zum Misstrauen einiger Kommilitoninnen. Offensichtlich, so bekam Hilel es am Rande mit, standen Stellen in dieser Universität zur Neubesetzung an, und etliche hatten sich Hoffnungen gemacht.

Hilel setzte sich schnell und geübt von seiner Gruppe ab und verschwand im Kräutergarten des Gasthauses, um von hinten nach kurzem Klopfen zu Jack in die Küche zu gehen. Die Küche war jedoch leer. Lediglich ein großer Topf Hühnersuppe stand köchelnd auf dem Herdfeuer. Vorsichtig ging Hilel zu der Stiege in den ersten Stock. "Jack? Bist du oben?"

Als Jack die weiche Stimme hörte, die seinen gleichmäßigen Rhythmus beim Fegen der Zimmer unterbrach, musste er unwillkürlich lächeln. Freudige Wärme sprudelte in ihm empor und bescherte ihm damit ein schlechtes Gewissen. Das, was er mittlerweile für den kleinen Priester empfand, war weit mehr als Freundschaft und doch ganz anders als die Zuneigung für Timm. Er wartete jedes Mal ungeduldig auf seine Besuche, fühlte Leere in sich, wenn er ging und Glück, wenn er ihn wiedersehen konnte. "Ja, komm rauf! Ich bin am Putzen." Aber es war so sinnlos, so hoffnungslos. Die Priester vermieden schon allein Berührungen, er wagte nicht einmal zu fragen, was sie von Beziehungen hielten, und er... er hatte Timm und wollte ihn nicht verletzen.

Unsicher warf Hilel einen Blick in Richtung der Schankstube, doch dort waren Timm und der Jäger in ein leises, träges Gespräch über die Hasenjagd versunken. Also kletterte er die steile Treppe hoch. Jack war in einem der Fremdenzimmer, in denen Hilel schon einmal übernachtet hatte, selbst wenn er kaum ein Auge hatte schließen können bei dem Gedanken, dass er seine Logzeit durch Verschlafen überziehen könnte.

"Hallo! Ich habe meine Untersuchungen an den Fledermäusen abgeschlossen und wollte mich noch einmal ganz herzlich bei dir bedanken, Jack. Für deine Hilfe und die vielen Gespräche." Er trat dichter an den hochgewachsenen jungen Mann heran und blickte einmal rasch an ihm vorbei aus dem Fensterchen, wo er sah, dass die anderen seiner Gruppe sich vor dem Gasthaus aufteilten. Es waren etliche Biologinnen, die an Wassertieren interessiert waren und entsprechend zum See abbogen.

"Das hat mir selber Spaß gemacht. Freut mich, wenn ich dir habe helfen können." Jack lehnte den Besen gegen die Wand und strich sich mit beiden Händen die Haare aus der Stirn, während er den Priester mit einem kleinen Lächeln ansah. Er mochte es, das zarte Gesicht zu betrachten und hatte sich schon viel zu oft gefragt, wie die sinnlichen Lippen wohl schmecken mochten. Doch das würde er wohl nie erfahren. Der trübe Gedanke brachte andere Sorgen mit sich, als ihm auffiel, was die Worte noch hatten bedeuten können. Unvermittelt begann sich die Wärme in ihm, sich in seinem Bauch in Unwohlsein zu wandeln. "Das heißt aber nicht, dass du nun hier nicht mehr willkommen bist, nur weil du deine Arbeit beendet hast. Oder willst du schon wieder gehen wie so viele andere Schüler, die nur kurze Zeit bleiben?"

Die Frage machte Hilel bewusst, dass er sehr bald sein letztes Log haben würde. Der Kurs währte nur vier Mal die Schutzzeit einer Göttin, in seinem Fall von Ashiqa bis Shameel, das war nicht mehr lange hin, und im selben Moment, in dem er sich daran erinnerte, setzte das Vermissen ein.

Mit dem Vermissen konzentrierte er sich nicht mehr auf seine Umgebung, und mit einem Mal hatte er den Eindruck, als würde sie sich verändern, in Nebel auflösen; obgleich die Wände um ihn her und das Gefühl des Hartholzbodens noch immer spürbar waren, wollte ein Teil von ihm diese Realität nicht mehr fühlen. Obwohl er Jack noch vor sich stehen sah, wurde der Raum um sie her schwächer, flackernd.

Irritiert prüfte Hilel mit Blicken, dann riss er sich zusammen und antwortete Jack "Ich kann nicht versprechen, dass ich länger bleiben kann, das ist leider nicht meine Entscheidung." Er brauchte Kontakt, die Welt wurde unsicher um ihn. Erschrocken fragte er sich, ob das einer der Nebeneffekte vom zu vielen Logen war, während er eine Hand auf den Türrahmen legte.

Jack achtete kaum auf die Worte, als er Hilel schwankend nach Halt suchen sah. Die Augen des zierlichen Mannes wurden mit einem Mal größer und huschten fast hektisch von einer Seite zur anderen, sein Blick streifte ihn und wandte sich dann doch wieder ab. Vergessen war, dass die Priester Berührungen ablehnten, als Jack mit einem großen Schritt zu ihm trat und ihn stützend festhielt. "Hilel, alles in Ordnung? Soll ich dir etwas zu trinken bringen?" Sachte drängte er ihn zum Bett und brachte ihn dazu, sich hinzusetzen.

/Jack! Bitte nicht, tu das nicht!/ Hilel ließ sich auf das Bett fallen, dessen Decken sicherlich eine Farbe hatten, aber sie verschwamm, wurde unwirklich, nebelhaft vor seinen Augen. Jack jedoch stach hervor. Seine Augen, die dichten Wimpern, der Glanz darin, die Stimme, eine vor Sorge leicht gehobene Tonlage und auch seine Hände, die ihn mit festem Griff am Arm zum Bett geschoben hatten. Alles an Jack war zu wirklich, vor allem gegen den Raum. Verwirrt schloss Hilel die Augen, tastete nach der Bettdecke neben sich, wollte raue Wolle spüren, bekam jedoch nur ein Gefühl wie von Watte an die Finger.

"Ich... bin... der Raum verschwindet... ich fühle mich..." Erschrocken hielt Hilel inne und biss sich auf die Lippen und schüttelte den Kopf. "Alles in Ordnung, Jack, lass mich einfach einen Moment." Er sah hoch und konnte seinen Satz nicht beenden, weil Jack einfach zu nah war; sein Wunsch, Jack zu spüren, zu berühren, war mit einem Mal unerträglich groß. Langsam hob er seine Hand und streckte sie in Richtung des anderen Mannes aus.


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