Illusionen

21.

Mejdan hatte am Morgen noch immer Kopfschmerzen und war noch immer wütend auf Jamnah, vor allen Dingen auf ihre arrogante Art. Einfach mal eben mitzuteilen, dass die Menschen, dass alles im Log, alles einfach, mit dem sie gearbeitet hatten, neu erstellt werden würde. Die Nacht war nach dem Anruf bei Shayde noch lang gewesen, sie hatten den Zeitplan diskutiert, die Professorinnen hatten zum Teil protestiert, da ihre laufenden Projekte einfach abgeschnitten, wohlmöglich getötet wurden durch das Vernichten des Logs.

Erst das Entsetzen der Botaniker machte Mejdan klar, dass die Programme zum großen Teil nicht einfach zu reproduzieren waren; sie waren derart komplex miteinander verknüpft, in Wenn-dann-Abläufe eingebunden, dass nicht nur einfach das Log, sondern ein in sich laufendes und sich selbst weiterentwickelndes System mit dem Shutdown sterben würde.

/Und meine Abteilung? Wir sind die einzigen, denen es egal sein kann. Die Narkose, wie gelogt wird, wann jemand raus muss, um nicht durchzudrehen, das alles ist berechnet und kann einfach weiter verwendet werden. Ich denke nicht, dass es für uns spannend werden wird./ Sie bestellte sich Kaffee auf ihr Zimmer und nippte ihn noch im Bett sitzend, während sie darüber nachdachte, wie traurig Shayde sein würde, wenn er Timm nicht mehr hatte. /Wie ein Freund, wie ein reelles Wesen ist Timm für ihn gewesen. Ich sollte früher zurückfahren, ihn nicht allein lassen mit diesem Wissen./ Doch zunächst erlag sie ihrem Verlangen und wählte sich in Najibs Zimmer im Wohnheim ein.

Najib verfluchte leise den Signalton ihres Computers, der sie empfing, als sie ihr Zimmer betrat. Sie hatte eigentlich vorgehabt, nur noch in ihr Bett zu fallen, und für einen Moment war sie versucht, die Lautsprecher auszuschalten. Dann dachte sie daran, dass es vielleicht Mejdan war; der Gedanke brachte sie zum Lächeln, wischte die Müdigkeit ein wenig beiseite. Sie warf die Tasche mit ihren Aufzeichnungen in eine Ecke, schloss die Tür hinter sich und hechtete zu ihrem Schreibtisch, um das Gespräch entgegen zu nehmen. Während sie hastig einlogte, kam ihre Mitbewohnerin aus dem Bad, winkte ihr flüchtig zu und verließ dann das Zimmer, wie üblich viel zu spät, was Najib ein Grinsen entlockte. Dann tauchte Mejdans geliebtes Gesicht auf dem Bildschirm auf und wischte alle anderen Gedanken in dem Vermissen beiseite.

Mejdan hatte sich gerade so richtig in Najibs Anblick, in ihrer Stimme und ihrem Begehren nach ihr aalen wollen, als ein scharfes Klopfen fast zeitgleich mit dem fragenden, sehr müden Gesicht ihrer Geliebten sie in Entscheidungsnot brachte, was wichtiger war. "Hallo, bleib mal dran, bitte." Sie warf ein kleines Lächeln in Najibs Richtung und ging zur Tür, vor der eine der Botanikprofessorinnen gemeinsam mit der Sprecherin der wissenschaftlichen Abteilungen verlangte, dass Mejdan sich mit ihnen zu einer unabhängigen Diskussion um den Zeitpunkt des Logschlusses traf.

Mejdan sagte zu und fluchte leise über die Hektik, mit der alle, die Direktorin wie auch alle leitenden Professorinnen, stets an ihre Arbeit gingen. Konnten sie nicht einmal ein wenig Ruhe walten lassen und beispielsweise abwarten, bevor sie sich beschweren gingen?

"Entschuldige, ich kann leider nicht lange bleiben. Es hat sich etwas Verblüffendes ereignet. Irgendwie ist es schlecht, aber dann auch wieder gut, für dich... für uns ist es gut." Sie fuhr sich mit einer Hand über die Augen. "Ich rede Unsinn, verzeih mir bitte. Das Log wird gelöscht werden in den nächsten Ferien. Die Uni wird eine Kurszeit geschlossen bleiben, also werden wir noch sehr viel Zeit haben, um darüber zu reden, ja?"

"Das Log wird gelöscht?" Najib blinzelte verwirrt, begriff nicht ganz, was diese unerwartete Nachricht zu bedeuten hatte. "Und was geschieht mit den Menschen?"

Mejdan hob desinteressiert die Schultern. "Die Programme werden wohl nicht gespeichert werden. Sehr offensichtlich kann das Log nur als Ganzes funktionieren. Du fehlst mir, was hast du gemacht?", versuchte sie abzulenken. Über das Log hatte sie nun wirklich lange und ausgiebig genug geredet.

"Es geht mir nicht um die Programme, es geht mir um die Menschen", warf Najib ungehalten darüber ein, dass Mejdan ausweichen wollte, während ihr langsam die Tragweite dieser Neuigkeit bewusst wurde. Dann hielt sie inne und starrte das hübsche, offene Gesicht auf dem Bildschirm fassungslos an. Ausweichen. Natürlich, sie musste es gewusst haben. Sie war schließlich eine der Leiterinnen der medizinischen Abteilung! Jemand musste sich darum gekümmert haben, dass die Menschen versorgt wurden, dass ihre Logs reibungslos verlief. Und der Leiterinnen der Abteilung hatten Einsicht in alle Logprotokolle. "Es ist dir... Verdammt noch mal, Mejdan! Es ist dir gleichgültig? Ist es das? War es das die ganze Zeit? Vollkommen egal, was mit ihnen geschah?"

Es schnürte ihr die Kehle zu, während Zorn in ihr aufstieg. Wie konnte sie so kalt sein? /Sollen sie doch verrecken, ist es das, was du denkst? Es sind ja nur Menschen?! Und dich dann aber öffentlich darüber aufregen, wie Menschen behandelt werden!?/

Verwirrt sah Mejdan in Najibs sehr offensichtlich wütendes Gesicht. "Nein, ist es nicht. Ich bin nur nicht so traurig wie Shayde. Er verliert mit Timm sicherlich einen guten Freund. Ich war ja fast nie im Log und hatte nicht die Gelegenheit, mich so eng einzubinden." Ein wenig ärgerte es sie nun aber doch, dass Najib ihr Gleichgültigkeit vorwarf.

Es klopfte noch einmal an ihrer Tür und sie drehte sich kurz um. "Moment noch, bitte!" Fast schon konnte sie ein nervöses Männchen von der Rezeption sehen, wie es mit zuckendem Schwanz eine Nachricht überbringen wollte.

"Fast nie im Log! Aber du hast gewusst, dass sie jahrelang... Du vor allen anderen weißt doch genau, wie schädlich es sein kann! Und ihnen ihr Leben auf diese Weise zu rauben! Dann macht es jetzt auch keinen Unterschied mehr, ob sie ausgelöscht werden, ja? Und dass du Shayde damit einen Freund nimmst, sogar das ist dir egal?" Najib konnte den verständnislosen Ärger, warum sie sich so aufregte, in Mejdans orangefarbenen Augen sehen. /Wie habe ich mich nur in ihr derart täuschen können?/ Es tat weh, schlimmer, als sie gedacht hätte. "Geh schon zu deiner Besprechung, Mejdan. Kümmere dich nicht um die Menschen, aber kümmere dich auch nicht mehr um mich."

Mejdans Verwirrung schlug in Ärger um. "Verdammt noch mal! Ich kann doch auch nicht immer und für wirklich alles zuständig sein!", schrie sie in den Bildschirm hinein, dann erst sackte ein Teil der Rede. /Kümmere dich nicht um die Menschen? Was soll denn der Stuss bedeuten? Seit wann sind die.../ "Was haben denn Menschen damit zu tun, Naj... Mist, verdammter!" Najib hatte den Schirm bereits geschlossen und ging auf Mejdans weitere Versuche zurückzurufen nicht ran.

Mit Magenschmerzen und endlos wütend stürmte Mejdan in die kleine Versammlung der Professorinnen hinein, um sehr resolut zu sagen "Wo ist die Protestschrift? Wenn sie noch nicht geschrieben ist, gebt mir einen Zettel, ich unterschreibe es blanko!" Die Protestschrift an Jamnah war schon fertiggestellt worden, und Mejdan unterschrieb im Stehen, verließ das Hotel nur wenige Augenblicke später, noch immer ungeduscht und sehr wütend.

/Verdammte Göre, der werde ich den Hintern versohlen! Was bildet die sich eigentlich ein, mich so anzuschreien, wegen eines verdammten... Programms? Ich hätte ihr diese hochgeheimen Informationen nicht überlassen dürfen. Studentinnen... alle gleich, sprunghaft, launisch und unkritisch... eine Horde Schafe.../ "Genau wie du da vorn! Fahr rüber, wenn du es noch nicht gelernt hast, verdammt!" Noch wütender angelte sie nach ihrer Sonnenbrille und beschleunigte.

 

Als Shayde den Lograum verließ, war er noch immer verwirrt und aufgewühlt von dem, was geschehen war. Timm und Jack hatten gegen ihre Programmierung gehandelt und sich getrennt; er und Timm hatten sich berührt, hatten nebeneinander gesessen und sich an den Händen gehalten, und es war schön gewesen, trotz der Angst.

Ihn loszulassen war sogar noch schwerer gewesen als ihn anzufassen, doch irgendwann hatten sie sich trennen müssen. Noch immer konnte Shayde den sanften Druck und die raue Haut von Timms Fingern spüren, sein Zittern, den hilfesuchenden Ton seiner warmen Stimme.

"Er ist so real, lebendiger als so manch anderer, die mir außerhalb des Logs begegnet ist", flüsterte Shayde in den leeren Gang, den er entlang eilte. "Ich kann doch nicht einfach zulassen, dass er nun... dass er aufhören wird zu existieren, nur weil ein paar Professorinnen das beschlossen haben."

Es musste einfach eine Möglichkeit geben, die Menschen zu retten! Verzweifelt suchte er nach einer Lösung, während er den Dom verließ und nach Hause lief, weder den Bus registrierte, der ihm vor der Nase wegfuhr, noch die tausend kleinen Dinge, in denen er sich sonst verlieren konnte. Selbst wenn es nur Programme waren, konnte man sie doch nicht einfach töten! Timm lebte doch, traf seine eigenen Entscheidungen, er fühlte, er... Was, wenn er gar kein Programm war? Er benahm sich nicht so. Und die anderen... Nicht ein einziger der Menschen war vollkommen fehlerfrei. Was, wenn es keine Fehler waren, was immer wieder auftrat, sondern einfach... Menschlichkeit?

Shaydes Herz begann bis zum Hals herauf zu schlagen, als er diese Möglichkeit nicht nur wünschte, sondern ernsthaft in Betracht zog. Er blieb mitten auf der kleinen Straße stehen, die in die Siedlung führte, und musste tief durchatmen, als ihm die Folgen, die sich daraus ergaben, bewusst wurden. Wenn es wirklich so war, gab es natürlich die Chance, Timm und all die anderen zu retten. Sie mussten ausgelogt werden, mehr nicht. Aber dafür musste er sie finden, und es bestand die Gefahr, dass es dafür schon zu spät war. Immerhin waren sie über Jahre im Log gewesen; es konnte ja schon zu Schäden kommen, wenn man die Logzeit weitaus geringer überzog.

Der Gedanke machte ihm beinahe noch mehr Angst als der, gar nichts tun zu können. Was, wenn er Timm fand, nur um zu erfahren, dass er sterben würde, sobald er vom Log getrennt wurde? Was, wenn er gar nicht mehr in der Lage war, außerhalb des Logs zu überleben? Was...

"Erst einmal musst du ihn überhaupt finden", sagte er sich atemlos und faltete seine zitternden Hände verkrampft, um sie ruhig zu halten, auch wenn sein Schwanz seine Bemühungen zunichte machte und nervös hin- und her schlug. "Vielleicht... redest du dir ja jetzt auch nur etwas ein."

Einen Moment lang überlegte er, ob er Mejdan anrufen und sie um Rat fragen sollte, doch er nahm schnell wieder Abstand davon. Bestimmt wollte sie nicht wegen seiner Träumereien aus einer Sitzung geholt werden. Oder sie schlief noch, so früh, wie es war; dann wollte er sie nicht wecken. /Außerdem sollte ich erst einmal schauen, ob ich nicht Beweise dafür finden kann, bevor ich sie mit meiner Sorge um Timm beunruhige. Sie löschen das Log nicht vor den Ferien, ich habe Zeit dafür. Mindestens genug, bis Mejdan wieder zu Hause ist./

Der Gedanke beruhigte ihn und half ihm, Carol mit einem Lächeln zu begrüßen, als er das Haus betrat. Er ließ sich einen Kaffee in sein Zimmer bringen und nahm sich nicht einmal die Zeit, sich zu duschen und umzuziehen, ehe er seinen Computer einschaltete. /Sie können die Menschen nicht allzu weit vom Lograum untergebracht haben. Die Entfernung zum Hauptcomputer darf nicht zu groß sein, sonst kommt es zu Schwierigkeiten bei der Datenübertragung. Also müssen sie im Dom sein. Aber wo?/

Er rief die Karte des Doms aus der Bibliothek ab und druckte sie sich aus, jedes Stockwerk einzeln, um sie auf den Boden nebeneinander legen zu können. Zwischen den Blättern sitzend stellte er fest, dass es nicht allzu viele Orte gab, die in Frage kamen. Einzig die Räume von Jamnah und den höheren Professorinnen und der Keller waren ihm nicht so geläufig. Die Büroräume strich er gleich wieder, sie boten zu wenig Platz. Aber der Keller...?

Aufgeregt zog er das Blatt mit dem Kartenausschnitt zu sich. Die Stockwerke folgten in der Anordnung ihrer Räume alle einem gewissen Prinzip, doch hier schien ein Stück einfach zu fehlen. Es fiel nicht weiter auf, aber zwischen den Heizungsräumen gab es eine Lücke, die groß genug wäre. /Oh, das muss ich gleich prüfen! Wenn es da eine Tür gäbe! Wenn es einen Weg gäbe, Timm zu retten... und ihn dann... bei mir.../ Der Gedanke machte ihn nervös.

Das Blatt noch in der Hand sprang er auf und lief zum Computer zurück, um den Ausschnitt auf dem Bildschirm zu vergrößern. Aber auch die Detailansicht brachte kein Ergebnis. Er würde selber nachsehen müssen. Zu ängstlich und zu sehr voller Hoffnung, um zu warten, verließ er sein Zimmer und rannte dabei fast in Carol, die ihm doch ein Frühstück hatte bringen wollen.

Mit geröteten Wangen lächelte er sie an. "Danke. Stell es einfach rein, ja? Ich bin gleich wieder da; ich muss nur noch schnell zurück und etwas überprüfen." Ihren Protest, dass er erst einmal essen sollte, hörte er schon nicht mehr. Den Weg zur Straße hin nahm er im Dauerlauf, aber dann war er so außer Atem, dass er sein Tempo verringerte und an der Haltestelle doch lieber auf den Bus wartete.

Als er den Dom betrat, hatte er das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Es kostete ihn Mühe, seinen Schwanz ruhig zu halten und nicht nervös die Ohren in jede Richtung zu drehen. Er wurde erst ein wenig ruhiger, nachdem die Tür des Treppenhauses hinter ihm zugefallen war und er außer Sicht war. Rasch lief er die kahle Treppe nach unten, die nicht recht zu dem schönen, modernen Ambiente des restlichen Gebäudes passen wollte. Der fensterlose, von Neonröhren erleuchtete Flur war ebenfalls nicht für Besucher gedacht. Zwar waren die Lüftungsrohre verschalt, aber man konnte das leise Summen deutlich hören.

Shayde kamen seine Schritte auf dem dunklen Noppenboden erschreckend laut vor, während er den Gang hinab lief und die Türen abzählte, bis er die erreichte, die er gesucht hatte. Einen Moment lang blieb er davor stehen und lauschte, doch außer dem leisen, allgegenwärtigen Rauschen konnte er nichts hören. Schließlich atmete er tief durch und drückte die Klinke hinunter.

Es überraschte und erschreckte ihn ebenso, dass er eintreten konnte, wie das Licht, das den Raum erhellte. Hastig sah er sich um, doch außer ihm war niemand anwesend. Die Heizungsanlagen waren unter ihren hellen Verschalungen versteckt, die kleine Öffnungen für Kontrolllämpchen in Rot und Grün und Displays freiließen. Im rückwärtigen Teil stapelten sich Kisten bis fast zur Decke empor. Nervös eilte er weiter, um hinter die Stapel zu schauen.

Sein Herz machte einen Satz, als er die Tür entdeckte, die in den Plänen nicht eingezeichnet war. /Da! Bestimmt sind sie dort! Oh, Ashiqa! Wenn doch nur.../ Noch bevor er bis zum Schluss darüber nachgedacht hatte, hatte er die Klinke herunter gedrückt. Die Tür rührte sich nicht. /Natürlich. Sie haben abgeschlossen, für den Fall, dass jemand zufällig hier herunter kommt. Wahrscheinlich war es auch nur ein Versehen, dass ich überhaupt bis hier gekommen bin./ Enttäuscht ließ er die Schultern sinken. Ob Mejdan eine Möglichkeit wusste? Warum war sie nicht hier?

Ein Geräusch hinter den Kisten ließ ihn erschrocken erstarren. Es dauerte einen Moment, ehe ihm bewusst wurde, dass jemand den Raum betreten hatte. Schnelle Schritte näherten sich ihm, dann hörte er leise, aufgeregte Stimmen. Panisch sah er sich um und konnte gerade noch hinter einer Kiste in Deckung gehen. Sich ängstlich zusammenkauernd betete er zu Ashiqa, dass sie ihn nicht sehen würden. Erst jetzt kam er dazu darüber nachzudenken, was sie wohl mit ihm machen würden, wenn sie herausfanden, dass er dabei war, eines der bestgehütetsten Geheimnisse zu lüften.

"Erst Jack, jetzt Timm. Verdammt. Wir werden das Log früher schließen müssen, wenn noch mehr Menschen dekompensieren", hörte er den Assistenten der Direktorin sagen. Ein Schlüssel wurde im Schloss gedreht.

Timm. Shayde wurde es schwindelig. Es gab Timm. Timm war wirklich kein Programm, sondern Realität, genau wie Jack. Mejdan würde ihm glauben, wenn er von dem erzählte, was er hier belauscht hatte. Und sie würde auch wissen, was zu tun war. Sobald die beiden Männchen weg waren, würde er...

"Hast du das auch gehört?", unterbrach ihn die leise Stimme eines ihm unbekannten Männchens. Shayde erstarrte und hielt die Luft an. Ein Zittern erfasste ihn, als die Schritte erneut erklangen und direkt auf ihn zukamen. Obwohl er wusste, wie sinnlos es war, kniff er die Augen zusammen und presste sich dichter an die Kiste, hinter der er kauerte.

Einen Moment war es totenstill, dann atmete jemand tief durch. "Shayde... Das war eine ganz schlechte Idee von dir, hierher zu kommen."

 

Mit gesenktem Kopf, unendlich traurig und besorgt schlich Hilel nunmehr den Weg entlang, der an den Sportanlagen vorbei zum Viertel der Professorinnen führte. In der Ferne klingelte der Milchwagen an einer Kurve dem Postwagen zur Begrüßung zu, dann versank die Umgebung wieder in leisem Gezwitscher der Vögel und dem Surren der Rasensprinkler aus den Gärten. /Jack... so traurig, so wirklich./ Die warmen Hände, der intensive, fragende Blick aus den grünen Augen, aus diesen Tiefen. Erst als der Postwagen kurz klingelte, bemerkte Hilel, dass er träumend mitten auf dem Weg stehen geblieben war. Mit roten Ohren entschuldigte er sich, um zur Seite zu treten.

Najib hatte nicht gezählt, wie oft sie um den Platz gerannt war und Hindernisse übersprungen hatte. Nach dem Gespräch mit Mejdan hatte sie nicht mehr schlafen können, obwohl sie so müde gewesen war. Ihre Enttäuschung und ihre Wut hatten es nicht zugelassen, aber mittlerweile fragte sie sich, ob es wirklich genau so war, wie sie es in ihrem Zorn gedacht hatte. Zumindest nachfragen hätte sie können, anstatt gleich mit Anschuldigungen um sich zu schmeißen. Eigentlich war Mejdan nicht der Typ, der für die Forschung über Leichen ging.

Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihrem Magen breit, und sie verlangsamte ihr Tempo, bis sie schließlich nur noch gemächlich ging. Aber Mejdan war nun mal eine der Leiterinnen der medizinischen Abteilung. Sie hatte doch Zugang zu allen Daten. Sie müsste blind sein, wenn sie nicht sah, dass die Menschen ebenfalls gelogt wurden.

Sie wurde aus ihren Gedanken geholt, als der Postwagen klingelte und ihr Blick zur Straße wanderte. Hilel wich gerade zur Seite aus, und er sah so niedergeschlagen aus, dass sie schon die Richtung zu ihm eingeschlagen hatte, ehe sie auch nur darüber nachdenken konnte. Mit einem kleinen Sprung setzte sie über den niedrigen Zaun, dann winkte sie dem zierlichen Männchen zu. "Guten Morgen!"

Hilel schrak erneut zusammen, winkte Najib hastig zu und wartete, bis sie sich zu ihm gesellt hatte, bevor er fragte "Bist du etwa schon wieder auf, oder auch noch?"

Najib schnitt eine kleine Grimasse und strich sich die verschwitzte Mähne aus der Stirn. "Noch. Mejdan hat angerufen, und wir haben gestritten. Danach konnte ich nicht mehr schlafen. Und was ist mit dir?", fragte sie ablenkend. "Du siehst aus, als hättest du geweint, Hübscher."

Najibs direkte Art traf Hilel so unerwartet, dass er zusammenzuckte und sich abwandte. Mit den Fingern betastete er seine Wange und murmelte leise "Ich... hab mich von Jack verabschiedet. Shayde hat mich in das Log geschmuggelt." Er wandte sich weiter ab, ging einige Schritte in Richtung Mejdans Haus. "Ich... bin so müde, Najib. Entschuldige mich bitte, ja?"

"Hey..." Nur flüchtig bemerkte Najib, wie sanft ihre Stimme klang. Rasch holte sie Hilel ein und legte ihm sachte eine Hand auf die Schultern. "Tut mir leid. Das war unbedacht von mir. Ich bring dich nach Haus. Mein Zeug kann ich später holen." Als sie in das müde, traurige Gesicht sah, hatte sie wie so oft nur den Wunsch, ihn in die Arme zu nehmen und ihn vor der Welt zu beschützen. "Ich hab mehr über die Menschen im Log herausgefunden; soll ich dir erzählen?"

Hilel wollte sich nicht zu ihr umdrehen, zugleich zog ihn eine sichere Kraft in ihre Richtung. Ein wenig taumelig nickte er, aber deutete zum Haus. "Wollen wir einen Tee trinken? Ich fühle mich..."

Er kam nicht weiter, denn ein Wagen zischte an ihnen vorbei, und Hilel rettete sich mit einem kleinen Ausruf dichter an Najib heran. "Oh... oh! Das war Mejdan! Schnell, wir sollten ihr auch davon erzählen, nicht? Vielleicht hilft sie uns!" In seinem Hinterkopf nahm er wahr, dass Mejdan nicht angehalten hatte und dass sie die Kurve zu ihrer Auffahrt gleich darauf nur sehr knapp erwischt hatte, so schnell war sie gefahren. /Ob etwas passiert ist?/

Najib spürte, wie sich ihr allein bei dem Gedanken, dass Mejdan die gesamte Fahrt in diesem halsbrecherischen Tempo zurückgelegt haben könnte, alles zusammenzog. /Wenn ihr was passiert wäre! Verdammt noch mal, wie kann sie so unvorsichtig sein!/ Sie nickte grimmig, als ihr einfiel, dass ihre Geliebte das wegen ihrem Streit getan haben könnte. "Vielleicht streiten wir aber auch erst mal weiter", murmelte sie und nahm Hilel an der Hand, um ihn mit sich zu ziehen.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh