Illusionen

25.

"Er wacht auf. Geh, schick eine Nachricht an Mejdan al Chiraz." Die tiefe, volltönende Stimme einer Frau durchdrang die Dunkelheit. Unsicher blinzelte Jack, als er die Augen öffnete, und von einer Helligkeit empfangen wurde, die nichts mit dem rötlichen Flackern von Flammen oder warmem Sonnenschein gemein hatte. Er versuchte, sich zu erinnern, was geschehen war, doch alles schien in Nebeln verborgen zu sein.

Langsam gelang es ihm, ein paar Eindrücke einzuordnen. Das Bett, in dem er lag, war nicht seines, die Decken waren zu leicht und weich. Auch das Gefühl des Stoffes auf seiner Haut war anders, war fremd. Irgendwie erschien es ihm merkwürdig real, auch wenn ihm war, als hielte man ihn in einem Traum gefangen. Die Luft war ebenfalls seltsam, kein Geruch von Feuer, von altem Holz, von Kräutern, keiner von Essen, der immer im Gasthaus allgegenwärtig gewesen war, ohne dass er Jack noch aufgefallen wäre. Erst das Fehlen machte ihm bewusst, dass er da gewesen war. Er begann, sich nach Timm zu sehnen, der alles immer erträglich gemacht hatte, alles an den Platz gerückt hatte, wo es hingehörte, allein durch seine Ruhe, seine Nähe, seine Gegenwart.

/Aber... wir haben uns getrennt./ Unvermittelt kehrte die Erinnerung zurück, dass sein Gefährte gegangen war. Hilel hatte ihn besucht und das Leben ebenso wie Timm realer werden lassen, doch der kleine Priester war nur gekommen, um ihm zu sagen, dass sie sich nicht mehr treffen konnten. Der Schmerz kehrte zurück, als ihm bewusst wurde, dass er nun allein war, dass er das zarte Gesicht, die hellen Augen nie wieder sehen würde, dass seine Träume von Küssen und Zärtlichkeiten nie mehr sein würden als eben das. Doch dieses Mal verschwamm die Umgebung nicht, wie sie es sonst immer tat, im Gegenteil, es war, als würde die Trauer sie deutlicher hervorheben, würde klare Kanten ziehen, Kontraste vertiefen.

Die Decke, an die er starrte, war so glatt verputzt, dass man keine Kanten sah, keine Balken. Die Fenster waren geradezu riesig und von so klarem Glas, dass man beinahe glauben konnte, sie wären leer. Draußen jedoch bewegten sich fremde Bäume im Wind, während die langen, grünen Vorhänge reglos herab hingen. Die Verwirrung und eine aufkeimende Angst ließen ihn Hilel vergessen, als er sich aufsetzte, um den eigenartigen Tisch und die zwei Stühle zu betrachten, die kaum Ähnlichkeiten mit denen im Gasthof aufwiesen.

"Willkommen zurück in der Welt der Lebenden, Jack." Die tiefe Frauenstimme ließ ihn herumfahren, und als er die dazugehörige Frau erblickte, konnte er einen Laut der Angst nicht mehr unterdrücken. Ihm gegenüber saß eine Riesin, die ihn mit gelben Augen ansah. Struppiges Haar bauschte sich wild um ihren Kopf, von dem zwei Ohren wie die eines Tieres abstanden. Bis auf die Augen war alles an ihr schneeweiß, einschließlich des Kittels, den sie trug.

Seine Reaktion schien sie zu amüsieren, denn sie lachte leise und hob begütigend die Hände. "Keine Angst, ich tue dir nichts. Ich weiß, dass alles jetzt noch fremd und ungewohnt für dich ist, aber du wirst dich daran gewöhnen. Wie fühlst du dich, Jack?"

Seltsamerweise war es das dunkle Lachen, das ihn ein wenig beruhigte. Dennoch blieb er misstrauisch, als er ein wenig von ihr zurückwich, jederzeit auf einen Angriff oder etwas anderes Unangenehmes gefasst. Wo war er? Wo war Timm? Warum war er hier? Hatte man ihn entführt? Aber wieso? "Gut, denke ich", sagte er und verstummte dann, erschrocken darüber, wie krächzend und rau seine eigene Stimme klang.

"Ich bin Ärztin, Jack, und ich bin hier, damit du schnell wieder auf die Beine kommst", erklärte sie und nahm ein kleines, schwarzes Kästchen auf, das auf einem weiteren Tisch neben ihr lag. Mit einem Finger begann sie darauf herumzutippen, ehe sie ihm weitere Fragen stellte. Er beantwortete sie nur kurz, hätte sogar lieber geschwiegen. Aber er hoffte, dass sie ihm ebenfalls einige Dinge erklären würde, wenn sie erfahren hatte, was sie wissen wollte.

 

Hilel stolperte beinahe über seine eigenen Füße und beeilte sich trotzdem noch viel mehr, um zu Mejdans Wagen zu gelangen. Eben gerade hatte ihn seine Verwandte von Carol wecken lassen, um ihm mitzuteilen, dass sie zum Krankenhaus der Menschen fahren würde, da Jack erwacht sei.

"Ist es wirklich wahr? Er ist wirklich...?" Er war zu aufgeregt, um den Satz noch beenden zu können. Mejdans orangefarbene Augen zwinkerten ihm munter zu. "Und soweit ich es von Omair erfahren habe, ist er munter und gesund, der Heilschlaf hat ihm gut getan. Einzig an die neue Umgebung wird Jack sich noch gewöhnen müssen."

Hilel juchzte auf und sprang auf die Rückbank vom Wagen, dann erst fiel ihm Shaydes Gesichtsausdruck auf. Hoffnung spiegelte sich darin, aber auch eine Niedergeschlagenheit, die er nicht verstecken konnte. Schuldbewusst biss Hilel sich auf die Unterlippe. /Timm ist also noch nicht erwacht? Nur Jack?/ Najib kam aus dem Haus gelaufen, noch immer mit nasser Mähne, weil auch sie von Mejdan geweckt worden war und ihn begleiten wollte.

Die Fahrt verlief schweigend. Najib lenkte den Wagen, von Mejdan beobachtet, da sie nicht so gut fuhr und dazu noch gern zu schnell wurde, Shayde saß in Schweigen gehüllt auf der Rückbank, war in einen Artikel auf seinem Lesegerät vertieft, auch wenn er mit dem Lesen nicht sonderlich schnell voranzukommen schien. Hilel war wegen seiner gedrückten Stimmung fast schon froh, als er sich mit einer gemurmelten Entschuldigung zum Pflegetrakt begab, in dem Timm lag.

Jack war auf eine normale Station verlegt worden, wo er in einem Einzelzimmer lag, das vom Fenster aus einen wunderschönen Ausblick auf den Garten und ein Eckchen von dem See bot. Das Bett davor war für Jack gerade richtig, halbmondförmig und in der Höhe verstellbar. Vor ihm stand Omair und zeigte ihm auf einigen Bildtafeln die Unterschiede von den Abd-Jabir zu den Menschen.

Als die Ärztin Mejdan entdeckte, winkte sie ihr zu und verabschiedete sich von Jack. Mit einem kleinen Seitenblick auf Hilel meinte sie lächelnd. "Ich glaube, ich ziehe mich zurück, da ist jemand, der dich noch viel dringender sprechen möchte."

Hilel wartete in der Tür, bis Mejdan, Omair und Najib gegangen waren, dann erst wagte er sich schrittweise an das Bett heran, in dem Jack saß, wie er ihn nun schon so gut kannte. Kurzes Haar, lediglich Stoppeln auf dem Kopf und das Gesicht eine Spur zu scharf geschnitten, zu schmal, aber bereits mit dem für ihn charakteristischen Leuchten in den grünen Augen. Der Blick umfing Hilels Bewegungen rege und neugierig, und davon ermutig wagte Hilel ein kleines Lächeln. "Hallo."

Allein die Stimme ließ Wärme in Jack entstehen und sein Herz schneller schlagen. Sie verringerte das beängstigende Gefühl, sich in vollkommener Fremde zu befinden, in der es nichts Vertrautes gab, nach dem er sich richten konnte, in der es keinen Halt gab. Der kleine, zierliche Mann, der sich ihm langsam, beinahe schüchtern näherte, war jedoch trotz der vertrauten Stimme fremd, schneeweiß wie die riesenhafte Ärztin, mit einem langen, schlanken Schwanz, dessen Spitze nervös zuckte, mit kurzem Fell auf dem Kopf und Katzenohren, deren Spitzen leicht herab hingen.

Aber mit jedem Schritt, den er näher kam, konnte Jack mehr Bekanntes sehen, über die Andersartigkeit hin das entdecken, was Hilel in seiner Welt gewesen war. Der Körper war nun sichtbar, nicht mehr in der dunklen Kutte versteckt, die auch einen Schwanz verborgen hätte. Das kurze Fell ließ die Form des Kopfes genauso deutlich werden wie im Dorf, wo er geschoren gewesen war. Hilel war immer schon blasser gewesen als er selber, und die scheuen, großen Augen waren nur wenig heller, was aber vielleicht auch nur an dem unnatürlichen Licht liegen mochte. Bei aller Fremdheit war er noch immer so hübsch, dass Jack die Welt vergessen wollte. Unwillkürlich verzogen sich seine Lippen ebenfalls zu einem Lächeln, das sich noch vertiefte, als er begriff, dass er ihn doch wiedersehen durfte, ein unerwartetes Geschenk in dieser seltsamen Welt.

"Hallo", sagte er leise.

Jack lächelte, er sprach! Aufgeregt musste Hilel seinen Schwanz vom Zucken abhalten, während er die restlichen Schritte zum Bett hinter sich brachte. "Ich bin so aufgeregt. Ich freue mich, dass du endlich aufgewacht bist, Jack." Unsicher zupfte er an seiner roten Tunika, dann blickte er auf die Bildtafeln. "Omair, die Ärztin, hat dir schon erklärt, wie alles gekommen ist?"

Jack widmete den Bildtafeln keinen Blick, versuchte lieber, die beiden Bilder von Hilel, die er in seinem Kopf hatte, zu einem zu verschmelzen. Das war der Mann, in den er sich verliebt hatte, und er war hier, bei ihm. Es fühlte sich genauso schön an, wie es im Dorf gewesen war, wenn auch mit einem Mal Unsicherheit zwischen ihnen war, etwas, dass er vorher nie bei ihm gefühlt hatte. "Ja, aber ich verstehe es nicht wirklich. Ich weiß, dass unser Gasthaus, unser Garten, das Dorf, der Wald, alles nicht wirklich gewesen sein soll. Aber auch wenn ich mich oft so gefühlt habe, als könnte ich nichts wirklich anfassen, war es doch immer da. Immer." Allein, darüber nachzudenken, verwirrte Jack und ließ ihn schwindelig werden. Rasch verdrängte er die Gedanken, wechselte das Thema zu einem anderen, das ihm ebenso wichtig war. "Heißt es aber, dass du... dass wir uns sehen können? Dass du nicht gehst, wohin auch immer?"

Hilel drehte seine Füße unsicher gegeneinander, dann nickte er leicht. "Wir können uns sehen, du wirst bei mir wohnen, Jack. Du... gehörst mir." Er hatte es geflüstert, denn vor dieser Neuigkeit hatte er mehr Angst, als vor allem sonst. Mejdan hatte Hilel versprochen, dass sie ihm Jack schenken würde, zum Abschluss zuerst, dann hatte sie es ihm zu seiner neuen Stelle an der Universität schenken wollen und auf der Fahrt im Wagen zum Krankenhaus hatte sie dann mit einem kleinen Lachen gesagt, dass sie es ihm zur Hochzeit schenken würde. Die Urkunde, der Besitz über Jack.

Hastig hob Hilel eine Hand und flüsterte "Hab aber keine Angst, du bist dein eigener Herr, Jack, du kannst tun und lassen, was du willst. Wirklich. Sag mir einfach, was du machen willst, wenn du diese Welt besser kennen gelernt hast."

Jack runzelte die Stirn. Das war eine der Ausführungen der Ärztin gewesen, die ihm so gar nicht gefallen hatten. Das hier war keine Welt der Menschen, aber Menschen waren nicht einmal nur fremd, sie waren Besitztum. Sie waren wie intelligentere Haustiere. Allein der Gedanke ließ ihn zornig und ängstlich zugleich werden. Er war immer sein eigener Herr gewesen, sicher hatten ihn Bindungen und Pflichten gehalten, aber dennoch...

Der Schreck in Hilels Gesicht rief ihm etwas anderes in Erinnerung, das die Ärztin gesagt hatte. Männer standen unter den Frauen, und Hilel war mit Sicherheit nicht an dieser Lage Schuld. Und vielleicht war es nicht ganz so furchtbar, wie es klang. Er musste mehr über diese Welt lernen, mehr herausfinden, bevor er sich ein Urteil bilden konnte. Rasch griff er nach Hilels erhobener Hand und umfing sie mit seinen. "Es könnte schlimmer sein, nicht wahr? Wenn ich bei dir sein kann, macht mich das schon glücklich."

Hilel errötete tief und senkte den Kopf. "Ich bin auch glücklich, Jack." Zaghaft drückte er Jacks Finger. Die Berührung allein hatte ihn förmlich elektrisiert. Anders als die warme, freundliche Sicherheit, die er in Najibs Nähe fühlte, schuf Jack ein Verlangen in ihm, das er zuvor noch nicht gekannt hatte. Ein wenig munterer begann Hilel dann, Jack die Bilder auf der Lerntafel zu erklären. Sie war für Komapatienten entworfen worden und nun speziell an die Menschen aus dem Log angepasst. Das Log wurde erklärt, der Planet, auf dem sie sich befanden und sehr ausführlich auch die Abd-Jabir, die ihnen die Gastfreundschaft gewährten.

Jacks Fragen führten wieder einmal zu neuen Fragen, zum Teil zu welchen, die Hilel nicht beantworten konnte. Doch endlich kam die Zeit, die Hilel befürchtet hatte. Es klopfte an der Tür, und ein Männchen in Pflegeruniform kam mit dem Essen herein. "Hilel, du sollst zu deiner Verlobten kommen." Mit einem kleinen Nicken stellte der Pfleger das Tablett vor Jack auf den Tisch und verschwand wieder hinaus. "Oh, ich werde aber gleich morgen wieder zu dir kommen, Jack, und dann jeden Tag, bis du entlassen wirst. Ja?"

"Verlobte, hm?" Der Gedanke, Hilel teilen zu müssen, weckte Groll in Jack. Mit ihm zusammen sein zu dürfen, sich einfach nur zu unterhalten und seine Hand halten zu können, jede einzelne, mehr oder weniger zufällige Berührung war eine Offenbarung gewesen und hatte Gefühle geweckt, die Jack kaum beschreiben konnte. In all den Jahren, die er mit Timm zusammengewesen war, hatte er nichts Vergleichbares erlebt. /Timm!/ Sorge wallte in ihm auf und ließ Kälte in seinem Magen entstehen. "Hilel, die Ärztin wollte mir nichts genaues sagen, nur dass er auch hier irgendwo ist. Weißt du, wie es Timm geht? Er lebt, ja? Geht es ihm gut? Wird für ihn gesorgt sein? Kann ich nicht zu ihm?"

Unsicher hob Hilel die Schultern. "Ja, es geht ihm gut. Ich denke, dass du auch zu ihm gehen wirst. Leider, Jack, ist er noch nicht erwacht. Er schläft noch immer, aber seine Atmung und sein Kreislauf sind stabil." Das waren die Informationen, die Hilel stets von Shayde bekommen hatte in den letzten Tagen. Mejdan sah kurz in den kleinen Raum hinein, und Omair winkte Hilel auch, vor die Tür zu treten. "Ich bin morgen wieder da, Jack. Dann reden wir länger, das verspreche ich dir!" Er wagte es nicht, vor den Anderen schon eine Umarmung zu versuchen. Zwar wünschte er sich nichts sehnlicher, als Jacks Körper zu spüren, ihn wirklich spüren zu können, vielleicht gar wirklich von ihm geküsst zu werden, aber dafür würden sie noch viel Zeit haben. Fröhlich winkte er ihm von der Tür aus noch einmal zu.

Jack winkte zurück und hätte ihn am liebsten zurückgerufen. Hilels Gegenwart hatte die Welt hier weitaus weniger beängstigend und weniger bedrohlich werden lassen, zudem sehnte er sich schon wieder nach mehr Nähe. Aber als er an Timm dachte, bekam er ein schlechtes Gewissen und die Sorge um seinen Freund kehrte zurück, wenn auch nicht mehr so brennend wie zuvor. Während er sich das Tablett mit dem fremden Essen heranzog und neugierig darin herumstocherte, um herauszufinden, ob er etwas vom Gemüse wiedererkannte, nahm er sich vor, sich das nächste Mal von der Ärztin nicht abwimmeln zu lassen, bis er Timm sehen durfte.

Mejdan lächelte, als sie Hilels gerötete Wangen sah. Jacks Blicke, die dem kleinen Männchen bis zur Tür gefolgt waren, zeugten ebenfalls von Freude, von Glück, und nicht etwa Verwirrung oder gar Ablehnung. Sie konnte gut verstehen, dass Hilel strahlend und leise Lieder summend im Wagen saß. Dafür gefiel ihr Shayde umso weniger. Er war still, zurückgezogen und ebenso wie am Tag zuvor beinahe schon depressiv. Dies war der Grund, aus dem sie leise an Najib gewandt bat "Ich möchte heute Abend mit meinem Mann noch einmal in Ruhe sprechen. Es werden sich einige Dinge im Haushalt ändern, vor allem, wenn Jack auch bald hier leben wird."

Ihr war klar, dass Najib erst nach einigen Monaten der Arbeit das Geld für eines der Nachbarhäuser haben würde, um dort mit Hilel und Jack einziehen zu können. Es machte ihr auch nichts aus, das Haus zu teilen, vor allem nicht mit Najib, aber Jack und Hilel beschnitten ihren Mann in seiner Freiheit. Wenn er es nicht wollte, dann würde sie sich eine andere Lösung als bloßes Zusammenrücken im Trakt der Männchen überlegen müssen.

Najib nickte; sie hatte so etwas schon erwartet, traurig und einsam, wie Shayde wirkte, nun noch deutlicher zu bemerken im Gegensatz zu Hilel. Dennoch musste sie grinsen. "Aber warne mich, wenn es länger wird. Dann lasse ich mir den anderen Raum von Carol aufschließen, bevor sie schlafen geht. Sonst denkt Hilel noch, dass ich dich als Vorwand benutze, um mich ihm schon vor der Hochzeit auf untraditionelle Weise nähern zu können."

Mejdan zwinkerte ihr zu. "Und? Würdest du das etwa tun?" Sie sahen beide zu Hilel hinüber, der freudig hüpfend im Haus verschwand, wo er Carol von Jack erzählen wollte. Mejdan knuffte Najib in die Seite, dann sagte sie fest "Lass dir den Raum aufschließen, ich weiß nicht, wie spät es wird."

Sie stellte den Wagen ein und holte zu Shayde auf, der sich in Gedanken versunken in sein Zimmer begeben wollte. "Shayde? Kann ich deine Zeit heute Abend noch einmal beanspruchen, mein Sternchen?"

Shayde hatte sich zurückziehen wollen, damit er niemanden mit seiner Traurigkeit störte. Natürlich freute er sich, dass Jack aufgewacht war, freute sich über das Glück, das Hilel endlich ausstrahlte, nachdem sie so oft miteinander gesprochen hatten und ihm die Einsamkeit um Hilel manchmal selber weh getan hatte. Aber es machte ihm noch unendlich viel bewusster, dass Timm weiterhin bewusstlos war. Und dass es von Tag zu Tag mehr schmerzte, nicht zu wissen, ob er jemals aufwachen würde. Mejdans sanftes Kosewort und dass sie ihn nicht allein lassen wollte, brachte ihn fast zum Weinen. Ein paar Mal atmete er tief durch und schluckte gegen die Enge in seiner Kehle an, ehe er sich mit einem Lächeln zu ihr umdrehen und nicken konnte. "Danke, Mejdan."

Es brauchte nicht lange, bis Mejdan ihren Mann nach einem kurzen Abendessen zu sich auf ihren Schoß zog, um ihn zu umarmen. Sein Gesicht strahlte Unglück förmlich ab und ließ sich auch nicht fortstreicheln. "Shayde. Ich will, dass du mir von deinen Gedanken erzählst. Du kannst nicht immer alles zurückhalten!", schalt sie ihn, während ihre Hände über seine Schultern strichen. Es erfüllte sie mit merkwürdiger Zufriedenheit, als sie spürte, wie er gegen sie erschlaffte und sich entspannte. "Gestern erst haben wir doch schon lange darüber gesprochen, nicht? Ich weiß, dass du um Timm fürchtest, aber du musst auch einmal einen Schritt zurücktreten und an dich denken." Sie zog seinen Kopf an ihre Schulter und küsste ihn sachte. "Nur an dich."

Shayde schmuste das Gesicht an ihren Hals und genoss es, sich anlehnen zu dürfen, von ihrer Wärme und ihren Armen gehalten zu werden. "Wenn du bei mir bist, ist das auch leichter", gestand er mit einem beinahe wohligen Seufzer, während er überlegte, was sie denn noch wissen wollte, was er ihr nicht schon längst am Abend davor erzählt hatte.

Er biss sich auf die Unterlippe und schmiegte sich enger an ihren weichen Busen, als ihm das gleiche durch den Kopf ging wie in dem Moment, als Hilel so glücklich von Jack gekommen war. So ein Unterschied zu sonst, so lebendig, mit roten Wangen, so verliebt. Er erinnerte sich an die wahnwitzige Hoffnung, die ihn durchfahren hatte, als die Nachricht von Jacks Aufwachen angekommen war, an Gedanken, die wie Traumfetzen durch ihn gewirbelt waren. Erinnerungen an blaue Augen, an warme Finger, die seine manchmal gestreift hatten, an unbestimmte Sehnsüchte.

"Mejdan", flüsterte er und spürte, wie ein kleines Zittern durch ihn hindurch lief. "Aber es macht es nicht leichter, wenn man... wenn man merkt, dass... man in jemanden verliebt ist, der vielleicht nicht wieder aufwachen wird. Und wenn man sich mehr und mehr nach ihm sehnt..."

Mejdan nickte leicht. Verliebt sagte er und gab es endlich einmal zu. Noch nie zuvor hatte Shayde diese Gefühle auszusprechen gewagt, nicht wie Hilel, der es Najib noch erzählt hatte, bevor auch nur andeutungsweise bekannt war, dass die Programme in Wirklichkeit lebendig waren. "Du bist ein starker Abd-Jabir, Shayde. So lange schon bist du bei ihm zu Besuch, so lange seid ihr Freunde gewesen. Ich kann gar nicht erst beginnen zu begreifen, wie schwierig es für dich sein muss, ihn dort liegen zu sehen. Aber ganz gleich, was auch kommen mag, mein Sternchen. Er hatte dich im Log sehr gern, wenn er erwacht, wird er dich auch hier gern haben. Liebe zu erwarten, ist vielleicht zuviel, aber Freundschaft bleibt dir sicherlich."

Sie drückte ihn an sich und blickte über den Garten zum Meer hinüber, das von Dunstschleiern verhangen und glatt wie ein Spiegel ausgestreckt lag. "Ich werde mich bei der Leitung der Universität um ein größeres Haus bemühen, Shayde. Najib und Hilel... ich hoffe, dass sie bei uns bleiben werden und dann die Menschen, vermutlich wird Hilel mit Jack zusammen wohnen wollen. Wie denkst du darüber?"

Shayde richtete sich leicht auf und hob den Kopf, um Mejdan ansehen zu können. Mejdans Plan kam nicht ganz unerwartet, aber es ließ ihn fröhlich werden, dass sie damit zu ihm kam und ihn fragte. "Ich würde mich freuen. Ich mag Hilel sehr gerne; ich habe immer gehofft, dass ich mich mit einem zweiten Männchen so gut verstehen würde wie mit ihm. Man kann mit ihm über alles reden, er denkt in so vielen Dingen genauso wie ich." Er schlang ihr die Arme um den Hals und drückte sie fest. "Und dass Najib dich glücklich macht, das sehe ich täglich."

Mejdan grummelte, während sie seinen schlanken Körper streichelte. "Aber ich will dich glücklich sehen. Du weißt, dass Timm mir gehört? Ich bezahle nicht nur seine Behandlung, er ist auch mein Mensch, heute habe ich die Urkunden für ihn und Jack bekommen. Ich möchte, dass du es mir sagst, wenn du ihn bei uns haben möchtest, Shayde. Es ist sicherlich kein Problem, einen weiteren Menschen hier unterzubringen, es sei denn, er ist wie Carol und möchte lieber im Menschenviertel leben."

Mit einem Lächeln kuschelte Shayde sich an sie, spürte ihren kräftigen Händen auf seinem Rücken nach und liebte seine Frau noch viel mehr, weil sie an ihn dachte. "Ja, ich wünsche mir, dass er hier bei uns wohnen kann. Aber nur, wenn er das auch wirklich will, nicht wenn es ihm zu weh tut, wenn er Jack und Hilel zusammen sieht." Er runzelte ein wenig die Stirn und dachte an sein letztes Gespräch mit seinem Freund. "Aber das glaube ich eigentlich nicht. Sie waren nur zusammen, weil es ihnen vorgeschrieben worden ist, nicht, weil sie es von sich aus wollten. Er hat mir selber gesagt, dass es nicht richtig war für ihn, nur einfach schon immer so. Weißt du, Mejdan, wenn ich allein mit ihm befreundet sein darf, ohne dass jemand seltsam guckt, weil sie ihn nur für ein Programm halten, dann... wäre das schon wundervoll."

 

Hilels Aufregung legte sich nur langsam. Er hatte Carol von Jack erzählt, so wie er es jeden Tag getan hatte, weil sich die Haushälterin für die Menschen im Log interessierte und weil sie, wie sie augenzwinkernd zugab, dann im Menschenviertel etwas zum Klatschen hatte. Als nächstes hatte er Shayde ein wenig aufmuntern wollen, aber der war bei seiner Frau, und so saß er beim Abendessen allein auf der Terrasse und rührte gedankenverloren in der kalten Gemüsesuppe.

Najib kam von einem ausgedehnten Dauerlauf am Strand zurück; sie nahm den Eingang hinten herum, weswegen sie ihren kleinen Verlobten allein am Tisch sitzen sah, offensichtlich in recht angenehme Gedanken versunken, dem kleinen Lächeln nach zu urteilen, das seine Lippen umspielte. Unwillkürlich musste sie auch lächeln und verspürte das Verlangen, zu ihm zu gehen und ihn zu knuddeln. Doch sie winkte nur und ging erst einmal ins Haus, um aus ihrer verschwitzten Kleidung zu schlüpfen und sich rasch zu duschen. Mit nassen Haaren und in eine bequeme, braune Hose und ein für sie ungewöhnlich weites, helles Oberteil gehüllt, kehrte sie schließlich zu ihm zurück.

Sie beugte sich über ihn und küsste ihn auf den Kopf, ehe sie sich einen Stuhl heranzog und sich zu ihm setzte. "Na, Kleiner, immer noch von Jack am Träumen?", neckte sie ihn fröhlich.

Hilel errötete ein wenig, aber dann nickte er eifrig. "Jack war gleich wie im Log zu mir, seine Augen, sie haben mich nicht angesehen, als sei ich falsch, als würde mein Anblick ihn aus der Bahn werfen. Er hat mir gleich ins Gesicht gesehen, hat meine Hände geh..." Er lachte auf und hielt sich eine Hand vor den Mund. "Oh, entschuldige bitte, ich bin noch immer viel zu aufgeregt."

Mit einem Schmunzeln beugte Najib sich vor und goss sich Saft in ein leeres Glas ein, das Carol wohl vorsorglich mit hingestellt hatte. "Erzähl mir ruhig von ihm! Ich bin froh, dich so glücklich zu sehen."

Hilel erzählte wirklich. Najib und er saßen längst in Dunkelheit auf der Terrasse, längst hatte er sich ein Tuch für die Schultern holen müssen, da er zu leicht angezogen war. Aber sie unterbrach ihn nicht, fragte nach, lächelte, wenn er etwas erzählte, das ihn glücklich machte. Und Hilel konnte mit dem Reden nicht aufhören, selbst als sie längst bei ihren Kindheitserinnerungen angelangt waren. Er wusste, wieso er nicht aufhören konnte, er wollte Najib fragen, bitten, Jack aufzunehmen in ihren Haushalt, so wie sie ihn aufgenommen hatte. Er wagte es nur noch nicht.

Endlich, als seine Worte langsamer flossen, Najib mehr sprach als er, als er längst die Beine angestellt hatte und sie fröstelnd mit seinen Armen und dem Tuch an sich presste, wagte er auszusprechen. "Ich wünsche mir so sehr, dass er in meiner Nähe bleiben kann, Najib."

Ein wenig erstaunt hob Najib die Brauen. "Mejdan hat doch gesagt, dass sie ihn dir schenken will, oder hat sich daran etwas geändert? Nein, dann wärest du jetzt..." Mit einem leisen Lachen unterbrach sie sich, als sie verstand. "Hilel, du denkst doch nicht etwa, dass ich es dir verbieten würde!? Ich weiß doch, wie viel er dir bedeutet." Sie legte ihm eine Hand auf seine überraschend kühlen Finger und streichelte ihn mit dem Daumen, während sie kurz daran dachte, dass sie besser reingehen sollten. "Wenn ich jemals anfangen sollte, dir Dinge zu untersagen, die gut für dich sind und dich geradezu von innen heraus strahlen lassen, dann hoffe ich, dass Mejdan mir kräftig den Kopf zurechtrückt, Kleiner", sagte sie sanft.

Mit einem Erschaudern bemerkte Hilel, wie ausgekühlt er war. "Danke, Najib. Ich..." Er betrachtete ihr von der wilden Mähne umgebenes Gesicht. "Ich wollte dir sagen, dass ich dich gern hab, aber es kommt mir immer wie Dank vor. An jedem Tag, an dem ich es versuchen will, kommt es mir wie Dank vor, weil du soviel für mich tust. Ich glaube aber, dass ich auf diese Art ewiglich warten muss, weil mir nichts weiter bleiben wird, als dankbar sein, wenn du so bleibst wie jetzt."

Najibs Lächeln vertiefte sich, sie konnte nicht mehr wiederstehen. Kurzerhand zog sie Hilel zu sich auf ihren Schoß und umfing seinen schmalen Körper mit ihren Armen, um ihn an sich zu drücken und ein wenig um ihn zu wärmen, aber hauptsächlich, um ihn bei sich zu haben. "Ich bin dir auch dankbar, Hilel. Dankbar dafür, dass du mich so nimmst, wie ich bin. Du machst mich glücklich. Dass du mich gern hast, macht mich glücklich. Alles an dir macht mich glücklich. Dein Lachen, dein Lächeln, wenn du bei mir bist. Glaub bloß nicht, dass das einseitig ist."


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh