Illusionen

23.

Mejdan war irgendwann am Morgen erwacht, Shayde schlief noch, aber an seinen Pupillen sah sie, dass es ein natürlicher Schlaf war, von Erschöpfung und nicht durch Betäubungsmittel hervorgerufen. Sie ihrerseits fühlte sich ebenfalls erschöpft und ging mit schmerzenden Muskeln in ihr Zimmer, um nach einer weiteren schnellen Dusche den Tag zu verschlafen, sich um nichts mehr zu kümmern.

Der Anblick einer verschlafen blinzelnden Najib in der Tiefe ihres Bettes vertrieb jedoch gleich darauf jeden Gedanken. Der milchweiße, nackte Körper ihrer Geliebten tauchte aus den dunkelblauen Laken auf wie aus einer nachtschwarzen See, und der Anblick war dermaßen atemberaubend, dass Mejdan nichts weiter blieb als starrend, bewundernd und begehrend stehen zu bleiben.

Mejdans Blick, der ihre Haut schon regelrecht spürbar streichelte, vertrieb Najibs Müdigkeit auf einen Schlag. Von einem Moment auf den nächsten stieg Verlangen in ihr empor. Sie richtete sich auf und streckte die Hand nach ihrer Geliebten aus, zog sie, kaum dass diese sie ergriffen hatte, zu sich und auf sich. Hals und Schultern mit Küssen bedeckend kam ihr kurz in den Sinn, dass Mejdan erschöpft gewirkt hatte, doch der Gedanke verblasste unter den geschickten, fordernden Liebkosungen ihrer Freundin schneller, als er gekommen war.

Sie kam erst wieder zum Denken, als sie später eng aneinander geschmiegt auf den zerwühlten Laken lagen und sie sich träge fragte, ob sie die Decke, die irgendwann vom Bett gestoßen worden war, wieder aufheben sollte. Doch für den Moment war Mejdans Nähe einfach zu gut, um sich auch nur andeutungsweise aus ihren Armen zu entfernen.

"Mmh, das war gut", murmelte sie zufrieden und streichelte langsam und gemächlich über den kräftigen Rücken bis zum Ansatz des Schwanzes und wieder zurück.

Träge nickte Mejdan und schloss die Augen, versuchte die Bilder loszuwerden, die Najib für einen Moment lang hatte verblassen lassen. Sie stiegen alle wieder in ihr auf. Kahlgeschorene, bleiche Menschen, aus Logkugeln wie aus einem Ei schlüpfend, und in gewisser Weise waren sie das auch. Wie Küken, die aus einer behüteten Welt geschlüpft waren. Drei waren gleich verstorben. Korben, der Fährmann, noch bevor er ausgelogt werden konnte; und das Pärchen, das sich so sehnlichst Kinder gewünscht hatte, war in kurzem Abstand noch im Lograum unter Beatmung und Reanimation der Überlastung erlegen. Die meisten hatten Anpassungsstörungen, konnten nicht gut atmen.

"Ich kann nicht aufhören, an die Menschen zu denken, Najib. Es hört nicht auf. Ich werde meine Freundin und die Ehefrau meiner Söhne Omair al Nahdi aus dem Clan al Sabeer gleich heute noch anrufen. Sie ist spezialisiert auf Menschen und auf Intensivmedizin an ihnen. Zwei Stunden Fahrt von hier im Landesinneren liegt die Klinik, in der sie beratende Ärztin ist. Sie kommt dort regelmäßig vorbei und lässt sich die besonders schweren Fälle zeigen."

Noch immer zu müde, um sich wirklich erheben zu können, streckte Mejdan sich bis in die Zehenspitzen. "Ich bin so froh, dass du nicht wirklich auf mich wütend warst", wechselte sie das Thema und betrachtete Najibs Profil. "Fast hatte ich Angst, dass es mit dir so wird wie..." Sie rollte herum und fuhr sich mit den Händen durch die zerwühlte Mähne. "Aber in Wirklichkeit konnte ich es mir gar nicht vorstellen. So bist du nicht."

Zärtlich fuhr Najib mit einem Finger Mejdans kleine Nase entlang, dann über den Schwung der schmalen, schönen Lippen. Es überraschte sie immer wieder, wenn sie sah, wie verletzlich diese selbstsichere, starke Frau sein konnte. Mejdans Worte bei ihrem Streit kamen ihr wieder in den Sinn, und der Gedanke, dass jemand ihre Geliebte benutzt hatte, um andere Ziele zu erreichen, ließ Groll in ihr aufsteigen. "Ich bin ich, und ich liebe dich, Mejdan", sagte sie und sah ihr dabei fest in die Augen, küsste sie dann energisch mit einem Lächeln auf den Mund. "Und wenn du jemals Zweifel daran hast, dann sage es mir, und ich werde alles tun, um es dir zu beweisen."

Mejdan lachte auf, aber rollte sich zugleich in Sicherheit. "Noch einen Beweis verkrafte ich im Moment erst einmal nicht."

Der Tag war herrlich, obgleich Mejdan, Shayde und auch Najib von mehreren Sicherheitsbeamtinnen befragt wurden und im Rahmen der Befragungen bereits deutlich wurde, dass Jamnah sich aus der Affäre ziehen konnte. Sie hatte einfach zu viele politische Freundinnen im Rat. Herrlich, einfach weil Shayde so glücklich war. Seine Sorge schimmerte durch, aber er strahlte dennoch, summte Lieder und umarmte Hilel ganz spontan, was Mejdan auch glücklich stimmte.

Die Medien tauchten von anonymen Zeugen gerufen überall auf, und die Nachrichten brachten in kurzen Abständen die Geschichte der Menschen, von der Bevölkerung bedauert und mit Neugierde betrachtet. Auf dem Campus lauerten Kamerateams zwischen den Gebäuden, die Mejdan und die anderen Professorinnen befragten. Mejdan verbot es Shayde schlankweg, auch nur eine Antwort zu geben und entschied, dass er ihr und Najib nicht von der Seite weichen sollte, zu seinem eigenen Schutz.

Hilel verließ das Haus gar nur noch mit den traditionellen Schleiern eines alleinstehenden Männchens, weil er sich ein wenig fürchtete, dass seiner Frau der Ruhm, den er nun durch diese Sachen unfreiwillig erworben hatte, nicht gefiel.

Erst am Abend waren Mejdan und Najib frei, um mit Shayde und Hilel in das Krankenhaus in der entfernten Stadt fahren zu können. Mejdan bestaunte die schlichte Schönheit des Terrassengebäudes an einem kleinen künstlichen See. Die Mauer war von Erdsymbolen und dem Sonnensystem der Menschen verziert. Hier wurden nur Menschen versorgt, und es war eine sehr elitäre Klink, in der nur diejenigen Menschen Betreuung fanden, deren Besitzerinnen den nötigen Besitz und Einfluss hatten.

Die Intensivstation war überbelegt, auch vor ihrer Tür lauerten die Kamerateams, resolut von der Leitung des Krankenhauses immer wieder vor die Schranken verbannt. Mejdan und Najib erhielten nicht nur Zugang zu der Station, sondern auch gleich eine Ärztin zur Seite, die medizinische Fragen beantworten würde.

Geschäftig liefen Männchen in hellvioletten Uniformen zwischen den Betten hin und her, in denen die zum Teil bereits im Halbschlaf oder lediglich in künstlichem Wachschlaf gehaltenen Menschen lagen. Das Log hatte ihre Muskulatur nicht erschlaffen lassen, so dass sie kaum einen Aufbau benötigten. Die junge Ärztin erklärte Mejdan und Najib, dass es nur wenige Fälle gäbe, die länger im Koma bleiben würden.

Mit einem bedauernden Seitenblick nickte sie zu dem Bett hin, in dem Timm lag. "Er hat sehr flache Hirnströme, als hätte er sich im Schock wie ausgeschaltet. Die anderen zeigen Tiefschlafzeichen, bei ihm ist mehr oder weniger gar nichts. Die Entscheidung, seine Versorgung abzustellen, wird Omair al Sabeer morgen fällen."

Shayde und Hilel waren den beiden Weibchen von der Umgebung ein wenig eingeschüchtert, aber neugierig und voll aufgeregter Erwartung gefolgt. Shayde hatte sich sehr bemüht, nicht aufzufallen und sich ganz wie ein wohlerzogenes Männchen zu verhalten, gerade auch, weil er in der letzten Zeit einiges getan hatte, was Mejdans Missfallen erregt hatte.

Doch als er der Geste der jungen Ärztin folgte und Timms bleiches, lebloses Gesicht in den Kissen sah, richtete sich sein Fell vor Entsetzen auf, und er konnte einen erschrockenen, angstvollen Laut nicht unterdrücken. Die Freude, die ihn wegen der Rettung erfüllt hatte, das Glück zu wissen, dass Timm real war, die Hoffnung, ihn bald bei sich haben zu können, wichen eisiger Furcht. Er griff nach Mejdans Hand, um ihre Wärme, ihre Zuversicht zu spüren, während ihm Tränen in die Augen schossen. "Mejdan... nicht Timm, bitte, nicht Timm", flüsterte er. "Kann ich... darf ich zu ihm?"

Mejdan legte einen Arm um seine bebenden Schultern und drückte ihn an sich, auch um ihn festzuhalten. "Shayde, er ist noch in Quarantäne. Zu seiner Sicherheit. Sie waren im Log zu gut gegen unsere Krankheiten geschützt. Erst wenn er gegen die Menschenseuche und die Blutgrippen geimpft worden ist, darfst du zu ihm."

An die Ärztin gewandt erklärte sie "Die Professorinnen der Universität werden sich morgen Vormittag zu einer Krisensitzung treffen. Ich glaube, dass daraus hervorgehen wird, dass sich für jeden Menschen, der zur Zeit in Behandlung ist, auch eine Patin gefunden werden kann, die diese Behandlung bezahlt und für den Menschen eine Besitzerurkunde unterzeichnet." Sie wollte gerade fortfahren, nach dem Befunden von Jack zu fragen, als sie Omair aus einem der Büros weiter hinten kommen sah. "Najib, bitte geh doch mit Hilel und dieser Ärztin allein weiter, vielleicht könnt ihr Jack finden, ich kümmere mich derweilen ein wenig um Politik."

Najib nickte zustimmend und legte Hilel kurz die Hand auf die Schulter, um ihn dazu zu bringen, mit ihr zu gehen. Er hätte sie sonst vermutlich nicht bemerkt, so erschrocken wie er Timm anstarrte. Sie konnte ihm ansehen, dass er sich um Jack zu fürchten begann.

Omair hatte sowohl ihr erstes Männchen als auch Jaide und Javier mitgebracht. Sie hatte gerade ihre Stammhalterin bekommen, die von dem ersten Männchen mit leuchtenden Augen bewacht wurde.

Von Omair erfuhr Mejdan einige sehr interessante Kleinigkeiten über die Menschen, über die Eigenarten, die man mit ihnen in der Medizin beachten musste, und sie bat ihre Freundin und nun auch Verwandte inständig darum, allen Menschen, auch und vor allem Timm, eine Chance einzuräumen. Omair konnte nichts versprechen, aber verabredete mit Mejdan, dass sie bei der Krisensitzung in der Universität dabei sein wollte.

Shayde konnte sich kaum richtig darüber freuen, seine Söhne wiederzusehen. Zwar ließ er sich von ihnen erzählen, während Mejdan und ihre Freundin über medizinische Details redeten, und war froh, dass es ihnen bei Omair gefiel und sie sich mit dem ersten Männchen gut verstanden, aber es fiel ihm schwer, sich auf sie zu konzentrieren. Nicht einmal ihre Fragen, wie es denn gewesen war, die Menschen zu entdecken, konnte er richtig beantworten. Und als er Omairs schlechte Diagnose hörte, sackte er in sich zusammen und konnte neue Tränen nicht verhindern, so sehr er sich auch bemühte.

Warum musste es so unfair sein? Erst hatte man den Menschen ihr eigenes Leben geraubt, und nun würde Timm vielleicht nicht einmal die Chance auf ein echtes bekommen. Als Omair sich schließlich von ihnen verabschiedete, weil sie sich um einen Notfall kümmern musste, flüchtete er sich in die Arme seiner Frau. "Mejdan, es ist bestimmt nur mit ihm so schlimm, weil er sich kurz davor von Jack getrennt hat. Er war so verzweifelt! Wenn ich zu ihm könnte... wenn ich mit ihm reden könnte... er vertraut mir. Er mag mich... vielleicht würde er mich hören..."

"Morgen." Entschieden lenkte Mejdan Shayde mit sich zu ihrem Wagen hinaus.

Hilel war in Begleitung von Najib in den Garten hinaus gegangen, in dem sich einige der Menschen mit ihren Besitzern oder Partnern unterhielten. Unter einer blühenden Weide sah er ein älteres Abd-Jabir Männchen Arm in Arm mit einem zierlichen Menschen etwa gleichen Alters. Der kleine Mensch trug einen Gipsverband am Bein, aber sie lachten beide, es schien nur ein kleiner Unfall gewesen zu sein. Bei diesem Bild erfasste ihn eine zuvor noch nicht gekannte Sehnsucht. Das könnten er und Jack sein, könnten sie sein, wie sie miteinander redeten und beide wussten, dass es nur ein kleines Wehwehchen war, das den Menschen hier in die Klinik band.

Er hätte gern Trost von Najib erhalten, aber sie selber hatte genügend Dinge im Kopf, die sie bedenken musste, deswegen schwieg er nur und wartete still im Schatten sitzend auf Mejdan und Shayde, die recht bald Arm in Arm zu ihnen traten.

 

Am nächsten Tag wurde ein Gremium zur Betreuung der Menschen gebildet. Innerhalb der nächsten zehn Tage fanden sich Besitzerinnen, die eine Patenschaft für die unglücklichen Menschen übernehmen wollten. Mejdan selbst übernahm die Verantwortung für Timm und Jack. An jedem Tag fuhren Shayde und Hilel zum Krankenhaus, am Anfang noch in Begleitung von Mejdan oder Najib, später jedoch dann mit dem Bus allein. Sie waren schon bald bekannt beim Personal, und vor allen Dingen Shayde, der sich so treu und geduldig an die Seite von Timms Bett setzte und ihm von der unbekannten Welt erzählte, wurde von ihnen bewundert.

Der Kurs war längst beendet, aber Hilel durfte bei Mejdan im Haus bleiben, wo er in der Zeit, die er nicht bei Jack am Bett verbrachte, an seiner Abschlussarbeit schrieb. Es wunderte ihn zwar, dass er keinen Befehl erhielt, zur Familienfahrt in die Berge zu seiner Frau zurückzukehren, aber er beschloss an dem Tag, an dem Jack auf eine normale Station verlegt werden konnte, dass er seiner Frau eine Mitteilung zu schicken, mit der Bitte, Jack kaufen zu dürfen. Er wollte ihn bei sich haben, wenn er von der Universität und Mejdan wegziehen musste.

 

Wie jeden Abend, wenn Shayde in den Bus einstieg, um vom Krankenhaus nach Hause zu fahren, war er noch immer in Gedanken bei Timm, und heute war nicht einmal Hilel dabei, mit dem er seine Sorgen teilen konnte. Der Abgabetermin für die Arbeiten rückte näher, und der zierliche Student war nicht fertig, weil er so oft bei Jack gewesen war; deswegen blieb er nun jeden zweiten Tag daheim. Shayde ging bis nach hinten durch, um zu seinen Lieblingsplatz zu gelangen. Mit einem leisen Seufzen lehnte er sich gegen die Fensterscheibe, die schwach sein Spiegelbild reflektierte, und sah in die Dunkelheit hinaus, während sich der Bus surrend in Bewegung setzte und ruhig in Richtung der Universität glitt.

Immerhin waren Timms Werte besser geworden; er hatte auch ein wenig Farbe zurückgewonnen. Dunkelblonder Flaum bedeckte nun seinen Kopf, der noch nicht viel mit seinen zerzausten Haaren gemein hatte. Doch nach wie vor musste er mit künstlicher Nahrung versorgt werden. Shayde war grenzenlos erleichtert gewesen, als Mejdan ihm mitgeteilt hatte, dass Omair dem Menschen eine Chance geben wollte, aber nun begann erneut die Furcht in ihm zu wachsen, dass sich die Ärztin anders entschied.

Erschöpft schloss er die Augen und biss sich auf die Lippen, als er spürte, wie Tränen in ihm aufsteigen wollten, auch wenn er das zu verhindern suchte. Er hatte in den letzten Wochen nun wirklich oft genug geweint, mehr fast als in der Zeit, bevor Mejdan ihm nach ihrer Hochzeit sehr entschieden klar gemacht hatte, dass sie ihn weder als unwürdig ansah, noch dass er ihr durch seine bloße Existenz auf die Nerven ging. /Aber vielleicht hat sich auch das geändert?/ Sie hatten sich kaum noch gesehen seit der Rettung der Menschen, nicht einmal mehr zusammen zu Abend gegessen, geschweige denn, dass sie ihn zu sich ins Bett geholt hätte.

Entweder war sie auf Konferenzen, die Zukunft der Universität betreffend, bei denen er nicht eingeladen war, weil er, obwohl Professor, doch nur ein Männchen war. Oder sie arbeitete. Und wenn sie frei hatte, war sie nur noch mit Najib zusammen. Nicht einmal ihre Abschlussarbeit schien die Studentin davon abhalten zu können, jede Nacht und jede freie Minute mit Mejdan zu verbringen.

Mehr und mehr begann Shayde, sich elend zu fühlen. Die Sorge um Timm zehrte an ihm, und jetzt kam die Angst dazu, dass Mejdan ihn nicht mehr wollte, nun wo sie endlich die Geliebte gefunden hatte, nach der sie so lange gesucht hatte. /Ich muss mit ihr reden. Wenn sie doch nur ein wenig Zeit für mich hätte. Ich vermisse sie... Und vielleicht weiß sie ja noch etwas, das ich für Timm tun könnte, um ihm zu helfen. Oder bin ich es, weil ich so oft im Krankenhaus bin? Liegt es an mir?/

Als er zu Hause ankam, fragte er Carol als erstes, ob Mejdan schon da wäre, doch ihre Antwort war entmutigend. Sie hatte sich zurückgezogen, natürlich mit Najib. Und am nächsten Morgen war sie bereits weg, als er aufgestanden war. Traurig darüber, dass es nicht mehr so einfach war, seine Frau zu sprechen, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um ihr einen kleinen Brief zu schreiben und sie um einen Termin zu bitten. Es fiel ihm schwer, all das rauszuhalten, was er ihr gern sagen wollte, dass er sie vermisste, dass er sie liebte, dass er Angst hatte, aber er wollte auch nicht, dass sie Schuldgefühle deswegen hatte oder ärgerlich auf ihn wurde, weil er etwas von ihr erbat, das sie nicht bereit war zu geben. Er legte den Brief auf ihren Arbeitstisch, ehe er sich auf den Weg machte, um wie jeden Morgen ins Krankenhaus zu fahren.

 

Hilel hatte seine Arbeit abgegeben, und mit der Endnote würde er seine Zulassung als Biologe, Schwerpunkt Kolibris, in der Universität erhalten. Er ließ sich gerade nieder, um seine Nachrichten abzurufen, weil Reza sich noch immer nicht gemeldet hatte, als es an der Haustür schellte.

Er hörte, wie Carols Stimme mit einem Mal leise und geduckt klang und drehte seine Ohren, während er ein Bittschreiben an seine Frau aufzusetzen begann. Doch gleich darauf wurde an seine Tür geklopft, und Carol bat ihn in den Empfangsraum.

Zwei grau gekleidete Weibchen sahen ihm mit unergründlichen Mienen entgegen, als er sich in den Empfangsraum wagte, nach einem raschen Blick in den Spiegel und nachdem er sich eine verhüllendere Tunika übergezogen hatte.

"Hilel al Ashiqa al Chiraz?"

Hilel nickte nervös. Eines der Weibchen holte ein schweres Zertifikat aus einer Aktentasche, dann erst ließen sich beide auf den niedrigen Sitzen nieder. "Wir sind im Auftrag deiner Frau Reza hier. Dir ist nichts vorzuwerfen, deine Mutter hat sicherlich Schweigen von dir verlangt, nehmen wir zumindest in deinem Interesse an."

Eis begann Hilels Bauch auszufüllen. Wie betäubt nahm er Carol das Tablett mit den Teegläsern ab und bot sie an, sah auf das schwere graue Papier, nickte zu den Worten, die gesprochen wurden. "Deine Ehre werden wir nicht ohne weiteres herstellen können, deine Frau Reza ist durch die Täuschung von Seiten deiner Familie beleidigt worden und sieht sich außer Stande, eine Verbindung noch fortzuführen. Sie lässt um den Schmuck bitten und um den Namen. Du wirst von Seiten deiner Familie den Namen nicht mehr tragen, da dieser zu wenig Ehre hat. Gibt es jemanden, der sich für dich einsetzten kann, Hilel?"

Hilels Gedanken rasten. Er hatte es selber noch nicht gewusst und war zu erschrocken, um seine Unschuld weiter beteuern zu können. Seiner Frau Reza war offensichtlich zugetragen worden, dass sein Zwillingsbruder nicht etwa durch einen Unfall bei der Geburt gestorben war, sondern durch Missbildungen lebensunfähig verstorben war. Mit anderen Worten, sie waren unreine Zwillinge gewesen. Es erklärte, warum er so klein geblieben war. Es erklärte, wieso seine Mutter dem Heiratsangebot von Reza so rasch zugesagt hatte.

Die Rechtsbeistände gaben sich kühl, aber verständnisvoll. "Wir haben einen Termin mit deiner nächsten Verwandten, Professorin al Chiraz. Vermutlich wird sie es dir erlauben, den Namen von ihrer Seite aus fortzuführen. Wir möchten darauf hinweisen, dass die Familie deiner ehemaligen Ehefrau darauf besteht, dass du nicht wieder in ihr Haus kommst. Ein Anspruch auf Gegenstände aus dem Haus besteht nicht. Hier sind die schriftlichen Formalitäten. Bitte, wenn du nun den Heiratsschmuck überreichen würdest?" Eines der Weibchen klappte die Schmuckschatulle auf, die sie mitgebracht hatten.

Mejdan hatte eben gerade noch gelacht und wollte Najib gerade neckend in den Nacken beißen, als sie Carols warnenden Blick auffing. Sie trat in ihr Empfangszimmer und kam gerade in dem Moment, in dem Hilel, offensichtlich den Tränen nahe, den Hochzeitsschmuck von seinem Arm löste und in eine unscheinbare Schmuckschatulle legte.

Auf ihre erstaunte Frage bekam Mejdan von den beiden nüchtern gekleideten Weibchen die Mitteilung, dass Hilels Ehe beendet worden war, weil sich herausgestellt hatte, dass sein Zwillingsbruder an einer schweren Missbildung noch bei der Geburt verstorben und damit auch Hilel unrein war. Diese Information war Reza offensichtlich von einer unabhängigen Quelle zugetragen worden und Mejdan konnte nicht umhin, Jamnahs zufriedenes Gesicht vor Augen zu haben. Hatte die Direktorin nicht von Möglichkeiten Hilel betreffend gesprochen? Wollte sie so erreichen, dass der kleine Biologe durch eine Heirat mit Mejdan an die Universität gebunden wurde?

Mejdan, die bemerkte, wie verwirrt und mitgenommen der kleine Gast in ihrem Haus war, schickte ihn kurzerhand in sein Zimmer, während sie bestätigte, dass er den Namen al Chiraz auch über ihre Linie dieses Clans weiterführen dürfte. In Gedanken fragte sie sich, ob sie einfach zum Spielzeug Jamnahs werden und Hilel gleich mit der Erlaubnis auch ehelichen sollte. Es missfiel ihr, auf diese Art zu einer Verbindung gezwungen zu werden.

/Seine Ehe ist beendet?/ Najib war in der Tür stehen geblieben und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, die von dem Lachen und Necken mit Mejdan plötzlich in eine unangenehme Realität geholt worden waren. /Einfach so. Durch zwei wildfremde Frauen. Sie hat es nicht für nötig gehalten, es ihm selber zu sagen? Wie kann sie nur so kalt sein? Sein Bruder ist nicht an einem Unfall gestorben? Wusste er das?/ Nach einem Blick auf ihre Geliebte, die offensichtlich ebenso überrascht worden war wie sie selber, folgte sie voll Sorge ihrem kleinen Freund. Er hatte die Tür hinter sich geschlossen, und beinahe hätte sie es ignoriert und wäre einfach eingetreten, doch sie besann sich im letzten Moment und klopfte an. "Hilel? Ich bin es, Najib. Kann ich reinkommen?"

Verwirrt und unglücklich räumte Hilel wie ihm aufgetragen die Anteile des Familienschmucks zusammen, die er zurückerstatten musste. "Ja. Ich bin gleich fertig." Sein Arm fühlte sich leer an, aber er versuchte dieses Gefühl fort zu schieben, ebenso wie er die Angst vor dem Morgen nicht fühlen wollte. Unsicher legte er zwei Kerzenhalter mit den Bildern der Ashiqa zu den Sachen. Er wusste nicht mehr genau, ob es seine waren, oder ob sie ebenfalls von Reza zurückverlangt werden konnten.

Mit einem angestrengten Lächeln wendete er sich zu Najib um. "Ich bin so durcheinander. Ich habe immer gedacht, dass es... in Ordnung ist. Ich dachte immer, dass es ein Unfall war. Und.. ich bin doch gesund. Soll ich die Altardecken auch zurückgeben? Ich weiß nicht mehr, ob sie mir... ob ich sie Reza verdanke, ich..." Unvermittelt brach er in Tränen aus und lief beschämt in sein Bad, um sich das Gesicht zu waschen.

Najib wandte sich ab, um ihn nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen, während in ihr die Verärgerung, die sie auf Reza im Laufe der Zeit aufgebaut hatte, zu Zorn steigerte. Diese Frau hatte ihn nie geschätzt, hatte überhaupt nicht gewusst, was für ein wundervolles Männchen sie geheiratet hatte! Und gleichzeitig tat es ihr so weh, ihn derart leiden zu sehen. "Mit dir ist alles in Ordnung, Hilel. Nur mit dieser Frau nicht", grollte sie.

Schüchtern betrachtete Hilel sein Gesicht im Spiegel. Er war in Gesellschaft immer sehr sorgfältig mit seinem Äußeren, schminkte sich in den Farben seiner Göttin und nun kam er sich ohne die kleinen Symbole neben den Augenwinkeln und auf der Stirn fast nackt vor. Dennoch ging er zu Najib zurück und sah sie schweigend an. "Nein. Das ist nicht wahr. Ich bin Zwilling von einem kranken Männchen. Ich selber bin zu klein. Ich konnte eigentlich nicht verlangen, eine Frau zu finden, die ein schwaches Männchen wie mich überhaupt akzeptiert. Reza hat mir einen guten Namen gegeben, und sie ist getäuscht worden. Auch wenn sie mir sowieso nie Kinder erlaubt hätte." Erschrocken senkte er den Kopf. Das war zu persönlich und Najib war... Er runzelte die Stirn. Sie war seine Freundin, hatte ihn beschützt, ihn umarmt, ihn aufgemuntert, so viele Male schon, wenn er zum Abendessen an den Tisch kam, ohne eine gute Neuigkeit von Jack zu bringen. "Du musst mich nicht aufmuntern, Najib, ich bin froh genug, dass du noch mit mir sprichst."

Najib seufzte leise. An Hilel war ihr Zorn ohnehin verloren. Sie trat zu ihm und nahm seine kleinen, schmalen Hände in ihre, spürte wie kühl sie waren, wie heftig sie zitterten. "Hilel, du bist mein Freund, ich mag dich. Sehr. Und nur, weil dein Bruder krank war, heißt das noch lange nicht, dass du nicht akzeptabel bist. Du bist eines der hübschesten Männchen, das ich kenne. Ich habe mit keinem anderen Männchen jemals so viel gelacht wie mit dir. Ich höre dir gern zu und erzähle dir gern; ich mag es auch, mit dir zu schweigen. Du bist etwas so besonderes für mich! Ich habe mich schon oft gefragt, wie es wäre..."

Sie unterbrach sich und schürzte nachdenklich den Mund, während sie auf ihren kleinen Freund hinabsah, als diese bisher immer nur theoretische Frage wiederkam und deutlicher wurde. Ganz langsam stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. Vielleicht sollte sie Reza dankbar sein, dass sie eine so kalte Frau war.

Vor ihm niederkniend zog seine Hände an ihre Lippen und küsste leicht seine Fingerrücken. "Ich möchte nicht, dass du denkst, dass ich das aus Mitleid mache, denn das ist es nicht. Ich habe sehr oft bedauert, dass du bereits verheiratet bist, denn du bist das einzige Männchen, das ich mit Freuden heiraten würde. Und jetzt darf ich dich fragen. Magst du dich mir anvertrauen? Willst du meinen Namen tragen?"


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh