Illusionen

24.

Erschrocken starrte Hilel seine Freundin an. Er bewunderte die Sicherheit und Gelassenheit, mit der sie solch großen Worte aussprach. "Ich... dich... Aber, aber ich bin ja noch nicht einmal... Die Trennungszeit! Ich meine..." Er war sehr traditionell erzogen worden, das war Hilel schon in der Internatsschule aufgefallen, wo es nur noch sehr wenige Männchen gab, die ausschließlich das Glück in einer Ehe, in Kindern und in der Erfüllung der Tradition im Sinne ihrer Familie suchten.

Nun, da er gezwungen worden war, sich ein modernes Leben zu wählen, holte ihn die Tradition erneut ein. Er hatte sich daran gewöhnt zu studieren, weil Reza keine Kinder von ihm wollte, in der Ferne zu leben, weil sie ihn nicht in ihrem Haus haben mochte und dann auch noch allein zu leben, weil sie sich nun doch von ihm trennte. Gerade waren all diese Gedanken durch seinen Kopf gegangen, als Najib ihn bremste, seinen Fall in die Ungewissheit auffing, indem sie ihm diese Frage stellte.

Er riss sich ihretwegen zusammen und lächelte. "Ich danke dir, so sehr, aber ich kann noch nicht annehmen. Ich muss die Zeit der Trennung einhalten. Ich kann unmöglich von dir verlangen, dass du wartest." In seinem Inneren schrie eine Stimme wütend auf, weil er sich unglücklich machte. Die wundervollste Frau, die er je kennen gelernt hatte, bat ihn um seine Hand, und er pochte auf Traditionen? "Verzeih mir", flüsterte er verwirrt und traurig. "Ich glaube, alles ist zu schnell und zu viel."

Najib lachte leise auf und schüttelte den Kopf. "Ich bin unmöglich, dass ich das jetzt schon frage, ich weiß. Ich wollte dich nur nicht einen Moment länger ängstigen als notwendig." Ohne seine Hände loszulassen, stand sie auf. "Ich werde so lange warten, wie du brauchst, Hilel. Und wenn du bereit bist, frage ich dich erneut. Bis dahin werde ich dir einfach die Freundin sein, die ich dir immer war."

"Nein, nein. Bitte... ich bin albern. Es ist mir eine unglaubliche Ehre, und ich weiß nicht, wie ich dir danken kann." Verlegen und mit geröteten Wangen fragte er sich, ob er sie auf den Verlobungsschmuck würde ansprechen können. Nicht in diesem Augenblick, das war ihm bewusst, aber überhaupt? Najib war nicht sonderlich reich, und ein Verlobungsschmuck, um ein Versprechen vor einer Ehe für Kinder oder aber in einer Trennungszeit anzuzeigen, war nicht gerade billig. "Ich freue mich", sagte er stattdessen noch einmal und drückte ihre Finger zaghaft einmal ein wenig.

Es klopfte erneut, und Carol richtete ihm aus, dass die Rechtsberaterinnen ihre Gespräche beendet hätten und nun gern zur Aushändigung der Gegenstände schreiten wollten.

Es war eine nüchterne und von freundlichem Verständnis geprägte Prozedur, in der die Besucherinnen jeden Gegenstand, den Hilel überreicht hatte, auf einer Liste abhakten. Zweimal musste Hilel in sein Zimmer zurücklaufen, weil ein Tuch und ein Ohrring noch gefehlt hatten, dann nickten sie ihm freundlich zu und empfahlen sich.

Hilel entschuldigte sich rasch in sein Zimmer, und zu Mejdans Verwunderung setzte sich ein Lächeln in dem Gesicht ihrer Geliebten fest, das nicht fortzuwischen war, nicht einmal durch Hilels offensichtliche Verwirrung und Furcht vor der Zukunft.

 

Ein wenig ungehalten darüber murrte Mejdan Najib dann, als sie auf ihrer Terrasse saßen, an "Was grinst du denn so? Freut dich etwa, dass der arme Hilel nun zu einem modernen Leben förmlich gezwungen wird? Er ist doch nun wirklich das letzte Männchen, das danach gestrebt hätte." Ihre Stimmung war noch immer nicht die beste, weil sie mit einem Mal wusste, dass sie kein weiteres Männchen glücklich machen konnte. Shayde und sie verbanden viele Erinnerungen und Gefühle, aber so liebevoll wie zu ihm würde sie zu keinem anderen sein können. Vor allem nicht, wenn sie Najib weiterhin so sehr lieben würde, wie sie es nun tat.

Erst in diesem Moment wurde Najib bewusst, dass sie Mejdan ihre Hochzeitspläne auf eine Weise erklären musste, dass diese sie nicht falsch auffasste, zumal es offensichtlich ein wunder Punkt ihrer Geliebten war. Ihr zufriedenes Lächeln wich, und ein wenig unbehaglich strich sie sich durch die Mähne, ehe sie beschloss, es gerade heraus wie immer zu sagen. Im Zweifelsfall würden sie wieder streiten, aber sie war zuversichtlich, dass sie es Mejdan trotzdem begreiflich machen konnte.

"Ich freue mich, dass sich Reza von ihm getrennt hat, ja. Sie war nicht gut für ihn. Aber zu einem modernen Leben wird er dennoch nicht gezwungen sein, wenn ich ihm auch nicht den Luxus bieten kann, den er gewohnt ist. Ich habe ihn gefragt, ob er mich heiraten will. Er hat ja gesagt." Sie griff nach Mejdans Hand, nun doch angespannter und nervöser, als sie gedacht hatte. "Und komm mir nicht auf falsche Gedanken, das ändert gar nichts zwischen uns beiden, Mejdan."

Mejdan stutzte einen kleinen Augenblick, dann warf sie den Kopf zurück, um herzlich und ausgiebig über den Trotzkopf ihrer Geliebten zu lachen. All ihre Probleme lösten sich auf und zugleich wusste sie, dass für Hilel das Leben leichter werden würde. "Du bist wirklich einmalig, Najib. So schnell hat sich wohl noch keine Abd-Jabir ein Männchen gesichert! Und so schlau. Zart, intelligent, aus sehr gutem Hause. Du weißt, dass Hilel aus einem der fünf ältesten Clans stammt? Und seine Ausbildung ist bezahlt, und aus ihm kann noch ein Weibchen hervor gehen. Er hat noch nicht zeugen dürfen. Ich muss mich über deine Schachzüge aus Leidenschaft schon wundern, Najib", neckte sie ausgelassen.

Najib grinste erleichtert, froh darüber, dass es keine neuen Missverständnisse und Streitereien zwischen ihnen geben würde. Zufrieden ließ sie sich wieder in ihren bequemen Stuhl zurücksinken, behielt die Hand ihrer Geliebten aber in ihrer.

Ein Blick in Najibs Gesicht sagte Mejdan, dass ihre Geliebte keinerlei Ahnung hatte, was nun alles auf sie zukommen würde. "Du bist eine Abd-Jabir aus armem Clan, deswegen ist es dir nicht geläufig, meine Liebe, aber Hilel ist nicht nur durch guten Willen, Zuneigung, Mut oder gar schnelles Handeln zu gewinnen. Du solltest, so schnell du kannst, ein Schreiben aufsetzen, in dem du seine Familie um seine Hand bittest. Du musst dich bei Reza entschuldigen, dass du ihrem Urteil nicht vertraust und ihn dennoch nimmst. Nur Formalität, aber mach es lieber bald, sonst wird er noch aus Vorsicht anderweitig verlobt. Dann brauchst du einen Verlobungsschmuck, um ihn für alle anderen zu binden, und dann braucht es noch die Trennungszeit. Das sind fünf mal fünf Tage, in denen ihr euch täglich sehen müsst, um die Ernsthaftigkeit zu prüfen. Wie ich Hilel kenne, weiß er all dies, wie steht es mit dir?" Leise lachend küsste sie Najib auf die süße Nase und nippte noch einen Schluck von ihrem Wein. "Wie wollen wir es machen, Najib? Willst du die Formalitäten und das Gespräch mit Hilels Familie gleich erledigen? Dann warte ich in meinem Zimmer auf dich."

Mit einem gequälten Aufstöhnen legte Najib den Kopf in den Nacken und schloss für einen Moment in gespielter Verzweiflung die Augen. "Ich glaube, mein Idee war doch nicht so gut, wie ich gedacht habe. Jetzt muss ich für mein zukünftiges Männchen auch noch richtig arbeiten!" Dann grinste sie, beugte sich über ihren Stuhl zu Mejdan und küsste sie auf den Mund. "Da bin ich ja froh, dass ich dich zur Seite habe, sonst hätte ich vermutlich so viele Fehler gemacht, dass sie mich niemals auch nur in Erwägung gezogen hätten." Energisch stand sie auf und streckte sich. "Gut, dann mache ich mich sofort daran, nicht, dass noch etwas schief geht. Ich werde mich bei all den Formalitäten damit aufrecht halten, dass du auf mich wartest."

Grinsend knuffte sie ihrer Geliebten in die Seite, während sie bereits darüber nachdachte, wie sie das Geld für einen angemessenen Verlobungsschmuck zusammenbekommen konnte. Ihre Mutter würde nicht gerade begeistert sein, wenn sie ihr erzählte, dass sie nicht die beiden Männchen nahm, die ihr versprochen waren. Aber sie würde sich hoffentlich freuen, dass sie überhaupt heiraten würde, und noch dazu aus einem alten Clan. Sie verließ die Terrasse, um Hilel nach Rezas Adresse fragen zu gehen.

 

Mejdan sah dem freudig wippenden Schwanz ihrer Geliebten nach und erhob sich dann, um in ihrem Arbeitszimmer noch einige Briefe zu beantworten. Doch ihre gute Laune wurde jäh durch eine kleine unscheinbare Notiz von Shayde unterbrochen. Er bat um einen Termin bei ihr. /Verdammt! Habe ich es wieder soweit gebracht, dass er darum bitten muss, mit mir zusammen zu sein?! Ich hatte mir doch geschworen, dass so etwas nie wieder vorkommen wird!/

Ärgerlich über sich selber ging Mejdan gleich zu Najib, verkündete ihr, dass sie sich um ihr eigenes Männchen würde kümmern müssen und sagte ihr den gemeinsamen Abend ab. Dann erst bemerkte sie, dass Shayde nicht da war.

/Er ist sicherlich noch im Krankenhaus./ Energisch rief sie auf der Pflegestation an, auf der Timm versorgt wurde. Das Männchen von der Spätschicht, das Shayde bereits sehr gut und persönlich kannte, weil er so häufig bei Timm war, erklärte ihr jedoch, dass der Professor bereits mit dem Bus in Richtung der Universität abgefahren war.

Mejdan dachte nicht weiter darüber nach, sondern ging zu der Haltestelle am anderen Ende des Universitätsgeländes, um ihn abzuholen. Schon von Weitem konnte sie das einsame Männchen im Heck des Busses sehen, den Blick verträumt auf die vorbeihuschende Landschaft gerichtet.

Noch bevor der Bus hielt, entdeckte Shayde die kräftige, vertraute Gestalt seiner Frau an der Bushaltestelle. Ein freudiger Stich fuhr durch ihn hindurch und ließ sein Herz springen, als die düsteren Gedanken um Timm, dessen Werte sich noch immer nicht gebessert hatten, von einem Sonnenstrahl erhellt wurden. Mejdan hatte seine Nachricht gelesen und sich Zeit für ihn genommen! Das freudige Lächeln konnte er nicht unterdrücken, doch er bemühte sich redlich, in Haltung und Gang so angemessen wie möglich zu sein, als er ausstieg und ihr entgegen trat. "Mejdan, wie froh bin ich, dich zu sehen!"

Mejdan lächelte ihn an, dann ergriff sie seine Hand und zog ihn mit sich über einen der vielen Trampelpfade zum Meer hinunter. "Ich hoffe, dass du nicht zu müde bist, Shayde. Ich würde gern am Meer zurück zum Haus gehen."

Der milde Wind fuhr ihr angenehm durch die Mähne und gab ihr ein freies, leichtes Gefühl. Obwohl sie eine Weile lang schwiegen, genoss Mejdan es, einfach nur in Shaydes stiller Anwesenheit ein wenig Ruhe zu finden. Sie liebte Najib, zum Verrücktwerden nahezu, aber die quirlige Wildheit an ihrer Geliebten war nicht selten ermüdend. Endlich fühlte Mejdan sich ihrem Männchen wieder so nah wie vor den vielen Ereignissen um die Menschen und um ihre neue Geliebte. Sie schlang den Arm um seine Schultern und umfing seinen kleinen Schwanz mit ihrem, bevor sie leise eingestand "Ich habe gar nicht gewusst wie sehr du mir gefehlt hast, Shayde. Hättest du mich doch nur eher erinnert."

Ein Beben der Erleichterung lief durch Shayde hindurch, und er spürte, wie all die Sorgen und das drückende Gefühl auf seinem Herzen von ihm abfielen. Beinahe zitternd atmete er ein; sein Lächeln vertiefte sich, als er sich eng an seine Frau schmiegte und den Kopf an ihre starke Schulter legte. Er war versucht, sich bei ihr zu entschuldigen, aber dann ging ihm auf, dass es nicht seine Schuld war. "Und ich hatte schon Angst, dass du mich nicht mehr willst", seufzte er glücklich.

"Unsinn. Wie kann jemand dich nicht wollen, Shayde? So ein wundervolles Männchen wünscht sich doch jede! Erzähl mir von Timm. Du bist täglich bei ihm, und ich höre immer nur die Zusammenfassung von medizinischen Berichten, wenn ich meine Rechnungen bezahlen soll."

Shaydes Erzählung war noch nicht beendet, als sie am Haus ankamen, das sie von der hinteren Terrasse aus betraten. Mejdan lenkte ihn, während sie noch einige Fragen zu Jack stellte, in ihr Schlafzimmer. "Ich bin gleich wieder bei dir, Shayde, sicherlich hast du Hunger."

Shayde nickte, wenn auch mehr aus Reflex. Aber der Gedanke, wieder einmal seit langer Zeit mit seiner Frau zu Abend zu essen, machte ihn glücklich. Je mehr ihrer Zeit sie ihm schenkte, um so mehr wurde ihm bewusst, wie schrecklich sie ihm gefehlt hatte. Nicht zuletzt lag das wohl auch daran, dass er nicht einmal zu Timm ins Log und mit ihm reden konnte, und Hilel war oft selber zu sehr in seinen eigenen Problemen gefangen, als dass Shayde ihn noch mit seinen Sorgen belasten wollte. /Timm... Bitte, wach doch auf. Lass mich jetzt nicht allein, wo du endlich mehr als nur ein Programm sein darfst./

Mejdan suchte sich einige Kleinigkeiten und eine Flasche tiefvioletten, schweren Wein zusammen und machte sich damit schnell wieder auf den Weg in ihr Zimmer. Von der Terrasse der Männchen hörte sie Najibs volle Stimme. Offensichtlich spielten sie, Hilel und Carol noch Karten.

Rasch schlich Mejdan sich wieder in Richtung ihrer Zimmer und blieb dann doch in der Tür stehen, als sie Shayde am Fenster stehen sah. Traurig sah er aus, seine ungewöhnlich dunklen Augen wirkten wie Schatten, von Ringen verstärkt. Die Kleidung, dunkelgelbe weite Hemden, hing ihm zu sehr von den Schultern, und der Hosenboden war auch ein wenig zu weit für ihn geworden. Mit einem Lächeln legte Mejdan den Kopf schief.

"Shayde. Wenn du so weiter abnimmst, dann werde ich dich täglich zu mir an den Esstisch bestellen." Sie stellte den Wein ab und schob eine Hand über seinen Hintern, um sie dann auf dem Hüftknochen liegen zu lassen. "Du hast ja selbst am Schwanz noch weiter abgenommen, willst du verschwinden? Das lasse ich nicht zu." Mit einem kleinen Kuss auf seine Wange stellte sie die restlichen gekaperten Esswaren auf den kleinen Nachttisch neben ihr Bett. "Hast du heute Abend Zeit? Kannst du noch ein Weilchen hier bleiben?"

Shayde lachte leise hinter seiner Hand. Der Gedanke, wieder öfter bei ihr sein zu können, wenn auch nur, weil sie sich sorgte, war schön. Dann gesellte sich allerdings ein wenig Schuldbewusstsein dazu, weil es eigentlich seine Pflicht war, auf sich zu achten. Mit einem kleinen Seufzen erlaubte er sich jedoch den Egoismus, sich nicht lange schuldig zu fühlen. "Natürlich habe ich Zeit, wenn du mich bei dir haben willst. Ich würde mich freuen."

Nachdem er von Mejdan zu wesentlich mehr Essen gebracht worden war, als er gedacht hatte, dass möglich war, genoss er es, bei ihr sitzen zu dürfen, von ihr im Arm gehalten zu werden, ihre Nähe zu spüren, sie zu riechen. Müde lehnte er sich an und schloss die Augen. Ohne dass er es wollte, tauchte Timms blasses Gesicht wieder vor ihm auf.

"Mejdan, ich mache mir solche Sorgen", flüsterte er und sah zu ihr empor. "Seine Werte ändern sich nicht, was ist, wenn er nie wieder aufwacht? Oder Omair beschließt, dass es sich nicht mehr lohnt, ihn am Leben zu erhalten. Wenn ich daran denke, ist mir, als würde mir jede Wärme genommen werden."

"Omair wird das so lange nicht beschließen, wie ich nicht beschließe, mit dem Bezahlen für seine Pflege aufzuhören. Ich denke, dass er es noch immer gut schaffen kann. Seine Hirnströme sind flach, aber reagieren auf Schmerz, auf deine Stimme reagiert er auch. Nur eben gerade, Shayde, aber ich würde die Hoffnung noch nicht aufgeben."

Mit einer Hand kraulte sie ihm durch das feine Fell am Nacken, mit der anderen zupfte sie an seinem Hemd, mehr in Gedanken, als es ihm ausziehen zu wollen. "Ich weiß, dass von den anderen Menschen die meisten schon erwacht sind. Es ist also gut möglich, dass Timm einfach nur ein wenig länger braucht. Er hatte sich gerade von Jack getrennt, seine Situation war ohnehin nicht die leichteste."

"Ja, du hast ja recht. Nur manchmal, wenn man an seinem Bett sitzt und seine Hand hält... und sie so schlaff ist... dann... dann ist es schwer." Shayde begann, sich unter ihren unaufdringlichen Liebkosungen zu entspannen, während er träge dachte, dass er ebenfalls recht gehabt hatte. Nach einem Gespräch mit Mejdan sah alles schon nicht mehr so schlimm aus, wie wenn er alleine war.

 

Najib hatte von Hilels Zimmer aus ihre Nachricht an Reza geschickt, hatte offiziell bei Hilels Mutter um die Hand ihres Sohnes angehalten und sich anschließend mit ihrer eigenen Mutter auseinander gesetzt. Es war genauso gekommen, wie sie es erwartet hatte. Verärgerung darüber, dass sie sich noch immer der Hochzeit mit den beiden ihr versprochenen Männchen widersetzte, aber Zufriedenheit, weil sie überhaupt heiratete und dann noch aus der angesehenen Familie der al Rimon. Ihre Mutter hatte sogar versprochen, ihr für den Verlobungsschmuck eine größere Summe auf ihr Konto zu überweisen, hatte im gleichen Atemzug aber auch gesagt, dass sie sich nicht dazu verpflichtet fühlen sollte, alles auszugeben, wenn es eine billigere Alternative gäbe.

Alles in allem sehr zufrieden damit, wie der Tag verlaufen war, streckte Najib sich, während der Computer herunterfuhr, und verließ schließlich Hilels Zimmer. Kurz noch sah sie bei Carol vorbei, zu der sich ihr kleiner Verlobter rücksichtsvoll zurückgezogen hatte, um sie nicht zu stören und sagte ihm Bescheid, dass sie fertig war, dann verabschiedete sie sich für die Nacht.

Doch als sie in Mejdans Räume kam, fest davon überzeugt, dass Shayde mittlerweile in seinem eigenen Zimmer sein musste, hörte sie die leisen Stimmen von ihm und Mejdan. Ein diskreter Blick überzeugte sie davon, dass die beiden nicht so aussahen, als ob sie sich so schnell trennen würden. Ein wenig reumütig erinnerte sich Najib daran, dass es mit Sicherheit viel zu erzählen gab zwischen den beiden, so lange wie sie Mejdan in Beschlag genommen hatte.

/Bestimmt bleiben sie die Nacht zusammen. Shayde hat es verdient. Und wo schlafe ich dann?/ Shaydes Zimmer kam nicht in Frage, und nach einem kurzen Antesten stellte sie ein wenig missmutig fest, dass Carol wohl vor lauter Ordnungseifer das unbenutzte Zimmer von Jaide abgeschlossen hatte. Leider war die Menschenfrau auch schon zu ihrem kleinen Häuschen in der Menschensiedlung aufgebrochen. Unschlüssig überlegte Najib, ob sich die Bank im Empfangsraum einigermaßen bequem nutzen lassen würde, doch für eine Frau ihrer Größe war sie deutlich zu kurz. Der Lichtstreif, der noch unter Hilels Tür hindurch fiel, ließ sie schließlich bei ihm anklopfen.

Hilel hatte nicht schlafen können. Najib hatte ihn um seine Hand gebeten. Die schöne, energische Frau, die er schon so lange bewunderte, der er sich bedingungslos anvertrauen würde. Er hatte sehr wohl mitbekommen, dass sie sich Sorgen um den Preis des Verlobungsschmucks und um die Preise für Hochzeitsreifen gemacht hatte.

Den Abend über verbrachte Najib zum einen mit ihm und Carol beim Kartenspielen und zum anderen vor Hilels Computer, in dem sie sich mit Reza, mit Hilels Mutter und ihrer Familie rege Nachrichten hin und herschickte. Verwundert bemerkte Hilel sogar, dass Reza Najib zu einem Gespräch persönlich empfing und ihr alles Gute wünschte.

Da er nicht müde, sondern schrecklich aufgekratzt war, hängte Hilel den selbstgefertigten Kalender auf, bei dem er für jeden Tag der Trennungszeit ein kleines Feld farbig markieren konnte. Es sah wie eine lange Zeit aus. Vor allen Dingen sah es so aus, weil Najib ihn so richtig berührt hatte und er sich nach der langen Zeit der Trennung von Reza und dem Warten auf Jack geradezu ausgehungert fühlte nach Berührungen. Träumerisch zog er sich aus und streifte ein leichtes, kurzes Hemdchen über, strich lächelnd über seinen nackten Arm.

Das Klopfen riss ihn aus den Gedanken, so dass er einfach öffnete, in der Annahme, dass er Shayde vor sich sehen würde. Dieser erzählte ihm eigentlich fast immer noch ein wenig zur Nacht und wünschte ihm freundliche Träume. Vor ihm jedoch stand Najib und wirkte müde.

Najibs Augen weiteten sich ein wenig, als ihr Hilel mit weniger Kleidung entgegen trat, als sie jemals an ihm gesehen hatte. Es war offensichtlich, dass er nicht sie erwartet hatte. Um ihn nicht zu sehr in Verlegenheit zu bringen, richtete sie den Blick auf sein Gesicht, auch wenn sie ihn insgesamt sehr hübsch fand. "Ich weiß, dass es recht spät ist und ich dich damit überfalle, aber hast du über Nacht vielleicht ein Plätzchen für deine Verlobte? Shayde ist bei Mejdan, und ich möchte sie nicht stören. Nur ist das mein Schlafplatz."

Mit einem kleinen Schreck fiel Hilel wieder ein, dass Najib ja nicht mehr in das Zimmer im Studentinnenwohnheim zurückkehren konnte, weil der Kurs bereits beendet worden war. Es hatte zwar Gerede gegeben, aber das würde sich nun, nachdem sie beide verlobt waren, wieder legen. So hatte Najib dann einfach bei Mejdan gewohnt, um Hilel näher sein zu dürfen, bevor sie auch die rechtliche Erlaubnis hatten.

Er trat zurück und ließ sie ein. Unsicher streifte er mit einem kleinen Blick über den Kalender, dann lächelte er jedoch und nickte. "Natürlich. Das ist ja eine vertrackte Situation."

Sie erwiderte das Lächeln und widerstand dem Bedürfnis, ihn zu umarmen, strich ihm nur kurz über das weichen Kopffell. "Ich danke dir. Ich hatte schon fast in Erwägung gezogen, es mir im Empfangsraum bequem zu machen. Aber die Bank dort ist arg kurz." Hilels Bett war immer noch weniger lang und breit, als sie es gewohnt war, aber für eine Nacht würden sie sich arrangieren können, ohne dass er sich zu sehr bedrängt fühlte. "Ich verspreche auch, dich in keiner Weise zu berühren, die dich in Verlegenheit bringen könnte."

Allein dieser Ausspruch brachte Hilels Ohren zum Glühen. Verlegen schlug er mit dem Schwanz, dann reichte er ihr eine der leichten Decken heraus, die Carol ihm zum Wechseln in der Sommerzeit in den Schrank gelegt hatte. "Ich fühle mich in deiner Nähe vollkommen sicher, Najib."

Und das war die Wahrheit. Nachdem er sich eine Weile lang in das Gefühl hatte sinken lassen, dass ein warmer Körper neben seinem lag, jemand neben ihm atmete, flüsterte er in die Dunkelheit "Weißt du, ich habe ja keinen Zwilling gehabt, mein Vater ist immer fort gewesen. Es ist das erste Mal, dass ich das Bett für eine Nacht mit jemandem teile." Er lächelte und schlummerte auf ihre Atmung lauschend ein.

Najib seufzte leise auf und drehte sich zu ihm um, so dass sie seine Silhouette in dem schwachen, von draußen hereinfallenden Licht sehen konnte. Sein letzter Satz hatte ihr einen Stich versetzt und sie fast dazu gebracht, ihn zu umarmen und an sich zu ziehen, nur um ihm zu versprechen, dass sie dafür Sorge tragen wollte, dass er sich nie wieder einsam fühlen musste. /Denn einsam muss dein Leben bisher gewesen sein, mein armer Kleiner. Aber das wird sich ändern. Ich werde dich beschützen und auf dich achten, so gut ich kann. Und ich bin froh, dass ich dich so schnell gefragt habe. Ich bin mir sicher, du hättest dich heute sonst in den Schlaf geweint, aber gerade hast du einfach nur glücklich geklungen./

Ihr Blick strich über sein zartes Profil, und mit einem Mal wurde ihr bewusst, dass sie dieses kleine Männchen neben sich heiraten würde. Entgegen all ihrer Vorsätze und entgegen ihrer Lebensplanung, und dennoch fühlte sie sich glücklich und so, als sei sie endlich dort angekommen, wo sie sein wollte. Bei Mejdan, bei Hilel, und wenn alles gut ging, würde sie an der Universität sogar einen Job in der Informatik bekommen und war nicht mehr auf ihre Mutter angewiesen. Müde, aber zufrieden schloss sie die Augen.

/Mutter. Ich muss mich bei ihr bedanken. Ich hab nicht immer das getan, was sie von mir verlangte, sie hat sich nicht immer so verhalten, wie ich es gerne gehabt hätte. Aber eigentlich hat sie mich immer unterstützt./ Ein weiterer Gedanke floss träge in ihren Kopf, und mit ihm döste sie langsam ein. /Ob er Kinder will...?/


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh