Illusionen

19.

Es war mehr eine Spielerei, als Najib ihre Theorie austestete und bei den nächsten Suchkriterien, dieses Mal für den Fährmann Korben, als Besitzerin Jamnah angab. Korben hatten sie im Unterricht schon des Öfteren gestreift, da bei seiner Programmierung immer wieder ungewöhnliche Probleme auftraten, eines davon war sein stark erhöhter Alkoholkonsum wegen Einsamkeit. Es gab exakt einen Treffer, und Najib schürzte die Lippen ein wenig, als sie las, dass der Mann, nach dem Korben entwickelt worden war, vor neun Jahren im Alter von achtunddreißig Jahren an Herzversagen gestorben war.

Ein ungutes Gefühl beschlich sie, als sie sich an ihre Recherche zur Menschenprogrammierung erinnerte, die so wenig von Erfolg gekrönt worden war. Und natürlich war das eines der Themen, die erst gegen Ende des Praktikums behandelt werden würden, da es sehr komplex war. Bevor Hilel einen genaueren Blick auf die Seite werfen konnte, schloss sie das Fenster; sie wollte ihm keine Hoffnungen machen, so lange sie ihren Verdacht nicht einmal vor sich selber richtig ausformulieren konnte. Doch dann merkte sie, dass ihr kleiner Freund ohnehin nicht mehr auf den Bildschirm achtete, sondern mit trüben Gesicht auf den Boden starrte.

Rasch logte sie sich aus der Datenbank des Zentrums aus und fuhr den Computer runter, ehe sie vom Stuhl glitt und sich zu Hilel auf den Boden setzte, um ihm einen Arm um die Schultern zu legen.

"He", sagte sie leise. "Wir mögen jetzt und hier nichts gefunden haben, aber das heißt noch nicht, dass ich aufgegeben habe. Da ich in den nächsten drei Tagen noch immer nicht logen kann und mit meiner Studie auch so gut wie fertig bin, werde ich noch mal im Archiv nachgraben und nach weiteren Anhaltspunkten suchen."

Hilel hob den Blick und seufzte leise, dann nickte er. "Es ist so merkwürdig. Ich habe noch nie zuvor soviel gefühlt und so viel auf einmal dazu. Warum nur bei einem Programm? Jack ist so lebendig in seiner Art, die Dinge zu sehen, dass ich einfach nicht aufhören kann, ihn als Person zu sehen." Er merkte erst, dass er sich an Najib gelehnt hatte, als ihre Hand weiter über seinen Arm strich. "Danke, Najib. Ich bin froh, dass ich eine Freundin wie dich habe. Ohne dich hätte ich nicht einmal herausgefunden, dass es einen Jack wirklich gegeben hat."

Tröstend drückte Najib ihn an sich, schloss beide Arme um den zierlichen Körper und gab Hilel einen leichten Kuss auf das sich in die Stirn ziehende, kurze Fell. Dass er sich ihr so anvertraute und seine Hilflosigkeit rührten sie an und ließen Wärme und ein eigenartiges Gefühl von Zärtlichkeit in ihr entstehen. "Sie sind so programmiert, dass man sie als Person sehen soll. Das ist ja das Ziel dieser gefälschten Realität. Du musst dir keine Vorwürfe machen oder dich für absonderlich halten. Und ich verspreche dir, dass ich alles tun werde, was ich kann, um den richtigen Jack zu finden."

Hilel fühlte Wärme in sich aufsteigen, weil Najib ihn ansah, als hätte sie ihn wirklich gern, weil sie ihn nicht auslachte, sondern ihm half, für ihn suchte und einfach nur da war. Kurz genoss er das Gefühl, das ihre Nähe in ihm erzeugte, wie er sich bei seiner Ehefrau nie hatte fühlen können, dann machte er sich schüchtern frei und stand auf. "Ich habe schon viel zuviel von deiner Zeit in Anspruch genommen, Najib. Es tut mir leid, dass ich dich an deinem Tag für die Erholung auch noch aufgehalten habe." Er gähnte verhalten und entschuldigte sich rasch. "Ich glaube, ich werde auf jeden Fall morgen in der Bibliothek weiter nach Hinweisen auf Jack suchen. Heute bin ich einfach zu müde."

Energisch sprang Najib auf und wuschelte ihm noch einmal über den Kopf. "Sag mir nicht, wie ich meine Freizeit zu verbringen habe, Kleiner. Ich mach das hier schließlich gern." Sie streckte sich, bis ihre Gelenke knackten und beschloss, dass sie dringend Bewegung brauchte, ehe sie sich weiteren Recherchen widmen konnte.

Gemeinsam verließen sie Mejdans Bereich, und Najib begleitete Hilel noch bis zu seinem Raum, wo sie ihn zum Abschied umarmte. Als sie ihn wieder losließ, zwinkerte sie ihm schelmisch zu. "Schlaf gut und träum lieber von Jacks Augen als von den Codes, die dahinterstecken könnten."

Sich über sein niedliches Erröten freuend machte sie sich schließlich auf den Heimweg, um erst einmal ihre Sportsachen zu holen. Kurz überlegte sie, ob sie in Mejdans Bucht schwimmen wollte, entschied sich dann aber dagegen, weil es sie ihre Geliebte nur noch mehr vermissen lassen würde. Stattdessen ging sie lieber für zwei Stunden in den Fitnessraum, ehe sie sich wieder in ihr Zimmer und hinter ihren Computer zurückzog, um zwar nicht direkt nach Hinweisen auf Jack zu suchen, aber doch um eine Idee zu verfolgen, von der sie nicht wusste, ob sie ihr Hoffnung gab oder alles nur noch schlimmer machen würde.

 

Mejdan hatte diese Art Treffen mit den anderen leitenden Professorinnen noch nie sonderlich gemocht, aber dieses Mal schlug ihre Abneigung gegen die selbstbeweihräuchernden Reden und von trockenen Zahlentabellen kaschierten fadenscheinigen Erklärungen, warum die eigenen Abteilung mehr von den Regierungsfinanzen bräuchten, in regelrechten Hass um.

Najibs Lachen fehlte ihr, ihre freimütige, leidenschaftliche Art, ihr Blicke, der Duft ihrer Mähne, das Gefühl dieser Mähne noch viel mehr, und natürlich konnte Mejdan sich im Zusammenhang mit ihren Träumen von Najib auch nicht sonderlich auf ihre eigene Reden konzentrieren, so dass sie zu der Überraschung der anderen nur wenige Minuten lang auslegte, wieso sie zwei neue Narkoseeinheiten brauchten.

Als sie zum Mittagessen in die Pause gingen, bevor Jamnah ihre Rede halten würde, um dann zu den Planungen für die nächsten fünf Kurse überzugehen, fiel Mejdan erst ein, dass sie vergessen hatte zu erwähnen, wie dringend sie noch weitere Narkosehelfer einstellen mussten. Die kleinen Männchen waren alle überarbeitet und schliefen in ihren Wachschichten nicht selten ein.

Sie sehnte sich ein Gespräch mit Najib herbei, wollte ihr wenigstens eine Nachricht hinterlassen, aber Jamnah fing Mejdan bereits im Salon ab, um sie zu sich an den Tisch zu dirigieren. Und der Verlauf des Gesprächs, oder vielmehr der Mitteilung der Direktorin, lenkte sie zunächst sogar von den Träumen ab.

Zuerst kam der private Teil der Unterhaltung, solange sie noch allein am Tisch saßen. Jamnah beugte sich dichter zu ihr und fragte "Wie stehst du eigentlich zu kleinen dunklen Geheimnissen in der Vergangenheit eines Männchens Mejdan? Schreckt dich das ab, oder weckt es Interesse in dir?"

Unsicher blinzelte Mejdan sie an, dann meinte sie ein Lächeln zu sehen und erwiderte es. Selbstsicherer als sie sich fühlte, sagte sie "Ah, das wäre doch für eine niedere Ehe geradezu optimal. Ein kleines Männchen, das niemand sonst mehr will. Man tut etwas gutes und zugleich hat man einen ruhigen Kontakt zu einem anderen Clan, der dazu noch zu Dank verpflichtet sein wird."

Jamnah nickte und lachte leise. "Genau meine Rede. Ich werde auf dieses Thema wieder zurück kommen, Mejdan."

Die beiden anderen Professorinnen kamen zu ihnen und Jamnah wechselte abrupt das Thema. "Mejdan, wir möchten es noch nicht zu sehr publik machen, aber die Universität wird einen Kurs lang aussetzen müssen, um das Log zu erneuern. Wir werden es nicht in den üblichen Ferienzeiten schaffen. Ich möchte dich deswegen bitten, meine Liebe, den Narkosehelfern ihren Jahresurlaub zu geben, damit wir die Neuprogrammierung mit minimaler Besetzung zur sicheren Geheimhaltung auch durchführen können."

Nachdenklich piekte Mejdan ein Obstscheibchen auf. "Welche Anteile des Logs werden denn erneuert?" Sie plante im Geiste bereits eine Ferienreise mit Shayde und Najib in die Berge, die Heimat ihrer Geliebten, in der sie zwar schon gewesen war, aber für deren einsame Hütten an malerischen Seen sie ein nun immer stärker wachsendes Interesse zu hegen begann. Lächelnd stellte sie sich den athletischen Körper ihrer jungen Geliebten im glasklaren Wasser einer heißen Mineralquelle vor.

Jamnah riss sie erneut aus dem Traum heraus. "Wir werden das Log komplett erneuern. Die Menschen sind so häufig geändert worden, wir müssen einfach neue... einsetzten. Die Programme sind sicherlich rechtzeitig fertig, aber wir werden eine Testlaufzeit von einigen Wochen brauchen. In dieser Phase sollte niemand außer den Programmierern logen." Sie lächelte breit und eine Spur zu direkt in Mejdans Richtung, als wüsste sie als einzige noch nicht von der Neuerung. "Deine Abteilung kann also Urlaub machen, ich werde die Programmierer über meine eigenen Narkosehelfer logen lassen."

Mejdan fühlte einen kleinen Stich, dessen Herkunft sie sich nicht erklären konnte. War es das wissende Nicken der beiden anderen Professorinnen, die am Tisch mit der Direktorin und ihr saßen? Nachdem sie mit einem kleinen Satz ihr Verständnis ausgedrückt hatte, warf sie unauffällige Blicke in dem Salon zu den anderen Tischen.

Ihre Kolleginnen aßen und redeten, einige lasen sich aufgeregt debattierend ihre Zahlen vor, die Studentenzahlen, die Angestellten, Materialrechnungen wurden verglichen. War der Tisch von der Direktorin noch der einzige, an dem vom vollkommen neuen Log geredet wurde? "Was soll mit den Daten des alten Logs geschehen? Wir hatten uns nun ja schon an die Menschen und Wege gewöhnt."

Jamnah hob eine Augenbraue, dann erwiderte sie wegwerfend "Zu fehlerhaft. Wir werden alles auslöschen."

Der kalte Schauer, der Mejdan den Rücken herunter lief, zeigte ihr, dass ihre Formulierung nicht nur 'gewöhnt', sondern vielleicht auch 'gemocht' hätte enthalten sollen.

Das restliche Essen verlief in dem üblichen Strudel von falschen Höflichkeiten, noch falscherem Gelächter und einem sich nach Hierarchie gestaffeltem Erheben, um die zweite Runde der Diskussionen zu beginnen. Gleich als erstes eröffnete Jamnah, ganz die gewinnende Politikerin, den anderen Professorinnen die Neuigkeit, und hier hatte Mejdan dank eines gut gewählten Sitzplatzes die Möglichkeit, die mehr oder weniger überraschten Gesichter zu studieren. Ihr fiel auf, wie wenige der Professorinnen es zuvor gewusst hatten. Die Leiterinnen für Programmierung und angewandte Mathematik nickten lediglich, und die leitende Professorin der Abteilung Humanpsychologie und Jamnahs Stellvertreterin war ebenfalls eher gelangweilt, aber alle anderen sahen sich unruhig und von der Veränderung verärgert um.

Der restliche Abend verlief anstrengend, und Mejdan verlor bald die Übersicht, denn die Professorin für Programmierungen stellte den Zeitplan vor, nach dem das neue Log erstellt werden würde, zeigte sogar schon das Aussehen und die Charaktere der neuen Menschen auf, die sie integrieren wollten; es kam Mejdan mit mehr und mehr vergehender Zeit immer komischer vor, dass sie Jack, Timm und die anderen nie wieder würde sehen können.

Mit einem Mal fiel ihr Shayde ein, und sie fand durch den beunruhigenden Gedanken an die Trauer, die ihr kleines Männchen bei dem Verlust von Timm fühlen würde, ausreichend Energie, um sich zum Telephonieren zu entschuldigen.

Sie fiel auf ihr Hotelbett und fuhr sich mit beiden Händen durch die Mähne, versuchte die Kopfweh zu unterdrücken, dann tippte sie auf den Bildschirm und gab den Code für Shaydes Apparat neben seinem Bett ein.

Der Signalton ließ Shayde aus dem Schlaf empor schrecken, in den er an seinem Schreibtisch gefallen war, den Kopf auf die Arme gebettet. Er war zu lange im Log bei Timm geblieben, hatte deswegen zu viel Arbeit nachholen müssen und die Nacht und den halben Tag durchgemacht, um schließlich vor dem laufenden Bildschirm einzudösen. Er brauchte einen Moment, um sich zu orientieren und sich zu erinnern, dass er keine Termine verpasst hatte, dann einen weiteren, um die Nummer als die seiner Frau zu erkennen.

Sein Herz machte einen kleinen, freudigen Satz, und er rieb sich rasch mit beiden Händen über das Gesicht, um die unmittelbaren Spuren des Schlafes zu beseitigen, strich dann hastig das kurze Fell so glatt, wie es ihm möglich war, ehe er das Gespräch bestätigte. Die Müdigkeit in Mejdans Miene ließ in ihm das sehnsüchtige Bedürfnis entstehen, bei ihr zu sein und sie verwöhnen zu können. Glücklich, dass sie dennoch mit ihm sprechen wollte, lächelte er sie an. "Mejdan, wie schön..."

"Ich hab dich geweckt, das tut mir leid." Shaydes Lächeln brachte schon einiges in ihr in Ordnung, sie fühlte sich eine Spur weniger matt und in der Fremde. "Hör zu, ich wollte dich eigentlich nur einmal schnell sprechen, um nach dir zu sehen, aber dann hat sich heute eine Neuigkeit ergeben. Das Log wird geschlossen werden, sie wollen..." Sie zögerte. Das schlanke, offene Gesicht von dem Gastwirt tauchte vor ihren Augen auf. "Es tut mir leid, Shayde, aber nach diesem Kurs wird das Log geschlossen, damit sie alles erneuern können."

Erschrocken riss Shayde die Augen auf, während sich Kälte mit kleinen Stichen in ihm ausbreitete. Das klang nicht nach den üblichen Erneuerungsarbeiten und Fehlerkorrekturen. Nicht, wenn Mejdan ihn so ansah. Aber sie konnten doch nicht... sie würden doch bestimmt nicht...

"Alles?", fragte er mit kleiner, ängstlicher Stimme, als er daran dachte, wie Timms Hand ihn erst gestern gestreift hatte, als er ihm den Teebecher gegeben hatte. Wie die blauen Augen ihn angesehen hatten, das warme Lachen, das er ihm geschenkt hatte. "Aber doch nicht die Menschen, oder? Das wäre doch... viel zu viel Arbeit. Das schaffen sie gar nicht in den Ferien, oder?"

Mejdan massierte ihre Schläfen einen Augenblick lang, dann begegnete sie dem erschrockenen Blick aus Shaydes hübschen Augen. "Sie werden das Log für einen Kurs geschlossen halten. Wir fangen erst im Herbst zu Shaqueels Zeit wieder an mit der Arbeit."

Sie versuchte ein Lächeln, dann murmelte sie etwas unsicherer "Ich wollte eigentlich vorschlagen, dass wir wegfahren in der Zeit, offensichtlich werden wir für die Programmierung nicht gebraucht, und ich würde gerne mit dir in die Berge fahren, um... na ja, vielleicht besprechen wir das, wenn ich wieder da bin, ja?"

"Ja, das klingt... gut." Shayde erwiderte mühsam das Lächeln, damit Mejdan sich nicht neben ihrer Müdigkeit und ihrem Kopfweh noch um ihr kleines Männchen sorgen musste, doch mit jedem Herzschlag breitete sich die schmerzhafte, kalte Leere weiter in ihm aus. Verzweifelt sehnte er sich danach, dass seine Frau jetzt bei ihm wäre, ihn halten und alles wieder so zuversichtlich und stark zurechtrücken würde, wie sie es immer tat. Doch sie war weit weg und konnte auch nichts tun. Er sagte ihr sanft, dass sie sich hinlegen sollte, dass er sie liebte und dass er Najib Grüße von ihr ausrichten würde, dann erlosch das kleine Nachrichtenfenster und ließ ihn in seinem Zimmer allein zurück.

Dunkelheit hüllte ihn ein, nur der Bildschirm mit der zur Korrektur geöffneten Datei spendete ein wenig kaltes Licht. Von draußen drang das abendliche Konzert der Grillen durch das geöffnete Fenster zu ihm herein; die leichten, hellen Vorhänge wehten in der lauen Abendbrise, die ein wenig der Schwüle des Tages wegnahm. Frierend schlang Shayde die Arme um seinen dünnen Körper und starrte mit aufgerissenen Augen ins Leere.

Sie würden das Log löschen. Sie würden Timm löschen. Einfach so, wie man jedes Programm löschte und neu installierte, was nicht einwandfrei funktionierte. Sie würden sein Lächeln wegnehmen, seine fröhlichen Augen, seine nie endenden Fragen. Seine Wärme und seine Sicherheit. Sie würden Jack, den Hilel so gern mochte, löschen und das ganze Dorf, und es gab nichts, was er dagegen tun konnte.

 

Jack ertappte sich dabei, wie er den Baum mit der Fledermaushöhle anstarrte, vor dem Hilel so oft mit seinem Skizzenbuch gestanden, gezeichnet und sich Notizen gemacht hatte. Fast gelang es ihm, die dunkel gekleidete, zierliche Gestalt heraufzubeschwören, deutlicher als seine doch reelle Umgebung. Er konnte sehen, wie Hilel sich umdrehte, wie sich seine vanillefarbenen Augen überrascht und erfreut weiteten, wenn sie ihn erblickten, wie sich dieses zauberhafte Lächeln über das runde Gesichtchen zog.

Dann verschwamm das Bild, löste sich in Nebel auf und mit ihm der Garten, das nasse Bettlaken, das er eigentlich hatte aufhängen wollen, bevor er sich selber abgelenkt hatte. Jack blinzelte angestrengt und versuchte, das unwirkliche Gefühl, das ihn seit dem Kuss viel häufiger noch als zuvor heimsuchte, abzustreifen und sich auf die nasse, saubere Wäsche zu konzentrieren, doch es gelang ihm nicht.

Während er beinahe wie schlafwandelnd Laken und Kissenbezüge mit Holzklammern an der Leine befestigte, drifteten seine Gedanken erneut zu dem kleinen Priester ab, nach dessen Nähe er sich mehr und mehr zu sehnen begann. Aber Hilel war schon seit Tagen nicht mehr im Dorf gewesen, und Jack fürchtete abwechselnd, dass es ihm schlechter ging oder dass er ihn nicht mehr sehen wollte, weil die Nähe, die zwischen ihnen gewesen war, trotz ihrer Unschuld gegen die Regeln seines Ordens war und er sich dafür schämte und Buße tat.

Vielleicht hatte er es auch dem Abt erzählt und dieser hatte ihm verboten, zum Dorf zurückzukehren. Allein diese Vorstellung brachte Jacks Herz dazu, schmerzhaft und holprig zu schlagen. Er rieb sich die vor Müdigkeit ein wenig brennenden Augen, die ihm bewusst machten, dass er die letzten Nächte nicht wirklich geschlafen hatte. Den leeren Korb an sich nehmend, warf er dem Baum einen letzten Blick zu, dann kehrte er ins Haus zurück. Durch den Durchgang zum Schankraum konnte er Timm sehen, der auf dem Boden kniete und eine Diele, die sich gelöst hatte, wieder befestigte. Er lächelte, als sein Gefährte aufsah und ihm kurz zuwinkte, ehe er sich erneut dem ein wenig widerspenstigen Brett widmete.

Nachdenklich beobachtete Jack die kräftigen, geschickten Finger, deren Berührungen er in den letzten Tagen immer öfter ausgewichen war. Es war nicht das, was er spüren wollte, keine Kraft, keine Sicherheit und keine Vertrautheit; er wollte diese unsichere Scheu fühlen, die zarte Weichheit von Händen, die mit der Schreibfeder vertrauter waren als mit allem anderen. Es machte ihm ein schlechtes Gewissen, sowohl Hilel wie auch Timm gegenüber. Man begehrte keine Priester, erst recht nicht, wenn man einen Gefährten hatte.

Zwei vorsichtige Hammerschläge, und die Diele beugte sich ihrem Schicksal, saß erneut fest zwischen den anderen. Mit gerunzelter Stirn fragte Timm sich, wieso gerade diese Diele neben dem Tresen immer wieder bockig war. /Ich werde Shayde fragen, wenn er wieder einmal bei uns ist./ Mit leisem Ächzen erhob er sich und warf einen nachdenklichen Blick in Jacks Richtung. Er hatte nicht geschlafen in der letzten Nacht. Timm hatte es gemerkt, und er versteckte die Sorge, anstelle zu fragen, anstelle nach dem Grund zu fragen.

Der Grund war ihm ohnehin klar, er kannte ihn, und die Antwort auf seine ungestellte Frage erstaunte, erschreckte und beunruhigte ihn sehr. Sorgen hatte Timm sich noch nie gemacht, nie machen müssen, denn das war Jacks Revier. /Hat er mich angesteckt?/ Die Sorge, die Timm so neu war, hieß nicht etwa 'Hilel', auch wenn dieser schüchterne, junge Priester, der so viel Zeit mit Jack verbracht hatte, sicherlich der Auslöser dafür sein mochte. Sie hieß 'Jack', und dieser stand, weil er sich unbeobachtet wähnte, mit abwesendem Blick auf den Garten am Herd.

Timm band sich seine Haare noch einmal mit dem Lederband, um Zeit zu gewinnen, dann betrat er die Küche und betrachtete Jack schweigend, besorgt; und zum ersten Mal, das wusste er, ließ er Jack diese Sorge auch sehen.

Jack zuckte leicht zusammen, als er viel zu spät Timms Gegenwart wahrnahm. Mit einem Lächeln und einem kleinen, ablenkenden Kommentar über seine Gedankenlosigkeit wollte er eigentlich die Küche verlassen, doch ehe er auch nur ein Wort gefunden hatte, bemerkte er diesen eigenartigen Ausdruck in dem offenen, sonst so fröhlichen Gesicht. /Ich mache ihm Kummer. Entweder wegen Hilel, oder weil ich mich so seltsam verhalte die letzte Zeit. Oder wegen beidem./ "Es tut mir leid", sagte er leise und zwang sich, Timms Blick nicht auszuweichen.

"Dass du mir nicht sagst, was los ist?" Timm lehnte sich in den Türrahmen, verbaute Jack den Fluchtweg. "Ich weiß es doch selber genauso und habe nichts gesagt, Jack. Ich..." Er senkte den Blick auf seine Schuhe und rieb sich mit einer Hand über das Gesicht. Ungewohnter Schmerz breitete sich darin aus. Ein Ziehen, das seine Augen und seine Kehle erfasste, als ob ein Gedanke aus seinem Kopf ihn zum Weinen bringen wollte.

"Verdammt!" Mit zuviel Schwung schlug er mit der Faust gegen den Türrahmen, aber der Schmerz brachte ihm nicht die Ablenkung von dem Ziehen und Kratzen in seinem Hals. Zwei schnelle Schritte, er musste sich festhalten, an Jack festhalten, denn das Gefühl, dass er sonst einfach fallen würde, dass er einfach verschwinden würde, wuchs mit jedem Augenblick weiter an.

Mit zuviel Kraft drückte er Jack an sich, versuchte Trost in dem gewohnten, geliebten Geruch zu finden, in dem Gefühl der widerspenstigen Haare an seiner Wange. "Es war so falsch, aber was ist richtig, Jack?" Nicht zu weinen wurde immer schwerer und Jack loszulassen unmöglich.

Jack hatte den leeren Wäschekorb fallengelassen, als Timm ihn so überraschend kraftvoll an sich gezogen hatte. Er erwiderte die Umarmung, klammerte sich an seinen Gefährten und schloss die Augen, als in einer Welle, die Übelkeit glich, seine Sicht unscharf wurde.

"Ich weiß es nicht", sagte er heiser. Das Bedürfnis, Timm zu küssen und ihn in ein heftiges, leidenschaftliches Liebesspiel zu verwickeln, erwachte in ihm und wurde beinahe übermächtig. Sie hatten sich immer geliebt, wenn die Welt so surreal wurde, um sich festzuhalten, um zu vergessen, um sich abzulenken, um sich Sicherheit zu geben. Aber jetzt fühlte sich alles falsch an. Es war, als würde er keine Luft mehr bekommen. Er spürte Timm beben und drückte ihn noch enger an sich, während sich hinter seiner Stirn ein kleines Stechen bildete, das von dort aus Schmerz in Wellen durch seinen Kopf schickte, der langsam in seinen Körper auszustrahlen begann.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh