Illusionen

22.

Mejdan hatte Najib sehr wohl gesehen. Mit Hilel zusammen vor dem Sportplatz. Sicherlich waren die beiden sich dort nicht zufällig begegnet. Hatte sie sich in der Studentin so sehr getäuscht? Hatte Najib sich über Mejdan nur Eintritt in ihr Haus verschafft, um Hilel, dem Jugendfreund, wieder näher zu kommen?

"Du bist absurd und das weißt du auch", schalt sie sich grummelnd, aber wartete nicht auf die beiden, sondern ging in das Haus und dort auch gleich in ihre Zimmer weiter, um sich die verschwitzte Mähne auszuduschen und den rauchenden Kopf abzukühlen.

Um das Haus zu erreichen, brauchten sie mehr Zeit, als Najib eigentlich lieb war, da sie auf Hilel Rücksicht nehmen musste, der recht langsam war. Sie versteckte ihre Ungeduld, wollte ihn nicht noch trauriger machen, als er durch Jack ohnehin schon war. Doch ihre Verärgerung wuchs wieder an, als sie Carol nach Mejdan fragte und nur zur Antwort bekam, dass die Hausherrin direkt in ihre Räume gegangen sei.

/Sie hat mich bestimmt gesehen!/ Sie wandte sich zu Hilel um und strich ihm über das weiche Kopffell, schenkte ihm sogar ein kleines Lächeln, nach dem ihr nicht wirklich zumute war. "Ich spreche besser erst mal allein mit ihr. Sei nicht böse, ja?"

Hilel nickte und meinte "Ich werde sehen, ob Shayde schon zurück ist." Ein wenig munterer und durch Najibs Wärme merkwürdig beruhigt lief er in den Trakt der Männchen davon.

Najib wartete kaum, nachdem sie angeklopft hatte. Noch bevor irgendein Laut von drinnen kam, öffnete sie schon die Tür und trat ein. "Mejdan?"

Mejdan schlang ein Handtuch um ihre Haare und ein weiteres um ihren feuchten Körper. Sie war noch immer zu geladen, um sich auch nur abzutrocknen. "Guten Morgen." Mit zusammengezogenen Augen sah sie Najib in das störrische Gesicht und wandte sich dann ab, ihrem Schrank zu.

Najib verschränkte die Arme vor der Brust; Mejdans finstere Miene, als sei sie sich gar keiner Schuld bewusst und hätte jedes Recht, beleidigt zu sein, ließ den Zorn erneut in ihr aufflammen. Es machte es zudem nicht gerade einfacher, dass sie nass und nur in Handtücher eingehüllt verdammt verführerisch war. Najib biss die Zähne zusammen, um sie nicht gleich wieder anzufahren.

Mit gleichgültigen, zu hektischen Bewegungen zog Mejdan eine enge, dunkelgrüne Hose und eine etwas hellere, ärmellose Weste aus dem Schrank. Es war ihre Lieblingskleidung, und das zeigte ihr, wie angegriffen sie der Gesichtsausdruck der Studentin machte.

/Schon wieder, immer wieder.../ Ihre Kopfweh begannen erneut mit dumpfem Druck, hinter ihrer Stirn alles auszufüllen. Müde hob sie eine Hand an die Nasenwurzel, aber fuhr Najib über die Schulter hinweg an "Verdammt noch mal! Natürlich konnte das nicht warten! Natürlich musste ich gleich angebrüllt werden, wegen Menschen, wegen dem Log, wegen... vermutlich war es egal weswegen, ein Grund findet sich schnell, nicht?!" Der Schmerz nahm zu. Sie ließ das Handtuch fallen, drehte sich halb zu Najib hin und begann sich anzuziehen, nicht einfach mit der nassen Haut.

Najib wurde bewusst, wie sehr sie ihre Geliebte vermisst hatte, wie sehr sie Mejdan trotz ihres Zorns gerade in diesem Moment begehrte und gleichzeitig merkte sie, wie müde und angeschlagen sie aussah. Sie wollte das alles nicht fühlen, denn die Worte verletzten sie. "Du meinst also, dass ich mir was aus der Mähne geschüttelt hätte, nur damit ich mich von dir trennen kann? Warum sollte ich das wollen, verdammt noch mal?! Sag mir auch nur einen vernünftigen Grund!"

Mejdan starrte sie an, ihre Wut wich mit einem Mal Angst. Angst, dass sie Najib falsch verstanden haben könnte. Mit vorsichtigen Bewegungen knöpfte sie die Weste über ihrem Busen zu. "Ja", gab sie zu und zog sich das Handtuch von der nun total verstrubbelten Mähne. "Es wäre nicht das erste Mal gewesen." Sie ließ sich auf dem Bett nieder und sah Najib fragend an. "Also, offensichtlich war es kein Grund zum Streiten, der mich hat hierher rasen lassen. Was bedeutete die Ansage von vorhin dann?"

Najib entspannte sich ein wenig, genug, um die Arme aus ihrer verschränkten Haltung zu lösen und sich neben Mejdan zu setzen, wenn auch von ihr entfernt. Der frische Duft, der von Mejdan herüberwehte, ließ sie sich noch verschwitzter und ungewaschener fühlen, als sie war, aber bewirkte gleichzeitig, dass sie sich bei ihr anlehnen wollte. /Ich liebe sie. Ich liebe sie so sehr! Was mache ich, wenn sie mir jetzt wirklich sagt, dass sie von den Menschen weiß?/ Ihr Magen verkrampfte sich bei dem Gedanken. "Ich habe die Nacht durchgemacht, ich bin ziemlich müde. Ich habe... einige Dinge herausgefunden, die mich wütend gemacht haben. Und als du mir das mit dem Log gesagt hast, war ich sehr schnell dabei, dich gleich mit zu verdächtigen."

Sie wollte Mejdan vertrauen, mehr noch jetzt, wo sie ihr gegenüber saß. Es machte es leichter, weil die dunklen, orangefarbenen Augen sie ansahen und dabei so verwirrt wirkten. Entgegen ihrer Vernunft beschloss sie, ehrlich und offen zu sein. "Du bist eine der obersten Professorinnen der medizinischen Abteilungen. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass du Einsicht in sämtliche Akten und Logberichte des Doms hast. Mejdan, hast du je Menschen gelogt?"

"Menschen?" Grübelnd blickte Mejdan auf Najibs angespanntes Gesicht. "Nein... ich weiß nicht einmal, welche Dosis ich für sie nehmen müsste. Ihr Stoffwechsel ist zu weiten Teilen nicht gut erforscht. Das wäre mir zu heikel. Warum? Ist es gemacht worden?"

Die Antwort löste den Ärger und die Anspannung in Najib einfach in Nichts auf; sie glaubte ihr, weil sie ihr glauben wollte. Es war ein prickelndes Gefühl, das sie sich leichter fühlen ließ. /Ich hab ihr Unrecht getan, und ich bin froh darüber! Jawhar, ich danke dir!/ Sie rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht und spürte erst dabei, dass sie lächelte. /Aber wieso weiß sie nichts?/ "Ja, und wohl schon seit Jahrzehnten. Mejdan, ich habe wirklich lange in den Bibliotheken gesucht und mir Aufzeichnungen von Professorinnen und Studentinnen angesehen. Es ist nicht möglich, schlicht nicht möglich, realistische Menschen zu programmieren. Jack, Timm, Korben... Jeder einzelne Mensch im Log ist echt."

/Jeder. Mensch. Ist. Echt./ Mejdan war entweder zu müde, oder zu sehr in Najib verliebt, um zu begreifen, was ihre Geliebte ihr gerade sagte. "Ja", gab sie gedehnt zurück und blinzelte, fuhr sich mit den Fingern durch ihre Mähne, blinzelte noch einige Male, dann erst kam der Hammerschlag. "Was?! Shameel hat dir wohl zu sehr auf den Kopf... dann wäre ja Timm... Shayde!" Sie stöhnte auf und erhob sich, zu unruhig und aufgeregt, um noch sitzen bleiben zu können. "Shaydes Timm wäre ein wirklicher Mensch, der Freund, dem er sich seit Jahren anvertraut hat?" Sie war gerade bei der Tür zu ihrem Bad, um einen Kamm aufzunehmen, als sie sich an den Streit mit Najib erinnerte und zu der Studentin herumfuhr. "Verdammt noch mal! Das hieße ja, dass Jamnah diese Menschen einfach umbringen wird!"

"Ich zweifle zumindest irgendwie daran, dass Jamnah sie einfach gehen und in Frieden leben lassen wird." Geschmeidig stand Najib auf, um Mejdan zu folgen und sich an den Türrahmen zu lehnen, erleichtert darüber, dass diese ihr ohne komplizierte Erklärungen glaubte, die sie in ihrer Müdigkeit nicht mehr zu geben im Stande war. Dann jedoch sah sie mit leicht zusammen gezogenen Brauen ihre Geliebte an. "Ich glaube dir, dass dir das neu ist, und ich entschuldige mich dafür, dass ich dich gleich angefahren und verdächtigt habe. Aber warum wusstest du von nichts? Du hast doch Einsicht in die Logfiles."

"Logfiles?" Mejdan führte nun ihren ursprünglichen Plan aus und holte einen Kamm, um ihre Mähne zu entwirren. "Nein. Ich habe nur Einsicht in die Vitalwerte der Studentinnen und des Teils vom Lehrkörper, den ich loge. Es gibt ja noch viel mehr Narkoseärztinnen, Jamnah logt sich über ihre eigenen Narkosehelfer, das sind ihre ersten zwei Ehemänner. Sie logt auch in ihrem eigenen Raum, ein Privileg der Direktorin. Ich habe immer vermutet, dass sie entsprechend ihrem Glauben der al Rafiq von Blicken unberührt bleiben wollte, deswegen trägt sie doch auch immer diese ausladenden Kutten. Aber frag mich nicht, wo sie diesen Raum hat, ich habe es nie wissen wollen."

"Hm, vielleicht macht sie das direkt neben den Räumlichkeiten der Menschen." Najib rümpfte die Nase, dann befand sie nach einem Blick auf Mejdan, dass nun erst einmal die wirklich wichtigen Dinge geklärt werden mussten. Zu ihr tretend legte sie ihr von hinten die Hände auf die Taille, zog Mejdan an sich und küsste sie auf die Schulter, gerade neben den Saum der hellen Weste. "Ich weiß, ich bin verschwitzt, habe Ringe unter den Augen und sehe gerade gar nicht verlockend aus. Aber verzeihst du mir trotzdem?"

Mejdan lachte auf und legte den Kopf schief. "Hör verdammt noch mal auf, dich wie ein Hund zu benehmen, da bekomme ich das Gefühl, dass ich nach dir treten sollte! Du hast doch Recht gehabt, ich war ignorant, eine solche Idiotin!" Sie warf den Kamm fort und küsste Najib ausgiebig und atemraubend, vergrub die Finger in ihrer langen Mähne, aber brach schließlich doch ab und lachte. "Ja, du hast Recht, eine Dusche wäre nicht schlecht, bevor wir uns weiter kümmern. Immerhin haben wir noch Zeit bis zum Ende des Kurses. Ich müsste meine Freundinnen von der Gesellschaft für humanoide Ressourcen mal kontaktieren, sie werden sicherlich eine Staffel von der Überwachung schicken. Denn mit rechten Dingen geht so einiges hier nicht mehr vor."

Sie ergab sich dem Verlangen und küsste Najib noch einmal, bevor sie mit einem leisen Seufzen murmelte "Ich muss Shayde noch sagen, warum ich früher zurück bin. Er war so niedergeschlagen, weil er Timm verlieren wird, und ich will nicht, dass er unnötig traurig ist."

Najib küsste Mejdans Hals unter ihre Haaren geschmiegt und genoss den frischen Duft. "In Ordnung. Du sagst Shayde und deinen Freundinnen Bescheid, ich erkläre es Hilel." Sie zwinkerte ihr zu, fühlte sich das erste Mal seit ihrer Entdeckung wieder gut und entspannt. "Und wenn du mich noch einmal mit einem Hund vergleichst, muss ich dich beißen." Sie ließ ihrer Drohung ein kleines Versprechen folgen, indem sie ihrer Geliebten sacht am eben noch geküssten Hals knabberte und trennte sich dann schließlich von ihr, auch wenn sie nicht wirklich Lust dazu hatte.

In der Tür drehte sie sich noch einmal um und lächelte. "Ich liebe dich." Beschwingt und ohne auf Antwort zu warten lief sie den Flur hinab, um bei Hilel anzuklopfen und nach seiner leisen Aufforderung einzutreten. Er saß an seinem Tisch am Fenster und war vermutlich dabei gewesen, von Jack zu träumen, jetzt sah er sie aus seinen großen, hellen Augen an, was ihr Lächeln noch vertiefte. "Mejdan und ich haben uns wieder vertragen. Alles ist gut."

Sie trat zu ihm und setzte sich ohne Umstände ihm gegenüber, um ihm zu erzählen, was sie in der Nacht über Jack und die Menschen herausgefunden hatte.

 

Mejdans Weg führte sie gleich in das Zimmer von Shayde, um ihm wenigstens einen Teil Hoffnung geben zu können. Sie hatte ein wenig Angst um ihr kleines, einsames Männchen. Sie hatte eine Geliebte gefunden, und das wusste er. Nun wollte sie ihm nicht das Gefühl geben, dass er überflüssig war.

Als sie sein Zimmer betrat, stockte sie jedoch in der Bewegung. Offensichtlich war auch Shayde schon hinter das Geheimnis der Menschen im Log gekommen, aber seine Art, mit der Neuigkeit umzugehen, war wesentlich direkter und effektiver gewesen. Mit gerunzelter Stirn betrachtete Mejdan den über seinen Fußboden und das Bett ausgebreiteten Bauplan des Domes. Ihr Blick glitt unsicher über die Seiten und blieb schließlich auf einem kleinen Ausschnitt des Plans vom zweiten Heizkeller hängen. Ihr Herz machte einen kleinen Sprung und gleichzeitig rief sie bereits nach Najib.

 

Hilels Herz wollte zerspringen, vor Glück, vor Angst, vor Gefühl. Jack lebte, im Dome vermutlich, sehr nahe bei ihnen, er war gelogt und würde die Welt verlassen müssen, sie würden ihn retten. Wildromantische Träume ergriffen ihn, und von dieser Hoffnung überwältigt fiel seine Schüchternheit ab; mit einem kleinen Juchzen warf er sich gegen Najibs kräftigen Körper und umarmte sie fest. Pläne tauchten auf und ab in seinem Kopf, er konnte sie nicht fassen, es war einfach zuviel für ihn. Mit entschuldigendem Lächeln ließ er seine Freundin los, um sich ein Taschentuch zu suchen, er konnte mit dem Weinen nicht aufhören.

Hilels Glück steckte an; ein breites, fröhliches Grinsen schlich sich auf Najibs Gesicht und wollte sich von dort auch nicht mehr vertreiben lassen. Ihren zierlichen Freund so zu sehen, machte es jede Stunde wert, die sie vor dem Computer verbracht hatte. Sie stand auf und streckte sich. Es gab nicht mehr viel für sie zu tun. Mejdan würde die Leute der Überwachung kontaktieren, und dann hieß es abwarten. Das beinhaltete nun eine heiße Dusche, ein gemütliches Bett, eine hoffentlich kuschelige Mejdan...

"Du darfst natürlich noch nichts sagen", erklärte sie Hilel, mit ihrer näheren Zukunftsplanung und sich selbst äußerst zufrieden. "Nicht, dass die Leitung hier davon erfährt und in ihrer Hast, die Spuren zu verwischen, die Menschen gefährdet." Mejdans Ruf nach ihr unterbrach sie; es überraschte Najib, wie besorgt, beinahe ängstlich ihre Geliebte klang. Dennoch nahm sie sich die Zeit, Hilel zuzuzwinkern und ihm zu versichern "Ich denke, wir vier können das nachher feiern und zusammen ausgehen. Also mach dich hübsch, mein Hübscher."

Als sie den Raum verließ, konnte sie ihre Geliebte bereits durch die geöffnete Tür in Shaydes Zimmer stehen sehen. Nur Momente später war ihr nicht mehr zum Feiern zumute, während ihr Blick über die Pläne des Doms und zu Mejdans angespannter Miene glitt. "Shayde weiß es? Du meinst doch nicht, dass er sich allein auf die Suche nach ihnen begeben hat, oder?"

Mejdan war der Gedanken noch nicht wirklich gekommen, nun erschrak sie dafür um so mehr. "Verdammt. Ich hab ihm schon so oft gesagt, dass ich von diesen Alleingängen nichts halte!" Mit Erschaudern erinnerte sie sich daran, wie Shayde Jamnah angesprochen hatte. Sie war dadurch einmal mehr auf ihn aufmerksam geworden.

"Dies ist der Plan von dem Heizkeller im ersten Kellergeschoss, der sich in der eingezogenen Zwischenetage befindet. Ich habe ein dummes Gefühl bei der Sache, eigentlich sollte Shayde es besser wissen, aber Timm ist sein wunder Punkt." Sie drehte den Plan in den Händen, las die Beschreibungen der kleinen Zimmerchen. Dann fiel ihr Blick auf den Computer, auf dem ebenfalls die Zimmerpläne in überlappend geöffneten Fenstern zu sehen waren. Das obere zeigte ebenfalls den Kellerraum, hier war jedoch eine Markierung gesetzt, gleich hinter einer der Lagerhallen.

Mejdan runzelte die Stirn. "Wenn er dies nachforschen wollte, dann hat er sich zwar einen günstigen Moment erwählt, Jamnah ist ebenfalls fort, aber ich werde ihm dennoch nachgehen. Shayde sollte nicht allein in den Kellern herumlaufen."

Najib nickte kurz, während sie Shayde für sein vorschnelles Handeln im Stillen ein wenig verfluchte. Hoffentlich beschwor er nicht genau das herauf, was sie hatten vermeiden wollen und brachte die Menschen erst recht in Gefahr. "Ich komme mit, nur für den Fall der Fälle."

Als Antwort drückte Mejdan ihrer Geliebten einen ordentlichen Kuss auf, der Hilel das Blut in die Wangen schießen ließ. "Und du bleibst hier und passt auf, falls Shayde doch noch zurück kommt", beauftragte sie ihren kleinen Verwandten, bevor sie mit Najib gemeinsam zu ihrem Cabrio lief.

 

"Was machen wir jetzt mit ihm?" Der Narkosehelfer warf Shayde, der auf dem Boden in einer Ecke zusammengesunken war, einen Seitenblick zu, während sein Schwanz nervös hin und her peitschte.

"Wir warten auf Jamnah, sie müsste bald eintreffen. Vielleicht wird er mit den Menschen zusammen entsorgt."

Mürrisch legte Jamnahs Assistent die Kanüle beiseite, mit der er Shayde ein Betäubungsmittel in die Armbeuge gespritzt hatte. Es war das letzte, was Shayde bewusst mitbekam, ehe das Mittel zu wirken begann und mit dem Nebel, den es über ihn legte, auch die Panik erstickte, die ihn seit seinem misslungenen Fluchtversuch lähmte.

Er wurde auf die Beine gezogen und aus dem Zimmer hinter der Metalltür, in dem offensichtlich Medikamente und allerlei Gerätschaften aufbewahrt wurden, durch einen hellen Gang gezogen. Sie stützten ihn, denn er war kaum in der Lage, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Der anschließende Raum war dunkler, grob wurde Shayde zu einer Liege bugsiert und durfte sich hinlegen. Aus halb geschlossenen Augen sah er in den Raum, versuchte sich zu erinnern, an was die grünen, kleinen Lichter ihn erinnerten, die ordentlich angeordnet auf den in zwei Reihen stehenden Logkugeln zu finden waren. Für einen Moment war er sich sicher, dass er jemanden vor etwas schützen musste, aber der Gedanke entglitt ihm wieder. Männchen waren doch viel zu schwach und klein, um irgendjemanden zu schützen.

In weiße Kittel gekleidet huschten zwei Gestalten zwischen den Kugeln hin und her, grüne Lichtchen wurden zu warnendem Rot und ließen eine vage Nervosität in Shayde erwachen, die jedoch zu diffus war, um sie greifen zu können. Dann hörte er mit einem Mal eine Stimme, die nach Sicherheit und Wärme klang und die das Unbehagen aus ihm vertrieb. Er lächelte unbewusst und kämpfte darum, sich zu ihr umdrehen zu können. Mejdan... seine Mejdan war hier.

 

Der Weg war schneller gefunden, als Mejdan gedacht hatte. Sie hatten eigentlich nur zwei Männchen, Narkosehelfer von Jamnah, verfolgen und gleich darauf mit wenigen Worten einschüchtern müssen, und schon wurde ihnen eine unscheinbare Tür in einem unscheinbaren Heizungskeller geöffnet.

Verwirrt betrachtete Mejdan gleich darauf die Logkugeln, besser ausgerüstet und durch viel mehr Monitore überwacht als diejenigen, die sie von ihrer Ebene her kannte. Über ihnen zeigten Signallampen den Stand der im Inneren befindlichen Wesen an. Mejdan rief überrascht und wütend zugleich "Verdammt noch mal! Ihr lasst sie dekompensieren! Hey! Du dort! Komm sofort hier her zu mir und hilf mit!" Gleich darauf sah sie Shayde, und sein Anblick, wie tot auf einer der Liegen ausgestreckt, mit schlaffen Glieder und trübem Blick steigerte ihre Wut über den Grenzbereich hinaus.

Es passierte alles sehr schnell, alles zugleich, und Mejdan war sich nicht mehr sicher, ob sie oder Najib oder ihre Narkosehelfer, die sie nach einige Momenten, nachdem Jamnahs Männchen alle geflüchtet waren, zu sich beordern musste, den Notruf ausgelöst hatten.

Mejdan hatte noch nie zuvor so viele Wesen zugleich auslogen müssen, und sie war sehr dankbar, dass einige Kollegen von der Abteilung für humanoide Biologie, die durch den Notruf angelockt worden waren, das Kommando übernehmen konnten. Erst nach etlichen Stunden der harten Arbeit, nach einigen Reanimationsversuchen und nachdem Mejdan beinahe in Ohnmacht gefallen wäre vor Müdigkeit hatten sie eine solide Statistik.

Drei Menschen waren verstorben und zwei lagen mit schweren Hirnschädigungen an Beatmungsgeräten. Zu ihrer Erleichterung ging es sowohl Jack als auch Timm körperlich gut. Beide befanden sich jedoch in tiefem Koma, unerweckbar aber stabil in Atmung, Herzschlag und Hirnaktivität. Erst als der letzte Mensch den Krankentransport zur Klinik in die Stadt antrat, ließ sie sich von Najibs festem Griff um ihre Schultern abführen.

Shayde wurde von einer Kollegin kurzerhand in ihren Wagen gehoben, und vor ihrem Haus halfen ihr zwei Nachbarinnen dabei, ihr noch immer schlafendes Männchen in sein Zimmer zu bringen. Es war bereits tiefe Nacht, die Zeit war schneller vergangen, als Mejdan bewusst gewesen war.

Najib wollte sie vermutlich in ihr Zimmer lenken, doch Mejdan schüttelte den Kopf und murmelte leise und müde an ihre Geliebte gelehnt "Beruhige du Hilel, ihr seid euch näher."

"Werde ich." Sacht küsste Najib sie auf die Wange und drückte sie an sich. Sie zweifelte daran, dass sie ihre Freundin in ihr Bett bringen konnte, so lange sie sich noch immer solche Sorgen um ihr Männchen machte. Zudem würde sie bestimmt gleich bei ihm einschlafen, weswegen Najib beschloss, es auf sich beruhen zu lassen.

Mejdan hatte sie an diesem Tag mehr als einmal überrascht, mit ihrer Ausdauer, mit der Sicherheit und Selbstverständlichkeit, mit der sie die Helfer herum kommandiert hatte, mit ihrem Geschick. Najib hatte selber Hand angelegt, so gut es ihr möglich war, aber nachdem das Fachpersonal gekommen war, war sie froh gewesen, ihnen das zu überlassen, was sie ohnehin nicht wirklich konnte.

Zwar hatte sie es nicht gewollt, aber irgendwann war sie einfach neben einer Liege eingedöst, so dass sie nun bedeutend wacher war als ihre überarbeitete Geliebte. Sie fuhr ihr noch einmal sanft durch die Mähne, dann ließ sie Mejdan mit ihrem Männchen allein.

Mejdan ließ sich auf der Bettkante neben Shayde nieder und nahm seine kleine Hand auf. "Haben dich betäubt und umbringen wollen. Na warte, mein Kleiner. Das werden sie alle Tage bereuen! Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas zustößt. Ich habe bei unserer Eheschließung geschworen, dass ich dir Schutz sein werde, und ich denke nicht daran, meinen Schwur zu brechen", flüsterte sie noch immer wütend, doch bevor sie es ihm selber hätte sagen können, schlief sie ein, den Kopf auf ihre Arme neben ihn gebettet.

Najib klopfte bei Hilel an die Tür, und noch ehe sie richtig die Hand gesenkt hatte, wurde ihr schon von ihrem kleinen Freund geöffnet. Seine hellen Augen starrten sie riesengroß und verschreckt an, so dass sie gar nicht anders konnte, als ihn erst einmal in den Arm zu ziehen und zu drücken. "He, mach dir keine Sorgen, es ist alles okay."

Hilel schmiegte sich mit einem kleinen Seufzen an die Frau, die er seit einigen Tagen mehr als nur bewundert hatte. "Ich... habe... es war so lang her, dass ihr fort seid und der Campus war in Aufruhr, den ganzen Tag sind die Sirenen gegangen", flüsterte er und fügte in Gedanken an /Aber dir ist nichts zugestoßen, Ashiqa sei Dank./ Laut wagte er zu fragen "Ist es mit den Menschen wahr gewesen? Ich hab nur Gerüchte mitbekommen."

Sanft, aber entschieden schob Najib ihn ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich, dann brachte sie ihn zu der Sitzgruppe und drückte ihn auf einen Platz, um sich neben ihn zu setzen. Vorsichtig strich sie ihm über die Wange. "Das war mit Sicherheit nicht einfach für dich, Kleiner. Aber ich bin froh, dass du hier geblieben bist. Wir haben Shayde bei den Menschen gefunden. Alle sind nun ausgelogt, Jack geht es soweit gut, auch wenn er wie alle anderen noch bewusstlos ist."

/Jack geht es gut, es geht ihm gut. Es.../ "Es gibt Jack?!" Verwirrt, erfreut, besorgt und zugleich wie von Luftwirbeln emporgehoben fühlte Hilel sich den Gefühlen zu sehr ausgesetzt, um sich gegen Najibs Nähe wehren zu wollen, wie er es als verheiratetes Männchen eigentlich hätte tun müssen. Mit einem kleinen Juchzer umarmte er sie fest. "Er lebt! Oh..." Verschämt suchte Hilel mit einer Hand nach einem Taschentuch, weil ihm einige Tränen bereits über die Wangen zu laufen begannen.

Najib wischte sie ihm ab, dann drückte sie seinen Kopf an sich, so dass er sich an ihrer Schulter verstecken konnte und angelte von der Fensterbank ein Tuch aus der Box, um es ihm zu reichen. Sie spürte, dass er sich eifrig die Wangen abtupfte, dabei noch immer vor sich hinschluchzte und musste lächeln. "Ich mag es, dich über alle Maßen glücklich zu machen."

Das zierliche Männchen sah zu ihr auf, mit noch immer nassen Augen, diesem wundervollen Strahlen in seinem hübschen Gesicht und mit einem Lächeln auf den weichen Lippen, das ihn von innen heraus leuchten zu lassen schien. Najib dachte nicht wirklich nach, als sie ihm eine Hand an die Wange legte, sich zu ihm herabbeugte und ihn sachte und leicht auf den Mund küsste. Es fühlte sich einfach richtig an.

Ein wenig uneins erlaubte Hilel den Kuss einen Augenblick lang, dann erst schob er Najib von sich, verlegen an seinem Heiratsschmuck zupfend. Sicherlich war es ihm erlaubt, sich ein anderes Männchen zu suchen, doch aus ihm waren noch keine Kinder hervorgegangen, so dass seine Frau Reza niemals erlauben würde, dass er sich bereits einem anderen Weibchen näherte. Es war doch bekannt, dass jedes Männchen lediglich ein Weibchen hervorbringen konnte. Aber Najib drängte ihn auch nicht, viel zu freundschaftlich war zudem der Kuss gewesen, wenn auch Hilels Herz darüber schneller gesprungen war für einige Momente.

Leider waren Najib, Mejdan und Shayde alle drei zu müde, um ihm all seine Fragen zu beantworten, zudem konnte er ohne eines der Weibchen nicht einfach in die Stadt fahren, um Jack selber zu besuchen, also fragte Hilel Najib so lange aus, bis sie zu müde zum Antworten war und träumte dann die restliche Nacht und weit in den nächsten Tag hinein von Jack, von seinen tiefen, grünen Augen, von seinem Körper.

/Ob er als wirklicher Mensch so riecht, wie er im Log gerochen hat? Ob er sich so anfühlt? Wie werden seine Haare aussehen? Wenn sie dann nachwachsen. Ob sie nachwachsen werden?/ Er grinste. Die Menschen waren alle kahl gewesen, selbst das Gefühl auf dem Kopf wurde ihnen von dem Log bereitet, alle Gefühle.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh