Illusionen

18.

Nachdenklich drückte Najib die Spitzen ihrer Zeigefinger gegen die Lippen und sah eine Weile ins Leere, versuchte sich zu erinnern, was sie alles über das Log gelernt hatte, ehe sie den beinahe schon bittenden Blick Hilels erwiderte. Es wärmte sie, dass er ihr so vertraute und Hoffnungen in sie setzte, als könnte sie durch ihre Zustimmung seine Wünsche Wirklichkeit werden lassen. Dennoch schüttelte sie nur erneut langsam den Kopf.

"Sie sind eigentlich nicht dafür ausgelegt. Veränderungen kommen vor, aber das sind Fehlfunktionen, keine wirklichen Entwicklungen. Und was du sonst beschreibst, ist eher eine der typischen Verweigerungen der vorgesetzten Realität. Ich habe das auch am Anfang gehabt, wenn auch nicht so heftig. Nur..." In einer hilflosen Geste hob sie die Hände. "Jack hätte ebenfalls verschwimmen sollen. Er ist Teil des Programms. Ich kann mir nur vorstellen, dass du an ihn glauben wolltest. Der Teil eben, den du gerne mit aus dem Log hast nehmen wollen. Aber das erklärt noch immer nicht, dass er dich geküsst hat. Er hätte gar nicht das Bedürfnis haben sollen, denn seine Programmierung ist an die Timms gekettet."

Hilel runzelte die Stirn und blickte auf seine Skizze von Timm, dessen Lächeln er sogar in seinen Augen sehr gut hatte einfangen können. "Timm und er... lieben sich nicht richtig. Ich weiß das nicht genau, aber es wirkte manchmal so auf mich, als seien sie nur aus Zweck zusammen." Er zuckte mit den Achseln und klappte das Skizzenbuch zu. "Aber keines der Paare im Dorf scheint wirklich verliebt ineinander zu sein. Entweder die Programme waren nicht gefühlvoll geschrieben füreinander, oder... ich weiß nicht." Unsicher sah er Najib in die Augen. "Geht das denn überhaupt, Gefühle programmieren?"

"Nein. Du kannst Handlungen programmieren, aber wenn einer den anderen in den Arm nimmt, dann tut er das nicht, weil er es eben genießt, sondern weil im Hintergrund etwas mitläuft, das Situation und Personen für geeignet erklärt." Najib rieb sich über den Nasenrücken und wünschte sich, dass Mejdan hier wäre. Ihre Geliebte arbeitete schon lange genug hier, um einiges mitbekommen zu haben, auch die Zuneigung Shaydes zu Timm.

Wenn sie wenigstens mit ihrer Informatikprofessorin offen darüber würde sprechen können! Diese Frau wusste einfach alles über die Programmierung des Logs oder konnte es zumindest sehr schnell herausbekommen. Aber das war unmöglich, ohne Hilel bloßzustellen. Die Aufzeichnungen seiner Logdaten waren wahrscheinlich schon verräterisch genug, wenn sie dann noch weitere Aufmerksamkeit mit Fragen auf ihn lenkte... Nein, das konnte sie nicht. "Und das ist der Grund, warum er dich nicht hätte küssen dürfen. Zwar ist das Programm in gewisser Hinsicht sehr flexibel, aber Nähe zu einem Priester ist definitiv nicht mit eingeschrieben."

Hilel seufzte und nickte leicht. "Das sage ich mir ja auch. Außerdem versuche ich mir zu sagen, dass er kein Mensch ist, aber es fällt so schwer. Er ist so echt. Mit seinen Launen, mit seinen Zweifeln, den Fehlern und seinen Fragen. Mit seiner Wirkung auf mich. Weißt du, was ich manchmal gedacht habe? Gehofft eigentlich mehr." Er blickte auf und beobachtete einen kleinen Kolibri, der sich schwirrend um die Futterstelle bewegte. "Ich habe gehofft, dass ich Jack hier in der Gegend vielleicht treffe. Dass das Programm nach einem richtigen Menschenmann geschrieben wurde und er sich vielleicht im Log zu mir hingezogen fühlt, weil er es in Wirklichkeit auch tun würde." Hilel spürte, dass er rot wurde, aber konnte und wollte es Najib nicht vorenthalten. "Ich sehne mich danach, ihn hier zu treffen, Najib. Hier in der Wirklichkeit. Es tut jedes Mal so weh, gehen zu müssen."

Sie hätte ihm so gerne geholfen. Tröstend umfing Najib seine Hand und drückte sie sachte, registrierte dabei wieder seinen Schmuck und dass er verheiratet war. Sie konnte nur hoffen, dass seine Frau ihm eine solche Beziehung überhaupt erlauben würde, selbst wenn es eine Möglichkeit gab, dass... Etwas, das ihre Professorin am Anfang der Kurse gesagt hatte, kam ihr mit einem Mal wieder ins Gedächtnis.

/Wie war das? Sie hat gemeint, dass Menschen, Tiere und Pflanzen des Logs durch unterschiedliche Vorgehensweisen geschaffen wurden und Menschen dabei das größte Problem darstellten, weil sie am Komplexesten sind. Beim Erstellen der Dorfbewohner... hat man sich deshalb an real existierenden Menschen orientiert und sie kopiert! Heißt das, dass man sich verschiedener Menschen bedient und das passend zusammengewürfelt hat oder dass es für Hilel wirklich eine Möglichkeit gäbe, seinen Jack zu treffen?/

Mit einem Mal aufgeregt ging sie gedanklich bereits ihre Buchbestände durch, ob sie darin etwas finden würde, was ihr Aufschluss gab, kam dann aber zu dem Ergebnis, dass sie dafür wohl die Bibliothek würde durchforschen müssen. "Hilel, ich bin mich nicht sicher, ich muss das nachprüfen, aber soweit ich weiß, wurden die Menschen im Log nach realen geschaffen. Wenn es tatsächlich nur ein Vorbild pro Logmenschen gibt, könnte es sogar eine Möglichkeit geben, deinen Jack ausfindig zu machen."

Vor Überraschung bekam Hilel einen Schluckauf. Mit einem Mal kam wieder Angst vor der Wirklichkeit zu seinen Gefühlen hinzu. Was war, wenn Jack ein alter Mensch war, oder einfach schon gelebt hatte und sie sich niemals würden treffen können? Resolut schob Hilel den Gedanken beiseite. "Ich darf ja für vier Tage nicht logen, aber lesen darf ich. Also mache ich mich in die Bibliothek auf und versuche, aus der Geschichte des Logs auch etwas in der Richtung herauszufinden."

Grüblerisch nahm er sein Notizbuch auf. "Vielleicht auch aus der Geschichte der Menschen auf Abd-Jabir. Die Vorbilder, wenn es welche für das Log gab, müssen doch etwas gemeinsam haben. Wollen wir uns heute Abend hier wieder treffen? Ich... trau mich nicht so recht in die Wohnheime für die Weibchen."

Najib lächelte und strich ihm über den Kopf. Hilel war einfach nur niedlich, wenn er so unsicher war. Wieder spürte sie dieses Gefühl, ihn beschützen zu wollen, das sie so oft in seiner Nähe hatte. Einen Moment lang dachte sie daran, dass es schade war, dass er bereits verheiratet war, doch sie schob den Gedanken beiseite. "Sicher. Hier ist es auch gemütlicher und vor allem ruhiger und sicherer als in meinem Zimmer oder gar im Gemeinschaftsraum. Und zudem kocht Carol besser als alles, was es in der Mensa gibt." Sie lachte und sprang dann auch gleich auf. Sie war zu neugierig, um noch länger zu bleiben. "Bis heute Abend dann!"

 

Hilel las in der Bibliothek, bis ihm die Augen tränten. Er vertiefte einiges, das er schon aus der Schulzeit wusste. Wie die Menschen damals im Kryoschlaf gekommen waren, wie die Abd-Jabir ihre genetische Struktur studiert hatten, um aus diesen interessanten Wesen eine gute Rasse zu züchten. Er las die Daten der Forscherinnern nach, die am meisten über Menschen herausgefunden hatten.

Ihr merkwürdig verkehrtes soziales Verhalten, von starken Männchen und zumeist unterlegenen Weibchen bestimmt, ihre Gelehrigkeit, die sie zu besonders beliebten Haustieren machte. Als Haustier und Wertbesitz waren sie schließlich von der Regierung auch eingeteilt worden. Es war erlaubt worden, die aggressiven Männchen zu kastrieren, um sie gefügiger zu machen. Die Aufzucht und der Verkauf der Menschen brachte einige Clans innerhalb kurzer Zeit zu großem Ruhm und Reichtum.

Hilel wollte gerade aufgeben und sich nach Hause begeben, um sein Wissen mit Najibs zu vergleichen, als ihm der Name eines der Clans ins Augen fiel. Al Zeshan. "Oh, wie der Clan, dem unsere Direktorin angehört. Ihr Name lautet doch Jamnah al Rafiq al Zeshan."

Natürlich machte es Sinn, dass sie die Mittel hatte, um eine derart große Forschungsanlage mit ihrem Privatbesitz aufzubauen. Aber nun dachte Hilel auch in eine andere Bahn. Der Clan al Zeshan verfügte über eine der größten Datenbanken über Menschen auf Jabir. Zu seiner Verwunderung sah Hilel in einer Biographie über diese große Forscherin der Humanpsyche, dass sie aus der kleinen Hauptstadt der südlichen Länder ganz in der Nähe der Universität stammte. Dies machte es immerhin möglich, dass die Daten zu den Menschen schlicht aus dem Viertel der Menschen stammten, wo die freien Haustiere wie Carol lebten.

Mit einigen auf seinem Notizcomputer gespeicherten Artikeln machte sich Hilel aufgeregt auf den Weg zu Mejdans Haus. Najib war noch nicht wieder eingetroffen, weswegen er Carol um ein Abendessen bat und sich dann duschte, sein Fell säuberlich striegelte, bevor er sich umzog. Erst als er sich vor den Spiegel stellte, fiel ihm auf, dass er sich mit dem an den Seiten raffiniert geschlitztem, rostfarbenen Top zu gleichfarbiger enger Hose ein wenig zu schick angezogen hatte und zu verführerisch für ein bloßes Treffen mit einer Freundin.

Errötend wollte er sich wieder umkleide, seinen Körper schnell mehr verstecken, als Carol klopfte und ihm sagte, dass der Auflauf fertig auf dem Tisch stand. Rasch sagte er mit einem Lächeln, dass er gleich da sein würde, als ihm auffiel, wie dumm er im Grunde war. Da stand ein Mensch vor ihm, eine Frau, der er vertraute und die ihm schon einiges zur Geschichte der Menschen erzählt hatte, und er verbrachte, statt mit ihr zu reden, den Tag in der Bibliothek.

"Carol? Kann ich dich etwas fragen?" Unsicher betrat Hilel die Küche, die ihr Domizil war und aus der alle mit Ausnahme von Mejdan fort gescheucht wurden, wenn Carol im Haus war. "Ich interessiere mich für die Geschichte der Menschen auf Jabir. Was weißt du darüber?"

Überrascht sah Carol ihn an und wischte sich die Finger an ihrer Schürze ab. "Ich... weiß nicht viel, Hilel. Ich weiß nur, dass wir von einem anderen Planeten geholt wurden, um hier in Frieden und Sicherheit zu leben."

"Wie bist du zu Mejdan gekommen?"

"Oh. Das geht über die Zentralen für Humanoide Ressourcen. Professorin Mejdan hat mich ausgewählt, am selben Tag, an dem ich von der Zuchtstation in das Heim verlegt worden bin. Das Heim ist nicht schön. Ich war zwar noch jung, aber ich erinnere mich noch, dass man mich dort geschoren und gebadet hat, dann gewogen und gemessen. Sie machen Fotos und registrieren einen nach der Netzhaut und den Fingerabdrücken, weil unsere Ohren sich wohl nicht für die sichere Registrierung eignen."

"Ah, wirklich? Und über die Zuchtstationen werden die Menschen nicht registriert?"

"Nein. Es muss immer über das lokale Institut für Humanoide Ressourcen laufen. Die Regierung will so dem Missbrauch von Menschen vorbeugen."

Carol lächelte zwar, aber man sah ihr an, dass dieses Thema nicht zu ihren Lieblingsthemen gehörte. Mit schlechtem Gewissen erinnerte Hilel sich daran, dass es erst vor weniger Zeit einen Skandal wegen schlechter Behandlung der Menschen in einer der größten Zuchtstationen gegeben hatte. Mehr zu sich selbst sagte er deswegen "Also könnte man einen Menschen, den man sucht, vermutlich über die Computer der Ressourcenabteilung der Gegend finden."

"Vielleicht. Aber das sind vertrauliche Informationen. Die meisten Käuferinnen eines Menschen möchten ja auch nicht, dass der gezahlte Preis öffentlich gemacht wird." Carol reichte Hilel eine Karaffe mit Saft und nickte zum Fenster hin. "Najib kommt ja gerade richtig. Kann ich noch etwas tun ansonsten?"

Hilel schüttelte den Kopf und lächelte ihr dankbar zu. "Nein, wir bringen das Geschirr selber in die Küche, und Shayde wird heute Nacht gelogt und wollte erst kurz zuvor etwas essen, wenn ich das richtig in Erinnerung habe."

Carol griff den indirekten Hinweis auf und nickte. "Dann sehen wir uns morgen früh wieder. Einen schönen Abend noch, Hilel."

Mit der Karaffe in beiden Händen ging Hilel langsam auf die Terrasse zurück, den Kopf voller neuer Ideen und voller Hoffnung, Najib davon überzeugen zu können.

 :

Najibs Müdigkeit war vergessen, als sie zum Wohnheim zurückjoggte, zu aufgedreht und ungeduldig, um langsamer zu laufen. Die Bewegung tat ihr gut und ließ sie ein wenig ruhiger werden, und so duschte sie erst einmal, ehe sie mit nassen Haaren und nur in einen Morgenmantel gewickelt ihren Computer startete. Während er die diversen Sicherheits- und Identifikationsprogramme hochfuhr, holte sie sich am Getränkeautomaten auf dem Gang Kaffee, der zwar weder wirklich heiß noch besonders stark war, aber seinen Zweck erfüllte.

Ihre Zimmergenossin war zum Glück entweder im Log oder in einem Kurs, so dass sie das Zimmer in Ruhe für sich hatte. Doch nachdem sie sich unter ihrem Namen mit Passwort, Fingerabdruck und Zusatzcode angemeldet hatte, um auf die nur der Informatik vorbehaltenen Bereiche zugreifen zu können, war der Kaffee schnell vergessen. Während sie durch die verschiedenen Berichte, Erläuterungen und Code-Auszüge las, Passagen auf ihr Handgerät kopierte und Verbindungen verfolgte, kam sie mehr und mehr zu der Auffassung, dass die Aufzeichnungen unvollständig waren. Sie schienen immer zu enden, bevor sie an die Punkte kamen, die ihr den Aha-Effekt bescherten und sie verstehen ließen, wie die Grundlage menschlicher Programmierung aufgebaut war. Schließlich war sie sogar so weit zu glauben, dass es nicht möglich war, Menschen zu codieren, während ihr von all den Variablen der Kopf zu schwirren begann.

Was ihr jedoch weiterhalf, war die Sicherheitskopie einer kleinen, unscheinbaren Datei, die beinahe ein wenig vergessen im Datendschungel wirkte. Versuche, mehrere Menschen zu einem Charakter zu vereinen, waren allesamt Fehlschläge gewesen; die Dateien waren korrumpiert worden, hatten zu Fehlern im kompletten System geführt.

Als sie die komplette Datei auf ihr Handgerät kopierte, stellte sie überrascht fest, dass es schon recht spät war. Rasch meldete sie sich ab und schaltete den Computer aus, während sie bereits in ihrem Schrank nach Kleidung suchte, eine goldbraune Dreiviertelhose und ein dazu passendes, helleres Oberteil mit bis zum Ellbogen geschlitzten Ärmeln. Wenig vorsichtig bürstete sie ihre Mähne durch, ehe sie die Haare im Nacken zusammenband. Dann schnappte sie sich ihr Handgerät und nahm zur Abwechslung einmal den Bus bis zum Sportzentrum, statt die gesamte Strecke zu laufen.

Carol öffnete ihr und bat sie gleich auf die Terrasse der Männchen, wo sie Hilel in wirklich entzückender Kleidung traf. Ein breites Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, als sie ihren kleinen Freund zur Begrüßung umarmte. "Das steht dir ausgezeichnet. Ich könnte direkt in Versuchung kommen, dir den Hof zu machen."

Hilel spürte, wie seine Wangen heiß wurden, aber lächelte, weil es ihm bei Najib nicht peinlich war, sondern gefiel. Er bot ihr von dem Essen und dem Saft an, bevor er sich nach zwei Gabeln des herrlichen Essens gleich auf seine Neuigkeiten stürzte und Najib atemlos berichtete, was er über diese Zentralen für Humanoide Ressourcen erfahren hatte. "Eigentlich müsste es doch möglich sein, die Daten der Menschen aus dieser Gegend über das Zentrum in der Stadt zu erfragen, nicht?"

Najib grinste breit. "Es ist möglich, die Daten der gesamten Menschenpopulation auf Jabir von beinahe jedem ans Netz geschlossenen Computer abzufragen, wenn man weiß wie. Ob sie dir aber im Zentrum einfach so Auskunft geben, bezweifle ich, auch wenn sie da erfasst sind. Zumal, nach wem willst du fragen? Wir haben nicht viel, was wir wissen. Selbst der Name von Jack kann in der Wirklichkeit ganz anders lauten."

Najib hatte natürlich mal wieder Recht. Ein wenig entmutigt sank Hilel in sich zusammen und stocherte in dem Auflauf, der eigentlich ja gut schmeckte. "Meinst du, dass wir ihn vielleicht nie finden werden? Glaubst du überhaupt, dass es ihn gibt?" Mit einem Mal wollte er lieber hören, dass es keinen Menschen wie Jack geben konnte, und dass er einfach nach Abschluss zu seiner Frau in die Hauptstadt zurückkehren sollte, um dort eine Stelle als kleiner Assistent in der Forschung anzunehmen. Er würde sich vielleicht in ein anderes Männchen verlieben können... wenn da nicht diese wundervolle Anziehungskraft von Jacks Augen gewesen wäre, wenn es nicht so herrlich gewesen wäre, ein Männchen zu finden, einen Menschen, der auch noch größer und kräftiger als er selber war. "Da sind so viele Wenns und Abers in meinen Theorien. Ich wünschte, mir wären klarere Gedanken gegeben!"

Najib betrachtete das runde, traurige Gesichtchen, in das sich an Wangen und der Stirn das kurze Fell zog, die nun herab hängenden Ohren und den niedergeschlagenen Zug um den kleinen Mund und wollte doch lieber ein Lächeln darauf sehen. "Ich kann dir nur sagen, dass wir versuchen können, ihn zu finden. Wir haben wenig, aber es ist dennoch möglich, dass es funktioniert. Natürlich könnte es sein, dass der wahre Jack blaue Augen und schwarze Haare hat, das zu ändern, ist wirklich das geringste Problem. Aber da das Aussehen eines der wenigen Dinge ist, an die wir uns halten können, sollten wir es erst einmal damit versuchen." Sie legte den Kopf schief und lächelte aufmunternd. "Wenn du mich an deinen Computer lässt, kann ich von dort versuchen, an die Daten des Zentrums zu kommen. Von meinem aus ist das schwierig, da meine Mitbewohnerin zurückkommen könnte. Und die Computer der Wohnheime sind natürlich wegen all der vorwitzigen Studentinnen besonders gesichert."

Mit gehobenen Augenbrauen bezweifelte Hilel, dass es sich bei dem Computer in seinem Zimmer besser verhalten konnte und behielt Recht. Der Zugang zu Daten außerhalb des Universitätsnetzes blieb Najib sogar nach einer Stunde des intensiven Versuchens verwehrt.

"Vielleicht kommt Mejdan von ihrem Computer weiter raus, sie hat immerhin nicht selten Informationen für ihre Forschungsgebiete von weiter her zu holen. Aber ich weiß nicht, ob sie ihre persönlichen Daten nicht vielleicht mit einem Passwort schützt", schlug Hilel vor und warf einen unsicheren Blick in Richtung der Räume der Hausherrin. Eigentlich wäre es ihm nicht eingefallen, diese zu betreten, aber Najib war immerhin sehr persönlicher Gast im Hause und hatte dort auch schon übernachtet. Abwartend sah er sie an.

Najib schürzte die Lippen, dann nickte sie. "Es könnte durchaus sein, dass es von dort aus funktioniert. Ein Passwort wäre zwar auch kein Problem, aber ich würde es ungern umgehen. Nicht bei Mejdan." Sie langte zu Hilel und stupste ihn mit einem Finger auf die Nasenspitze. "Wir werden es an ihrem Computer versuchen. Ist er bereits beim Start passwortgeschützt, werden wir warten, bis sie zurück ist und sie dann fragen. Wenn nicht, werde ich sehen, was ich machen kann."

Sie lächelte und stand auf. Zwar war sie selber neugierig und gespannt, ob sie die Menschen finden konnten, aber deswegen würde sie nicht in Mejdans Sachen herumwühlen. Als sie Hilels Unsicherheit bemerkte, wurde ihr Lächeln weicher; sie nahm ihn bei der Hand und zog ihn mit sich. "Ich bin mir sicher, dass sie zumindest nichts dagegen hat, wenn wir mal schauen."

Sehr zufrieden stellte Najib fest, dass nicht der komplette Computer geschützt war. Erst als sie versuchte, einige Programme aufzurufen, meldete sich der Passwortschutz, nicht jedoch beim normalen Zugriff auf das Netz. Es kostete nicht viel Zeit, die Programme herunterzuladen, die sie benötigte, und sie zu konfigurieren, ehe sie Zugriff zu den Daten der zentralen Meldestelle für Menschen bekam, inklusive einer übersichtlichen Suchmaschine. Zufrieden und mit einem kleinen Grinsen sah sie zu Hilel hin. "Ich bin drin. Was haben wir? Grüne Augen, braune Haare. Wie alt ist er in etwa? Fünfundzwanzig? Gut, ich gebe einen Suchradius von zwanzig bis dreißig ein. Größe? Irgendwo zwischen eins fünfundsiebzig und eins fünfundachtzig?"

Hilel schloss die Augen und beschrieb seiner Freundin so genau wie möglich, wonach sie suchten. Die Größe war schwierig einzuschätzen, aber er wusste, dass Jack nicht gerade klein war und ärgerte sich, dass er so wenig wissenschaftlich auf die Menschen, insbesondere auf diesen Mann geblickt hatte.

Nachdem sie noch einige weitere Kriterien eingefügt hatte, benötigte es kaum Zeit, ehe ihnen dreiundvierzig mögliche Kandidaten angezeigt wurden. Najib rutschte ein Stück vom Bildschirm beiseite, um Hilel einen besseren Blick zu gewähren, während sie die Bilder nacheinander aufrief. "Schrei stopp, wenn du ihn zu erkennen meinst. Ich habe ihn erst einmal gesehen, und das auch nur von ein paar Metern Entfernung."

Es war schwer, schwerer als Hilel geglaubt hatte, denn die Männer, die auf dem Bildschirm aufleuchteten, waren alle von ihren Kinderbildern genetisch errechnet worden in dem Programm, und sie wurden nur mit kahlen Köpfen gezeigt. Er versuchte, sich Jacks Wuschelkopf dazuzudenken und die Augenform und die Farbe in das Schwarz-Weiß der Darstellungen hinein zu rechnen. Mit bangem Blick verfolgte er bei jedem Bild, das er wegdrückte, wie die Zahl der verbliebenen Männer kleiner wurde. Doch dann tauchte Jack auf, und er schüttelte grinsend den Kopf. Er hätte ihn nicht übersehen, egal wie schnell er den Suchmodus verwendet hätte.

Gespannt verfolgte er, wie Najib die Daten von Jacks Besitzerin aus dem Programm herauskitzelte und empfand mit einem Mal tiefe Bewunderung für ihr Können und für ihren Großmut, den sie für ihn in dieser Sache bewies. Leider war das Ergebnis der Untersuchung ernüchternd. Jack gehörte einer Gesellschaft zur Unterstützung und mentalen Förderung der Menschen auf Jabir und war vor zehn Jahren schon als Entlaufen und darauf als Verschollen gemeldet worden.

Hilel hatte sich müde und deprimiert auf den Boden niedergelassen, als Najib ihm von oben her mitteilte, dass sie nicht mehr viel machen könne, außer noch mehr Informationen über diese Gesellschaft für die mentale Unterstützung der Menschen herauszufinden. "Danke, Najib. Ich koste schon so viel von deiner Zeit, es tut mir leid, dass ich dich mit meinen Grillen wegen Jack so lange aufgehalten habe."

Najib drehte sich ihm mit dem Drehstuhl halb zu und beugte sich ein wenig zu ihm hinab, um ihm tröstend über den weichen Kopf und die Wange zu streicheln. Sie ließ ihre Hand dort ruhen und brachte ihn sanft dazu, sie anzusehen. "Du solltest wissen, dass mir das nichts ausmacht, Hilel. Es macht mir Spaß, und für dich tue ich das ohnehin gerne."

Mit einem aufmunternden Lächeln strich sie ihm am Kiefer entlang, als sie ihre Hand wieder wegzog und wandte sich erneut dem Computer zu, um sich auf die Suche nach Informationen zu der Gesellschaft zu machen. Es tat ihr leid, dass sie Hilel nichts anderes hatte sagen können, so gerne hätte sie ihm einen Hinweis auf den Aufenthaltsort des Menschenmannes gewünscht. Und das war auch der Grund, warum sie nun nicht einfach aufgab. Sie mochte es nicht, ihn so traurig und deprimiert zu sehen.

/Warum muss es für ihn nur so schwer sein? Eine Frau, die ihn nicht wirklich schätzt, dann verliebt er sich in ein Programm, und der Mensch, der dahinter steht, ist verschwunden./ Der Gedanke wurde unterbrochen, als sich die Seite des Unternehmens auf dem Bildschirm aufbaute. "Na, sieh mal einer an!", brachte sie überrascht hervor. "Jamnah al Rafiq al Zeshan ist eines der Gründungsmitglieder." Nach ein paar raschen Mausklicks vertiefte sich das Bild noch. "Und die Mitbesitzerin dieser Gesellschaft..."

Hilel war noch versunken in den Gedanken daran, wie er Najib etwas Gutes tun konnte. Immerhin verbrachte sie ihre Freizeit mit einem kleinen Männchen und auch noch vor dem Bildschirm eines Computers, anstelle sich draußen im herrlichsten Klima zu erholen, als ihn der Name der Direktorin aufschreckte.

Neugierig stand er auf und beugte sich neben ihr zum Bildschirm heran. "Die Gesellschaft zur Erforschung der menschlichen Psyche", las er laut und murmelte, sich durch das feine Wangenfell kratzend "Das passt schon, sie ist ja Professorin für Psychiatrie, und ihre Werke sind alle dem Vergleich der Erinnerung der Menschen und ihrer Erinnerungsfähigkeit gewidmet." Zögerlich sah er Najib von der Seite her an. "Meinst du… sie weiß, wo Jack ist?"

Er entsann sich einer eher abfälligen Bemerkung, die von der Direktorin zum Thema Menschenrechte auf Jabir gemacht worden war und senkte den Kopf nun noch niedergeschlagener. "Sie nimmt Menschen nur als Forschungsobjekte, sie wird sich nicht wirklich an die Person erinnern, die Jack einmal war, oder?"

Najib sah kurz auf das Datum, an dem Jack als verlaufen gemeldet worden war. "Das ist mittlerweile Ewigkeiten her und Jack nur irgendein Mensch unter vielen. Andererseits ist er einer, nachdem das Programm gestaltet worden ist. Vielleicht hättest du sogar Glück – nur wie willst du ihr dein Interesse begründen, ohne es zu erklären?"

Das Fenster schließend kehrte sie zur Datenbank der Zentralen Meldestelle zurück. Vielleicht gab es doch noch eine Möglichkeit, mehr über Jack herauszufinden. Immerhin war er mit Timm zusammen gesteckt worden; unter Umständen hatten sich die beiden gekannt. Wenn man also Timms Aufenthaltsort ausfindig machen konnte...

Blonde Haare, blaue Augen waren keine großartigen Suchkriterien, und auch die Einschränkungen durch seine ungefähre Größe und das geschätzte Alter brachten noch eine viel zu große Anzahl an Ergebnissen. Doch mit Timm hatte sie immerhin schon einige Worte gewechselt, so dass sie weitere Punkte hinzufügen konnte. Unwillkürlich hob sie die Brauen, als sie ihn wirklich fand, nachdem sie sich durch zahllose Daten anderer Menschenmänner geblättert hatte. "Das ist interessant. Timm. Entlaufen vor neun Jahren und nur wenige Zeit später als verschollen gemeldet."

"Was? Timm auch? Ob die beiden damals zusammen entlaufen sind? Immerhin sind ihre Abbilder auch ein Paar." Der Gedanke wurde von ein wenig Eifersucht begleitet, die nicht alberner hätte sein können. /Verliebt in ein Programm, eifersüchtig auf das Partnerprogramm./

"Nein, Timm ist ein Jahr nach Jack verschwunden." Nachdenklich tippte Najib mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte, während sie die Daten ansah, dann suchte sie die Karteikarte seiner ehemaligen Besitzer heraus. "Er hat der gleichen Gesellschaft wie Jack gehört. Scheint so, als hätten sich die Direktorin bei den Vorlagen für das Log ausschließlich an ihrem eigenen Besitz orientiert. Na, ist ja auch das einfachste."


Kommentare, Kritiken, Lob?
 
© by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh