Illusionen

17.

Hilels Verhalten verwirrte Jack und ließ seine Sorge nur noch anwachsen. Der junge Priester wirkte, als würde er bewusstlos werden, dennoch war sein Blick klar. Und er umfing ihn, als würde er sich an ihm festhalten, um seine Nähe bitten. Wie hilfesuchend kam ihm die schmale Hand entgegen, hoffend irgendwie, beinahe flehend...

Jack umfasste sie vorsichtig, und mit dieser Berührung, mit dieser Wärme, die von den feingliedrigen Fingern ausging, wurde seine Angst um Hilel verdrängt und durch etwas ersetzt, das er nicht zu beschreiben vermochte. Niemals zuvor schien etwas derart real gewesen zu sein wie dieser Augenblick. Ohne ihn loszulassen, ohne den Blick von ihm zu wenden setzte er sich zu ihm.

Atemlos streckte er die freie Hand nach ihm aus, strich über die helle Wange und das Ohr und ließ sie in den schlanken Nacken gleiten. Es war so wundervoll, ihn anzufassen, dass sein Denken aussetzte. Prickelnde Freude zog von den Fingerspitzen aus durch seinen ganzen Körper, wie eine Andeutung im Winterwind auf den Frühling. Jack wollte mehr von der erwachenden Wärme, dem zarten Duft, den er nur erahnen konnte. Hilels Gesicht schien so nah und kam nun noch näher; er konnte die einzelnen Wimpern erkennen, kleine Zeichnungen in den vanillefarbenen Augen, die sich weitenden Pupillen... dann berührten seine Lippen weich die des Priesters.

Hilel wurde erst bewusst, dass er die Luft angehalten hatte, als sein Körper den Atem mit Schwindel einforderte. Allerdings hätte der Schwindel auch von anderem kommen können. Beispielsweise von dem Herzrasen, das er mit einem Mal hatte, von der Hitze in seinem Körper, von der sprudelnden Leichtigkeit, die Jack in ihm auslöste. Wie von allein wanderten Hilels Finger an Jacks Hemdkragen hoch, bis er dessen Hals leicht streicheln konnte, während er ein wenig ungeschickt zunächst die Küsse erwiderte.

Es war ein Rausch, aus dem er nicht erwachen wollte, der ihn mitnahm und mit sich riss. Aber die Geräusche, die ebenfalls wie durch Watte zu ihm gedrungen waren, wurden mit einem Mal lauter, und darunter waren auch Fußtritte im Erdgeschoss. Timms Stimme schallte zu ihnen hinauf. "Jack? Ich nehme von der Suppe etwas für die Priester aus dem Topf. Wenn du fertig bist, komm doch auch herunter!"

Erschrocken und vollkommen verwirrt zuckte Hilel zurück, nahm verstohlen den Geschmack von Jacks Lippen mit der Zungenspitze auf, konnte sich nicht davon abhalten. Er holte tief Luft und versuchte, den jungen Mann nicht anzusehen, bevor er aufsprang und sich einmal tief verneigte. "Es tut mir leid, unendlich leid. Das hätte ich nicht tun dürfen! Bitte..., verzeih mir!"

Hilel rannte aus dem Zimmer, aber kam in seiner Flucht nicht sonderlich weit. Bereits an der Stiege ereilte ihn der Schwindel wieder, sein Herzrasen wurde schlimmer, dieses Mal jedoch von dem erneuten Auftreten der Unsicherheit; alles um ihn her verschwamm schon wieder. Stöhnend hielt er sich eine Hand an die Stirn.

Jack war ihm hinterher gelaufen, hatte ihn zurückholen wollen, um ihn nicht so aufgelöst vor die anderen Priester treten zu lassen, um sich bei ihm zu entschuldigen und ihm zu sagen, dass es nicht sein Vergehen war. Hilel war stehen geblieben, eine Hand krampfhaft um das Stiegengeländer geschlossen, die andere an den Kopf gepresst, als hätte er Schmerzen. Schuldbewusstsein kroch in Jack hoch, als ihm klar wurde, dass seine Unbeherrschtheit den Zustand des kleinen Priesters noch verschlimmert hatte. Es war ihm ja schon nicht gut gegangen, als er zu ihm gekommen war.

Rasch trat er zu ihm, wollte ihn nicht berühren, aus Angst, ihn noch weiter zu beunruhigen, aber gleichzeitig voller Sorge, dass er fallen konnte. "Es tut mir leid", flüsterte er. "Du warst es nicht, es war mein Fehler." Laut rief er in den Gastraum "Timm! Schick einen der Priester her, Hilel geht es schlecht!"

/Nein! Nicht die anderen, bitte!/ Hilel wollte Jack aufhalten, aber es war schon zu spät.

Es dauerte nur Momente, ehe gleich zwei Männer, ihre dunklen Roben vorne gerafft, die schmale Treppe empor kamen. Jack erkannte einen der beiden wieder, es war einer der Lehrer, welche die Schüler meist begleiteten. Ohne Jack zu beachten, wandte er sich Hilel zu, stützte ihn. "Keine Angst, das ist normal. Ich bringe dich zurück." Einhändig öffnete er ein Beutelchen, das er an seinem Gürtel trug und holte ein Fläschchen hervor, das er vorsichtig entkorkte. "Hier, nimm einen kleinen Schluck, das hilft."

Erst nachdem Hilel folgsam getrunken hatte, wandte sich der Priester an Jack. "Danke, dass du auf ihn Acht gegeben hast. Mach dir keine Sorgen. Er hat ein wenig zu viel gearbeitet in letzter Zeit."

Jack nickte, auch wenn seine Angst um Hilel dadurch nicht zerstreut wurde. Gerne hätte er mit ihm noch einmal allein gesprochen, wollte sich erneut und richtig entschuldigen, doch das war nicht mehr möglich. Nicht vor den anderen Priestern. So folgte er dem kleinen Grüppchen nur in die Schankstube.

Hilels Sicht von der Umgebung wurde in Anwesenheit der anderen besser, und endlich konnte er sich normal in der Schankstube bewegen. Leider schickte ihn seine Gruppenleiterin gleich mit der ersten Gruppe Informatikerinnen aus dem Log, und er konnte nichts weiter tun, als sich vor dem Gasthaus umzudrehen, um Jack noch ein letztes Mal mit einem kleinen Lächeln zu beruhigen, bevor er dem Pfad durch den Wald folgte und schließlich in den schwarzen Raum treten und wegdämmern musste.

Das nächste, das er sah, war Mejdans freundliches Gesicht. Sie prüfte seine Werte und verordnete ihm gerade eine Nacht in der Station zur Überwachung, als er sich aufsetzen wollte. "Hilel, na endlich. Du wolltest erst gar nicht wach werden. Was ist vorgefallen? Deine Gruppenleiterin sagte, dass ein Mensch sie gerufen hatte, weil du im Fremdenzimmer zusammengebrochen bist."

Unglücklich hob Hilel die Schultern. Er wollte Mejdan nicht anlügen, aber die Wahrheit konnte er unmöglich sagen. Die Wahrheit konnte er selber nicht glauben. "Ich habe mich ein wenig zu häufig einlogen lassen, fürchte ich. Mir wurde da, weil ich es so gut vertragen habe, freie Hand gelassen, so dass ich die vierzehn Stunden zum Teil ein wenig überzogen habe."

Mejdan nickte leicht und rieb sich über die Augen. "Na gut. Najib ist auch wieder wach, ich wollte mit ihr nach Hause. Hast du dann also das Gefühl, dass du keine Überwachung mehr brauchst?"

Hilel hätte fast gesagt, dass er sich selber nicht mehr traute, wenn es zum Log kam, aber biss sich auf die Zunge und schüttelte stattdessen den Kopf. Mejdan jedoch versetzte ihm einen kleinen Schock, als sie ihrem Narkosehelfer diktierte "Logsperre der üblichen vier Tage. Ich unterschreibe die Berichte, wenn ich von meiner Tagung zurück bin, ja?" Der Narkosehelfer huschte davon, und Mejdan nickte lächelnd zu Hilels Kleidung. "Zieh dich in Ruhe an, ich warte mit Najib vorn bei meinem Wagen."

Mejdan streckte sich und ging nebenbei zu den Aufzeichnungen von Hilels Werten, um eine Seite daraus zu entfernen. Sie wollte vermeiden, dass andere Professorinnen sahen, dass der Kleine chemische Werte wie beim Lieben gehabt hatte für eine kurze Zeit; in Verbindung mit seiner Obsession für das Programm von Jack, dem einen Gastwirt, kamen ihr ungute Gedanken dabei.

Sie hoffte, dass diese Episode nun nicht seiner Karriere im Weg stehen würde. Eine Beziehung mit einem Menschenmann oder einer Menschenfrau war den Männchen jeder Zeit erlaubt, wie ihnen in dieser Hinsicht alles erlaubt war, solange ihre Ehefrau es billigte. Aber eine Beziehung zu einem Programm konnte schon als psychische Störung ausgelegt werden. Mit einem kleinen Erschaudern erinnerte sie sich daran, dass ihr Ehemann Shayde auch nicht gerade sachlich mit dem anderen Gastwirt Timm umgegangen war.

Mejdan wartete, bis Najib aus der Dusche in die Umkleidekabine der Studentinnen verschwunden war und sah sich vorsichtig um, ob trotz der späten Stunde jemand in der Nähe war, bevor sie ihr folgte. Die Mähne war noch tropfnass und wurde ungeduldig und mit noch steifen Bewegungen von Najibs kräftigen Händen unter einem Turban versteckt. Mejdan lehnte sich in die Tür und ließ ihre Blicke genießerisch über die schöne Rückseite ihrer Geliebten streifen. /Geliebte... ha, ich hab sie in der Zeit unserer Beziehung zwei Male wirklich länger sehen können. Wir sind überarbeitet. Ich hoffe, dass sie über den Kurs hinaus noch bleiben kann./

Leise schlich Mejdan sich an, um Najib dann flink das Handtuch zu entwenden, mit dem sie ihren Körper abtrocknen wollte. "Hallo, darf ich helfen?" Sachte hauchte Mejdan einen Kuss auf die feuchte Schulter.

Najib erschauderte unter der Berührung und von den Gefühlen, die allein Mejdans dunkle Stimme in ihr wecken konnte. Es war verrückt, wie süchtig man nach einer anderen Frau werden konnte. So lange hatte sie niemanden gehabt, und nun war jeder Augenblick der Trennung zuviel, zumal sie sich selten sahen. Einerseits hatte Mejdan viel zu tun, und zum anderen nahmen die erhöhten Logzeiten neben den regulären Kursen viel von Najibs eigener Zeit in Anspruch. Immerhin konnte sie sich im Log mittlerweile bis auf eine leichte Grundübelkeit, die sie sich lieber nicht anmerken ließ, problemlos bewegen.

Sie drehte sich um und umarmte ihre Geliebte, zog sie dann erst einmal in einen langen, leidenschaftlichen Kuss, der sie atemlos zurückließ. "So, jetzt geht es mir besser. Jetzt darfst du mir helfen." Sie grinste fröhlich und biss ihr neckend in die Nasenspitze. "Ich habe dich vermisst, Mejdan."

"Vermissen ist noch kein Ausdruck." Mit einem zynischen Lächeln begann Mejdan, den Körper von Najib mehr trocken zu streicheln, während sie jede Chance auf einen Kuss nutzte. "Es ist leider die arbeitsreichste Zeit in dieser Universität. Ich wollte dich aber fragen, ob du Lust hast, bis morgen Mittag mit mir zusammen zu sein. Nur wir zwei. Morgen werde ich mit Jamnah und einigen anderen Professorinnen zu einer Tagung fahren, die vier Tage dauert. Damit du ausgeruht bist, wenn ich wieder komme, und weil ich dann auch noch einen freien Tag habe, bist du die vier Tage vom Log gesperrt." Mejdan lachte und klopfte Najib auf den Po, bevor sie ihre Finger über den schlanken Schwanz streichen ließ. "Einverstanden?"

Najib seufzte und schmiegte sich enger an ihre Geliebte, küsste ihren Hals, dann wieder die verlockenden Lippen. Ihr ganzer Körper kribbelte von Mejdans Liebkosungen, und am liebsten wäre sie gleich hier über sie hergefallen. "Bei deiner Planung gefällt mir der Teil am besten, der besagt, dass wir bis morgen Zeit füreinander haben." Sie knabberte an ihrem Ohr und flüsterte "Ich sehne mich nach dir..."

Nach einem weiteren, langen Kuss gelang es ihr dann endlich, sich aus Mejdans Armen zu lösen, um sich anzuziehen. "Dass du vier Tage weg bist, gefällt mir verständlicherweise nicht so gut. Aber für die vier Tage logfrei bin ich dir dankbar. So ganz vertrage ich das immer noch nicht."

Mejdan nickte leicht und erinnerte Najib "Ich selber vertrage es auch nicht sonderlich lang. Shayde und Hilel hingegen sind da deutlich besser geeignet. Oh, Hilel. Wir sollten uns ein wenig beeilen, dem Kleinem ist es heute nicht gut bekommen, auch er hat Logsperre, vermutlich hat er sich übernommen..." Die eine Seite aus seinem Bericht fiel ihr wieder ein, aber sie verschwieg lieber, was sie wusste oder vielmehr, was sie vermutete.

Nach einem letzten Kuss trennten sie sich, um sich erst hinter dem Gebäude bei Mejdans Wagen wieder zu treffen. Da Mejdan auch offiziell Mentorin von Najib war, würde es niemanden stören, die beiden zu dieser späten Stunde noch gemeinsam zu ihrem Haus fahren zu sehen. Es war durchaus üblich, dass Professorinnen ihre Studentinnen gleich nach einem Log zur Auswertung in ihr Haus baten, um bei Kaffee die Ergebnisse frisch festhalten zu können.

Schlaftrunken lehnte Hilel im Wagen hinten und ließ die Umgebung an seinen Augen vorbeistreifen, zu müde und zu verwirrt, um noch etwas wahrnehmen zu wollen. Eben im Log hatte er Jack geküsst. Das war nicht so schlimm. Das Schlimme daran war, dass alles in seinem Körper, in seinem Herzen, danach schrie, den schlanken, nachdenklichen Mann wieder zu berühren. Sein Bauch schmerzte, und seine Gedanken drehten sich nur darum, dass er es vier Tage, eine viel zu lange Zeit, ohne Jack aushalten musste.

Najib und Mejdan beachteten ihn nicht sonderlich, was er gut nachvollziehen konnte. Die beiden waren immerhin in demselben Zustand wie er, nur dass sie einander hatten und nicht eine unendlich weit von der anderen getrennt war.

In der Nacht lag Hilel mit hinter seinem Kopf verschränkten Armen in seinem Bett und starrte zur Decke. Die Welt um ihn her war verschwommen, als wäre er in einem der dreidimensionalen Abenteuerfilme gewesen, die mit einem Mal den Fokus verloren hatten. Einzig Jack stand deutlich zu sehen vor ihm, und zugleich hatte Hilel seine Gefühle mit schon unangenehmer Schärfe gespürt, dass ihm passierte, was in den Liebesromanen von Carol so schwülstig und langatmig beschrieben wurde. Er war verliebt, und es tat weh.

/Er ist ein Programm, nur ein Programm, nur ein Programm.../ Verzweifelt versuchte er, die Programmzeilen von Najibs Hausarbeit vor sich zu sehen, versuchte Jacks Augen, den leichten, für ihn typischen Geruch seiner Haut und das Gefühl der kräftigen Finger um seinen Nacken zu ebensolchen Zahlen zu machen, es gelang ihm nicht.

Am anderen Morgen hatte Hilel Ringe unter den Augen, aber war zu unruhig, um sich die Zeit zum Ausruhen zu gönnen. Stattdessen saß er schon bald auf der Terrasse, zeichnete Kolibris in seinen Skizzenblock und starrte leeren Blickes auf das Buch über die Geschichte der Menschen auf Abd-Jabir und die Geschichte des Logs, worüber sie in der nächsten Woche eine Klausur zu schreiben hatten.

 

Natürlich war Najibs Nacht viel zu kurz gewesen, und das gleich in doppelten Sinne. Weder hatte sie genug von Mejdan bekommen können, noch ausreichend Schlaf. Sie vermisste ihre Geliebte bereits jetzt, und auch wenn sie sich nach dem Abschied noch einmal hingelegt hatte, hatte sie deswegen doch nicht mehr einschlafen können. Stattdessen hatte sie mit offenen Augen von der Nacht geträumt, von ihrem Wiedersehen, von Mejdans Geruch, ihrer Stimme, ihren Küssen... Eine kalte Dusche hatte schließlich einen Teil ihrer Müdigkeit vertrieben, wenn sie auch nicht das Vermissen hatte auslöschen können.

Während Najib sich anzog überlegte sie, was sie den Tag über machen sollte. Die freie Zeit gab ihr endlich einmal wieder die Möglichkeit, sich ausgiebig in den Sportanlagen auszutoben, sie musste noch einmal ihre Hausarbeit durchsehen, sie könnte schauen, ob ihre Zimmernachbarinnen Zeit hatten; viel zu lang hatte sie schon keine Gelegenheit mehr gehabt, mit den beiden wegzugehen. Und dennoch hatte sie auf all das keine Lust. Es war ein ungewohntes Gefühl, so lustlos zu sein. Najib konnte nicht behaupten, dass sie es mochte.

Energisch beschloss sie, dennoch ein paar Runden zu laufen, als ihr einfiel, dass Hilel ebenfalls vom Log gesperrt war, weil er zusammen gebrochen war. Nahezu augenblicklich setzte die Sorge um das zierliche Männchen ein. In dem Moment klopfte es an, und auf eine Aufforderung von ihr kam Carol herein.

"Willst du mit Hilel zusammen zu Mittag essen?", fragte sie, und Najib hätte fast gelacht bei dem hoffnungsvollen Ausdruck in dem lieben Gesicht. Auch wenn sie mit Mejdan zusammen war, hatte Carol wohl noch nicht die Träume von ihr und Hilel aufgegeben. Doch sie nickte nur. "Gerne. Wie geht es ihm? Ist er schon wach?"

"Er ist erschöpft. Aber nun sitzt er in der Sonne, das tut ihm gut. Er ist zu oft im Log, genauso wie Professor Shayde. Das kann ja nicht gesund sein." Carol wies in Richtung der Terrasse der Männchen. "Ich werde das Essen nach draußen bringen."

Najib folgte ihr aus dem Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Während Carol geschäftig in die Küche eilte, ging sie gemächlicher zur Terrasse. In der Tat sah Hilel so müde aus, wie sie sich fühlte. Gleichzeitig wirkte er endlos niedergeschlagen, wie er in sein Notizbuch starrte, einen Stift lose in der Hand, als hätte er mitten im Strich die Kraft verloren, um weiter zu zeichnen. Selbst die Falten des leichten, blauen Hemdes, das er trug, erschienen müde und traurig.

"Hilel?" Ihre Stimme klang weich und ein wenig besorgt. Najib trat zu ihm und hockte neben ihm nieder, legte ihre große Hand über seine, die klein und verletzlich darunter aussah. "Wie geht es dir? Mejdan hat erzählt, dass du zusammengebrochen bist." Sachte strich sie ihm über den Kopf. "Was machst du denn für Sachen, Kleiner..."

Hilel versuchte ein kleines Lächeln. Najibs Nähe und die Wärme in ihrer Stimme taten ihm überraschend gut. Er freute sich, dass sie ihn von seiner Grübelei um Jack ablenken kam. "Ach, es war ein kleiner Anfall. Vermutlich kam es, weil..." Unsicher brach er ab. Das war gelogen. Es war weder ein kleiner Anfall, noch kam es durch Überarbeitung, wie alle immer sagten.

Er konnte und wollte Najib mit einem Mal nicht anlügen in der Sache. Einmal fühlte er sich schlecht dabei, zum Zweiten war er sich sicher, dass sie entweder wütend oder enttäuscht sein würde, wenn sie herausfand, dass er sie in so einer wichtigen Sache nicht ehrlich informiert hatte und zum Dritten war er sich sehr sicher, dass sie es ihm sofort ansehen würde.

Carol setzte zwei Schalen auf dem Tisch ab und kehrte mit Tellern zurück. "So, ich lasse euch zwei allein. Wenn ihr fertig seid, stellt es einfach auf das Tablett, ich räume nachher auf, wenn ich vom Einkaufen wieder da bin." Sie schob Hilel noch eine Schale mit Schokoladencreme hin und zwinkerte ihm zu. "Das wird schon wieder."

Hilel wartete noch, bis die rundliche Menschenfrau bis zur Küche gegangen war, dann schlug er sein Notizbuch auf und hielt es Najib hin. "Jack. Das ist das Problem."

Verwirrt betrachtete Najib die Zeichnungen des zweiten Gastwirts im Log, der ihr vermutlich nicht einmal aufgefallen wäre, wenn Hilel nicht von ihm erzählt hätte. Nach einem um Erlaubnis fragenden Blick zu ihm hin blätterte sie um und fand weitere Bilder des Menschen, mal willkürlich zwischen Skizzen von Fledermäusen und Pflanzen, dann wieder ganze Seiten einnehmend.

Ihre Augen weiteten sich überrascht, als sie zu verstehen begann. In gewisser Weise ähnelten sich ihre Probleme, nur dass es Hilel eindeutig übler erwischt hatte. Ein anderes Weibchen zu lieben war immer noch nicht ganz so abwegig wie plötzlich Gefühle für ein Programm zu entwickeln.

"Oh", sagte sie leise und schlug das Buch zu, um es ihm zurückzugeben. "Du hast dich in ihn verliebt, nicht?"

Hilel nickte, dann ließ er den Kopf hängen. "Er... ist seit meinem ersten Tag im Log eigentlich der Grund, warum ich immer wieder hinein wollte. Um ihn zu treffen, mit ihm zu reden, seine Stimme zu hören und seine Blicke auf mir zu fühlen. Und gestern hat er... er... hat mich geküsst. Es war so merkwürdig, die Welt im Log ist verschwommen vor meinen Augen. Der Fußboden, die Wände des Zimmers, die Möbel, die Geräusche, die Gerüche, alles. Nur Jack nicht. Als sei er als einziges Wirklichkeit." Fragend blickte er zu seiner Freundin hinüber. "Meinst du... dass ich es der Direktorin Jamnah sagen muss?"

Entschieden schüttelte Najib den Kopf, während sie gleichzeitig darüber nachdachte, was ihr daran so eigenartig vorkam. "Nein, auf keinen Fall. Das führt nur zu unnötigen Komplikationen. Ich glaube nicht, dass sie eine allzu verständnisvolle Person ist. Aber du solltest mit Mejdan darüber sprechen. Vielleicht..." Sie stockte und runzelte die Stirn. "Moment. Jack hat dich geküsst? Nicht umgekehrt?"

Hilel nickte und sah Najib hoffnungsvoll an. "Das war es ja, was ich in der Nacht nicht vergessen konnte. Er ist der einzige klare Anhaltspunkt für mich gewesen, sein Aussehen, das Gefühl seiner Wärme dicht neben mir, sein Geruch, und dann hat er mich geküsst." Während er Najib davon berichtete, kam Hilel noch ein weiterer Gedanke. "Er lebt mit Timm zusammen, den er nach eigener Aussage sehr gern hat. Er hat nie gesagt, dass er ihn liebt, nur sehr gern hat er ihn. Meinst du, dass diese Programme irgendwie unkontrolliert weiterlaufen und sich von dem Ursprung fortentwickeln? Meinst du, ein Programm ist fähig, sich durch einen Reiz, wie ich ihn beispielsweise darstelle, von der eigentlichen Spur wegzubewegen und sich zum Beispiel in mich zu verlieben?"


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh