Illusionen

20.

Hilel hatte nicht schlafen können und wollte lediglich die frühen Morgenstunden nutzen, um allein in der Bibliothek mehr über Jack herauszufinden. Doch zu seiner Verwunderung war er Shayde über den Weg gelaufen, der nicht gerade glücklich gewirkt hatte.

Den Grund für seine Sorge wollte Shayde nicht verraten, aber er bot Hilel an, die nächtliche Stunde und Jamnahs Abwesenheit für ein kurzes Log zu einem Spaziergang in der friedlichen Welt zu nutzen. Hilel hatte seine Sehnsucht nicht beherrschen können und kaschierte diese auch vor sich selber mit dem Argument, dass er den Jack im Log vielleicht nach noch mehr Informationen fragen konnte, wenn er schon einmal dort war.

Shayde brauchte länger als er und rief Hilel aus dem Dunkel der Kathedrale zu, dass er nachkommen würde, weswegen Hilel allein über den in feinen Frühnebel getauchten Pfad zum Dorf mehr rannte als ging. Ein wenig außer Atem erreichte er die Kreuzung, an der sich gerade zwei Studentinnen der Abteilung humanoide Sprachwissenschaft über die Schilder der Häuser unterhielten. Ihre Prüfung würde die erste sein, und die beiden waren zu aufgeregt und zu müde, um ihn zu bemerken.

Hastig huschte Hilel zum Garten des Gasthauses, um durch die Küche auf dem ihm schon bekannten Weg zu Jack zu gehen. Als er einen kleinen Blick durch die Tür warf, stockte er jedoch in der Bewegung, denn offensichtlich störte er Jack und Timm, die in enger Umarmung vor dem Herd standen.

Ein kleiner Stich, beinahe Eifersucht, durchfuhr Hilel, der sich sogleich schuldbewusst abwenden wollte, aber Timm löste sich in dem Augenblick von Jack und entdeckte ihn.

Timm spürte Erregung und Begehren, wie immer, wenn er Jack so an sich gepresst hielt, wie immer, wenn sie zusammen waren. Doch zugleich spürte er, dass es nicht helfen würde, wenn sie übereinander herfielen. Zudem überwog die Trauer in ihm, die Verwirrung, und das Begehren, das er nicht wirklich wollte, kam dagegen nicht an.

Von der Zerrissenheit gereizt hob er den Kopf und erwischte den kleinen Priester Hilel, der sie offensichtlich beobachtet hatte. "Komm ruhig herein, Hilel. Du störst nicht", rief er ihm zu und sagte Jack ein wenig leiser "Ich werde zum See gehen und Fisch holen für heute Abend." Abrupt ließ er seinen Lebensgefährten los und verließ die Küche, ohne sich noch einmal umzusehen.

Das Fehlen der Wärme ließ Jack schwindeln; Kälte setzte ein, die von innen kam. Tastend suchte er nach Halt, doch das raue Metall des Herdes fühlte sich genauso unwirklich an, wie seine ganze Welt zu sein schien, wie Nebel, der feste Form anzunehmen versuchte. Er brauchte einen Moment, ehe er sich zu Hilel umdrehen konnte, nach dem er sich so sehr gesehnt hatte. Der Anblick des kleinen Priesters, die verwirrten großen Augen, die ihn besorgt musterten, die dunkle, vertraute Kutte rückten seine Sicht gerade. Die Konturen wurden klarer, und Jack konnte wieder richtig atmen.

Freude prickelte in ihm empor, weil Hilel hier war, und ließ das schlechte Gewissen und das Gefühl von Schuld und Sorge um Timm ein wenig in den Hintergrund treten. Hilel ging es gut, und der Abt hatte ihm nicht die Besuche verboten. Jack löste die Hand vom Herd und lächelte den zierlichen Mann an. "Hallo. Geht es dir wieder besser?"

Hilel schüttelte den Kopf, noch bevor er hätte antworten können. Dann fing er sich und sagte mit zu dünner, aber dafür nicht allzu kippeliger Stimme "Doch, eigentlich geht es mir schon wieder sehr gut. Sonst hätte ich auch nicht... herkommen dürfen." Tastend trat Hilel einige Schritte näher. Das Verlangen in ihm, Jack zu berühren, ihn anzufassen, ihn zur Realität zu machen, wurde so mächtig, dass er die Finger schmerzhaft fest in seine Kutte grub. "Ich wollte etwas fragen... über deine Erinnerungen." Mit roten Wangen senkte er den Kopf. "Wenn das nicht zu persönlich ist natürlich."

Jack nickte leicht, betrachtete die geschwungenen Wimpern, das einzige, was er von Hilels Augen noch sehen konnte, und wünschte sich, dass der andere ihn wieder anschauen würde. Je näher der Priester ihm war, um so realer schien das Leben zu werden. Als würde Hilel den Frühlingswind in einen Raum bringen, der viel zu lange abgeschlossen gewesen war; als würde er Vorhänge beiseite ziehen und die Sonne herein lassen. Das Fenster öffnen, um die Vogelstimmen hören zu können... oder gleich die Tür, damit man ihm nach draußen folgen konnte, wenn man den Mut dazu hatte. "Was möchtest du wissen?"

Unsicher betrachtete Hilel seine Kutte. Eine Illusion, wie er wusste. Eigentlich war er doch nackt, eigentlich war er verkabelt, über und über, und eigentlich schwebte er in einer Kontaktlösung, bekam über einen Schlauch Sauerstoff, bekam über eine Maske elektrische Impulse, die ihm die Welt, in der er nun so fest stand, zeigten. Das Wissen machte alles schwieriger. Was wollte er eigentlich? Mehr über Jack erfahren, mehr von Jack... Jack. Er wollte ihm nahe sein, ihn berühren können, ohne dass die Welt versank. "Ich... würde gern einfach mehr von dir erfahren."

Der Frühlingswind in Jack wurde wärmer, brachte all das mit sich, was man vom Frühling erwartete, die Leichtigkeit, das Prickeln, die Freude. Doch er widerstand der Versuchung, die Hand nach dem anderen Mann auszustrecken, um ihn zu berühren, ihn an sich zu ziehen, ihn zu spüren. /Mit ihm ist es, als würde ich schweben. Es ist so... richtig./

Mit einem leichten Lächeln wandte er sich ab und holte Becher aus dem Regal, um ihnen von dem nun abgekühlten Tee einzuschenken, den er am frühen Morgen gekocht hatte. "Es gibt nicht viel mehr von mir, als du kennen gelernt hast. Das Gasthaus hier ist mein Leben. Ich habe schon immer hier gewohnt, mit Timm." Das Lächeln verschwand, als er fröstelte und an seinen Gefährten dachte, den er nur auf eine Art lieben konnte, die nicht genug war.

Hilel bemerkte erschrocken, dass seine Frage Jack betrübt hatte auf eine Art. "Aber es kann doch nicht jeder Tag sein wie der andere, oder doch?" Schüchtern sah er schließlich doch in das Gesicht hoch, von dem er träumte, ob er schlief oder nicht, das er so viele Male gezeichnet hatte und fragte noch leiser, einen kleinen Schritt dichter tretend "Neulich, da war doch auch kein Tag wie jeder andere."

Jack schüttelte den Kopf und erwiderte den hellen, scheuen Blick, während die Sehnsucht, den zarten Priester erneut zu küssen, die weichen Lippen zu spüren, in seinen Duft gehüllt zu werden, beinahe unerträglich wurde. "Neulich... war der schönste Moment meines Lebens." Ein Moment voll Zauber und Wunder, den er zu gerne wiederholt hätte, aber gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, dass Hilel ein Gelübde abgelegt hatte. Jack rettete sich damit, dass er ihm den Becher mit dem Tee reichte. Als ihre Finger sich dabei leicht streiften, hielt er den Atem an. Für den Bruchteil eines Augenblicks schien die Welt wieder zu schwanken, doch dieses Mal war es ein angenehmes Gefühl, das ihn zum Lächeln brachte. "Und ich bin froh, dass ich es nicht vergessen habe, wie so oft das Vergessen kommt, wenn Dinge geschehen, die nicht alltäglich sind."

Tiefrot senkte Hilel den Blick auf den gescheuerten Steinboden der Küche, das Muster der Steine wurde unscharf, verschwamm. Leichte Panik vermischte sich mit der Liebe, die über ihn hereinbrach. "Ich... ich..." Hilflos nippte er von dem Tee, ohne den Geschmack wahrnehmen zu können. Endlich fing er sich und lächelte zaghaft. "Ich gelobe, dass ich diesen Moment niemals vergessen werde, Jack. Ich führe Tagebuch und habe ihn schon auf zehn Seiten festgehalten, diese Gefühle, die mich heimgesucht hatten, als die Welt..." Er stockte und trank hastig noch einen Schluck von dem Tee. Beinahe hatte er sich versprochen, verraten und hätte alles noch schlimmer gemacht. "Ich werde es immer nachlesen können, wenn ich dich nicht mehr besuchen kann", flüsterte er dann statt einer weiteren Ausführung und lächelte nun überzeugter. "Das macht mich jetzt schon glücklich."

Jack versuchte, das Gefühl von Wärme und Nähe festzuhalten, aber es entglitt ihm; es war, als würde er versuchen, Wasser mit gespreizten Fingern zu schöpfen. Niemand konnte ihn so gut wie Hilel mit einigen Sätzen, mit nur einigen Gesten und Blicken in den Himmel heben, um ihn im nächsten Moment um so tiefer stürzen zu lassen. /...wenn ich dich nicht mehr besuchen kann./ Er konzentrierte sich auf seinen Atem, kämpfte Angst nieder, als die Küche erneut in Nebel getaucht wurde. Nur Hilel war klar, als sei er das einzig Echte in der Welt, als sei alles andere eine Illusion.

"Ist es denn sicher, dass du gehen wirst?", fragte er mit einer Beiläufigkeit, die zu gezwungen war, um echt zu sein. /Was mache ich, wenn er geht?/ Es begann weh zu tun.

Hilel senkte den Kopf und nickte leicht. Er konnte nicht mehr sprechen, jetzt, nachdem er es gesagt hatte, nahm dieses Wissen auch eine reelle Gestalt an. Er würde diesen Jack, den jungen Koch des Gasthauses, nie wieder sehen. Und Jack würde ihn, den neugierigen und schüchternen Priester ebenso wenig noch einmal sehen. Höchstens in der wirklichen Welt würden sie sich begegnen, wenn Jack überhaupt noch am Leben war.

Sein Verlangen, den anderen zu spüren, überwältigte jede mahnende Stimme in Hilels Kopf, rasch stellte er den Becher in die Spüle, trat auf Jack zu und umfing seine Finger mit beiden Händen, um sie kurz einmal an seine Wange zu drücken. "Es tut mir leid, Jack." Hastig, weil sich schon wieder der Nebel in seine Sicht schob, weil er bereits die schreckliche Übelkeit zu spüren begann, die ihn letztes Mal heimgesucht hatte, wandte er sich ab und rannte aus dem Haus.

Jack wollte ihm folgen, doch als Hilel ihm die Hände entzog, entzog er ihm alles, was seine Welt zusammen hielt. Die Berührung war so wahr gewesen, so richtig, so wirklich, dass er unvermittelt ins Leere taumelte, als er einen Schritt nach vorne machte. Hilels schlanke, dunkel gewandete Gestalt lief auf keine Tür zu, sondern nur noch auf ein Loch im Nebel, verschwand darin und wurde unsichtbar. Jack spürte, wie seine Beine nachgaben, doch der Schmerz des Aufpralls blieb aus, als er auf Händen und Knien aufkam. Der Boden unter seinen Fingern war nachgiebig und substanzlos; er konnte nicht einmal die vertrauten, abgeschabten Dielen ausmachen.

Hilflos und panisch keuchte Jack auf, als sich etwas über sein Gesicht zu legen schien, das er nicht sehen konnte; ein Gefühl, als würde er in zähem Schleim versinken, kroch an ihm empor. Er wollte nach Timm rufen, nach seiner Sicherheit und seinen Armen, die ihn immer zurückgeholt hatten, doch kein Ton kam über seine Lippen. Der Schleim um ihn wurde fester, hinderte ihn an jeder Bewegung, hinderte ihn am Atmen, und je mehr Jack dagegen ankämpfte, um so schlimmer wurde es. Dunkelheit umfing ihn und raubte ihm die Kraft. Stumm wimmerte er auf, während sein rasendes Herz das Blut mit Donnergetöse durch seine Adern jagte, bis es das einzige war, was er noch hören konnte.

 

Timm war aus dem Haus geflüchtet, vor Jack geflüchtet. Liebe, so sicher war sie ihnen gewesen, das Zusammensein war immer so harmonisch gewesen, und was war davon geblieben? Nur noch der Wunsch, sich an dem Gewohnten festzuhalten. /Ich sollte zur Kathedrale gehen und Shayde fragen. Wie kann ich nur so zu Jack sein? Er und ich gehören doch zusammen, oder? Oder nicht? Was ist richtig?/

Am See, noch bevor er die Sorgen abschütteln konnte, kam ihm ausgerechnet Shayde aus dem Wald entgegen, und erst als Timm das runde von der dunklen Kutte gerahmte Gesicht erblickte, wurde ihm klar, dass er nicht zu den Fischern, sondern von allein wie es schien in Richtung des Waldpfades gegangen war, auf dem die Priester stets gingen.

Shayde war stehen geblieben, als er die kräftige, vertraute Gestalt sah, die ihm entgegen kam. Er war langsam gelaufen, hatte immer wieder angehalten, um dieses Treffen, das eines der letzten sein würde, hinauszuzögern, weil er sich davor fürchtete und dann doch immer wieder einige Schritte gerannt, weil er wissen wollte, ob Timm nicht bereits aufgelöst, ausgelöscht war und die Angst und die Trauer ihm die Kehle zuschnürten.

Den Gastwirt nun außerhalb des Schankraumes zu sehen, hier schon nahe der für die Dorfbewohner verbotenen Grenze, war ungewohnt. Er war in sich zusammengesackt, die Schultern ein wenig nach vorne gesunken und wirkte gar nicht mehr so selbstsicher und fröhlich, wie Shayde es von ihm kannte.

/Ob er etwas ahnt?/, fragte er sich erschrocken, doch allein der Gedanke war so absurd, dass er ihn gleich wieder vergaß. Er schob seinen eigenen Schmerz beiseite und versuchte, für Timm ruhig und zuversichtlich zu sein. Wie sollte er ihm auch sagen, dass sein Tod beschlossene Sache war? "Hallo, Timm." Er lächelte ein wenig, wenn es auch mühsam war. "Was machst du hier? Kann ich dir helfen?"

"Helfen?" Einen Moment lang klang es für Timm ungewöhnlich, dass der kleine Priester Hilfe anbot, doch dann erinnerte er sich, dass ein Gespräch in Shaydes Augen ebenso Hilfe war, wie bei einer Arbeit mit anzupacken. Er trat dichter auf ihn zu, dann setzte er sich auf einen der umgefallenen Baumstämme, die den Waldpfad säumten. "Ja. Vielleicht kannst du mir helfen. Als Priester vielleicht sogar. Ich habe mich eben mit Jack unterhalten. Er war so merkwürdig abwesend. Schon immer eigentlich, aber es hat so zugenommen, eigentlich seitdem der kleine Novize von euch in unserem Garten aufgetaucht ist. Heute hat Jack..." Verwirrt fuhr Timm sich mit den Händen in die Haare. "Ja, wir haben uns getrennt, könnte man sagen und ich fühle mich mit einem Mal ziellos."

Shaydes Augen weiteten sich. "Getrennt? Aber..." Das war nicht möglich! Jack und Timm gehörten zusammen; ihre Programme waren miteinander verknüpft. Es war vollkommen ausgeschlossen, dass sie sich trennten, wenn die Codes nicht umgeschrieben wurden. Und das war mit Sicherheit nicht geschehen, denn die Informatik-Professorinnen waren auf dem gleichen Treffen, auf dem auch Mejdan war. Zudem konnte Hilel auf keinen Fall damit zu tun haben; das war ebenso ausgeschlossen.

Unsicher betrachtete er Timm, dessen blondes Haar vollkommen zerzaust war, ehe er sich zu ihm setzte. Er brauchte einen Moment, bis er es wagte, die Hand nach ihm auszustrecken und sie über Timms ein wenig raue, warme Finger zu legen und sie sachte zu drücken. "Du meinst... ihr habt euch gestritten und seid im Zorn auseinander gegangen?"

Timm erschrak, als Shayde ihn zum ersten Mal, seit sie sich kannten, nicht nur aus Versehen berührte. Es fühlte sich warm an und merkwürdig tröstend, richtig. Noch nie zuvor hatte er so mit Jack fühlen können; dies mit einem Mal zu verstehen, brachte Timm noch viel mehr zur Verzweiflung als die Furcht vor der Einsamkeit. "Nein, es war kein Streit. Jack hat sich in Hilel verliebt. Ich weiß, er war immer mit mir zusammen, und er war mir immer treu, wie ich ihm. Wir... es war einfach immer schon so. Aber ich weiß auch, dass es nicht wirklich richtig war. Es war nur das Beste zu der Zeit, nicht das Richtigste für ihn." Seufzend blickte er zum Gasthaus zurück, es lag in merkwürdigen Dunst gehüllt da und wirkte unwirklich, unwirklicher als Shaydes Berührung, als sein leises Atmen, als seine Stimme. Timm bekam aus heiterem Himmel Angst. Ohne zu wissen woher, ohne zu wissen wovor. Erschrocken umfasste er Shaydes Finger fester als geplant.

Fassungslos sah Shayde zu Timm hoch, als dieser ihm all diese Unmöglichkeiten offenbarte, als wäre er nicht an die Programmierung gebunden, als wäre es... außerhalb des Logs. Jack in Hilel verliebt, er und Timm getrennt, sie waren sich bewusst, dass es nicht so sein musste, sondern nur... /Es geht nicht. Das kann nicht sein. Programme. Es sind nur Programme. Sie können das nicht tun. Jemand muss damit herumgepfuscht haben./

Aber so verängstigt, wie Timm ihn ansah, so fest, wie er ihn hielt, war er derart real, als wäre er... /Sie wollen ihn löschen. Sie wollen sie alle löschen./ Shaydes Herz begann schmerzhaft zu schlagen, als er in die verzweifelten, blauen Augen sah, die Hilfe von ihm zu erwarten schienen. /Es muss doch einen Weg geben, wie ich ihn retten kann. Es geht doch nicht, dass ich ihn einfach im Stich lasse!/ Entgegen der Gesetze, die Nähe verboten, presste er die ein wenig zitternde Hand gegen seine Brust und erwiderte den Blick. "Hab keine Angst, Timm. Leben ist Veränderung. Manchmal muss Altes gehen, um Neuem Platz zu machen."

Verwirrt starrte Timm Shayde in das Gesicht, in dem die Augen vor Schreck geweitet waren, während er mit einer sehr unpassend dünnen Stimme einen wie erwartet tiefsinnig und zugleich beruhigenden Satz sagte. "Ja, das schon, aber ich habe Angst davor, wovor auch immer, und ich spüre... du hast auch Angst, nicht?" Unsicher hob Timm seine freie Hand, fast schon hatte er das Gesicht des Priesters berührt, doch der Wunsch allein steigerte seine Angst dermaßen, dass er sich davon erdrückt zusammenkrümmte. "Du doch auch", flüsterte er stattdessen und kniff die Augen fest zu.

 

Najib massierte sich mit beiden Händen den schmerzenden Nacken, was keinerlei Erleichterung brachte, und griff dann blind nach ihrem Kaffeebecher, den sie in dieser Nacht oft genug an dem Automaten der Bibliothek nachgefüllt hatte, um die Übersicht zu verlieren, wie viel sie getrunken hatte. Übermüdet starrte sie die Aufzeichnungen an, die Studentinnen aus vergangenen Semestern angelegt hatten, und konnte kaum noch die einzelnen Buchstaben voneinander trennen.

Die Tasse war leer, was sie dazu brachte, von dem Computer aufzustehen, um sich neuen Kaffee zu holen, doch stattdessen blieb sie am Fenster stehen und sah zum Dom hinüber, dessen Glaskuppel die roten Strahlen der Morgensonne einfing. Sie hatte viel herausgefunden in dieser Nacht, zu viel beinahe schon, und bei einigen Dingen war sie sich nicht sicher, ob nicht ihre Müdigkeit dafür verantwortlich war, dass sie Zusammenhänge sah, wo es keine gab. Namen huschten ihr durch den Kopf, Beschreibungen von Dorfbewohnern, die es nicht mehr gab, weil sie ausgetauscht worden waren. Codefetzen drängten sich ihr auf, die Aussehen bestimmten, die Handlungen definierten. Berichte mengten sich dazwischen, die Fehler im Log beschrieben, im Verhalten der Menschen.

Und Arbeiten von Studentinnen, die versucht hatten, einerseits die Programmierung der Menschen nachzuempfinden und andererseits programmierte Abd-Jabir zu erschaffen. Es lief immer auf das gleiche hinaus. Es war unmöglich. /Es geht nicht. Die Menschen im Log existieren dennoch. Dann diese unsinnige Regel, dass man sie nicht berühren darf... ich wünschte, ich hätte mich öfter mit ihnen beschäftigt. Ich muss rein, sobald die Sperre vorbei ist. Und wenn ich ausgeschlafen bin. Um das zu überprüfen./

Aber im Moment wies jedes Stück an Information, das sie zusammengetragen hatte, darauf hin, dass die Menschen genauso wie die Studentinnen und die Professorinnen gelogt wurden. Najib rieb sich die brennenden Augen und ließ ihre verspannten Schultern kreisen; ihr Zorn über diese Erkenntnis war mit der Erschöpfung in den Hintergrund getreten.

 

Hilel stand unter der Dusche und ließ schon zum fünften Mal die vorgeschriebene Menge Wasser über seinen Kopf laufen, mit geschlossenen Augen versuchte er, mit dem Weinen aufzuhören. Die Dusche stellte sich mit leisem Klingeln aus, und die freundliche, weiche Stimme eines Männchens bedankte sich für die Geduld. Da es nicht half, noch mehr zu duschen, tappte Hilel mit gesenktem Kopf und hinter sich herschleifenden Schwanz zu der Umkleide hinüber, um sich abzutrocknen und anzuziehen.

Jack zu berühren war ein Fehler gewesen, die Welt war erneut verschwommen, hatte sich aufgelöst, und er wäre beinahe im Wald ohnmächtig geworden, hatte sich gerade noch so in die rettende Dunkelheit des Lograums begeben können. Nun fühlte er sich wie zerschlagen. Ein Glück für ihn war nur, dass er von einem Narkosehelfer gelogt worden war, der noch auf Shayde warten musste und so nicht genügend Zeit gehabt hatte, um sich darum zu kümmern, dass die Feuchtigkeit auf Hilels Wangen nicht nur von dem Kontaktmittel aus der Kugel stammte.

Er machte sich zu Fuß auf den Nachhauseweg, bemerkte erst, dass es schon Morgen war, als der kleine Wagen, der Milch und Brot an die Häuser lieferte, ihn mit einer kleinen Melodie vorwarnte, bevor er überholte. "Na? Noch fleißig gelernt? Hier, nimm eine Milch, die hilft dir wieder auf die Füße." Mit einem freundlichen Nicken reichte der mollige Austräger ihm die Flasche, und Hilel lächelte dankbar, mit einem Mal war die Welt doch nicht mehr so düster, und er nahm sich vor, nach einigen Stunden Schlaf, in die Bibliothek zu gehen, um nach Jack zu suchen.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh